Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Literatur voller Kraft
Schon lange wollte ich einmal etwas von Patrick White lesen, dem bisher einzigen Literaturnobelpreisträger aus Australien. Das aber anfangs so verhalten und zurückhaltend erzählt wird, hatte ich nicht erwartet. Dazu mit Dialogen, die sich aber aus der Gesellschaftsschicht im neunzehnten Jahrhundert ergeben, aus denen die Protagonisten stammen.
Es wird der Zustand zwischen Konventionen, Zurückhaltung und versteckter Leidenschaft deutlich.
Patrick White hat mit seiner Romanhauptfigur Ellen Roxburgh eine interessante Person. Zusammen mit ihrem Mann macht sie eine Schiffsreise.
Lange Zeit ist der Roman undramatisch. Das ändert sich als das Schiff auf eine Riff läuft und vor der Küste von Queensland kentert. Sogar sprachlich gewinnt der Roman an Lebhaftigkeit. Patrick White überzeugt hier mit einer bildstarken, detailreichen Sprache, die neben seinen Themen der Grund für seinen Ruhm ist.
Kraftvoll wird die Handlung weiter erzählt.
Der Autor zeigt, wie schnell der schmale Grad zwischen Zivilisation und archaischer Welt erfolgen kann und er zeugt vom Überlebenswillen einer Frau.
Clunys Weg
Die Abenteuer der Cluny Brown von Sharp Margery
Margery Sharp gehört zu den leider fast vergessenen Autorinnen, daher ist es erfreulich, dass mit diesem Buch ein Roman von ihr wieder aufgelegt wurde. Es macht Spaß, diesen unterhaltsamen Roman zu lesen. Der Erfolg der beliebten Fernsehserie Dowton Abbey öffnet den Blick einer größeren Leserschaft auf die britische Gesellschaft im Wandel, auch im Verhältnis Herrschaft und Diener.
Die junge Cluny Brown wird in Stellung als Stubenmädchen bei einer aristokratischen Familie in Devon gegeben. Ein Haushalt mit Toleranz, aber doch mit starren Regeln. Cluny verhält sich aber oft unbewusst gegen die Regeln der Konventionen. Sie sieht nicht ein, warum es so viele Beschränkungen geben soll und bleibt sich selbst treu. Deshalb halten sie viele für merkwürdig, manche aber für erstaunlich und erfrischend!
Der 1944 geschriebene Roman ist amüsant geschrieben mit einer liebenswerten Hauptfigur. Aber auch die politischen Gegebenheiten des Jahres 1938 werden langsam sichtbar. Die Zeichen stehen auf Krieg.
Interessante Figuren werden aufgebaut. Da ist zum Beispiel ein Gast der adeligen Familie, der polnische Schriftsteller Adam Belinski, der offenbar fliehen musste. Andrew, der Sohn der Familie, hatte ihn eingeladen, aber auch Adam Belinski ist ein Freigeist. Andrew möchte das auch sein, bleibt aber doch ein junger Schnösel. Dann gibt es noch die schöne Betty, in die Andrew verliebt ist.
Man merkt dem Roman sein Alter schon hin und wieder deutlich an. Insbesondere sprachlich, aber das muss kein Nachteil sein, denn auch der Ton der Vergangenheit kann seinen eigenen Humor und Qualität haben. Diese Qualität liegt in der leichten Überspitzung bei der Charakterisierung der Figuren, bei dem ein milder Spott mitklingt.
Blick ins Leben junger russsicher Frauen
Fliegende Hunde von Kolosowa Wlada
Fliegende Hunde ist ein mutig erzählter Roman mit jungen Protagonisten im Mittelpunkt. Die Erzählabschnitte wechseln zwischen den Freundinnen Oksana und Lena. Außer in gelegentlichern Rückblicken haben sie im ersten Teil keine gemeinsamen Passagen. Lena ist als Modell nach Shanghai in China gegangen, Oksana ist zurückgeblieben in Russland.
Man bekommt einen Einblick in die Gedankenwelt junger russischer Frauen und etwas verhaltener auch von der aktuellen russischen Gesellschaft, für die Putin fast ein Superstar ist.
Es ist keine tolerante Gesellschaft und Homosexualität kaum akzeptiert.
