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Rezensionen von nessabo:
Der absurde Trip einer instabilen Protagonistin
Es war nicht anders möglich von Svenja Liesau
Es passiert mir selten, dass meine Erwartungen und das Buch so derart gewaltig auseinanderklaffen wie es hier der Fall war. Zwischendrin wollte ich nur noch abbrechen und wäre das Hörbuch nicht wirklich toll von der Autorin selbst gelesen worden, hätte ich das sehr sicher auch gemacht. Denn dieser Roman ist mehr eine Art wahnhafter Trip als zugewandte Heilungs- und Trauerbewältigungsgeschichte.
Ich kann leider nur wenig Gutes finden an diesem Werk. Die Autorinnenlesung war wirklich makellos, sie hat dieser für mich völlig wirren Handlung zumindest ein wenig Emotionalität einflößen können und außerdem die Berliner Schnauze großartig vertont. Den immer mal wieder aufkommenden Humor fand ich richtig gut. Martina bedient sich eines bissigen Zynismus, während sie über so einige gesellschaftliche Missstände wie etwa den Umgang mit Sozialhilfeempfänger*innen nachdenkt. Und auch der zärtliche Blick auf so manche Randfigur mit deren Schicksal konnte mich bewegen.
Aber leider sind diese wenigen guten Elemente eingebettet in etwas, das ich einfach überhaupt nicht mag. Alkohol- und Drogentrips, wahnhafte Zustände und die völlig unauflösbare Verschmelzung von Realität und Fantasie. Außerdem super viele Figuren, die ich fast nie emotional greifen konnte. Dass Martina hart zu kämpfen hat mit dem Tod ihres Vaters und ihrer Angststörung, kommt schon irgendwie raus. Und ihr Umgang damit mag verständlich erscheinen, aber ich kann so etwas einfach nicht lesen. Ich war teilweise ganze Kapitel lang völlig lost und am Ende wirklich froh, dass es geschafft war.
Ich wüsste nicht, wem ich dieses Debüt empfehlen sollte - am besten liest mensch sich die entsprechend positiven Rezensionen auch mit durch. Für mich war das Werk völlig haltlos, verwirrend, phasenweise eklig und im Endeffekt anstrengend mit einem unbefriedigenden Ende. Vielleicht lässt es sich am besten mit einem sehr experimentellen Theaterstück vergleichen - auch das hat seine Fans, ich gehöre nicht dazu.
1,5 Sterne
Blieb deutlich hinter meinen Erwartungen zurück
Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman
Ich schließe mich der Einschätzung an, dass dieser Roman sicher Menschen begeistern kann, die „Die Wand“ bereits mochten. Denn es gibt sehr deutliche Parallelen in Bezug auf die isolierte Position der Hauptfigur und genau die trifft einfach nicht meinen Geschmack. Aufgrund der so guten Besprechungen war ich dennoch neugierig, aber leider konnten meine Erwartungen nicht erfüllt werden.
Dystopien stehe ich recht neutral gegenüber - gut geschrieben können sie mich durchaus begeistern. Was aber wirklich nicht mein Fall ist, sind isolierte Settings. Entsprechend wundert es mich nicht, dass die Handlung zunehmend anstrengend für mich wurde, ich habe jedoch weiter auf die versprochenen feministischen Aspekte der Geschichte gehofft.
Den Anfang im Käfig fand ich noch vielversprechend. Die namenlose Protagonistin macht sich spannende Gedanken zu den ihr unbekannten Männern, ihrem Begehren und der richtigen Welt. Doch nach dem Ereignis, in dessen Folge die gefangenen Frauen freikommen, wurde es für mich zunehmend zäh und verlor sein innovatives Potenzial. Wie die Frauen sich in der fremden Außenwelt zurechtfinden und autonom eine kleine neue Gemeinschaft aufbauen, ist zwar nicht uninteressant, aber die sie umgebende Hoffnungslosigkeit hat mir zunehmend Energie geraubt.
Das Isolationsgefühl verstärkte sich zudem immer mehr und damit auch meine Distanzierung von der Handlung. Alle Figuren blieben mir sowieso emotional komplett fremd, aber da auch zwischen den Charakteren so wenig passiert, fehlte mir einiges an der Geschichte. Der Reiz isolierter Menschen entsteht für mich gerade im Miteinander, aber dem wurde durch die Zentrierung der nüchternen Protagonistin kaum Raum gegeben.
Mich überrascht dabei nicht, dass mir das Setting nicht gefallen hat - ich kenne ja meine Präferenzen. Aber abgesehen von ein paar interessanten Gedanken finde ich auch keine feministische Kraft in diesem Werk. Ich habe mir aufgrund des Titels deutlich mehr Reflexion über eine Welt bzw. das Aufwachsen ohne Männer erhofft. Ja, es gab da einige Momente, etwa in Bezug auf Aussehen und Schamgefühl, aber in meinen Augen blieb der Großteil des Potenzials ungenutzt, weshalb ich mich den begeisterten Rezensionen leider nicht anschließen kann.
