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Rezensionen von Miro:

Stasi am Schulhof

Verraten von Poppe Grit

Sebastian ist 15 Jahre alt, als er von der Jugendhilfe in ein Durchgangsheim gesteckt wird. Er weiß kaum, wie ihm geschieht, denn eigentlich lebt er seit dem Tod seiner Mutter bei der Oma. Er erfährt noch, dass diese in ein Feierabendheim umgesiedelt wurde.

Das Durchgangsheim entpuppt sich als regelrechter Kinderknast, soll aber bei weitem nicht so schlimm sein, wie der Jugendwerkhof, der ihm in Aussicht gestellt wird.

Zum Glück holt ihn sein Vater, den er seit Jahren nicht gesehen hat, da raus.

Doch hier beginnt das ganze Dilemma, denn Sebastian wird von der Stasi angeworben und soll seinen Vater ausspionieren. Er war einige Jahre als politischer Gefangener inhaftiert und muss natürlich überwacht werden.

Gleichzeitig lernen wir Katja kennen, die ein alter Hase in der Jugendhilfe ist. Sie kennt die meisten Heime und ist immer wieder ausgebüxt. Ihr droht das schlimmste aller Heime, doch noch einmal gelingt ihr die Flucht und Sebastian versteckt sie auf dem Dachboden.

Das verschärft sein moralisches Dilemma noch mehr, denn er darf ja Katja wegen nicht auffallen. Ihm bleibt nichts anderes über, als dieses perfide Spiel mitzuspielen und langsam aber sicher wird er immer mehr in die Ecke gedrängt. Gibt es einen Ausweg?

Super spannend erzählt und Grit Poppe die Geschichte von Sebastian und Katja, die der Jugendhilfe entkommen wollen. Die Autorin hat sich inspirieren lassen von ehemaligen Jugendlichen, die von der Stasi angeworben wurden. Im Anschluß an das Buch findet sich auch ein Interview mit einem Opfer dieser perfiden Machenschaften.

Die Geschichte wird rasant vorangetrieben, ohne dabei wesentliches zu unterschlagen. So ist das Buch spannend und informativ zugleich. Aber Vorsicht, es ist harte Kost. Die Methoden des Staates und seines gefürchtetsten Ministeriums sind zum Teil sehr bösartig. Es ist kaum zu glauben, was denen alles eingefallen ist, um den Menschen Angst zu machen und sie klein zu halten. Dabei bin ich mir fast sicher, dass uns die Autorin nicht die allerschlimmsten Szenen präsentiert. Trotzdem war ich immer wieder fassungslos, wie man Menschen so behandeln kann. Zum Glück ist dieser Albtraum vorbei.

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und ich muss gestehen, dass ich mich mit dieser Thematik noch nicht beschäftigt hatte. Aber es liegt nahe, dass die Stasi auch vor Kindern nicht halt gemacht hat. Ich fand das Buch sehr informativ und die Dokumente und das Interview im Anhang runden den Roman ab und geben ihm noch mehr Authentizität. Daher gibt es ein uneingeschränkte Leseempfehlung auch für Erwachsene, die sich für die Methoden der DDR interessieren.

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Unbarmherziges Eis

Das Lied der Arktis von Cournut Bérengère

Uqsuralik blutet zum ersten Mal als sie auf dem Packeis von ihrer Familie getrennt wird. Mit einem lauten Krachen berstet das Eis und ihr Vater kann ihr gerade noch ihr Bärenfell und eine Harpune zuwerfen, bevor die Schollen zu weit auseinander driften.

Uqsuralik weiß, dass sie nicht stehenbleiben darf.

Drei Nächte und drei Tage wandert sie, bis sie endlich Land unter ihren Füssen spürt. Sie trifft auf einen kleinen Clan, dem sie sich anschließt. Sie ist eine gute Jägerin, ihr Vater hat sie gut unterrichtet und so kann sie ihren Beitrag leisten. Doch in diesem Clan herrscht ein selbstsüchtiger und neidischer alter Mann und Uqsuralik ist nicht sicher. Nach einem Unglück zieht sie weiter und trifft auf die Familie ihres Onkels, die sie bereitwillig in ihrer Mitte aufnehmen.

