Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Gute_Laune:
Düster und gewaltig!
Giftiger Grund von Thomas Knüwer
Joran kommt frisch aus der JVA. Er hat seine Strafe abgesessen, doch sein Vater sieht das anders, er hat es schwer, einen Job zu finden, niemand gibt ihm eine echte Chance. Also muss er die versteckte Beute von damals holen. Doch an der längst verlassenen Tankstelle trifft er auf Chara und Edda und findet die Leiche seines Freundes.
Wer hat ihn getötet? War es der dritte im Bunde? Und was hat es mit dem Mädchen im Schlafanzug und der jungen Frau auf sich?
Schnell erkennt man, dass Chara, Edda und Joran jeweils ihre heftigen Probleme haben. Einiges wird nur angedeutet, anderes fast schon zu ausführlich erzählt. Insofern ist dieser Thriller enorm bedrückend. Thomas Knüwer hat schlimme Themen eingewebt, die an die Nieren gehen. Das geht schon ein Stück weiter, als bloße Sozialkritik. Man wird tatsächlich regelrecht in die Story gesogen, traut sich nicht aufzuhören. So schlimm die Szenen oft sind, so angewidert man immer wieder ist, will man verstehen und hat das Gefühl, alles wird für die Figuren besser, wenn man für sie da ist. Klingt bescheuert, ich weiß, aber anders kann ich es nicht erklären.
Die Entwicklung ist anfangs langsam, fast schleichend, doch dann überschlagen sich die Ereignisse und ergeben eine atemberaubende Story. So krass alles ist, so realistisch ist es doch. Mich hat die Story unfassbar bewegt und erschüttert. Das Finale ist umwerfend und für meinen Geschmack passt das Ende sehr gut.
Mir gefällt sehr gut, dass mehrere Sprecher eingesetzt wurden, um den Figuren die passende Erzählerstimme zu geben. Man kann sie sehr gut unterscheiden und so der Story besonders gut folgen. Sprecher und Story bilden eine tolle Einheit und ich wurde aufs Beste unterhalten. Fünf blitzblanke, leuchtende Sterne!
Rezensionen von nil_liest:
Wie klärt man einen Mord, wenn man selbst das Opfer ist?
Noch fünf Tage von Helena Falke
Manchmal reicht ein einziger Abend, um ein ganzes Leben aus der Bahn zu werfen. Für Lis beginnt alles mit einem luxuriösen Silvesterdinner in Davos – und endet mit einer Diagnose, die kaum brutaler sein könnte: Vergiftung. Radioaktives Polonium. Fünf Tage bis zum sicheren Tod.
Helena Falke nimmt ihre Leser:innen in „Noch fünf Tage“ mit in einen Thriller, der nicht von Verfolgungsjagden lebt, sondern von Zeitdruck – und zwar einem gnadenlosen.
Die Milliardärsfamilie Harman ist nach dem Festmahl tot, das Lis als exklusive Köchin für sie zubereitet hat. Sie selbst hat nur eine geringere Dosis des Gifts abbekommen. Genug, um noch wenige Tage zu leben. Genug Zeit, um herauszufinden, was wirklich passiert ist.
Der Roman entfaltet seine Spannung aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Lis erzählt ihre Geschichte selbst. Vom Krankenhausbett in einer luxuriösen Klinik aus versucht sie, die Ereignisse der Silvesternacht zu rekonstruieren. Gleichzeitig muss sie sich mit einer viel größeren Frage auseinandersetzen: Wie verabschiedet man sich von seinem Leben – und vor allem von seiner Tochter?
Gerade dieser Aufbau macht den Thriller so intensiv. Statt klassischer Kapitel strukturiert Falke die Handlung mit Tages- und Uhrzeitangaben, die wie ein Countdown wirken. Beim Lesen hört man förmlich die Sekunden ticken. Jede Szene fühlt sich an wie ein kleiner Wettlauf gegen die Zeit – und gegen Lis’ schwindende Kräfte.
