Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Entschlossenheit führt zum Erfolg
Was von Cover- und Buchgestaltung wie ein einfacher romantischer Roman daherkommt, ist dann doch etwas mehr. Es ist ein Roman über eine junge Frau, die sich trotz schwerer Krankheit den Wunsch erfüllen will, Sängerin zu werden. Fast unmöglich, wenn man an Mukoviszidose leidet und nur eine Lebenserwartung von ca.
30 Jahren hat. Der Roman basiert auf dem Leben von Alice Martineau und sie hat es geschafft. In Lesepausen kann man ihre Songs hören, eine Mischung aus Singersongwriter und Pop. Hört doch zum Beispiel mal in ihren Song If I fall hinein. Dieser Song spielt in einer wichtigen Szene im Buch eine große Rolle.
Die Lovestory zwischen Alice und Tom spielt eine Rolle im Roman, aber nicht unbedingt die Hauptrolle. Alice Kampf um ihre Musik und gegen ihre Krankheit steht im Mittelpunkt. Und es ist auch ein Kampf gegen die Zeit. Manchmal hätte ich mir gewünscht der Schreibstil von der Autorin Alice Peterson wäre nicht ganz so glatt, aber immerhin schafft sie es doch, Alice Martineau eine Persönlichkeit zu geben, die ihre Stärke zeigt.
Gelungen sind auch die Einschübe von Alice Mutter mit Mary´s Tagebuch, die Alice Zustand reflektieren.
Insgesamt ein gute Portrait einer jungen Frau mit Persönlichkeit. Ein Roman, den man schnell lesen kann.
Geschichte eines Lebens im Exil
Selbstbild mit russischem Klavier von Wolf Wondratschek
Als Leser kann man sich glücklich schätzen, diesen Roman lesen zu dürfen. Den letzten Roman hatte Wondratschek als Manuskript an einen Mäzen verkauft und das Buch blieb der Öffentlichkeit vorenthalten. Diesmal erscheint das Buch, bei Ullstein! Und man wirklich von Glück sprechen, denn das Buch ist es Wert!
Der Roman besteht hauptsächlich aus den Gesprächen des Erzählers, ein Schriftsteller, mit dem russischen Pianisten Suvorin in Wien und den Reflektionen des Schriftstellers über das Gehörte.
Somit ist es ein fast klassischer Künstlerroman. Es ist wohl kein Zufall, dass Wondratscheks Sympathie einer widerspenstigen Figur gehört, der auf Eigenständigkeit besteht, zur Not auch Rebellion nicht scheut. Das geschieht meistens mit einer humorigen Note. Suvorin hat Charme, aber auch seine Schwächen, z.B. seine Trinkerei, aber er steht dazu, wie er ist und lässt sich nicht verbiegen. Es ist die Geschichte eines Lebens, auch die des Alterns.
Die Gespräche in dieser Umgebung entwickeln einen eigenen Sound und als Leser kann man in dieser Sprache schwelgen.
Endzeit
Anna von Ammaniti Niccolò
In regelmäßigen Abständen von meist einigen Jahren erscheinen Endzeitromane oder -Filme, die meist viel Action und damit Unterhaltung bieten. Anna, im Original 2015 erschienen, geht in diese Richtung. Die Seuche hat alle Erwachsenen getötet, nur einige Kinder leben noch, die aber ebenfalls den Ausbruch des Virus zu erwarten haben, sobald sie erste Anzeichen zeigen, erwachsen zu werden.
Und das führt unvermeidbar zum Tod. Im Mittelpunkt des Romans steht Anna, die um ihr Überleben kämpft, da gibt es z.B. Passagen mit viel Action beim Kampf gegen wildgewordene Hunde.
Ansonsten kümmert sich Anna in erster Linie um ihren kleinen Bruder. Zeitweiliger Begleiter ist dann noch Pietro, ein schon älterer Junge.
Die Beschreibungen der zusammengebrochenen Gesellschaft und Umgebung wird effektvoll beschrieben. Plünderungen, Verwüstungen und Brände. Niccolo Ammaniti kann schreiben, eine Melancholie begleitet seine Sprache.