Sie führt nun ein Leben im Kreis einer großen und liebevollen Familie. Doch das Leben bliebt hart. Im Winter lauert ständig der Hunger. Auch der Alte kreuzt immer wieder ihren Weg, doch Uqusuralik ist stark. Sie geht ihren Weg.

Bérangère Cournut hat ausführlich recherchiert und vermittelt mit ihrem Buch ein gutes Gefühl für das Leben und die Kultur der Inuit. Ihre Erzählung ist durchsetzt mit Liedern, die anfangs sehr eigen anmuten. Mit dem Fortschreiten der Erzählung taucht man immer tiefer in das Denken dieses Volkes ein und beginnt auch diese Lieder anders wahrzunehmen. Sie vermitteln ein feines Gespür für ein Volk, wo Leben und Sterben sehr nahe beisammen liegen.

Der Tod gehört zum Leben genauso wie die Mythen und Legenden, die den Alltag sehr stark prägen.

Ich konnte dieses Buch kaum zur Seite legen, so sehr hat mich Uqsuraliks Geschichte gefesselt und ich bin dankbar, durch diese Lektüre einen neuen Blick auf das Volk der Inuit bekommen zu haben. Ich bin restlos begeistert von diesem Buch und empfehle es alles, die sich für das Leben im Eis interessieren.

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Ein Porträt der Puppenschnitzerin Hannelore Marschall

Herzfaden von Thomas Hettche

Ein namenloses Mädchen läuft wütend vor ihrem Vater weg. Was hat er sich bloß dabei gedacht, sie in ein Puppentheater zu schleppen! Sie ist ja kein kleines Kind mehr.

In einem dunklen Gang entdeckt sie eine Tür und dahinter führt eine Treppe auf den Dachboden. Neugierig schreitet sie hinauf und betritt die Welt der Puppen.

Mit jeder Stufe schrumpft sie, bis sie auf Augenhöhe mit den nun lebendigen Marionetten.

Sie trifft dort Jim Knopf und Prinzessin Li Si und den kleinen König Kalle Wirsch, natürlich auch den Kasperl und viele andere. Und am wichtigsten: Sie trifft die Puppenspielerin Hatü. Oder besser, ihren Geist, denn in der echten Welt ist Hannelore Marschall längst verstorben. Ihr Sohn führt nun die Puppenkiste.

Hatü erzählt dem Mädchen ihre Geschichte und weckt das Kind in ihr wieder auf. Auch das Mädchen muss ein Abenteuer bestehen, Mut und Herz beweisen.

Und so erfahren wie, wie Walter Oemichen mit seiner Familie während des Kriegs zum Puppenspielen kam, die Augsburger Puppenkiste gründete und trotz vieler Rückschläge groß machte.

Die Geschichte der Familie Oemichen hat mich sehr berührt. Ihr Anspruch, das Kind in den Menschen lebendig zu halten, die Kreativität und Fantasie anzusprechen und so die Welt ein bisschen besser zu machen gefällt mir gut.

Das Buch ist außerdem wunderschön gestaltet. Die Zeitebenen sind durch die Farbwahl voneinander abgegrenzt; die Gegenwart ist rot, die Vergangenheit blau. Ergänzt wird die Geschichte mit Illustrationen von Matthias Beckmanns, der die Marionetten für uns ins Licht rückt.

Thomas Hettche hat mir mit diesem Buch wunderschöne Lesestunden beschert. Meine Begeisterung für diese liebevolle Geschichte kann ich kaum in Worte fassen. Wahrscheinlich ist "Herzfaden" für mich DAS Lesehighlight dieses Jahres.

Also lesen Sie dieses Buch! Es entführt sie in eine andere Welt und das können wir heuer wohl alle brauchen!

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Die Hoffnung ist vom Teufel erfunden ...

Der Halbbart von Charles Lewinsky

Teufel erfunden …

Im Mittelalter hatte fast jeder einen Namen, der ihm von der Gemeinschaft gegeben wurde. Der Halbbart heißt so, weil sein Gesicht zur Hälfte verbrannt ist. Eine Seite ist normal, eine Seite dunkel und vernarbt. Man hatte es anfangs mit Melchipar versucht. Eine Mischung aus Melchior und Caspar, aber das war zu kompliziert für die einfachen Leute im Dorf.

