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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Kwinsu:

Hör auf dein Gefühl!

Beeren pflücken von Amanda Peters

Jedes Jahr arbeitet eine Mi’kmaq-Familie in Maine bei der Blaubeer-Ernte, bis im Jahr 1962 ihre kleine Tochter Ruthie plötzlich spurlos verschwindet. Die Familie verkraftet das Verschwinden des kleinen Mädchens nie ganz und bleibt von diesem Schicksalsschlag tief gebeutelt. Bis eines Tages - nach Jahrzehnten - an Bruder Joes Totenbett eine unerwartete Wendung passiert und die Wahrheit um Ruthies Verschwinden ans Licht kommt.

Amanda Peters erzählt in ihrem Debutroman "Beeren pflücken" nicht nur von dem einen, schweren Schicksalsschlag, den eine marginalisierte Indigenenfamilie durchmachen muss, sondern von einem ganzen Mikrokosmos an Diskriminierungen, die nur schwer aushaltbar sind. Schnell wird klar, dass Ruthie unter anderem Namen bei einer fremden Familie aufwächst und zeitlebens immer ahnt, dass mit ihrer Geschichte irgendetwas nicht stimmt. Ihr Aussehen, das deutlich von dem Rest ihrer Familie abweicht, wird fadenscheinig begründet, abgesehen davon spürt sie sehr bald, dass irgendetwas in ihrer "Familie" seltsam ist.

Ruthies eigentlich Familie leidet still, nicht nur unter ihrem Verschwinden, sondern unter den Repressionen und Diskriminierungen, die sie als indigene Familie über sich ergehen lassen müssen. Gebeutelt durch weitere Schicksalsschläge nehmen sie ihr Dasein und die Herausforderungen so hin und versuchen schlicht zu leben. Joe verkraftet all dies nicht und flieht aus den Familienbanden, versucht sich ein neues Leben aufzubauen, scheitert aber aufgrund der Last, die er auch gerne verdrängen mag. Die abwechselnde Erzählperspektive ist eindringlich und lässt einen sehr emotional an den Schicksalen der einzelnen Figuren teilhaben.

Amanda Peters gelingt ein tief berührender Roman, der voller Melancholie und Traurigkeit ist und glaubhaft die schwere Last der Unterdrückung vermittelt. Und doch bleibt die Hoffnung und der Glaube an das eigene Gespür im Mittelpunkt und hinterlässt ein warmherziges und positives Gefühl. "Beeren pflücken" ist ein tiefsinniger Roman, der sehr nachhallt und dessen gezeichnete Bilder einen nie ganz loslassen werden.

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Selbstbestimmung, Kunst und Authentizität

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel von Alena Schröder

Güstrow 1945: Marlen flieht vor den Russen und kommt bei der Malerin Wilma unter, dessen verschollener Mann ein aufstrebender Künstler war. Seine hinterbliebene Ehefrau versucht sich selbst als Künstlerin und im Laufe der Zeit wird sie immer erfolgreicher - auch dank der Hilfe von Marlen.
Berlin 2023: Hannah muss ihr Leben neu ordnen, nachdem ihre beste Freundin Rubi aus der gemeinsamen WG ausgezogen ist, um eine Familie zu gründen.

Plötzlich taucht ihr nie dagewesener Vater auf und bürdet ihr eine Rolle auf, die sie nie haben wollte.

Das Hörbuch von "Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel" ist eine feinfühlige Erzählung über die starken Bande der Familie, die weder biologisch noch anwesend sein müssen. Sehr einfühlsam und passend wird das Buch eingesprochen von Julia Nachtmann, deren Stimme und Intonation perfekt zu der Geschichte passt.

Bis zum Schluss rätselt man über die konkrete Verbindung der zwei Geschichten, die am Ende sanft zueinander geführt werden. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die trotz aller Widerstände ihren eigenen Weg gehen. Männliche Figuren sind zwar präsent, spielen aber eine untergeordnete, wenn auch nicht unwichtige Rolle. Ihr Scheitern beflügelt die weiblichen Protagonistinnen, nicht aus einer bösartigen, sondern aus einer selbstbestimmten Rolle heraus. Essentieller scheint die Kunst, die den roten Faden durch die Geschichte legt.

