Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Manfred Angerer:
„Ich habe dieses Buch im Urlaub gelesen und war vom ersten Satz weg fasziniert von der für mich phantasievollen Schreibweise und vom „Spiel“, das der Autor mit mir als Leser aufgeführt hat.
Beim Lesen hatte ich den Eindruck, etliche Parallelen zu „Im Schatten des Windes“ wahrzunehmen.
Welches Buch ich allerdings – von der Stimmungslage her – eher als bedrückend empfunden habe.
Auch wenn „Die Landkarte der Zeit“ phasenweise Brutalität literarisch widerspiegelt, schafft es Felix J. Palma durch seinen Stil und das Kernthema des Romans das Gefühl von Bedrücktheit, welches mich bei harten oder belastenden Szenen überkommt, sofort wieder aufzulösen.
Deshalb steht „Die Landkarte der Zeit“ in meinem persönlichen Ranking ganz weit oben.
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Der Plot des Romans hätte das Zeug zu wirklich guter Unterhaltung! Gelangweilt hat mich ? der Erzählstil
Zur wirklichen = wirksamen Spannung von H. G. Wells’ Time Machine (1895) und War of the Worlds (1898) könnten bei Palma weitere Spannungsmomente hinzu kommen; angelegt sind
- die Rezeptionsgeschichte als Entstehungsgeschichte der – wertmäßig ja nicht unumstrittenen – Gattung Science fiction (es gibt hervorragende literarische Werke in dieser Gattung!),
- physikalisch-technische Entwicklungen der letzten hundert Jahre,
- die Kriminal-Aspekte mit ihrer (historischen und zeitlos menschlichen) Psychologie und
- die darin verwobene Liebesgeschichte, auch mit ihrer sozial- und gendergeschichtlichen Problematik.
All diese Möglichkeiten scheinen mir verschenkt, und das gleich aus zwei Gründen:
1. Innerhalb der dargestellten Welt wird die Zeitreise nach ein, zwei früheren Andeutungen bereits am Beginn des XVII. Kapitels endgültig als platter Betrug entlarvt, also auf S. 262 von 714 Seiten. Nur eine gelangweilte, teils sensationslüsterne, teils naive zeitgenössische Öffentlichkeit fällt darauf herein – wo wäre eine Identifikationsfigur à la good guy, diabolischer bad guy (N. Tesla, S. 262!), sympathischer underdog oder auch großer Forscher, großer Liebender? Auf den letzten 450 Seiten hat mich keine der handelnden Figuren in ‚ihre Sache’ hineingezogen, in keinem der Probleme der handelnden Figuren konnte ich einen Menschen von heute wieder finden – geschweige denn eine ernst zu nehmende historische Perspektive, die der auktoriale Erzähler ja wiederholt zurück weist („Ich hingegen sehe alles und höre alles“). Welche Rolle spielt die Titel gebende Zeit überhaupt (z. B. in ihrem Verhältnis zum menschlichen Bewusstsein oder zum physisch-physikalischen Raum)? Mir scheint, eigentlich gar keine.
Was bleibt, sind eine Gauner-Geschichte ohne psychologischen oder sonstigen Reiz und eine Liebesgeschichte, die ob ihrer sozialen Abfederung weltfremd und steril konstruiert wirkt.
2. Gelangweilt hat mich auch der Erzählstil. Palma schreibt wie der typische Autor von Fortsetzungsgeschichten, der nach Zeilen honoriert wird:
- In seinen Beschreibungen häuft er Merkmale an, als wäre Länge ein Qualitätskriterium und per se schon spannend.
- Die erlebte Rede der Figuren trägt deren Bildungsniveau und aktuellem Seelenzustand kaum Rechnung; so könnte z. B. Tom Blunt’s Überlegung „Jetzt war er bereit zu sterben, sehnte den Tod sogar herbei, denn ihm würde auf der Welt nichts anderes bleiben, als weiter in Löchern zu hausen und dahinzuvegetieren, was ihm jetzt entsetzlich mühsam und sinnentleert vorkam [...]“ (S. 495) mutatis mutandis auch fast allen anderen Figuren in den Mund bzw. ins Hirn gelegt werden. Gerade unter völlig Mittel- und Bildungslosen, die allein mit dem täglichen Überleben beschäftigt sind, ist die Selbstmordrate hingegen bekanntlich gleich Null.