Der Roman ist kurz, aber in allen Abschnitten nicht ohne, teilweise hart und fordernd, zum Beispiel wenn Lenas Modellarbeit sie an den Rand der Prostitution führt oder Oksana immer mehr in einem Forum für Magersüchtige versinkt. Ihre absurde Diät biegt Gefahren.
Im kürzeren zweiten Teil des Buches treffen sich die liebenden wieder, doch viel hat sich verändert.
Wlada Kolosowa ist eine vielversprechende Autorin, die mit Fliegende Hunde überzeugt und bei der man gespannt auf kommende Romane warten kann.
Die Tänzerin vom Bauhaus
Fliegende Hunde von Kolosowa Wlada
Das Hörbuch dieses Debütromans hat gleich 2 Sprecher. Barnaby Metschurat, der in dem Handlungsstrang von 2001 den Urenkel der Martha gibt und deren Notizbuch mit wertvollen Skizzen versteigert.
Anne Ratte-Polle spricht den Martha-Part, der ab 1900 einsetzt.
Man erfährt von Marthas Kindheit, ihrer Begabtheit und folgt ihrem Lebensweg bis ins Weimarer Bauhaus 1919, in der sich eine Kunstschule etabliert.
Bekannte Künstler wie Paul Klee , Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer waren dort als Lehrer tätig. Was sie schufen, war großartig und eine Erneuerung.
Der Abschnitt im Jahr 2001 in New York hat mir nicht so gut gefallen wie die Martha-Passagen. Das liegt in der geringeren Glaubwürdigkeit der Handlungskonstruktion über die alte Martha.
Der Roman ist sprachlich geschmeidig gehalten und atmet die Kunst und Kultur der Zeit vor dem Krieg.
Es erinnert ein wenig an das Buch “Liebe ist ein Haus mit vielen Zimmern” von Katrin Burseg.
In späteren Stellen, den dreißiger Jahren, wird die Atmosphäre ungemütlicher, natürlich.
Mit ca. 7 Stunden hat das Hörbuch einen guten Umfang und die zwei sehr unterschiedlichen Sprecher gestalten den Text sinnvoll und ansprechend.
Gediegen, aber nicht abgeschlossen in diesem Teil
Das Vermächtnis des Künstlers von Gordon McBane
Der Roman ist gediegen angelegt. Schauplatz ist überwiegend Venedig, aber der Stil ist deutsch, stellenweise auch britisch gehalten und mit einem amerikanischen Protagonisten. Dr.George Mallory ist Psychologe und Experte für Parapsychologische Ereignisse und Phänomene, die er gerne als Täuschungen entlarvt.
Schließlich ist er Wissenschaftler.
Die Suche nach dem Unfassbaren prägt ihn auch, so raucht er viel und lebt alleine. Schon ein wenig theoretisch wie die Figur charakterisiert wird, aber warum nicht.
Ein Auftrag um mysteriöse Gemälde führt ihn nach Venedig. Das ist interessant genug, um die Leser am Buch zu halten.
Die Venedig-Karte wird großzügig ausgespielt, da habe ich nichts dagegen. Später wird auch Frankreich wichtig.
Bei der Ermittlung wird Mallory von der sympathischen Dr.Josephine Canoni begleitet. Sie hat eine lebhafte Adoptivtochter. Das ergibt einige amüsante Passagen und die drei sind kein schlechtes Team.
Es gibt auch lange Abschnitte mit Josephine ohne Beteiligung von Mallory und umgekehrt.
Es mangelt auch nicht an bedrohlichen Passagen, in denen die Protas in Gefahr geraten, doch überwiegend ist die Handlung relativ ruhig gehalten.
Eine originelle Komponente des Romans ist, dass die Handlung in 1985 angesiedelt ist. Es gibt zahlreiche zeittypische Anspielungen auf diese Zeit, z.B. kultureller Art (Bücher, Filme, Musik).
Sprachlich ist der Roman okay, wenn man nicht zu viel erwartet. Und immerhin ist er durchgehend abwechslungsreich und unterhaltend.
Gut gemachte Trivialliteratur
Das wilde Herz der Lady Gwen von Kerstin Garde
Das wilde Herz der Lady Gwen ist kein historischer Roman, vielmehr handelt es sich um einen Liebesroman vor historischer Kulisse, wobei in den reizvollen Schauplätzen in England und später sogar in den schottischen Highlands geschwelgt wird, das es nur eine Freude ist.
