Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Emmmbeee:
Zögerlicher Archivar im Schneckenhaus
Das Archiv der Gefühle von Peter Stamm
Als die Sängerin Fabienne noch Franziska und ein Schulmädchen war, begann die Freundschaft (oder war es damals bereits Liebe?) zwischen ihr und dem Erzähler, dessen Namen nie genannt wird. Die beiden treffen sich nur sporadisch, ein gemeinsames Glück bleibt ihnen verwehrt. Und doch hat sie ihn so stark an sich gebunden, dass er sich auf keine andere Frau richtig einlassen konnte und auch keine Wünsche ein trautes Heim betreffend hegte.
Er sieht Gott als den großen Archivar, das Universum als ein unendliches Archiv. Als an seinem Arbeitsplatz ein sperriges Archivgestell entsorgt werden soll, erwirbt er es, obwohl in seinem Keller kaum Platz dafür ist. Hier dokumentiert er all seine Erinnerungen an Franziska, legt Listen an, eine regelrechte Akte. Ein in den Keller verbannter Liebesschatz. Eine archivierte Zögerlichkeit.
Seine eigenen Gefühle sieht er distanziert, wie durch ein schützendes Panzerglas. Mehr und mehr in sein Schneckenhaus verkrochen, wird er zum wortkargen, antriebslosen Einsiedler. Vor allem kann er sich kaum entscheiden, wenn er es sollte, egal, in welchem Zusammenhang. Sich selbst bezeichnet er durchaus treffend als „der Dabeiseiende“.
Das sehr nüchterne Coverbild zeigt eine Frau, die im Gehen begriffen ist. Eben noch da – und schon fort. So sehr ich die Sprache und den Erzählfluss in Peter Stamms Romanen mag, so sehr habe ich die Übersetzungen der französischen Textstellen vermisst. Wenigstens im Anhang wären sie kein Luxus gewesen.
Was das Lesen dieses Romans ebenfalls etwas mühsam machte, war die sparsam eingesetzte wörtliche Rede, noch dazu ohne Anführungszeichen. Auch die Fantasien oder Träume waren für mich manchmal erst im Nachhinein zu erkennen. Peter Stamm will es seinen Lesern nicht zu leicht machen. Empfohlen für alle Leser, die sich darauf einlassen wollen.
Zwei Frauen, zwei Epochen
Wellenflug von Constanze Neumann
Marie sind ihrer Schwiegermutter nie begegnet, weil sie keine standesgemäße Frau für Annas Sohn Heinrich ist. Zudem stammt sie aus ärmlichen Verhältnissen. Heinrich kann mit dem Geld seiner reichen Familie nicht umgehen, er spielt und hat viele Frauen. Als er verarmt und von den Seinen verstoßen wird, hält Marie als einzige zu ihrem Mann.
Nach dem ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise breitet sich der Nationalismus in Deutschland aus. Als Heinrichs jüdische Verwandtschaft flieht, bleibt Marie an seiner Seite und gibt ihm Halt.
Constanze Neumann versteht es, ein Bild der jeweiligen Zeiten, Orte und Milieus herzustellen, sodass die verschiedenen Handlungsweisen verständlich werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass es genauso hätte sein können und dass es ähnliche Schicksale durchaus gegeben hat. Der Schreibstil ist flüssig und elegant, Neumann hält die Spannung bis zum Schluss.
Es gibt einige sympathische Figuren, vor allem Susanne und Marie, die nicht in den Konventionen verhaftet bleiben, sondern zu helfen und zu vermitteln versuchen.
Der Titel „Wellenflug“ scheint mir jedoch gesucht. Auf Seite 260 wird er in den Text eingebaut, wo Neumann das Karussell auf dem Rummelplatz als Vergleich zum Leben heranzieht. Das scheint mir ein bisschen wenig Bezug zu sein.
Das Foto auf dem Cover ist passend zur damaligen Zeit, allerdings wirkt es leblos und eher langweilig. Da hätte ich mir etwas Farbigeres gewünscht.