Ich kannte bislang noch keine Bücher von Alena Schröder, habe aber ihre ruhige, authentische und nachvollziehbare Erzählweise sehr zu schätzen gelernt. Die Geschichten bestechen durch Realismus, der Auseinandersetzung mit inneren Konflikten und der wunderbaren Affinität zur Kunst. Ich kann dieses Hörbuch uneingeschränkt allen empfehlen, die Interesse für Zeitgeschichte, Kunst und der hervorragenden Beobachtungsgabe für menschliche Verhaltensweisen schätzen.

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Außergewöhnliches Buch über so manche Verdrängungen

Sister, Sister von Emily R. Austin

Achtung: nicht vom Klappentext täuschen lassen! Dieses Buch ist anders, als der Text vermuten lässt, es ist tiefgründig, größtenteils irreführend und einfach außergewöhnlich!

Angekündigt wird, dass es sich um die Beziehungsentwicklung zweier Schwestern handelt. Nun, das ist tatsächlich so, aber wirklich ganz anders, als man sich erwarten würde.

Da ist ein elendslanger Abschiedsbrief von Protagonistin Sigrid, sie schildert detailliert, weshalb sie ihrem Leben ein Ende setzen will. Das Leben in einer einengenden Kleinstadt, ihre Beziehung zu einer Frau, das harsche, kalte Elternhaus, das alles sind Gründe nicht mehrweiterleben zu wollen. Aber der Brief wird lang, monatelang, Sigrid lebt weiter, reflektiert über ihr unbefriedigendes Leben, aber auch über das, was sie noch an ihrer Existenz hält. Ihre Schwester Margit ist die Gute, ist die, die es aufs College geschafft hat und die Familie mit Stolz versorgt, wohingegen Sigrid alles in den Sand gesetzt hat. So ist die Erzählung des Abschiedsbrief, der sich aber im Laufe des Buches als nichts als ein Konstrukt herausstellt. Näheres kann nicht verraten werden, ohne einen schwerwiegenden Spoiler zu fabrizieren.

Emily R. Austin führt die Lesenden wahrlich gekonnt in die Irre. Wahrheiten stellen sich als Lügen heraus, bis zum Schluss ist nicht klar, was fiktive Realität ist und was nicht. Äußerst gelungen sind die Perspektivwechsel und die Unterteilung des Romans. Wir lesen Sigrids Abschiedsbrief, er ist in insgesamt zwanzig Versuche untergliedert, bis uns der nächste Abschnitt mit "Die Wahrheit" erwartet. Diese entpuppt sich aber als Wahrheitsempfinden, die vor Selbstignoranz und Verdrängung nur so trieft, bis uns schließlich der letzte Teil namens "Sigrid" ganz neue Blickwinkel eröffnet. Das klingt kryptisch? Ist es auch, denn die volle Wahrheit, die es in Wahrheit gar nicht gibt, denn alles ist immer nur Selbst- und Fremdwahrnehmung, Ein wenig bleibt im Unklaren, aber einen weiteren Pluspunkt bekommt der Roman, denn es wird alle Unklarheiten aufgelöst und zwar äußerst elegant und ohne Aufdringlichkeit. Das ist ein Talent, was meines Erachtens nicht vielen Schriftstellerinnen vergönnt ist.

Diese tiefgründige Verstrickung von Lüge und Wahrheit, Schein und Sein, Existenz und Nichtexistenz ist schon eine sehr außergewöhnliche Herangehensweise, wie man die Beziehung oder Nichtbeziehung zweier Schwestern aufdröseln kann. Ich persönlich habe derart noch nie gelesen und bin sehr begeistert, auch wenn ich kritisch anmerken muss, dass der Klappentext uns vortrefflich in die Irre führt. Aber irgendwie passt das auch zu dieser ganz eigen konstruierten Familiengeschichte, die tief in die Einengungen von konservativen Kleinstädten blicken und die einen wünschen lässt: lasst doch bitte Menschen so sein, wie sie sind!

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Patchwork that works?!

Wir in zehn Jahren von Jessica Stanley

Coralie verschlägt es nach einer zum Wahnsinn tendierenden Affäre mit ihrem Vorgesetzten von ihrem Heimatland Australien nach London. Erst ist sie überfordert mit der lauten Stadt, bald aber schon lernt sie Adam kennen, bei dem sie Liebe und Heimat findet. Wir begleiten Coralie in den ersten zehn Jahren ihrer Beziehung, die von Höhen und Tiefen geprägt ist und vor allem: vom Alltag und der unglaublichen Geschichte Großbritanniens.

