Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Miro:
Gewalt und Verrohung im gebeutelten Belfast
Amelia von Anna Burns
Mit "Milchmann" hat uns Anna Burns bereits tiefe Einblicke in die andauernden Konflikte in Nordirland geboten. Auch dieser Roman war nicht einfach zu lesen. Die sperrige Sprache und die alltägliche Gewalt waren nicht leicht zu ertragen. Ihr Debüt "Amelia", das erst jetzt auf Deutsch erschienen ist, ist noch ein ganz anderes Kaliber.
Die Autorin lässt uns in Episoden an Amelias Leben teilhaben. 1969, als die Konflikte so richtig ausbrechen, ist Amelia 8 Jahre alt - ein neugieriges Kind, das versucht die Welt um sich zu verstehen und in eine Zeit hineinwächst, die von Gewalt und Missbrauch durchdrungen ist.
Die arbeitende Klasse ist den Straßenkämpfen völlig ausgeliefert. Familien werden zerrissen, Freunde werden zu Feinden, Auge um Auge und nie, aber wirklich niemals davonlaufen, denn es gilt das Gesicht zu wahren. Lieber sehenden Auges in den Tod gehen, als Schande über die Familie bringen.
Amelia aber, geht einer Schlägerei lieber aus dem Weg. Sie flüchtet sich in ihre Magersucht, entfremdet sich immer mehr von ihrer gewalttätigen Familie und driftet schließlich in die Alkoholsucht ab. Sie weiß, dass sie ihrer Heimat den Rücken kehren muss, aber sie schafft es erst, als es fast zu spät ist. Sie nimmt ihre Neurosen mit in ihre neue Heimat.
Anna Burns zeigt uns mit diesem Roman, dass die über Jahre andauernde Gewalt auf den Straßen niemanden unbeeinflusst lässt. Sie greift um sich und zieht alle in ihren Bann. Ein Entkommen ist kaum möglich. Die Auswirkungen auf den Alltag und die Psyche der Betroffenen sind enorm.
Für meinen Geschmack veranschaulicht die Autorin das ein bisschen zu genau. Manche Szenen strotzen vor Gewalt, Verrohung und Missbrauch. Ich hätte das gerne nicht so detailliert geschildert gehabt. Ich hätte die Botschaft auch dann verstanden, wenn die Tragödien nicht so auserzählt gewesen wären. Das war mir schon fast zu viel.
Bei der Lektüre begleiten wir Amelia bis zu den Friedensverhandlungen 1994. Also fast dreißig Jahre ihres Lebens und doch kämpft sie immer noch mit ihren Wurzeln. Es gibt einen klitzekleinen Lichtblick am Ende, aber der innere Kampf ist längst nicht ausgestanden. Die vielen Toten, die am Wegrand liegen, machen das Überleben auch nicht leichter.
Das Buch ist sehr eindringlich und lässt bestimmt niemanden kalt, aber ich bin mir sicher, dass es vielen Leser*innen zu direkt, zu brutal und zu heftig ist und dadurch vielleicht sogar weniger Menschen erreicht, als es möchte. Mir hat es streckenweise viel Überwindung gekostet weiter zu lesen und deshalb kann ich auch nur 3 Sterne vergeben für diesen schonungslose n Roman, der wie ein lauter Hilferuf aus Belfast klingt.
Wütendes Feuer verzehrt
Wütendes Feuer von Fang Fang
Das ist mein erstes Buch einer chinesischen Schriftstellerin und mit diesem Buch habe ich eine äußerst laute Stimme erwischt, die die Zustände im Land anprangert.
Mit Yingzhi zeigt uns Fang Fang eine Protagonistin, die sich mit ihrer Rolle, die ihr als Ehefrau im chinesischen Hinterland zugesprochen wird, nicht abfinden will.
