Persönliche Lese- tipps
Engel der Illusion
Engel der Illusion von Christian Uetz
„Ich trinke dich in mich / zurück“ (S.12), heißt es gleich zu Beginn und damit hat sich Christian Uetz schon eingeschrieben in den Sprachfühlmuskel. Mit neologismenreicher Worttrance umgarnt er die Lesenden, egal ob seine Wörter gerade einen mystischen Gott, eine engelsgleiche Angebetete, sein Kind, die eigene Poesie oder doch alles gleichzeitig in seinen Zeilen besingen.
„Das ist / so göttlich der Wahnsinn“ (S.104). Wer diesen Band nicht liebt, ist ein lyrischer Banause! Jerry Maguire würde vielleicht schreiben: You had me at your first verse!
Robert Renk empfiehlt:
Asado - Ursprünglich Grillen über offenem Feuer
Asado von Adi Bittermann; Leo Gradl; Jürgen Kernegger
Das Asado-Grillbuch zeigt die südamerikanische Art des Grillens über offenem Feuer. Maßgebliche Beiträge kommen aber aus Tirol, u.a. von Franz Größing vom Verein Grill-ABC und von Leo Gradl („Leos Grillschule“). Komplettiert wird das Quartet von Adi Bittermann und Jürgen Kernegger. Nicht nur Fleisch und Fisch kann man gut über Feuer zubereiten, nein auch Pancakes oder Obstküchlein.
Abgesehen davon ist es anregend atmosphärisch, am Lagerfeuer zusammen zu sitzen. Grillen über offenem Feuer ist knisterndes Abenteuer.
Robert Renk empfiehlt:
GRM
GRM von Sibylle Berg
„Es war die Zeit, in der zur realen Grausamkeit der Menschen noch die virtuelle hinzugefu?gt wurde.“ Bumm, der Satz sitzt. Und gibt die Richtung dieses opulenten und blitzgescheiten Romanes vor. Vier Kinder, die sich im vom Neoliberalismus zerfressenen England gegen das System auflehnen. Eine krasse Mischung zwischen Charles Dickens, Brave New World und American Psycho.
Eine Abrechnung mit YouTube, Castingshows und Konsumzwang. Ein hellsichtiges Pamphlet in Romanform. Grandios!
100 x Österreich
100 x Österreich von Haus
„Widerstand“ und „Würstelstand“, „Tochtersöhne“, „Sternsingen“ und „Insel der Seeligen“. Als buchgewordenes Bonusmaterial zum „Haus der Geschichte Österreichs“ versammelt der auch fürs Auge angenehm hergerichte Band Vor- und Nachdenken über Österreich. Aufgeschrieben von Professor*innen und Poet*innen, ein Who‘s Who in Rot-Weiß-Rot.
Es eröffnen sich verblüffende Blickwinkel auf ein kleines Land, auf die Sehnsucht nach Weltgeltung und Vernebelungsversuche der eigenen Nichtigkeit. Kurzum: Man lernt ungemütlich viel über dieses ach so gemütliche Österreich.
Palm Beach, Finland
Palm Beach, Finland von Antti Tuomainen
Diese Buch erinnert an "Miami Vice" und "Baywatch", nur: es spielt in Finnland. Ein Investor benennt einen Strandabschnitt in Palm Beach um, und in der Folge wird gesurft, gemordet und geschmunzelt. Antti Tuomainen ist für mich DIE Krimi-Neuentdeckung der letzten Jahre. Nach seinem grandiosen Buch „Die letzten Meter bis zum Friedhof“ und seinem fulminanten Auftritt beim Krimifest Tirol 2018, setzt er mit seinem neuen Roman noch eins drauf.
Absurde Komik, Spannung, schräge Figuren - ein richtig cooler Finne ist das!
Die einzige Geschichte
Die einzige Geschichte von Julian Barnes
Ein alter Mann blickt zurück auf sein Verhältnis, das er mit 19 mit einer verheirateten, um vieles älteren Frau hatte. Es beginnt am Tennisplatz einer piefigen Kleinstadt im Nachkriegsengland und könnte Stoff für launig-frivoles Fabulieren sein. Nicht für Julian Barnes, der hier keine pikante Affäre, sondern eine Jahre andauernde und tragisch verlaufende Love Story diskret, aber mit unsentimentaler analytischer Präzision entrollt und die Frage nach dem Verhältnis von Leiden und Leidenschaft stellt.
Robert Renk empfiehlt:
Biedermeiern
Biedermeiern von Livia Klingl
Der Untertitel lautet Politisch unkorrekte Betrachtungen und dass sich Livia Klingl kein Blatt vor den Mund nimmt, ist kein Geheimnis. Seit dem Wahlsieg der türkis-blauen Koalition im Oktober 2017 begleitet sie auf Facebook das österreichische Politgeschehen mit dem Projekt "Biedermeiern": tägliche Meldungen, kritisch, satirisch, menschlich und im besten Sinne politisch unkorrekt.
Von Kern bis Kickl, von Kurz bis Strache bleibt keiner vor Klingls spitzer Feder verschont. Ein kleines Buch voll großer Wahrheiten.
Andrea Scheiber empfiehlt:
Im Jahr der Finsternis
Im Jahr der Finsternis von Callis I.L.
Brisant – Aktuell – Zeitgemäß „So ein Terroranschlag würde nicht nur Europa erschüttern, sondern die ganze Welt.“ Kurz vor den Europaparlamentswahlen plant eine Rechtsextremistische Organisation einen Anschlag auf eine der mächtigsten Männer der Welt. Als Hellberg die Beerdigung seiner Mutter in Wien organisiert wird plötzlich seine Tochter entführt.
Was wollen die nur von Ihr und wie weit hat das mit seiner verstorbenen Mutter zu tun? Spannend bis zum Schluss.
Die guten Tage
Die guten Tage von Marko Dinic
Vor zehn Jahren hat der Icherzähler Belgrad fluchtartig verlassen, nun kehrt er zum Begräbnis der Großmutter zurück und stellt sich den Dämonen der Vergangenheit: den Erinnerungen an die Bombardierung Belgrads, den nationalistischen Indoktrinationen in Schule und Elternhaus, der ewigen Spirale von Hass und Gewalt und der bohrenden Frage: Wie konnte es sein, dass unsere Eltern das zugelassen und mitgetragen haben? Marko Dinic? setzt einer vom Zerfall Jugoslawiens traumatisierten Generation ein sprachmächtiges Denkmal.
jana, vermacht
jana, vermacht von Anja Utler
Wenn das Wort plötzlich körperlich erfahrbar wird, vermacht uns Anja Utler gerade neue Laute, zerstückelt sie Sprache in Musik, vers-splittert sie das Gedicht in Basallaute, in Basalgefühle. Es ist vielleicht eine Vertonung, eine Verschriftlichung der Nachkriegsgeneration mit all ihren Brüchen, Lücken und Ungereimtheiten.
Da werden dann Konsonanten und Vokale zu den Molekülen des Gefühls. Gerade die beigefügte CD offenbart den zweigestückelten Monolog, das atemlose Panoptikum, das Klangmosaik.











