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Rezensionen von yellowdog:
Fotos und Interviews
Der weiße Fleck/The White Spot. DDR Hohenschönhausen von Ivanka Penjak
Die Fotografin Ivanka Penjak beschäftigt sich in ihrem Buch „Der weiße Fleck“ mit der Frage damit, wie fotografiere ich etwas Abstraktes wie Geschichte?
Thema sind die Menschen, die zu Zeiten der DDR aus politischen Gründen, wie z.B. versuchter Republikflucht, verhaftet und von der Stasi verhört wurden.
Dafür fotografierte die Autorin die ehemalige Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit der DDR in Hohenschönhausen, Berlin und einige Menschen, die hier in Isolationshaft saßen, aber auch ehemalige Mitarbeiter der Stasi.
Es sind schon beklemmende Fotos, die sofort deutlich machen, dass hier nichts gemütlich war.
Dann folgen die Interviews mit 10 Beteiligten. Hierbei kommen die Menschen wirklich zu Wort und es wird emotional. Man spürt, dass für die betroffenen die Sache nicht wirklich vorbei ist. Die erlebten Ungerechtigkeiten haben sie geprägt. Man kann sie aber auch dafür bewundern, dass sie nicht gebrochen sind sondern ihren inneren Widerstand gegen ein Unrechtssystem erhalten haben.
Die Texte sind durchgängig in Deutsch und Englisch gehalten.
Als E-Book ist das Buch teilweise schwer lesbar. Abbildungen und Schriftgröße passen je nach E-Book-Reader-Einstellung häufig nicht zu zueinander.
Ich würde daher doch zu der Buchausgabe raten.
Das Buch ist wichtig, da es Geschehnisse dokumentiert, die doch manche heute nicht mehr wahrhaben wollen und verleugnen.
Der weiße Fleck ist ein Werk, das dazu beiträgt, Geschichtsrevisionismus zu verhindern.
Am Fluss
Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen von Steven Herrick
Der australische Poet Steven Herrick schreibt in Versform über das Leben von 2 Jungen, die nach dem frühen Tod der Mutter zusammen mit ihrem Vater in einer Kleinstadt in Australien aufwachsen. Erzähler ist Harry, ein Jahr älter als sein Bruder Keith.
Es sind die frühen sechziger Jahre.
Die gewählte Form ist geeignet um mit der nötigen Sensibilität die Lebenssituation zu zeigen.
Steven Herrick konzentriert sich ganz und gar auf die Schilderung des Lebens in der Stadt, er zeigt die äußeren Bedingungen und inneren Emotionen in großer Deutlichkeit.
Man taucht tief ein in die Welt der Jungen.
Harry trauert nicht nur um seine Mutter, sondern auch um seine bewunderte Schulfreundin Linda, die in der Flut ertrank. Auch Harrys Vater ist von der Trauer gewissermaßen so gefangen, dass er seine Jungen frei und tolerant aufwachsen lässt.
So teilt sich die Melancholie des Textes mit einer großen Empathie für die Figuren.
Noch einmal zum Stil: Geschrieben in Versen, ist der Text doch flüssig und einfach zu lesen. Herrick lässt Überflüssiges weg, konzentriert auch auf das Wesentliche und das mit großer Genauigkeit.
By the River, so der Originaltitel, ist ein starker Coming-of-Age-Roman, wie man ihn schon lange nicht mehr gelesen hat. Gut, dass dieses preisgekrönte Buch von 2004 doch noch übersetzt wurde.
Wendepunkt
Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen von Steven Herrick
“Töchter wie wir” von Barbara Kunrath ist ein ganz gutes Buch! Da kann man zufrieden sein.
Mona ist mit 40 an einem Wendepunkt, an dem sie feststellt, dass sie mit ihrem Leben unzufrieden ist.
Ihre Mutter Hella ist Witwe und Trinkerin, die auch nicht gerade auf ein erfolgreiches, glückliches Leben zurückblickt.
Beides also unglückliche und unzufriedene Frauen. Nach und nach, in wechselnden Kapiteln mit jeweils Mona oder Hella im Blickpunkt, erfährt man immer mehr von den Gründen und Hintergründen.
Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem man sich die Frage stellt, ob man alte Ressentiments endlich abbauen und auf einer vernünftigen Ebene neu zusammen finden kann.
Das ist für mich das große Thema des Romans.
Thriller in den Bergen
Vergeben, nicht vergessen von Catherine Coulter
Die Handlung des Romans hörte sich gut an, doch er ist mit den Mitteln der Trivialliteratur geschrieben und daher wenig tiefgründig. Catherine Coulter hat schon über 70 Romane geschrieben. Spezialisiert ist sie auf Liebesromane und Thriller. Diese Fliesbandarbeit merkt man diesem Buch von 1998 auch an.
Die Figurengestaltung grenzt am Klischee. So ist die Hauptfigur Ramsey Hunt (!) nicht nur ein Richter sondern gilt auch noch als Held. Als er im Wald ein verletztes sechsjähriges Mädchen findet, kümmert er sich um sie. Sie spricht zunächst nicht. Später stößt ihre Mutter Molly dazu. Die drei werden im Zeichen der Gefahr ein Team!
Es gibt einige Ungereimtheiten, z.B. dass der Richter das verletzte Kind nicht schnellstens ins Krankenhaus bringt, zumal es offenbar missbraucht wurde. Dass die Entführung des Kindes vom Vater arrangiert sein soll, wirkt eher unglaubwürdig. Genauso wie der Romantikanteil zwischen Ramsey und Molly.
Hilfreich wäre eine nachvollziehbare, psychologische Motivsuche gewesen.
Das Mädchen Emma muss im Verlauf der Handlung noch mehr schlimmes durchmachen, sie kann einem Leid tun. Ihren traumatisierten Zustand sprachlich darzustellen, misslingt der Autorin.
Auch wenn ich vielleicht nicht unbedingt zur Zielgruppe gehöre, bin ich der Überzeugung, dass jeder Thrillerfan leicht ein lesenwerteres Buch findet. Der Catherine Coulter-Fankreis wird es anders sehen.
Julias Antwort
Wie ich dank Shakespeare in Verona die große Liebe fand von Glenn Dixon
"Wie ich Dank Shakespeare in Verona die große Liebe fand" ist ein Buch mit autobiografischen Bezug, dass sich dem Shakespeare-Stück Romeo und Julia und dem Thema Liebe auf verschiedene Weisen nähert. Der kanadische Autor und Icherzähler Glenn Dixon ist ein Lehrer, der nach Verona kam, um ehrenamtlich "Briefe an Julia" zu beantworten, aber auch um sich über seine eigene Gefühlslage in Bezug auf Liebesbeziehungen klar zu werden.
Da ist seine vergangene Geschichte mit Claire, die erliebte, sie ihn aber nicht. In Rückblicken wird ihre Geschichte erzählt.
Der ruhige, nachdenkliche Stil gefällt mir gut und erinnert im positiven Sinne an die Prosa des Bestsellerautors Richard Paul Evans.
Manche Passagen sind sachlich-analytisch, andere erzählerisch gestaltet. Gut werden die Details über die Stadt Verona, meist mit Bezug zu Romeo und Julia, eingeflochten. Durch die Briefe werden viele Schicksale im Zusammenhang mit Freuden und Schmerzen durch die Liebe gezeigt. Einige der Briefe sind ergreifend.
Mir persönlich haben die Szenen im Schulzimmer, wo er mit Schülern das Stück Romeo und Julia durchgeht, am besten gefallen. Hier gehen die Schüler richtig mit, Glenn ist ein guter Lehrer. Aber natürlich ist es die Gesamtheit an Inhalt und form, die das Buch ausmacht. Der Mix gelingt.
Survival-Drama
THE ASCENT - DER AUFSTIEG von Ronald Malfi
Ronald Malfi hat sein Survival-Drama im Gebirge in Nepal effektvoll gestaltet.
Der Protagonist Tim Overleigh ist nicht unproblematisch. Zwar kann man seinen jammervollen Zustand aufgrund der Trauer um seine verstorbene Frau verstehen, aber ein Sympathieträger ist er nicht unbedingt. Er wirkt leicht labil.