Insgesamt ein interessantes Zeitbild über mehrere Jahrzehnte, verkörpert durch zwei Frauen unterschiedlicher Herkunft.
Menschen in Ost und West
Die Enkelin Buchleinen. von Schlink Bernhard
Birgit ist noch vor der Wende von der DDR zu einem Freund nach Westdeutschland geflohen. Sie hat jedoch ihr neugeborenes Kind zurückgelassen, denn von ihm wusste Kaspar nichts. Zudem wäre die Flucht noch schwieriger geworden.
Keinesfalls wollte sie es dem Kindsvater übergeben, der sie im Stich gelassen hatte und nun mit seiner unfruchtbaren Frau das Baby aufziehen möchte.
Doch ihre Freundin und Geburtshelferin Paula brachte es nicht über sich, das Baby auf die Stufen eines Waisenhauses zu legen.
Birgit kommt mit dem Verlust ihres Kindes und der Ungewissheit über seinen Verbleib nicht zurecht, wird zur Alkoholikerin und stirbt, bevor sie die Suche starten kann. Ihr Mann Kaspar findet ihre Aufzeichnungen, forscht nach der Tochter und findet im Osten Deutschlands ein rechtsextremes Milieu vor, das ihn abstößt. Dennoch will er seiner Stieftochter ihr Erbe zukommen lassen.
Beim Lesen habe ich erschrocken mitverfolgt, wie verkehrt alles läuft, auf welche Vorurteile und Feindschaften ein Mann stößt, der verantwortungsbewusst handeln will, vor allem gegenüber Stieftochter Svenja. Sie und die gemeinsame Tochter Sigrun stehen unter der Fuchtel des gewaltbereiten, völkisch-faschistisch ausgerichteten Ehemannes Björn. Mit Freude las ich jedoch, was der Stief-Großvater seiner intelligenten und begabten Enkelin geben, welche Welt er ihr eröffnen kann. Doch im dritten Teil erfolgt eine unerwartete Kehrtwende, vieles läuft noch einmal in die falsche Richtung, in eine andere Welt, letztlich in einen anderen Erdteil.
Bernhard Schlink ist Jurist, und selbstverständlich kann er diesbezüglich in einem weiten Themenfeld schürfen. In den drei Teilen des Romans geht um Recht und Unterdrückung, um die völkische Gemeinschaft und um Vorurteile, um rechtsextreme Strömungen, Rassismus und Habgier. Meine Sympathien sind bei keiner Person ungeteilt. Birgit war Alkoholikerin und allzu unschlüssig, Kaspar scheint mir bei aller liebenden Fürsorge reichlich schwach. Svenja unterwirft sich zu sehr ihrem Mann Björn, Enkelin Sigrun schwankt zwischen den Welten. Doch Paula als Bindeglied ist die selbstlose Vermittlerin, der starke Angelpunkt, die vieles zum Guten lenkt.
Ein mitreißender Roman, spannend von A bis Z. Der Stil ist voller Leben, angefüllt mit Bildern, die Handlung hat einen flotten Drive. Viele Themen kommen zur Sprache, tiefgründig geht Schlink den Problemen und Missverständnissen nach. Mit wieviel Freude und Hoffnung hat man die deutsche Wiedervereinigung gefeiert, und wie schwierig ist sie teils noch heute. Seit längerem wieder der erste Roman, bei dem ich gleich hineingefunden und kein einziges Mal quergelesen habe.
Schwärzeste Vergangenheit
Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte
Martin, der Junge mit dem Hahn, scheint im Dorf der Elendeste, der Schwächste, der Hilfloseste zu sein. Er wird getriezt und geschlagen, muss ständig hungern und frieren, ist jedoch das sanfteste und hilfsbereiteste Kind, das man sich denken kann. Als er sieht, wie seine kleine Cousine von einem der schwadronierenden Reiter geraubt wird, ruht er nicht eher, als bis er hinter das Geheimnis der entführten Kinder kommt, sie findet und schließlich befreit.
