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Rezensionen von Miro:

Wem darf man vertrauen?

Vertrauen von Dror Mishani

Ein ausgesetztes Baby, eine unzuverlässige Verdächtige, ein Vermisster in einem Hotel und ein Toter aus dem Meer.

Das ist die Ausgangslage für Avi Avrahams Ermittlungsteam. In beiden Fällen gibt es schnell Anhaltspunkte in welche Richtung die Aufklärung verlaufen muss. Doch in dem einen Fall ändert die zwingend Tatverdächtige ständig ihre Aussage, um in die Irre zu führen.

Sie ist extrem unsympathisch, manipulativ und ziemlich dominant. Sie hält sich für unbesiegbar und scheint einen Plan zu verfolgen, der dann aber nirgendwo hinführt.

In dem anderen Fall, fliegen dem Inspektor die Beweise nur zu in die Hände, sodass er an deren Richtigkeit zweifeln muss. Es ist nicht mehr klar, wem er hier vertrauen kann.

Die angebliche Verbindung zwischen den beiden Fällen ist leider sehr mager. Beide Spuren führen nach Paris, bleiben aber völlig unabhängig voneinander.

Außerdem fand ich die Erzählweise sehr anstrengend. Die ersten 100 Seiten sind so verwirrend und mysteriös, dass man kaum Zusammenhänge erkennen kann. Das soll wohl Spannung aufbauen, hat bei mir aber das Gegenteil erreicht. Es war so undurchsichtig, dass es mich eher gelangweilt hat. Als alles klarer wurde, habe ich ständig auf die Verbindung gewartet, die es aber auch nicht wirklich gibt. Die eine versteckt sich in Paris, der andere hatte vorher dort gelebt. Das war mir definitiv zu wenig.

Und der Schluss konnte die ganze Geschichte für mich auch nicht retten. Beide Fälle können geklärt werden, verlaufen aber dennoch irgendwie im Nirgendwo. Die Motivationen bleiben hier zu unklar. Das konnte mich wirklich nicht begeistern.

Meine Erwartungen waren sehr hoch, denn "Drei" habe ich sehr gerne gelesen. Leider wurden sie hier so gar nicht erfüllt.

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Ein Blick zurück

Der Erinnerungsfälscher von Abbas Khider

Said Al-Wahid bekommt einen Anruf seines Bruders, der ihn informiert, dass seine Mutter im Sterben liegt. Sofort nach einer Podiumsdiskussion macht er sich auf in seine Geburtsstadt Bagdad.

Auf diesem Weg zurück schweifen seine Gedanken rückwärts zu seiner Flucht durch Länder und Jahre, bis zu seiner Ankunft in Deutschland.

Endlich angekommen lernt er die Sprache, holt die Matura nach, beginnt ein Studium und wird immer wieder zurückgeworfen, weil er um seinen Aufenthaltstitel fürchten muss.

Er erinnert auch seine zwei Besuche in Bagdad die teils verstörende Eindrücke hinterlassen haben. Dieses von Diktatur, Krieg und Bürgerkrieg gebeutelte Land kann er schnell nicht mehr Heimat nennen und seiner Familie dort wird er immer fremder.

Der Autor geht mit diesem Buch der Frage nach, wie sehr wir unseren Erinnerungen trauen können. Malen wir manches schöner? Haben wir manches wirklich erlebt, oder wurde es uns nur erzählt? Machen wir Träume wirklich, oder verwandeln wir die Wirklichkeit in einen Traum, weil sie sonst nicht zu ertragen ist?

In diesem kleinen Roman steckt eine tiefe Wahrheit, die sehr poetisch erzählt wird und ich denke, es steckt auch einiges Persönliche des Autors darin. Es wirkt wie ein vorsichtiger Blick in die Seele eines Menschen, der in wenigen Jahren mehr erlebt hat, als manch anderer in einem ganzen Leben.

