Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Emmmbeee:
Nöte eines jungen Mädchens
Schwimmen im Glas von Eva Lugbauer
Was der jungen Lore durch den Kopf geht, sind kritische Betrachtungen ihrer Umwelt und zweifelnde Fragen: Warum werden Buben und Männer so völlig anders behandelt als Mädchen? Warum wird Frauen so oft der Mund verboten, warum müssen sie Klischees erfüllen und gehorchen, auf eigene Interessen verzichten? Auch wenn der Schauplatz ländlich ist und die Stadt offenbar mehr Freiheiten bietet, so ist es doch ein allgemein verbreitetes Gesellschaftsbild und Rollenverhalten, das sich häufig bis heute erhalten hat.
Meiner Meinung nach sollte uns die Problematik bewusst sein, um der noch längst nicht völligen Gleichberechtigung der Geschlechter zu weiterem Durchbruch zu verhelfen, auch um die Tätigkeiten von Frau und Mann in Beruf und Familie gleichwertig zu sehen.
Doch sonderlich spannend fand ich den Handlungsablauf nicht. Zeitweise wollte ich das Buch schon zuklappen, habe es aber dennoch zu Ende gelesen, vor allem, da die Seitenanzahl eher gering ist, aber zeitweise bin ich fast eingeschlafen. Doch, die Sprache ist authentisch, die Vorgänge sind nachvollziehbar und wohl den meisten Leserinnen leider nur allzu bekannt. Beim Schreibstil gefiel mir, dass mit „Gedankenstrichen“ vieles unausgesprochen bleibt und trotzdem selbst vom Kind wahrgenommen wird, ebenfalls die genaue Zeichnung der Personen und ihres Charakters. Der Tante Ursula allerdings hätte ich mehr Tatkräftigkeit und größeren Einfluss auf ihre Nichte Lore gewünscht.
Ich wüsste jedoch nicht, wem ich den Roman empfehlen sollte. Vielleicht einem jungen Menschen, der von sich aus noch nicht kritisch genug die Welt um sich herum wahrnimmt?
Wie umeinander geflochtene Stromkabel
Wackelkontakt von Wolf Haas
30 Seiten fehlen mir noch bis zum Ende des Buches, und ich bin sicher, es endet mit einem Knall. Aber es drängt mich jetzt schon, „Wackelkontakt“ zu rezensieren.
Eine Inhaltsangabe mag ich nicht geben, da der Klappentext bereits genug aussagt. Und allein der Titel und dass es unter anderem um einen Elektriker und die Mafia oder Ndrageta oder Cosa Nostra geht, wie immer man sagen will, verheißt von Anfang an Spannung bis zum Zerreißen.
Der neue Roman von Wolf Haas hebt sich komplett von dem ab, was ich bisher von diesem Autor gelesen habe. Die Brenner-Romane waren vielfach recht blutrünstig. Doch auch in diesem neuen Werk geht es nicht ohne Tote ab. Dabei ist das Buch mit viel Humor durchsetzt, und ich musste öfters hellauf lachen.
Bei Haas gibt es immer sprachliche Eigenheiten. War bei den Brenner-Romanen ständig „Weil du musst eines wissen“ zu lesen, so kommen im zweiten Teil des Romans, übertitelt mit „on“ die Ausdrücke „spooky“ und „keineahnung“ auf fast jeder Seite vor. Denn da übernimmt hauptsächlich die jugendliche Tochter Ala den zweiten Handlungsstrang. Auch schneidet Haas manchmal einzelne Wörter regelrecht auseinander, schiebt eine Überlegung oder eine wörtliche Rede dazwischen, um mit dem zweiten Wortteil fortzusetzen. Wobei das Auseinanderschneiden durchaus Sinn macht.
Dazu passt sehr gut, dass der eine Hauptprotagonist, Escher, leidenschaftlich gern Puzzles legt, denn viele Teile werden auch hier zusammengesetzt. Hinzu kommt noch, dass der Puzzler Trauerredner ist, aber gerade in einem speziellen Todesfall nicht als er selbst in Erscheinung treten sollte. Ja, und dass bei bildnerischen Enthauptungsszenen beim Zusammensetzen der 1000 Teile der Kopf wieder an seinen Platz gerückt werden kann.
Diese beiden Geschichten, die sich wie ein Zopfmuster umeinander ranken, überholen sich mit zunehmendem Fortschreiten der Handlung gegenseitig. Es kann sein, dass man in der einen Story bereits lesen kann, was in der anderen noch gar nicht geschehen ist. Auch wechselt der Autor oft mitten in einem Absatz in die andere Geschichte. Schon deshalb empfiehlt es sich, keineswegs querzulesen.