Ohne irgendeine Zeitangabe scheint die Geschichte im Mittelalter angesiedelt, aber im tiefsten und schwärzesten. Grauenhafte Zustände, tragische Schicksale, Hoffnungslosigkeit und Krankheit, Gewalt und Willkür, Schmutz und Gestank beherrschen den Romanstoff. Als einziges Licht leuchtet dieser rechtlose, schwache Junge, der dennoch so willensstark, gescheit und empathisch handelt. Ihm gilt meine Sympathie, aber auch jedem Menschen, der ihm hilfreich zur Seite steht.
Mit ihrem Debutroman legt Stefanie vor Schulte gleich ein bilderreiches Werk vor. Das Engagement ihrer Agentin hat sich gelohnt, und der Diogenes Verlag wurde ein weiteres Mal zur Startrampe für eine Autorin, auf deren künftige Werke ich mich jetzt schon freue.
Denn sie scheint die geborene Erzählerin zu sein. Kein Wort zu viel, jedes klar und farbig, bewegend die packenden, berührenden Bilder. Die Handlung ist temporeich und spannend, der Stil elegant und flüssig, sodass die 31 Kapitel rasch gelesen sind.
Das Coverbild von Pablo Picasso passt ausgezeichnet zum Inhalt. Kleinformatig gehalten, wird es vom üblichen weißen Diogenes-Hintergrund der Aufmerksamkeit des Betrachters entgegengehoben. Bücher dieses Verlages fallen auf jedem Büchertisch auf.
Ich wünsche mir mehr von der Autorin, aber auch mehr solcher gehaltvollen Debutromane und empfehle das Buch – eigentlich allen Lesern.
Migrantin für ihre Familie
Wenn ich wiederkomme von Marco Balzano
Eine Situation, die uns geläufig geworden ist: Eine rumänische Familie ohne Perspektiven, die Kinder sollen es einmal besser haben und studieren können. Der arbeitslose Vater verheißt großspurig, dass er das verfallene Häuschen zu einem Palast zurechtrenovieren werde, wenn er nur etwas Geld hätte.
Die Mutter sieht als einzig lohnendes Einkommen eine Pflegetätigkeit in Italien und emigriert. Dass mit den nun fließenden Einkünften auch diverse Probleme entstehen, die der Familie bald über den Kopf wachsen, liegt auf der Hand.
Aus der Sicht des zurückbleibenden Sohnes Manuel, von Mutter Daniela und Tochter Angelica schildert Marco Balzano in drei Kapiteln die Auswirkungen der elterlichen Bemühungen um die Zukunft ihrer Kinder. Während Vater Philip bald mit dem Geld das Weite sucht, bleibt die Sorge um Manuel an Tochter Angelica und der Großmutter hängen. Daniela sendet ihren Lohn nach Hause, doch Dank erntet sie dafür nicht.
Es ist berührend, wie die Mutter ihrem Sohn im Koma von der harten Arbeit in Italien erzählt. Ihr gehört meine Sympathie. Die Kinder sind halt Kinder und können noch nicht gerecht urteilen. Tochter Angelica setzt sich jedoch selbstlos für ihren Bruder ein. Der Vater hingegen spielt eine jämmerliche Rolle: Erst ist er gegen eine Auswanderung seiner Frau, dann lässt er seine Kinder vollends im Stich.
Wir im sogenannten Westen nehmen gern die Dienste dieser Pflege-Migrantinnen in Anspruch und wissen doch so wenig über die Hintergründe. Aus den Erfahrungen von Freunden kann ich mir vorstellen, dass der Sachverhalt authentisch geschildert worden ist.
Unaufgeregt, aber eindrücklich erzählt Balzano vom erdrückenden Schicksal und der Not dieser Familie. Seine Sprache ist sehr plastisch, farbig, lebendig, die Spannung ist rasch aufgebaut und wird gehalten bis zum Schluss. Der Roman geht zu Herzen.