- Die oben genannten Möglichkeiten zur Herstellung von Spannung werden nur additiv eingesetzt. So muss halt ein neuer Bösewicht her, nachdem Gilliam Murrays Potential verbraucht ist – warum der kühle Denker Wells diesem plötzlich ganz naiv Glauben schenkt, bleibt ein Rätsel ...“
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Überzeugend ist an diesem Geschreibsel nur eines: die Langeweile / Langweiligkeit des Helden
Die Lektüre dieses Romans erweist das Ironie-Versprechen seines Untertitels als platte Aussage des Faktischen: So schreibt ein Anfänger (nicht einmal) in der Provinz ? Langeweile auf allen Ebenen.
Dass die jahrzehntelange ?Inselsituation? Berlins korrupte Strukturen in Politik und Verwaltung gefördert hat, ist bekannt; dass Berlins neue Funktion als Drehscheibe zwischen Ost und West, Nord und Süd einen guten Nährboden für mafiose Strukturen abgibt, ebenfalls.
Dass in den 1990er Jahren eine ?Null-Bock-Generation? herangezogen wurde, wird 2011ff. auch niemanden mehr überraschen. Woher soll das Interesse kommen, das durch immerhin 314 Seiten tragen könnte? Aus der unerwarteten Dummheit und Naivität aller beteiligten kriminellen Elemente? Was sich PolizistInnen vielleicht wünschen würden, macht noch lange keinen guten Roman. Und der pubertär verquälte Sex auch nicht ...
Überzeugend ist an diesem Geschreibsel nur eines: die Langeweile / Langweiligkeit des Helden, die mich das Buch halb gelesen hätte zur Seite legen lassen, wenn ich nicht diese Rezension zu schreiben gehabt hätte ...
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Massimo Marini von Rolf Dobelli
In seinem Roman Massimo Marini entwickelt Dobelli dem ersten Anschein nach eine Antithese von "Haben" und "Sein", personifiziert im Titelhelden und seinem Anwalt, der zugleich als Erzähler die Erzählperspektive weitgehend bestimmt. In psychosozialer Hinsicht liefert die Schweiz der Nachkriegszeit den Extremfall einer europäischen Versuchsanordnung: Wie verhält sich der Sohn mittel- und weitgehend rechtloser Arbeitsmigranten mit Saisonnier-Status in diesem wohlhabenden Land, das zudem "scheinbar" über eine ungebrochene Rechtstradition verfügt?
Erwartungsgemäß orientiert sich der Habenichts in seinem Lebensentwurf am Prinzip des Haben-Wollens; auch seine jugendliche Kritik an den herrschenden Verhältnissen ist eine Form der Bemächtigung.
Ebenfalls erwartungsgemäß verharrt der arrivierte Zürcher Anwalt in der Haltung des distanzierten Beobachters. Interessanter wird das Erzählen, sobald die personifizierte Antithese aufbricht: Der soziale Aufstieg mündet in die Suche nach Liebe und nach der Freundschaft des Anwalts, während dessen distanziertes Interesse infolge einer Depression zum Ersatz für eigene Vitalität wird. So vollzieht sich eine schrittweise Umkehr der ursprünglichen Wertungen, die dem zugrunde liegenden Schematismus zum Trotz für die beiden männlichen Protagonisten ganz überzeugend geschildert wird: Beide erleiden den Zusammenbruch ihrer Identität, an deren Aufbau bzw. Aufrechterhaltung sie ihr Leben lang gearbeitet haben. Die weiblichen Nebenfiguren hingegen bleiben blass und papieren, was allenfalls mit der männlichen Erzählperspektive zu entschuldigen ist. Letztlich wird dadurch aber die Aussagekraft der Handlung als ganzer geschwächt ? sie reduziert sich auf ein erkennbar männliches Konstrukt von Wirklichkeit.
