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Rezensionen von Miro:
Heilt die Zeit alle Wunden?
Für diesen Sommer von Gisa Klönne
"Für diesen Sommer" kehrt Franziska in ihr Elternhaus zurück. Sie soll sich um ihren Vater kümmern, denn ihre große Schwester braucht eine Auszeit. Sie hat ihr Elternhaus im Streit verlassen und ihren Vater zuletzt bei der Beerdigung der Mutter kurz gesehen. Und das ist auch schon 2 Jahre her.
Sie soll außerdem packen, denn ein Umbau steht an. Der Vater kann nicht mehr in den ersten Stock und schläft auf der Chaiselongue im ehemalige Nähzimmer der Mutter.
Einen Abend nur verbringt Franziska außer Haus. Da kommt es zu einem folgenschweren Unfall. Der Vater stürzt, fällt ins Koma, bricht sich die Hüfte.
Über Franziska bricht vieles herein. All das Ungesagte, ausstehende Entschuldigungen und ausstehende Versöhnungen brechen alte Wunden auf und Franziska merkt, dass sie einen anderen Weg gehen möchte, als ihre Schwester vorgesehen hat.
Und was ist überhaupt mit ihrer Schwester los? Sie geht nicht ans Telefon, beantwortet keine Nachrichten?
Viele Themen hat Gisa Klönne in dieser Familiengeschichte verarbeitet. Wir lesen von der Kindheit des Vaters, der während des Krieges in ein Erholungslager nach Polen geschickt wurde und aus dem kaum Kinder lebend zurück kamen.
Wir lesen von der Flucht ihrer Mutter, deren Familie es leider nicht mehr über die Ostsee geschafft hat. Und wir lesen von Franziskas Kindheit und rebellischer Jugend, die so gar nicht ins Familienkonzept gepasst hat.
Die Autorin erzählt diese Geschichte in etwas ungewöhnlicher Form. Sie springt dabei leichtfüssig zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her und fordert so die Aufmerksamkeit der Leser*innen. Immer wieder muss man sich einfühlen in den Text, dann kann man ihn schon zuordnen. Dieser Stil ist nicht alltäglich, passt für mich aber gut zur Geschichte. Erinnerungen kommen selten chronologisch geordnet. Manchmal überfallen sie uns regelrecht. So ist es auch hier in diesem Buch.
Die Lebensgeschichten der drei Protagonist*innen habe ich mit großem Interesse verfolgt. Es gibt ein Familiengeheimnis, das gelüftet wird und irgendwie alles klärt. Ich fand es stimmig, wie weitreichende Folgen manche Entscheidungen mit sich bringen und das versöhnliche Ende hat mir ausgesprochen gut gefallen.
Wer solche Geschichten mag, sollte unbedingt zu diesem Roman greifen!
Born to flee
Freitag ist ein guter Tag zum Flüchten von Elyas Jamalzadeh; Andreas Hepp
Elyas Jamalzadeh erzählt uns seine Geschichte. Bereits im Exil geboren holt er etwas weiter aus und beginnt sein Buch 2 Kapitel vor seiner Geburt. Seine Eltern waren schon damals von den Taliban bedroht und ihr Haus wurde in die Luft gejagt. Sie entschieden sich, in den Iran zu flüchten, wo Elyas ds Licht der Welt erblickte.
Als Flüchtling im Iran hat man keine Rechte. Man darf nicht arbeiten, nicht zur Schule gehen und zahlt für alles circa das Dreifache. Kaum vorstellbar, so ein Leben! Und immer, aber wirklich immer muss man auf den Hut vor der Polizei sein, denn man kann jederzeit nach Afghanistan abgeschoben werden. Ein Land, das angeblich Elyas Heimatland ist, das er aber noch nie betreten hatte.
Es kommt wie es kommen musste und Elyas wird aufgegriffen und in ein Abschiebezentrum gebracht. Zum Glück hat er Hilfe, aber der Druck wird größter und die Familie entschließt sich, weiter zu fliehen.
Der lange Weg nach Europa, den bereits zwei Brüder geschafft haben, ist für Elyas und seine Eltern eine wahre tour de force. Die Eltern sind nicht so fit und die Abschnitte, die zu Fuss bewältigt werden müssen, bringen sie immer wieder an ihre Grenzen und darüber hinaus.