Schon in den Rückblicken merkt man, dass er leicht beinflußbar und nicht direkt gefestigt ist.
Andererseits scheint er doch Stärke und Grundsätze zu besitzen. Die Ambivalenz der Figur macht ihn sehr interessant.
Als er Andrew Trumbauer, einen alten Freund seiner Frau wiedertrifft, schließt er sich ihm an. Der Aufstieg in die Todeszone des Gebirges in Nepal könnte eine Therapie sein, die ihm hilft, wieder zu ihm selbst zu finden. Doch Trumbauer ist ein extremer Mensch und in der Gruppe kommt es zu Spannungen. Ronald Malfi nutzt einen leicht psychologischen Ansatz.
Die meisten Nebenfiguren haben wenig Profil. Das schwächt den Roman. Dafür wird das Buch immer mehr zum packenden Thriller. Die Art wie er geschrieben ist, verleiht dem Roman gerade in den Actionszenen filmische Momente.
Spannung kann man dem Buch nicht absprechen! Ich würde den Thriller als leicht über dem Durchschnitt liegend einstufen.
Ein Buch der Erkenntnisse!
Metallisierte Welt - auf den Spuren einer Subkultur von Moritz Grütz
Die Idee des Buches ist sofort überzeugend. Man kennt tatsächlich nur die westliche Perspektive und deswegen ist es überaus interessant, die Sicht der restlichen Welt kennenzulernen. Heavy Metall ist dabei das Thema, doch gleichzeitig beinhaltet das auch die Einstellung vieler Länder zu Freiheit, Religion und Toleranz.
Durch eine Vielzahl von Interviews mit Bands aus allen möglichen Ländern erhält man einen umfassenden Eindruck. Ob dabei jeweils ein Interview pro Land ausreichend ist, um repräsentativ zu sein, muss man zwar bezweifeln, aber anders kann das schließlich kaum realisiert werden, wenn man so viele Länder berücksichtigen will.
Die Fragen sind jeweils ziemlich ähnlich, das ist natürlich auch sinnvoll, um einen Vergleich zwischen den Ländern zu ziehen.
Ein Eindruck ergibt sich schnell. In den meisten muslimischen Ländern ist die Metallszene sehr klein und kaum im Mittelpunkt. Engagierte Metallheads haben wenig Möglichkeiten, sind umso größere Idealisten.
Erstaunlich ist aber auch, dass sich viele grundsätzliche Einstellungen bei den Metallheads wiederfinden lassen. Der Drang nach Freiheit und Toleranz, Abkehr von religiösen oder anderen Unterdrückungstendenzen, dabei gibt es kaum extreme Einstellungen. Das deckt sich wieder mit der westlichen Szene, wie man sie kennt.
Auch bei den Vorbildern und Einflüssen werden oft die gleichen Bandnamen, übrigens fast ausschließlich westliche, genannt. Offenbar speist sich der Metall weltweit aus der gleichen Quelle.
Leider gibt es auch Länder, in denen Metall zu machen fast unmöglich oder sehr riskant ist, etwa Saudi Arabien oder Iran.
Ein Nebeneffekt des Buches ist es, dass man einige musikalische Entdeckungen machen kann und qualitativ ist vieles auf gutem Niveau!
Der große Redner
Metallisierte Welt - auf den Spuren einer Subkultur von Moritz Grütz
Die dunkelste Stunde ist in mehrerer Hinsicht ein bemerkenswertes Buch. Es begleitet den gleichnamigen Film, in dem Gary Oldman Winston Churchill spielt.
Der Drehbuchautor Anthony McCarten, der diese Biographie geschrieben hat, ist außerdem auch ein bekannter Romanautor.
Dennoch ist „Die dunkelste Stunde“ leider nicht romanhaft ausgebildet.
Es ist ein Sachbuch, das mit vielen Details und Anmerkungen Leben und Wirken von Winston Churchill zeigt. Schwerpunkt bildet das Kriegsjahr 1940 gegen Deutschland.
Winston Churchill ist eine schillernde, manchmal auch widersprüchliche Figur. Wer wenig über ihn weiß, außer das offensichtliche, ist ein geeigneter Leser, da das Buch sehr viele Infos bietet. Manchmal ist es sogar zu detailliert. Davon profitiert wiederum der Churchill-Kenner, zumal es den oben schon erwähnten Schwerpunkt gibt.