Sie sieht die Ungerechtigkeiten mit denen die Frauen am Land täglich umgehen sollen und prangert sie lautstark an. In wüsten Streitigkeiten versucht sie ihre Rechte gegenüber Mann und Schwiegereltern durchzusetzen. Wir lesen Szenen, die bestimmt niemanden kalt lassen. Fang Fang schont ihre Leser*innen nicht!
Auch die Sprache des Buches sticht hervor. Schonungslos, unbarmherzig, direkt, sehr rural und dadurch sehr authentisch ist diese Geschichte geschrieben. Die Wut der Protagonistin springt direkt über beim Lesen.
Ich weiß nicht, ob die Autorin immer in so derber Sprache schreibt, oder ob sie die Sprache an den Schauplatz iheres Roman angepasst hat. So oder so beeindruckt es mich mächtig und obwohl ich "Wuhan Diaries" nicht lesen wollte, hat dieses Buch nun meine Meinung geändert und ich bin auch darauf neugierig.
Die chinesische Kultur ist uns Mitteleuropäer*innen ziemlich fremd, aber die Diskrepanzen zwischen Stadt und Land, Männer und Frauen oder Arm und Reich fühlen sich doch irgendwie immer gleich an. Nur, dass die Klüfte in China eben etwas größer sind.
Ich bin dankbar, dieses Werk gelesen zu haben, dass voller Wut auf ein System steckt, dass so dringend überwunden werden muss. Die Autorin hat mich mit diesem Frühwerk sehr neugierig gemacht auf ihr Schaffen und ich bin froh, dass es noch zwei weitere Bücher gibt, die bereits auf Deutsch erschienen sind.
Über Lügen und andere Wahrheiten
Die Gezeiten gehören uns von Vendela Vida
Eulabee und Maria Fabiola sind die allerbesten Freundinnen. Sie leben in einem schmucken Stadtteil von San Francisco, besuchen eine Privatschule für Mädchen und wachsen eigentlich recht behütet auf.
Maria Fabiola ist eine schillernde Schönheit, immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Eulabee ist schlau, eine gute Schülerin und steht immer etwas im Schatten ihrer Freundin.
Doch so untrennbar sind die beiden Mädchen gar nicht, denn eines Tages behauptet Maria Fabiola, dass der Mann, der sie nach der Uhrzeit gefragt hatte, sich währenddessen im Auto selbst befriedigte. Die beiden anderen Mädchen in ihrem Kreis zeiht sie schnell auf ihre Seite, doch Eulabee steht zu ihrer Sicht der Situation und sagt aus, dass da nichts war.
Die Folgen hat sie zu tragen und Maria Fabiola ist manipulativ. Für Eulabee ändert sich alles. Maria Fabiola allerdings macht einfach weiter.
Eulabee überzeugt als Protagonistin in diesem Roman. Ihre Gedankengänge und Ideen sind gut nachvollziehbar. Sie ist sich der Macht der Worte bewusst und trägt auch die Konsequenzen. Die ganze Situation mit den Mädchen entgleitet, Eulabee wird in ihren Grundfesten erschüttert und lässt dabei ihre Kindheit zurück.
Dieses Buch ist eine etwas andere Coming-of-Age Geschichte. Die Dramen sind nicht so unmittelbar, es gibt keine große Liebe, aber es gibt ein Mädchen, die zu ihrer Meinung steht, Verantwortung übernimmt und ihren Weg geht, auch wenn dieser steinig ist.
Vendela Vida konnte mich auch mit diesem Buch begeistern. Ihre Sprache ist einfach und direkt, die Entwicklung der Persönlichkeiten hat mir gut gefallen. Einzig der Schluss, der im Schnelldurchlauf mehrere Jahre abhandelt war mir etwas zu kompakt. Das Buch hätte durchaus ein paar Seiten mehr vertragen. Allerdings sollte der Fokus wohl bei den kleinen und größeren Lügen und deren Folgen bleiben. Wäre alles auserzählt worden, hätte sich vielleicht die Gewichtung verlagert.