Dieser kleine Roman ist äußerst dicht und hat mich sehr berührt. Diese Fluchtgeschichte hat wieder traurige Aktualität bekommen. Ich hoffe, wir begegnen den Menschen, die demnächst zu uns kommen werden freundlicher, als es Said erlebt musste!

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So ein Mensch könnte Wilhelm Tell gewesen sein

Tell von Joachim B. Schmidt


Zu Wilhelm Tell fällt jedem sofort der berühmte Apfelschuss ein. Und das wars dann wahrscheinlich auch schon. Zumindest ging es mir so, als ich das Buch in Händen hielt.
Kalman B. Schmitt gibt Tell hier eine Stimme und erzählt uns das Leben eines gezeichneten Mannes, der versuchte, es mit der Welt aufzunehmen.

Tell scheint ein brutaler und kaltherziger Mann zu sein, der von seiner Familie viel verlangt, aber auch selber ordentlich schuftet, denn die Zeiten sind hart für eine Bergbauernfamilie.
Die Habsburger regieren mit harter Hand, ziehen schändend und plündernd durch die abgelegensten Regionen, denn ihr Landvogt hat seine Handlanger nicht unter Kontrolle. Er ist ein Feigling, der seinem Posten nicht das Wasser reichen kann.
Tell legt sich mit vielen an und so mündet das Drama im berühmten Apfelschuss, den sein Sohn ja zu Glück unbeschadet übersteht.
So weit, war mir das Buch fast zu brutal. Es sind harte Zeiten im Mittelalter und das Leben spielt den einfachen Leuten übel mit.
Doch dann bekommt Tell eine Vorgeschichte, wird menschlicher, verständlicher und die Geschichte bekommt nochmal eine Dimension mehr. Die Charaktere sind eben nicht nur gut oder böse und manche sind einfach nur dumm.
Zum Schluss darf auch noch Tschudi auftreten, der im 16. Jahrhundert dazu beigetragen hatte, dass Wilhelm Tell unsterblich wurde.
Mir hat diese Version der Tellsaga ausgesprochen gut gefallen, obwohl es stellenweise hart an der Grenze des Erträglichen war. Das Buch ist nichts für Zartbesaitete. Aber das war das ganze Mittelalter nicht.
Die Wende in der Mitte, die vieles klärt und hier natürlich nicht verraten wird, gibt für mich den Ausschlag für die 5 Sterne Bewertung. Erst da wird aus der Legende eine Mensch mit Herz und Hand. Erst da wird Tell wirklich lebendig.

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Dorfidylle

Die dritte Hälfte eines Lebens von Anna Herzig

Krimmwing ist ein fiktives Dorf und steht doch stellvertretend für viele österreichische Ortschaften, in denen die Traditionen hochgehalten werden, die Kinder in die Fußstapfen der Eltern treten sollten und am besten alles so bleiben soll, wie es immer war.

Doch die Ruhe in Krimmwing ist gestört.

Denn die Rosa hat sich mit dem Jackson eingelassen, der farbig ist, und sie erwartet ein Kind. Die Eltern erklären unmissverständlich, dass der Jackson hier nicht willkommen ist. So bleibt Rosa mit ihrem Seppi allein zurück und kann diesen Verlust nie überwinden.

Der Seppi hat es von Anfang an nicht leicht. Für seine Mutter steht er für alles, was sie verloren hat und im Dorf brandmarkt ihn seine Hautfarbe. Wenig geliebt wächst er heran, bis ihm alles zu viel wird und er an einem Apfelbaum baumelt.

Gleichzeitig lesen wir vom Rathbauer, der sich zum 15. Geburtstag eine Vagina und Brüste wünscht, was von seinem Vater mit Schlägen quittiert wird. Er möchte am liebsten nach Italien abhauen und als Renza ein Leben in der Sonne führen.

Und dann ist da noch die Liesl, die mit drei Brüsten gesegnet ist, was viele verstört und gleichzeitig magisch anzieht. Ihre Absonderlichkeit verleitet das Dorf zu den wildesten Spekulationen.

