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Rezensionen von Emmmbeee:
Schlimmes Urlaubsende
Was ist in meinem Alter sonst noch üblich? von Wencke Mühleisen
Was Erika am letzten Abend ihres Urlaubs von ihrem Ehemann erfährt, ist eigentlich eine alte Geschichte, x-fach praktiziert, gerade am Ende eines gemeinsamen Urlaubs. Und da sie schon seit langem seine Zärtlichkeiten und seine Leidenschaft vermisst, sollte seine Eröffnung, er habe schon seit vielen Monaten ein Verhältnis, sie nicht gar so überraschen.
Und doch ist frau von einer derartigen Eröffnung immer wie erschlagen. Wir Frauen sollten eigentlich mit dieser Möglichkeit gewissermaßen rechnen und im Geist schon einmal durchgehen, was danach kommen könnte.
Aber das ist worst case einer Ehe, wenn auch sehr häufig vorkommend, und eine lebenserfahrene Seniorin wie ich sollte nicht so gescheit daherschreiben. In Erikas Kopf beginnt nämlich jetzt ein wahres Gedankenkarussell: Was für Möglichkeiten bleiben ihr denn noch mit ihren 65 Jahren? Sind Männer in dieser Lage besser dran? Oder eröffnen sich ihr jetzt nicht nur eine neue Freiheit, sondern auch eine immense Einsamkeit und Verlorenheit? Was war die Ursache dieser neuen Bindung? Am Äußeren der beiden Frauen (Erika kennt die Nebenbuhlerin) kann es wohl kaum liegen. Widersprüche und Selbstzweifel erschweren zusätzlich das Verstehen einer solch neuen Situation im Leben einer Frau am Beginn des Rentenalters.
Teils sind es lange Passagen im Text, ein kaum gegliedertes Schriftbild, welches das Lesen mühsam machte und mich zum Querlesen verführte. Mir gefällt aber, was die Autorin Wencke Mühleisen zum Thema alles überlegt hat und nun uns zu vermitteln weiß. Ab und zu blitzt Humor auf, das ist bei diesem Thema wohltuend. Insgesamt ist die Grundstimmung in der Story durchaus nicht negativ, aber manchmal wirkt sie schon sehr bedrückend.
Insgesamt bin ich froh, dass ich dieses Thema hinter mir habe. Den Roman werde ich vermutlich kein zweites Mal mehr lesen. Das heitere und etwas naiv wirkende Cover hat mir eine etwas andere Geschichte vorgegaukelt. Wer aus den Überlegungen der Autorin etwas für sich selbst lernen will, dem sei das Buch empfohlen.
Heimat ist auch Geruch
Melken von Sanna Samuelsson
Ein Romandebut ist für mich immer beachtenswert, denn wer es erstmals geschafft hat, gedruckt zu werden, kann kein schlechter Autor sein. Und so bin ich auch von diesem Erstling angetan. Die Autorin führt uns mitten in eine Welt, die für die meisten von uns eher fremd ist: in die Landwirtschaft mit all ihren unangenehmen, aber unerlässlichen Nebenerscheinungen.
Und noch dazu ein unerlaubter Einbruch in die Welt ihrer Jugend, ihrer Vergangenheit, das allein wäre schon aufregend.
Sanna Samuelsson erzählt lebhaft fließend und sehr anschaulich, sodass der Leser die verschiedenen Stall- und vor allem Milchgerüche fast in die Nase kriechen. Ihre Protagonistin Ellen tritt nicht allzu deutlich hervor, was das Äußere angeht, doch ihr Denken und Fühlen dafür umso mehr.
Viel Wehmut kommt aus den Seiten, viel Erinnerung und späte Einsicht. Dass die Erzählerin Ellen ihr Handy kurzerhand im Wasser versenkt hat, beginnt sie bald zu bereuen. So ganz von ihrem bisherigen Leben und der Partnerin ausgeschlossen zu sein, fällt ihr dann doch nicht leicht. Ich konnte gut mitfühlen und stellte mir unwillkürlich vor, wie es wäre, wenn ich unversehens in mein Elternhaus zurückkehren würde, in dem längst andere Leute leben. Und wenn diese Gedanken beim Lesen hervorgerufen werden, ist das doch eine der schönen Aufgaben eines Romans.