Mir hat gut gefallen, wie die Autorin die Macht der Worte hervorhebt und bewusst macht, welche Auswirkungen kleine Lügen haben können!
Was für ein Aufstieg, was für ein Leben!
Der große Fehler von Jonathan Lee
Andrew Haswell Green (1820 - 1903) war der Sohn eines Farmers. Mit dem Kopf in den Wolken und einem untrüglichen Gespür für Strukturen konnte er schon als Kind einigen Ideen auf dem Hof umsetzen. Doch ein Skandal veranlasste seinen Vater, ihn nach New York in die Lehre zu schicken. Er fristete sein Dasein in einem Kabuff eines Gemischtwarenladens, der ihm eine kräftige Lungenentzündung und die Freundschaft zum späteren Präsidentschaftskandidaten Samuel Tilden einbrachte.
Einige Jahre verbrachte Green in Trinidad, als Vorarbeiter, was ihn zu einem noch größeren Menschenfreund machte und ihm ausreichend Geld einbrachte, um im Anschluss Jura zu studieren. Das war sein Sprungbrett für seine Karriere. Als Vater von Greater New York und Schöpfer des Central Parks sollte er eigentlich unvergessen sein. Aber so ist es wohl nicht gekommen.
Die Lebensgeschichte von Andrew H. Green habe ich mit größtem Vergnügen gelesen. Sein Weg ist berührend und beeindruckend. Seine Lebensart lässt weinen und lachen zugleich.
Die Art und Weise, wie uns der Autor diese Geschichte erzählt, hat mir leider nicht so gut gefallen. Der Versuch einen Krimi aus dieser Biografie zu machen, sagt mir nicht zu. Das Leben des Anwalts, des Ermittlers und der wichtigsten Zeugin sind in Zwischenkapiteln ausschweifend ausgearbeitet und haben mich leider gar nicht begeistert. Ich hätte gerne mehr über Andrews Geschwister erfahren, die immer nur am Rande vorkommen.
So bin ich Zwiegestalten bei der Bewertung des Buches. Die Hälfte verdient fünf Sterne, ist interessant, lehrreich und berührend. Die andere Hälfte hat mich leider gelangweilt. Somit vergebe ich 3 Sterne mit Bedauern für ein Buch, das mich eigentlich auch restlos begeistern hätte können!
Das Leben ist nicht immer einfach
Liebesheirat von Monica Ali
Yasmin und Joe scheinen das perfekte Paar. Die jungen Ärzte sind verliebt, wollen zusammenziehen und vorher heiraten. Bei einem Abendessen sollen sich die Eltern kennenlernen, damit alles besiegelt werden kann.
Doch dann kommt Vieles anders als erwartet.
Genau wie dieser Roman. "Liebesheirat" ist auch anders als erwartet.
Yasmins Familie ist aus Indien eingewandert. Es ist außerdem eine muslimische Familie, auch wenn nur die Mutter richtig gläubig ist und das beten für alle übernimmt. Joe ist Brite und seine Mutter eine bekannte Feministin. Ich hatte mir einen ordentlich Culture Clash erwartet, à la Yasmin im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne.
Doch Monica Ali verarbeitet wesentlich mehr Themen in ihrem Roman und zeigt auf, dass gar nicht so viel Unterschied zwischen der britischen und der indischen Familie ist. In der Erziehung machen beide Fehler und die Kommunikation hapert ebenfalls bei beiden. Auch Yasmin und Joe reden nicht wirklich miteinander, obwohl beide der Ansicht sind, offen miteinander umzugehen.
Die Autorin zeigt uns mit ihrem Roman, wie nebensächlich die kulturellen Unterschiede oder der Bildungsstand sind, wenn es grundlegend im familiären Geflecht zu viele Geheimnisse gibt. Die Wahrnehmung der Menschen, die einem vermeintlich am Nächsten stehen, kann schwer getrübt von eigenen Wünschen und Vorstellungen sein. Erinnerungen können täuschen und Ziele müssen zurecht gerückt werden.