Wie lesen davon, was die Leute alles wissen über diese Außenseiter. Der Kreativität der Gerüchte scheinen keine Grenzen gesetzt. Leider driftet das Ganze auch etwas ins Skurrile ab und ist äußerst verworren geschrieben. Als Leser*in muss man dabei konzentriert bleiben, um die Zusammenhänge herauszufiltern.

Stilistisch ist das Buch anspruchsvoll verfasst und es fesselt auch ab der ersten Seite. Leider verfliegen die Seiten all zu schnell. "Die dritte Hälfte eines Lebens" ist eher eine Novelle als ein Roman. Mit ihren großzügig gesetzten 127 Seiten sollte die Geschichte absolut auf dem Punkt sein. Das gelingt der Autorin leider nicht ganz. Es wäre schön gewesen, wenn manches etwas großzügiger ausgeführt gewesen wäre. Ein paar Seiten mehr hätten dem Buch nicht geschadet. Daher ziehe ich bei meiner Bewertung einen Stern ab und empfehle es bedingt, denn der Preis ist schon etwas ordentlich für diese kurze Lesevergnügen.

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Zielloses Treiben

Der letzte Sommer in der Stadt von Gianfranco Calligarich

Leo Gazarra, ein junger Mailänder, verlässt seine Familie, um in Rom seinen Lebensmittelpunkt zu finden. Er ist ein junger Mann mit Talent und Glück, findet schnell Anschluss, hat einflussreiche Freunde, bekommt viele Chancen, nur um alle ungenutzt zu lassen.

Stattdessen gibt er sich eine Amour Fou hin.

Die Zerstörungskraft dieser Beziehung wird schnell deutlich. Wechselnde Annäherung und Ablehnenung zermürben den stärksten Charakter. Es wird pausenlos zu viel getrunken, ständig betrunken Auto gefahren und kaum gearbeitet, denn man fühlt sich ja über den Dingen stehend und schaut auf die arbeitenden Massen hinab.

Leider kann sich Leo seinen Lebensstil nicht leisten und seine Angebetete möchte sich versorgt sehen. Sie lässt ihn fallen, um reich zu heiraten.

Das wäre dann mal grob der Inhalt. Zum am Klappentext gelobten Flair im Rom der frühen 70 Jahre kann ich auch nach der Lektüre nicht viel sagen, denn Leo bewegt sich in ganz eigenen Kreisen. Es ist gar nicht so leicht, die Geschichte in der Zeit zu verorten, denn diese Tagediebe, die sich von einer Bar in die nächste treiben lassen, gibt es wohl immer. Ihre Gespräche sind pseudointellektuell und mäandern ziellos von einem Thema zum nächsten, um nur ja nicht in die Tiefe gehen zu müssen. Überhaupt fehlt es den Charakteren an Überzeugungen und Tiefgang. Sie driften durch ihr Leben, als wären sie Schicksalsgebunden. Einzig die Beschreibungen von Orten, Morgen- und Abendstimmungen konnten mich wirklich begeistern und lassen mich über eine weitere Reise nach Rom nachdenken.

Dennoch denke ich, dass es einen Grund gibt, warum dieser Roman schon zwei Mal in der Versenkung verschwunden ist. Vielleicht hätte man ihn dort belassen sollen. Leider kann ich hier keine Leseempfehlung aussprechen, obwohl Cover und Titel großes Versprechen!

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Vom Suchen und Finden und wieder Verlieren

Die Enkelin Buchleinen. von Schlink Bernhard

Kaspar Wettner erfährt nach dem plötzlichen Tod seiner Frau, dass diese eine Tochter geboren hatte. Sie hatte sie damals in der DDR zurückgelassen, abgelegt auf den Stufen eines Pfarrhauses, oder eines Waisenheims. Seine Frau hatte ihm nie davon erzählt. Sie wollte ihre Tochter suchen und hatte gleichzeitig so viel Angst davor, dass sie nur Artikel über Waisenkinder im Ostblock zusammengetragen hat.