Der zweite Teil des Buches konzentriert sich auf die Suche Annas nach ihrem verschwundenen Bruders Astor, den sie dann tatsächlich bei einer Gruppe Kindern findet. Interessant ist die Frage, ob sich in dieser kleinen Gruppe Kinder eine neue Gesellschaftsform bildet, die wenigstens ein paar Jahre Bestand haben kann.
Aber Anna misstraut dem, besteht auf ihre Unabhängigkeit. Das bedeutet aber auch, kämpfen zu müssen.
Der dritte Teil “Die Meeresenge” zeugt dann einen kurzen Moment der Ruhe. Es entsteht zwischen Anna, Astor und Pietro eine kleine Gemeinschaft, fast wie eine Familie.
Ich bewundere den Roman für seine bildreiche Sprache und Ausdruck, aber seine thematische Wichtigkeit bezweifle ich. Dennoch halte ich das Buch für lesenswert!
Die Entscheidung
Die Polizisten von Hugo Boris
In der Kriminalliteratur beschäftigen sich Polizisten ausschließlich mit dem Aufklären von Mordfällen.
Aber der preisgekrönte Roman Die Polizisten des französischen Schriftstellers Hugo Boris ist kein Krimi. Er zeigt die realistische Arbeit von Polizisten, das können z.B. Einsätze bei Demonstrationen sein oder die Überführung von Personen, die ausgewiesen werden sollen.
Die Polizisten sind aber auch Menschen, doch die beruflich starke Beanspruchung bringt sie in eine Position zwischen Pflicht und Menschlichkeit. Hinzu können auch private Beziehungsprobleme kommen, die Entscheidungen mit beeinflussen..
Virginie, Erik und Aristide kommen in einen moralischen Konflikt, als sie einen Flüchtling zum Flughafen Charles de Gaule bringen sollen. Die Abschiebung würde seinen sicheren Tod bedeuten.
Hugo Boris meistert den gesellschaftsrelevanten Stoff mit seinen sprachlichen Mitteln.
Respekt!
Flucht aus Syrien - neue Heimat Deutschland? von Kristin Helberg; Gesa Köbberling; Barbara Schramkowski; Olaf Jantz; Helge Kraus; Ingrid Gogolin; Rafik Schami; Klaus Farin
Seit 7 Jahren ist Bürgerkrieg in Syrien, der so viele Menschen zur Flucht zwang.
Es sind vielfältige Gespräche mit Flüchtlingen aus Syrien, die dieses Buch versammelt. Die verschiedensten Menschen kommen zu Wort, berichten von ihrer Heimat, der Flucht und ihren Eindruck von Deutschland. Die Geschichten haben Gemeinsamkeiten, aber auch so viele Unterschiede wie die Menschen halt unterschiedlich sind.
Interessant sind aber fast alle Geschichten, denn die meisten mussten einiges durchmachen.
Dank an die Stiftung Respekt!, die das zusammengetragen hat.
Herausgeber Klaus Farin schrieb das Vorwort. Dann folgen die ersten Gespräche.
Etwas zu ausführlich kommt mit die Umfrage unter WissenschaftlerInnen zum Thema Flucht vor, aber da es hier in die Tiefe geht, ist das für Interessierte vermutlich wertvoll.
Es ist überhaupt ein umfangreiches Buch. Alle Interviews habe ich noch nicht gelesen, dennoch hinterlassen die Gespräche einen bleibenden Eindruck.
Zweiter Herausgeber ist der bekannte Rafik Schami, der aus Syrien stammt, aber schon seit 47 Jahren in Deutschland lebt und einer der bedeutendsten Schriftsteller unterhaltender Literatur dieses Landes ist.
Höhepunkt des Buches ist der brillante Beitrag von Rafik Schami, ein langes, komplexes Essay über die Geschichte Syriens, den Strukturen der Diktatur und den Folgen des Krieges. Schami zeigt nicht unbedingt auf der Hand liegende, aber in sich schlüssige Zusammenhänge auf.
