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Rezensionen von Emmmbeee:
Leben und Tod in der Karibik
Als wir Vögel waren von Ayanna Lloyd Banwo
Im Erstlingsroman von Ayanna Lloyd Banwo geht es buchstäblich um Leben und Tod, wobei der Tod für viele Leser natürlich ungleich interessanter ist. Die Umstände rund um diese beiden Pole sind auf Trinidad, welches wir hauptsächlich aus dem Urlaub kenne, so ganz anders als bei uns in Mitteleuropa.
Und es geht natürlich auch um Mann und Frau, um eine spezielle Begegnung auf dem Friedhof Fidelis in Port Angeles. Da ist einmal Emmanuel Darwin, früher Rastafari, nun auf der Suche nach seinem Vater. Als Totengräber muss er ja fast Yejide begegnen, die ihre soeben verstorbene Mutter beerdigen soll.
Jeder Todesfall ist für die Familien auf Trinidad eine große Sache, die zahlreiche Umstände mit sich bringt. Viele Geheimnisse kommen hinzu, viel Mystik, viele außergewöhnliche Kräfte.
36 Kapitel hat der Roman, und die Erzählung einer Großmutter fungiert als roter Faden. Wie bei einer Speise wird er gewürzt von Humor und scharfen Zutaten. Die sehr bildhafte Sprache gefällt mir sehr. Banwo erzählt eindringlich. Manchmal wird sie allerdings weitschweifig, was den Spannungsbogen spürbar mindert. Doch der Einblick in eine völlig andere Kultur auf einem anderen Kontinent ist allemal äußerst interessant.
Die Vögel im Titel des Buches sind vielseitig deutbar, mehr möchte ich nicht verraten. Die bunte Gestaltung des Covers mit seinen kräftigen Farben harmoniert sehr gut mit dem Inhalt des Romans und mit den geheimnisvollen Hintergründen der Handlung.
Ein Buch, das ich gerne weiterempfehle.
Ein flüchtiges Wesen
Melody von Martin Suter
Sie taucht auf, verdreht den Männern durchs Band den Kopf und entzieht sich nach ein paar Monaten auch schon wieder. Ein geheimnisvolles, flüchtiges Wesen, die Titelheldin des neuen Romans von Martin Suter. Was an ihr ist es, das die Männer so fasziniert?
Darüber kann wohl am ehesten Dr. Peter Stotz Auskunft geben, denn Melody war mit ihm verlobt.
Doch drei Tage vor der Hochzeit verschwand sie. 40 Jahre später befindet sich der Alt-Nationalrat dem Tod nahe, möchte seinen Nachlass geordnet wissen und stellt dafür den jungen Tom Elmer ein. An zahlreichen Abenden und unter dem Einfluss von erlesenen Tropfen erzählt er von seiner großen Liebe, eben Melody, und dabei zeigt sich, dass Autor Martin Suter ein Meister des Cliffhangers ist.
Dem Studenten öffnet sich eine luxuriöse Welt, aber auch viele Fragen. Nach dem Tod seines Arbeitgebers wird aus dem Ordnen ein Suchen nach der verschollenen Frau, gemeinsam mit der Nichte des Verstorbenen. Melody ist auf jeder der 329 Seiten gegenwärtig. Sie lächelt und hebt ein wenig die Schultern.
Ich habe so gut wie alle Bücher von Martin Suter gelesen und war hocherfreut, dass er uns mit einem neuen Werk beschenkt hat. Es ist gewohnt süffig und spannend geschrieben, voll farbiger Bilder, diesmal zusätzlich angereichert durch kulinarische Einblicke. Und wie so oft gibt es immer wieder überraschende Wendungen, besonders natürlich gegen Schluss.
Love and crime, bin ich versucht zu schreiben, aber das ist es nicht allein, was Suters Romane so beliebt macht. Es sind auch die genauen Recherchen, welche Authentizität mit sich bringen, und wenn es auch nur um den Rollator geht.
