Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Emmmbeee:
Aus Not wird Tugend
Pina fällt aus von Vera Zischke
Im Klappentext steht, dass die Autorin einen autistischen Sohn hat, und auch Leo, der Sohn der Protagonistin Pina, ist einer. Aus eigener Erfahrung und Anschauung ist dieser Roman entstanden und wirkt deshalb auch so wahr.
Was ist, wenn die einzige Person, die einen Autisten versteht und mit ihm umgehen kann, durch eine Krankheit, einen Unfall oder ein anderes Vorkommnis ausfällt? Auf sich allein gestellt kann Leo seinen Alltag nicht bewältigen.
Er braucht zumindest die Menschen, die um ihn herum leben und die er ein wenig kennt, die ihm zumindest vertraut sind. Doch diese sind hilflos, denn bisher interessierten sie sich keinen Deut für seine Behinderung. Und schon gar nicht wollen sie aus ihrer (ohnehin eher kleinen) Komfortzone heraustreten. Doch nun ist es notwendig geworden, dass sie einfach handeln müssen.
Vera Zischke ist es durch die Darstellung der Krankheit Autismus gelungen, dass der Leser sich für sie und die Betroffenen zu interessieren beginnt und von der Lektüre zutiefst berührt wird. Die Autorin schildert, wie die Hausgemeinschaft sich aufrappelt, zuerst hilflos reagiert und schließlich gemeinsam herausfindet, was nun zu tun ist. Besonders schön fand ich, wie Leos Charme nach und nach die Mitbewohner für sich einnahm und der neuen Situation einen gewissen Glanz und viel Freude verlieh. Das Zusammenfinden der Hausgruppe macht schließlich aus der Not eine Tugend: Gemeinsamkeit, Inklusion.
Die thematische Schwere wird durch einen leichten Ton im Schreibstil gemildert, ohne die Tragik des großen und leider ziemlich allgemeinen Unverständnisses in der Gesellschaft zu nehmen. Die Spannung baut sich schon ziemlich schnell auf. Mir gefiel, wie die Personen gezeichnet sind und wie schnell ich mitten in der Geschichte war.
Das Thema Inklusion ist nicht erst in letzter Zeit so aktuell. Es ist vor allem auch höchste Zeit, dass wir uns vermehrt damit auseinandersetzen. Inklusion nützt gar nichts, wenn sie nicht gelebt wird. Und keiner von uns sollte vergessen, dass wir alle in irgendeiner Form eigen sind. Denn was ist schon „normal“?
Wiedersehen nach 20 Jahren
Der Sommer, der uns blieb von Greta Herrlicher
Man kann das Gerüst dieses Romans mit folgenden Schlagworten umreißen: drei Kindheits-Freunde, ein Sommer, eine Schuld, Wiedersehen nach zwanzig Jahren, Umgehen mit der Vergangenheit. Natürlich geht es um viel mehr, doch das sollte man selbst erlesen, und das ist auch das Schöne an einer Lektüre.
Schon das legere Narrativ hat es mir angetan. Selbst schwierigste Themen wie der Tod drücken den Ton nicht hinunter, sondern es bleibt ein unaufgeregtes, luftig-leichtes, teils heiteres Erzählen, das mich mit sich genommen hat: sehr lebendig, manchmal fast sprudelnd-erfrischend und durchaus haptisch. Was nach dieser langen Trennung ans Licht gespült wird, gibt der Geschichte Drive, Emotion und Spannung. Dazu der Wechsel zwischen Vergangenheit und spannender Gegenwart, der mich regelrecht gefesselt hat.
Farbig, deutlich, sinnlich werden die Personen gezeichnet, und man weiß gar nicht, wer von den Hauptprotagonisten die meiste Sympathie verdient. Die Schwierigkeiten der Vergangenheitsbewältigung werden dem Leser verständlich vorgelegt. Es ist ja in diesen 20 Jahren so viel geschehen, und jeder der drei Freunde hat sein eigenes Leben bzw. Schicksal hinter sich, von dem die zwei anderen kaum etwas wissen.
Was den Band besonders macht, ist der Farbschnitt und die Illustration im Buchinneren. Das Cover zeigt einen deutlichen Schnitt zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt, gefällt mir sehr. Eine Sommerlektüre mit Tiefe, die ich gern weiterempfehlen werde.
Tolle Frau!
