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Rezensionen von fantasia:
Was ein Leben wirklich schön macht
Das schönste aller Leben von Betty Boras
Betty Boras Roman „Das Schönste aller Leben“ ist ein Debütroman, der überzeugt. Er berührt, lässt Raum für eigene Gedanken rund um das Thema, was den Menschen wirklich „schön“ macht und damit jedes Leben besonders werden lässt.
Das Ganze spielt rund um das Banat, das auch zum Sprechen kommt: „Zu viele Jahre habe ich mich in euch eingeschrieben.
In eure Gesichter, euren Gang, eure Aussprache.“ (S.213). „Ihr pflanzt alle Hoffnung in die, die nach euch kommen. Nicht alle werden stark genug sein, diese Bürde zu tragen.“ (S.214) Und darum geht es auch - die Bürde, die die Vorfahren tragen, alles richtig zu machen, damit es die Nachkommen „schöner“ haben und deren Versuche, damit klar zu kommen und eine eigene Identität zu entwickeln. Da spielen sicherlich auch eigene Erfahrungen der Autorin hinein, die in Rumänien geboren ist und als Kind nach Deutschland kam.
Das Buch ist mehrschichtig angelegt: Mit der Darstellung der Hauptfigur Vio aus der 3.Person und der Ich-Perspektive sowie Theresia, die im 18. Jahrhundert lebt. Für Vio ist das entstellte Gesicht ihres Kindes ein großes Problem. Sie gibt sich die Schuld an dem Unfall, der dazu geführt hat, und weiß zugleich aufgrund ihrer Erfahrungen als Aussiedlerkind, dass derjenige, der anders ist, auffällt und damit nicht dazu gehört. Auch Theresias Thema ist ihre Schönheit, die für sie sowohl Privileg als auch Last ist.
Ein Buch, dessen Thema noch lange nachhallt und das viele Leser verdient.
Standhalten im Zugwind
Zugwind von Iryna Fingerova
Auf dem Cover dieses Romans verdeckt ein Löwenzahn den Kopf einer weiblichen Figur. Dieser Löwenzahn steht sinnbildlich für die weibliche Protagonistin. Leicht pustet man die zarten Samen weg, die an einem anderen Ort für einen Neubeginn stehen. Diese Pflanze wächst selbst an den unfruchtbarsten Orten, d.
h. sie setzt sich durch, hat eine immense Widerstands- und Durchsetzungskraft. Titel und Pflanze stehen für das Gehen mit dem Wind, der als unangenehm empfunden wird, aber letztendlich einen neuen Weg öffnet.
Die Ärztin Mira Zehmann war mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter aus der Ukraine nach Deutschland gekommen und wird durch den Krieg in der Ukraine und Begegnungen mit Geflüchteten von Schuldgefühlen heimgesucht. Sie will etwas tun und wird für viele geflüchteten Ukrainer zur Anlaufstelle. Diese Situation ist nicht einfach zu meistern, da die Kriegssituation emotional spürbar wird. Die Autorin ist ebenfalls Ärztin und es stellt sich die Frage, wieviel eigenes Erleben hier mit hineinschwingt.
Neben den Krankheits- und Leidensgeschichten ihrer Patienten erfährt der Leser etwas über den „Alltag“ der Protagonistin. Sie fährt nach Odesa, um die Familie und vor allem die alte Großmutter sowie Freunde zu besuchen, und lebt dort zwischen Fliegeralarm und Alltag. Zurückgekehrt ist sie mit ihrer Schwiegermutter aus Cherson konfrontiert, die nach fast drei Monaten zu ihrer Erleichterung wieder in die Ukraine zurückfährt. In der Beziehung zu ihrem Mann kriselt es, es kommt zu einer Affäre mit einem anderen Mann - all diese Geschehnisse zeugen von einem Alltag, der auch nicht immer einfach ist.
Bisweilen fand ich den Roman etwas zäh, vor allem dann, wenn ausführlichere Reflexionen den Erzählfluss verhindern.