Ich kann ihn guten Gewissens allen Lesefreudigen weiterempfehlen.
Kind zwischen West und Ost
Unser Haus mit Rutsche von Safia Al Bagdadi
Ein Vater, der mit seinen kleinen Zaubertricks und seinen Witzen in Gesellschaft allen die Show stiehlt, dabei aber immer wieder alles Mögliche in den Sand setzt. Eine liebende, sich stets bemühende Mutter, die zwischen West und Ost hin- und hergerissen ist und sich dem Zauber des Orients doch nicht entziehen kann.
Eine Tochter, die eigentlich in drei Welten aufwächst und lebt: Vater Iraker, Mutter Französin, Wohnort Saarbrücken.
Die größtenteils liebenswerten Situationen nehmen den Leser sofort mit sich.
Mich faszinierte der Einblick sowohl in die Elsässer (mit vielen kulinarischen Eindrücken!) als auch in die Irakischen Lebensgewohnheiten und Umstände, denn dort spielen sich die ersten zwei Teile des Romans ab. Im dritten dann führt uns die Autorin, auch mit Hilfe der geschilderten psychiatrischen Sitzungen, weiter durch die Familiengeschichte. Und nicht nur das, gleichzeitig erläutert sie das politische Geschehen im Irak nach 1990.
Eine Aneinanderreihung von Anekdoten, aus der Sicht der kleinen Tochter Layla. Manchmal kam es mir vor, als erzähle Harun al Raschid, was er auf seinen heimlichen Spaziergängen durch Bagdad aufgeschnappt hatte. Die Sprache ist lebhaft, fließend, farbig, und die teils sehr kurzen Kapitel erleichtern das Lesen für jemanden, der sich damit nicht immer leichttut.
Die Unbeschwertheit, die aus den Seiten strömt, zeigt sich auch im Cover, das sommerlich-locker und ferienhaft wirkt. Doch ist hinter all der Heiterkeit eine Schwermut, besonders in der Gestalt des Vaters. Eines Tages wird wohl auch das Kind von ihr bedrückt werden. Was aus dem Irak leider geworden ist, wissen wir.
Frieden auf dem Land finden
Mathilde und Marie von Torsten Woywod
Das vorliegende Buch wird in der Ankündigung „ein Roman, der einfach nur guttut“ genannt, und das ist wohl so. Für Marie, die nicht nur vor der Pariser Gesellschaft auf der Flucht ist, ziemlich planlos und überhastet übrigens, tun sich im Handumdrehen wunderbare Lösungen auf. Ein offenes Ohr, eine Unterkunft, freundliche Menschen und Tiere, eine wohltuende Umgebung und so weiter.
Schön für sie, aber im wirklichen Leben wohl ziemlich unwahrscheinlich, dass sich alles so glatt fügt.
Drum konnte ich mich im ersten Drittel nicht mit diesem Werk anfreunden. Auch muss ich den derzeitigen Trend vieler Autoren feststellen, über Buchhandlungen, Bibliotheken und Bücherdörfer zu schreiben. Sicher, die sind ihre schöpferischen und notwendigen kommerziellen Habitate, das ist soweit verständlich. Aber das ergibt keine originelle Thematik. Schade!
Der Erzählfluß läuft munter dahin, fröhlich, bunt und friedlich, die Charaktere sind lebendig gezeichnet, das Land bilderreich geschildert. Durch die Ankunft und den Aufenthalt der jungen Marie ändert sich im Dorf vieles zum Guten, und es weicht auf, was bisher unter hartem Holz verborgen war. Seelenruhe breitet sich vielfach aus, genau das, was aktuell jetzt im Advent angestrebt werden soll.