Das Coverbild zeigt eine Frau, die aus dem Dunkel in eine hellere Welt schaut: sinnvoll ausgewählt. Ich lege das Buch all jenen ans Herz, die um die schweren Entscheidungen dieser tapferen Frauen wissen, vielleicht schon ihre Dienste in Anspruch genommen haben. Aber auch allen anderen, die offen sich für die Problematik von Emigration und Familie.
Gemeinsam geht vieles besser
Wir für uns von Barbara Kunrath
Zwei Frauen sind von heute auf morgen auf sich allein gestellt. Kathi verliert ihren Mann an den Tod, und Josie ihren heimlich Geliebten wegen ihrer Schwangerschaft. Bengt ist nämlich verheiratet, bereits Vater und will von einem weiteren Kind nichts wissen. Doch Josie will seinem Rat, abzutreiben, nicht folgen, auch wenn das Baby möglicherweise wie ihre Schwester mit Handicap geboren wird.
Die beiden Frauen treffen aufeinander und merken bald, dass sie einander gut tun und gemeinsam viel bewegen könnten. Doch noch gibt es viel zu überwinden, vor allem Vorurteile, die eigenen und die der anderen. Es geht in diesem Roman um Verantwortung, Entscheidungen, Toleranz, Ehrlichkeit und um das Größte: die Liebe.
In meinen Augen ist Barbara Kunrath eine hervorragende Erzählerin. Sie setzt das Thema glaubhaft und lebensnah um. Leichtfüßig berichtet sie von schwierigen Situationen, von Sprachlosigkeit und ihrer Überwindung, von Müttern und ihren Kindern, vom Leben, von Ängsten und Schicksalsschlägen. Und wie wir über uns hinauswachsen können, wenn wir es nur wollen.
Das schlicht gehaltene Cover ist beileibe kein Eyecatcher, doch mir gefällt es, weil es die Ruhe ausstrahlt, die letztlich angestrebt wird. Die sympathischste Person ist zweifellos Josie, doch auch Kathi kann ich gut verstehen und mit ihr fühlen. Nicht alle Männer sind so deutlich gezeichnet wie Bengt. Vor allem habe ich mehr erwartet über den ehemaligen Freund von Kathis Sohn Max, der Interesse an Josie zeigt.
Das Buch würde ich allen Menschen empfehlen, die Menschen und ihre Schwierigkeiten zu verstehen suchen.
Zäher Panzer
Der Panzer des Hummers von Caroline Albertine Minor
Nachdem die Eltern Charlotte und Troels Gabel gestorben sind, hat es ihre drei Kinder Niels, Sidsel und Ea in verschiedene Teile der Welt verschlagen. Jeder geht seinen eigenen Weg, mehr oder minder erfolgreich, sie sind einander nur in lockerem Kontakt verbunden. Doch können sie sich nicht mehr länger aus dem Weg gehen, da sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden.
Die Schwierigkeiten beginnen…
Wenn ich ein neues Diogenes-Buch sehe, tritt ein gewisser Will-haben-Effekt bei mir ein, und ich freue mich aufs Lesen. Bei „Der Panzer des Hummers“ wurde ich aber rasch enttäuscht.
Zu Beginn versucht die verstorbene Mutter, aus dem Jenseits mit ihren Kindern zu kommunizieren. Dies verdeutlichen die kursiv gesetzten Kapitel. Dann wird aus der jeweiligen Sicht ihrer Kinder und anderer Personen aus deren Leben erzählt. Besonders sympathisch war mir keiner von ihnen.
Es gibt einige kluge Passagen, sogar philosophische Stellen. Dank des unbedingt notwendigen Personenregisters gewann ich zwar bald eine Übersicht, doch – nun ja, das Geschehen langweilte mich über weite Strecken. Und nachdem ich knapp drei Viertel des Romans mühsam hinter mich gebracht hatte, mochte ich nicht mehr weiterlesen.
Den Schreibstil finde ich eher farblos, der Spannungsbogen erinnert mich an eine Slackline, auf der die drei Lebenskünstler wacklig balancieren. Lange Absätze erschweren die Konzentration, das Hin und Her der Personen wirkt anfangs auch verwirrend. Wenn man ständig zum Personenregister zurückblättern muss, kann einem das schon abturnen.