Ein Roman, den ich jedem nur empfehlen kann.
Nix mit Romantik
In blaukalter Tiefe von Kristina Hauff
Es ist beinahe ein Klischee, dass Konflikte ausbrechen, sobald eine Idylle durch ein Unglück gestört wird. So auch bei der Segeltörn zur Schärenwelt Schwedens. Ein Ehepaar macht seinen gemeinsamen Wunsch wahr und lädt dazu einen Kollegen des Ehemannes Andreas und seine Freundin ein. Doch nicht jeder ist freiwillig mit an Bord.
Es beginnt traumhaft schön, doch schon bald machen sich Unstimmigkeiten zwischen den vier Menschen bemerkbar. Auch der Skipper Erik, zu Beginn eine undurchsichtige Gestalt, lässt allmählich seine Maske fallen. Nicht nur am Himmel ballen sich drohend die Wolken, auch zwischen den fünf Menschen brodelt es, ein gewaltiges Drama bahnt sich an. Auf einem Boot kann keiner dem anderen ausweichen. Jeder steht unter Beobachtung, steht unter Hochspannung. Nein, das ist kein harmloser Urlaub. Es gibt auch keine romantischen Szenen oder ferienhafte Gemütlichkeit.
Die Kapitel wechseln sich ab aus der Sicht der beiden Paare, sodass man sich als Leser mittendrin befindet und die Figuren besser versteht. Es geht um Machtspiele, Druck, Abhängigkeiten. Nicht nur das Boot gerät bei Sturm aus dem Gleichgewicht, auch die Konstellationen bleiben nicht dieselben.
In plastischer, sehr farbig lebendiger Sprache führt und Christina Hauff durch die Handlung. Die Spannung steigt zusehends. Es wurde beim Lesen so aufregend, dass ich den Roman kaum mehr aus der Hand legen wollte. Den Schluss habe ich so nicht erwartet, ihn nicht einmal geahnt. Doch so ganz stimmig kam er mir nicht vor.
Schon Hauffs Roman „Unter Wasser Nacht“ habe ich fasziniert gelesen. Neben dem Eintauchen in die Welt auf einem Boot gefiel mir bei diesem die Beschreibung der einzelnen Figuren und der Entwicklung zwischen ihnen. Der Stil ist flott und süffig, durch die wechselnde Sichtweise recht nahegehend. Immer wieder kommt es anders, als der Leser denkt, das trägt noch zur Spannung bei.
Das Cover scheint mir sehr passend, denn es vermittelt die drohende Atmosphäre auf dem Boot und die durch das Wetter verursachte auf dem Meer. Ich empfehle den Roman allen, die sich nicht nur für die Beschreibung von Spannungen zwischen den Menschen interessieren, sondern auch die das Meer, Boote, Schweden etc. mögen.
Zurück im Dorf
Wovon wir leben von Birgit Birnbacher
Die Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher legt ihren neuen Roman vor. In unprätentiöser, ruhiger Sprache erzählt sie von Julia, die in ihr Dorf zurückkehrt und noch nicht weiß, wie es in ihrem Leben weitergehen soll. Ist ihr Aufenthalt nur eine Zwischenstation? Oder ist sie gekommen, um zu bleiben?
Nach dem beruflichen Scheitern und aussichtslosen Liebesdingen in der Stadt spürt sie, dass sie im Heimatdorf nicht mehr richtig dazugehört.
Sie lernt den „Städter“ kennen, einen Mann, der zur Reha hierhergekommen ist. Mit ihm kann sie sich auf gleicher Ebene unterhalten, während der Vater und die Dorfbewohner mit obskuren Erwartungen an sie herantreten.
Eigentlich geschieht nicht viel. Ein Spielstein ist die schreiende Ziege. Und was ist eigentlich mit der Mutter, die in Sizilien lebt?