All dies hat die Autorin in einen kurzweiligen Roman gepackt, der von Anfang ein einen Spannungsbogen aufbaut. Und wir Leser*innen werden nicht enttäuscht. Es tut sich einiges in dieser Familie!
Man könnte anmerken, dass dies alles etwas konstruiert ist, oder zu viel gewollt wurde, aber mich hat es hervorragend unterhalten. Ich fand das Buch spannend, berührend, interessant und diskussionswürdig und das ist schon recht viel für einen einzigen Roman. Das Buch kommt leichtfüssig daher. Auch die schwierigen Themen drücken nicht zu sehr nieder und manchen Themen werden nur angerissen, um einen Denkanstoß zu geben. Mir hat das gut gefallen und ich habe diese 600 Seiten ausgesprochen gerne gelesen. Da es mein erstes Buch von Monica Ali war, freue ich mich jetzt direkt auf das nächste!
Sommergeheimnisse
Schallplattensommer von Alina Bronsky
Maserati lebt in einem kleinen Dorf bei ihrer Großmutter, in deren Snackbude sie als Kellnerin arbeitet. Der Sommer steht vor der Tür und die Gäste werden langsam mehr. Die legendären Teigtaschen der Großmutter schmecken wirklich allen, auch den Bauarbeitern, die plötzlich begonnen haben, die leerstehende Nachbarvilla zu renovieren.
Es kündigt sich schnell an, dass dieser Sommer anders werden wird, denn ins Nachbarhaus ziehen zwei Jungs ein - der Sunnyboy Caspar und sein ernster Cousin Theo. Alle tragen ihre Geheimnisse mit sich herum und es stellt sich heraus, dass Theos und Maseratis Geheimnis irgendwie in Zusammenhang stehen.
Ganz unkompliziert verläuft die Annäherung nicht zwischen den Dreien, denn sie haben alle ihr Päckchen zu tragen. Vor allem Maserati, die sich hauptsächlich ums Geschäft kümmert, denn die Oma leidet wohl unter beginnender Demenz. Niemand soll das merken, denn Maserati ist noch nicht volljährig. Sie schmeisst den Laden, hält alles am laufen und sucht die vermisste Großmutter, wenn es not tut.
Man erkennt schnell, dass sie Hilfe gut gebrauchen könnte und die kommt dann auch von ganz anderer Seite als erwartet.
Alina Bronsky hat hier einen ganz besonderen Coming-of-Age Roman geschrieben. Es gibt keine rosige Liebesgeschichte, aber es gibt ein Aufflammen von Gefühlen, es gilt Verantwortung zu übernehmen und auch mal andere Wege zu gehen.
Es gibt kein fulminantes Happy End, aber es gibt einen Ausblick, der hoffen lässt. Einen Ausblick, der zeigt, dass niemand ganz allein steht mit seinen Problemen.
Ich habe Schallplattensommer sehr gerne gelesen. Es liest sich einfach und flüssig, bietet eine spannende Geschichte und ist somit ein wunderbares Sommerbuch. Für den fünften Stern hätte es noch etwas mehr in die Tiefe gehen können. Das wäre auch Jugendlichen zuzutrauen gewesen.
Heilt die Zeit alle Wunden?
Für diesen Sommer von Gisa Klönne
"Für diesen Sommer" kehrt Franziska in ihr Elternhaus zurück. Sie soll sich um ihren Vater kümmern, denn ihre große Schwester braucht eine Auszeit. Sie hat ihr Elternhaus im Streit verlassen und ihren Vater zuletzt bei der Beerdigung der Mutter kurz gesehen. Und das ist auch schon 2 Jahre her.
Sie soll außerdem packen, denn ein Umbau steht an. Der Vater kann nicht mehr in den ersten Stock und schläft auf der Chaiselongue im ehemalige Nähzimmer der Mutter.