Insgesamt einige raffinierte Schachzüge, die den Roman in meinen Augen zu einem kleinen Kunstwerk machen. Ich halte „Wackelkontakt“ für eins vom Besten, das Haas je geschrieben hat. Ich empfehle es jedem, der mal etwas ganz anderes als das bisher Gewohnte lesen möchte. Der Roman dürfte ein Bestseller werden.
Ein Mensch im Zwiespalt
Und später für immer von Volker Jarck
Johann ist in den letzten Kriegstagen desertiert, als sich ihm und einigen anderen Kameraden die Gelegenheit dazu bot. Das ist durchaus verständlich und sehr begreiflich, denn welcher Soldat wollte das nicht, spätestens als immer klarer wurde, dass der Krieg verloren war. Zudem befand sich Johann mit seinen Fliegerkameraden gerade in der Nähe seiner Heimatgegend, im Norden Deutschlands.
Zu allem anderen wusste er, dass er bald Vater würde, und er hat schreckliche Sehnsucht nach seiner jungen Ehefrau.
Als an zwei Fingern auszurechnen war, dass ein anderer aus der Einheit seine Flucht verraten könnte, war er sogar versucht, ihn zu erschießen. Denn Desertion wurde standrechtlich durch Exekution bestraft. Doch im letzten Augenblick nahm er davon Abstand – zum Glück, wie sich (natürlich neben dem menschlichen Aspekt) später erwies.
Doch im heimlichen Unterschlupf ereignete sich eine Begegnung, die drohte, all seine sehnsüchtigen Pläne über den Haufen zu werfen. Für mich war bis zum letzten Wort offen, wie er sich zwischen zwei Frauen entscheidet. Denn der immer wiederkehrende Schlager „In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine“ bewahrheitet sich an mehreren Stellen auf gefährlich kippelnde Weise.
Es ist also ein sehr spannender Roman, den der Autor Volker Jarck nach den Tagebüchern seines Großvaters schrieb, auch wenn der Text wegen der vielen Rückblenden gewisse Längen aufweist. Schauplatz ist der Fliegerhorst Stade in Norddeutschland und die Scheune einer Tante in der Nähe, auf dem Fluchtweg nach Hause zu Emmy, der jungen Ehefrau. Mir gefällt der flotte Stil, das menschliche Verständnis, die inneren Nöte und die Wärme, die man spürt. Wie viele Deserteure und Heimkehrer werden in einer ähnlichen Situation gewesen sein. Dennoch, so richtig begeistert hat mich das Buch nicht.
Ich empfehle den Roman allen, die sich für die vielen verschiedenen Facetten im Inneren eines Menschen interessieren.
Der reinste Viermäderlhaushalt
Ein anderes Leben von Caroline Peters
Sie stehen um das Grab von Hannas letztem Ehemann, Bow, dem Vater der Erzählerin, ihren älteren Schwestern Laura und Lotta sowie deren jeweiligen Vätern. Reichlich verwirrend beginnt dieser Roman rings um Hanna und ihrer drei Studienfreunde (und nacheinander Ehemänner) Klaus und Roberto. Bow, der Verstorbene und eigentlich seit Jahren Hannas Witwer, ist der einzige, der ein Haus für Hanna und ihre bisher zwei Töchter und auch seine einzige leibliche Tochter gebaut hat und immer der Mittelpunkt der Erzählerin war.
Wie geschrieben: So in wenigen Worten zusammengefasst komme ich selber nur noch schwer mit.
Es ist ein völlig anderer Alltag, als wir ihn gemeinhin kennen, und gerade deshalb so faszinierend, sich auf ihn einzulassen. Aber auch eine seelische Achterbahn, denn die geschilderten Situationen können ganz schön aufs Gemüt drücken, und oft musste ich den Roman für eine Weile aus der Hand legen.
Doch ist der Erzählfluss leicht, munter und farbig, wobei es den Griff in die literarischen Farbtöpfe auch braucht, um einer solchen Familie gerecht zu werden. Immerhin ist es der Erstlingsroman der bekannten Schauspielerin Caroline Peters, die in sehr vielen deutschen Filmen mitspielt, als Partnerin namhafter und beliebter Darsteller und Darstellerinnen.