Auch stilistisch hat das Buch eine eigene Dynamik. Die Ich-Perspektive zieht einen unmittelbar in Lis’ Gedankenwelt hinein. Ihre Erinnerungen, Zweifel und Vermutungen wirken fast tagebuchartig – fragmentarisch, manchmal sprunghaft, aber gerade dadurch sehr nahbar. Rückblicke auf ihre Karriere in einer Londoner Spitzenküche oder ihre Zeit mit der Familie Harman fügen sich nach und nach zu einem größeren Bild zusammen. Stück für Stück entstehen Hinweise, Motive und Verdachtsmomente.
Besonders faszinierend fand ich die vielen kulinarischen Details. Falke beschreibt Lis’ Arbeit als Spitzenköchin so lebendig, dass man beim Lesen fast den Duft der Gerichte wahrnehmen kann. Diese luxuriöse Welt der Sterneküche und der Superreichen bildet einen starken Kontrast zur beklemmenden Situation im Krankenhaus, in der Lis versucht, ihr Leben zu ordnen.
Doch der Roman lebt nicht nur von Spannung. Er hat auch eine sehr emotionale Seite. Lis ist nicht nur Verdächtige und Ermittlerin in eigener Sache – sie ist vor allem Mutter. Die Szenen mit ihrer Tochter Cosima gehören zu den berührendsten Momenten des Buches und geben dem Thriller eine Tiefe, die über die reine Krimihandlung hinausgeht.
So entsteht eine Geschichte, die gleichzeitig rasant und nachdenklich ist. Ein Thriller, der fragt: Was bleibt von einem Menschen, wenn seine Zeit abläuft – und was ist man bereit zu tun, um die Wahrheit noch ans Licht zu bringen?
„Noch fünf Tage“ ist ein ungewöhnlicher, temporeicher Thriller mit einem cleveren Aufbau, einer starken Hauptfigur und einem Countdown, der einen bis zur letzten Seite unter Spannung hält. Ein Buch, das man nicht nur liest – man zählt die Stunden mit.
Rezensionen von nil_liest:
Wenn Gedanken keine Autobahnen bauen
Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher
Manchmal beginnt alles mit einem kleinen Wunsch: ein bisschen Chaos, bitte – nur genug, um einen unangenehmen Moment zu verhindern. Genau so startet dieser Roman. Der neunjährige Oz trägt einen Brief seiner Lehrerin nach Hause und hofft insgeheim auf eine Katastrophe, die seine Mutter davon ablenken könnte.
Als er schließlich nach Hause kommt, stellt sich heraus: Eine Katastrophe hat tatsächlich schon stattgefunden. Seine Großmutter ist verschwunden.
Doch dieser Roman erzählt weit mehr als nur die Geschichte eines vermissten Familienmitglieds. Birgit Birnbacher zeichnet ein sensibles, manchmal schmerzhaft ehrliches Porträt einer Familie, die sich in einem Alltag voller Überforderung, Diagnosen und Erwartungen bewegt. Im Zentrum steht Oz, ein Junge mit ADHS – unruhig, rebellisch, voller sprunghafter Gedanken und doch gleichzeitig unglaublich feinfühlig. In der Schule fällt er ständig auf, wird bewertet, getestet, eingeordnet. Aber was viele übersehen: Oz ist auch klug, empathisch und besitzt eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe.
Seine Mutter Ann ist ihm dabei ähnlicher, als ihr vielleicht lieb ist. Auch sie lebt mit einem Nervensystem, das nicht immer den gesellschaftlichen Erwartungen folgt. Ihr Leben wirkt wie ein Balanceakt: berufliche Unsicherheit, eine gescheiterte Ehe, Therapien, Termine und der ständige Versuch, ihrem Sohn Halt zu geben – obwohl sie selbst oft kaum festen Boden unter den Füßen spürt. Trotzdem kämpft sie unermüdlich für ihn. Immer wieder stellt sie sich gegen Zuschreibungen und vorschnelle Urteile von außen.
Birgit Birnbachers Sprache ist aufmerksam, dicht und gleichzeitig sehr lebendig. Sie versucht gar nicht erst, die Gedankenwelt ihrer Figuren zu glätten – im Gegenteil: Die Sätze folgen oft den schnellen Richtungswechseln der Gedanken. Abschweifungen, Beobachtungen, kleine innere Umwege – all das spiegelt wunderbar wider, wie sich eine Welt anfühlen kann, in der Gedanken nicht brav auf geraden Autobahnen verlaufen, sondern über Seitenstraßen, Abzweigungen und überraschende Wege führen.