Einen Abend nur verbringt Franziska außer Haus. Da kommt es zu einem folgenschweren Unfall. Der Vater stürzt, fällt ins Koma, bricht sich die Hüfte.
Über Franziska bricht vieles herein. All das Ungesagte, ausstehende Entschuldigungen und ausstehende Versöhnungen brechen alte Wunden auf und Franziska merkt, dass sie einen anderen Weg gehen möchte, als ihre Schwester vorgesehen hat.
Und was ist überhaupt mit ihrer Schwester los? Sie geht nicht ans Telefon, beantwortet keine Nachrichten?
Viele Themen hat Gisa Klönne in dieser Familiengeschichte verarbeitet. Wir lesen von der Kindheit des Vaters, der während des Krieges in ein Erholungslager nach Polen geschickt wurde und aus dem kaum Kinder lebend zurück kamen.
Wir lesen von der Flucht ihrer Mutter, deren Familie es leider nicht mehr über die Ostsee geschafft hat. Und wir lesen von Franziskas Kindheit und rebellischer Jugend, die so gar nicht ins Familienkonzept gepasst hat.
Die Autorin erzählt diese Geschichte in etwas ungewöhnlicher Form. Sie springt dabei leichtfüssig zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her und fordert so die Aufmerksamkeit der Leser*innen. Immer wieder muss man sich einfühlen in den Text, dann kann man ihn schon zuordnen. Dieser Stil ist nicht alltäglich, passt für mich aber gut zur Geschichte. Erinnerungen kommen selten chronologisch geordnet. Manchmal überfallen sie uns regelrecht. So ist es auch hier in diesem Buch.
Die Lebensgeschichten der drei Protagonist*innen habe ich mit großem Interesse verfolgt. Es gibt ein Familiengeheimnis, das gelüftet wird und irgendwie alles klärt. Ich fand es stimmig, wie weitreichende Folgen manche Entscheidungen mit sich bringen und das versöhnliche Ende hat mir ausgesprochen gut gefallen.
Wer solche Geschichten mag, sollte unbedingt zu diesem Roman greifen!
Born to flee
Freitag ist ein guter Tag zum Flüchten von Elyas Jamalzadeh; Andreas Hepp
Elyas Jamalzadeh erzählt uns seine Geschichte. Bereits im Exil geboren holt er etwas weiter aus und beginnt sein Buch 2 Kapitel vor seiner Geburt. Seine Eltern waren schon damals von den Taliban bedroht und ihr Haus wurde in die Luft gejagt. Sie entschieden sich, in den Iran zu flüchten, wo Elyas ds Licht der Welt erblickte.
Als Flüchtling im Iran hat man keine Rechte. Man darf nicht arbeiten, nicht zur Schule gehen und zahlt für alles circa das Dreifache. Kaum vorstellbar, so ein Leben! Und immer, aber wirklich immer muss man auf den Hut vor der Polizei sein, denn man kann jederzeit nach Afghanistan abgeschoben werden. Ein Land, das angeblich Elyas Heimatland ist, das er aber noch nie betreten hatte.
Es kommt wie es kommen musste und Elyas wird aufgegriffen und in ein Abschiebezentrum gebracht. Zum Glück hat er Hilfe, aber der Druck wird größter und die Familie entschließt sich, weiter zu fliehen.
Der lange Weg nach Europa, den bereits zwei Brüder geschafft haben, ist für Elyas und seine Eltern eine wahre tour de force. Die Eltern sind nicht so fit und die Abschnitte, die zu Fuss bewältigt werden müssen, bringen sie immer wieder an ihre Grenzen und darüber hinaus.