Das Verhältnis und die Dialoge zwischen den Protagonisten ist relativ modern angelegt, die Problematik der Zwangsehe erinnert leicht an Romane von Iny Lorentz.
Lady Gwendolyn of Hemsworthshire ist eine außergewöhnliche junge Frau, intelligent und sehr selbstbewusst, für ihre Stellung häufig zu burschikos, dabei naturverbunden.
Als sie den miesen Lord Fellow heiraten soll, drängt sie auf Flucht. Fellons Ritter Richard, auch der schwarze Ritter genannt, folgt ihr.
Richard ist eine interessante, gebrochene Figur. Äußerlich gibt er sich brutal und als wilder Kämpfer, der er natürlich auch ist,, aber eine unglückliche Liebesgeschichte aus der Vergangenheit schleppt er auch mit sich herum.
Die Annäherung zwischen den beiden verläuft allmählich. Bald verbindet sie mehr. Es gibt reichlich abenteuerliche Szenen.
Schließlich erreichen sie die schottischen Highlands, wo Gwen verwandtschaftliche Wurzel hat, ihre Mutter stammte von hier.
Doch auch der böse Lord Fellon hat noch nicht aufgegeben.
Der Roman ist der Trivialliteratur zuzuordnen. Das sollte der Leser sich bewusst sein, dann funktioniert der Roman innerhalb der engen Grenzen dieses Genres auch.
Komplexes Fantasyepos
Der Mond des Vergessens von Brian Lee Durfee
Der Mond des Vergessens ist ein umfangreicher und komplexer Fantasy-Roman mit mittelalterlich wirkenden Setting voller Schwertkämpfer und Meuchelmörder, aber auch Königinnen und Könige. Das eindrucksvolle Cover, erschaffen von dem italienischen Illustrator Federico Musetti ist überwältigend!
Der Großteil der Handlung ist im Jahr 999 Laijon in Gul Kana angesiedelt.
Es gibt wechselnde Erzählstränge.
Die im Mittelpunkt stehende Figur ist Nail, ein junger Mann, Waise und eine unerfahrene Person, der von seinem Meister, dem geheimnisvollen Schwertkämpfer Shawcroft wie ein Sohn aufgezogen wurde. Nail reflektiert die Ereignisse, denen er ausgeliefert wurde. Eine ideale Hauptfigur, da somit die Emotionen nahtlos auf den Leser überfließen.
Auch der machtvoll kämpfende Shawcroft funktioniert gut als Figur. Er hält vieles vor Nail geheim. Aber auch vor den Lesern, vielleicht zu viel. Oft fehlt der Durchblick und man muss sich mit Andeutungen begnügen, die man so schnell nicht auflösen kann. Verwirrung bleibt genug, gleichzeitig ist das Geheimnisvolle auch der Reiz des Romans.
Eine weitere zentrale Figur ist die Prinzessin Tala. Außerdem der Ritter Gault, Ava, der Weiße Prinz Aeros, Jondralin und ihr Bruder Jovan. So werden parallel Geschichten erzählt. Die ohne Beteiligung von Nail oder wenigstens Tala kommen mir manchmal langweilig und zu lang vor.
Der amerikanische Autor Brian Lee Durfee legt viel in sein Epos hinein, es gibt aber auch einiges an Leerlauf und so manche Passagen, die trotz starker Atmosphäre nicht vollends zünden.
Ich sehe viele gute Ansätze, aber vor der hohen Komplexität und der Tatsache, dass es offensichtliche Folgebände geben wird, kann man fast nur die Waffen strecken.
Viele emotional packende Passagen und eine teilweise poetische Sprache erlauben dennoch vier von fünf Sternen!
Die Geschichte von Mileva Maric
Frau Einstein von Marie Benedict
Frau Einstein zeigt ein intensives Profil einer begabten Frau, die sich in einer Männerwelt durchsetzen muss. Denn die junge Serbin Mileva Maric studiert Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Zürich Mathematik und Physik. Ein Kommilitone von ihr ist Albert Einstein. Später werden sie heiraten und gemeinsam physikalische Theorien entwickeln.
Der Roman wird konsequent aus der Sicht Milevas erzählt, so werden ihre Empfindungen und ihre Entwicklung sehr deutlich. Dazu gehören auch ihre Selbstzweifel, da sie von Geburt mit einer Gehbehinderung geschlagen ist.