Von dieser Kritik nehme ich jene Momente aus, die der Autor vermutlich aus eigenem Erleben schöpft: den Verlauf der Einreise von Massimos Eltern in die Schweiz, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Überanpassung der Fremden, deren verstecktes Kind nicht einmal ein Existenzrecht hat. Der Schematismus der späteren Kompensation durch den sozialen Aufsteiger mag in gewolltem Kontrast zu den berührenden Details dieses "Migrationshintergrundes" stehen. Und hier hätte z. B. eine überzeugendere Entfaltung der ersten Ehefrau Monika ansetzen können, die in ihrem Bemühen um Massimo aber weitestgehend auf ihre Anteilnahme an seiner Arbeitswelt reduziert wird - von ihrer Innenwelt erfahren wir so gut wie nichts. Die Schönheit und das Künstlertum der zweiten Ehefrau bleiben dann vollends eine Behauptung des ganz Anderen aus männlicher Perspektive. In interkulturellen Beziehungen laufen aber ganz andere Auseinandersetzungen ab, und das sogar in der Schweiz (in der ich über zwanzig Jahre gelebt habe).?
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
...Szenen von filmreifer Komik.....
Adams Erbe. von Rosenfeld Astrid
Das Erzählen von Krieg und Gewalt nimmt meist die unmittelbar betroffenen zwei bis drei Generationen in den Blick. Demgegenüber erweitert Rosenfeld ihr Figurenrepertoir um den Angehörigen einer vierten Generation, vor dem die traumatischen Erfahrungen seiner jüdischen Berliner Familie aus der Nazi-Zeit sorgsam geheim gehalten werden.
Trotz aller Tabuisierung legt das Verhalten der älteren Familienmitglieder Edward, diese jüngste Figur des Romans, unerbittlich auf ein ihm selbst unbekanntes Erbe fest. Sein Ausbruch aus der Sprachlosigkeit ins Erzählen von sich und dem ?Erblasser?, seinem Großonkel Adam, hebt das ererbte Muster aber letztlich im doppelten Wortsinne auf: Edward überwindet Adams beständiges Verfehlen seiner Jugendliebe, vielmehr findet er die hoch betagte Dame und sucht sie in den USA auf, um ihr endlich Adams Geschichte zu überbringen. Zugleich aber bewahrt er das Muster, indem er seine eigene Liebe verfehlt und ihr seine Geschichte zwar erzählt, aber als bestenfalls potentieller Adressatin.
Mit dem Thema des ?Erbes? greift der Roman eine Problematik auf, die sich in einer Zeit des Friedens bzw. eines ?nur? Kalten Krieges lange verdrängen ließ: diejenige der ?Kinder der Kriegskinder?, der ?Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs? ? so Titel und Untertitel einer Untersuchung von Anne-Ev Ustorf (Freiburg i. Br.: Herder 2008). Die Verschränkung einer ? oft verschwiegenen, unterdrückten, tabuisierten ? fremden Geschichte mit der eigenen Geschichte einer Figur lässt Rosenfeld eine Erzählstruktur wählen, die in der Gegenwartsliteratur wohl am häufigsten auf dem Balkan anzutreffen ist: die Schachtelung weitgehend selbständiger Erzählungen in einander. Wie auch im ?postkolonialen? Erzählen kommt es dabei zu deutlichen Überschneidungen, Wiederholungen und Echos auf den verschiedenen Ebenen des Textes.
Ein solches Echo ist nicht zuletzt der Humor, mit dem sowohl der bei der SS als Rosenzüchter angestellte Jude Adam als auch der nach bürgerlichen Maßstäben gescheiterte Edward aus ihrem Leben erzählen: Beide machen sich unter bedrückenden Umständen eine phantasievoll-subversive Haltung zu eigen, die immer wieder zu Szenen von filmreifer Komik führt. In Reinkultur verkörpert diese Haltung bezeichnender Weise der amerikanische Ganove, Stiefvater und überlebensgroßes Vorbild des kleinen Edward, Jack Moss, der als ?selfmade man? im wörtlichen Sinne das Szenario seines eigenen Lebens Szene um Szene erfindet; doch auch er, der scheinbar autonome Erzähler von Geschichten, ist ein Erbe mit ?sein[em] amerikanische[n] Akzent, in dem noch irgendetwas anderes mitschwang? (S. 30).