Doch eigentlich ist das die Geschichte von Eusebius, oder besser Sebi, wie er der Einfachheit halber gerufen wird.
Sebi ist 13 Jahre alt, als der Halbbart in sein Leben tritt und der Halbbart kommt zu einem guten Zeitpunkt. Sebi’s Vater war schon eine Weile verstorben und Sebi brauchte dringen einen erwachsenen Freund.
So begleiten wir Sebi in seinem Aufwachsen, leiden mit ihm in seiner schwierigen Jungend und freuen uns, als er zu dem wird, der immer schon in ihm gesteckt ist.
Sebi ist ein kluger und aufgeweckter Junge. Er kommt zwar nicht in den Genuss von Bildung, aber er hat einen wachen Geist und vor allem, ein ausgezeichnetes Gedächtnis.
Der Autor hat diesen kindlichen Erzähler gut gewählt. Er versteht noch nicht alles, hinterfragt viel und berichtet in mündlicher Erzählweise von seinen Erlebnissen. Dadurch bekommen wir einen guten Einblick in das Leben im Mittelalter und bekommen vieles erklärt, was damals vielleicht selbstverständlich war.
Und das Leben damals unterscheidet sich sehr von unserem Leben jetzt. Die Menschen waren ihrer Umwelt ganz schön ausgeliefert. Macht hatten nur wenige und wer keine hat, kann froh sein, wenn er sein auskommen findet.
Die Kirche durchdrang dann Alltag der Menschen. Die Angst vor der Strafe Gottes oder den Versuchungen des Teufels war groß und machte das Volk gefügig. Doch es fand sich auch Widerstand. Der Marchenstreit, eine Strittigkeit um Gründe zwischen gemeinem Volk und dem Kloster, wird hier eingearbeitet.
Es finden sich viele historische Details in dieser Geschichte und dem noch jungen Sebi werden einige Weisheiten in den Mund gelegt, die auch heute noch gelten.
Sein Erwachsen werden ist kein Zuckerschlecken. Kaum denkt man, er kommt zur Ruhe und findet seinen Platz, ereilt ihn der nächste Schlag. Schlimmer geht immer.
Trotzdem verliert Sebi die Hoffnung nicht und schafft es auch, sich sein sonniges Gemüt zu erhalten. Ich hätte mir keinen besseren Erzähler wünschen können, für einen Einblick ins Leben im 13. Jahrhundert und gleichzeitig bin ich unglaublich dankbar, heute zu Leben!
Charles Lewinsky hat hier einen großen Roman der Fabulierkunst geschaffen. Im Aufbau gliedert sich das Buch exakt in die Zeit ein. Es wirkt ein bisschen wie ein Schelmenroman. Die Kapitel sind kurz und fast alle gleich lang und werden immer mit einem kleinen Spoiler übertitelt. Manchmal löst die Überschrift gleich Gänsehaut aus und manchmal bin ich als Leserin unglaublich froh, schon einen Funken der Geschehnisse zu kennen.
Das Buch ist große Handwerkskunst und ich vergebe eine uneingeschränkte Leseempfehlung für diesen mitterlalterlichen Coming-of-Age Roman!

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Leben und Lieben in Zeiten des Krieges

Die Liebenden von der Piazza Oberdan von Christian Klinger

Vittorio ist gegen den Willen seines Vaters mit den Italienern in den ersten Weltkrieg gezogen und überlebte nur knapp und mit ganz viel Glück. So verbrachte er die letzten Kriegsjahre in Padua, um sein Jurastudium abzuschließen. Im Anschluss kehrte er nach Triest zurück, wo er feststellen musste, dass seine Mutter diese finstere Zeit nicht überlebt hatte und sein Vater keinen Kontakt mehr zu seinem abtrünnigen Sohn wünscht.

War der Vater wirklich so Monarchietreu?

Vittorio baut sich in Triest ein neues Leben auf, wird Partner in einer gut florierende Kanzlei, heiratet und bekommt einen Sohn - Pino.

Leider stehen die Zeiten wieder schlecht, die Faschisten kommen an die Macht und ein weiterer Krieg ist am Entflammen. Vittorio versucht seine Familie diesmal aus den Kriegswirren herauszuhalten und sein Sohn, der zwar seinen eigenen Kopf hat und nicht immer auf seinen Vater hört, gehorcht eigentlich auch.