Ich bin überzeugt, dass viele Frauen sich wiederfinden werden, als Tochter und Schwester. Mich hat es nämlich an vielen Stellen besonders berührt, und ich kann die einzelnen Reaktionen bei diversen Begegnungen gut nachempfinden. Eigentlich ein Viermäderlhaushalt, Bow mit Hanna und ihren drei Töchtern.
Wem ich den Roman empfehlen würde? Auf alle Fälle jenen, die Frau Peters als Schauspielerin schätzen. Spätestens seit ihrer Rolle in „Der Vorname“ bleibt sie mir lebhaft im Gedächtnis.
Starke Story, starke Frau
Sing, wilder Vogel, sing von Jacqueline O’Mahony
Doolouth 1849: Viele hungernde Iren machen sich im Winter auf eine beschwerliche Wanderung, um beim Grundherrn Hilfe zu erbitten. Die Bitte wird rüde abgewiesen, den zerlumpten Menschen bleibt nur der Hunger und der Entschluss, nach Amerika auszuwandern. So der Rahmen, in dem der Fokus auf die sehr junge Honora gerichtet ist.
In größter Not aufgewachsen, wird dem jungen Mädchen buchstäblich alles genommen, was sie je besessen oder sich gewünscht hatte. Da entschließt sie sich zu einem unmöglich scheinenden Schritt, zieht ihn wider Erwarten durch. Sie kämpft sich ohne langes Zögern immer wieder aus Situationen, die andere Frauen längst hätten aufgeben lassen, und geht unbeirrt ihren Weg, dies- und jenseits des Ozeans.
Sie hat die Welt rings um sich nie anders als feindlich erlebt, ist früh vorsichtig geworden und hat nie mehr als das Notwendigste gesprochen, ist teilweise gänzlich verstummt. Dafür hat sie umso mehr beobachtet und verfügt über eine große Menschenkenntnis, viel Überlebenswillen und ist schnell entschlossen. Das ist ihr oft von Nutzen.
Bei ihrer Geburt tauchte ein piseog auf, ein Rotkehlchen, das gemäß des Volksglaubens Unglück ankündigt. Auf diese Weise wird er zum Motto ihres Lebens, „…als wäre der Flug des Vogels ein Faden, der sich durch das Gewebe ihres Lebens zog.“
Und doch scheint er für die junge Frau eher wie ein Hoffnungszeichen. Alles hat sie bisher überlebt und überstanden, sie wird sich auch dem kommenden Ungemach mit erhobenem Kopf entgegenstellen.
Viel wurde bereits über die anlässlich der Hungersnot ausgewanderten Iren geschrieben, selten aber über allein reisende Frauen. Was hat der Hunger mit ihnen gemacht, nicht zu vergessen mit ihrem weiblichen Organismus? Was für Überlebens-Möglichkeiten hatten sie?
In kraftvollem, unprätentiösem Stil gehalten, spannt sich der Handlungsbogen über fünf Jahre und zwei Kontinente hinweg. Die Spannung steigt mit jedem Kapitel, wird manchmal fast unerträglich. Wird das Schicksal eintreffen, was ich für Honora befürchte? Oder wird es in letzter Minute abgewendet? Natürlich nicht.
Bemerkenswert ist auch die Parallele zu manchen indigenen Völkern, die so wie die Iren enteignet und vertrieben, zu Heimat- und Rechtlosen gemacht wurden. Historisch belegt sind, mitten in der schlimmsten Hungersnot 1847, die Spenden der Choctaws an die notleidenden Iren.
Am Ende des Buches gibt es ein Interview mit der Autorin anlässlich einer Buchpreisverleihung. Hier sind weitere Einblicke in das Leben und die Geschichte der Iren gegeben. Ein nicht nur nahegehendes, sondern sehr interessantes Werk, das ich eigentlich allen empfehlen kann. Ich erhoffe mir noch mehr Übersetzungen der Werke von Jacqueline O‘Mahony ins Deutsche.
Was ergibt Mittwoch mal Mittwoch?
Pi mal Daumen von Alina Bronsky
Ich bin kein „Will haben“-Typ. Aber wenn ich sehe, dass ein neuer Roman von Alina Bronsky erscheint, wird er für mich zum Muss. So auch „Pi mal Daumen“.
Der 16-jährige Oscar führt als Erzähler durch die Story. Seine Sicht ist eine autistische, seine Probleme mit der sozialen Kommunikation und dem gegenseitigen Verständnis beträchtlich.
