Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Miro:
Coming-of-Age mit Schwierigkeiten
In diesen Sommern von Janina Hecht
"In diesen Sommern" erzählt von Teresas Kindheit und Jugend. Episodenhaft gewährt uns die Ich-Erzählerin Einblick in ihr Aufwachsen am Land. Sie erzählt vom ersten Mal Fahrrad fahren, von den Tagen im Schwimmbad, von der Weinlese auf Großvaters Hof und von den sonnigen Urlauben in Italien.
Doch alle Geschichten sind durchzogen von einer Düsternis, die nie weicht und immer schwerwiegender wird. Denn der Vater ist Alkoholiker und neigt zu Gewalt, die sich anfangs eher gegen die Mutter richtet, aber später auch gegen die Kinder.
Diese Erinnerungsfragmente zeichnen langsam ein Bild der Familie. Der Konflikt zwischen Liebe und Hass und immer wieder das schwappen auf eine der beiden Seiten.
Es ist ein Aufwachsen mit ständiger Wachsamkeit, es kommt aber auch immer wieder zu einem Herausfordern, einem Überschreiten der Grenzen. Die kurzen Kapitel geben dem Erzähltem viel Gewicht. Die Geschichte ist auf das nötigste reduziert und transportiert diese innere Zerrissenheit ausgesprochen gut.
Das Aufatmen, als die Mutter mit den Kindern den Vater verlässt können wir gut nachvollziehen, doch für die Teresa und ihren Bruder löst sich nicht alles. Sie fühlen sich ihrem Vater dennoch irgendwie verpflichtet und kämpfen mit der Frage, wie viel Bedeutung ihre schönen Erinnerungen haben Angesichts der Gewalt, die sie durch ihren Vater erfahren haben.
Ich bin begeistert, von der Art, wie uns die Autorin an diese Geschichte heranführt. Der Mut zur Lücke macht das Buch besonders, denn dadurch hat jeder Satz Gewicht.
Janina Hecht hat mit diesem Buch ihr Talent zum Schreiben mehr als bewiesen und ich bin überzeugt, dass wir von dieser Autorin noch viel erwarten können. Ich freue mich schon jetzt auf ihr nächstes Buch, denn dieses hier konnte mich restlos überzeugen.
Wo führt das hin?
Raumfahrer von Lukas Rietzschel
Jan streift durch sein Leben in einer dystopisch anmutenden Kleinstadt im ehemaligen Osten Deutschlands. Er arbeitet als Hol- und Bringdienst in einem Krankenhaus, das kurz vor der Schließung steht und Personal und Patienten bereits auf ein Minimum reduziert sind.
Genauso reduziert wirkt die Stadt.
Die Fabriken sind Ruinen, die Plattenbausiedlungen stehen ohne Fenster und Türen da und sind dem Verfall anheim gegeben.
Selbst sein Leben ist dominiert von Leerstellen. Seine alkoholkranke Mutter hat die Familie verlassen und sein Vater trauert seinem ehemaligen Leben als Fischer nach. Zwischen der Freiheit der Wende und der Hoffnungslosigkeit einer fehlenden Zukunft verläuft nur ein ganz schmaler Grat.
In einem zweiten Erzählstrang lesen wir von dem Maler Georg von Baselitz, der kurz vor dem Mauerbau in den Westen geflüchtet ist. Sein Bruder wollte ihm folgen, war aber ein paar Tage zu spät dran und wurde von der Mauer überrascht. Eine Flucht ist ihm in den folgenden Jahren nie gelungen.
Baselitz Bilder beschäftigen sich mit den Helden, bzw. gefallen Helden von früher. Berühmt wurde er mit seinen Kopfüber Bildern. Die Menschen hängen quasi in der Luft, gefangen in einem Vakuum, dass sie treiben lässt.
Und genau so nimmt Jan auch seine Eltern wahr. Sie treiben als Raumfahrer in der Leere der Wende.
Mit diesen zwei Erzählstängen spannt Lukas Rietzschel einen Bogen zwischen der Nachkriegszeit und der Nachwendezeit verbunden durch Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Der Aufwind dieser beiden Umschwünge weht definitiv anderswo.
Die Sprünge zwischen den zwei Erzählspträngen sind leider manchmal etwas verwirrend. Es braucht etwas, bis man sich an die chaotische Erzählweise gewöhnt, aber dem Autor gelingt es, diese beiden Geschichten zusammenzuführen und zu klären, wie die Ereignisse um Baselitz auch Jans Leben prägen.