Die Briefträgerin von Francesca Giannone
Während meiner Ferien verdiente ich mir mehrere Jahre lang ein wenig Geld mit Post austragen, und ich kann gut nachvollziehen, wie es Anna bei ihrem Beruf ergangen ist. Im Gegensatz zu mir, die in der eigenen Stadt tätig war, befindet sich eine Norditalienerin im tiefsten Süden, wo Land und Leute so unterschiedlich sind.
Dort muss man sich erst daran gewöhnen, dass sie als Frau arbeitstätig ist. Nicht jeder im Dorf ist davon begeistert. Anna fühlt sich lange Zeit fremd und hat ihre Mühen mit der neuen Umwelt.
Doch bei Anna kommt noch hinzu, dass die unterdrücken muss, was sie für ihren Schwager Antonio empfindet. Daneben ist ihr Ehemann Carlo und das gemeinsame Söhnchen Roberto. Da kommen die unterschiedlichsten Gefühle ganz schön ins Laufen.
Francesca Giannone hat einen sehr interessanten Reigen an Personen geschaffen, und alle sind sehr farbig und lebhaft geschildert, ihre Charaktere plastisch gezeichnet. Manche treten sehr deutlich, fast haptisch vor den Leser hin, andere bleiben fast vom Nebel verhüllt. In wenigen Sätzen entwirft sie die apulische Landschaft. Der Schreibstil ist frisch, die Spannung sorgt recht bald für Tempo und Schwung. Manchmal glaubt man zu riechen, was gerade in der Küche zubereitet wird. Ich habe von Anfang an mitgelebt und war mittendrin. Vielleicht hat dazu auch mitgewirkt, dass die Autorin in diesem historischen Roman von ihrer eigenen Großmutter erzählt. In Rückblicken ersteht die Familie neu und frisch, als sei alles erst gestern gewesen.
Das Buch würde ich all jenen Menschen in die Hand legen, die Italien und Familiengeschichten lieben.
Achtsamkeit und Aufmerksamkeit
Das Jahr der Schmetterlinge von Lea Korsgaard
Schmetterlinge sind wunderschöne, aber auch sehr zarte Geschöpfe, man sollte ihre Flügel auf keinen Fall berühren. Noli me tangere – rühr mich nicht an! Achtsamkeit und größte Sorgfalt ist geboten.
Die Autorin möchte alle Schmetterlinge Dänemarks kennenlernen, dabei hat sie eine Familie, die ihr einiges abverlangt, ganz normal.
Doch kommt sie auf ihrer Suche mit vielerlei hilfreichen Menschen zusammen. Nicht zuletzt lernst sie dabei auch sich selbst besser kennen.
Allerdings: die vorgeschlagene Liste habe ich nicht angelegt und habe es später bereut, denn bald hatte ich die Übersicht über die verschiedenen Arten verloren. Immerhin schalte ich jetzt einen Gang herunter, nicht nur, wenn ich mich in der Natur aufhalte und spazieren gehe, sondern auch in der Begegnung mit jeglicher Kreatur. Lea Korsgaards Botschaften sind denn auch vielschichtig und vielfältig, und man sollte nicht durch die Seiten rasen, sondern beim Lesen entschleunigen.
Das Buch bekam ich geschenkt und dachte erst, das ist ein trockenes Sachbuch, etwas über Natur und vielleicht Landschaft, aber es ist viel mehr als das. Die Themen, die angeschnitten und behandelt werden, sind vielschichtig, interessant und wichtig. Die Autorin Lea Korsgaard stellt sich diesen Themen, rüttelt ihre Leser ein Stück weit auf. Ich merke, dass ich jetzt aufmerksamer und bedachter selbst dem kleinsten Geschöpf begegne. Zudem ist der Text in einem Stil geschrieben, der nie langweilig oder langatmig wird. Ich habe es gern gelesen und würde es jederzeit weiterempfehlen.
Eine starke junge Frau
Der Gesang der See,1 Audio-CD, 1 MP3 von Trude Teige
Den Roman „Der Gesang der See“ habe ich als Hörbuch genossen. Das macht durchaus einen Unterschied zum Lesen. Denn ein Sprecher kann unter Umständen so modulieren und betonen, dass manche Stellen deutlicher hervorgehoben werden, ja sogar spannender sind als wenn jemand vielleicht bereits müde oder abgelenkt ist und über eine Stelle hinwegliest, die von Bedeutung gewesen wäre.