Gerade dadurch entsteht eine große Nähe zu den Figuren. Man spürt ihre Überforderung, aber auch ihren Humor. Denn trotz der ernsten Themen – Diagnoseprozesse, schulische Probleme, familiäre Konflikte – ist dieser Roman immer wieder überraschend leicht. Birnbacher schreibt mit einem feinen, manchmal sehr leisen Humor, der besonders in den Beobachtungen von Oz aufblitzt.
Auch sprachlich hat das Buch seinen eigenen Klang. Die österreichischen Ausdrücke verleihen dem Text eine besondere Atmosphäre und machen das Erzählen noch lebendiger. Es fühlt sich an, als würde man direkt in diese Familie hineingezogen werden – mitten hinein in ihr Chaos, ihre Zärtlichkeit und ihre manchmal verzweifelten Versuche, einander zu verstehen.
Besonders berührt hat mich, wie der Roman die Beziehung zwischen Mutter und Sohn zeigt. Beide beobachten sich ständig, versuchen einander zu stabilisieren, sich gegenseitig vor emotionalen Ausbrüchen zu schützen. Diese stille Fürsorge ist vielleicht das Herz der Geschichte.
Am Ende bleibt vor allem eine Frage im Raum: Wer entscheidet eigentlich, was „normal“ ist? Und könnte es sein, dass gerade die Menschen, deren Gedanken wild wachsen dürfen, unserer überreizten Welt etwas Wichtiges entgegenzusetzen haben?
„Sie wollen uns erzählen“ ist kein lauter Roman – aber einer, der lange nachhallt. Ein Buch über Überforderung und Liebe, über neurodivergentes Denken und darüber, wie schwer – und gleichzeitig wie wertvoll – es sein kann, nicht in vorgegebene Formen zu passen.
Rezensionen von nil_liest:
Wann ist man eigentlich alt genug, endlich man selbst zu sein?
Alt genug von Ildikó von Kürthy
Das Sachbuch….ist es überhaupt eines? Da sind wir wieder bei Schubladen….Es beginnt wie ein Glas Wein auf einer Party, das plötzlich zu einem sehr ehrlichen Gespräch führt – eines, bei dem man merkt, dass jemand den Mut hat, Dinge auszusprechen, die viele denken, aber selten laut sagen.
Wieder mal sehr gelungen von Ildikó von Kürthy, kein Wunder, dass sie mit diesem Buch „Alt genug“ auf der Spiegel BestsellerListe auf Platz 1 gelandet ist.
Schon nach den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, nicht einfach ein Buch zu lesen, sondern einer klugen, witzigen Freundin zuzuhören. Ildikó von Kürthy schreibt in „Alt genug“ nicht in der Distanz einer Autorin, sondern in der Nähe einer Erzählerin, die ihr Leben einmal auf den Tisch legt – mit all seinen Ecken, Zweifeln, kleinen Triumphen und auch den unbequemen Wahrheiten.
Formal ist das Ganze eigentlich gar kein klassisches Sachbuch. Es ist eher ein Memoir, ein literarischer Gedankenstrom, der sich rund um einen einzigen Abend entfaltet: eine Geburtstagsparty, während der die Autorin gedanklich durch ihr Leben wandert. Diese Struktur mochte ich sehr. Zwischen Gesprächen, Beobachtungen und kleinen Momenten der Selbstreflexion entstehen Rückblicke auf Freundschaften, Liebe, Verluste und Ängste. Alles fügt sich Stück für Stück zu einem sehr persönlichen Gesamtbild.
„Bis hierhin habe ich es also geschafft.