Trotzdem wird er von der SS verhaftet, weil er leider am falschen Ort, zur falschen Zeit auf sein Mädchen gewartet hatte. Ihr regelmäßiger Treffpunkt war die Piazza Oberdan, wo auch die SS ihren Stützpunkt hat.

Warum die beiden Liebenden diesen schwierigen Ort für ihre Treffen gewählt hatten, klärt der Autor hier nicht auf. Das geht auch aus keinen Zeitzeugnissen hervor, die es über diese beiden noch gibt. Aber es gibt noch Brief, die diese Liebe dokumentieren.

Christian Klinger führt uns an diese Geschichte nicht chronologisch heran. Die einzelnen Kapitel sind allerdings mit Datum versehen, sodass man sich im Zeitfluss gut zurechtfinden kann. Er schreibt Pino einen Charakter zu, der zu seiner Geschichte passt. Er ist ein besonnener, junger Mann, der ziemlich genau weiß, was er tut und sich wenig, oder nichts vorschreiben lassen will.

Ein mutiger, junger Mann, dem die Liebe zu seiner Laura das Wichtigste ist!

Mir gefallen beide Charaktere sehr gut. Der des Vaters, der noch in der Monarchie aufgewachsen ist und einen sehr klaren Ehrbegriff hat, aber auch der des Sohnes, der sich auflehnt, wenn es nötig ist und trotzdem recht besonnen agiert.

Ich habe diese Liebesgeschichte sehr gerne gelesen und mit Spannung verfolgt, auch wenn sie stellenweise etwas kitschig ist und der Zufall den Liebenden all zu arg in die Hände spielt. Und schlußendlich ist ihnen das Glück eh nicht so hold, wie ich es ihnen gewünscht hätte.

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Ein Panzer müsste man haben ...

Triceratops von Stephan Roiss

Ein namenloser Junge gewährt uns Einblicke in seine Kindheit. Seine Mutter ist im Wochenbett psychisch erkrankt und konnte sich schon um seine große Schwester kaum kümmern. Ein zweites Kind verbessert die Situation in der Familie nicht. Die Mutter muss immer wieder in die Psychiatrie und der Vater verfrachtet seinen Sohn zur Oma aufs Land.

Der Junge ist auf der Suche nach Liebe, Sicherheit und Persönlichkeit. Er spricht von sich selbst in der dritten Person Plural, doch es ist nicht der Pluralis Majestatis sondern eher ein Mangel an Selbstbewusstsein, an Selbstkompetenz.

Als würde wir durch ein Fotoalbum blättern, gewährt und der Autor hier kurze Einblicke in diese kaputte Familie. Wie einzelne Bilder sind die Kapitel kurz gehalten. Als Leser*innen sehen wir dadurch hin, können erahnen, was in seinem Kopf vorgeht, doch Anteil an seiner Gedankenwelt bekommen wir nicht.

Das ist sehr ungewöhnlich für einen Roman der eigentlich einen ICH-Erzähler hat. In diesem Fall ist es halt ein WIR-Erzähler. Dieses WIR schafft Distanz und hält uns auf Abstand. Und das ist es auch, was der Junge wünscht. Er möchte einen Panzer wie ein Triceratops, damit ihm nichts und niemand mehr etwas anhaben kann. Doch auch das will nicht so recht gelingen. Er ist niemals gefeit vor Verletzungen und diese kommen aus allen Ecken.

Als die Großmutter stirbt scheint sich alles zuzuspitzen. Der Junge zieht sich für eine Weile in die Berge zurück, doch auch die Natur ist ihm nicht wirklich wohl gesonnen.

Diese Buch ist sehr berührend. Die schnökellose Sprache und die knappen Ausführungen geben dem gesagten eine große Dringlichkeit und obwohl die Figur irgendwie auf Distanz bleibt, geht mir sein Schicksal ans Herz. Diese Diskrepanz ist sicher dem ungewöhnlichen Schreibstil geschuldet.

Mit Triceratops hat der Stephan Roiss ein völlig neuartiges Werk vorgelegt. Das Buch überrascht in seiner Schlichtheit. Ich freue mich immer, wenn ich auf ungewöhnliche Lektüre stoße und daher empfehle ich den Roman all jenen, die offen für etwas Neues sind! Mich konnte der Autor begeistern!

