Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Laszlo Zoltan:
Lesenswert, um zu lachen und nachzudenken!
Er ist wieder da von Vermes Timur
Timur Vermes beginnt seine Geschichte als fulminante Komödie, um dann in weiterer Folge zwar humorvoll, aber mit sehr ernstem Hintergrund den Erfolg eines "kleinen Hitlers" in der heutigen Zeit darzustellen.
Lesenswert, um zu lachen und nachzudenken!
Rezensionen von Laszlo Zoltan:
?Die Schweiz bürgt nicht nur bei Uhren und Schokolade für Qualität, nein, auch bei Romanen. Bravo, Patrick Tschan! Weiter so!?
Polarrot von Patrick Tschan
Wo ein Weg, dort auch ein Ziel. Jakob Breiters Weg kennt nur ein Ziel: Geld, Ansehen und mondäne Frauen. Schnell arbeitet er sich vom armen Bauernkind zum erfolgreichen Senf- und Farbenverkäufer. Und das in einer schwierigen Zeit. Hitler kommt an die Macht und benötigt viel Rot für seine Fahnen.Patrick Tschan lässt den Leser oft über den Einfallsreichtum und der damit verbundenen List des nicht immer legal agierenden Helden staunen und schmunzeln.
Man entdeckt sich aber auch dabei, dass man für den inzwischen zu Jack und später zu Jacques zurechtgemachten Breiter (klingt kultivierter als Jakob) Verständnis hat und ihn trotz seines oft unkorrekten Handelns bemitleidet. Die Frage, ob dieser ?Hans im Glück? des 20. Jahrhunderts am Ende wieder beim Schleifstein endet, ist es absolut wert, diesen Roman zu lesen. Die Schweiz bürgt nicht nur bei Uhren und Schokolade für Qualität, nein, auch bei Romanen. Bravo, Patrick Tschan! Weiter so!
Rezensionen von Eva Knezicek:
Ich kann zu diesem Buch nicht mehr sagen, seine abstoßenden, taktlosen Worte lassen nichts Weiteres zu
Polarrot von Patrick Tschan
Thilo Bocks Buch Senatsreserve erinnerte mich an Sven Regeners Bücher , aber leider nur entfernt, denn ihm fehlen leider Witz und Situationskomik desselben. Seine "Scherze" wirken konstruiert.
Es fehlt das gewisse Etwas, die Spur Leichtigkeit der Literatur die sie als solche zum kunstvollen Genuss macht.
Mühsam und schwerfällig bewegen sich die beiden Protagonisten Horn und Gruber durch die Provinz.
Am ehesten Milieustudie, es bleibt aber auch dafür zu oberflächlich. Seine sehr derben Späße schafften es schon, mir das eine oder andere mal das Lesen zu vermiesen. Einzig das Auftauchen der Grenzproblematik, die Reflexionen zum Wegfall der Mauer ließen mich weiterlesen, zu Ende lesen.
Ich kann zu diesem Buch nicht mehr sagen, seine abstossenden, taktlosen Worte lassen nichts Weiteres zu.
Rezensionen von Eva Knezicek:
Wunderbar zu lesen....
Polarrot von Patrick Tschan
Felix J.Palma, der Autor des Buches "Die Landkarte der Zeit" wurde 1968 in Sanlucar de Barrameda geboren. der Wunsch des in Madrid lebenden Autors war es, immer vom Handwerk des Schreibens leben zu können - dieses Ziel hat er wohl mit Bravour erreicht. Mit diesem Roman ist dem Schriftsteller eine fabelhafte Skizzierung des viktorianischen Zeitalters gelungen.