Vom Verlust zur Hoffnung
Moosland von Katrin Zipse
Katrin Zipse nimmt in ihrem Roman „Moosland“ die Historie als Ausgangspunkt, dass 1949, wenige Jahre nach Kriegsende, ca. 300 Frauen aus Deutschland nach Island gegangen waren. Was waren wohl die Gründe, fragt man sich angesichts des kaum bekannten Geschehens. Island hatte Bedarf an Arbeiterinnen auf dem Land und warb um deutsche Arbeitskräfte.
Auf der anderen Seite herrschte in Deutschland große Not, die Städte waren zerbombt, es gab kriegsbedingt weniger Männer.
Zipse schildert die Geschichte von Elsa, ihren Schwierigkeiten sich einzufinden. Nach und nach wird klar, dass sie traumatisiert ist und den Verlust ihrer Freundin Elsa kaum verkraftet. Ganz allmählich entsteht eine Bindung zu der isländischen Bauersfamilie, die Elsa auch nicht zurückschickt, als sie erkennt, dass diese nur vorgegeben hat, mit der Arbeit auf dem Land vertraut zu sein. Und Elsa kann langsam zu sich finden.
Maßgeblichen Anteil daran hat die Natur, die sehr eindrücklich beschrieben ist. Die Leserinnen und Leser können dies intensiv nachfühlen. „Sie stapft über die nasse Wiese ins Trübe. Der Nebel verschluckt das Land und lässt die Farben verblassen. …Alles hier ist mühsam, das Gehen, das Bleiben, das Schlafen sogar. Und der klammen Feuchte, die vom Meer kommt, vom Regen oder vom Nebel, entrinnt man nie…. Als sie den Kopf hebt, trifft sie ein Sonnenstrahl aus einem leuchtend blauen Himmel, und ein Regenbogen spannt sich über die Wiese, aus der die Feuchtigkeit dampft (S.123f.).
Die Sprache der Autorin ist klar, lässt Bilder entstehen, man sieht die Natur deutlich vor sich. Es ist ein ruhiges, atmosphärisch dichtes Buch. Ein Buch, das zeigt, dass aus Verlust allmählich Vertrauen und Hoffnung entstehen kann.
Ein packender Auftakt in düstere Zeiten
TINTE und SCHWERT – Verwandlung (Band 1) von Matthias Soeder
Der Roman bildet den ersten Band einer Trilogie und demgemäß breit angelegt, um den Grundstein für die beiden anderen Bände zu legen.
Die Vielzahl an Personen, Zusammenhängen auf den ersten Seiten irritiert etwas, erschließt sich dann aber rasch und ist gut nachvollziehbar.
Im Mittelpunkt stehen die beiden Protagonisten, Jacob und Anna, die trotz einiger Gegensätze einiges verbindet: Sie wollen anderen helfen und Unrecht bestrafen.
Das ist in den Zeiten, in denen der Roman spielt, nicht einfach. Der 30-jährige Krieg mit all seinen unvorstellbaren Grausamkeiten, die Pest, die Ausbeutung der Leibeigenen und der Besiegten sowie der Aberglaube prägen das Leben der Menschen. Jacob erlebte, dass seine gesamte Familie grausam ermordet wurde und Annas Mutter, eine heilkundige Hebamme, wurde als Hexe verurteilt:
Zahlreiche historische Fakten zum Religionskrieg der Protestantischen Union und den kaiserlichen Katholiken von 1618 bis 1619 sowie Beschreibungen zu Kampftechniken und Waffengattungen zeigen, dass der Autor sich intensiv mit dieser Zeit beschäftig hat.
Am Ende erringen Anna und Jacob einen wichtigen Sieg - man darf gespannt sein, wie ihre Geschichte in den folgenden bänden weitergehen wird.
Mehr als nur Magie
Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton
Die Aufmachung des Buches ist äußerst ansprechend. Der Prägedruck auf dem Cover, die stimmungsvolle Kulisse von London mit den beiden Hauptfiguren und nicht zuletzt das schillernde Farbenspiel der Buchseitenkanten überzeugen auf den ersten Blick und machen Lust, das Buch in die Hand zu nehmen. Schon äußerlich deutet sich an, dass die Leserinnen und Leser eine besondere Geschichte erwartet.