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Ein ..... unbestechlicher, aber nie unmenschlicher Blick auf das Leben in einer der sog. Großen Erzählungen....
In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge
Wie werden aus Revolutionären Spießer? Wie verkommt eine emanzipatorische Weltanschauung zur Rechtfertigung für totalitäre Unterdrückung? Und was können Menschen nach dem Ende eines totalitären Regimes mit der Freiheit einer postmodernen Demokratie anfangen?
Der Titel des Romans setzt derartige historische und biographische Fragen in Beziehung zur (Propaganda-)Bildlichkeit des Lichts für den sozialistischen Aufklärungsanspruch.
Zugleich kündigt er aber auch eine Perspektive an, der es weniger um die dogmatischen ?Gesetzmäßigkeiten? des Historischen Materialismus als vielmehr um das Sehen, um die Wahrnehmung des menschlichen Subjekts geht.
Diese individuelle Perspektive strukturiert das Erzählen: Die einzelnen Kapitel schildern Episoden einer Familiengeschichte jeweils aus der Sicht einer der handelnden Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt zwischen 1952 und 2001. Die Chronologie der drei Generationen wird dabei durch das Bauprinzip assoziativer Sprünge abgelöst, die aber alle einen Angelpunkt haben: den in sechs Kapiteln von einer jeweils anderen Figur erzählten 90. Geburtstag des Patriarchen Wilhelm Umnitzer. Dieser 1. Oktober des Wendejahres 1989 fungiert als Orientierungspunkt, er bildet gleichsam den ersten fixen Stein in einem Mosaik, das die Lektüre von hier aus selbst weiterbaut, indem sie die anderen historisch-biographischen Episoden ein- und zuordnet. Dabei sind Erfahrung, Erinnerung und historisches Wissen, also eine aktive Eigenleistung der LeserInnen gefragt ? eine Anforderung, die uns in das Geschehen hineinzieht. Diese Sogwirkung entfaltet der Text, obwohl (oder gerade weil?) die äußere Handlung nicht spannender ist als das alltägliche Leben in Ost oder West vor oder nach der Wende.
Der Assoziationsreichtum der lebensweltlichen Details lässt eine ganze Epoche wiedererstehen, vergleichbar den ärmlichen, alltäglichen und scheinbar unbedeutenden, dafür aber umso aussagekräftigeren Exponaten in den Schubladen des Berliner DDR-Museums. Von Ansichten und Erwartungen, Kochrezepten und Kleidung, interkulturellen und sprachlichen Missverständnissen, von der längst obsoleten DDR-Transkription des Russischen ? von diesen und vielen anderen Elementen der Erinnerung wird unsentimental, präzise und dicht erzählt, bis hin zu ebenso nüchternen Schilderungen der Nachwende-Zeit im Erleben eines jüngeren Menschen.
Die Fülle der Details wird aber immer wieder von übergreifender Bildlichkeit zusammengehalten. Eine solche Klammer ist die Namensgebung, eine andere besteht in realisierten Metaphern. So kann der lebenslange Ja-Sager Kurt in der Altersdemenz tatsächlich nur noch ?Ja.? sagen, und der nie zur Mündigkeit gelangte Parteisoldat Wilhelm singt mitten im Untergang seiner Welt mit hoher Stimme ein Marschlied.
Ein derart unbestechlicher, aber nie unmenschlicher Blick auf das Leben in einer der sog. Großen Erzählungen kommt konsequent mit einem Schluss aus, der die Frage nach einem weiteren Abnehmen oder einem erneuten Zunehmen des ?Lichts? offen lässt: Von dem erlösenden Licht, das in der christlichen Vorstellung aus dem Osten kommt (?Ex Oriente lux?) über die in vielen Sprachen vorhandene Licht-Metaphorik für die Aufklärung (fr. Siècle des Lumières, engl. Enlightenment, russ. prosve??enie) bis zu Goethes angeblich letztem Ausspruch ?Mehr Licht!? sind eine Vielzahl von Assoziationen zur Metaphorik des Titels möglich.