Von Anfang an besteht ein Spannungsbogen und ein gewisser Sog. Aber mir war lange nicht klar, worauf das Ganze hinauswill. Bei so vielen anklingenden Aspekten (die Rolle der Arbeit, persönliches Versagen, Asthma, der kranke Bruder in der Heilanstalt) ist alles recht ungewiss.
Die Atmosphäre ist bedrückend, besonders wenn von Julias Bruder David die Rede ist. Mehrmals hat es mich gefröstelt beim Lesen, denn es ist ein sehr ungemütliches, winterlich kaltes Dorf. Eine pessimistische Grundstimmung durchzieht den Roman. Auch die Beschreibung von Julias Atemnot ist nicht gerade aufheiternd. Es gibt keinerlei Gefühlsregungen, sehr fern nimmt sich die Figur der Mutter aus, auch zum Vater besteht viel Distanz.
Der Schluss hat mich sehr überrascht, aber nicht überzeugt. Er scheint mir reichlich an den Haaren herbeigezogen.
Mir gefällt die pointillistische Covergestaltung, auch wenn ich mir beim Lesen lange nicht vorstellen konnte, wann es denn warm genug zum Schwimmen sein würde, spielt doch ein großer Teil der Handlung in der kälteren Jahreszeit.
Insgesamt konnte ich mich für den Roman nicht erwärmen. Er hat nicht vermocht, mich zu fesseln.
Erst angepasst, dann rebellisch
Frankie von Michael Köhlmeier
Der vierzehnjährige Frank lebt bei seiner Mutter. Er ist gern mit ihr zusammen, kocht für sie, lacht mit ihr, kommt auch mal mit zur Arbeit. Die beiden sind eine harmonierende Einheit. Als der Großvater aus dem Gefängnis entlassen wird, steht er ihm zunächst ablehnend gegenüber, wird er von ihm doch Frankie genannt, was der Junge gar nicht mag.
Doch dann kann er sich der Wirkung des Älteren nicht entziehen. Nach und nach tut er Dinge, die noch vor wenigen Tagen für ihn nicht in Frage gekommen wären. Dass auch noch sein Vater auftaucht, wird es kompliziert. Schließlich wird Frankie im Lauf eines Roadtrips mit einem Schlag zum Rebell, der alles Bisherige hinter sich lassen will.
Gewohnt flüssig, plastisch, farbig führt uns Köhlmeier linear durch seinen neuesten Roman. Sehr vieles spielt sich unterwegs zwischen Wien und Niederösterreich ab, zu Fuß, mit dem Zug, der Straßenbahn, in Autos. Ebenso nimmt die Handlung laufend Fahrt auf, wird immer spannender. Der Autor lässt keinen Zweifel daran, was der Junge denkt, empfindet, was ihn zum Handeln antreibt.
Doch so abenteuerlich der Fortgang sich auch entwickelt, immer bleibt der Erzählton ruhig, gelassen, wie außerhalb der Szene stehend und beobachtend. Da ich Köhlmeiers Hörbücher besonders schätze, habe ich während des Lesens die raunende Stimme des Autors stets im Hintergrund gehört.
Was mich an seinen Werken so fasziniert und was mich jeweils so gespannt auf sein nächstes Buch warten lässt, ist die Vielseitigkeit des Autors. Angefangen von antiken Sagen bis zu außergewöhnlichen Tiergeschichten sind Spektrum und Themenumfang enorm. Wie erwähnt, schreibt der Autor nicht nur, sondern bespricht seine Hörbücher selbst – ein ganz besonderes Erlebnis! So ist es auch kein Wunder, dass er seit seinem 25. Lebensjahr haufenweise Preise einfährt.
Ein Generationen- und Entwicklungsroman, Roadtrip, fast ein Krimi. Es gibt keinen Leser, dem ich den Roman nicht empfehlen würde.