Was auf dem Weg passiert, kennen wir teilweise. Der lebensgefährliche Weg über das Mittelmeer, die "Games" - also die Versuche - immer wieder eine Grenze zu übertreten und das ewige Festsitzen an Orten, die wir eigentlich gar nicht sehen möchte. Vieles ist aus den Nachrichten bekannt, doch Elyas erzählt das so unmittelbar und sein Freund Andreas Hepp hat seine Sprache in geschriebenes Wort übertragen. Beim Lesen hat man das Gefühl, man sitzt mit den beiden irgendwo am Lagerfeuer und lauscht den unglaublichen Geschichten einer Reise.
Elyas erzählt mit einer großen Menge Humor, der stellenweise so schwarz ist, das mir als Leserin, das Lachen im Hals stecken bleiben muss. Elyas scheint ein grenzenloser Optimist zu sein, der noch dem übelsten Ereignis irgendwas Gutes abgewinnen kann. Er verliert nie den Mut und das macht ihn zu einem ganz besonderen Menschen!
Seine Geschichte steckt voller Hoffnung und Zuversicht auch in den schwärzesten Momenten. Das macht seine Erzählung zu etwas ganz speziellem, gibt uns Einblick in sein Leben und erweitert unseren Horizont.
Ich wünsche diesem Buch ganz viele Leser*innen, die vielleicht auch Mut aus seinem Schicksal schöpfen können. Und ich wünsche Elyas alles Gute auf seinem weitern Weg in seinem neuen Heimatland!
Porträt einer Familie in der Fremde
Dschinns von Fatma Aydemir
Hüseyin ist in den 70er Jahren nach Deutschland gegangen, zum Geld verdienen. Im Hinterland der Türkei ist sein Auskommen nicht mehr gesichert. Seine Familie holt er nach acht Jahren nach.
Sein Leben war geprägt durch harte Arbeit und Sparen, denn einen Traum wollte er sich erfüllen: eine großzügige Wohnung für die Familie in Istanbul, wo er seinen Lebensabend verbringen will.
Als die Zeit gekommen ist, reist er allein in die Stadt, um die Wohnung einzurichten. Alles soll schön sein, wenn er seiner Frau Emine seinen Traum zeigen kann. Doch dazu kommt es nicht. Er stirbt an einem Herzinfarkt nach der ersten Nacht im neuen Domizil.
Der Schock sitzt tief bei den Angehörigen, die sich schnellstmöglich auf den Weg in die Türkei machen. Die beiden jüngsten Kinder und Emine fliegen sofort. Die älteste Tochter verpasst ihren Flug und der älteste Sohn reist mit dem Auto an.
Und dann kommen die Kinder zu Wort. Alle mit ihren eigenen Problemen, ihren eigenen Dschinns.
Fatma Aydemir hat in die Geschichten der Kinder extrem viele Themen untergebracht. Gender und Identität sind die Hauptthemen, aber es geht auch um Rassismus, Traditionen, Selbstmord und Kindererziehung. Was alles durchzieht ist das Schweigen in der Familie, das alles zusammenhält, aber auch alles trennt. Die Sprachlosigkeit geht so weit, dass die Kinder nicht einmal wissen, dass sie eigentlich Kurden sind und keine Türken.
Spannend ist außerdem der Aufbau des Romans. Hüseyin wird direkt angesprochen bei seinem endgültigen Drama, welches so unglaublich traurig ist. Es spricht viel Liebe aus ihm, die sich in der übrigen Familie kaum wiederfindet. Beginnend mit dem jüngsten Kind baut sich dann ein Bild der Familie auf, das immer mehr Tiefe gewinnt und immer mehr Geheimnisse birgt. Vieles scheint in dieser Familie schief zu laufen. Die Ursache dafür erfahren wir erst ganz zum Schluss, wenn die Mutter zu Wort kommt.
Gut gefallen hat mir außerdem, wie sich die Sprache der jeweiligen Person anpasst. Ümit ist noch sehr jung, seine Geschichte ist in einfacher, moderner Sprache gehalten. Sevda hatte es am schwersten und wurde vielleicht am wenigsten geliebt. Ihre Geschichte ist etwas distanzierter geschrieben. Peri hat durch Bildung alle kulturellen Barrieren überwunden. Ihre Teil ist reflektierter und Haken ist der junge Wilde, sein Part hetzt nur so dahin.