Dadurch entspinnt sich ein Stück Erinnerungskultur, das eher die dunkle Seite der Geschichte zeigt.
Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn man streckenweise nicht weiß, worauf das alles hinausläuft. Schlußendlich fügt sich alles und es ergibt sich ein schlüssiges Bild dieser verlorenen Gesellschaft. Wie Raumfahrer schweben sie durch ihr perspektivenloses Leben, ihrer Wurzeln beraubt.
Leerstellen in Familiengeschichten
Die Wütenden und die Schuldigen von John Düffel
Richard, ein pensionierter Pastor in der Uckermark hat seine letzten Wochen vor sich, bevor ihn der Krebs endgültig besiegt. Eigentlich sollte die Familie zusammenkommen, doch sein Sohn ist in der Psychiatrie, seine ehemalige Schwiegertochter muss in Quarantäne und sein Enkel ist mit Beziehungsproblemen beschäftigt.
Also reist seine Enkelin mit der besten Freundin der Mutter an, die Palliativärztin ist und dafür sorgen soll, dass Richard keine Schmerzen hat.
Das Ende des Lebens birgt viele Möglichkeiten: Erinnerungen kommen auf, Unerledigtes drängt sich in den Vordergrund und Versöhnungen werden plötzlich möglich.
Der Titel des Buches lässt an größere Versäumnisse oder Verfehlungen in der Familiengeschichte denken. Doch die Wut ist eher eine generationenübergreifende immanente Wut, die sich nicht wirklich konkretisiert und auf die eine oder andere Weise in jedem Menschen schlummern kann.
Die Schuld ist auch er eine Schuld der Leerstellen; eine Schuld der Überlebenden. Richard hat seine Frau überlebt und seinen Sohn allein großgezogen, was ihm nur bedingt gut gelungen ist. Seine Schwiegertochter hadert mit dem Fehlen von Vater und Großvater und die Enkeltochter hadert generell mit dem Gesehen werden. Sie war immer die Ruhige, nie aufmüpfig und daher nie im Vordergrund.
Diese Themen bieten eigentlich viel Potential, doch irgendwie verzettelt sich die Geschichte in Alkohol- und Drogenexzessen, Beziehungsdramen und Alltäglichem. Erst ganz zum Schluss wird das Buch wieder tiefgründiger, gibt aber wenig Ausblick auf Veränderung.
Damit entspricht das Buch überhaupt nicht meinen Erwartungen und konnte mich auch nicht wirklich positiv überraschen. Ich hätte mir hier mehr erwartet.
Ein Monolog
Die Beichte einer Nacht von Marianne Philips
Heleen befindet sich in der Hölle. Oder genauer: in einer Nervenheilanstalt in den 30er Jahren. Das bedeutet, sie liegt in einem Schlafsaal im Bett, die Fenster sind vergittert, Ausgang wird nicht gestattet. Die Frau neben ihr spricht die ganze Zeit unzusammenhängende Sätze. Sie selbst spricht seit Wochen nicht.
Doch eines Nachts beschließt sie ihr Schweigen zu brechen, setzt sich zur Nachtschwester an den Tisch und beginnt zu erzählen.
Diesen Monolog dürfen wir hier lesen, denn die Nachtschwester antwortet ihr nicht. Sie gibt nicht einmal zu erkennen, ob sie zuhört, doch Heleen lässt sich nicht aus dem Konzept bringe.
So erfahren wir, wie früh sie ihre Kindheit aufgeben musste, weil ihre Mutter mit zehn Kindern schlichtweg überfordert war. Da musste die Älteste schon mal einige Aufgaben übernehmen. Als der Vater einen Arbeitsunfall hat, wird Heleen mit ihren 13 Jahren in Stellung geschickt. Schnell erkennt sie, dass sich ihr Leben niemals ändern wird, wenn sie es nicht selbst in die Hand nimmt.
Sie zieht hinaus in die Welt und bringt es weit. Das Glück ist auf ihrer Seite, denn sie findet Hilfe, wenn sie Hilfe braucht. Sie hat Talent, ihre Schönheit kommt ihr zugute und sie ist sich ihres Wertes bewusst.
Aber sie ist auch einsam und in der Liebe hat sie weniger Glück. Nach einer gescheiterten Ehe findet sie doch die Liebe, doch diese zweite Ehe bleibt kinderlos. Die Familie wird von Heleens jüngster Schwester komplettiert, doch Heleen verkraftet es kaum zu sehen, wie sie altert, während ihre Schwester aufblüht.