Die Rückseite unserer Lebensform
Das glückliche Geheimnis von Arno Geiger
„Das gesellschaftliche Leben ändert sich immer … Derlei schlägt sich natürlich auch im Abfall nieder, der eine Rückseite unserer Lebensform darstellt.“ Das erklärte Arno Geiger in einem Interview. Und dieser Abfall, resp. sein Sammeln und Verkauf finanzierte dem damals noch angehenden Autor mehrere Jahre Aufenthalt in Wien.
„Der Abfall zeigt uns eher so wie wir sind und nicht, wie wir sein wollen.“ Auch das stammt aus dem Mund des Autors.
Begonnen hat Geiger mit den Papiercontainern, wo er nach Büchern suchte und weitere Schätze fand. Erst zu Fuß, dann mit dem Fahrrad zog er seine Runden durch Wien. Alle paar Monate stellte er sich mit seiner Beute auf den Flohmarkt beim Naschmarkt am linken Wienufer.
Doch nicht nur von seiner Anfangszeit als Schriftsteller handelt Geigers neuer Roman, er erzählt auch von K., einem Glücksfall von Frau, wie er sich sinngemäß ausdrückt; ebenfalls von den Altersjahren seiner Eltern und seinen ersten literarischen Erfolgen.
Doch der Abfall spielt die zentrale Rolle, gibt er doch Auskunft über das, was Menschen unter „Leben“ verstehen. Und je mehr Arno Geiger fand, umso mehr wuchs seine Erkenntnis über die Menschen, umso mehr Stoff für weitere Bücher konnte er sammeln. Und natürlich muss dieses „Lumpensammeln“ ein Geheimnis bleiben, denn eine respektable Tätigkeit ist es nicht, seine Beine aus einem Abfallcontainer ragen zu lassen.
In gewohnt süffigem Stil lässt Geiger uns an seinem Fund-Glück teilhaben. Ich kann mir genau vorstellen, welche Straßen er seine Sackkarre hochgeschoben hat, dieser Teil Wiens erhebt sich plastisch aus den Seiten.
Auch über die Schwierigkeiten von Beziehungen ließ er uns nicht im Unklaren. Doch über mehrere Seiten hinweg zog sich der Text langatmig und zäh, sodass ich begann, querzulesen. Doch das Cover scheint mir passend: legere Kleidung, nach den „Tauchgängen“ gut zu reinigen, und der Hut könnte ein Fundstück sein.
Hoffnung als Triebfeder einer tapferen Frau
Ein Kind namens Hoffnung von Marie Sand
Elly ist als Köchin in einer wohlhabenden jüdischen Familie angestellt. Als die Nazischergen das Ehepaar Sternberg abholen, kann sie deren kleinen Sohn Leon als ihr eigenes Kind ausgeben und damit retten. Sie verspricht, Leon und seine Mutter wieder zu vereinen, obwohl das nach Kriegsende mit den Jahren immer unwahrscheinlicher wird.
Doch fürs Erste beginnt für sie eine mühevolle Zeit. Flucht, Not, Hunger durchsetzen ihr Leben, die Heimatlosigkeit kommt noch dazu. Schließlich rettet ein Bauer sie durch Heirat, wenn sie auch von einem anderen Mann schwanger ist. Immer wieder keimt neue Hoffnung auf, immer wieder kann sie Leon und ihre eigene kleine Tochter schützen. Doch werden Frau Sternberg und ihr Sohn Leon sich jemals wiedersehen?
Marie Sand erzählt die Geschichte einer tapferen Frau, die nie den Mut verliert, sich durch alle schwierigen Lebenslagen kämpft und das schmale Fähnlein der Hoffnung unbeirrt hochhält. Der Roman gibt Einblick in eine der dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte, liest sich aber dennoch unterhaltsam und spannend. Die Sprache ist flüssig, farbig, plastisch. Zwischendurch stieß ich beim Lesen auch auf Besonderheiten, etwa wenn von einem Nu die Rede ist. Außer bei der Wendung „im Nu“ wird das Wort ja selten gebraucht. Zeitlich in vier Abschnitte aufgeteilt, vermittelt das Werk ein Bild der Zeit und der Umstände, wie sie wohl gewesen sein werden.