Er hat einen Adelstitel und residiert allein in einer Villa seiner Familie. Es gibt ihn und nur ihn, er betrachtet sich selbst als Norm.
Ungehalten registriert er daher die auffällig gekleidete 50-jährige Moni, als sie im Hörsaal bei einer Mathe-Vorlesung auftaucht und sich ausgerechnet neben ihn quetscht. Ihr fehlt die notwendige Grundlagenbildung. Manchmal muss sie auch noch ihren kleinen Enkel in die Uni mitnehmen und rackert sich in drei Jobs ab. Dennoch versucht sie, mitzuhalten, und lernt dabei erstaunlich schnell.
Die beiden arbeiten mit der Zeit sogar zusammen, könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Jedes hat seine Defizite, wenn auch in verschiedenen Richtungen. Während Moni ständig unter Stress steht, ist der autistische Oscar auf sich selbst ausgerichtet. So unwahrscheinlich es klingt: Die beiden nähern sich einander an, staunen übereinander, freunden sich an.
Die ganze Handlung ist nicht nur ein bisschen verrückt (wie öfters mal bei Bronsky). Schon dass Moni heimlich studieren muss, sorgt für ernsthafte Turbulenzen. Monis familiärer Hintergrund scheint mir teils an den Haaren herbeigezogen und übertrieben, die Charaktere überzeichnet. Vielleicht ist das heutzutage auch notwendig, denn so stechen sie hervor, sind etwas Neues. Zu viele andere, immer wieder ähnliche Figuren tummeln sich bereits seit Jahrzehnten in der Literatur.
Alina Bronsky legt in all ihren Romanen den Finger auf empfindliche Stellen, originelle Handlungen sind so etwas wie ihr Markenzeichen. Für mich war dennoch vieles unglaubwürdig, beinahe wie in einem Märchen. Drum wird der Leser wahrscheinlich ein Happy End erwarten. Doch der Schluss hat mich enttäuscht, er scheint mir unausgereift zu sein und bleibt vage, gerade so, als sei eine Fortsetzung geplant. Hingegen gefällt mir, dass die dargestellte Form des Autismus verständlich dargestellt ist.
Die Tiefen der höheren Mathematik können natürlich nur gestreift werden. Dennoch hatte ich das Gefühl, nicht völlig danebenzustehen. Dass diese Wissenschaft für Fachleute äußerst faszinierend ist und zum Spielen verführt, verstehe ich nun.
Seit meiner ersten Bekanntschaft mit einem der Bücher von Alina Bronsky (Die schärfsten Gerichte der Tatarischen Küche) bin ich ihr Fan. Auch diesmal geht es rasant durch die Kapitel, ein richtiger Pageturner. Dass am Ende des Buches einige weiße Seiten sind, regt dazu an, sich ab und zu eine Notiz zu machen, etwa den Satz herauszuschreiben: „Was ergibt Mittwoch multipliziert mit Mittwoch?“ – Moni weiß es: „Dienstag!“
Ein Leckerbissen für Bronsky-Fans und eine Empfehlung allen Freunden fantasievoller Literatur.
Soll er? Soll er nicht?
Sobald wir angekommen sind von Micha Lewinsky
Ben beschäftigt sich viel mit seinem literarischen Vorbild, dem großen jüdischen Autor Stefan Zweig. Er kennt dessen Bücher, besonders diejenigen im Zusammenhang mit seinem Exil Brasilien. Auch gibt es Parallelen zum Liebesleben von Zweig und Ben.
Als Sohn von jüdischen Flüchtlingen und Überlebenden der Shoa ist ihm die ständige Angst vor Verfolgung und Unsicherheit in die Wiege gelegt worden.
Er spürt im aggressiven Verhalten der Regierungen immer wieder Gefahren und ist bereit, es seinen Ahnen gleichzutun und das Heil in der rechtzeitigen Flucht zu suchen. Zusammen mit seiner Frau hat er schon überlegt, dass Brasilien auch für seine Familie ein Zufluchtsort wäre, sollte der Ernstfall eintreten und ein Atomkrieg oder Dritter Weltkrieg in Europa losbrechen.
Doch er hat nicht nur dieses ernsthafte Problem. Getrennt von seiner Frau und abwechselnd mit ihr für die gemeinsamen Kinder sorgend, ist da auch noch eine Geliebte, die glaubt, von ihm schwanger zu sein. Aber er kann sich für keine Seite entscheiden und windet sich immer wieder aus den notwendigen Gesprächen. Außerdem steckt er tief in einer Flaute als Autor.