Mit seiner Hilfe entrückte ich als Leserin in die dunklen Gassen Londons, traf Andrew und Marie, Claire und Tom. Aber Palma spielt virtuos mit den Erwartungen seiner Leser - enttäuscht auch zuweilen Hoffnungen. Erzählstränge werden unterbrochen, das Unvorstellbare jedoch, immer schon gedachte, schlägt gleich einem Blitz ein, hebt Geschehenes wieder auf . Wunderbar zu lesen sind die poetischen Sätze einer teilweisen sehr "alten" Sprache. Palma ist ein großartiger Erzähler der es auf eine charmante Weise versteht, den Leser ans Buch zu binden. Die Kraft der Phantasie, was vermag sie zu vollbringen und in diesem Zusammenhang der Akt des Schreibens!?
Rezensionen von Eva Knezicek:
Die ?drei-bis-vier-Wort-Sätze? des 1966 geborenen Autors bestechen ....
Massimo Marini von Rolf Dobelli
?Rolf Dobellis Sprache in seinem Roman "Massimo Marini" ist eine sehr klare Sprache. Die ?drei-bis-vier-Wort-Sätze? des 1966 geborenen Autors bestechen durch ihre Prägnanz. Diese oft "klirrend-kalte" Sprache steht im krassen Gegensatz zur Wirrnis der eben nicht beschriebenen, so doch angedeuteten Gefühlswelten.
Gut gelingt der Wechsel verschiedener Erzählperspektiven, wobei der Fokus auf das Leben von Massimo Marini - ein eingeschmuggeltes Gastarbeiterkind - gerichtet bleibt. Durch den virtuosen Wechsel der eingenommenen Perspektiven werden immer aufs neue eingenommene Standpunkte relativiert, dabei ebenso Moralvorstellungen, wenn schon nicht verworfen, so doch zumindest hinterfragt. Das macht das Lesen zu einem amüsanten Unterfangen.
Der Grund der Aufzeichnungen dieses Lebens ist die Tatsache, dass der Anwalt der Familie, Wyss - ein Mann der vor allem Angst hat, was das Leben ausmacht - wegen schweren Depressionen in einer Klinik Heilung sucht, vom zuständigen Arzt das Schreiben verordnet bekommt. Der therapeutische Effekt des Schreibens ist, dass man sich in eine andere Welt begibt. In einer andere Welt in der man ein anderer ist, trifft man trotz alledem immer nur auf sich.
Mit der Beschreibung des Lebens von Massimo Marini bekommt der Leser Gesellschaftskritik sowie die Ironie derselben, für mich stellenweise etwas zu flapsig und oberflächlich streifend.
So manches Mal wurde ich als Leserin mit unmittelbar eingeworfenen Sätzen konfrontiert. Dobellis Sprache ist nichts desto Trotz eine sehr präzise, ohne jegliche romantische Ausschweifungen. "das Unerhörte durch die Vernunft vertreiben" ist des Schriftstellers Wort - ist seine Sprache das "Schmetterlingsnetz für das Undenkbare", für die Wirrnis der Seelenzustände (vgl.M.M.,S.327)?
Immer wieder stößt man auf das Bild des Mineurs, als Leser gräbt man sich in die Tiefen der menschlichen Seele...Es geht darum, die Gefühle zu kanalisieren. Aber Dobelli wäre kein Schriftsteller des 21. Jahrhunderts, wenn genau dieses Bild des in den Tiefen der menschlichen Seelen grabenden, nicht absolut ironisch gemeint wäre.
Es geht nicht und da höre ich Nietzsche leise lachen...?
Rezensionen von Eva Knezicek:
wundervolles Buch.....
Adams Erbe von Rosenfeld Astrid
Mit dem Buch "Adams Erbe" von Astrid Rosenfeld eröffnet sich eine Welt voll bunter Gestalten. Gestalten, eine von der anderen so different, formieren einen Basar der Lebensmöglichkeiten, eine Vielfalt an ethischen Aspekten.
Es eröffnet sich der Blick auf ein Konglomerat von Daseinsmöglichkeiten.
In ihrer Differenziertheit erinnern die Figuren an jene von Elias Canettis geschaffene Menschenbilder.
Astrid Rosenfeld ist eine wunderbare Malerin der Worte. Sie entwirft ihre "Helden-bzw. Anti-Helden" famos, es sind Gestalten voll Leben in allen Facetten. Besonders spannend und farbig wird sie da, wo es um nicht ganz so schöne, nicht so ganz korrekte Menschen geht .