Kaspar sieht in ihren Aufzeichnungen einen Auftrag und verfolgt die erste Spur, die ihm auch gleich weiterhelfen kann. Es ist gar nicht so schwer, die Tochter seiner Frau zu finden, doch eine Verbindung zu ihr kann er nicht aufbauen, denn sie lebt mit einer Gruppe Völkischer. Mit dieser Ideologie möchte Kaspar eigentlich nichts zu tun haben, doch er möchte die Enkelin kennenlernen, denn sie ist noch ein junges Mädchen.

Mit einem Kniff bindet er das Mädchen an sich und zeigt ihr eine andere Welt. Er bringt ihr Musik näher und sie zeigt großes Talent am Klavier. Mit Literatur versucht er ebenfalls ihren Horizont zu öffnen. Doch er verliert sie wieder, denn den Eltern gefallen diese Maßnahmen gar nicht.

Bernhard Schlink hat hier mehrere wichtige Themen aufgegriffen. Da ist einerseits die traurige Situation der Waisenkinder oder der schwierigen Kinder, die in Jugendwerkshöfen gelandet sind. Außerdem greift er des Thema des rechtsradikalen Denkens auf, das in vielen Teilen der östlichen Bundesländer den Alltag prägt. Der Autor erläutert gut, wie es dazu kommt und zeigt auf, dass dem nur mit Bildung beizukommen ist.

Mit Kaspar Wettner hat der Autor eine äußerst sympathischen und feinfühligen Protagonisten geschaffen, dem ich sehr gerne gefolgt bin, bei seinen Versuchen einem jungen Mädchen den Kopf zu öffnen und die Welt zu zeigen. In wie weit das gefruchtet hat, wird hier natürlich nicht verraten. Aber ich fand es sehr schön, diese Reise ins Erwachsen-werden lesend mitzuerleben. Ein interessantes uns liebenswertes Buch! Sehr lesenswert!

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Wenn wiederkommen schwierig wird

Wenn ich wiederkomme von Marco Balzano

Daniela verlässt ihre Familie bei Nacht und Nebel, um in Italien als Pflegekraft zu arbeiten. Sie verabschiedet sich nicht, denn dafür fehlt ihr die Kraft. Aber die Kinder sollten es einmal besser haben. Sie sollen aufs Gymnasium gehen und studieren.

Doch welche Auswirkung diese Entscheidung auf die Kinder hat, zeigt uns Marco Balzano in diesem Roman.

Im ersten Abschnitt lässt er den Sohn zu Wort kommen, der plötzlich seine ältere Schwester als Erziehungsperson akzeptieren soll. Die Mutter gibt zwar aus der Ferne Befehle, aber so richtig ernst nehmen kann das keiner.

Im zweiten Teil spricht die Mutter. Sie ist wieder in Rumänien, weil ihr Sohn im Koma liegt. An seinem Krankenbett erzählt sie ihm ihre Geschichte. Dass es für diese Frauen nicht leicht ist in der Fremde, liegt auf der Hand. Dennoch sieht sie noch immer nicht, dass sie ihren Kindern nicht nur Gutes getan hat. Vielleicht hätte es auch einen andere Weg geben können.

Im letzten Abschnitt lernen wir die Sicht der älteren Tochter kennen, die sich die Verantwortung auch nicht gewünscht hatte.

Der Autor behandelt hier ein wichtiges Thema. Es ist schön, dass diese Menschen, denen wir die Pflege und Obsorge der Alten anvertrauen einmal vor den Vorhang geholt werden. Und ich finde es auch gut, dass die Probleme der Zurückgebliebenen thematisiert werden. Allerdings verstehe ich nicht ganz, warum der Autor die Dringlichkeit der Geschichte durch diesen Unfall erhöhen wollte. Dieses zusätzliche Element nimmt dem ursprünglichen Problem den Nachdruck. Es ist so schon schlimm genug, dass die Kinder wenn sie Glück haben, bei den Großeltern sind, ansonsten aber in Heimen aufwachsen.