Bei einer alarmierenden Lage in Europa bucht seine Frau kurzerhand Flugtickets nach Brasilien. Soll er sich ihr der Kinder wegen anschließen? Einen Neuanfang wagen? Die jahrtausendealte Flucht der Juden scheint nun auch ihn zu betreffen.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Er spricht verschiedene Themen an und ist von Beginn an mitreißend erzählt. Dabei greift der Autor das Verhalten vieler Menschen auf, welche sich (aus falsch verstandener Rücksicht oder aus Feigheit) für keinen klaren Standpunkt entscheiden können. In diesem Fall spielt auch die Angst eine Rolle, unangenehm aufzufallen, sich dem Rassismus auszusetzen, was verständlich ist. Dennoch ist es ein ständiges Schwanken zwischen zwei Seiten, das keinem nutzt. Lewinsky stellt das eindrücklich dar.
Dieses Debut wird ganz sicher zu einem Hit, denn schon der Name (der erfolgreiche Schriftsteller Charles Lewinsky dürfte sein Vater sein) bürgt für Qualität. Ich jedenfalls wünsche mir mehr aus seiner Feder.
Was ist schon Macht?
Reise nach Laredo von Arno Geiger
Ein älterer König ist abgedankt und verbringt gleichförmig triste Tage in einem spanischen Mönchskloster. Im elfjährigen dörflichen Außenseiter Geronimo findet er einen Gesprächspartner, der ihm innerlich wohltut. Gemeinsam machen sich die beiden klammheimlich auf den Weg, nicht wissend, wohin er sie führen wird.
Der einst Mächtige auf dem Thron, nun auf einem Maulesel, gelangt zu ganz neuer Macht, nämlich zu der über sich selbst.
Nein, es ist keine wilde Abenteuergeschichte, sondern eine tiefgreifende Reise, kaum zu bewältigen für den ehemaligen Monarchen. Dennoch hält er bis Laredo durch und kehrt danach gestärkt zu seinem Domizil zurück – naja, ganz so ist es denn doch nicht.
Ich bin in historischer Hinsicht nicht allzu bewandert. Deshalb kam mir die Handlung anfangs allzu phantastisch, beinahe märchenhaft vor. Lass dich halt darauf ein, sagte ich mir, die bisherigen Bücher von Arno Geiger haben dir doch allesamt gefallen.
Aber nach und nach fand ich aufgrund von Hinweisen zu den geschichtlichen Tatsachen, welche die Grundlage für den Roman bilden. Dazu ein paar Auskünfte von Wikipedia, und dann sah ich die Story mit anderen Augen und las mit großem Genuss.
Ich finde allerdings, dass in den Rezensionen die Person des Königs nicht aufgedeckt werden sollte. Denn es macht mehr Freude, wenn der Leser es selbst herausfinden darf.
Mir gefällt die schnörkellose, geradlinige, ja einfache Sprache, in welcher der Autor sehr authentisch aus dem Leben erzählt, virtuos und scheinbar mühelos den Spannungsbogen baut. Ab und zu verwendet Geiger den Kunstgriff der Gegenwartsform, was die Schilderungen besonders eindringlich macht. Ganz am Schluss wird das Reisen thematisch wieder aufgenommen, wobei ich wegen der wiederkehrenden Person von Angelita schon recht verwundert war.
Immer wieder habe ich beim Lesen Pausen eingelegt, weil die Themen mich nachdenklich gemacht haben. Denn hier geht es um das, was wirklich zählt im Leben, für junge Menschen und Senioren, für Arm und Reich, Männer ebenso wie Frauen, gestern, heute und in Zukunft.
Deshalb empfehle ich allen, die sich beim Lesen gern auch auf etwas Ungewohntes einlassen möchten, diesen tiefschürfenden und nahe gehenden Roman.
Wer ist Eve?
Eve von Amor Towles
Wer oder was ist Evelyn Ross? Was führt sie nach L.A.? Woher kommt sie wirklich? Was sind ihre Ziele? Warum sucht sie diverse Bekanntschaften und lässt sich doch auf keinen Mann ein?
Eve, eine attraktive, offensichtlich intelligente, aufgeschlossene junge Frau mit glamourösem Touch, taucht an verschiedenen Orten auf und hinterlässt überall einen nachhaltigen Eindruck.
Mit zwei beträchtlichen Makeln behaftet, scheint sie nicht ins Filmgeschäft einsteigen zu wollen und knüpft doch sofort Verbindungen zum Set.