"Wir in zehn Jahren" ist sicher kein einfach zu lesender Beziehungsroman, aber dafür ein äußerst lohnender. Wir begleiten die Protagonistin und ihre Familie während der Jahre 2013 bis 2023 - Jahre, die in der britischen Geschichte so viele unglaubliche Wendungen nehmen, dass sie in einem erfundenen Buch wohl als unglaubwürdig abgestempelt werden würden: der Brexit-Volksentscheid, Boris Johnson, der Brexit selbst und natürlich auch die Covid-Jahre. In dieses Setting ist die Geschichte von Coralie und Adam gekonnt eingebettet, denn letzterer ist Journalist und Sachbuchautor und er portraitiert die wichtigsten politischen Persönlichkeiten des Landes. Sein Beruf, oder vielmehr seine Berufung und sein damit zusammenhängender Enthusiasmus für immer neue Buch- und Radioprojekte führen dazu, dass Coralie immer hinten anstehen muss und gelinde gesagt: das geht ihr gehörig gegen den Strich. Schließlich sehnt sie sich nach eigenen Kindern, auch wenn sie mit Adams Tochter Zora ein gutes Auskommen hat. Als die eigenen Sprösslinge dann da sind, erlebt sie, was wohl die meisten Mütter erleben müssen: den Großteil der Care-Arbeit darf sie erledigen. Anders als in anderen Büchern erfolgt aber nicht der rebellische Aufschrei, sondern Coralie versucht sehr authentisch, diesen Zwiespalt zwischen Mutterliebe und den eigenen Bedürfnissen zu kitten, was ihr aber nur teilweise gelingt. Hinzu kommt, dass sie selbst noch unter den harschen Erlebnisse ihrer Kindheit leidet, denn ihr Vater, zu dem sie nur selten Kontakt hat, war und ist ein erzkonservativer Tyrann. Vordergründig traf der gewalttätige Erziehungsstil hauptsächlich ihren schwulen Bruder Dan, aber wie sich im Laufe des Buches herausstellt, hat Cor selbst viele seelische Wunden erlitten.

Zugegeben: das Buch ist schon sehr kopflastig. Es wird viel reflektiert, viel ausverhandelt, viel politisiert. Das erfordert Konzentration, "Wir in zehn Jahren" ist kein Buch, das man so nebenbei lesen kann. Erst dachte ich mir, es zieht sich wie Kaugummi, aber in Wahrheit gibt es einen tiefen Einblick in die komplexe Welt der familiären Beziehungen, es ist äußerst realitätsnah, so sehr, dass es auch eine Autobiographie sein könnte. Man erlebt förmlich mit, wie Coralie sich selbst zurücksteckt, wie sie als Person ein Stück weit vergeht, so weit, dass sie schlussendlich zusammenbricht. Das heißt aber nicht, dass es ein düsterer Roman ist, nein, besonders die Liebe zu ihren Kindern, auch zu ihrer Stieftochter Zora, ist stets spürbar und das ganz ohne Kitsch, sondern mit viel Realismus. Und sie kämpft auch für ihren Freiraum, mit der Kraft, die sie ihr selbst zugestehen lässt. Die Figur Coralie ist so überzeugend und authentisch, dass man ihre Geschichte fast fühlend miterlebt. Die familiären Konstellationen sind komplex, so haben Adams Ex und ihr im wahrsten Sinne des Wortes konservativer (da Tory) Mann Tom genauso ihren regelmäßigen Auftritt wie Adams Mutter samt Ehefrau, Coralies Bruder Dan und sein Lebensgefährte samt Hund, als auch ihr autoritärer Vater Roger mit Frau (und Hund). Selbstredend sind die Kinder aus den verschiedenen Beziehungen ein Kern der Geschichte. Patchwork ist also ein zentrales Motiv des Romans, der einen wunderbaren, tiefgehenden Blick in dieses so zeitgemäße Familienkonstrukt bietet.

Mein Fazit: "Wir in zehn Jahren" ist ein äußerst authentischer Beziehungsroman, der ganz ohne Kitsch, dafür mit viel Realität auskommt. Es ist ein Buch, das Konzentration erfordert, das nicht leicht ist, aber auch nicht schwer - es ist wie ein Abbild eines Lebens, dass jede von uns auch selbst erlebt haben könnte. Die gesellschaftspolitischen Ereignisse Großbritanniens der Jahre 2013 bis 2023 werden gekonnt in die Story eingeflochten und lassen uns diese unheilvolle Zeit hautnah miterleben. Eine große Leseempfehlung für alle, die sich auf eine realistische Beziehungsentwicklung einlassen wollen.