Nicht unbeschadet, natürlich nicht, ziemlich angeschlagen sogar, aber eben doch letztlich nicht unterzu-kriegen. Die Lebensmitte ist überschritten, ich habe geliebte Menschen, etliche Illusionen, häufig den Mut und zweimal mein Portemonnaie inklusive sämtlicher Papiere verloren.“ (Auftakt des Buches)
Ildikó von Kürthy schreibt lebendig, selbstironisch und mit einem feinen Gespür für Pointen. Sie kann in einem Moment sehr humorvoll sein – etwa wenn sie über das Wunder des Mittagsschlafs oder das frühzeitige Verlassen von Partys spricht – und im nächsten Moment überraschend ehrlich über Themen schreiben, über die sonst eher geschwiegen wird: Wechseljahre, Medikamente, Selbstzweifel, das Älterwerden selbst. Gerade diese Mischung aus Leichtigkeit und Offenheit sorgt dafür, dass der Text nie belehrend wirkt. Man fühlt sich vielmehr eingeladen, mitzudenken.
Besonders berührt hat mich, wie sehr dieses Buch Verbindung schafft. Es ist voller kleiner Bekenntnisse, die zeigen: Niemand ist mit seinen Ängsten, Erwartungen oder Unsicherheiten allein.
Und obwohl sich das Buch stark mit der Lebensmitte beschäftigt, habe ich gemerkt, wie gut mir diese Lektüre auch unter 50 tut. Vielleicht gerade deshalb. Es wirkt ein bisschen wie ein Blick in eine Zukunft, die weniger beängstigend ist, als man manchmal denkt. Eine Zukunft, in der man lernt, nicht mehr allen gefallen zu müssen.
Für mich war „Alt genug“ deshalb fast wie Balsam für die weibliche Seele – besonders für die Seite in uns, die so lange versucht, Erwartungen zu erfüllen, angepasst zu sein und es allen recht zu machen. Dieses Buch flüstert einem leise zu: Irgendwann kommt der Moment, in dem man merkt, dass man frei ist, einfach man selbst zu sein.
Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieses Buches:
Alt genug zu werden heißt nicht, etwas zu verlieren – sondern endlich etwas loslassen zu dürfen.
Rezensionen von ekiam:
Spielerisch die Baustelle entdecken – ein gelungener Einstieg für die Kleinsten
tiptoi® Wieso? Weshalb? Warum? junior - Bagger von Inka Friese
Mit der tiptoi® Wieso? Weshalb? Warum? junior-Reihe erweitert Ravensburger sein tiptoi®-Sortiment um Wissensbücher für die Kleinsten. Den Auftakt der Reihe macht der Dauerbrenner Bagger.
Auf acht Doppelseiten wird die Geschichte rund um Emma und ihren Opa Anton erzählt, der als Baggerfahrer gemeinsam mit seinen Kolleg*innen und verschiedenen Baustellenfahrzeugen einen neuen Spielplatz baut.
Eingebettet in diese Geschichte werden die wichtigsten Fragen zum Thema Bagger beantwortet: Was kann ein Bagger? Wie sieht er von innen aus? Welche Baggerarten gibt es? Das Wissen wird durch die Protagonisten lebendig und kindgerecht vermittelt.
Typisch für tiptoi® sorgen zudem realistische Baustellengeräusche für Wiedererkennung aus dem Alltag der Kinder. Ergänzt wird das Ganze durch ein Bagger-Lied sowie ein altersgerechtes Suchspiel.
Die Texte sind kurz, verständlich formuliert und prägnant, für Zweijährige stellenweise aber noch etwas umfangreich. Neu ist die Stimme, die durch das Buch führt: Während bisher Pascal Breuer die tiptoi®-Reihe begleitet hat, ist nun eine weibliche Stimme zu hören; ein gelungener und zeitgemäßer Wechsel. Dieser Perspektivwechsel zeigt sich auch in der Darstellung, denn auf der Baustelle arbeiten selbstverständlich auch Frauen.
Die Illustrationen entsprechen dem bekannten Stil der tiptoi®-Bücher: liebevoll, detailreich und gleichzeitig altersgerecht nicht zu überladen.
Das Format entspricht dem der Wieso? Weshalb? Warum? Junior-Reihe und ist ideal für kleine Kinderhände geeignet. Die stabilen Seiten halten einiges aus, auch wenn die für tiptoi® typische Spiralbindung das Umblättern gelegentlich erschwert und sich Seiten mitunter verhaken können, was gerade bei sehr kleinen Kindern zu Frust führen kann. Positiv hervorzuheben sind die abgerundeten Ecken, die sich mittlerweile in der Reihe etabliert haben.