Zwei Zeiten, zwei Geschichten, zwei Personen sind miteinander verwoben. Niemals ausblendbar ist das Vergangene für die Geschehnisse der Gegenwart. In Edwards Gesicht ist das seiner Ahnen eingeschrieben. Edward , der Protagonist des ersten Teiles, lebt in einem Haus, welches einen Dachboden voll ungeöffneter Briefe birgt. Es gibt eine Hüterin jener verborgenen Vergangenheit, Figuren die lebendig begraben in ihrer Vergangenheit ihr Dasein fristen, viele die sich immer wieder Zutritt in diese verborgenen Kammern der Vergangenheit verschaffen möchten aber lange daran scheitern, und schließlich jene, welche erleichtert von der offensichtlichen Tatsache der Verschlossenheit vergangener Welten in ihrer Gegenwart leben.
Frei und unabhängig handeln jene zuletzt genannten Gestalten in Astrid Rosenfelds Roman nicht, es bleiben ihnen letztendlich nur Verwobenheiten und Verstrickungen verborgen.
Adam (der Protagonist des zweiten Teiles) und Edward sind Juden, irgendwie (vgl.S.128). Adam und seiner Familie wird diese Tatsache zum Verhängnis, welche Bedeutung hat dies für Edward und die Seinen ?
Es kommt in diesem Roman ein Gedicht von Edward Cohen "Der schöne Mund vom Strund" (vgl.S.132) vor, welches in seiner Unsinnigkeit die Unsinnigkeit der arischen physiognomischen Vermessungen widerspiegelt. Immer wieder weist auch Edda Klingmann ihren Enkel Adam auf physiognomische Besonderheiten in den Gesichtern gegenwärtiger Politiker hin, lässt ihn auf die jeweiligen Charakterzüge rückschließen - ihn ,dessen Züge Jahrzehnte später in Edward wieder zum Vorschein treten und diesen damit zeichnen.
Edward versucht jedoch etwas zu durchbrechen..."Damit etwas bleibt, Amy." (S.117)...Dem Vergehen entgegen, gegen das Verschwinden des Vergangenen..."Kein Blut, nichts Heroisches."(S.117)
Adams Anna verschwand, verschwand einfach so wie tausende andere Menschen, dem ist zu entgegnen,
Erst der Blick, der Fokus der Gegenwart auf das Vergangene bringt das furchtbare Geschehen der Vergangenheit für uns gänzlich(?) zum Vorschein, die versteckten Briefe müssen entdeckt und gelesen werden.
Die grossen Geschehnisse der Geschichte bergen so mannigfache kleine Privatheiten, passieren scheinbar zusammenhanglos zu diesen, tangieren sie scheinbar gar nicht...oder sie bedeuten alles - wie Adams Geschichte.
Es ist ein sehr trauriges Buch, es handelt von der Unverständlichkeit der Ereignisse, aber zugleich auch ein sehr wundervolles Buch, handelt es doch mithin von der Notwendigkeit, Wichtigkeit und Schönheit des Geschriebenen an sich.
Rezensionen von Eva Knezicek:
Amüsant zu lesen....
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und von Jonasson Jonas
?Amüsant zu lesen, der Witz liegt bei dem Buch "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" im Detail und ich bin sehr versucht sogleich den Autor selbst sprechen zu lassen...dies klappt jedoch leider nicht; jede witzige Szene verliert ihren Reiz bei der Isolation aus dem Text von Jonas Jonasson.