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Die Verworrenheit ist die Kraft dieses Buches

Nicht von Dror Mishani

Als Eli seine Frau verliert, glaubt er nicht, dass er noch einmal glücklich werden kann. Doch dann lernt er Lia kennen und es beginnt prickelnd und wunderbar. Bald jedoch unterläuft ihm ein fataler Fehler, der das frische Glück zu zerstören droht. Eli baut ein Netz aus Lügen auf, das unter dessen schwerer Last zu reißen droht - doch Eli gibt nicht auf.

Zugegeben: nach dem Lesen von "Nicht" bleibt eine gewisse Verwirrtheit zurück. Was war das jetzt? Meine erste, intuitive Reaktion: genial, auch wenn ich nicht so genau weiß, weshalb eigentlich. Aber von vorne...

Der Roman beginnt etwas traurig, Eli kann sich sein Leben ohne seine verstorbene Frau nicht so ganz vorstellen, steckt in der Trauer, hat wenig Antrieb. Bei einem Abendessen mit Freunden lernt er die Musikerin Lia kennen. Mit ihr beginnt es wunderbar, von vornherein stellt sie klar, dass ihr Hund Felix für sie das Wichtigste sei, und Eli kann sich mit dem Gedanken anfreunden, neben diesem die zweite Rolle zu spielen. Das wird ihm aber zum Verhängnis, denn als Lia ihn bittet, ihn während einer Konzertreise nach Österreich zu hüten, entwischt ihm der Hund und läuft vor ein Auto. Im Schock verabsäumt er es, das Tier in eine Tierklinik zu bringen, dieser verstirbt schließlich, woraufhin ihn Eli verscharrt. Er sieht sein Glück mit Lia den Bach hinunter gehen und so beschließt er spontan zu lügen und behauptet ihre gegenüber lediglich, Felix sei ihm entwischt. Er verstrickt sich immer mehr in Lügen, auch als Lia tagelang verzweifelt immer wieder nach ihrem geliebten Hund sucht, will er von seiner Version nicht abrücken, so lange, bis ihm gar nichts mehr anderes übrigbleibt, als weiter zu lügen.

Ich bin ganz fasziniert von dem Buch: der Autor schafft es meisterlich in nur 187 Seiten eine äußerst packende und dichte Geschichte mit vielen Wendungen zu konstruieren, die seine hervorragende Beobachtungsgabe zu Tage treten lässt. Die Charaktere - allen voran Eli - sind authentisch und ihre Handlungen sind oft nicht nachvollziehbar, oft mag man den Protagonisten schütteln, um ihm zuzurufen: jetzt sag schon endlich die Wahrheit! Trotzdem konnte ich seine Entscheidungen, seinen inneren Konflikt nachvollziehen, er will um jeden Preis ein gutes Leben mit Lia, nachdem er seinen traurigen Schicksalsschlag überwunden hat. Diese selbst ist ganz eingenommen von der Suche um Felix, kann kaum noch klar denken, ist misstrauisch, hinterfragt Elis Aussagen, auch durch zutun ihres Ex Peter - doch erstaunlicherweise will sie mit Eli zusammenbleiben.

Außergewöhnlich ist die Erzählperspektive, ist sie doch in der "Du"-Form gehalten. Das gibt der ganzen beabsichtigt wirren Geschichte noch einen zusätzlichen Anreiz auf Spekulationen. Spekulieren ist ohnehin etwas, was man nach Beendigung des Romans vortrefflich tun kann, denn es bleibt vieles offen, aber nicht auf ungute Weise, sondern als Beflügelung der Fantasie. Lediglich die Frage, weshalb Elis Sohn den Kontakt mit ihm abgebrochen hat, hätte ich gerne gewusst, konnte es aber aus dem Text nicht herauslesen. Das ist auch das Schöne am Buch: es gibt einige Nebenschauplätze, man erfährt viel nebenbei über Eli und auch wenn nicht alles aufgelöst wird, entsteht ein schlüssiges Charakterbild des Protagonisten. Ein Psychogramm eines Lügners, der auf ein Gegenüber trifft, das diese Lügen akzeptiert - warum auch immer.

Das hohe Tempo des Romans, die Verworrenheit, die Unklarheiten, die zahlreichen Lügen - das mag nicht allen Leser*innen gefallen. Ich war gefesselt von der speziellen Art, wie das Buch geschrieben wurde und von der Story, die fast schon Richtung Krimi geht. Und "Nicht" wird sicher nicht das letzte Werk des Autors sein, das ich lesen werde!