Ein rundum gelungenes tiptoi®-Buch, das nicht nur für die Kleinsten spannend ist und einen tollen Einstieg in die Welt der Baustellen bietet.
Rezensionen von begine:
Drei Leben
Die Namen von Florence Knapp
Die Namen, heißt der Debütroman von Florence Knapp.
Das Cover des Buches zeigt drei Schatten, das passt besonders gut zu dieser Geschichte.
1987 meldet Cora ihren Sohn beim Amt an. Ihre Tochter schlägt Bär vor, sie findet Julian gut, aber der Vater will, das der Junge seinen Namen Gordon bekommt.
So beginnt dieser Roman über brutale häusliche Gewalt.
Die Autorin lässt für jeden der drei Namen eine neue Familiengeschichte beginnen. Abwechselnd werden die Zeiten erzählt.
Ich glaube jetzt nicht, das Namen die Schicksale enden können. Gott sei Dank, sonst wäre die Namenswahl nicht zu bewältigen.
Allerdings ist es interessant wie sich das Leben entwickeln kann.
Ich kann ja nie so richtig verstehen, wie Frauen die ewigen Schläge und Demütigungen aushalten können.
Diese Geschichte ist da schwer zu ertragen. Aber die verschiedenen Namen, machen doch Hoffnung.
Ich hoffe, das niemand das alles erleben muss.
Der Roman ist aber trotz allem, sehr gut gestaltet und dadurch sehr lesenswert.
Rezensionen von MarcoL:
Kritische, ironische, treffende Gesellschaftskritik. Literarisch einzigartig.
Die Elefanten von Sasha Filipenko
Auf einmal waren sie da, die Elefanten. Sie standen einfach so herum. In den Wohnungen, Büros, Straßen. Blockierten Teile des Lebens, machten alles etwas komplizierter und schwieriger. Niemand tat etwas dagegen, und bald waren sie eine Selbstverständlichkeit. Menschen, die dagegen aufbegehrten, wurden zu Außenseitern, ja Querulanten abgestempelt.
Und schnell offenbart sich uns diese Allegorie, wofür die Dickhäuter stehen.
Schnell passt sich der Mensch an Bedrohungen und Einschränkungen durch den Staat an, frei nach dem Motto: wenn es nicht schlimmer wird und mich kaum betrifft, was soll's.
Natürlich gibt es Einzelne, wie zum Beispiel den Stand-up-Comedian Pawel, der dagegen aufbegehrt, der ausspricht, was Sache ist, das Problem beim Namen nennt. Er versucht es mit Humor – dennoch verblassen seine anfänglichen Witze darüber schnell. Auch privat leidet seine Beziehung mit Anna – denn wenn die äußeren Einflüsse Druck ausüben, gerät auch das innere Gefüge ins wanken, mit existenziellen Folgen.
Das ist aber in diesem Roman noch nicht alles, denn die Figur von Alexander (Annas Vater und Schriftsteller) besticht durch eine interessante literarische Idee: Er möchte einen Roman schreiben, der nur aus Leserkommentaren aus den Social-Media-Bubbles besteht. Und just finden wir dieses Experiment schwarz auf weiß vor uns, denn Filipenko bedient sich selbst dieses Stilmittels (genial, aber anstrengend).
Was mir jetzt nicht so behagte bei der Lektüre waren die angedeuteten Kreuzworträtsel. Denn ab und zu muss man sich dann ein Wort aus dem zu Beginn stehenden Kreuzworträtsel selbst raus suchen (was nicht besonders schwer ist, aber den Lesefluss unterbricht).
Der Roman ist eine Parabel, ein politischer Fingerzeig, der gezielt auf die offenen Wunden in der Gesellschaft drückt. Die Gefahr schleicht sich ein, Zensur und Diktatur werden schnell als Normal erachtet.
Und gerade in dieser Zeit ist dieses Buch aktueller denn je. Rund um den Globus brennt es, die Feuer geschürt von machtbesessenen Autokraten, denen das Wohl des eigenen Volkes völlig egal ist – man kann auf dem Globus hinschauen, wo man will, diese beißende Kritik trifft überall ins Schwarze.