Kristiane ist die Witwe eines Lotsen und könnte das Lotsenamt weiterführen, wenn sie ein Mann wäre, denn am Können fehlt es ihr nicht. Damit die Familie vom Lotsendienst leben kann und ihr die Plakette erhalten bleibt, müsste sie nochmals heiraten. Natürlich sind da potenzielle Bräutigame, doch Kristiane will sich nicht nötigen lassen. Denn vom künftigen Ehemann hat sie ihre eigenen Vorstellungen.
Auch mit Neuerungen verschafft sie sich nicht nur Freunde, kann sich jedoch schließlich gegen mächtige Inselbewohner durchsetzen. Sie stemmt sich gegen die Machtlosigkeit, in der die Frauen zu dieser Zeit immer noch gefangen sind, keine Stimme haben, vieles einfach nur hinnehmen können und von den Männern bestohlen und misshandelt werden. Hier zeigt sich die Stärke einer Frau, die es mit Männern aufnehmen kann. Im Stillen habe ich der Heldin, denn das ist Kristiane, wiederholt applaudiert.
Was ich an den Werken von Trude Teige so schätze, ist ihr Erzählstil. Ihre Texte sind unaufgeregt und ruhig, aber voller Leben und Farbe und Tempo. Sie schildert die Menschen, wie auch ihre Leser ähnlichen Charakteren bereits begegnet sind. Man weiß, so und genauso sind und handeln sie
Schon drei andere Romane von Trude Teige habe ich gelesen und war jedes Mal begeistert. Sie ist eine großartige Erzählerin, und ich habe in den Personen immer wieder ähnliche, mit bekannte Menschen erkannt und konnte die einzelnen Entscheidungen der Protagonisten nachvollziehen. Gleichzeitig ist eine Küstenlandschaft vor mir entstanden, die wild und schön, aber auch herausfordernd ist.
Nicht eitel Sonnenschein
Fünf Tage im Licht von Rhiannon Lucy Cosslett
Alessia, Iris, Helena, Sophie: vier Namen, die gut nach Griechenland passen. Vier junge Frauen, Freundinnen, die das Ende der Junggesellinnenzeit von einer von ihnen miteinander begehen, und das auf einer griechischen Insel, im südlichen Licht. Und damit kommt der Leser gleich zu Sophie, der Malerin.
Sie hat einen Partner, Greg, der seinen Kinderwunsch mit Nachdruck verfolgt. Das aber widerspricht dem künstlerischen Streben von Sophie, die mit Nachwuchs behaftet am Malen gehindert wäre.
Auf der Insel fertigt Sophie ein Portrait von Alessia an, doch es gibt Streit zwischen ihnen, und das wirkt sich auf das Gemälde aus. Auch das Liebesabenteuer mit dem Griechen Ky geht nicht spurlos an der Protagonistin vorüber. Und nach den ersten fünf Tagen kommen die Männer der vier Frauen nach.
Zwischen den Kapiteln immer wieder Begegnungen mit den Werken von tatsächlich existierenden oder existiert habenden Malerinnen, Gedanken dazu, Kommentare, Zustimmung, Ablehnung, sogar Identifikation. Auch sie wollten nichts anderes als ihrer Kunst zu leben.
Viele Themen unserer Zeit werden angesprochen, manches bleibt an der Oberfläche. Das Buch wäre damit auch überfrachtet. Die Farben der Insel, das Inselgefühl, die Hitze, das Licht sind wunderbar beschrieben. Der Verlauf ist jedoch nicht straff durchgezogen, die Handlung hat meiner Meinung nach einige Hänger, manches ist vorhersehbar. Der Text scheint mir ein wenig zu sehr auf Frauen zugeschnitten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er auch von Männern gern gelesen wird.
Es ist eine unaufgeregte Sprache, einmal leicht dahinplätschernd, dann wieder durchwirkt von ungewohnten Ausdrücken wie „Hangxiety“ und langen Absätzen, die zum Überfliegen verführen. Mir scheint das Werk insgesamt noch unausgereift, und ich vermisse eine gewisse Homogenität. Aber schließlich ist es ein Erstling, der hoffen lässt.
Das Cover gibt nicht viel preis, vermittelt aber einen mediterranen Eindruck, der an Badeferien denken lässt.