Langsam aber sicher gleitet sie in eine Depression, die ihre Familie komplett zerstört und sie schließlich ins Irrenhaus bringt.
Dieser Roman von Marianne Philipps trägt teilweise autobiografische Züge und hat damals für schwere Kritik gesorgt. Depression gab es wohl noch nicht und so fehlte wahrscheinlich das Verständnis für die Nöte der Protagonistin.
Auch der narrative Stil ist etwas gewöhnungsbedürftig. Anfangs ist die Sprache sehr einfach gehalten. Mit dem Fortschreiten der Geschichte wird sie komplexer. So spiegelt die Sprache die Entwicklung der Protagonistin wieder, die kaum Schulbildung erhalten hat, sich aber Zeit ihres Lebens weiterbildete.
Die Lebensgeschichte von Heleen ist berührend und interessant. Ich bin ihr gerne gefolgt, durch ihre erfolgreichen Jahre. Aber ihren Weg in die Dunkelheit konnte ich nicht ganz nachvollziehen. Sie war eine kämpferische, junge Frau und plötzlich scheint sie komplett in ihrer Ehe gefangen zu sein. Hätte sie es geschafft, ihre Zeit und Energie anderweitig zu kanalisieren, wäre es wahrscheinlich nicht so weit gekommen. Aber es war wohl undenkbar, dass eine verheiratete Frau ihr Geld selbst verdient.
Das Buch zeigt auf jeden Fall eine interessante Persönlichkeit, deren Eskalation sicher vermeidbar gewesen wäre. Das Drama in der Geschichte zieht sich zwar wie ein roter Faden durch die Erzählung und soll Spannung aufbauen. Ich fand allerdings die Lebensgeschichte interessanter als die Tragödie, die alles beschließt. Daher vergebe ich vier Sterne für einen Roman, der es verdient ein echter Klassiker zu werden.
Liebe in Zeiten von Corona
Das Vierzehn-Tage-Date von René Freund
Am Vorabend des ersten Lockdowns treffen sich David und Corinna. Sie haben sich auf Tinder gefunden und wollen jetzt ein reales Auge aufeinander werfen.
Der Start in dieses Date läuft mehr als holprig und die beiden sind sich ziemlich rasch sicher, dass daraus nichts wird. Aber den Abend könnte man ja mangels Alternativen doch noch miteinander verbringen.
Schnell sind Pizza und Wein bestellt und das Desaster kann beginnen.
Am nächsten Tag erwacht Corinna mit dem schwersten Kater aller Zeiten und einem Eimer neben dem Bett und kann sich an nichts erinnern. Sie weiß nicht, was an diesem Abend passiert ist, wie peinlich die Nacht verlaufen ist und ob sie sich körperlich näher gekommen sind.
Es sollte ein paar Tage dauern, bis Corinna das herausfindet, denn erst mal steht die Polizei mit dem Absonderungsbescheid vor der Tür und aus einem Date, dass nach Minuten vorbei schien, werden zwei lange Wochen.
Wie der ganze Spaß endet, ob sich die beiden die Köpfe einschlagen oder doch arrangieren wird hier natürlich nicht verraten.
Nur so viel: Rene Freund hat wieder einen äußerst amüsanten Roman geschrieben, der auch Nicht-Liebesroman-Leser*innen begeistern wird. Seine ausgeprägte Beobachtungsgabe macht die Figuren sehr realistisch und wir können uns problemlos in einem der beiden Partner wiederfinden.
Nichts Menschliches ist dem Autor fremd und so blicken wir mit feinsinnigem Humor in Abgründe, die diese Pandemie aufgetan hat und können darüber lachen! Dafür gibt es volle fünf Sterne!
"Mutters Augen weinten nach innen."
Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte von Tatiana Țîbuleac
Aleksy hat eben seinen letzten Schultag hinter sich gebracht und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Er hat keine Perspektiven. Er weiß nur, dass er weg von Mutter will, die er hasst und verachtet.
Der Sommer soll auf jeden Fall großartig werden. Mit seinen Freunden will er nach Amsterdam, Drogen konsumieren und seine Jungfräulichkeit verlieren.
Doch es kommt alles ganz anders. Seine Mutter überredet ihn, diesen einen Sommer mit ihr in Frankreich zu verbringen und was trist beginnt, wird für beide ein unvergesslicher Sommer.