Immerhin ist es der erste Roman von Caroline Albertine Minor, sie wird bestimmt an weiteren Werken wachsen. Ich empfehle dieses Buch Menschen mit einem ähnlichen Lesegeschmack wie ich und Einschlafschwierigkeiten. Tut mir leid.
Weiter so, Walter!
Barbara stirbt nicht von Alina Bronsky
Der verheiratete Rentner Walter ist plötzlich auf sich allein gestellt. Doch ist er nicht zum Witwer geworden, denn seine Frau Barbara hat einen Schlaganfall erlitten. Sie, die doch immer alles gemacht hat, muss nun versorgt werden, denn sie will nicht ins Krankenhaus, und er will nichts von der Schwere ihrer Krankheit wissen.
Die Herausforderungen sind für Walter nicht gering, doch allmählich wächst er über sich hinaus. Allmählich erkennt er auch, wie perfekt, verlässlich und bescheiden seine Barbara war und ist.
Mich hat dieses Männerbild nicht erstaunt, denn gerade bei der älteren Generation habe ich ähnliche Profile beobachtet. Auch wenn Alina Bronsky die Menschentypen gern überzeichnet, hier hat sie die Realität dargestellt. Zum Glück hat sich vieles geändert, und die jüngeren Männer sind keine solchen Paschas mehr.
Bronsky setzt das Alltagsgeschehen der Familie so um, wie es nun einmal stattfindet. Ihr Sprachstil passt hervorragend dazu: kein Wort zu viel, alles wird deutlich beschrieben, unprätentiös, lebensnah, farbig, zu Herzen gehend. Auch das Tempo ist erfreulich, die Spannung besteht von der ersten Seite an.
Meine Anteilnahme gilt natürlich Barbara, aber auch Walter gewinnt immer mehr an Sympathie, denn er bemüht sich redlich. Was man von vielen Männern, deren Frauen erkranken, nicht behaupten kann.
Das Cover mit dem überquellenden Filterkaffee könnte stimmiger nicht sein. Das Bild strahlt aber auch die Sauberkeit aus, die Barbara im Haushalt einst geschaffen hat und die nun Walter ebenfalls anstrebt.
Seit „Scherbenpark“ lese ich alle Bronsky-Bücher mit Begeisterung. Dass ein Autor schwierige Situationen so authentisch darstellen kann, bedingt eigene Erfahrungen, und die sind der im asiatischen Teil Russlands geborenen Alina Bronsky nicht abzusprechen. Mich freut jeder Preis, der ihr zuerkannt wird, und ich warte jetzt schon auf ihr nächstes Buch.
Empfehlen möchte ich den Roman vor allem jenen Leserinnen und Lesern, die sich von ihren Vorurteilen nur schwer lösen können.
Für mich fast ungenießbar
Der Kolibri von Sandro Veronesi
Eines gleich vorweg: Das Bild des eindrücklich schwirrenden Vogels auf dem Cover besticht, auch durch die Farbe des Hintergrundes. Die dünn und zerbrechlich gestaltete Schrift passt ebenfalls ausgezeichnet zum Thema.
Mit viel Erwartung ob der Vorschusslorbeeren auf dem Schutzumschlag habe ich den Roman begonnen.
Doch schon bald ertappte ich mich beim Querlesen. Selbst in der Hälfte des Textes hatte ich noch immer nicht so recht in die Story hineingefunden. Vielleicht liegt es an den seitenlangen Absätzen, vielleicht an der häufigen Langatmigkeit oder den ständigen Zeitsprüngen, die sich über 60 Jahre hinweg erstrecken. In endlos langen Sätzen habe ich mehrmals den Faden verloren. Ich finde, die angekündigten Anekdoten hätten leichtfüßiger daherkommen sollen.