Fatma Aydemir hat hier viele Klischees eingebaut, um sie gleichzeitig wider aufzubrechen. Niemand ist nur gut und nur böse, niemand hat es einfach nur leicht und niemand ist nur Opfer der Umstände.
Das Ende ist vielleicht etwas überspitzt, aber nach ein bisschen drüber nachdenken hat mich das dann doch nicht gestört. Irgendwie ist es passend, wird hier aber natürlich nicht verraten. Wer es wissen möchte, muss das Buch schon lesen. Ich verspreche, es bietet tiefe Einblicke in die türkische Kultur, in die Sorgen und Nöte migrierter Menschen und der 2. Generation.
Es wird auf jeden Fall den Horizont der Leser*innen erweitern!
Hilde und Karl - was für ein Paar!
Es ist schon fast halb zwölf von Zdenka Becker
Hilde und Karl sind alt geworden. Hilde spürt es in den Knochen, aber Karl beginnt zu vergessen. An schlechten Tagen möchte er nach Hause zu seiner Mama, aber an guten Tagen ist er zufrieden mit seiner Frau Hilde, mit der er immer noch das große Haus bewohnt.
Doch es kann vielleicht nicht mehr für immer so weitergehen und Hilde muss noch was erledigen.
Sie holt eine große Kiste aus dem Dachboden und beginnt sich in die alten Briefe zu vertiefen.
Durch die Briefe erfahren wir, wie Hilde und Karl zueinander gefunden haben. Karl musste aufgrund der Arbeitslosigkeit in den Zwischenkriegsjahren nach Berlin auswandern, um Geld zu verdienen, damit er seine Hilde heiraten konnte. Doch ein Sturm zieht auf in Europa und die beiden Liebenden haben es nicht leicht. Es dauert, bis Hilde nach Berlin folgen kann und reist dann doch immer wieder zurück nach Niederösterreich, um ihre Schwester zu unterstützen, die Haus und Hof nicht allein bewirtschaften kann.
In diesem Roman finden sich unzählige Briefe der Zwei, aber auch Briefe von Freunden und Verwandten, die allesamt sich mitteilen wollen und trotzdem nicht offen schreiben können, was sie erleben und was sie bewegt.
Und dann gibt es da noch ein großes Geheimnis, das sich Hilde noch von der Seele reden möchte. Aber diese Briefe spart sie bis ganz zum Schluss auf. Noch einmal erlebt sie diese schwierigen Zeiten, das Leid, die Angst, aber auch die Verbundenheit. Hilde und Karl sind keine Helden. Sie sind ganz einfach Menschen, die ihren Hoffnungen folgen, sich ein bisschen Glück wünschen, obwohl die Zeichen dafür schlecht stehen. Sie geben ihr bestes, reinen Herzens zu sein, auch wenn das fast unmöglich scheint.
Ich fand es sehr schön zu lesen, wie beide nie den Mut verlieren und an ihrer Liebe festhalten bis ins hohe Alter. Schlußendlich gehören sie zu den Glücklichen, denn sie haben überlebt und sie waren immer noch jung genug, um sich etwas aufzubauen, auf dass sie am Ende zurückschauen können.
Vor allem den Schluss fand sehr berührend und versöhnlich!
Es ist schon fast halb Zwölf ist ein leises Buch. Es zeigt eine Innenschau einfacher Menschen, die unsere Großeltern gewesen sein könnten. Ich empfehle es allen, die sich für das Leben während des Krieges interessieren, abseits der großen Taten; das Leben einfacher Menschen, die versucht haben da irgendwie durch zu kommen.
Wem darf man vertrauen?
Vertrauen von Dror Mishani
Ein ausgesetztes Baby, eine unzuverlässige Verdächtige, ein Vermisster in einem Hotel und ein Toter aus dem Meer.
Das ist die Ausgangslage für Avi Avrahams Ermittlungsteam. In beiden Fällen gibt es schnell Anhaltspunkte in welche Richtung die Aufklärung verlaufen muss. Doch in dem einen Fall ändert die zwingend Tatverdächtige ständig ihre Aussage, um in die Irre zu führen.
Sie ist extrem unsympathisch, manipulativ und ziemlich dominant. Sie hält sich für unbesiegbar und scheint einen Plan zu verfolgen, der dann aber nirgendwo hinführt.