Aus diesem unübersichtlichen Reservoir darf sich die junge Generation ihre ?Licht?-Quelle aussuchen bzw. muss sie sich neu zusammenbasteln oder erfinden.
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Das Nicht-Ankommen-Können als migrantische Verfassung entwirft der Roman durchaus überzeugend.....
Der Russe ist einer, der Birken liebt Gebunden. von Grjasnowa Olga
Der Titel des Romans lässt eine Auseinandersetzung mit nationalen Stereotypen erwarten, und die liefert er ? wenn auch in ungewohnt psychologisierter Weise: im Psychogramm einer frühkindlich traumatisierten Jüdin aus Aserbaidschan, die mit ihren Eltern nach Deutschland emigriert ist, dort Sprache als ?Macht? zu verstehen gelernt und sich daher verschiedenste Sprachen angeeignet hat, aber letztlich sogar in Israel ? trotz aller Sprach(en)kenntnisse ? eine Fremde bleibt.
Ihr Problem des Fremdseins ergibt sich immer von neuem aus allzu einfachen Konstruktionen von ?Nation? und nationaler Zugehörigkeit, die auf die Ich-Erzählerin nie vollends zutreffen und die sie konsequenter Weise nicht annimmt.
Die Verlogenheit positiver Autostereotypen ihrer (scheinbar toleranten ?Gast?-)Länder zeigt sich u.a. an der kompromittierenden deutschsprachigen Formel vom ?Migrationshintergrund?, aber auch im überall anzutreffenden Sexismus. Der Versuch, ?Heimat? auf einer privaten Ebene neu zu begründen, scheitert mit dem Tode ihres Geliebten Elias, den sie noch als Schwerverletzten im Krankenhaus beneidet, weil er ?innerlich heil? ist (S.41). Eine Auseinandersetzung mit seinem spießigen deutschen Elternhaus (und mit den Problemen, die Elias vermutlich mit den eigenen Eltern hatte) leistet sie ebenso wenig, wie die Auseinandersetzung mit den eigenen, in der Emigration zu jüdischer Frömmigkeit zurückgekehrten Eltern. Die Blockade von Empathie und Verstehen erneuert sich immer wieder in flashbacks eines traumatischen Pogrom-Erlebnisses aus ihrer Kindheit.
So verharrt die Ich-Erzählerin in einer erbarmungslos genauen Beobachtung von Details aller Milieus und bleibt selber immer außerhalb. Dieser Standpunkt ermöglicht ihr durchgehend eine kalt sezierende Sprache, die mitunter ? leider ? in neue Stereotype abgleitet wie z. B.: ?Ihre [i.e. der Krankenschwester] Augen loderten fundamentalistisch? (S. 20).
Das Nicht-Ankommen-Können als migrantische Verfassung entwirft der Roman durchaus überzeugend. Nicht so schlüssig erscheint mir die quasi geschlossene Roman-Form ?von einem Anfang zu einem Schluss?, der keiner ist und auch keiner sein kann: Der Roman endet mit einem Notruf und einer escapistischen Vision.
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
... hinterlässt .... einen zwiespältigen Eindruck...?
Die Tigerfrau von Obreht Téa
Die Story ist gut konstruiert, die Verschränkung der Zeitebenen psychologisch glaubhaft. Dennoch fehlt mir etwas - das Ganze ist einfach zu glatt. Vielleicht bin ich allzu sehr daran gewöhnt, Literatur über serbische Themen auch in serbischer Sprache zu lesen, vielleicht sind Eigenarten der Erzählsprache auf dem Wege der Übersetzung verloren gegangen.