Doch, dieser Text kann den Leser durchaus dazu beeinflussen, achtsamer zu leben und das allgemein herrschende Streben nach immer mehr Geschwindigkeit und noch höherer Leistung für sich selbst zu drosseln. Deshalb dürfte „Mathilde und Marie“ für viele Leser genau die richtige Lektüre und Anregung für das eigene Leben sein, aber für mich fehlt es an Spannung, Drive und Überraschungen. Das meiste ist vorhersehbar. Gern empfehle ich es für gelegentlich am Kachelofen darin zu schmökern, mein Lieblingsbuch wird es jedoch nicht. Drum leider nur drei Sterne.
Umwerfende Familienstory
Lázár von Nelio Biedermann
Nelio Biedermanns Roman lässt vor dem Leser eine Familiengeschichte erstehen, die so lebendig, farbsprühend und spannend ist wie kaum eine zweite. Da finden Szenen statt, die wie in einem Film an mir vorbeigezogen sind. Es wundert mich überhaupt nicht, dass sein Erstling in mehr als 20 Ländern erscheinen wird.
Was mich an diesem Roman am meisten beeindruckt, ist das wundervolle Narrativ, in welches die Zeitgeschichte vor allem des 20. Jahrhunderts mühelos hineingebettet liegt. Man wird herrlich erzählend unterhalten und rekapituliert so ganz nebenbei, was alles geschehen ist, etwa in beiden Weltkriegen. Wobei die Sicht aus ungarischer Seite für mich eine bisher neue war.
Nelio Biedermann schöpft beim Entwurf der Charaktere derart aus dem Vollen, dass man zweimal hinsehen muss, wie blutjung der Autor noch ist. Zur Glaubwürdigkeit der einen, bereits sehr farbigen und lebenssprudelnden Personen gesellen sich die fantasievollen Eigenheiten der anderen, sozusagen der Unikate, die kaum irgendwo in der Literatur ihresgleichen haben. Man wähnt sich selbst in einer Traumwelt, ist gefangen im Geschehen und hofft inständig, besonders im letzten Drittel, dass man in den sicheren Gefilden der Schweiz erwacht.
Das alles muss erst einmal von einem Autorengehirn erdacht werden, auch dann, wenn Biedermann ganz bestimmt von seiner eigenen Familie bereits vieles erzählt bekommen hat. Denn dass er von ungarischem Adel abstammt, war ist für mich von den ersten Seiten an klar.
Noch dazu liest sich dieses, ja doch, opulente Buch flüssig leicht, auch wegen der meist kurzen Kapitel. Alle Sterne! Ich bin hellauf begeistert, und auf meinem Wunschzettel steht im Moment nicht mehr, als dass es NUR JA NICHT bei diesem Erstlingswerk bleibt! Gerade jetzt, für Weihnachten, scheint mir „Lázár“ ein überaus passendes Geschenk zu sein für alle, die immer neue Geschichten lieben.
Zukunft in Reichweite
Was vor uns liegt von Alba de Céspedes
Alba de Céspedes soll gesagt haben: „Wir Frauen leben auf dem Grund eines Brunnens, und nur wer auf dem Grund eines Brunnens sitzt, kennt das Mitleid.“
Wie ist das gemeint? Frauen und Mädchen sind in verschiedenen Kulturen meist für das mühsame Wasserholen aus den Brunnen zuständig, manchmal über weite Strecken hinweg.
Sie verrichten also Schwerarbeit und verstehen die Not der anderen Menschen besser als andere. Auch das Coverbild deutet auf den Brunnen hin.
Noch ein anderer Aspekt trifft auf „Was vor uns liegt“ zu: Es geht um zentrale Punkte, wo Frauen sich treffen, in diesem Fall ein katholisches Internat. UND dass Frauen aufgrund ihrer Rolle und Stellung in der Gesellschaft mit den Tiefpunkten meist sehr vertraut sind. Diese Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht. Soviel nur nebenbei.