Die zentrale Aussage des Buches ist berührend: Was man in seinem Herzen trägst, kann man nicht verlieren. Und das wird an den Schicksalen der beiden Hauptfiguren, dem Flussmächen Bo und Billy River, sehr deutlich. Die beiden magischen Münzen, die Bo im Schlamm der Themse entdeckt, verhelfen zu dieser Einsicht und führen zu wichtigen Erkenntnissen über Freundschaft, Familienzusammenhalt, aber auch Tod.
Natürlich dürfen auch negative Figuren nicht fehlen. Sie handeln egoistisch, sind gierig nach finanziellem Gewinn.
Empfohlen ist das Buch für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren. Der Stil ist gut verständlich, die Handlung zieht einem sehr schnell in die magische Szenerie hinein. Auch Ältere werden an dieser Geschichte ihre Freude haben.
Nichts ist, wie es scheint!
Das Signal von Ursula Poznanski
Von der ersten bis zur letzten Zeile Spannung pur- der neue Thriller von Ursula Poznanski ist ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte, bevor man nicht weiß, wie es endet.
Die Hauptfigur Viola, die durch einen Verlust ihres linken Beins gehandicapt ist, wirkt zunächst als Opfer- bis sich dann herausstellt, dass sie es auch faustdick hinter den Ohren hat.
Ihr vermeintlich wohl gesonnene Menschen entpuppen sich als ihre Gegner und vermeintlich nicht gewogene werden zu einer Stütze. Die Handlung ist wohl durchdacht und voller Überraschungen.
Dass die Hauptfigur mit winzigen Trackern ihren Mitmenschen nachspürt und Dinge wiederfindet, ist ein interessanter Schachzug und belebt das Geschehen ungemein. Der Autorin gelingt es, technologische Elemente realistisch und nah an der Gegenwart darzustellen.
Insgesamt überzeugt der Thriller durch seine komplexe Hauptfigur und eine Handlung, die die Leserinnen und Leser immer wieder in die Irre führt.
Zwischen Marmeladengläsern und Lebensweisheiten
Mathilde und Marie von Torsten Woywod
Mit einem Bild in warmen Farbtönen auf dem Cover und einem ansprechenden Klappentext lädt der Roman dazu ein, sich auf seine gut 300 Seiten einzulassen.
Der Plot: Traurige, überarbeitete, gestresste, verschuldete Pariser Studentin findet in einem 390 Seelendorf zu sich und hilft einer älteren Nachbarin aus ihrer Trauer und Einsamkeit.
Der Weg dorthin ist schnell erzählt: In Paris steigt sie spontan in einen Zug ins Nirgendwo und folgt der Einladung einer älteren Dame, mit ihr aufs Land zu kommen und dort zu wohnen.
Ab und zu bringt der nette Bäcker Brot vorbei, sie wird bekocht - keine Rede mehr von ihren erdrückenden Schulden, ihren Existenzängsten - sie findet sich im Einklang mit der Natur und erwacht - genau wie das Dorf am Morgen: „In den Häusern Redus glomm hinter einigen Fenstern bereits warmes Licht, und aus zahlreichen Schornsteinen stieg Rauch empor. Er kräuselte sich über den dunklen Schindeldächern, nahm dann die Form schmaler Fäden an und verschwand schließlich ganz. Die gesamte Szenerie mutete wie ein zaghaftes Erwachen des Dorfes an, in dessen Rahmen die ersten verstreuten Regungen des morgendlichen Lebens in den Tag hineinwuchsen.“ (S.316) Dieser Stil prägt den Roman, man erfährt etwas über die Vogelwelt, wie man Marmelade kocht, wie Papier geschöpft wird… gepaart mit Alltagsphilosphie.
Für mich definitiv zu viel des Guten, fast kitschig sowohl vom Inhalt als auch vom Stil.