Es geht bei diesem Buch um die Serie, um die Aneinanderreihung, die Häufung des Grotesken. Groteske Geschichten häufen sich, werden zur Serie, Ungewöhnlichkeiten werden ins Unermessliche gesteigert, das Unglaubliche so forciert. Hinlänglich bekannte Probleme verzerrt der Schriftsteller zum Slapstick und nimmt damit der Alltäglichkeit ihre Schärfe. Erinnerungen an die Filme der "Marx Brothers" werden wach; Geschichten, Charaktere springen beim Lesen auf mich zu, es schillert dabei etwas Menschliches, All zu Menschliches. Fragen der Ethik wurden ins Abstruse geschrieben, auch werden makabre Sequenzen-und hiervon gibt es sehr viele-sofort von einer seltsamen Komik abgelöst. Spannungsgeladene Episoden ("Ethik-geladene" Episoden ) werden relativiert, durchbrochen mit Komik.
Wie in den Geschichten aus 1001 Nacht ergibt eine Sequenz die andere um die Erzählung am Laufen zu halten und ich vermute, daß Jonasson selbst dieses Muster durch die Steigerung ins manchmal durchaus Unerträgliche einfach nur auf die Schaufel nimmt. Er schafft es, sogar den Schwermut selbst ins Stolpern zu bringen.
Mehr möchte und kann ich dazu nicht schreiben, sehe ich doch beim Schreiben jedes dieser Sätze Allan Karlsson hämisch grinsend sein kleines Schnäpschen hinunterkippend verständnislos den Kopf schütteln.?
Rezensionen von Eva Knezicek:
Es war mir ein Vergnügen, es zu lesen
In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge
In jenem vier Generationen umspannenden Roman von Eugen Ruge " In Zeiten des abnehmenden Lichts" traf ich auf sehr kurze, klare Sätze - oft minimiert auf das absolut Kürzeste..."Kurt aß"(S.11). Jedoch wählte Ruge Szenen, welche nur allzu oft einer verbalen Überladung bereits erlegen sind - das macht diese Lektüre zur erholsamen Abwechslung.
Sehr gut gelingt es dem Autor mit jenen prägnanten, sprachlich sehr präzisen Sätzen eine besondere Atmosphäre zu schaffen, einen Zustand an sich zu beschreiben. Seine Romanfiguren werden zu Menschen-Geschichten, man leidet mit ihnen und ihr Leben ist zu spüren ( so auch die Traurigkeit eines ums Leben Betrogenen; fesselnd diese berührende, traurige Stimmung).
Herbst, die Zeit des abnehmenden Lichts, angekommen im Leben der Alten. Auch ganz besonders aktuelle Themen unseres Menschseins werden von Eugen Ruge angesprochen, auf eine sehr feine Art zum Thema gemacht : Mauern, Grenzen, Wegfall derselben. Grenzen öffnen sich, was geschieht ?
Eine Familiengeschichte und als solche mehr als das, ein Roman mit einem Stück Weltgeschichte.
Schließen möchte ich mit Sätzen des Autors " Und jetzt...Markus schaute den Namen an, der da stand und der zur Hälfte sein eigener Name war." (S.377/378) Sein Name, in diesem Fall der Name von Markus, stand auf der Todesanzeige die er eben erhalten hat, zur Hälfte sein Name...kürzer und schöner sind die Fallstricke der Familienbande nicht zu beschreiben, denke ich.
Rezensionen von Eva Knezicek:
Ein wirklich sehr klares, durchdachtes Buch mit einer wundervollen Sprache. Danke
Der Russe ist einer, der Birken liebt von Grjasnowa Olga
"Polyphones Geschrei", Stimmengewirr, Sprachenvielfalt, Klangteppich; Olga Grjasnowas Hauptfigur Maria Kagan -"Mascha"- führt uns durch enge, dreckige, gefährliche Gassen- voll Hinterhalte - über offene Marktplätze - voll bunter Marktschreier - hin zur Weite eines einsamen Olivenhaines - fern von allen Menschen jeglicher Herkunft.