Was auf dem Weg passiert, kennen wir teilweise. Der lebensgefährliche Weg über das Mittelmeer, die "Games" - also die Versuche - immer wieder eine Grenze zu übertreten und das ewige Festsitzen an Orten, die wir eigentlich gar nicht sehen möchte. Vieles ist aus den Nachrichten bekannt, doch Elyas erzählt das so unmittelbar und sein Freund Andreas Hepp hat seine Sprache in geschriebenes Wort übertragen. Beim Lesen hat man das Gefühl, man sitzt mit den beiden irgendwo am Lagerfeuer und lauscht den unglaublichen Geschichten einer Reise.
Elyas erzählt mit einer großen Menge Humor, der stellenweise so schwarz ist, das mir als Leserin, das Lachen im Hals stecken bleiben muss. Elyas scheint ein grenzenloser Optimist zu sein, der noch dem übelsten Ereignis irgendwas Gutes abgewinnen kann. Er verliert nie den Mut und das macht ihn zu einem ganz besonderen Menschen!
Seine Geschichte steckt voller Hoffnung und Zuversicht auch in den schwärzesten Momenten. Das macht seine Erzählung zu etwas ganz speziellem, gibt uns Einblick in sein Leben und erweitert unseren Horizont.
Ich wünsche diesem Buch ganz viele Leser*innen, die vielleicht auch Mut aus seinem Schicksal schöpfen können. Und ich wünsche Elyas alles Gute auf seinem weitern Weg in seinem neuen Heimatland!
Porträt einer Familie in der Fremde
Dschinns von Fatma Aydemir
Hüseyin ist in den 70er Jahren nach Deutschland gegangen, zum Geld verdienen. Im Hinterland der Türkei ist sein Auskommen nicht mehr gesichert. Seine Familie holt er nach acht Jahren nach.
Sein Leben war geprägt durch harte Arbeit und Sparen, denn einen Traum wollte er sich erfüllen: eine großzügige Wohnung für die Familie in Istanbul, wo er seinen Lebensabend verbringen will.
Als die Zeit gekommen ist, reist er allein in die Stadt, um die Wohnung einzurichten. Alles soll schön sein, wenn er seiner Frau Emine seinen Traum zeigen kann. Doch dazu kommt es nicht. Er stirbt an einem Herzinfarkt nach der ersten Nacht im neuen Domizil.
Der Schock sitzt tief bei den Angehörigen, die sich schnellstmöglich auf den Weg in die Türkei machen. Die beiden jüngsten Kinder und Emine fliegen sofort. Die älteste Tochter verpasst ihren Flug und der älteste Sohn reist mit dem Auto an.
Und dann kommen die Kinder zu Wort. Alle mit ihren eigenen Problemen, ihren eigenen Dschinns.
Fatma Aydemir hat in die Geschichten der Kinder extrem viele Themen untergebracht. Gender und Identität sind die Hauptthemen, aber es geht auch um Rassismus, Traditionen, Selbstmord und Kindererziehung. Was alles durchzieht ist das Schweigen in der Familie, das alles zusammenhält, aber auch alles trennt. Die Sprachlosigkeit geht so weit, dass die Kinder nicht einmal wissen, dass sie eigentlich Kurden sind und keine Türken.
Spannend ist außerdem der Aufbau des Romans. Hüseyin wird direkt angesprochen bei seinem endgültigen Drama, welches so unglaublich traurig ist. Es spricht viel Liebe aus ihm, die sich in der übrigen Familie kaum wiederfindet. Beginnend mit dem jüngsten Kind baut sich dann ein Bild der Familie auf, das immer mehr Tiefe gewinnt und immer mehr Geheimnisse birgt. Vieles scheint in dieser Familie schief zu laufen. Die Ursache dafür erfahren wir erst ganz zum Schluss, wenn die Mutter zu Wort kommt.