Heiter, aber allzu brav
Mirabellentage von Martina Bogdahn
Der Pfarrer stirbt, seiner Haushälterin, schon seit frühen Kindertagen mit ihm befreundet, wird dadurch aber nicht langweilig. Denn noch vor der Beerdigung steht bereits ein junger Nachfolger aus dem hohen Norden zu nachtschlafender Zeit vor der Tür. Fürs erste scheint es keine größere Sorge zu geben als sein unverständliches Plattdeutsch.
Und so muss die Messfeier eben in lateinischer Sprache gehalten werden, und für die Predigt tut es auch ein herausgerissenes Blatt aus einem italienischen Kochbuch (Minestrone).
Durch alle Seiten hindurch zieht sich der Duft von kochender Mirabellenmarmelade, und das hat mir sehr gefallen, denn auch ich liebe dieses Aroma heißer Früchte seit meiner Kindheit. Wie Perlen auf einem Rosenkranz reihen sich in einem fort diverse Histörchen und Geschichtlein aneinander. Es sind Hunderte, und man könnte aus dem Schmunzeln gar nicht mehr herauskommen.
Nur: Wie auf die brave ältliche, aber mit ihren 54 noch keineswegs alte Pfarrersköchin zugeschnitten sind alle so harmlos wie Kinderwitze. Eine Pfarrersköchin, deren Markenzeichen ihr hellblaues Wollkostüm ist, verfügt wohl auch über keine aufregenden Erinnerungen. Ein wenig mehr Spannung, ab und zu ein kräftiger Kick, vielleicht zwischendurch noch eine Prise Paprika hätten dem Roman bestimmt gutgetan. So habe ich des Öfteren querfeldein gelesen und mich manchmal gelangweilt. Dieses Buch liest sich leicht-seicht, man möge mir verzeihen.
Doch wer diese Art von literarischer Unterhaltung gerne mag, dem seien die „Mirabellentage“ herzlich empfohlen.
Freundinnen am und im Wasser
Unter Wasser von Tara Menon
Wenn jemand so wie ich ohne jedes Vorwissen die Seiten dieses Buches zu lesen beginnt, tappt er zuerst im Dunkeln. Andeutungen tun sich hier und da erhellend auf, bis man ahnt, worum sich die Ereignisse drehen. Erst da habe ich auf das genaue Datum geachtet, und der Roman gewann mit einem Mal zusätzlich an Hochspannung.
Auf zwei Zeit- und Ortsebenen, aber durchwoben von Erinnerungen an die Freundin Arielle, die nichts so sehr liebte wie das Wasser, das Meer, das gemeinsame Element der beiden. Es geht dabei um zwei Naturkatastrophen, welche 2004 und 2012 die ganze Welt in Atem hielten und in Trauer stürzten.
Während in den Thailand-Kapiteln nur von Arielle und der Erzählerin Marissa die Rede ist, taucht die verstorbene Arielle auch in jedem New York-Teil auf. So sehr ist sie zu einem Stück ihrer Freundin geworden, dass sie beinahe materiell zugegen ist und Marissa sich ständig fragt: Was hätte SIE in dieser Situation gemacht oder gesagt? Auf den Wirbelsturm Sandy mit seinen Folgen wird nicht weiter eingegangen, aber das ist auch nicht nötig, diese Seite der Story ist viel bekannter als der Tsunami im fernen Osten.
Fast unerträglich spannend wird der Lesestoff, und zum Glück ist das Buch schmal, denn ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Die Sprache ist voller Bilder und Sinneseindrücke, besonders deutlich, wenn der Verzehr von Chilischoten beschrieben wird. Da ist mir selbst fast die Nase ins Rinnen gekommen. Dann wieder erzählt Menon voller Zurückhaltung, wie aus Ehrfurcht vor der Trauer der Hinterbliebenen. Hier ist der Autorin Tara Menon ein großer Wurf gelungen. Bitte, mehr!
Das Coverbild mit seinem Wasserstrudel versinnbildlicht nicht nur eine gewisse Leichtigkeit, Geheimnisse unter Wasser oder auch ein Schwimmvergnügen, sondern ebenfalls die Gefahr, die zu diesem Element gehört. Andrerseits deutet sie das Leben, die Wiedergeburt durch das Wasser in zarter Weise an. Nicht zuletzt ist dieser Roman ein Appell an alle Menschen, sich um unsere Erde und unseren Lebensraum in noch stärkerem Maß zu bemühen.
