Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Talentiert, stark, aber auch verletzlich
Poet X ist ein wunderbares Jugendbuch, dass viel über das Leben einer Familie in Harlem erzählt.
Sie stammen aus der dominikanischen Republik und hatten es anfangs nicht leicht.
Zentrale Hauptfigur ist die 15jährige Xiomara, ein eigensinniger Teenager, die anfängt gegen die starre, einschränkende Erziehung und strenge Religion ihrer Mutter zu rebellieren.
Sie hat einen Zwilling, ein sensibler Junge und ihre beste Freundin Carida sowie Aman, ein Junge, den sie in der Schule kennen lernt.
Fasziniert ist sie von Worten und Gedichten, die sie in einem Notizbuch verfasst, aber bis sie sich traut an einem Poetry Slam teilzunehmen, dauert es noch. Erst muss sie mit den Konflikten in der Schule und mit der Mutter fertig werden. Xiomara ist talentiert, stark, aber auch verletzlich.
Die Form des Buches ist an Poetry Slam-Texten angelehnt, dennoch sehr gut und leicht lesbar. Mich überzeugt dieser Stil. Elizabeth Acevedo, die auch dominikanische Wurzeln hat, kann wirklich schreiben. Ich bin gespannt, ob weitere Bücher von ihr in deutscher Übersetzung folgen werden.
Geiselnahme ohne Drive
Hotel Cartagena - Kriminalroman (Chastity-Riley-Serie 9) von Simone Buchholz
Hotel Cartagena ist ein Triller angesiedelt in Hamburg.
Es verwundert nicht, dass die Staatsanwältin Chastity Riley so kaltschnäuzig und cooll ist. Schließlich ist auch die Autorin Simone Buchholz, die ich letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse sah, abgeklärt und ironisch. Das überträgt sich beim Lesen.
Bei dem Plot hingegen bleiben leichte Zweifel. Weder begeistern mich das viele Springen zwischen den Zeiten noch überzeugt mich die Geiselnahme. Das Gefühl der Beklemmung fehlt. Chas mentalen Zustand kann ich nicht so ganz nachvollziehen, vielleicht muss man aber auch die Vorgängerroman gelesen haben, um die Figur ganz zu greifen.
Dennoch entwickelt sich die Situation. Schließlich wird es aber zu verspielt.
Kein schlechtes Buch, aber so richtig hat es mich nicht überzeugt.
Verordnete Inspiration
The Wonderful Wild von Gesa Neitzel
Das wirklich tolle Cover dieses Buches verspricht ein autobiografisches Sachbuch über die afrikanische Wildnis und die Tiere. Diese Erwartungshaltung muss ein Buch nicht automatisch erfüllen.
Die deutsche Autorin Gesa Neitzel hatte sich als Rangerin in Afrika ausbilden lassen und darüber geschrieben.
Das war bestimmt ein interessantes Buch, doch The wonderful wild ist es nur bedingt. Zwar geht es viel um Afrika, aber in erster Linie ist es ein Lebensratgeber, bei der die Leser direkt angesprochen werden. Das Belehrende ist problematisch. Nicht jeder mag es, vorgeschrieben zu bekommen, wie man zu leben hat. Die Autorin geht da meiner Meinung nach zu weit. Zudem bleibt vieles sehr an der Oberfläche. Naja, geschenkt! Was bleibt noch? Immerhin ein paar gute Details über die afrikanische Wildnis und den Tieren. Elefanten, Löwen etc. Manche Passagen waren wirklich nicht schlecht, immer symbolisch und vergleichend. Aber man muss sich klar darüber sein, dass Gesa Neitzel das aus dem Grund schreibt, den Leser zu beeinflussen und zu inspirieren, dass sich auch modernes Leben im Einklang mit der Natur befinden kann.
Jede Menge Stress im Himmel
Wer im Himmel auf dich wartet von Mitch Albom
Dienstags bei Morrie fand ich eigentlich ganz gut, damals. Es ist ja schon viele Jahre her als ich es gelesen habe. Doch mit „Wer im Himmel auf dich wartet“ hatte ich unerwartet Probleme.
Die Ausgangssituation ist ganz originell. So ein Ballonfahrtunglück mit einem Hochzeitspaar ist doch ungewöhnlich.
Auch das es in der Kindheit der Protagonistin schon einmal in einem Vergnügungspark einen Unfall gab und das die Ereignisse in einen Kontext gestellt werden, überzeugt. Mitch Albom kann außerdem gut und sorgfältig schreiben. Das kann man nicht absprechen. Dennoch hat mich das Buch dann nur noch genervt, als es in Richtung Himmel ging, wo man dann 5 Leute trifft. Die Gespräche mit diesen Leuten sind eher verkrampft und zeigen, das man nicht einmal im Himmel seine Ruhe hat.
So einige Themen werden eingearbeitet. Auf manche hätte ich verzichten können, auch die Frage nach Schuld und Verantwortung ergeben so für mich keinen Sinn.