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Bitterböser Humor, der immer wieder übers Ziel hinausschießt!

Omama von Lisa Eckhart

Die Omama war ein junges Mädchen, als die Russen die Steiermark besetzten und ins Haus der Familie einzogen. Mit dieser Geschichte steigen wir ein in das Leben der Großmutter, von dem behauptet wird, dass sich alles so zugetragen hat, aber in schriftstellerischer Freiheit aufgearbeitet wurde.

Ob und wie weit wir Leser*innen dem Glauben schenken dürfen, muss wohl jede*r für sich entscheiden.

Manche Begebenheiten sind so skurril, dass sie wahrscheinlich wahr sein müssen.

Wer Lisa Eckhart als Kabarettistin kennt, kennt auch ihren beißenden Humor mit dem sie leider immer wieder übers Ziel hinausschießt. Und ganz genau so ging es mir mit der Lektüre dieses Buches. Immer wieder durfte ich laut lachen und immer wieder ist mir das Lachen im Hals stecken geblieben. Ich mag schwarzen Humor eigentlich sehr gerne, aber hier finden wir immer wieder noch schwärzeren Humor und vor Lisa Eckhart ist nichts und niemand sicher.

Mit diesem Buch rechnet sie ordentlich ab mit ihren Geschlechtsgenossinnen und mit dem Landleben. Stellenweise hatte ich das Gefühl, sie muss das Landmädchen in sich noch mal überwinden. Immer wieder mal ist mir ihre Sprache zu derb und dreckig, aber wenn man dann weiterliest finde man wieder einen wirklich lustigen Exkurs über diverse Themen. Hier wird fast alles abgehandelt: es finden sich moralische Fragen, Glaubensthemen, Zeitgeschichte und eine Menge Philosophie. Sie hat wirklich über alles was zu sagen und zwischendurch lesen wir immer wieder von der Omama, die ein wirklich interessantes Leben geführt hat.

Wie man hier schon gut erkennen kann, bin auch ich etwas zwiegespalten diesem Buch gegenüber. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es lieben oder hassen soll. Mal möchte ich es in die Ecke knallen, dann muss ich zwingen weiterlesen, weil es mich so amüsiert. Normalerweise schaffe ich es, eine endgültige Meinung zu finden, aber bei diesem Buch will mir das einfach nicht gelingen. Deshalb vergebe ich drei Sterne für die goldene Mitte und bitte euch, euch selbst eure Meinung zu bilden.

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Wenn eine Freerunnerin stürzt ...

Bären füttern verboten von Rachel Elliott

Sydney ist 10 Jahre alt, als ihre Mutter im Urlaub tödlich verunglückt. Sie gibt sich selbst die Schuld daran und ihr Vater und ihr Bruder tief in deren Inneren eigentlich auch.

Die Familie zerbricht daran. Der Vater schafft es nicht sich und seine beiden Kinder aus seiner Trauer herauszuholen.

Er bleibt für immer allein. Jason, der Sohn zieht weit fort und versucht eine Familie zu gründen, doch auch seine Ehe scheitert und Sydney verliert sich im Freerunning und setzt mit diesem Extremsport ihre Beziehung aufs Spiel.

Als sie 40 wird, wagt sie endlich eine Reise an den Ursprung des Übels, St. Ives, an der Küste Südenglands. Mit ihren Stunts auf den Dächern der Kleinstadt mischt sie diese gehörig auf, bis sie abstürzt, denn für Sprünge über Hausdächer braucht man einen klaren Kopf und Sydney sitzt in ihren Gedanken fest.

Was dieser Sturz bei ihr und ihren Lieben bewirkt, wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Der Sturz verändert alles.

Stilistisch ist das Buch ganz großartig aufgebaut. In kurzen Kapitel lernen wir verschiedenste Sichtweisen kennen. Da kommt auch mal ein Notizbuch oder ein Hund zu Wort und vervollständigt unser Bild der Protagonist*innen. In feinsinnigem Humor nähert sich der Autor dieser berührenden Tragödie und nimmt so seiner Geschichte an Schwere. Wir dürfen auch mal lachen bei der Lektüre, trotz der großen Trauer, die die Geschichte umfängt.

