Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Erhellende Erklärungsansätze
Umkämpfte Zone von Ines Geipel
Ines Geipels Buch Umkämpfte Zone, mit den sprechenden Untertitel Mein Bruder, der Osten und der Hass ist alles andere als ein emotionsloses Sachbuch. Ausgehend vom Tod ihres jüngeren Bruders Robbie setzt sie ihre Familiengeschichte in den Kontext der Geschichte Deutschlands, insbesondere des Ostens und dem Aufschwung der AfD.
Dadurch wird es ein sehr privates Buch. Und die Autorin spricht klare Worte.
Eine Reizfigur ist der Vater, der über viele Jahre lang für den Osten spionierte und ein extremer Mensch war. Zwischen Ines und Robbie gab es unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die Vergangenheit zu verarbeiten sei. Während Ines aufbegehrte, bevorzugte ihr Bruder die Form der positiven Verdrängung. Beides sind schwere Wege, die Beschädigungen nach sich ziehen. Ines ist schließlich 1989 in den Westen geflohen. Die Vergangenheitsbewältigung bleibt ein Thema.
Ines Geipel analysiert auf deutliche Art die Fremdenfeindlichkeit des Ostens.
Ines Geipels Erklärungsansätze über den Zustand des Landes empfinde ich als erhellend und nachvollziehbar.
literarisch bemerkenswert
Vor der Flut von Corinna T. Sievers
Die Geschichte wird erzählt von einer Frau, die einen exzessiven promiskuitiven Lebensstil führt. Sie ist Zahnärztin auf einer Insel und verheiratet. Doch ihr Mann hat sich schon früh in der Ehe körperlich von ihr zurückgezogen. Das hat sie anscheinend so verletzt, dass sie offen immer wieder mit anderen Männern schläft, aber dennoch seit 25 Jahren mit ihrem Mann zusammenlebt.
Ihr Zusammenleben ist jedoch nur eine Mischung aus Zweckgemeinschaft und kühler Ehehölle.
Corinna T.Sievers hat ihren Roman auf einen Text aufgebaut, den sie beim Ingeborg Bachmann-Preis gelesen hat und dessen Radikalität wurde heftig diskutiert.
Sprachlich ist der Text gut gemacht mit einer eigenwilligen Erzählweise, streckenweise auf der Oberfläche sehr sachlich, doch die Emotionalität der Frau wird in manchen Szenen sichtbar. Da mündet es in depressive Phasen, denn, wie sie selbst sagt, mit ihrem Mann Hovard gibt es nichts zu lachen. Die Folgen sind vereinzelte selbstzerstörerische Tendenzen, z.B. bleibt sie einmal mit dem Auto auf einer eisigen Strecke im Schnee stecken und tut nichts, um sich zu retten.
Ihre Lebensweise fordert einen Tribut.
Wegen den vielen expliziten Beschreibungen wirkt der Text penetrant.
Andere Textpassagen zeigen die raue Insellandschaft und erzeugen Atmosphäre.
Die Autorin ist ausdrucksstark! Ein Buch, wie man es nicht oft liest!
Zu viele Katzen
Vor der Flut von Corinna T. Sievers
Tom Cox´Alles für die Katz ist ein amüsantes Buch, natürlich ohne großen Anspruch an literarische Qualitäten. Der Autor berichtet von seiner lebenslangen Liebe zu Katzen und denen vielen, die er hatte. Wie er die verschiedenen Charaktere der überwiegend eigenwilligen Katzen beschreibt ist eindrucksvoll.
Die meisten haben einen ausgeprägte Persönlichkeit, im guten wie im schlechten. Und dabei spielt auch immer eine Rolle, wie die Beziehung zwischen ihm und der jeweiligen Katze ist. Das ist nicht selten komplex.
Zwischendurch gibt es zur Auflockerung Auszüge aus dem Katzenwörterbuch.