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Portrait eines normalen Lebens

Orion von Petra Morsbach

Nora befindet sich ganz in ihrer geistigen Welt: neben dem geisteswissenschaftlichen Studium jobbt sie in einem Archiv, wo sie ihren künftigen Ehemann kennenlernt. Nach dem Studium wird sie Deutsch- und Geschichtelehrerin und versucht ihren Schüler*innen viel fürs Leben mitzugeben. Kurz vor der Pension dann trifft sie eine Erkrankung, die ihr Leben umkrempeln wird.

Petra Morsbach zeichnet in "Orion" ein hingebungsvolles Portrait eines ganz normalen Lebens. Die Autorin weiß es vortrefflich, die alltäglichen Probleme ihrer Protagonistin so authentisch darzustellen, als wären wir Lesenden stille Begleiter*innen einer bildungsbürgerlichen Biographie. Selbstzweifel -vs- Selbstbewusstsein, der Wunsch nach einem Kind -vs- der folgenden postpartalen Depression, feministische Haltung -vs- Leben und Gewohnheit im Patriarchat, Übergriffigkeiten -vs- der Mantel des Schweigens, die Sehnsucht nach Liebe und Sexualität -vs- einer pragmatische Beziehung, geistige Nährwelten aus der Antike -vs- gegenwärtige Vermittlungsversuche literarischer Texte, Körperlichkeit -vs- Krankheit - all diese Gegensatzpaare - und viele mehr - werden in dem Buch verhandelt, mit all diesen setzt sich die Ich-Erzählende in ihren Gedanken auseinander.

Es ist kein außergewöhnliches Leben das Nora führt, es sind keine außerordentlichen Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen muss, aber ihre sehr kognitiv fixierte Gedankenwelt ist glaubhaft, zeigt die inneren Konflikte, die wohl jede und jeder von uns nur zu gut kennt. Und das ist das Reizvolle an diesem Buch, dass wir in die Gedanken mit hineingerissen werden, uns zurücklehnen und Entwicklungen von außen betrachten können. Uns wundern, uns bestätigt fühlen, den Kopf schütteln oder zustimmend nicken und wissen: ja, das hätte ich wohl auch so gemacht - oder eben nicht.

Nora wirkt oft distanziert, was auf ihre Kopflastigkeit zurückzuführen ist. Das Verhältnis zu ihrem Mann ist nicht ganz einsichtig, ist es Liebe oder bloße Zweckbeziehung? Die gegenseitige Zuneigung spürt man kaum, nur als Nora eine Affäre eingeht und ihr Mann Theseus (der Name!) nach Jahren dahinterkommt, merkt man eine Gekränktheit, die darauf hindeutet, was Nora ihm bedeutet. Auch die Beziehung zu ihrem Sohn Aeneas ist schwierig - kein Wunder bei diesem Elternhaus. Trost und geistige Nahrung findet die Protagonistin oft in antiken Autoren und sie findet für die meisten Lebenslagen passendes intellektuelles Futter. Man erkennt eine Leidenschaft in Noras Lehrerinnenberuf, eine Berufung, in die sie viel Energie legt. Umso schöner, wie einfach sie sich davon lösen kann, als sie am Ende ihrer Berufslaufbahn schwer erkrankt und ihr Leben neu ausrichten muss. Oder darf, denn Nora sieht es als eine Chance.

Untermauert ist dieses Lebensportrait von einem feinen Humor, der all die Vorkommnisse weniger schwer wiegen lässt und ihm eine gewisse Leichtigkeit verschafft. Um das Buch zu genießen, sollte man offen sein für die kleinen Momente und Begegnungen, die Selbstreflexionen, aber auch die normalen Verdrängungen, die das Leben so mit sich bringen. Außerdem darf man sich nicht erwarten, dass in "Orion" viel Herzlichkeit und Emotionen stecken - dafür ermöglicht es ein glaubhaftes Abtauchen in geistigen Welten. Ich habe es sehr genossen dieses Buch, das von der großartigen Beobachtungsgabe der Autorin lebt, zu lesen und kann es uneingeschränkt empfehlen.

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Unsichtbare Helden mit großer Wirkung

Bakterien – die heimlichen Helden von Peter Wohlleben

Es ist unglaublich, dass Bakterien in sämtlichen Bereichen des Lebens eine entscheidende Rolle spielen! Sei es die Entstehung des Lebens selbst, die Art, wie unser Ökosystem funktioniert, selbst in allen Körpern sind sie unerlässlich - und können ebenso tödlich sein. Kommen sie wo nicht bzw. in zu geringer Menge vor, ist das ebenso problematisch, als wenn sie überhand nehmen.