Tatiana Tibuleac hat ein starkes Buch über ein schwer gestörtes Mutter-Sohn-Verhältnis geschrieben. Der Protagonist, Aleksy, war immer ein Außenseiter. Ungeliebt und ohne Perspektiven scheint er in seinem Sumpf gefangen. Seine Sprache ist derb und heftig; stellenweise schwer zu ertragen. Doch sie Autorin gibt ihn nicht auf. Er macht eine schöne, aber auch traurige Entwicklung durch.
Die Autorin hat ein Buch geschrieben, dass nicht gefallen will. Das Buch besticht mit schonungsloser Direktheit. Wie eine Faust ins Gesicht schreit und Aleksy seine Hilflosigkeit entgegen. Trotz dieser furchtbaren Kindheit lässt die Autorin eine relativ strahlende Zukunft aufblitzen.
Mich hat diese Geschichte sehr begeistert. Das Buch hätte gerne noch mal so viele Seiten haben können und ich hätte auch wahnsinnig gerne erfahren, wie alles so gekommen ist, wie es schließlich wurde. Doch damit lässt uns die Autorin allein. Und gerade diese Kürze verstärkt die Dringlichkeit dieses Romans.
Von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung, für alle, die auch mal derbere Sprache ertragen und für alle, die es aushalten, wenn nicht alles auserzählt wird!
Kindheit mit Auswirkungen
Hotel Weitblick von Renate Silberer
Dr. Marius Tankwart hat eine steile Karriere als Consulter hingelegt, als ihm klar wird, dass das Leben mehr zu bieten hat als Leistung bringen, Anerkennung kassieren, Geld verdienen und die Karriereleiter nach oben klettern.
Ein allerletztes Seminar wird er noch leiten, bevor er sich auf Reisen begibt.
Der Rucksack ist bereits gepackt und sein erstes Ziel ist Mexiko. Zurück in seinen Job will er nicht mehr. So hat er sich für dieses Seminar etwas besonderes vorgenommen. Denn auch diese vier Menschen leben, wir er es gewohnt war und sind dabei erfolgreich. Eine dieser vier Personen soll neue*r Geschäftsführer*in der Werbeagentur werden und Tankwart soll noch diesem Wochenende bestimmen, wer der oder die tauglichste ist.
Doch Tankwart hat etwas anderes im Sinn. Er möchte auch diesem Kanditat*innen die Augen öffnen, damit sie erkennen, was sie geprägt hat.
Tankwart hat ein gravierendes Problem mit seiner Mutter, die ihn streng nach den Empfehlungen von Johanna Haarer und ihrer Nazi-Pädagogik erzogen hatte. Für Liebe war da kein Platz und so bezieht er - vielleicht schlüssig - seine Leistungsbesessenheit auf diesen Mangel in der Kindheit.
Auch die Kandidat*innen haben so ihre Probleme und schnell wird klar, dass dieses Wochenende kein gutes Ende nehmen kann.
Die Autorin prangert hier das Leistungsdenken im gehobenen Management, oder generell in unserer Gesellschaft an. Dabei bedient sie natürlich allerlei Klischees, was ich sehr amüsant fand. Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesene, obwohl ich nicht der Ansicht bin, dass ausschließlich Menschen, die etwas kompensieren müssen, in der Leistungsgesellschaft so weit bestehen können, dass sie es ganz nach oben schaffen.
Aber ich kann der Idee etwas abgewinnen und fand sie hier gut verarbeitet.
Einzig den Schluss fand ich etwas enttäuschend, denn schnell wird klar, dass dieses Wochenende irgendwie eskalieren muss.
Es kommt dann anders als erwartet, bringt aber auch nichts wirklich Überraschendes mit sich.
Alles in allem habe ich das Buch aber gerne gelesen! Deshalb vergebe ich 4 Sterne.
Moderner Sklavenhandel hinter Vorstadtfassaden
Weiter Himmel von Kate Atkinson
Reggie Chase und Ronnie Dibicki sind einem alten Fall auf der Spur. „Der magische Kreis“, eine Gruppe einflussreicher alter Männer, die auf sehr junge Mädchen stehen, hatten sich ein Ressort geschaffen, wo sie ihre Parties organisierten. Zwei von ihnen waren aufgeflogen, den ominösen dritten Mann wollen die beiden jungen Detectives jetzt zur Strecke bringen.
