Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Ulla:
Vorurteile und Misstrauen
Strandopfer von Frank Goldammer
In Mistroy nahe Swinemünde an der polnischen Ostseeküste wird ein toter Mann entdeckt. Der Ermordete gehört zu einer Gruppe, die regelmäßig in einer Villa Urlaub machen. Darunter ist auch ein Mitarbeiter des deutschen Innenministeriums so dass das BKA Lena Schulte dem ermittelnden polnischen Kommissar Adam Krawczyk zur Seite stellt.
Lena stammt aus einem Dorf nahe der Grenze, wuchs auf mit einem alkoholkranken Vater und Großeltern, denen sie nur eine Last war. Ihr Freundeskreis bestand aus Neonazis. Dieses Gedankengut hat sie immer noch nicht abgelegt, die misstraut den polnischen Behörden, zweifelt die Richtigkeit von Übersetzungen an und gerät immer wieder mit Adam aneinander, der seinerseits selbst Probleme mit sich herumträgt. Bei der Befragung der Urlaubergruppe deuten sich Ungereimtheiten und ein seltsames Verhalten an, besonders als sie hören, das die 10-jährige Luisa verschwunden ist und dies erst viele Stunden später entdeckt wurde. In dieser Gruppe scheint jeder etwas zu verschweigen. Die beiden Ermittler stolpern von einer Nachlässigkeit und einem Fehler in den nächsten, sie beleidigen sich gegenseitig und trauen dem anderen nichts zu. Leider ist das der Hauptbestandteil der Handlung, zusätzlich ist die Krimihandlung bis zur Auflösung des Falles recht unglaubwürdig.
Frank Goldammer kenne ich als einen guten Autor, diesen Kriminalroman jedoch kann ich nicht empfehlen.
Gesetz und Gesetzlosigkeit
Insel der Ratten von Jo Nesbø
Colin Lowe, ein schwerreicher Geschäftsmann, hat sich nach dem Ausbruch der Pandemie, der Anarchie, Gewalt und Bandenkriminalität folgten, bei der sich auch ganz normale Menschen auf Grund von Armut und Hunger anschlossen, auf eine Insel gerettet. Die Insel der Ratten, einerseits geschützt und uneinnehmbar, andererseits werden die Ratten zunehmend aggressiver.
Die Lösung sind die begehrten und teuren Tickets für ein Schiff, auf dem man mehrere Jahre leben kann. Sein Sohn Brad hingegen ist der Chef eine kriminellen Jugendbande, die neben Plünderungen auch vor Vergewaltigung und Mord nicht zurückschrecken. Er überfällt das Has von Will, Colins Jugendfreund und langjähriger Jurist und entführt dessen Tochter. Will, der immer noch an Recht und Gesetz glaubt, will Brad vor Gericht bringen bis er merkt, dass Korruption allgegenwärtig ist und er gegen Colins Macht und Geld nicht ankommt. Er muss einen anderen Weg für Gerechtigkeit finden, wobei er Hilfe auch von dem Bandenmitglied Yvonne erhält.
Der Roman ist aus zwei Sichtweisen geschrieben. Wir erleben die bedrückenden Situation, den Terror und Gewalt aus Sicht von Will und Yvonne, durch unterschiedliche Schriftarten sofort zu erkennen. Ein düsterer und brutaler Roman, um so erschreckender, da die Pandemie noch gut in Erinnerung ist.
Persönlichkeitsformung aus Mosaiksteinen
Das Mosaik der Frauen von Rafik Schami
Nadim Suri ahnt das sein Leben dem Ende entgegen geht. Schwer herzkrank liegt er im Krankenhaus und möchte, dass seine Erinnerungen aufgeschrieben werden. Said, wie er ein Flüchtling aus Damaskus und literarisch bewandert, kommt jeden Tag und notiert, was Nadim über sein unruhiges Leben zu berichten hat.