In dem anderen Fall, fliegen dem Inspektor die Beweise nur zu in die Hände, sodass er an deren Richtigkeit zweifeln muss. Es ist nicht mehr klar, wem er hier vertrauen kann.
Die angebliche Verbindung zwischen den beiden Fällen ist leider sehr mager. Beide Spuren führen nach Paris, bleiben aber völlig unabhängig voneinander.
Außerdem fand ich die Erzählweise sehr anstrengend. Die ersten 100 Seiten sind so verwirrend und mysteriös, dass man kaum Zusammenhänge erkennen kann. Das soll wohl Spannung aufbauen, hat bei mir aber das Gegenteil erreicht. Es war so undurchsichtig, dass es mich eher gelangweilt hat. Als alles klarer wurde, habe ich ständig auf die Verbindung gewartet, die es aber auch nicht wirklich gibt. Die eine versteckt sich in Paris, der andere hatte vorher dort gelebt. Das war mir definitiv zu wenig.
Und der Schluss konnte die ganze Geschichte für mich auch nicht retten. Beide Fälle können geklärt werden, verlaufen aber dennoch irgendwie im Nirgendwo. Die Motivationen bleiben hier zu unklar. Das konnte mich wirklich nicht begeistern.
Meine Erwartungen waren sehr hoch, denn "Drei" habe ich sehr gerne gelesen. Leider wurden sie hier so gar nicht erfüllt.
Ein Blick zurück
Der Erinnerungsfälscher von Abbas Khider
Said Al-Wahid bekommt einen Anruf seines Bruders, der ihn informiert, dass seine Mutter im Sterben liegt. Sofort nach einer Podiumsdiskussion macht er sich auf in seine Geburtsstadt Bagdad.
Auf diesem Weg zurück schweifen seine Gedanken rückwärts zu seiner Flucht durch Länder und Jahre, bis zu seiner Ankunft in Deutschland.
Endlich angekommen lernt er die Sprache, holt die Matura nach, beginnt ein Studium und wird immer wieder zurückgeworfen, weil er um seinen Aufenthaltstitel fürchten muss.
Er erinnert auch seine zwei Besuche in Bagdad die teils verstörende Eindrücke hinterlassen haben. Dieses von Diktatur, Krieg und Bürgerkrieg gebeutelte Land kann er schnell nicht mehr Heimat nennen und seiner Familie dort wird er immer fremder.
Der Autor geht mit diesem Buch der Frage nach, wie sehr wir unseren Erinnerungen trauen können. Malen wir manches schöner? Haben wir manches wirklich erlebt, oder wurde es uns nur erzählt? Machen wir Träume wirklich, oder verwandeln wir die Wirklichkeit in einen Traum, weil sie sonst nicht zu ertragen ist?
In diesem kleinen Roman steckt eine tiefe Wahrheit, die sehr poetisch erzählt wird und ich denke, es steckt auch einiges Persönliche des Autors darin. Es wirkt wie ein vorsichtiger Blick in die Seele eines Menschen, der in wenigen Jahren mehr erlebt hat, als manch anderer in einem ganzen Leben.
Dieser kleine Roman ist äußerst dicht und hat mich sehr berührt. Diese Fluchtgeschichte hat wieder traurige Aktualität bekommen. Ich hoffe, wir begegnen den Menschen, die demnächst zu uns kommen werden freundlicher, als es Said erlebt musste!
So ein Mensch könnte Wilhelm Tell gewesen sein
Tell von Joachim B. Schmidt
Zu Wilhelm Tell fällt jedem sofort der berühmte Apfelschuss ein. Und das wars dann wahrscheinlich auch schon. Zumindest ging es mir so, als ich das Buch in Händen hielt.
Kalman B. Schmitt gibt Tell hier eine Stimme und erzählt uns das Leben eines gezeichneten Mannes, der versuchte, es mit der Welt aufzunehmen.
Tell scheint ein brutaler und kaltherziger Mann zu sein, der von seiner Familie viel verlangt, aber auch selber ordentlich schuftet, denn die Zeiten sind hart für eine Bergbauernfamilie.
Die Habsburger regieren mit harter Hand, ziehen schändend und plündernd durch die abgelegensten Regionen, denn ihr Landvogt hat seine Handlanger nicht unter Kontrolle. Er ist ein Feigling, der seinem Posten nicht das Wasser reichen kann.