Und dann geht die Post ab. Mit Tempo wird der Leser in einem Kriminalfall in der Welt der Stars und Sternchen geführt.
Aus der Sicht von mehreren Personen, unter ihnen eine bereits halb vergessene Filmgröße aus Hollywood, verfolgt der Leser einen Abschnitt aus dem Leben der jungen Frau, die wie ein guter Geist stets ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen um sich zaubert. Sie greift ganz selbstverständlich helfend dort ein, wo es nötig ist, auch in einen brisanten Erpressungsfall. Das Opfer ist eine Filmlegende, die hier salopp Dehavvy genannt wird. Bei alldem habe ich mich gewundert, dass das Telefon in den 30er Jahren beim amerikanischen Volk, auch bei den eher kleinen Leuten, bereits so verbreitet war.
Amor Towles, bestens bekannt aus früheren Werken, hat mich auch diesmal wieder zu fesseln vermocht. Mir gefallen nicht nur die gepflegte, mitreißende Sprache und der Drive, sondern auch die Bilder, die er immer wieder heraufzubeschwören versteht, und die Welten, die er so authentisch gestaltet, dass der Leser mittendrin sein kann.
Gekonnt setzt er seine Cliffhanger ans Ende vieler Kapitel. Etwas verwirrend sind die vielen Personen, welche in den Abschnitten titelgebend mitmischen. Nicht selten musste ich zurückblättern, um mich an den Menschen, seine Gründe und Absichten besser zu erinnern.
Wermutstropfen sind zwei Fehler, welche dem Autor (oder der Übersetzerin?) unterlaufen sind. Ein Wagenheber kann nicht drei Seiten später als Brecheisen bezeichnet werden. Und: F. nimmt einem Bewusstlosen den Revolver ab und steckt ihn in seinen eigenen Gürtel. Als dieser später wieder zu sich kommt, findet er die Waffe aber wie zuvor in seinem Holster.
Insgesamt ein interessanter Ausflug in die frühe Welt des Films und Hollywods frühe Jahre. Eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.
Bär und Zukunft
Cascadia von Julia Phillips
Bären haben schon in alten Märchen die Frauen fasziniert und spielen auch in der Mythologie eine bedeutende Rolle. Gleichwohl sind sie gefährliche, schnelle Tiere, denen man nicht zu nahekommen sollte, selbst wenn die Anziehung groß ist.
Im Nordwesten der USA leben die Schwestern Sam und Elena zusammen mit ihrer schwerkranken Mutter in eher prekären Verhältnissen.
Die Zukunftsaussichten sind sehr bescheiden. Lediglich die Veräußerung ihres Häuschens und ein Neuanfang anderswo zeigt ein Licht am Horizont. Eines Tages taucht ein Bär vor ihrer Haustür auf und rüttelt an ihrer kleinen Welt und der Vertrautheit zwischen den Schwestern.
Dieser Roman hat mich schon auf der ersten Seite in seinen Bann gezogen. Nicht nur, dass er eine mir fremde Welt beschreibt. Es ist auch die Situation zwischen den Frauen, die mich angesprochen hat, der gegenseitige Zusammenhalt in Notsituationen und das Bemühen ums tägliche Brot und die Medikamente für ihre berufsgeschädigte schwerkranke Mutter.
In einem frischen, leichten Ton erzählt Julia Philips von Sams Arbeitsalltag, ihren Ängsten, den ungewohnten Reaktionen ihrer Schwester auf den Bären und was daraus auf die Familie zukommt. Der Spannungsbogen hat mich von Beginn an mitgerissen. Die Hoffnungen junger Menschen, die schweren Enttäuschungen, ihr kleines Glück sind mir nahe gegangen, ich war mittendrin und habe mitgezittert.
Cascadia, Oregon, eine Region im Pazifischen Nordwesten Amerikas, die in diesem Werk wohl auch zum Symbol für das Ungewöhnliche wird, das uns Menschen begegnen kann und nicht immer rational erklärlich ist.
Ähnlich ruhig, fast geheimnisvoll wie der Schreibstil ist das Cover gestaltet, bestechend durch seine Farben und die einfache Landschaftsdarstellung. Mir gefällt besonders, wie der Name der Autorin hinter einem der Bäume zu verschwinden scheint.
Ich empfehle das Buch allen, die sich auf ein ungewöhnliches Thema einlassen und den Blick in eine ganz andere Welt wagen wollen.