Am Ende bleibe ich ratlos zurück.
Es bleibt der Eindruck ein esoterisch verquastes Buch gelesen zu haben. Dafür ist mir meine Lesezeit zu schade.
Vor dem Putsch
Stumme Schwäne von Ece Temelkuran
Die türkische Schriftstellerin Ece Temelkuran hatte mich dieses Jahr mit ihrem Sachbuch „Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur“ beeindruckt. Daher wollte ich auch einmal einen Roman von ihr lesen und Stumme Schwäne ist ein ebenso beeindruckendes Portrait der Türkei zu einer bestimmten Zeit, 1980 kurz vor dem Militärputsch.
Das Land ist gespalten und zerrissen. Die Autorin war 1980 noch ein Kind, daher ist es sinnig, dass vieles aus den Perspektive von Kindern gezeigt wird. Anhand zweier Familien in Ankara sieht man den Zustand der Unruhe.
Immer wieder wechseln die Perspektiven, aber meistens ist es aus der Sicht der Kinder Ayse und Ali. Sie kommen aus verschiedenen Schichten. Ali, Sohn von armen Kurde, ist ein ernster Junge, der schon einiges versteht. Ayse ist noch naiv, nimmt aber doch vieles schon wahr, aus den besorgten Gesprächen der Erwachsenen.
Ein gut gewähltes Sinnbild für den Zustand des Landes sind die Schwäne, denen die Flügel gebrochen werden, um sie am wegfliegen zu hindern.
Die Kinder wollen die Schwäne retten, und irgendwie damit auch das Land, und sie wollen Schmetterlinge ins Parlament bringen.
Man spürt in diesem 2015 geschriebenen Roman auch Parallelen von 1980 zur Gegenwart.
Ece Temelkurans Stil ist ausdrucksstark, die Romanstruktur raffiniert gemacht. Ich kann das Buch nur empfehlen.
Im Fluss zwischen Roman und Essay
Alles fließt von Wassili Grossman
Das Buch verfügt über ein informatives Nachwort. Es ist zu empfehlen, das gleich zu Anfang zu lesen, denn es ist wichtig, den Roman im Kontext zu lesen.
Es ist kein langer, aber ein konzentrierter Text. Sehr sorgfältig und kraftvoll.
Hauptfigur ist Iwan Grigorjewitsch, der 1955 aus jahrzehntelanger Gulaghaft entlassen wird.
Ziemlich spannend finde ich die Abschnitte mit Iwans Cousin Nikolai Andrejewitsch, da dieser in einen Zwiespalt geraten ist. Nikolai war nicht immer einverstanden mit dem, was passierte, aber aufgelehnt hat er sich auch nie. Die staatlichen Ungerechtigkeiten hat er staatstreu stets mitgetragen. Inzwischen versteht er jedoch, dass er dies auch aus Bequemlichkeit getan hat. Dieses Hinterfragen kann man übertragen. Mitläufertum und Schuld bis hin zu Denunziation können aus unterschiedlichen Gründen entstehen. Wie Grossman die verschiedenen Arten des Judas beschreibt ist beklemmend.
Iwans Schicksal lässt den Leser nicht unberührt, vielleicht auch gerade weil er sinnbildlich für so viele in der Sowjetunion stand.
Alles fließt ist mehr als ein Roman, da der Text über weite Strecken essayhafte Züge trägt. Doch die Rahmenhandlung macht es auch zu einer Geschichte und so werden sicher mehr Leser erreicht. Viele Texte aus der Vergangenheit geraten aus unterschiedlichen Gründen schnell ins vergessen, das hätte Grossmans Werk nicht verdient. Gut, dass das Buch wiederveröffentlicht wurde.
Taxifahrten durch die Nacht in Brüssel
Alles fließt von Wassili Grossman
„Ich warte auf dich am Ende der Straße“ ist der Debütroman des belgischen Schriftstellers Jerome Colin aus dem Jahr 2018.
Der Icherzähler ist ein 38jähriger Taxifahrer in Brüssel und in der Midlife-crisis. Zwar ist er verheiratet und hat Kinder, doch zufrieden ist er nicht. Sein Vater ist jung gestorben.
Man kann während der Taxifahrten mit wechselnden Fahrgästen oder Wartezeiten seinen Gedanken folgen.
Es gibt auch Fahrgäste, die er regelmäßig fährt, z.B. Henry, ein älterer Mann in Hawaiihemd, der immer nur ein Ziel hat. Die Bar Le Jardin des fleurs. Sie verstehen sich nicht schlecht, ihre Gespräche gehen über das Leben und haben einen philosophischen Anklang.