Der Sprachstil lässt nichts zu wünschen übrig, Sandro Veronesi ist zweifellos ein Meister seines Genres. Die Figuren sind sehr lebensecht gezeichnet. Doch ich konnte mich einfach nicht für das Buch erwärmen und habe mich nur mit Mühe durchgekämpft. Gut, dass vergleichsweise wenige Personennamen zu merken sind, denn sonst hätte ich den Überblick auch noch verloren.
Thematisch ist der Stoff interessant für mich, weil in diesen Familiengeschichten meist auch ein Teil meiner eigenen Vergangenheit zu finden ist.
Seit meiner Kindheit bin ich eine Vielleserin, komme auch mit schwierigeren Texten klar und bin grundsätzlich geneigt, einen Roman zu loben. Aber diese 335 Seiten waren ermüdend. Ich habe aufgeatmet, als ich bei den Nachweisen angelangt war.
Bisher habe ich noch nichts von Veronesi gelesen, vielleicht muss man seine Werke und seine Art zu schreiben gewohnt sein. Doch leider bin ich enttäuscht und möchte das Buch nicht weiterempfehlen.
Quer durch die Wildnis
Löwenherzen von Gesa Neitzel
Zwei junge Leute, noch nicht lange ein Paar, reisen durch Sambia, Namibia, Botswana und Simbabwe. Zum Ranger ausgebildet, möchte die Berlinerin Gesa Neitzel zusammen mit ihrem australischen Partner Frank ein neues Leben beginnen. Begleitet werden sie nur vom Landrover Elli, in dessen Dachzelt sie schlafen.
Sie träumen davon, ebenfalls Safaris anzubieten und ein wildes Leben zu führen. Gemeinsam begegnen sie teils gefährlichen Situationen und erproben ihre neue Partnerschaft. Vieles ist noch in der Schwebe, gar, als Corona ausbricht und sie ausgebremst werden.
Da jederzeit neue strenge Maßnahmen zu befürchten sind, ist die Reiselust momentan nicht sehr groß. Drum freut sich der Leser über Sachbücher, die ihm die Reiseziele auf anderen Wegen näherbringen. Noch dazu, wenn sie reich an Fotos sind, in diesem Fall hauptsächlich von den Tieren der afrikanischen Wildnis. Das Coverbild mit dem Foto der beiden passt stimmig dazu.
Ich finde, dass man vor Antritt einer Reise in völlig andere Kulturen und Erdteile Berichte wie den vorliegenden lesen sollte, um ein wenig vorbereitet zu sein und nicht aus Unwissenheit Fehler zu begehen. Das Buch gibt viel Einblick in die Tierwelt und die damit verbundenen Probleme, auch in die Anfänge der Beziehung zwischen Gesa und Frank. Safaris werden in ein neues Licht gerückt.
Ein flüssig geschriebenes Road Movie, ohne Zweifel. Die Gender-Gerechtigkeit wurde allerdings etwas unbeholfen gehandhabt und baut in den Lesefluss unnötige Stolpersteine ein. Schade!
Was ich ein wenig vermisst habe, sind die Bezüge zur einheimischen Bevölkerung. Dafür war im vergleichsweise schmalen Bändchen wohl nicht genügend Platz. Insgesamt der gut durchwirkte, unterhaltsame Bericht einer Kennerin, die gemeinsam mit ihrem Partner Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe bereist hat.
Die Reise sollte wohl wie ein Traum rüberkommen, und das tut sie weitgehend auch. Drei afrikanische Länder kenne ich selbst ein wenig. Wie ein Traum kam mir der Aufenthalt in keiner Region vor, deshalb fand ich die geschilderte Romantik ein wenig übertrieben.
Die Figuren selbst ließen an Authentizität nichts zu wünschen übrig. Für mich war interessant, inwieweit sich meine Erfahrungen mit den geschilderten decken. Was das betrifft, fand ich nicht viele Gemeinsamkeiten.
Drum empfehle ich den vorliegenden Band allen, die Afrika ein wenig kennen. Ihnen eröffnet sich möglicherweise eine andere Sichtweise.