Besonders in den ersten Hundert Seiten ist der Roman ein Lesegenuß, da die Studienzeit des Paars in Zürich, mit vielen Details geschildert, ein gutes Stück Zeitportrait ist. Es gibt auch einige humorvolle Passagen und die Romanze geht langsam, aber unaufhaltsam voran.
Das es für Mileva später im Schatten Einsteins schwer wird, kann man sich denken. Dabei erweist sich Einstein in mehr als einer Hinsicht als Egoist. Schwer erträglich, was Mileva ertragen muss, z.B. die Trennung vom gemeinsamen, unehelichen Kind, dazu die fehlende Würdigung als Wissenschaftlerin in der Öffentlichkeit.
Frau Einstein ist ein Roman mit starker Wirkung aufgrund der starken Titelfigur. Wirklich sehr lesenswert und die Autorin Marie Benedict muss man sich merken.
Gesellschaftsroman im Krimigewand
Kühn hat Ärger von Weiler Jan
Kühn hat Ärger ist ein Roman, der kein konventioneller Krimi ist, aber das Sujet dieses Genre nutzt, einerseits um seine Figuren in diese Szenerie zu stellen und andererseits um Gesellschaftsschichten zu betrachten. Das geht zwar nicht ohne Klischees ab, aber hat auch gute Ansätze. Dazu gehören die Passagen um den 17jähigen Amir Bilal, der in München mit Migrationshintergrund lebt und als asozial gilt.
Durch die Begegnung mit einer sozial eingestellten Familie, den Van Hautens, ändert sich Amir allmählich. Diese Passagen gehören zu den Stärksten des Romans.
Dann geht es bald um den Polizisten Martin Kühn, fast 45 Jahre alt und gerade aus einem Burn Out zurück in sein Kommissariat.
Er hat einige Probleme. Mit Kollegen, seiner Frau Susanne und mit der Gesundheit. In der Summe ist er eine interessante Hauptfigur.
Kühn muss dann in einem Mordfall ermitteln, wobei er auf die adlige Familie Van Hauten trifft, die in Reichtum leben, aber auch eine dunkle Vergangenheit besitzen.
Die Handlung treibt in eine gute Komplexität zu, das hat mir gefallen, wie die ganze Erzählweise.
Es gibt auch einer ersten Roman um Kühn von 2015 mit dem Titel “Kühn hat zu tun”. Den kenne ich noch nicht, habe ihn mir aber bereits bestellt.
Auch ein weiterer Teil ist nicht auszuschließen und grundsätzlich willkommen!
Ballade von Vater und Tochter
Kühn hat Ärger von Weiler Jan
Ein ungewöhnliches Romandebüt voller Härte und eigenwilliger Figuren.
Pollys Vater Nate ist ein Ex-Knackie, gerade aus dem Gefängnis entlassen, aber er wird von Gangstern verfolgt, die auch nach dem Leben seiner Frau und seiner 11jährigen Tochter trachten.
Nate ist kein reuiger Sünder, aber nachdem Pollys Mutter ermordet wird, will er wenigstens seine Tochter retten, selbst wenn er sich dafür opfern muss.
Gemeinsam begeben sie sich auf die Flucht, gehetzt wie einst Bonnie und Clyde, wie auch schon ein dem Roman vorangestelltes Zitat andeutete.
Es kommt zu Auseinandersetzungen und Kämpfen. Manchmal sind mir die beschriebenen Szenen reichlich überzogen vorgekommen. Mit Klischees wird nicht gespart, aber das gehört halt dazu.
Der Roman entwickelt aus seinem Drive und der Härte der Geschichte eine eigene Poetik.
Die Annäherung zwischen Vater und Tochter, die sich eigentlich fremd sind, gibt es nur wenig Raum. Aber doch gehören diese Passagen zu den Stärksten des Buches.
Der Autor hat eine bildreiche Sprache, die an Quentin Tarantino-Filme und actionreiche Serien erinnert. Man überlegt schon beim Lesen, welche Schauspieler diese Rollen spielen können. Aber die Nebenfiguren haben weniger Format und selbst die wichtigen bleiben Randfiguren.
Jordan Harper hat hier ein effektreiches Debüt vorgelegt, das nicht gerade langweilig ist.