Gut und Böse liegen nahe beieinander
Minnesota von Jo Nesbø
„Minnesota“ von Jo Nesbø hat mich insgesamt nicht vollständig überzeugt. Der Switch vom Jahr 2016 ins Jahr 2022 oder der Perspektivwechsel gar mitten in den Kapiteln hat mich zunächst im Lesefluss gestört und das Eintauchen in das Geschehen erschwert.
Mit der Zeit hat mich die Geschichte dann doch gepackt - wobei ich die Protagonisten, den Ermittler Bob Oz, und den Mörder als schon ziemlich kaputte, fast überkonstruierte Figuren empfand.
Der Gute und der Böse sind sich dann doch wieder ähnlich und dem Leser wird gezeigt, wie nah doch die Grenzen beieinander liegen.
Dass der Mörder seine Opfer präpariert, gibt den gewissen Gruseleffekt. Aber braucht es den wirklich? Die Tarnung des Mörders durch die präparierten Häute etc. wirkt schon sehr weit hergeholt.
Positiv hervorzuheben ist der gesellschaftspolitische Bezug: Die Kritik an der Waffenlobby und den nahezu nicht vorhandenen Waffengesetzen in den USA fügt sich grundsätzlich gut in den Plot ein. Auch die Erwähnung von Donald Trump und George Floyd ist inhaltlich nachvollziehbar, wirkt jedoch etwas aufgesetzt.
Insgesamt bleibt „Minnesota“ für mich ein guter, aber kein herausragender Nesbø-Roman.
Ein wichtiges Thema auch für die Kleinen
Sonne und Regen - So ist unser Leben von BarbaraSofie
Ein nettes Kinderbuch für die Kleinen mit der Botschaft "Alles ist miteinander verbunden - so wie wir!" Gefühle jedweder Art gehören zu unserem Leben dazu und auch die Natur baucht Regen, Wind und Sonnenschein. Auch dieses Thema ist etwas, das Eltern oder Großeltern ihren (Enkel-)Kindern näherbringen sollten.
Finn und seine Eltern stehen im Mittelpunkt dieser Geschichte, die schön gestaltet in einfacher Sprache gut verständlich diese Zusammenhänge erklärt. Die Beispiele sind wenig spektakulär- Papa muss zur Arbeit, es regnet, Kinder streiten, man ist ängstlich und traut sich nichts zu tun, man ist müde und erschöpft. Aber genau dieses Level passt für Kinder ab 2, der Zielgruppe dieses Bilderbuches. Die Zeichnungen überzeugend, sind ansprechend und halten Wesentliches fest. So wird der Blick des Kindes auf die Hauptsache gelenkt und schweift nicht ab.
Frauenstimmen im Schatten des Faschismus
Was vor uns liegt von Alba de Céspedes
Fasziniert hat mich der Hintergrund des Romans: ein Buch aus dem Jahr 1938, zensiert von den faschistischen Behörden Mussolinis. Das weckt Negier, Fragen stellen sich nach dem Warum.
Die Darstellung unterschiedlicher Lebensentwürfe von acht Frauen zu dieser Zeit entsprach nicht dem damaligen Frauenbild.
„Wir sind auf der Suche: auf der Suche nach unserem wahren Ich. (…) … irgendwann müssen wir aufhören zu suchen und uns einfach nehmen, wie wir sind.“ (S.335)
So steht jede der Frauen für einen anderen Lebensentwurf. Diesen im Einzelnen nachzuvollziehen ist mir bisweilen schwergefallen: zum einen ob der Vielzahl der Frauen, um anderen ob der ständigen Wechsel im Roman.
Was war jetzt noch mal mit Xenia, Anna oder betraf das gerade Valentina? Das war verwirrend und bisweilen mühsam. Das Geheimnis, das jede Frau umgibt, macht das Buch dann auch wiederum spannend und die Leserin neugierig
Man muss sich in die 1938 Jahre versetzen, um dem Buch gerecht zu werden.