Vor allem aber nimmt erzählerische Archäologie des Bewusstseins eigentlich immer Bezug auf Texte, die zum historisch-literarischen Bestand gehören ("was über einen Krieg geschrieben, in den Schulen gelehrt, auf dem Buchmarkt oder im Untergrund erhältlich war"), und derartige Bezüge gibt es nicht. Der Roman scheint mir eher das durchaus gelungene Produkt eines creative writing - Kurses zu sein und hinterlässt daher einen zwiespältigen Eindruck - aber das ist wohl v.a. meine eigene déformation professionelle.
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Die erzählerische Konstruktion vermeidet akribisch ein letztgültiges Urteil ?
Der Sohn. von Durlacher Jessica
Gegenüber dem Titel des niederländischen Originals, De held, hat der Verlag den Titel der deutschen Übersetzung entschärft: Der Sohn bezeichnet zunächst lediglich die Verwandtschaftsbeziehung zwischen der Ich-Erzählerin und einer der Figuren. Die Bewertung dieses Sohnes und seines Handelns als heroisch kann der Leser / die Leserin gegen Ende der Lektüre selber vornehmen, muss es aber nicht ? im deutschen Titel ist keine Wertung vorgegeben.
Somit dient dieser Eingriff wohl nicht vordergründigen Marketing-Zwecken.
Vielmehr führt die Änderung direkt ins Zentrum eines ethischen Dilemmas, das der Roman aufwirft: Darf der Mensch das Recht unter bestimmten Voraussetzungen in die eigene Hand nehmen? Im Gefolge von Naziterror und den anderen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts werfen heute positiv besetzte Begriffe wie ?ziviler Ungehorsam? oder ?Widerstand gegen die Staatsgewalt?, aber auch militärisches Eingreifen auf fremdem Territorium oder postkolonialer Terrorismus diese Frage auf. Jessica Durlachers Roman lotet sie in einer scheinbar privaten Familiengeschichte psychologisch aus; rechtsphilosophische und völkerrechtliche Aspekte spielen am Rande aber durchaus auch eine Rolle.
In den drei Generationen der jüdischen Familie Silverstein wird das Grauen des Holocaust gleichsam vererbt, allerdings weniger durch die mündliche Tradition als durch einen ausgeprägten Beschützer-Instinkt, der sie Wesentliches immer wieder verschweigen lässt: Die jeweiligen Eltern wollen ihre Kinder vor dem Wissen um brutale Fakten bzw. die Erinnerung daran ebenso beschützen wie die jeweiligen Kinder ihren Eltern schmerzhafte Fragen und das Wissen um eine fortwährende Bedrohung ersparen wollen. Dieses sonst meist der Täterseite bescheinigte Schweigen wird hier auf der Seite der Opfer vorgeführt, und es drängt die Opfer und ihre Nachkommen sogar unter einander in die Rolle von KriminalistInnen, die immer wieder die Bedingungen der eigenen Existenz klären müssen.
Die Spurensuche Saras, der Vertreterin der mittleren Generation, führt zu einer Täterschaft, die von einer ähnlichen Sprach- und Hilflosigkeit geprägt ist: zum geprügelten Sohn eines Nazi-Schergen und dem in der Illegalität aufwachsenden Sohn einer Arbeitsmigrantin ohne Papiere. Aus der Perspektive der Ich-Erzählerin werden diese fremden Vorgeschichten nur kurz gestreift, aber die Selbstermächtigung zu Gewalt und die Usurpation des Rechts sind auch in der Entscheidung ihres Sohnes Mitch für eine Ausbildung zum US-Marine angelegt. Das Hadern der Mutter mit
dieser Entscheidung ihres Sohnes geht ihrer eigenen gefühlsgeleiteten Entscheidung voraus, nicht auf ihren Peiniger zu schießen. Der Sohn entscheidet sich mit derselben Waffe in der Hand vor derselben Tür anders.