Ab und zu gibt es auch kulturelle Anspielungen auf Literatur, Musik und Film, z.B. Friedhof der Kuscheltiere von Stephen King, Shaft von Isaac Hayes, Die Selbstmordschwestern, Nightmare on Elm Street , T.S.Eliot oder „Crouching Puma, Hidden Bear“, dabei denkt man an den Ang Lee-Film, etc.
Natürlich ist das Buch harmlos, aber als Seelenmassage für Zwischendurch wirklich gut geeignet.
Bestechend gut geschrieben!
Mr. Booker und ich von Taylor
Mr.Booker und Ich von Cory Taylor besticht durch die Erzählweise. Rückblickend berichtet die junge Martha von ihrer Affäre mit dem verheirateten Mr.Booker. Der Erzählton ist sachlich, aber man spürt die Emotionen der 16jährigen. Martha ist ein zurückhaltendes Mädchen, das eigentlich keine Freunde in ihrem Alter hat.
Sie fühlt sich reifer und Erwachsener als ihre Mitschüler und befand sich in einem Zustand des Wartens, das etwas in ihrem Leben passiert. Als das englische Ehepaar Booker nach Australien kommt, freunden sie sich an. Die Bookers sind locker, lebenslustig und dem Alkohol zugetan. Auch da spürt man etwas Verzweifeltes hinter den Kulissen. Mrs. Booker leidet darunter, nicht schwanger werden zu können. Das ihr Mann etwas mit Martha anfängt, nimmt sie nicht zur Kenntnis. Vermutlich will sie es nicht wissen.
Dennoch ist Martha die interessanteste Figur im Roman. Die australische Kleinstadt bietet nicht viel. Es ist nicht ländlich, aber auch nicht gerade Sidney. Dabei träumt Martha von einem Leben in Paris.
Das Familienleben ist zerrüttet. Ihr bipolar gestörter, gewalttätiger Vater hat schon früh die Familie verlassen, ist aber dennoch oft anwesend und Marthas labile Mutter schafft es nicht, sich endgültig von ihm zu lösen. Immer wieder taucht er auf und lässt seiner unkontrollierten Wut freien Lauf. Sogar einen Selbstmordversuch startet er.
Klar, dass Martha darunter leidet, auch wenn sie sich nach Außen nichts anmerken lässt. Vermutlich ist deswegen, Mr.Booker ihr zentraler Lebensmittelpunkt. Doch echte Nähe ist das nicht. Bis zuletzt nennt sie ihn in Gedanken immer noch Mr.Booker, nicht beim Vornamen. Die vorgebliche Liebe ist chancenlos.
Der Roman nimmt den Leser gefangen und ist stilistisch außergewöhnlich gut gearbeitet. Tragisch, dass die Autorin Cory Taylor schon 2016 an Krebs gestorben ist.
wild
Der wilde Detektiv von Jonathan Lethem
Eine Frau engagiert einen ungewöhnlichen Detektiv, um die verschwundene Tochter einer Freundin zu finden. Sie begleitet ihn auf der Suche.
Sprachlich ist das Buch originell gemacht. Aufgrund einer postmoderner Anklänge erinnert es darin an Thomas Pynchon bzw. eine Lightversion von ihm.
Es ist ein gesellschaftspolitisch aktuelles, sehr amerikanisches Buch.
Donald Trump ist gerade als Präsident gewählt. Die Erzählerin des Romans empfindet das als Katastrophe.
Ein Roman voller Merkwürdigkeiten und Sprachwitz.
Roman aus Südkorea
Deine kalten Hände von Han Kang
Deine kalten Hände von Han Kang ist ein Roman, geschrieben 2002. Es ist dem Erfolg von Die Vegetarerin geschildet, dass er glücklicherweise auch auf Deutsch erscheint.
Eingeschlossen in einem Prolog und Epilog, erzählt von einer Schriftstellerin, umfasst der Text die Tagebuchauffassungen eines Bildhauers, der Abdrücke aus Gips erstellt.