Während sie versuchen Zeugen zu befragen, lernen wir die aktuellen bösen Jungs kennen. „Die drei Musketiere“ haben den magischen Kreis übernommen und holen junge Mädchen mit dem Versprechen auf Arbeit ins Land. Der Handel mit den Frauen ist lukrativ - eine nie versiegende Quelle.
Kate Atkinson hat ein spannendes Netz aus Tätern und Opfern gesponnen, das sich in einem noblen Küstenort angesiedelt hat. Die Rollen werden erst nach und nach klar und wer wo drinsteckt bleibt teilweise bis zum Schluss im Nebel. Verbindungen finden sich zwischen fast allen Protagonist*innen.
Anfangs muss man sich etwas konzentrieren, denn es werden sehr viele Ebenen bespielt. Auf den ersten hundert Seiten werden ständig neue Personen und Handlunsstränge vorgestellt, bevor man den ersten wiederbegegnet. Dann baut sich langsam ein Bild auf und man beginnt zu begreifen, wie hier alles zusammenhängt.
Das Buch siedelt sich irgendwo zwischen Roman und Krimi an. Es liest sich spannend, ist aber nicht wie ein Krimi aufgebaut. Zeitweise wirkt es auch wie eine Milieustudie. In den Nebenhandlungen findet sich ein abgewrackter Künstler, eine Dragqueen, relativ zentral ein gescheiterter Ehemann und Detektiv, ein Junge, der im Theater Fuß fassen möchte und seine Schwester, die täglich in einem anderen Prinzessinnenkostüm ihren Alltag erlebt.
Schnell zeigt sich, dass vieles nicht so ist wie es scheint und einiges noch viel schlimmer als vermutet.
Das ganze Buch liest sich mit einem zwinkernden Auge. Diesen Eindruck schafft die Autorin, indem sie immer wieder Kommentare in Klammer setzt, die das gesagte relativieren oder die geheimen Gedanken der Protagonist*innen preis geben. Das schafft Auflockerung und Amüsement.
Ich habe dieses Buch ausgesprochen gerne gelesen. Einzig der Schluss ist ein Wermutstropfen, denn irgendwie endet die Geschichte im Nirgendwo. Die Haupthandlung findet natürlich ihr fulminantes Ende, aber die Nebenhandlungen hören einfach auf. Da wird sogar noch was neues angerissen, das sich gar nicht mehr einordnen lässt. Vielleicht wäre es besser gewesen, den Roman sogar ein paar Seiten früher enden zu lassen, denn die Relevanz für den Roman lässt sich in den letzten Kapiteln nicht mehr erkennen.
Oder die Autorin hätte das etwas weiter ausführen müssen. Denn irgendwie hatte ich auch das Gefühl, es endet zu abrupt. Aber da wo es endet, ist es für mich nicht wirklich stimmig.
Wahrscheinlich sollen die letzten Kapitel einfach aufzeigen, für wen das Leben weitergeht, wer quasi der Sonne entgegen reitet.
Deshalb ziehe ich einen Stern ab für ein Buch, das mich ansonsten ausgesprochen gut unterhalten hat.
Race & gender
Identitti von Mithu Sanyal
Race & gender sind die Themen, die Nivedita Zeit ihren Student*innenlebens am meisten beschäftigen. Als indisch-polnische Mischung, die in Deutschland geboren wurde, ist sie immer auf der Suche nach Identität.
Als sie bei Saraswati Postcolonial Studies zu studieren beginnt, öffnet sich für sie eine neue Welt.
Sie beginnt sich selbst mit anderen Augen zu betachten, umgibt sich mit Freund*innen, in ähnlichen Situationen und ist halbwegs erfolgreiche Bloggerin unter dem Namen Identitti.
Bis zu dem Tag, als sie erfährt, dass ihre geliebte Professorin gar nicht als Inderin geboren wurde, sondern als blondes deutsches Mädel.
Niveditas Welt steht Kopf. Doch sie entschließt sich, vorerst an Saraswatis Seite zu bleiben, um zu verstehen, was ihr Idol antreibt.
Sie durchläuft einen schwierigen Prozess aus Loyalität und Abnabelung, erkennt, wer ihre wahren Freund*innen sind und wird dabei ganz nebenbei erwachsen.
Mithu Sanyal hat hier einen wichtigen Roman vorgelegt. Das zentrale Thema zeigt die Schwierigkeiten bei der Identitätsfindung auf. Race ist ein Konstrukt, geschaffen aus weißen Privilegien, die längst überholt sind und dennoch in unsere Zeit wirken und manchmal so starke Auswirkungen haben, dass es ganz reale Opfer gibt.