Politisch verfolgt täuscht er seinen eigenen Tod vor um in Deutschland, durch seine Mutter besitzt er auch die deutsche Staatsbürgerschaft, ein neues Leben zu beginnen. Seine erste Liebe Salma wurde in Syrien vom Geheimdienst ermordet und mit seiner Mutter kann er nur über Umwege kommunizieren. Er rettet sich in seine Arbeit als Übersetzer und Dolmetscher und lernt viele Frauen kennen. Von allen nimmt er Lebensweisheiten mit, die sich wie Mosaiksteine zu seinem Weltbild zusammensetzen und seine Persönlichkeit formen. Jeder dieser Frauen ist ein Kapitel gewidmet, fast wie in 1001 Nacht aufgebaut. Er erlebt kleine und große Lieben, Ausnutzen seiner Großzügigkeit und Verlust durch Tod und Verlassen werden. Die Erzählen dieser Lieben ist eingebunden in die politischen und gesellschaftlichen Begebenheiten in arabische Länder, hauptsächlich Syrien, aber auch in Deutschland.
Der Schreibstil Schamis gefällt mir sehr gut, mehr über die Politik und Kultur Syriens zu erfahren bereichert die Handlung, die auf Grund der Vielzahl an Frauengeschichten, auch nur aus männlicher Sicht erzählt, ein wenig zu langatmig ausfällt.
Politiker mit Schwächen und Stärken
00-Laschet von David Safier
Armin Laschet freut sich, dass er statt Bundeskanzler nun Bundespräsident geworden ist. Seinen Einzug ins Schloss Bellevue hat er sich jedoch anders vorgestellt. Sein Amtsvorgänger wollte keinen Fuß mehr hineinsetzen und so erkundet er die Räumlichkeiten um dort auf seltsame Personen zu stoßen. Nebenbei beherbergt das Schloss auch Geheimagenten, die durch den Präsidenten überall mit hingeschleust werden können.
Glücklicherweise ist da auch Kimmi, das Nachbarskind aus der Aachener Reihenhaussiedlung, die für seinen Social Media Auftritt engagiert wurde und ihn immer noch Onkel Laschi nennt. Doch so nebenbei ist sie auch Geheimagentin. Als gleich am ersten Tag ein Anschlag auf Laschet erfolgt, überschlagen sich die Ereignisse und auch Laschet muss in Aktion treten.
Völlig überdreht, sehr witzig und in einem Rutsch gut zu lesen. Besonders das Battle zwischen Lachet und Söder hat mir sehr gut gefallen. Hier werden Politiker mit all ihren Schwächen, auch manchen Stärken gezeigt, jedoch nie verletzend oder unter der Gürtellinie. Einzig die Handlung rund um die Maus waren zu viel des Guten. Gegenüber der Serie um Miss Merkel fehlte es ein wenig an Tiefgründigkeit.
Episoden aus der Heidestraße
Die Straße von Robert Seethaler
Die Heidestraße steht Namens gebend für jede andere durchschnittliche Straße in einer durchschnittlichen Stadt mit ihren Bewohnern. Das Straßenfest, wie jedes Jahr im November steht an und der Festausschuss ist mit den Plänen beschäftigt. Gerade ist ein neuer Mieter dazugekommen, neben der kleinen Wohnung auch mit Räumlichkeiten für ein Antiquariat.
Das Leben und Sterben im Altersheim, aus Sicht der älteren Bewohner wie auch der Heimleiterin, wird uns von dem jeweiligen Protagonisten aus ihrer Sicht erzählt. Der Bäckerladen, der Blumenladen und einige der dort Wohnenden berichten uns aus ihrem Leben. Der demenzkranke Pfarrer, für den nun nun neuer kommen muss.
Ein ganzes Jahr vergeht während wir in Episoden und nur kleinen Schnipseln aus Sicht der Menschen ihr Leben, Lieben, Leiden und auch Sterben mitverfolgen. Um den roten Faden nicht zu verlieren ist ein genaues Lesen unerlässlich, nicht immer erkennt man sofort, wer uns gerade etwas mitteilen möchte. Wenn man sich jedoch darauf erfährt man viel über unterschiedlichste Lebensweisen der Bewohner der Heidestraße.
die Kleinsten ganz groß
Bakterien – die heimlichen Helden von Peter Wohlleben
Peter Wohlleben nimmt uns mit in die Welt der Bakterien, Lebewesen, Einzeller, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind. Dabei sind sie bereits kurz nach Entstehung der Erde auf dieser heimisch und können mit extremsten Bedingungen klarkommen. Bis vor einigen Jahren verband uns mit dem Begriff Bakterien nur negatives, sind machen krank, sind unhygienisch.