Dabei sind ihm 2 Frauen wichtig. Die übergewichtige L., die schöne Hände hat, die der Künstler mehrfach abbildet, und die schöne Innenarchitektin E., die anscheinend immer wieder kleine Aussetzer hat, sich sonst aber unnahbar und ohne Gefühlsregungen zeigt.
Während L.in ihrem Kampf ums Abnehmen in die Bulemie gerät, entsteht zwischen E. und dem Künstler eine widerspenstige Beziehung. Ihn treibt es an, hinter der undurchdringlichen Maske der Frau zu blicken und ihr Geheimnis zu erfahren.
Han Kang erzählt geschickt auf einer Ebene, die essentiell ist, sich aber nicht einfach in Worte fassen lässt, ohne dass es banal klingt. Der Leser erfasst es aber sofort. Auf jeden fFall unktioniert die Erzählmethode und man hat wirklich ein literarisches Werk vor sich. Geprägt ist es auch von der südkoreanischen Kultur, einer Lebensweise, in der es anscheinend üblich ist, seine Gefühle aus Höflichkeit lieber zu verbergen, dabei aber einen schwer fassbaren Weltschmerz zu pflegen.
Dem Roman gelingt es mit der Zeit, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Es wird aber darauf verzichtet, alle Rätsel aufzulösen.
ahnenchronik
Wo wir zu Hause sind von Maxim Leo
Man geht mit falschen Erwartungen an das Buch heran, wenn man es für erzählerisch gestaltet hält. Es ist ein sorgfältig gemachtes Sachbuch über die Familie des Autors Maxim Leo. Dabei geht er in die Vergangenheit weit zurück bis in die Zeit vor dem Krieg. Schon früh musste die Familie aus Deutschland fliehen und verstreute sich weit: Israel, England, Chicago.
Die Geschichte der einzelnen Familienmitglieder wird durch Fotos unterstützt, z.B. Irmgard und Hans,1932 in Berlin. Hilde 1929. Fritz und sein Sohn Andre 1935. Ilse in Rheinsberg, Andre 1950 im Kibbuz etc.
Fränkel wurde von der SA verhaftet. Das war der Ausgangspunkt für die Flucht der ganzen Familie. 1935 kamen sie in Frankreich am Jardin de Luxembourg noch einmal kurz zusammen, bevor sie sich in alle Winde zerstreuen.
Maxim Leo nutzt die Fotos als Ausgangspunkt, er schätzt sie aufgrund ihres Aussehens und Ausdrucks gut ein, glaube ich. Man erfährt so einiges über sie.
Maxim Leos Reflexionen wechseln von Erkenntnissen heute und Geschehnisse damals.
Eine ausgiebig gestaltete Ahnenchronik, kein Roman. Manches war mir im Detail zu ausführlich, aber vieles war auch interessant.
Französisch-Algerische Familien-Saga
Die Kunst zu verlieren von Alice Zeniter
Ein starkes Buch, auf dessen Übersetzung ich schon gewartet habe. Es erzählt in über 500 Seiten über die Zeit vor, wahrend und nach dem algerischen Unabhängigkeitskampf.
Im zweiten Weltkrieg hat Ali für Frankreich gekämpft. Nur dafür wird er in Algerien schließlich als Verräter betrachtet.
Ich bin überrascht, wieviel man über das Schicksal der Harkis erfährt. In Algerien sind sie nach dem Unabhängigkeitskrieg nicht mehr erwünscht, in Fankreich auch nicht gerade willkommen.
Erstaunlich, wie stark die Autorin Empathie mit den Figuren beim Leser weckt. Ali und seine Familie aus der Kabylei sind dabei exemplarisch für viele, die durch die politischen Entwicklungen zu Flüchtlingen wurden.
Es ist ein komplexes Buch, das mehrere Generationen umfasst.