Dort ist es noch hell trotz nahezu untergegangener Sonne. Dort ruft sie nach ihren Freunden. Dieser Platz ist nicht in Jerusalem, nicht in Deutschland, er ist in Palästina. Nicht in ihrer Heimat, nicht das Land ihrer Vorfahren. Es ist nicht die am Himmel sterbende Sonne welche das Zimmer ihres Freundes Elias mit warmen Licht durchflutet (vgl.S.42). Es ist eine sehr helle Sonne unter welcher ihr Elias ein Tuch zum Stillen ihrer Blutung reichen kann. Die Sonne in Olga Grjasnowas Roman wirft Schatten. Schatten welche einem Mädchen das Leben kosteten..."Ein sechzehnjähriges Mädchen wurde in ihrem Wohnzimmer erschossen, weil ihr Schatten im Fenster zu sehen war. Sie verblutete auf einem Wohnzimmerteppich mit einer für den Kaukasus typischen Farbgebung und Ornamentik."(S.48)
Der Beginn des Romans ist ein Nicht -beginnen -wollen. "Ich wollte nicht, dass dieser Tag begann."(S.9)Mascha versucht auf leisen Sohlen durch das Buch zu wandern("Als ich wieder zu Elias' Eltern in die Cafeteria ging, versuchte ich leise aufzutreten und die Absätze meiner Schuhe nicht auf die Marmorstufen knallen zu lassen."S.25), kaum hörbar durchs Leben zu flitzen, Sprache zu übersetzen ohne selbst zu sprechen. Mascha ist auf ein "diffuses Später ausgerichtet"(S.38).
"Auch die Wörter besetzte Gebiete, Armee und jüdischer Staat passten nicht in ihre Zukunftsutopie." (S.50)
Landlosigkeit, Heimatlosigkeit - Maschas Geschichte ist voll Geschichte ohne Land. Auf der Suche nach Land.
"Alle Russen wollten Kosmonauten werden, aber mein Vater war tatsächlich einer."(S.52) Er tritt seine Reise in die Weite des Alls allerdings nie an. Maschas Vater nimmt sie lediglich mit auf die Dächer der Häuser, die Weite der Stadt überblickend, um mit Hilfe eines Teleskopes die fernen Sterne zu erkunden. Dies sind sehr zärtliche Momente frei von Gewalt, aber auch frei von anderen Menschen, sein "soziales Sibirien" ist seine Sicherheit.
Es ist ein überaus feines Buch über die Begegnung der Kulturen. "...Fanon, Said, Terkessidis..."(S.221) - Lesarten.
Beim Anblick einer Burka umhüllten Frau lehnt sie an einem blauen CDU-Wahlkampfplakat, Mc Donald's-Schilder sehen wie die Halbmonde an Minaretten aus. Wie ist die alte Tradition lebbar, mit all ihrer Geschichte? Immer wieder kommt es zu einem Einbruch in die Gegenwart, Bilder aus der Vergangenheit verstören, machen eine Leichtigkeit unmöglich. Immer wieder taucht das Bild der am Unterleib blutenden Frau im hellblauen Unterkleid auf, bis der Roman mit der nasenblutenden Mascha endet. Mascha kommt mit diesem Nasenbluten davon, mit der Erinnerung an die verblutete Frau am Boden.
Olga Grjasnowa lässt uns durch das Schaufenster der Metzgerei blicken, zieht uns in das Tohuwabohu von Maschas Seele. Die Tage des Schlachtens haben längst begonnen, nie aufgehört. Doch dieser Hass ist nichts Persönliches er ist strukturell (vgl.S.46). Alles wiederholt sich. Es ändern sich nur Farbe und Intensität.
Integration verlangt Klartext nicht Schönfärberei (vgl.S.137)
Ein wirklich sehr klares, durchdachtes Buch mit einer wundervollen Sprache. Danke
Rezensionen von Eva Knezicek:
Eine ... zauberhafte Sprache voller Symbolkraft, voller mystischer Bilder holte mich als Leserin ab und ließ mich in die Welten der ganz anderen versinken
Die Tigerfrau von Obreht Téa
Eine sehr lyrische, zauberhafte Sprache voller Symbolkraft, voller mystischer Bilder holte mich als Leserin ab und ließ mich in die Welten der ganz anderen versinken. In die Welt der Ärztin Natalia, in die Welt ihres Großvaters, in die Welt der taubstummen Tigerfrau und in jene des Tigers selbst. Fesselnd der immer wiederkehrende Perspektivenwechsel zwischen Mensch und Tier.