Doch ohne sie könnten wir überhaupt nicht leben und nicht nur wir, alle Pflanzen und Tiere benötigen Bakterien zum Leben. Es wird davon ausgegangen, dass erst die Bakterien ein Leben auf der Erde ermöglichten. Woher sie kamen ist noch nicht ausreichend erforscht, vom Mars oder lebten und leben sie unter dem Eis der Jupitermonde? Um die menschlichen Umweltsünden auszumerzen sind sie im ständigen Einsatz für eine lebenswerte Zukunft, denn benötigen auch uns für ihr eigenes Leben.
Hochinteressant, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, über die Entwicklung und die Auswirkungen der Bakterien, über neue Ansätze in der Forschung wird uns eine für die meisten unbekannte Welt unterhaltsam und leicht verständlich nahegebracht.
Gottesfürchtigkeit
John of John von Douglas Stuart
Cal soll wieder zurück nach Hause, nach Falaby, einem kleinen Ort in den äußeren Hebriden. Seiner Großmutter Ella geht es schlecht und so verlässt Cal Edinburgh, wo er nach seinem Textilstudium ohne Job und Wohnung nicht glücklich war. Doch zu Hause erwartet ihn auch sein strenger Vater John, stark im presbyterianischem Glauben verankert.
Cal eckt durch seine langen und gefärbten Haare an und wagt es nicht, seinem Vater seine Homosexualität zu beichten, obwohl dieser ihn zu einer Ehe drängt. John selbst ist geschieden von Grace, die Mann und Kind für seinen Bruder verlies und Ella, Grace Mutter, hat Cal erzogen. Das Haus, in dem John als Schafzüchter und Tweedweber wohnt, gehört Ella, die es ihrer Tochter überschreiben möchte. Wo soll John dann leben? Sein Nachbar Innes, zu dem er ein sehr inniges Verhältnis hat, bietet ihm Räumlichkeiten an, doch dieses kann John nicht annehmen. Wie würde das aussehen, da könnten ja die anderen Kirchenmitglieder glauben, er wäre schwul, das darf nicht sein, das ist nicht gottgefällig.
So tragen beide, Cal und John, ihre Andersartigkeit mit sich selbst aus, immer auf der Suche nach einem Weg zwischen Pflicht und Glück.
Der Roman beschreibt das karge und einfache Leben auf der schottischen Insel, der Gemeinschaft und Hilfe untereinander. Jeder kennt jeden und so ist es schwierig, ein Geheimnis für sich zu behalten. Gottesfürchtigkeit steht vor Mitgefühl, denn der Glaube steht über allem. Trotz der Länge des Romans bei gleichzeitig wenig Handlung langweilt er auf keiner Seite. Ganz hervorragend geschrieben.
Pastor Josefs letzter Wunsch
Mirabellentage von Martina Bogdahn
Im beschaulichen fränkischem Dorf Blumfeld steht Anna vor einer großen Herausforderung. Als Haushaltshilfe und Freundin seit Kindertagen hat sie den Pfarrhaushalt geleitet. Sie sorgte für das Wohl der Gemeinde, für Treffen und Busreisen. 30 Jahre war sie für alles zuständig, die gute Seele, und nun ist völlig überraschend Pfarrer Josef verstorben.
Annas Aufgabe besteht darin, seine Asche ans Meer zu bringen und dort zu verstreuen. Bereits zur offiziellen Beerdigung ist der neue Pastor da, der junge Fridtjof von einer Halliginsel, mit einem unverständlichen Dialekt. Braucht er sie noch oder muss sie sich eine neue Arbeitsstelle suchen?