Die Aussage der Geschichte ist schwierig. Einerseits ist es eine Kritik an unserer Gesellschaft, dass wir unsere Kinder und Alten nicht selbst versorgen, aber es ist wohl auch eine Kritik an den Ländern, die die Frauen in mittelständischen Berufen so schlecht bezahlen, dass sie im Ausland schuften, um ihr Auskommen zu sichern.

Trotz dieser Kritikpunkte habe ich das Buch gerne gelesen. Es ist wunderschön geschrieben, die Charaktere sind ausgefeilt und die Motive nachvollziehbar. Aber es ist für mich nicht das beste Buch des Autors.

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Herr Schmidt lernt sich selbst zu versorgen

Barbara stirbt nicht von Alina Bronsky

Herr Schmidt ist bereits Rentner, als er eines Tages aufwacht und alles ist anders. Er riecht keinen Kaffee und hört kein Hantieren aus der Küche. Wo steckt nur Barbara, seine Frau, die immer sein Leben organisierte.

Doch Barbara ist im Bad umgefallen und fühlt sich nicht gut. Herr Schmidt hilft ihr auf und führt sie ins Bett, wo sie quasi liegen bleibt.

Herrn Schmidt ist das alles ein Rätsel. Sie war doch immer gesund, hat sich nie beklagt. Wer soll den jetzt für ihn kochen und seinen Tag strukturieren?

Mühsam lernt Herr Schmidt auf eigenen Füssen zu stehen und beginnt dabei Barbaras Tätigkeiten endlich zu würdigen. Nicht alles gelingt ihm auf anhieb, aber er bessert sich.

Wenn Herr Schmidt von seiner Frau spricht, dann hat man als Leser*in das Gefühl, er spricht von einem Haustier. Er erzählt davon, wieviel Geduld er anfangs mit ihr hatte, weil das Essen nicht so schmeckt wie bei Mutti und ist stolz darauf, dass er sie nie geschlagen hat. Das liest sich streckenweise schon sehr heftig, aber man liest auch zwischen den Zeilen, dass sich Barbara ihr Leben wohl organisiert hat und nicht nur auf das Wohlwollen ihres Mannes angewiesen war. Manche seiner Aussagen jagen mir einen Schauder über den Rücken, aber über manche kann man auch schallend lachen. Er ist ein Urdeutscher, der es einfach nicht schafft, ein bisschen Weltoffenheit in sein Leben zu lassen.

Extrem amüsant fand ich, wie Harr Schmidt über seine Tochter denkt, die mit ihrer "besten Freundin" zusammenlebt. Auf den Gedanken, dass seine Tochter eine Frau hat, kommt er nicht einmal ansatzweise.

Doch Herr Schmidt beginnt mit seinen Aufgaben zu wachsen. Er öffnet seinen Geist, sein Horizont wird weiter und es könnte Sympathie für ihn aufkommen, bis es ihm wieder einen typischen Altnazisatz raushaut. Er kann eben doch nicht aus seiner Haut.

Wäre der Anlass nicht so traurig, würde es richtig Spaß machen, ihn bei seiner Entwicklung zu begleiten. Doch auch davor verschließt Herr Schmidt seine Augen, denn Barbara stirbt nicht!

Mit diesem Buch beschäftigt sich Alina Bronsiky, wie schon in den Vorgängern mit den Verschrobenheiten der älteren Generation. Doch diesmal setzt sie einen Großvater ins Zentrum und tut das mit gewohntem Wortwitz, kritisch und dennoch sensibel. Sie gibt diesem typischen Rollenbild eine Stimme; zeigt, dass auch unter der rauesten Schale ein weicher Kern stecken kann und dass man nie zu alt für Veränderung sein kann.