Innerhalb kürzester Zeit habe ich das Buch verschlungen und empfehle es jedem weiter, der sich einerseits für die damalige Zeit, andrerseits für Menschen interessiert, die zu allem bereit waren, wenn sie helfen und gar ein Leben retten konnten.
Durch die Nacht zum Licht
Anleitung ein anderer zu werden von Édouard Louis
Ein dreißigjähriger Mann blickt auf seine Anfänge in einem nordfranzösischen Dorf und sein bisheriges Leben zurück. Mit dem Stigma der Armut versehen (aber arm waren andere Dorfbewohner auch), weit schwerwiegender jedoch mit dem der Homosexualität durchlebte er eine äußerst schwierige Kindheit.
Daraus will er sich befreien, und es gelingt dem Jugendlichen, sich Stufe für Stufe emporzuarbeiten. In den ersten Jahren fördern ihm Helena und ihre Familie in Amiens und statten ihn mit dem wichtigsten Knowhow aus. Doch auch sie muss er hinter sich lassen, wenn er in Paris den Aufstieg schaffen will.
Per aspera ad astra, von der Widerwärtigkeit zu den Sternen, so zeichnet Edouard Louis seinen Weg. Es ist eine gewaltige Leistung, immer wieder Bestnoten zu erreichen, sich zu Eliteschulen vorzukämpfen, sich mehr als seine Mitbewerber der Zulassungen würdig zu erweisen.
Er setzt sich in entbehrungsreichen Jahren mit eisernem Willen durch, doch wird ihm sein Elternhaus immer fremder. Seine Eltern können bald nicht mehr mit ihm Schritt halten und fühlen sich von ihm verachtet. Er meidet sie, auch wenn er sie liebt. Selbst dieser Konflikt macht ihm schwer zu schaffen. Veränderung bedeutet auch viel Verlust.
In einer gepflegten Sprache, temporeich, farbig, lebendig schildert Edouard Louis seine schmerzhafte Metamorphose. Wenn das Leben Veränderung bedeutet, dann ist das seine ein Paradebeispiel. Selbst aus seinem Geburtsnamen Eddy Bellegeule (schöne Fresse) schält sich der junge Mann heraus.
Einige Punkte kommen mir unwahrscheinlich vor, etwa dass bereits die Mitschüler des Erstklässlers sein Schwulsein erkannt oder dass Helenas Eltern es geduldet haben sollen, wenn die beiden Teenager im selben Bett schliefen. Doch es ist ein Roman, also muss nicht alles mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
Mir gefällt, wie das Werk durchstrukturiert ist. Es beginnt gleich schon mit zwei Prologen und ist in vier Teile portioniert, die zugleich die vier wichtigsten Abschnitte in Edouards Leben darstellen. Zahlreiche Fotos ergänzen den Text.
„Anleitung ein anderer zu werden“ ist ein Buch, das jungen und sicher auch älteren Menschen Mut macht, ihren eigenen Weg zu finden und ihn unbeirrt zu gehen.
Ungewöhnliche Trauerbewältigung
Schlangen im Garten von Stefanie vor Schulte
Trauer ist individuell, und es gibt kein Wie oder Genug oder Zu wenig. Dass eine Familie einen so ungewöhnlichen Weg wie das Verspeisen des mütterlichen Tagebuchs wählt, nachdem diese gestorben ist, dürfte allerdings selten vorkommen.
Stefanie vor Schulte hat mit ihrem Roman „Schlangen im Garten“ ein Buch vorgelegt, zu dem ich nur schwer vorgedrungen bin.