Das Hörbuch bietet einen enorm breiten Überblick auf die vielfältigen Rollen dieser Kleinstorganismen in jeder Ecke unserer Erde.

Das Buch kommt abseits von der umfangreichen und spannenden Informationsladung auch mit allerhand Tipps daher: wie entfernt man unbeliebte Bakterien aus der Waschmaschine, mit welchem Hilfsmittel spült man so bakterienarm wie möglich sein Geschirr, wie verhält man sich auf der Toilette, um nicht einer unnötigen Bakterienschleuder anheim gesucht zu werden, wie vermeidet man bakterienbedingten Schweißgeruch, wie hält man den Kühlschrank bakterienarm, sodass möglichst wenige Lebensmittel verderben und so weiter und so fort.

Erstaunlich ist auch, welche Bakterien eine Rolle spielen, wenn es um den Klimawandel geht. Welche fiesen Organismen aus ferner Vergangenheit können uns durch den abtauenden Permafrost belasten, wie könnten ausgestorbene Arten dank der Kleinstlebewesen wieder zum Leben erweckt werden oder welche Auswirkungen hat ein Überdüngen der landwirtschaftlichen Böden auf das Bakterienleben - und all die Lebensformen, die von ihnen abhängig sind.

Bakterien helfen nicht nur bei der Produktion von Lebensmittel, sie sind auch unerlässlich, wenn es um den Erhalt von Wald und Wiese geht und können zukunftsweisend auch dabei helfen, uns von der Plastikflut zu befreien. Kurzum: Bakterien sind unerlässlich.

Ich habe dieses kurzweilige Hörbuch sehr, sehr gern gehört! Es ist nicht nur äußerst abwechslungsreich und informativ, auch die Stimme von Thomas Loibl ist sehr angenehm und man kann ihm wunderbar folgen. Förster und Naturschützer Peter Wohlleben legt nicht nur wissenschaftliche Inhalte niederschwellig und nachvollziehbar dar, sondern macht den Hörer*innen auch bewusst, wie wichtig es ist, unser Ökosystem zu schützen - und dazu gehört auch, eine ausgewogene Bakterienvielfalt zu gewährleisten. Absolute Hör- bzw. Leseempfehlung, weil das Sachbuch eine echte Wissensbereicherung ist!

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Fast eine Liebe

Fast ein Leben von Kiran Millwood Hargrave

Es beginnt im Sommer 1978: die 18-jährige Erica verbringt ihren Sommer nach Abschluss der Schule in Paris und lernt dabei die Kunsttheoretikerin Laure kennen. Trotzdem sie irgendwie nicht richtig zusammenpassen, ist die Anziehungskraft zwischen ihnen groß. Erst nähern sie sich körperlich, aber bald ist richtige Liebe im Spiel und ihr ganzes Leben lang kommen sie nicht ordentlich voneinander los.

Ich muss zugeben: der Einstieg in dieses Buch ist mir nicht leichtgefallen. Sprachlich wird viel und breit ausgeschmückt und erzählt, die Beziehung und Liebe zwischen Laure und Erica besteht zwar, mir war aber eigentlich das gesamt Buch hindurch nicht klar, wieso und weshalb überhaupt. Warum findet Erica Laure so toll und umgekehrt? Warum können sie nicht voneinander lassen, was ist es, was sie aneinander lieben? Diese Fragen bleiben für mich im gesamten Buch unbeantwortet. Die Figurenzeichnung war für mich eher oberflächlich. Erica wird sehr naiv geschildert, ihre Figur wirkt vollkommen ziellos, sie scheint nicht richtig zu wissen, was sie vom Leben überhaupt will. Und vor allem: sie lässt sich durch reine Interpretation sehr einfach von ihrem oft gerade erst vorgenommenen Entschluss abbringen. Sie gibt viel zu schnell auf, hat teilweise sehr unrealistische Vorstellungen, trifft Entscheidungen, die einfach nicht nachvollziehbar sind. Was ich besonders unglaubwürdig fand: sie wird als Masterstudentin für Kreatives Schreiben als nur eine von vier Personen aufgenommen, ist scheinbar gut, aber als das Studium abgeschlossen ist und sie mit ihrem erfolgreichen Kommilitonen verheiratet, will sie ein Buch schreiben - hat dafür aber lange Zeit keine Idee, um was es darin gehen soll. Funktioniert so wirklich das Schriftsteller*innen-Dasein? Ich habe meine Zweifel...