Gerne gebe ich eine Leseempfehlung für diesen sehr speziellen Roman für alle, die sich auf ein literarisches Experiment einlassen möchten.
Rezensionen von Skanus:
It's showtime
Ein Date mit deinem Gehirn von Damir del Monte
Dieses Buch ist ein populärwissenschaftlichen Buch. Deswegen hat es mich angesprochen. Mit viel Interesse an dem menschlichen Gehirn, seinen Funktionsweisen und seinem Aufbau, habe ich erwartet, diese Sachverhalte in klaren Worten erklärt zu bekommen. Gerne auch wissenschaftlich untermauert, evtl. mit Fachbegriffen.
Was ich bekommen habe, ist eine blumige Schilderung, angereichert mit bildhaften Vergleichen, die zur Verständlichkeit beitragen sollten, leider aber das Gegenteil erreicht haben: meine Gedanken schweiften ab, die Augen lasen die Buchstaben und das Gehirn verlor sich irgendwo unterwegs zum Ende des Satzes.
Einige Informationen blieben als "neu" im Gedächtnis haften. Es waren solche, die in klarer Sprache aufgeschrieben wurden. Auch die grafischen Übersichten auf den Rückseiten der Buchdeckel sind anschaulich und verständlich. Die Zusammenhänge erschließen sich.
Das umfangreiche Quellenverzeichnis am Ende des Bandes ist beeindruckend. Es finden sich neben Fachartikeln aus dem medizinischen Bereich und Universitätsveröffentlichungen erstaunlich viele Publikationen aus deutschen Publikumsverlagen. Weitere populärwissenschaftliche Werke.
Bei der medizinischen Qualifikation des Autors hätte ich mehr erwartet: mehr Fachliches, mehr Medizinisches und besonders eine straffere, sachlichere Sprache. Die Dinge mehr auf den Punkt gebracht, weniger "fabulieren".
Eine Recherche über den Autor ergab einen ansprechenden Webauftritt mit vielen positiven Äußerungen und Bewertungen. Die Biografie fällt etwas kurz aus und lässt sich nicht anderweitig online nachlesen. Es scheint nur diesen Webauftritt zu geben, ansonsten keine Referenz. Alles dreht sich um diese Buch und mediale Wirksamkeit. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass das Mediale dem Autor zu breiter Aufmerksamkeit verhelfen soll. Die Bilder seiner Life-Show lassen erkennen, wie sehr der Auftritt zu einer actiongeladenen Veranstaltung gemacht wurde.
Ich kann das Bemühen, neurowissenschaftliche Themen anschaulich für Jedermann darzustellen, nachvollziehen. Es sind spannende Fragen rund um das menschliche Gehirn, die vielen Menschen ihren Denkaparat näher bringen sollen und den Zusammenhang zum "Gesamtkonstrukt Mensch" erklären möchten.
Ich hätte mir all diese Themen weniger "show-mäßig", sondern mehr fachspezifisch gewünscht. Klare Fakten verständlich aufbereitet. Darunter muss das Zusammenspiel von Gehirn und Geist - ein zentrales Thema des Buches - nicht leiden. Auch hier geht eine klare Darstellung, die ohne weitschweifige Beispiele auskommt.
Rezensionen von Nele33:
gute Dystopie für die Altersklasse
The Factory – Es gibt kein Entkommen von Catherine Egan
"The Factory-Es gibt kein Entkommen" der Autorin Catherine Egan hebt sich in überraschenderweise von den üblichen Dystopien für Jugendliche ab. Das Buch wird für Jugendliche ab 12 Jahren empfohlen, diese Einschätzung unterstütze ich als Erzieherin auf jeden Fall.
Protagonist ist der 13-jährige Asher, der für ein Jahr in die Factory geht um augenscheinlich die Welt zu verbessern.
Es handelt sich um ein Experimentprogramm um die Zukunft auf der Erde für nachfolgende Generationen lebbar zu machen. Das beste für Asher daran ist allerdings die gute Bezahlung, die seiner Familie ein besseres und ein Leben außerhalb von Armut ermöglichen könnte. Doch seine anfängliche Begeisterung schlägt schnell in Misstrauen um, handelt es sich bei der Forschungsstation doch eher um ein Lager, in dem die Kinder in Containern und bewacht leben müssen.