Besonders gut gefallen haben mir die kleinen Exkurse, die immer wieder mal eingeschoben werden. Da kommt ein veganer Fleischer als Nebenfigur, der ebenfalls ein Gesicht bekommt oder der Autor verzettelt sich in den Kommentaren auf Social Media, was mich sehr zum Lachen brachte.

Ich mag solche multiperspektivischen Geschichten sehr und diese hier finde ich äußerst gelungen. Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen und kann es ohne Vorbehalte weiterempfehlen!

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Drei Generationen Familiendrama

Was Nina wusste von David Grossman

Vera feiert ihren 90 Geburtstag im Kibbuz in vollem Gebraus. Familie und Freunde sind gekommen, um ihr zu huldigen. Nur ihre Tochter Nina, die von einer Insel nahe dem Nordpol angereist ist, finde keine Worte. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist stark getrübt.

Genauso wie das Verhältnis zu ihrer Tochter Gili, die sie 3jährig bei ihrem Vater zurückgelassen hattte.

Drei Frauen, drei Leben und ein großer Haufen an Schicksalsschlägen, die von Generation zu Generation weitergereicht werden.

In diesem Buch erzählt David Grossman das Leben von Eva Panic-Nuhar und ihrer Tochter in schriftstellerischer Freiheit.

Ich empfehle, sich mit den biografischen Eckdaten der oben genannten erst nach der Lektüre des Buches auseinanderzusetzen, denn der Autor baut meisterhaft eine unheimliche Spannung auf, die man sich nicht im Vorfeld verderben sollte.

Dadurch konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Seite um Seite musste ich lesen, um endlich zu erfahren, was hinter dem ganzen Desaster steckt, welches Ninas Leben dermaßen aus der Bahn geworfen hat.

Zwischendurch war ich mir nicht mehr sicher, ob die Auflösung dem Spannungsbogen noch gerecht werden kann. Aber es funktioniert im Großen und Ganzen und es werden schwierige Fragen aufgeworfen. Doch auch die kann ich hier eigentlich nicht verraten, um nichts vorwegzunehmen.

Nur so viel sei noch gesagt, diese Lebensgeschichte ist sehr berührend. Sie hinterfragt die Menschlichkeit, die Liebe, Vertrauen und Verrat.

Man sollte diese Geschichte unbedingt etwas sickern lassen, bevor man über die Protagonistinnen urteilt, denn alles hat immer zwei Seiten!

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Rauhnächte in Berlin

Schwarzpulver von Laura Lichtblau

Schwarzpulver erzählt uns einige Tage in Berlin in einer möglichen Zukunft. Wir begleiten drei Menschen in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester und ihre Erlebnisse und Vorstellungen in den mythischen Rauhnächten, wo alles möglich sein kann.

Da ist Charlotte, die bei der Bürgerwehr angeheuert hat und als Präzisionsschützin auf den Dächern Berlins lauert.

Die Partei will sie stärker involvieren und lädt sie sogar auf ein exklusives Silvesterevent ein, als ihr erste Zweifel an deren Gedankengut kommen.

Ihr Sohn Charlie ist Praktikant bei einem subversiven Musiklabel und lernt dort die Rapperin Pseudoluchs kennen, die mit ihren Texten provoziert.

Und dann ist da noch Burschi, die ihr Auskommen durch einen Onlinehandel verdient und da den Hausrat eines pflegebedürftigen Ehepaars verkauft. Burschi liebt Frauen, in einer Welt, in der es das gar nicht geben darf. Frauen sind dazu da, die Nachkommenschaft zu sichern.

Laura Lichtblau hat eine düstere Zukunft geschaffen. Es gibt kaum geistige Freiheit und noch weniger Möglichkeiten für Randgruppen. In dieser Welt beginnt sich eine kleine Revolte zu formen, deren Chancen auf gelingen gering sind. Doch der Samen wird gesät.

Stilistisch hat mir das Buch ausgezeichnet gefallen. In poetischer Sprache formuliert Lichtblau teils magische Sätze. Und auch wenn gar nicht so viel passiert, findet sich eine anregende Geschichte in diesem Buch. Ich habe es gern gelesen und kann es all jenen empfehlen, die eine schräge und ungewöhnliche Geschichte zu schätzen wissen.

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