Am Ende bleibt auch alles sehr offen und zumindest ein bisschen mehr Klarheit hätte es für mich doch sein dürfen. Als Hörbuch fand ich es insgesamt okay, gelesen hätte ich wahrscheinlich noch größere Probleme gehabt.
2,5 Sterne
Eine schmerzhaft-poetische Geschichte über Missbrauch und Heilung
Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien
Das Debüt von Lilli Tollkien ist ein unglaubliches Werk voller Schmerz und Ehrlichkeit, das seine Leser*innen nicht schont. Ich fand es auf mehreren Ebenen eindrücklich, kann aber gar nicht deutlich genug auf die Inhaltswarnungen verweisen.
Ich schließe mich den Vermutungen an, dass Tollkien hier an ihrer eigenen Biografie entlangschreibt.
Das macht die Lektüre nicht leichter, im Gegenteil. Denn die Protagonistin Lale erlebt eine schiere Fülle an Leid in ihrem jungen Leben. Die Mutter aufgrund ihrer Drogenabhängigkeit nicht sorgeberechtigt und der Vater im Gefängnis, kommt sie in eine links anmutende Männer-WG. Obwohl später auch ihr Vater dort einzieht, mangelt es an Schutz und kindgerechtem Umgang. Nicht nur werden auch hier diverse Drogen missbraucht, sodass Lale bereits im Kindesalter mit ihnen in Kontakt kommt. Sie erfährt auch wiederholt sexualisierte sowie verbale und psychische Gewalt.
Diese Passagen schreibt Tollkien auf einem unvergleichlich hohen Niveau. Sie wählt eine Sprache, die durch Nüchternheit und Poesie die kindliche Naivität und Unschuld perfekt einfängt. Gleichzeitig verfehlt diese Erzählweise keinesfalls ihre Wirkung - mir wurde wiederholt schlecht beim Lesen. Ich konnte Männer im Zuge dieses Romans wirklich nur verabscheuen. Ihre Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen bzw. Frauen und Mädchen keinen Schaden zuzufügen, hat mich brennen lassen vor Wut.
Klug schlägt die Autorin zudem immer wieder den Bogen in die Zukunft; verdeutlicht, wie die erwachsene Lale - später sogar als Mutter - im Zuge ihres Heilungsprozesses auch immer wieder an die Grenzen ihres Traumas stößt. Die Geschichte ist so erschütternd wie kraftvoll und hat mir wirklich einiges abverlangt!
Mein kleiner Abzug begründet sich mit genau den poetischen Anklängen der Sprache, die zwar erfolgreich das Traumatische der Geschichte abmildern können, aber wie so oft nicht ganz meinen Geschmack treffen. Auch die nüchtern-distanzierten Schilderungen Lales dienen diesem Zweck, haben mich emotional aber auch mehr auf Distanz gehalten als ich es mir gewünscht hätte.
Nichtsdestotrotz kann ich Tollkien für dieses Debüt nur meinen Respekt zollen. Ein Werk, das wiederholt kraftvoll eingeschlagen hat und welches mich fassungslos zurücklässt. Es ist keine Wohlfühlgeschichte, sie hat nicht einmal ein klares Happy End. Und doch ist es eine Erzählung über innere Stärke und das Finden einer Stütze in sich selbst.
4,5 Sterne
[CN: sexualisierte, verbale und psychische Gewalt; Alkohol- & Drogenmissbrauch]
Der schmerzhafte und zugleich liebevolle Epos einer Liebe
Fast ein Leben von Kiran Millwood Hargrave
Was für ein unglaubliches Werk! „Fast ein Leben“ ist eine 570-seitige emotionale und vielschichtige Wucht, für die ich mir ordentlich Zeit genommen habe.
Wir begleiten Laure und Erica über 35 Jahre hinweg, ausgehend von einer Sommerliebschaft in Paris. Sie werden immer wieder aufeinandertreffen, sich mal näher und mal ferner sein, können einander aber weder halten noch loslassen.
Was hier vielleicht wie ein stereotypes Drama klingt, hat mich emotional wirklich auseinandergenommen. Denn am Ende ist die Liebe der beiden Frauen zwar das wiederkehrende Motiv, die Geschichte gibt aber weitaus mehr Themen und Figuren Raum. Der Roman ist politisch und scheut daher auch nicht den Ernst der 70er und 80er-Jahre, als queere Menschen einer besonders offenen Form von Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt waren. Zudem behandelt er Depressionen und Alkoholismus auf derart eindrückliche Weise, dass ich es gar nicht laut genug loben kann.
Außerdem dreht sich unglaublich viel um Freund*innenschaft, Fürsorge und bedingungslosen Zusammenhalt. Das hat mir mehr als einmal das Herz zerrissen, aber ich fand es einfach makellos abgebildet. Hargrave schreibt total nah an ihren Figuren und hat die beiden Protagonistinnen mit einem liebevollen Schreibstil begleitet. Laure und Erica werden älter und lernen auf glaubhafte Art dazu, ohne dabei je zu glatt zu wirken. Und obwohl Liebe eine so große Rolle spielt, ist diese Geschichte alles andere als romantisch. Sie ist ehrlich, ungeschönt und entsprechend schmerzhaft.