Er und seine neuen Freunde hinterfragen das Institut und kommen einem sehr großen Skandal auf die Spur.
Die Autorin hat mit Asher einen sehr nahbaren Protagonisten geschaffen. Die Thematik als Dystopie beschrieben, könnte ich mir sehr gut als real vorstellen, besonders wenn man das momentane Weltgeschehen dabei im Auge hat.
Altersentsprechend werden ausführlich die Extraktionen erklärt und die Spannung ist für Jugendliche von der ersten Seite an durch den passenden Schreibstil vorhanden.
Das Buch endet mit einem Cliffhanger der neugierig auf den nächsten Band und die Entwicklung darin machen.
Ein tolles, durchdachtes und spannendes Buch für die vorgeschlagene Altersgruppe.
Rezensionen von Bücherfreundin:
Berührender feministischer Roman
Das Tränenhaus. Roman von Gabriele Reuter
Seit 2024 legt der Reclam Verlag in seiner Reihe "Reclams Klassikerinnen" Werke bedeutender und oft vergessener Autorinnen neu auf. Diese überarbeiteten Neuauflagen sind auch optisch so schön und modern gestaltet, dass sie in jeder Buchhandlung Beachtung finden und mancher Leser sich beim Lesen des Klappentextes wundert, dass es sich um wiederentdeckte Werke handelt.
Gabriele Reuter war bekannt als Autorin realistischer und sozialkritischer Romane, ihr größter Erfolg war das 1895 erschienene Buch "Aus guter Familie". 1908 veröffentlichte sie ihren Roman "Das Tränenhaus", in dem sie die damalige Doppelmoral in der Gesellschaft beschrieb und damit einen Skandal auslöste.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Autorin Cornelie Reimann, die ledig ist und ein Kind erwartet. Sie ist von zuhause geflohen und hat sich ein Zimmer in einem einfachen Wirtshaus genommen, um dort in Ruhe ihr Buch fertigzustellen. Die Tantiemen sollen die Versorgung ihres Kindes sicherstellen, da sie damit rechnet, die Geburt nicht zu überleben. Bald zieht sie in ein Frauenheim um, das von Frau Uffenbacher, einer resoluten Hebamme, geführt wird. Sie bietet ledigen Frauen einen Zufluchtsort, um ihre unehelichen Kinder fernab von ihren Familien zur Welt zu bringen. Cornelie zieht sich zu Beginn ihres Aufenthaltes auf ihr Zimmer zurück. Als sie erkennt, dass die übrigen Bewohnerinnen des Geburtshauses von Frau Uffenbacher schlecht behandelt werden, ergreift sie Partei für die Frauen und schließt Freundschaft mit ihnen.
Die Autorin erzählt die berührende Geschichte, in der es um ungewollte Mutterschaft und die harten Lebensbedingungen der betroffenen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht, in der Sprache der damaligen Zeit. Viele Dialoge sind im schwäbischen Dialekt verfasst, was meinen Lesefluss anfangs etwas bremste. Die Charakterzeichnung ist Gabriele Reuter hervorragend gelungen, ich konnte mich gut in die einzelnen Frauen hineinversetzen, die in ihrer Not und aus Angst vor der Schande Zuflucht in der Anonymität eines Geburtshauses suchten. Es war spannend, Cornelies Entwicklung und die ihrer Mitbewohnerinnen zu verfolgen, und ich habe mich darüber gefreut, dass die ungleichen Frauen ein Gemeinschaftsgefühl entwickelten und sich gegen die Schikanen der Hebamme auflehnten.
Ebenso lesenswert wie der Roman ist auch das 12-seitige Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Annette Seemann, in dem sie viel Wissenswertes über die Autorin, die ihre eigenen Erfahrungen in ihr Buch hat einfließen lassen, erzählt. Sehr interessant fand ich auch die Zeittafel am Ende des Buches, die Gabriele Reuters Lebensstationen aufzeigt.
Leseempfehlung für dieses mutige Buch!