Die Erzählweise überzeugt. Alis Enkelin Naima ist in Frankreich geboren und fühlt sich ganz als Französin. Die Vergangenheit wurde von der Familie verdrängt. Über die Erlebnisse in Algerien wurde nicht gesprochen. Das Verschweigen der Geschichte ist ein starkes Thema des Buches. Die Vergangenheit ist dadurch nicht ausgelöscht und alte Wunden schwären noch lange. Der Verlust der Wurzeln ist auch wirklich ein Verlust! Ein weiteres großes Thema ist die Schwierigkeit der Integration.
Aktuelle Ereignisse in Frankreich stellen Identitätsfragen. Erst spät beginnt Naima sich für ihre Wurzeln zu interessieren und reflektiert die Vergangenheit. Obwohl Naima eine Art emotinale alte Ego für die Autorin ist, gibt es auch eine Ich-Stimme, denn die Handlung ist nicht direkt autobiografisch.
Das Buch ist inhaltlich wie auch sprachlich wertvoll!
Band 2 der Korff-Saga
Als die Hoffnung uns gehörte von Michael Wallner
Der österreichische Schriftsteller Michael Wallner wurde einst mit April in Paris zum internationalen literarischen Superstar. „Als die Hoffnung uns gehörte“ enttäuscht aber leicht, jedenfalls am Anfang. Es ist typischer Mittelteil der zu erwartenden Trilogie der Korff-Saga und hat auch nicht ganz den Drive seines früheren Romans „Die Frau des Gouverneurs“.
Natürlich ist deswegen noch kein schlechtes Buch, aber die Figuren erreichen den Leser manchmal nicht in der gewohnten Tiefe und ein großer Lesesog entsteht auch nicht. Das war früher ein wichtiges Merkmal des Autors.
Zu den gelungenen Passagen gehören die Abschnitte um Scarlett und ihre Erkrankung. Sie hat einen Gehirntumor und muss damit fertig werden, vermutlich bald zu sterben.
Die Beziehung zu ihrer großen Liebe Philipp ist davon beeinflusst. In Wien lässt sie sich von Dr.Freud behandeln.
Als Zeitportrait der zwanziger Jahre ist der Roman nicht zu verachten, da einige politische Strömungen der Zeit gut erfasst werden. Erstaunlich ist auch, wie viel man in diesem Buch herumkommt. Von New York nach Wien, Berlin, Bayern, Pennsylvania, sogar Havanna in Kuba.
Das Buch ist weder Top noch Flop. Man muss es nicht unbedingt lesen, aber man kann es ohne zu bereuen. Es wird auch sicher seine Leserschaft finden.
Die Spuren der Vergangenheit
Als die Hoffnung uns gehörte von Michael Wallner
Ich warte auf ein Wort von Dir – Lisa Tucker
Trotz des äußeren Eindrucks inklusive Covergestaltung ist „Ich warte auf ein Wort von dir“ ernsthafte Belletristik. Lisa Tucker scheut sich nicht, gesellschaftliche und familiäre Probleme deutlich darzustellen. Einige der Figuren dieses Romans schleppen Probleme mit sich rum, die noch aus der Kindheit stammen.
Physische und psychische Gewalt, die auf Kinder einwirken. Man fragt sich, was schlimmer ist. Daher kann dieses Buch den Leser ggf. auch runterziehen. Wer entspannende Unterhaltung sucht oder bei harten Themen empfindlich ist, greift besser zu einem anderen Buch.
Als Billy auf bizarre Weise Suizid begeht, ist auch seine Zwillingsschwester Lila seelisch mitgenommen. Ihr Mann Patrick versucht zu helfen, steht aber der Situation hilflos entgegen.
Zweifellos ist der Roman es wert, gelesen zu werden. Streckenweise war der Stil aber auch etwas öde und die Handlung lahm. Man muss also wirklich mit Interesse die Handlung verfolgen. Mein Urteil über den Roman ist daher zwiegespalten, doch man muss der Autorin danken, dass sie es schafft, die Figuren und ihre Emotionen den Leser nahe zu bringen.