Da habe ich mir bei ihrem Erstling „Junge mit schwarzem Hahn“ bedeutend leichter getan.
Die häufigen Metaphern bedingen ein Mitdenken, ein ständiges Interpretieren. Man muss genau lesen, darf die Seiten keineswegs überfliegen. Doch das Durchhalten lohnt sich, denn gegen Schluss entwirren sich die Fäden allmählich, und einige Querverbindungen schälen sich heraus. Mit dem Verlauf der Handlung kommen immer mehr Personen hinzu, die seltsame Dinge tun. Man muss schon sehr aufpassen, dass man den Überblick und den Faden nicht verliert.
Viele Stellen wirken reichlich surreal, man wähnt sich über weite Strecken in einem Fantasyroman. Manchmal ist die Sprache im Telegrammstil gehalten: kurze oder halbe Sätze, einfacher Punkt statt Fragezeichen, sodass die Fragen zu Feststellungen werden.
Insgesamt ein meisterlich behandeltes Thema, das uns alle angeht. Zu einem Lieblingsbuch wird der Roman mir allerdings nicht.
Eine Frau, die ihren Mann steht
Matrix von Lauren Groff
Zu einer Zeit, da Frauen fast überall unterdrückt und bei der Eheschließung enteignet wurden, wächst Marie heran, die nicht in einer normalen Vater-Mutter-Kind-Familie erzogen worden ist. Starke Frauenbilder hatte sie von klein auf vor Augen. Da sie als unehelicher Sproß des englischen Thrones geboren wurde, glaubt Königin Eleonore von Aquitanien, mit ihrer Halbschwester nach Belieben verfahren zu können, und schickt sie in ein völlig heruntergekommenes, verarmtes Kloster.
Maries Einstand ist denn auch ein äußerst armseliger. Doch bald kann sie sich aufgrund ihrer Klugheit und ihres Geschickes durchsetzen, und davon profitieren auch die übrigen Nonnen und das umliegende Land. Doch Neid und Eifersucht gibt es überall.
Mir gefällt schon mal das Thema, das bisher so wohl noch kaum angeschnitten wurde. Doch auch der Erzählstil, die Sprache der Übersetzerin Stefanie Jacobs, ein nicht unwesentlicher Faktor, hat mich von Beginn an sehr gern lesen lassen.
Die Spannung hält sich durch alle 9 Kapitel hindurch. Die Handlung hat Drive und ist doch nicht aufregend, sie fließt trotz der Veränderungen ruhig dahin. Eine Ausnahme bildet natürlich die Abwehr der anstürmenden Rüpel, welche nachts durch das Labyrinth einbrechen und zum Kloster gelangen wollen. Wie klug umgehen die Nonnen doch das Gebot „Du sollst nicht töten“!
Die Charaktere der Nonnen sind sehr plastisch herausgearbeitet, man sieht sie richtig vor sich und kann ihre Reaktionen vorausahnen. Auch vom Zustand der Abtei konnte ich mir ein gutes Bild machen.
Mit Maries Tod endet zwar der Roman, nicht jedoch das Bestehen ihres Klosters. „Und die Stunden verstreichen, und die Arbeit geht weiter“, so lautet der letzte Satz.
Die Gestaltung des Covers lässt vermuten, dass sowohl die Strahlkraft dieser Äbtissin als auch ihre Visionen dargestellt werden sollen. Erst auf den zweiten Blick habe ich die Schönheit des Bildes erkannt.
Auf der Rückseite des Schutzumschlags sind die Reaktionen von drei Autorinnen angeführt. Mich freut es, dass Louise Erdrich mit einer überzeugenden Aussage darunter ist. Obwohl ich historische Romane sonst nicht so mag, dieser hat mich bis zur letzten Seite gefesselt. Ich empfehle ihn allen, die sich darüber freuen, dass es zu allen Zeiten starke und gescheite Frauen gab und die gute Literatur schätzen.