Téa Obreht weiß um die Zerbrechlichkeit guter Geschichten, mit viel Behutsamkeit arbeitet sie mit offenen Szenen, lässt Leerstellen ihren Raum und bricht ab, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Dies ist die Stärke ihrer oft sehr mystischen Bilder, sie bricht ab und lässt dem Leser Raum bevor es zu viel wird. So etwa jene Szene mit dem Hufschmied, eingefangen wird eine eigentümliche Atmosphäre ? ein Licht durchbricht die Alltäglichkeit bevor der Hufschmied Hand an sich legt [vergleiche Seite (vgl. S.) 155].
Hier weiß die Autorin, wann sie endet, lässt somit der Erzählung ihren Zauber. Es scheint, als ob die Zeit stillsteht, sobald der Tiger die Bühne betritt. Er ist ein Wesen außerhalb von Raum und Zeit, eine Gestalt, die einbricht in die Geschichte und die das Spiel mit Raum und Zeit im Roman hält und trägt. Ein "Zwischen" ist die Stärke dieses Buches, wesentlich sind nicht die Differenzen sondern der Bereich "dazwischen". Nicht der Tod oder das Leben sind Topoi der Erzählung sondern das fluoreszierende "Dazwischen". Der Mann, der nicht sterben konnte, ist ebenso ein "Zwischenwesen" wie der Tiger, welcher nicht mehr ganz wild, so doch teilweise gezähmt, Teil der Natur bleibt. Das Unkalkulierbare fällt ein in die Alltäglichkeit; es kann das Unfassbare des Krieges sein, das Unfassbares folgen lässt, jenes "außerhalb der Norm", welches, gewaltig und stumm, vor dem Entsetzlichen ? dem Einbruch des Krieges ? halt machen lässt. Es herrscht der Ausnahmezustand, er lässt alle Kriterien von Raum und Zeit hinter sich. Sumpfgebiete, verdorrte Felder, wo sich die Toten häuften (vgl. S.123), in dieser trostlosen, brachgewordenen, Welt streift der Tiger umher. Doch selbst diesen unermüdlichen Jäger befällt eine Krankheit.
Aber ich treffe auch als Leserin auf die Besonderheiten einzigartiger Momente. So hüllt nicht nur der Atem des Elefanten Natalia und ihren Großvater ein, auch der Zauber der Worte betört mit seinem Duft. Es gibt märchenhafte Bilder, etwa, wo der Großvater mit seiner Enkelin durch die stillgewordene Stadt eilt, um die verheißungsvolle Zukunft zu sehen; zu spüren ist, was das Prinzip Hoffnung meint. Dieses Prinzip Hoffnung wird als Widerstand gedacht zur nihilistischen Gleichheit des Todes. Gleichgemacht, es existieren keine Unterschiede in den Äußerlichkeiten. Der Krieg, mit seinem stummen Begleiter, dem Tod, zerstört alles, Regierungsgebäude sowie die Häuser der Kriegsverbrecher. Berührende Szenen über das Verhalten der Kinder, welche, dem Tode nahe Gelassenheit und Akzeptanz zeigen, folgen.
Es ist mehr als eine beschriebene Bewältigungsstrategie, ein auf mich als Leserin unheimlich wirkendes Wissen kommt zum Vorschein. Immer wieder kam mir beim Lesen das Bild der Ente aus dem, von Wolf Erlbruch geschriebenen, fabelhaften Kinderbuch mit dem Titel "Ente, Tod und Tulpe" in den Sinn. Das Buch von Téa Obreht ist eine bittersüße Auseinandersetzung mit dem Tod, "Aber so war das Leben." (Wolf Erlbruch, "Ente, Tod und Tulpe", letzte Seite, letzter Satz).