Man kann von dem wehmütigen Erzähler, der sich kurzfristig von seiner Frau getrennt hat und nur noch von seiner Liebe mit Marie denkt, genervt sein. Aber die eine oder andere seiner Überlegungen kann man als Mann gut folgen. Vermutlich ist es nicht direkt ein Buch für Frauen, obwohl es betont sensibel geschrieben ist. Mir persönlich haben die musikalischen Einsprengsel gefallen, z.B. A Love Surpreme von John Coltrane, denn ihm ist Musik sehr wichtig.
Ein Ereignis wirft dann alles um und führt den Roman zu einem für mich befriedigen Ende.
Vielleicht kein wichtiger Roman, doch für einen Debütroman nicht schlecht und Potential des Autors ist erkennbar.
128 Strophen Miroloi
Miroloi von Karen Köhler
Mit Miroloi hat die Hamburger Schriftstellerin Karen Köhler einen außergewöhnlichen, parabelhaften Debütroman geschrieben. Es gab vor ihr vorher schon ein erfolgreicher Band mit Erzählungen.
Die Handlung von Miroloi wird von einer jungen Frau in einer rückwärtsgewandten, sektenartigen Gemeinschaft, die ihre eigenen Regeln haben und auf einer Insel fern den Rest der Menschheit leben.
Da jedoch eine von dieser Gemeinschaft ausgeschlossen erzählt und reflektiert wird, werden die Mängel offensichtlich. Die Gemeinschaft ist ein Patriarchat. Keine Freiheit. Ablehnung von Technologie. Beschränkung von Rechten, Willkürliche Bestrafungen. Und es wird mit der Zeit immer schlimmer!
Die Icherzählerin ist ein Findelkind auf der Insel, daher wird ihr nicht einmal ein Name zugestanden. Grund auch, dass sie die Gesellschaft in Frage stellt und aufbegehrt.
Sie ist eine gelungen Hauptfigur, die den Roman tragen kann. Sie führt den Plot auch zu einem packenden Finale!
Stilistisch liest es sich gut, wie eine Litanei in 128 Strophen. Der Titel Miroloi heißt Totenklage.
Dass die Autorin diesen Stil konsequent durchhält, schätze ich an dem Roman.
Kritisch könnte man sagen, dass der Roman zu sehr ausformuliert und letztlich zu lang ist.
Die Zeitungskritik war sich uneinig über das Buch. Die Botschaft des Romans ist so simpel wie richtig. Ich finde, wenn man es thematisch nicht zu hoch hängt, ist es ein gutes Buch.
Die Wirkung von Klassendenken
Zeige deine Klasse von Daniela Dröscher
Die noch relativ junge Schriftstellerin Daniela Dröscher schreibt ihre Autobiografie nicht aus Selbstzweck sondern um die Frage nach dem Umgang mit Klassenunterschieden zu diskutieren. Das ist eine interessante Fragestellung, die mich spontan interessiert. Die Wirkung von Klassendenken kann fatal sein und Scham auslösen.
Daniela Dröscher wuchs in der Mittelklasse auf. Die Erziehung der Eltern war zum Teil unterschiedlich geprägt, was sie als Kind verwirrte, aber auch prägte. Sie weiß um ihre Privilegien. Es geht um Gleichheit, Menschlichkeit, Sicherheit, sich fair verhalten, aber auch cool zu bleiben und gewinnen zu wollen. Etwas auch sich zu machen.
Ich teile die Werte, die Danielas Eltern vermittelten bzw. verstehe genau, wie sie auf das Kind wirkten.
Es wird erzählt in Abschnitten, von Kleinkind und Kindergarten bis Schulkind und Erwachsenenjahre.
Verglichen wird immer wieder mit den Werten der Eltern.
Interessant aber auch die anderen Bezüge, die sich in vielen Zitaten widerspiegeln.
Wer ähnlich in vergleichbarer Zeit aufgewachsen ist, erkennt vieles wieder.
Ich teile Erfahrungen der Autorin und bin froh, das über das Thema überhaupt mal geschrieben wird.
lakonisch
Wie Frau Krause die DDR erfand von Kathrin Aehnlich
In Katrin Aehnlichs satirisch angehauchten Roman geht es um die andauernde Fremdheit zwischen Ost- und Westdeutschen. Mit der Protagonistin Isabella Krause gibt es eine sympathische Protagonistin. Eine optimistische Frau von 49 Jahre alt, eine unbedeutende Schauspielerin in kleinen Rollen, die jetzt doch mal eine entscheidende spielen kann.
Ihre Aufgabe, Leute für eine Fernsehserie auszuwählen, die über die damalige DDR erzählen. Doch auf Anhieb schmeckt den deutschen Produzenten nicht, was sie zu sehen bekommen. Wenn sich die erwartenden Klischees nicht erfüllen, ist das ein Grund zur Skepsis. Doch Isabella hat noch einen Einfall.
Ein feines Buch, bei dem mich aber auch nicht erstaunt, das es bei Antje Kunstmann bei einem unabhängigen Verlag erschienen ist.