Mit seinen zwei Generationen von im Frieden aufgewachsenen Nachkommen der Opfer stellt der Roman also gleichsam eine Versuchsanordnung dar, die die Gedanken- und Gefühlswelt des ersten Opfers, des Großvaters Hermann Silverstein, abbildet: In seiner Angst vor dem Nazi-Terror versteckt er sich ? eine angesichts der Zahlenverhältnisse auch vernünftige Entscheidung; vernunftgeleitet ist später seine Aufarbeitung der eigenen Geschichte mittels wissenschaftlicher Dokumentation ebenso wie die Erziehung seiner Kinder zu Gewaltlosigkeit. Im Bewusstsein desselben Hermann Silverstein hat aber zur gleichen Zeit auch die Phantasie von gewaltsamer Gegenwehr Platz, die er in jenem Brief formuliert, mit dessen Lektüre durch die Ich-Erzählerin der Roman schließt.
Hermann Silverstein ist verängstigtes Kind und ?Held? in einer Person, und er bleibt beides bis ans Ende seines Lebens. Ähnlich gegensätzliche Aspekte vereinigen auch die anderen Figuren des Romans in sich. Die erzählerische Konstruktion vermeidet akribisch ein letztgültiges Urteil, sie geht nicht in die Falle der Identifikation mit einer für gut oder böse erkannten Gewalt oder Gewaltlosigkeit. So erblickt die Mutter an ihrem Sohn nach dem Mord Merkmale, mit denen totalitäre Regime Filmhelden oder Statuen ihres Neuen Menschen ausstatten: ?Sein Gesicht ist todernst, die Muskeln über den Wangenknochen und dem Kinn sichtbar angespannt, seine Haut glänzt vor Kraft, seine Augen sind klar und hell. Er ist aus Licht gemacht, denke ich, und mich befällt ein unbestimmtes Gefühl des Unbehagens [...]? (S. 377-78). Aber auch dieser Mensch hat stark geweitete Pupillen ? wird er, der mit seinen geliebten Eltern nicht über den Mord spricht, seinen Kindern je davon oder von seinen Erfahrungen in Afghanistan erzählen?
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Eine bitterböse, glänzend geschriebene und in ihren Wiedererkennungseffekten höchst amüsante Medienkritik ...
Er ist wieder da von Vermes Timur
Der Roman lebt von einer phantastischen Grundannahme: Nach über einem halben Jahrhundert erwacht Adolf Hitler im Berlin der Gegenwart. Aussehen, Sprache und Weltanschauung sind seit 1945 unverändert, das stellt Hitler als Ich-Erzähler von der ersten bis zur letzten Seite nachdrücklich unter Beweis.
Gleich geblieben ist auch die Faszination, die dieser Held offensichtlich auf seine Mitmenschen ausübt: Er wird an einen Privatsender vermittelt und macht dort eine steile Karriere als vermeintlicher Comedy-Darsteller. Einen politisch korrekten ?Quotentürken? verdrängt er aus dessen eigener Fernsehshow, als ?irrer Youtube-Hitler? wird er Kult und knüpft Beziehungen zu Größen aus Politik und Medien. Alle fallen auf ihn herein, ausgerechnet die ?Bild?-Zeitung agiert als letztes Bollwerk der Demokratie, und wo vordergründig der ?Künstler? angehimmelt wird, drängt sich der Verdacht auf, dass auch die zynischen Inhalte seiner Reden die meisten Figuren durchaus ansprechen. Eine bitterböse, glänzend geschriebene und in ihren Widererkennungseffekten höchst amüsante Medienkritik ...
Wie kann ein solches Gedankenexperiment enden? Mit einem Knalleffekt: Hitler wird von Rechtsradikalen als ?lebensunwert? und ?Judenschwein? beschimpft und auf offener Straße zusammengeschlagen. Spätestens hier geraten alle einfachen Rechts-Links-Zuordnungen durcheinander, obwohl/gerade weil die historische Konstellation der 1930er Jahre neuerlich beschworen wird: Hitler sieht in seinen Gegnern einen SA-Trupp (?ihr endet wie Röhm?), und diese argwöhnen eine Neuauflage der Dolchstoßlegende (?dann fällst du ... Deutschland in den Rücken!?). Zur Kenntlichkeit entstellt wird so nicht nur der Zynismus der Medien-, Macht- und Geld-Eliten, sondern die grundsätzliche Verführbarkeit von Menschen ? die Spaßgesellschaft lechzt nach einfachen Botschaften.