Schriftsteller*innen und der Rechtspopulismus
Unsere Antwort. Die AfD und wir. von Rudolph Bauer; Zoë Beck; Lena Falkenhagen; Klaus Farin; Nina George; Werner Schlegel; Carlos Collado Seidel; Leonhard F. Seidl; Sophie Sumburane; Michael Wildenhain
Vom Umgang mit der AfD. Dieses Buch startet eine Diskussion darüber u.a. im Kontext des Literaturbetriebes. Es gibt darüber sehr unterschiedliche Einstellungen. Ausgangspunkt ist die Forderung nach einer Unvereinbarkeitsvereinbarung des ver.di als Erklärung gegen Afd-Mitglieder. Das könnte ein wichtiges Signal sein, von der neuen Rechten aber auch polemisch ausgeschlachtet werden.
Ein Dilemma!
Es gab in der jüngeren Vergangenheit auffällige Vorfälle, in denen Schriftsteller wie Uwe Tellkamp mit seinen unsachlichen und unrichtigen Aussagen für einen Skandal sorgte oder die Provokationen rechter Verlage auf den Buchmessen.
Die Autoren gehen in ihren Beiträgen teilweise auf die anderen ein. Herausgeber ist Klaus Farin. Gut gefallen hat mir der Beitrag von Bestsellerautorin Nina George, die klare Worte schreibt. Leider wird von den Wortführern wenig auf sie eingegangen. Thrillerautorin Zoe Beck hält die AfD für äußerst gefährlich, während Klaus Farin glaubt, dass diese armselige Partei nur lästig sei und bald wieder verschwindet.
Meine Aufgabe als Rezensent dieses Buches kann es nicht sein, mich für einen dieser Ansätze zu entscheiden. Ich kann aber sagen, dass ich diese Diskussion an sich für sinnvoll und wichtig halte. Das Buch ist außerdem sogar interessant zu lesen.
Süchtig nach Gefahr
Der Kriegstourist von Jesper Bugge Kold
Niels ist Gymnasiallehrer in Dänemark, verheiratet, 2 Kinder und ganz schön gelangweilt von seinem mittelmäßigen Leben. Sein alter Freund Michael hingegen ist ein bekannter Kriegsfotograf, der schon in 80 Ländern war. Er lädt Niels ein, ihn nach Beirut zu begleiten. Ein Erlebnis für Niels.
Zurück in Kopenhagen verspürt er schnell wieder die Langeweile des Alltags und folgt auch Michaels nächster Einladung nach Lybien und weitere Kriegsgebiete.
Das hat auch Auswirkungen auf Niels Familienleben.
Niels ist auch nicht der einzige Kriegstourist. Mehrere Leute sind ähnlich Getriebene. Arnaud, Nenad, Tara und David. Immer wieder treffen sie an gefährliche Orten wieder auf einander.
Man muss nicht selbst das Verlangen nach dem Kick verspüren, um sich für diesen Roman zu interessieren. Über dieses Thema hatte ich bisher noch nichts gelesen.
Die Besuche der verschiedenen Ländern sind spannend geschildert. Die Gefühle von Niels kann man auch verstehen, wenn man selbst keine Drang nach Kriegsgebieten hat. Ich persönlich urteile nicht darüber.
Aber es ist absehbar, dass das seinen Preis hat und Niels irgendwann an seine persönliche Grenze stossen wird. Das passiert auch, als ein Freund getötet wird.
Auch der Fotograf Michael hat mich als Figur interessiert. Krieg zu fotografieren ist sein Beruf, aber auch seine Leidenschaft, der Mittelpunkt seines Lebens. Er könnte wohl keinen alltäglichen Zeitungsjob mehr aushalten. Jesper Bugge Kold schafft authentische Beschreibungen eines nicht alltäglichen Berufs, der sehr auszehrend sein kann.
Der Kriegstourist ist ein gut geschriebenes Buch, das mich aufgrund des Themas und der Art, wie der Leser an die Figuren herangeführt wird, überzeugen konnte.