Tell legt sich mit vielen an und so mündet das Drama im berühmten Apfelschuss, den sein Sohn ja zu Glück unbeschadet übersteht.
So weit, war mir das Buch fast zu brutal. Es sind harte Zeiten im Mittelalter und das Leben spielt den einfachen Leuten übel mit.
Doch dann bekommt Tell eine Vorgeschichte, wird menschlicher, verständlicher und die Geschichte bekommt nochmal eine Dimension mehr. Die Charaktere sind eben nicht nur gut oder böse und manche sind einfach nur dumm.
Zum Schluss darf auch noch Tschudi auftreten, der im 16. Jahrhundert dazu beigetragen hatte, dass Wilhelm Tell unsterblich wurde.
Mir hat diese Version der Tellsaga ausgesprochen gut gefallen, obwohl es stellenweise hart an der Grenze des Erträglichen war. Das Buch ist nichts für Zartbesaitete. Aber das war das ganze Mittelalter nicht.
Die Wende in der Mitte, die vieles klärt und hier natürlich nicht verraten wird, gibt für mich den Ausschlag für die 5 Sterne Bewertung. Erst da wird aus der Legende eine Mensch mit Herz und Hand. Erst da wird Tell wirklich lebendig.
Dorfidylle
Die dritte Hälfte eines Lebens von Anna Herzig
Krimmwing ist ein fiktives Dorf und steht doch stellvertretend für viele österreichische Ortschaften, in denen die Traditionen hochgehalten werden, die Kinder in die Fußstapfen der Eltern treten sollten und am besten alles so bleiben soll, wie es immer war.
Doch die Ruhe in Krimmwing ist gestört.
Denn die Rosa hat sich mit dem Jackson eingelassen, der farbig ist, und sie erwartet ein Kind. Die Eltern erklären unmissverständlich, dass der Jackson hier nicht willkommen ist. So bleibt Rosa mit ihrem Seppi allein zurück und kann diesen Verlust nie überwinden.
Der Seppi hat es von Anfang an nicht leicht. Für seine Mutter steht er für alles, was sie verloren hat und im Dorf brandmarkt ihn seine Hautfarbe. Wenig geliebt wächst er heran, bis ihm alles zu viel wird und er an einem Apfelbaum baumelt.
Gleichzeitig lesen wir vom Rathbauer, der sich zum 15. Geburtstag eine Vagina und Brüste wünscht, was von seinem Vater mit Schlägen quittiert wird. Er möchte am liebsten nach Italien abhauen und als Renza ein Leben in der Sonne führen.
Und dann ist da noch die Liesl, die mit drei Brüsten gesegnet ist, was viele verstört und gleichzeitig magisch anzieht. Ihre Absonderlichkeit verleitet das Dorf zu den wildesten Spekulationen.
Wie lesen davon, was die Leute alles wissen über diese Außenseiter. Der Kreativität der Gerüchte scheinen keine Grenzen gesetzt. Leider driftet das Ganze auch etwas ins Skurrile ab und ist äußerst verworren geschrieben. Als Leser*in muss man dabei konzentriert bleiben, um die Zusammenhänge herauszufiltern.
Stilistisch ist das Buch anspruchsvoll verfasst und es fesselt auch ab der ersten Seite. Leider verfliegen die Seiten all zu schnell. "Die dritte Hälfte eines Lebens" ist eher eine Novelle als ein Roman. Mit ihren großzügig gesetzten 127 Seiten sollte die Geschichte absolut auf dem Punkt sein. Das gelingt der Autorin leider nicht ganz. Es wäre schön gewesen, wenn manches etwas großzügiger ausgeführt gewesen wäre. Ein paar Seiten mehr hätten dem Buch nicht geschadet. Daher ziehe ich bei meiner Bewertung einen Stern ab und empfehle es bedingt, denn der Preis ist schon etwas ordentlich für diese kurze Lesevergnügen.
Zielloses Treiben
Der letzte Sommer in der Stadt von Gianfranco Calligarich
Leo Gazarra, ein junger Mailänder, verlässt seine Familie, um in Rom seinen Lebensmittelpunkt zu finden. Er ist ein junger Mann mit Talent und Glück, findet schnell Anschluss, hat einflussreiche Freunde, bekommt viele Chancen, nur um alle ungenutzt zu lassen.