Auf den nach dem anfänglichen Verbot und dem ersten Hype wieder aufgelegten Roman bezieht sich am meisten wohl der gemeinsame Austausch über eine sehr unsichere, aber weitgehend nicht selbstbestimmte Zukunft und die (noch) fehlende Selbstbestimmung.
Von Konventionen, Konservativismus und Religion eingeengte junge Studentinnen, noch dazu im faschistischen Italien, werden in einem katholischen Internat zusammengewürfelt. Jede hat ihr eigenes und ganz besonderes Vorleben, das sie prägt, und ihre Wünsche an die Zukunft. Doch die ist unsicherer als je zuvor.
Mir gefällt, wie reichhaltig die Autorin jede Figur zeichnet und ihr eine Fülle von Leben einhaucht. Auch wenn die Mädchen sich gegen die Nonnen nur selten wehren können, hat mich das jeweils Aufmüpfige doch sehr gefreut. Da brodelt und bebt es unter der Oberfläche, jeden Augenblick könnte eine der Frauen über die Stränge schlagen. Die einzelnen Schicksale haben mich berührt. Und noch etwas: de Céspedes schaut genau hin, zeigt auch auf die Kleinigkeiten am Wegrand der Handlung.
Der Sprachstil gefällt mir sehr, und auch, wie genau die einzelnen Szenen dargestellt sind. Ebenso die Erläuterung der verschiedenartigen Probleme, Hoffnungen und persönlichen Zweifel. Wie sehen die diversen Lebensentwürfe aus? Was ist den einzelnen Mädchen wichtig?
Die Spannung baut sich schon bald auf, von Beginn an erzählt Alba de Céspedes erfüllt mit Leben und Farbe. Der Roman umfasst viele Themen, welche gerade junge Frauen, aber eigentlich alle, auf die Beine bringen und bewegen. Sie sind allesamt noch heute aktuell.
Das Cover kommt klassisch rüber, brave und eifrige Mädchen zu Füßen eines Brunnens (Ausspruch Autorin).
Das Buch umfasst so vieles, was zeitlos bleiben wird. Ich möchte es eigentlich allen Literaturfreunden in die Hand drücken.
Dramatik hinter dem Frieden der Marsch
Das Flüstern der Marsch von Katja Keweritsch
Dass selbst gemeinsame Erinnerungen von mehreren Personen völlig anders aufgerufen und wiedergegeben werden, ist bekannt. Sie können sogar regelrecht manipuliert werden. Und dass das Verschweigen in Familien mehr als nur häufig vorkommt, wissen wir alle.
Auch Doppelmoral wird überall gern praktiziert, denn die Meinung der Welt und erst recht die der Menschen um uns herum ist uns ungeheuer wichtig für unser Selbstwertgefühl.
Auch wenn wir es besser wissen. Dass aber eine Großmutter so mir nichts, dir nichts verschwindet und ihr Mann, der Opa, sich anscheinend darüber keinerlei Gedanken macht, ist eher ungewöhnlich.
Um all diese Themen geht es im Roman „Das Flüstern der Marsch“. Das Narrativ wird von verschiedenen Personen getragen, so werden die Handlung und die einzelnen Beweggründe von verschiedenen Seiten beleuchtet und sind verständlicher.
Mir waren nicht alle Figuren von Anfang an klar, und das allmähliche Hintasten zu ihnen ist Teil der Spannung. Der persönliche Ich-Erzählstil in den Mona-Teilen wiederum macht deutlich, um wen sich die ganze Geschichte hauptsächlich dreht, wer die Hauptprotagonistin ist. Sie war mir von allen die am sympathischsten gezeichnete Figur. Ich musste aufpassen, um beim Lesen nicht von einem Strudel der Gefühle mitgerissen zu werden, so nahegehend ist alles geschildert, zu sehr konnte ich mich in diverse Situationen einfühlen.
Sehr gut gefällt mir auch die Beschreibung der Marschlandschaft, die ich persönlich nicht kenne. Beim Lesen hatte ich jedoch den Wunsch, sie einmal kennenzulernen. Das Coverbild strahlt zudem einen tiefen Frieden aus, hinter dem man gar nicht vermutet, wie schwer das Gewicht der Geheimnisse unter der Oberfläche lastet.