Laures Figur wird durchaus als störrisch, aber selbstbewusst gezeichnet. Sie scheint zu wissen, was sie vom Leben will, auch, wenn wir als Leser*innen das oft nicht wirklich erfahren. Sie weiß zumindest, dass sie lesbisch ist und mit Hingabe für ihre Freund*innen einsteht. Besonders hervorzuheben ist ihre Freundschaft mit dem schwulen Michel, der Anfang der 80er Jahre schwer erkrankt und dessen Tod sie nie wirklich verkraftet. Sie ist die leidenschaftlichere Liebende, aber sie weiß auch, wann es keinen Sinn mehr macht.

Ich kann nicht sagen, dass ich das Buch ungern gelesen habe. Ab ca. Seite 180 bin ich dann doch noch in die Geschichte hineingekommen. Was mir gefallen hat, war der jeweilige Zeitgeist des geschilderten Jahrzehnts, besonders die queeren Themen mit Diskriminierung, Anschlägen und Krankheiten fand ich wirklich gut herausgearbeitet. Auch Laure fand ich als Charakter authentisch und nachvollziehbar und habe die Episoden über sie gern gelesen. Etwas anders war dies bei Erica, über deren Charakterzeichnung ich mich oft ärgern musste. Wie man sich so schnell von seinen Entschlüssen abbringen lassen kann, vor allem, wo es nur kleine paranoide Vorkommnisse sind, verstehe ich nicht. Klar, die Liebe ist kompliziert, es kann auch möglich sein, zwei Menschen zu lieben und sicher war es früher sehr viel schwerer, sich für eine queere Liebe zu entscheiden, aber diese Zerrissenheit konnte ich aus ihr einfach nicht herauslesen. Und auch nicht, was sie zu ihrem Ehemann hinzog. Ganz schräg wurde es dann für mich, als die beiden mit ihren Kindern zu Laure nach Frankreich auf Urlaub fahren, um einen Monat bei ihr zu verbringen. Nahezu erschüttern fand ich, wie sie sich ihrem Mann unterordnete und sich selbst - vermeintlich ihm zuliebe - aufgab. Das Buch hat oft enorme Längen, die die Lust weiterzulesen etwas hemmt. Der ganze Roman zieht sich von 1978 bis 2013, allerdings bin ich ob der Zeitbeschreibung etwas verwirrt, weil sie für mich so nicht ganz stimmen kann. Oft fehlen Zeitangaben oder sind nicht schlüssig. Nichtsdestotrotz gab es immer wieder Episoden, vor allem jene in Paris bzw. Frankreich, die ich regelrecht verschlungen habe.

Mein Fazit: "Fast ein Leben" ist ein queerer Liebesroman, der sich durchaus lohnt zu lesen, wenn man sich von einigen Längen und dem oftmals nicht nachvollziehbaren Gebaren einer der Protagonistinnen nicht abschrecken lässt. Besonders gut hat mir gefallen, dass glaubhaft beschrieben wird, wie schwer es lange Zeit war (und vermutlich teilweise immer noch ist), offen queer zu leben. Die Oberflächlichkeit der Liebesgeschichte hinterlässt mich etwas ratlos, kann für andere Lesende aber bestimmt genossen werden.

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Dystopisch, sperrig, grandios

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft von Fiona Sironic

Era ist 15 und kann hautnah miterleben, wie die Welt durch die Klimakatastrophe zu Grunde geht. Wasser ist Mangelware, somit auch frisches Essen, allerorts brennt es, ein lebbarer Wohnraum ist knapp, eine nach der anderen Vogelart stirbt aus - und die Reichen bleiben priviligiert. In diesem Setting aufzuwachsen ist nicht nur bedrückend, sondern auch zu gewissen Maße auch langweilig.

Bis die Schwestern Maya und Merle in Eras Leben treten. Die beiden Töchter bekannter Influencer-Moms jagen samstags Dinge in die Luft, filmen das Spektakel und stellen es ins Netz. Anonymität ist den beiden Schwestern das höchste Gut. Doch Era schafft es sich mit den beiden zu befreunden - und sie und Maya werden ein Paar. Sie treten eine gemeinsame Flucht an, um aus ihrem Leben auszubrechen - irgendwie hoffnungslos.