Stattdessen gibt er sich eine Amour Fou hin.
Die Zerstörungskraft dieser Beziehung wird schnell deutlich. Wechselnde Annäherung und Ablehnenung zermürben den stärksten Charakter. Es wird pausenlos zu viel getrunken, ständig betrunken Auto gefahren und kaum gearbeitet, denn man fühlt sich ja über den Dingen stehend und schaut auf die arbeitenden Massen hinab.
Leider kann sich Leo seinen Lebensstil nicht leisten und seine Angebetete möchte sich versorgt sehen. Sie lässt ihn fallen, um reich zu heiraten.
Das wäre dann mal grob der Inhalt. Zum am Klappentext gelobten Flair im Rom der frühen 70 Jahre kann ich auch nach der Lektüre nicht viel sagen, denn Leo bewegt sich in ganz eigenen Kreisen. Es ist gar nicht so leicht, die Geschichte in der Zeit zu verorten, denn diese Tagediebe, die sich von einer Bar in die nächste treiben lassen, gibt es wohl immer. Ihre Gespräche sind pseudointellektuell und mäandern ziellos von einem Thema zum nächsten, um nur ja nicht in die Tiefe gehen zu müssen. Überhaupt fehlt es den Charakteren an Überzeugungen und Tiefgang. Sie driften durch ihr Leben, als wären sie Schicksalsgebunden. Einzig die Beschreibungen von Orten, Morgen- und Abendstimmungen konnten mich wirklich begeistern und lassen mich über eine weitere Reise nach Rom nachdenken.
Dennoch denke ich, dass es einen Grund gibt, warum dieser Roman schon zwei Mal in der Versenkung verschwunden ist. Vielleicht hätte man ihn dort belassen sollen. Leider kann ich hier keine Leseempfehlung aussprechen, obwohl Cover und Titel großes Versprechen!
Vom Suchen und Finden und wieder Verlieren
Die Enkelin von Schlink Bernhard
Kaspar Wettner erfährt nach dem plötzlichen Tod seiner Frau, dass diese eine Tochter geboren hatte. Sie hatte sie damals in der DDR zurückgelassen, abgelegt auf den Stufen eines Pfarrhauses, oder eines Waisenheims. Seine Frau hatte ihm nie davon erzählt. Sie wollte ihre Tochter suchen und hatte gleichzeitig so viel Angst davor, dass sie nur Artikel über Waisenkinder im Ostblock zusammengetragen hat.
Kaspar sieht in ihren Aufzeichnungen einen Auftrag und verfolgt die erste Spur, die ihm auch gleich weiterhelfen kann. Es ist gar nicht so schwer, die Tochter seiner Frau zu finden, doch eine Verbindung zu ihr kann er nicht aufbauen, denn sie lebt mit einer Gruppe Völkischer. Mit dieser Ideologie möchte Kaspar eigentlich nichts zu tun haben, doch er möchte die Enkelin kennenlernen, denn sie ist noch ein junges Mädchen.
Mit einem Kniff bindet er das Mädchen an sich und zeigt ihr eine andere Welt. Er bringt ihr Musik näher und sie zeigt großes Talent am Klavier. Mit Literatur versucht er ebenfalls ihren Horizont zu öffnen. Doch er verliert sie wieder, denn den Eltern gefallen diese Maßnahmen gar nicht.
Bernhard Schlink hat hier mehrere wichtige Themen aufgegriffen. Da ist einerseits die traurige Situation der Waisenkinder oder der schwierigen Kinder, die in Jugendwerkshöfen gelandet sind. Außerdem greift er des Thema des rechtsradikalen Denkens auf, das in vielen Teilen der östlichen Bundesländer den Alltag prägt. Der Autor erläutert gut, wie es dazu kommt und zeigt auf, dass dem nur mit Bildung beizukommen ist.
Mit Kaspar Wettner hat der Autor eine äußerst sympathischen und feinfühligen Protagonisten geschaffen, dem ich sehr gerne gefolgt bin, bei seinen Versuchen einem jungen Mädchen den Kopf zu öffnen und die Welt zu zeigen. In wie weit das gefruchtet hat, wird hier natürlich nicht verraten. Aber ich fand es sehr schön, diese Reise ins Erwachsen-werden lesend mitzuerleben. Ein interessantes uns liebenswertes Buch! Sehr lesenswert!