Sehr lebendig wird uns der Alltag der Haushälterin in einer Pfarrgemeinde geschildert, immer wieder unterbrochen durch Rückblenden, mal melancholisch, mal humorvoll, aber immer voller Herzenswärme. Der kleine Ort steht im Mittelpunkt, man kennt sich oft schon von Kindesbeinen an. Anna hat den Ort nie verlassen und nun soll sie auf sich alleingestellt und heimlich mit Josefs Asche ans Meer fahren. Durch die episodischen Rückblenden sehr abwechslungsreich und interessant geschrieben.
Andersartigkeit
Pina fällt aus von Vera Zischke
Leo, ein junger Mann von 20 Jahren, ist anders als andere. Er funktioniert nur nach speziellen Normen und Regelmäßigkeiten, Abweichungen duldet er nicht. Er braucht Rituale zum Aufstehen und beim Frühstück damit er den Bi
us in die Behindertenwerkstatt nicht verpasst. Seine Mutsch (Mutter) Pina weiß was zu tun ist.
Ihre eigenen Bedürfnisse und Gesundheit hat sie hinter Leos Bedürfnisse gestellt bis sie auf der Straße umkippt und mit einer Notoperation so gerade gerettet wird. Leo ist alleine und versteht nichts. In dem Haus wohnen die 86-jährige Inge, die nach einem Sturz ihre Wohnung nicht mehr verlässt, Herr Wojtek, der im Homeoffice arbeitet, schüchtern und unsicher und in eine Verkäuferin aus dem Internet verliebt und Zola, 16 Jahre jung, rebelliert gegen die Eltern, Schule und Konventionen, bis ihr Vater sie in diese Mietshauswohnung abgeschoben hat. Diese unkonventionelle Hausgemeinschaft kümmert sich so gut es geht um Leo, mit allen Problemen und Fehlern und mit aller Hoffnung, ihn nicht in ein Pflegeheim abschieben zu müssen bis Pina wieder gesund ist.
Der Roman über Außenseiter der Gesellschaft, über Andersartigkeit hat neben der Nachdenklichkeit über unserem Umgang mit diesen Menschen besonders viel Humor und liest sich leicht und locker.
nachdenken über den Sinn des Lebens
Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman
In einem Keller in einem Käfig eingesperrt leben 40 Frauen, die von männlichen Wärter bewacht werden und bestraft, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Man hat zu essen und zu schlafen wenn es angeordnet wird, jeglicher Körperkontakt wird nicht gestattet. Unter diesen Frauen ist versehentlich auch ein Mädchen, die zu der Zeit als sie in dieses Gefängnis kam noch so klein war, das sie sich an eine Zeit davor nicht erinnern kann.
Anders die anderen Frauen, die ihre Männer und Kinder vermissen, an ihre Freiheit, an ein normales Leben, an Kleinigkeiten, die das Leben schön machten. Viele Jahre sind vergangen als plötzlich, gerade als ein Wärter den Käfig zur Essensausgabe öffnete, ein Alarm ertönte und alle Wärter verschwanden. Die Frauen waren frei, sie konnten heraus, doch wo waren sie, auf der Erde konnten sie nicht sein, es gab keine Jahreszeiten. Weitere Jahre verbrachten sie auf der Suche nach anderen Menschen, doch sie fanden immer nur weitere, verschlossene, Käfige, mit Toten. Am Ende blieb nur noch die Kleine, wie sie mangels Namen von den Frauen genannt wurde. Sie berichtet uns von ihren Erlebnissen, von der Gemeinschaft der Frauen, die Hilfe, die sie einander gaben, was sie selbst von ihnen lernte um zu überleben. Wie viel Überlebenswille in ihnen steckte und wer aufgeben wollte. Die Kleine wollte immer mehr, verstehen, wo sie war, warum sie an einem fremden Ort eingesperrt war, was der Sinn des Lebens ist. Auf ihrer Reise werden wir sehr emotional mitgenommen und können uns in sie hinein fühlen.
Ein Roman, der zum Nachdenken einlädt und auch nach Beendigung des Roman nicht loslässt.