Gut gefallen hat mir außerdem, wie sich die Sprache der jeweiligen Person anpasst. Ümit ist noch sehr jung, seine Geschichte ist in einfacher, moderner Sprache gehalten. Sevda hatte es am schwersten und wurde vielleicht am wenigsten geliebt. Ihre Geschichte ist etwas distanzierter geschrieben. Peri hat durch Bildung alle kulturellen Barrieren überwunden. Ihre Teil ist reflektierter und Haken ist der junge Wilde, sein Part hetzt nur so dahin.
Fatma Aydemir hat hier viele Klischees eingebaut, um sie gleichzeitig wider aufzubrechen. Niemand ist nur gut und nur böse, niemand hat es einfach nur leicht und niemand ist nur Opfer der Umstände.
Das Ende ist vielleicht etwas überspitzt, aber nach ein bisschen drüber nachdenken hat mich das dann doch nicht gestört. Irgendwie ist es passend, wird hier aber natürlich nicht verraten. Wer es wissen möchte, muss das Buch schon lesen. Ich verspreche, es bietet tiefe Einblicke in die türkische Kultur, in die Sorgen und Nöte migrierter Menschen und der 2. Generation.
Es wird auf jeden Fall den Horizont der Leser*innen erweitern!
Hilde und Karl - was für ein Paar!
Es ist schon fast halb zwölf von Zdenka Becker
Hilde und Karl sind alt geworden. Hilde spürt es in den Knochen, aber Karl beginnt zu vergessen. An schlechten Tagen möchte er nach Hause zu seiner Mama, aber an guten Tagen ist er zufrieden mit seiner Frau Hilde, mit der er immer noch das große Haus bewohnt.
Doch es kann vielleicht nicht mehr für immer so weitergehen und Hilde muss noch was erledigen.
Sie holt eine große Kiste aus dem Dachboden und beginnt sich in die alten Briefe zu vertiefen.
Durch die Briefe erfahren wir, wie Hilde und Karl zueinander gefunden haben. Karl musste aufgrund der Arbeitslosigkeit in den Zwischenkriegsjahren nach Berlin auswandern, um Geld zu verdienen, damit er seine Hilde heiraten konnte. Doch ein Sturm zieht auf in Europa und die beiden Liebenden haben es nicht leicht. Es dauert, bis Hilde nach Berlin folgen kann und reist dann doch immer wieder zurück nach Niederösterreich, um ihre Schwester zu unterstützen, die Haus und Hof nicht allein bewirtschaften kann.
In diesem Roman finden sich unzählige Briefe der Zwei, aber auch Briefe von Freunden und Verwandten, die allesamt sich mitteilen wollen und trotzdem nicht offen schreiben können, was sie erleben und was sie bewegt.
Und dann gibt es da noch ein großes Geheimnis, das sich Hilde noch von der Seele reden möchte. Aber diese Briefe spart sie bis ganz zum Schluss auf. Noch einmal erlebt sie diese schwierigen Zeiten, das Leid, die Angst, aber auch die Verbundenheit. Hilde und Karl sind keine Helden. Sie sind ganz einfach Menschen, die ihren Hoffnungen folgen, sich ein bisschen Glück wünschen, obwohl die Zeichen dafür schlecht stehen. Sie geben ihr bestes, reinen Herzens zu sein, auch wenn das fast unmöglich scheint.
Ich fand es sehr schön zu lesen, wie beide nie den Mut verlieren und an ihrer Liebe festhalten bis ins hohe Alter. Schlußendlich gehören sie zu den Glücklichen, denn sie haben überlebt und sie waren immer noch jung genug, um sich etwas aufzubauen, auf dass sie am Ende zurückschauen können.
Vor allem den Schluss fand sehr berührend und versöhnlich!
Es ist schon fast halb Zwölf ist ein leises Buch. Es zeigt eine Innenschau einfacher Menschen, die unsere Großeltern gewesen sein könnten. Ich empfehle es allen, die sich für das Leben während des Krieges interessieren, abseits der großen Taten; das Leben einfacher Menschen, die versucht haben da irgendwie durch zu kommen.