Fiona Sironic ist mit "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" eine eindringliche und realistische Dystopie gelungen, die eine Zukunft zeigt, die nicht allzu sehr in der Ferne liegt und erschreckenderweise genau so stattfinden könnte. Der Roman hat eine weltuntergangshafte Atmosphäre, ist dementsprechend frustrierend und vor allem: sperrig. Die knapp 200 Seiten lesen sich nicht flott, sondern ziehen sich wie Kaugummi, sind extrem intensiv, schockierend und drängen förmlich die Frage in den Kopf: warum fahren wir unsere Welt so an die Wand? Ich erachte es als besondere Kunst ein Buch zu schreiben, das gleichermaßen abstoßend und anziehend ist, es fühlt sich an als würde die geschaffene Welt jene sein, die erwartet wird, die wir aber um keinen Preis haben wollen. Die Figuren sind gefangen in einer aussichtslosen Welt, die dem Niedergang geweiht ist und doch versuchen sie das Essentielle: zu leben.

Schafft man das Buch bis ans Ende, weiß man: man hat als Lesende hart gearbeitet und wird dafür auch belohnt. Mit der Erkenntnis, dass Sironic hier große Literatur geschaffen hat, so unpackbar, dass sie irgendwie grandios ist. Das Buch ist wie ein Fiebertraum, in dem man aufwacht und nie wieder freikommt: die erzeugten Bilder brennen sich in den Kopf und werden vermutlich nie ganz verschwinden. Man weiß: das ist unsere Zukunft - der Planet stirbt, die Tiere sterben und schließlich auch wir Menschen, wenn wir nicht umgehend etwas ändern. Alles deutet darauf hin, dass wir das nicht tun. Im Nachhinein kann aber gesagt werden: Fiona Sironic hatte eine Ahnung.

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Die Spuren, die bleiben

Onigiri von Yuko Kuhn

Akis Mutter Keiko ist an Demenz erkrankt. Erst im Zuge dieser Krankheit merkt sie, wie wenig sie eigentlich über deren Leben weiß. Als junge Frau wanderte sie einst von Japan aus und nach Deutschland ein, lernte den Vater kennen und bekam zwei Kinder. Die Ehe klappte nicht und so fristete sie ein arbeitsreiches Leben, ohne viele Spuren zu hinterlassen.

Aki möchte nun die Biographie ihrer Mutter erkunden, solange das noch irgendwie möglich ist. So entschließt sie sich, mit Keiko zu ihrer Familie nach Japan zu reisen, eine Reise die größte Herausforderungen - aber auch Erkenntnisse - mit sich bringen.

Was für ein tolles Buch ist Yuko Kuhn hier gelungen! Sie schildert sehr eindringlich, wie wenig die Protagonistin doch über ihre eigene Herkunft weiß, wie viel Kultur sie von ihrer Familie mitbekommen hat und wo und wie sie schließlich sie selbst ist - eine ruhige, aber erkenntnisreiche Spurensuche. Das Buch wirkt sehr authentisch und nachvollziehbar, wem ergeht es im Laufe des Lebens nicht auch so, dass sie oder er sich die Frage stellt: wie viel weiß ich eigentlich über meine Eltern? Besonders lebt die Geschichte von den vielen Begegnungen Akis - mit ihrer Mutter und ihrer Verwandtschaft in Deutschland und in Japan. Es sind alles ruhige, aber bewegende Kontakte, die das Lebensbild der Mutter peu á peu zum Vorschein holt - auch wenn es nie vollständig sein wird, schon gar nicht, weil ihr Sein sich langsam verabschiedet.

Besonders beeindruckt hat mich die einfühlsame und komplexe Schilderung über die Demenz von Keiko: die Momente der absoluten Verwirrtheit, die für das eigene Kind so schmerzhaft sind, die ständigen, mühsamen Wiederholungen und die tiefe Ergriffenheit, sich mit der Krankheit nicht abfinden zu wollen, sondern die Person zu halten, auch wenn sie Schritt für Schritt verschwindet. Über allem schwelt eine um sich greifende Melancholie, die einem bewusst macht, dass auch das eigene Leben vergänglich ist und es gut tut, sich die Frage zu stellen: welche Spuren möchte ich hinterlassen?

Mein Fazit: Onigiri ist ein melancholischer, authentischer Roman über eine bewegende Spurensuche über das Leben der eigenen Mutter im Zeichen einer Krankheit, die die eigene Biografie auszulöschen droht. Ein Lieblingsbuch und eine absolute Leseempfehlung für alle, die ruhige, reflektierte Erzählungen mögen, die nicht ohne Tiefgründigkeit und Komplexität auskommen.

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