Marie und Melih
Für immer sein Mond von Marie Enters
Für immer sein Mond von Marie Enters erzählt eine eindringliche Liebesgeschichte zwischen Melih und Marie. Er ein Flüchtling aus Syrien und sie 53jährigen Frau, die ehrenamtlich mit Deutschkursen Flüchtlingen helfen will.
Es ist eine heimliche Liebe, die sie leben, denn Marie ist gebunden an Jan und hat mit ihm ein Kind.
Es ist ein Roman in zwei Teilen, der erste zeugt den Beginn der Affäre und wie sie sich entwickelt, der zweite Teil erzählt davon, wie sie sich langsam von sich lösen. Man sieht als Leser so einen gesamten Prozess einer Liebesbeziehung.
Auffälligstes Merkmal ist der Erzählstil von Marie, der sehr persönlich ist und ihre Emotionen wie Leidenschaft, aber auch Zweifel deutlich zeigen.
Es ist außerdem ein Bild von Deutschland in einer schwierigen Zeit, die von gewissenlosen Parteien wie AFD und ihren jämmerlichen Wählern sowie den Medien aufgeladen ist. Marie erzählt aber auch Melihs Sicht auf die Situation, die realistisch und trotz allen positiv ist.
Mir gefallen beide Figuren sehr, auch wenn Marie sich nicht aus ihren Zweifeln lösen kann und ihre große Liebe nicht öffentlich leben kann. Doch mich beeindruckt ihr Engagement.
Sprachlich dominiert ein poetische Ton, der von Melancholie durchzogen ist. Ein lesenswertes Buch.
Eigentümlich
Hier ist noch alles möglich von Gianna Molinari
Für einen Auszug aus diesem Roman gewann die Schweizer Autorin Gianna Molinari den 3Satpreis beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb. Sie hat einen interessanten Stil, in dem ein ruhiger, langsamer Erzählstil dominiert. In ihrem Roman gibt es eine Icherzählerin, die als Nachtwächterin in einer Fabrik anfängt und in einer Halle sogar wohnt.
Allzuviel erfährt man zunächst nicht von der Icherzählerin, obwohl ständig ihre gedanklichen Reflektionen gezeigt werden.
Viel Personal gibt es nicht. Da ist der Chef, ein Koch und mit Clemens und Lohse weitere Kollegen. Der Einsatz so weniger Figuren verleiht dem Roman etwas Kammerspielartiges, was einen Kontrast zu den weiträumigen Schauplätzen der Fabrik und des in der Nähe liegenden Flugplatzes bildet.
Die Fabrik steht kurz vor der Schließung, was eine eigenartige Endzeitstimmung mit sich bringt. Der Job ist unspektakulär, wird aber aufgelockert durch das Gerücht, dass ein Wolf auf dem Gelände sei.
Außerdem gibt es einen rätselhaften Fall mit einem Mann, der sich vor der Fabrik zu Tode stürzte, offenbar ein Flüchtling, der aus einem Flugzeug fiel.
Gianna Molinari arbeit geschickt mit der Sprache, hält die Handlung in der Schwebe und erzeugt auf verhaltene Art eigentümliche Stimmungen und Atmosphäre.
Gedrückte Stimmung
Bruderkampf von Alexander Kent
Richard Bolitho bekommt als Kommandant ein neues Schiff zugewiesen, die Phalarope, eine große Ehre.
Immer noch ist Stockdale bei ihm, treu steht er zu ihm. Leider spielt er in der Handlung keine große Rolle, selbst sein Ende ist nahezu banal gestaltet. Schade, Alexander Kent nutzt alte Stärken nur unzureichend.
Zunächst geht es fast 100 Seiten ziemlich gleichförmig zu, bis schließlich die Mannschaft und ihre Unzufriedenheit mehr in den Vordergrund rückt. Aber auch das bleibt erzählerisch enttäuschend unentschlossen.
Die Stimmung ist leicht gedrückt, leider überträgt sich das auf den Leser, so das man nicht wirklich von einem Lesegenuß sprechen kann.