Ich habe das Buch mit Spannung gelesen, habe mit den Personen gelitten und empfehle es gern weiter.
Menschliche Ausnahmesituationen
Elf ist eine gerade Zahl von Martin Beyer
Als bei der Teenie-Tochter der Krebs gestreut hat und wiedergekommen ist, bricht die Welt von Mutter Katja und Paula zusammen. Katy versucht Zuversicht und Mut auszustrahlen. Da kommt auch der Großvater noch mit einem alternativen Heilungsvorschlag. Sie gerät ans Ende ihrer Kräfte. Dennoch bemüht sie sich, ihre Tochter aufzuheitern, zum Essen zu bewegen und abzulenken.
Dazu erzählt sie ihr eine erfundene Geschichte rund um einen Fuchs und ein Mädchen. Die Kraft der Gedanken soll aktiviert werden, um als Nebenwirkung der Kranken mehr Hoffnung und Optimismus zu schenken.
So entsteht eine Geschichte innerhalb der Rahmenhandlung, ähnlich wie im orientalischen Märchen Tausendundeine Nacht. Eigentlich eine gute Idee, nur habe ich die nötige Zugkraft vermisst. Neue Namen kommen hinzu, und man weiß nicht recht, soll man Bezüge zum realen Alltag des Mädchens suchen, denn sein Plüschfuchs ist auf jeden Fall der Anstoß zur Geschichte.
Um die eine Story besser von der anderen unterscheiden zu können, wurde die Erzählzeit geändert. In der Rahmenhandlung ist es die Gegenwart, in der Fuchserzählung die Vergangenheit. Auch das kann, ebenso wie die vorkommenden Personen, zu Interpretationen verleiten. Mir schien es etwas mühsam, und ich muss es gestehen: Es hat mich gelangweilt. Die Spannung konnte mich nicht halten, ich wollte nur noch vorwärtsmachen.
Der Sprachstil hat mir zugesagt, die Zeichnung der Charaktere ist der Autorin zweifellos sehr gut gelungen. Dennoch tut es mir leid, auch in der Mitte des Romans war ich noch nicht vom Werk gepackt. Drum habe ich es nicht mehr zu Ende gelesen.
Literatur und Lesefreude hängen sehr vom persönlichen Geschmack ab, und ein Nicht-Gefallen ist keineswegs eine Wertung. Bitte nicht missverstehen!
Das Cover ist in einer eher trübseligen Farbe gehalten, einzig der Pelz des Fuchses vermittelt ein wenig Wärme und Leben. Im Schaufenster aber kein Hingucker.
Ghostwriter und Diva
Sonnenaufgang Nr. 5 von Carsten Henn
Groß war meine Freude, als meine Bibliothek das Buch Sonnenaufgang Nr. 5 angeschafft hat, denn bei Vorablesen gewonnen habe ich es leider nicht. Zwar ist es nicht der erste Roman, den ich von Carsten Henn gelesen habe, aber der Titel ist schon etwas ganz Besonderes. So wie das ganze Buch. Und ich habe es sehr genossen.
Erinnerungen sind etwas zutiefst Persönliches. Nicht selten gehen wir anderen damit gehörig auf den Wecker, denn Erinnerungen wollen wieder und wieder aus der Mottenkiste geholt werden, besonders die aus glücklichen Zeiten. Doch es gibt nicht nur angenehme, sondern häufig auch sehr schmerzhafte. Und gerade die verbinden uns nicht selten mit anderen Menschen. So ähnlich geht es auch dem Protagonisten Jonas, der lieber mit fremdem Erinnern umgeht als mit seinem eigenen, und auch die Gegenwart ist für ihn nicht gerade einfach. Er soll der exzentrischen Schauspielerin Stella beim Verfassen ihrer Memoiren helfen. Außerdem ist da noch ein Brief seiner Mutter an ihn, verfasst kurz vor ihrem Tod.