Aus diesem Grund findet sich auch der Anschlag in Hanau in diesem Buch und der Opfer wird gedacht.
Der Roman zeigt auch die Sprachlosigkeit auf, die uns diesen Diskurs erschwert. Wir haben keine Wörter für Menschen mit anderer Hautfarbe. Die Autorin wechselt hierfür ins Englische und spricht von person of color und race. Ob das die beste Lösung ist, kann ich hier nicht beantworten.
Um den Diskurs für alle verständlich zu machen, wird im ersten Teil des Romans sehr viel erklärt. Stellenweise hatte ich fast das Gefühl ein Sachbuch zu lesen, aber das ist wohl notwendig, um alle auf den gleichen Level zu bringen.
Aber dann nimmt auch die Handlung Fahrt auf und es wird richtig spannend.
Aufgelockert ist das Buch mit Twitterperlen von realen Blogger*innen, die sicher vielen Leser*innen bekannt sind und teilweise sehr amüsant zu lesen sind.
Und das Ende ist versöhnlich - wie soll es auch anders sein!
Bei mir hat der Roman einige Denkanstöße hinterlassen, Schubladen geöffnet und bereits Diskussionen angeregt. Damit hat Mithu Sanyal ihr Ziel erreicht, denn das ist, was man einem Roman wünschen kann.
Ich empfehle dieses Buch allen, die bereit sind ihre Augen für andere Lebensentwürfe zu öffnen, allen die auf der Suche nach Identität sind und allen, die gerne in diesen Diskurs einsteigen wollen!
Euphancholie
Hard Land von Benedict Wells
"Einerseits zerreißt's dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird. Dass alles bald vorbei sein wird. Vermutlich ist die ganze scheiß Jugend Euphancholie." (S. 99)
Sam ist kurz vor seinem 16. Geburtstag.
Sein einziger Freund ist weggezogen, sein Vater arbeitslos und seine Mutter leidet an einem Hirntumor. Als könnte es nicht schlimmer kommen, soll er den Sommer auch noch bei einer Tante mit ihren zwei gewalttätigen Söhnen verbringen.
Doch es kommt alles ganz anders. Ein Ferienjob im Kino der Kleinstadt rettet seine Ferien und macht diesen Sommer zum schönsten und schrecklichsten seines Lebens.
Er findet Freunde, verleibt sich und seine Mutter stirbt.
Er darf aber auch Mut beweisen, die Kraft der Freundschaft spüren und Halt in der Familie finden, wo er ihn nicht vermutet hatte. Zwischen Alkoholgelagen, Mutproben und tiefsinnigen Gesprächen wird Sam schneller erwachsen, als ihm lieb ist. Wie im Rausch surft er die Höhen des Lebens entlang, nur um sich später in den tiefsten Abgründen wiederzufinden.
Aber er ist nicht allein mit seinem Schmerz und das ist alles, was seine Mutter sich für ihn gewünscht hat.
Erzählt wird diese Geschichte als Rückblick, eingerahmt von einem Lyrikwerk, das in der Schule behandelt wird. Die Verweise auf die Gedichte geben dem Text immer wieder ein Stücken Tiefe und erweitern den Horizont des Jugendlichen.
Und Benedikt Wells versteht es großartig mit der Stimme eines Teenagers zu schreiben. Als Leser*in fühle ich mich zurückversetzt in meine Zeit, als ich mittendrin war und als viele Dinge so viel Gewicht hatten; als der Schmerz mich am Boden festnagelte und die Höhepunkte des Lebens mich zum fliegen brachten.
Hard Land ist ein wunderschönes Buch, denn Wells schreibt wie kein anderer. So viele schöne Sätze finde ich sonst selten in einem Buch. Ich mag seine einfachen Sprachbilder und die kleinen Weisheiten, die sich manchmal in Nebensätzen finden.
Und ich liebe diese Hommage an die Jugend! Die Jahre im Leben, wo alles möglich ist, alles wichtig ist - die Zeit, wo der Ball in der Luft ist.
Aber Vorsicht! Wenn sie dieses Buch lesen, könnte es sein, dass es sich so anfühlt:
"... da vergaß ich die Zeit und ließ mich mitreißen, und ich fühlte mich so, wie ich mich schon mein ganzes Leben lang fühlen wollte: übermütig und wach und mittendrin und unsterblich." (S. 192)