Schlimmes Urlaubsende
Was ist in meinem Alter sonst noch üblich? von Wencke Mühleisen
Was Erika am letzten Abend ihres Urlaubs von ihrem Ehemann erfährt, ist eigentlich eine alte Geschichte, x-fach praktiziert, gerade am Ende eines gemeinsamen Urlaubs. Und da sie schon seit langem seine Zärtlichkeiten und seine Leidenschaft vermisst, sollte seine Eröffnung, er habe schon seit vielen Monaten ein Verhältnis, sie nicht gar so überraschen.
Und doch ist frau von einer derartigen Eröffnung immer wie erschlagen. Wir Frauen sollten eigentlich mit dieser Möglichkeit gewissermaßen rechnen und im Geist schon einmal durchgehen, was danach kommen könnte.
Aber das ist worst case einer Ehe, wenn auch sehr häufig vorkommend, und eine lebenserfahrene Seniorin wie ich sollte nicht so gescheit daherschreiben. In Erikas Kopf beginnt nämlich jetzt ein wahres Gedankenkarussell: Was für Möglichkeiten bleiben ihr denn noch mit ihren 65 Jahren? Sind Männer in dieser Lage besser dran? Oder eröffnen sich ihr jetzt nicht nur eine neue Freiheit, sondern auch eine immense Einsamkeit und Verlorenheit? Was war die Ursache dieser neuen Bindung? Am Äußeren der beiden Frauen (Erika kennt die Nebenbuhlerin) kann es wohl kaum liegen. Widersprüche und Selbstzweifel erschweren zusätzlich das Verstehen einer solch neuen Situation im Leben einer Frau am Beginn des Rentenalters.
Teils sind es lange Passagen im Text, ein kaum gegliedertes Schriftbild, welches das Lesen mühsam machte und mich zum Querlesen verführte. Mir gefällt aber, was die Autorin Wencke Mühleisen zum Thema alles überlegt hat und nun uns zu vermitteln weiß. Ab und zu blitzt Humor auf, das ist bei diesem Thema wohltuend. Insgesamt ist die Grundstimmung in der Story durchaus nicht negativ, aber manchmal wirkt sie schon sehr bedrückend.
Insgesamt bin ich froh, dass ich dieses Thema hinter mir habe. Den Roman werde ich vermutlich kein zweites Mal mehr lesen. Das heitere und etwas naiv wirkende Cover hat mir eine etwas andere Geschichte vorgegaukelt. Wer aus den Überlegungen der Autorin etwas für sich selbst lernen will, dem sei das Buch empfohlen.
Heimat ist auch Geruch
Melken von Sanna Samuelsson
Ein Romandebut ist für mich immer beachtenswert, denn wer es erstmals geschafft hat, gedruckt zu werden, kann kein schlechter Autor sein. Und so bin ich auch von diesem Erstling angetan. Die Autorin führt uns mitten in eine Welt, die für die meisten von uns eher fremd ist: in die Landwirtschaft mit all ihren unangenehmen, aber unerlässlichen Nebenerscheinungen.
Und noch dazu ein unerlaubter Einbruch in die Welt ihrer Jugend, ihrer Vergangenheit, das allein wäre schon aufregend.
Sanna Samuelsson erzählt lebhaft fließend und sehr anschaulich, sodass der Leser die verschiedenen Stall- und vor allem Milchgerüche fast in die Nase kriechen. Ihre Protagonistin Ellen tritt nicht allzu deutlich hervor, was das Äußere angeht, doch ihr Denken und Fühlen dafür umso mehr.
Viel Wehmut kommt aus den Seiten, viel Erinnerung und späte Einsicht. Dass die Erzählerin Ellen ihr Handy kurzerhand im Wasser versenkt hat, beginnt sie bald zu bereuen. So ganz von ihrem bisherigen Leben und der Partnerin ausgeschlossen zu sein, fällt ihr dann doch nicht leicht. Ich konnte gut mitfühlen und stellte mir unwillkürlich vor, wie es wäre, wenn ich unversehens in mein Elternhaus zurückkehren würde, in dem längst andere Leute leben. Und wenn diese Gedanken beim Lesen hervorgerufen werden, ist das doch eine der schönen Aufgaben eines Romans.
Ich kann ihn guten Gewissens allen Lesefreudigen weiterempfehlen.