Mir hat das Buch hervorragend gefallen. Ich mag diesen schwarzen Humor und habe mich gut amüsiert bei der Lektüre, auch wenn ich mir manchmal dachte, dass man besser hinter vorgehaltener Hand lachen soll. Daher vergebe ich 5 Sterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Ein modernes Märchen im Mittelalter

Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte

Martin ist ein aufgeweckter Junge und das muss er auch sein, denn als Mündel eines Dorfes ist es im Mittelalter nicht einfach sein Auskommen zu finden. Niemand fühlt sich für ihn verantwortlich, aber alle schätzen seine billige Arbeitskraft, denn er hütet schon mal für eine einzige Zwiebel einen ganz Tag lang die Ziegen.

Aber Martin ist ein schlauer Fuchs und erkennt recht früh die Dummheit der Dorfleute, deren Denken im Allgemeinen von der Kirche und von Mythen geprägt ist. Mit einem Wandermaler zeiht er weiter, denn er hat eine Mission. Er will die entführten Kinder retten, die die schwarzen Reiter mitgenommen haben.

Auf seiner Reise erlebt er allerhand Grausamkeiten, die im Mittelalter leider gängig sind. Mit detektivischem Spürsinn deckt er Ungereimtheiten auf und kommt seinem Ziel immer näher. Geheimnisse werden offengelegt, Mythen werden obsolet und der Intellekt gewinnt.

Eine großartige Geschichte hat Stefanie vor Schulte hier veröffentlicht! Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, so gefesselt hat mich die Reise dieses charismatischen Jungen.

Dieses Buch hat alles, was ein echter Pageturner braucht: spannende Handlung, ein smarter Protagonist und ein fesselnder Schreibstil. Deshalb gibt es ganz klar eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

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Punkrock in Romanform

Liebe Rock von Tom Zürcher

Timm ist Schulabbrecher, jobbt in einem Supermarkt und bezeichnet sich selbst als Schriftsteller. Er hat zwar noch kein Buch veröffentlich, aber er schreibt zusammenhanglose Sätze in sein Wachspapierheft, das er immer und überall dabei hat.

Außerdem kann er ganz ordentlich trinken, wie ein richtiger Schriftsteller.

Seine Zeit verbringt er bevorzugt in einer Spelunke, wo seine Angebetete Rock kellnert. Um nicht mehr bei den Eltern wohnen zu müssen, zieht er kurzerhand in die Rumpelkammer zu Rock und Marc und bringt ordentlich Wirbel in die WG.

Eigentum hat er keins und respektiert auch fremdes nicht. Er bedient sich in Marks Zimmer auch noch, als dieser es mit einem zusätzlichen Vorhängeschloss sichert.

Und er schafft es tatsächlich einen Roman zu veröffentlichen. Aus seinen Sätzen und Marks Dissertation bastelt er mit der Cut-up Methode ein Buch mit dem Titel 1.

Er lügt, betrügt und bleibt dabei in seiner kindlichen Naivität doch irgendwie sympathisch, bis er gegen Ende hin den Bogen in seiner Bessenheit Rock zu erobern, überspannt.

"Liebe Rock" ist ein Briefroman. Von Anfang an wird die Erwählte angesprochen und Timm's ganzes Handeln auf sie ausgerichtet, obwohl Rock wirklich nichts tut, was ihn dazu auffordert. Timm ist ein interessanter Charakter. Er wirkt kindlich naiv und überschreitet pausenlos sämtliche Grenzen, die er finden kann. Trotzdem hat damit irgendwie Erfolg und verliert auch nicht die Sympathie der Mitmenschen und der Leser*innen.

Mich hat das Buch hervorragend unterhalten, obwohl ich unendlich dankbar war, niemals einen Mitbewohner wie ihn gehabt zu haben.

Spannend fand ich auch, dass die Kapitel als Countdown angelegt sind. Das Buch beginnt bei 100 und als Leser*in kann man sofort rätseln, worauf es zusteuern wird.

Und lustig fand ich, wie der Autor das Feuilleton aufs Korn nimmt. Diese Abschnitte darf man natürlich mit einem Augenzwinkern lesen, man darf aber auch laut lachen!

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