Die potentielle Leserschaft ist somit breit gefächert.
Winston Churchill, der Stratege, der Exzentriker, vor allen aber der große Redner.
Manche Passagen sind amüsant, wenn Churchills Eskapaden gezeigt werden, aber der Text wird überwiegend von der Kriegsgefahr überschattet. Das hat der Autor geschickt ausgeglichen und aufeinander abgestimmt.
Man kann Anthony McCartens Schilderungen eine starke Intensität und Eindringlichkeit nicht absprechen.
Widerstand in Last Haven
Last Haven - Tödliche Geheimnisse von Lisbeth Jarosch
Last Haven wird schon in Anlehnung an das große Vorbild vermarktet und das ist auch gut so. Die Trilogie hat viele beeindruckt und beeinflusst. Die Leser also, was sie in Last Haven erwartet und können sich gelassen auf die Geschichte einlassen. Die Konsequenz und kompromisslose Düsternis der Tribute von Panem kann aber nicht so ohne weiteres erreicht werden.
Das bleibt eine andauernde Einschränkung während des gesamten Lektüre.
Aida Green arbeitete schon als Kind für die Rüstungsindustrie, nach einem Arbeitsunfall wird sie versetzt und erfährt in neuer Position unangenehme Wahrheiten über die Schattenseiten der Gesellschaftsform, in der sie in Last Haven leben. Es geht einiges nicht mit rechten Dingen zu. Aida wirkt zunächst naiv. Das ist auch glaubwürdig und so wirken die neuen Erkenntnisse entsprechend stark auf sie. Ihre inneren Nöte werden nachvollziehbar gezeigt. Der Handlungsverlauf läuft auf Widerstand hinaus und Aida wird ihre Rolle dabei einnehmen. Sie kümmert sich auch um ihre neuen Freunde, Ben und die junge Ivy.
Bei dem Ausmaß an Bedrohung verstehe ich jedoch nicht, wieso Themen wie Freundschaft, Loyalität und Küssen so großen Raum einnehmen. Die Zielgruppe sind wohl doch mehr Young Adults.
Last Haven ist so geschrieben, dass das Buch lange Zeit angenehm zu lesen ist, vielleicht zu harmlos, später im Finale nehmen Härte und Entschlossenheit zu.
Ruhiger Roman mit wichtigen Themen
Lied der Weite von Kent Haruf
Der Roman Lied der Weite (Originaltitel: Plainsong) spielt ebenso wie Kent Harufs Erfolgsroman "Unsere Seelen bei Nach" in der fiktiven US-amerikanischen Kleinstadt Holt, angesiedelt in Colorado. An "Unsere Seelen bei Nacht" kommt dieser Roman vielleicht nicht ganz ran, hat aber vergleichbare Qualitäten und Themen, wie die Bewältigung des Alltags, das Gesellschaftsleben in einer Kleinstadt und vor allen die Einsamkeit.
Als die junge Victoria ungewollt Schwanger und von der Mutter rausgeschmissen wurde, ist sie isoliert. Ihr Freund Dwaynne ist verschwunden. Die engagierte Maggie Holt vermittelt ihr eine Wohnmöglichkeit bei zwei älteren Männern, die McPheron-Brüder, die sich bald rührend um die junge Frau kümmern. Auch andere Bewohner der Stadt werden portraitiert. Auffällig ist, dass das Kleinstadtleben realistisch gezeigt wird, auch vergleichbar mit der deutschen Provinz. Die Menschen hier sind zurückhaltend und bleiben unter sich. Insbesondere mit Tom Guthrie und seinen Söhnen Ike und Bobby konnte ich überraschend wenig anfangen. Für den Leser ist es nicht einfach, den introvertierten Figuren nahe zu kommen.
Leitsterne sind daher die McPherons und ihr anständiges, gütiges Verhalten.
Es bleibt zu hoffen, dass Diogenes weitere Bücher des leider schon verstorbenen Schriftsteller Kent Haruf veröffentlichen wird.