In diesem Roman gibt es viele Rückblenden, was bei einem Hörbuch ein wenig verwirrend sein kann. Denn beim Lesen wird viel eher deutlich, wenn Schilderungen nicht linear verlaufen.
Ich finde es charmant, wie die Schauspielerin in die Geschichte eingeführt wird, und auch das erste Aufeinandertreffen ließ mich schmunzeln. In der Folge tasten die beiden Menschen, der Fragende und die Gefragte, sich vorsichtig zu ihrem Gegenüber vor. Auch die meisten Nebenfiguren haben viel mit dem Erinnern zu tun. Doch philosophisch ist der Text von Beginn an.
Ich habe den Roman als Hörspiel genossen, einfühlsam und farbig erzählt von Oliver Siebeck.
Henn versteht es wie kein Zweiter, die Umwelt aus den Buchstaben erstehen zu lassen, sodass man glaubt, leise Möwenschreie zu hören und salzige Seeluft zu schnuppern. Mir gefällt, wie diverse Kleinigkeiten sichtbar werden, wie beim Lesen Atmosphäre entsteht und sich die Figuren verdeutlichen. Dabei ist es keineswegs irgendeine flache Handlung, sondern sie macht besinnlich und ist berührend. Gern empfehle ich den Roman weiter.
Trauer und Hoffnung dicht an dicht
In den Scherben das Licht von Carmen Korn
Zwei junge Menschen, Gisela und Gert, lernen sich in Hamburg kennen. Beide haben den zweiten Weltkrieg hinter sich und ihn mehr oder minder unbeschadet überstanden. Ganz ohne Spuren verläuft ein so gewaltiger und umfassender Krieg ja nie.
Dazu kommt eine frühere Bühnenkünstlerin, Friede. Auch sie ist schwer gezeichnet und hat dennoch nie aufgehört, hoffnungsvoll und positiv in die Zukunft zu blicken.
Gemeinsam bewältigen sie den Alltag und die größten Gegenwartsprobleme. Doch liegt über jedem von ihnen eine große Trauer, denn die alles überspannende Frage bleibt: Wo sind ihre Lieben, ihre engsten Angehörigen? Wie kann man weiterleben, wenn die nächsten und liebsten Menschen vermutlich tot sind? Auf ihrer Suche, ihrem Weg kommen weitere Menschen dazu, helfend, teils auch störend. Aber die Geschichte macht deutlich: Gerade in solchen extremen Notzeiten brauchen wir einander, ohne andere Menschen geht es nicht.
In den vergangenen Jahrzehnten gab es viel über die Nachkriegszeit, über die Suche nach verschollenen Angehörigen, über Traumata und neue Anfänge zu lesen, über Verzweiflung und neue Hoffnung, über Angst und neues Wachsen. Ich möchte es eine Aufbau-, eine Entwicklungsgeschichte bezeichnen. Selbst wenn die 1940er- und 1950erjahre längst vorbei sind, kann der Text Empfindungen wie Hoffnung und Zuversicht in jedem Leser beleben, und das brauchen wir ja nicht nur in Nachkriegszeiten.
Carmen Korn versteht es wie keine Zweite, so eine Geschichte aus der Vergangenheit plastisch zu gestalten, dass man sich mittendrin wähnt. In bildhafter Sprache und deutlicher Zeichnung der Charaktere lässt sie uns teilhaben an der damaligen Zeit und den Schicksalen ihrer Personen. Ich mag ihren Schreibstil sehr!
Das Cover zeigt ein tanzendes Paar, es vermittelt Fröhlichkeit, Leichtigkeit, Zuneigung und Neubeginn. Und genau das ist es, was die Nachkriegszeit brauchte und was Carmen Korn so meisterhaft, berührend und spannend zu erzählen weiß. Ich habe schon vorher ihre Romane sehr geschätzt, und auch dieses Buch empfehle ich gern weiter.