Ich habe mich verloren in diesem Roman mit seinen liebenswerten, kantigen und interessanten Figuren sowie der wundervollen Sprache, welche die Atmosphäre so gut einzufangen vermag. Besonders die Abschnitte in Paris bzw. der Normandie haben mich nostalgisch gestimmt, aber auch Ericas Lebensrealität in Norfolk war beim Lesen zum Greifen nah. Ebenso hat mich die Struktur des Romans begeistert. Die wechselnden Perspektiven vertiefen die Emotionalität der Geschichte und getrennte Kapitel verdeutlichen die räumliche Distanz zwischen Laure und Erica, während sie sich die Kapitel teilen, sobald sie am gleichen Ort sind.
In diesem Werk steckt unglaublich viel Arbeit und ich habe jede einzelne Seite genossen. Die Lektüre hat sich so intensiv und umfassend angefühlt wie ein Film, während sie dank der figurennahen Sprache doch gleichzeitig so kurzweilig war. Ganz klare Empfehlung für alle mit Lust auf französisches Flair und ganz viel Potenzial zum tiefen Mitfühlen.
Ein anstrengender, aber lesenswerter Weird-Girl-Rausch
She's a Star! von Meredith Hambrock
Geschichten über und mit obsessiven Figuren sind für mich immer ein Grenzfall. Gut geschrieben saugen sie mich absolut ein und fordern mich moralisch heraus. Weniger gut geschrieben wird es einfach nur anstrengend. Meredith Hambrock hat mit „She’s a Star“ ein Werk geliefert, das überwiegend in die erste Kategorie fällt und welches auf alle mir bekannten Romane dieser Art noch einmal eine Schippe draufsetzt.
Die erste Hälfte fand ich unglaublich stark! Über die Ich-Perspektive sitzen wir in Jessamyns Kopf und sind ihrer Wahrnehmung ausgeliefert. Schon relativ früh konnte ich mir nicht mehr sicher sein, was wirklich wie stattgefunden hat und was lediglich der Interpretation unserer Protagonistin entspricht. Denn es kristallisiert sich zunehmend heraus, dass Jessamyn eine unzuverlässige Erzählerin ist, die immer mehr einem Wahn verfällt, der sie (und uns) irgendwann fast völlig einnimmt. Nur durch Reaktionen der Nebenfiguren kam ich immer wieder ins Grübeln, ob die Realität nicht eine andere ist.
Die Nebenfiguren bleiben überwiegend blass. Das ist aufgrund der selbstbezogenen Erzählperspektive eine schlüssige Entscheidung. Dennoch muss mensch den enormen Fokus auf eine Figur natürlich mögen. Das Tempo ist von Beginn an hoch, der Ton direkt mit einem bissigen und durchaus gesellschaftskritischen Witz, der mir sehr gut gefallen hat. Dadurch, dass wir so nah an den Gedanken der Hauptfigur dran sind, entsteht eine bedrückende und intensive Atmosphäre.
In der zweiten Hälfte verlor die Geschichte aber ein wenig an Atem. Die Gedankenspiralen wiederholen sich und entschleunigen die Geschichte - meiner Meinung nach eher zum Nachteil der Erzählung. Später zieht das Tempo glücklicherweise wieder an; die Handlung wird immer ernster, wahnhafter und maximal unhinged - bis am Ende alles eskaliert.
Dieser Roman ist Arbeit! Jessamyn ist eine herausfordernde Hauptfigur, die mehr als eine fragwürdige Entscheidung trifft und doch immer wieder mein Mitgefühl hatte. Ihr ist Schlimmes widerfahren und ich bedaure es doch ziemlich, dass die feministische Komponente des Ganzen nahezu bedeutungslos wird neben all der Obsession. Da hätte ich mir mehr konsequenten Biss gewünscht, allerdings macht die Verdrängung aus Sicht der Erzählerin schon Sinn. Bei allem Ernst der Realität ist der gewählte Humor nahezu bitter, was wirklich gut zum Tragödiencharakter der Geschichte passt.
Wer sich ordentlich fordern lassen möchte von dieser Anti-Heldin und überwiegend temporeiche Geschichten mag, die ungefiltert in menschliche Abgründe schauen, sollte sich dieses Werk nicht entgehen lassen.
Ein unglaublich innovativer und zugänglicher Auftakt
Ever & After, Band 1 - Der schlafende Prinz von Stella Tack
Ich bin nicht die allergrößte Fantasy-Leserin, aber die Reihe wurde so gut besprochen, dass ich meine Neugier nicht mehr zügeln konnte. Und das war eine wirklich hervorragende Entscheidung!
Stella Tack hat hier ein Werk geliefert, das so innovativ ist wie ich es lange nicht mehr gelesen habe. Die Handlung rund um die Nachfahr*innen der Märchenfiguren ist wunderbar ausgedacht und konstruiert.
Es gibt einfach so viele Details, die teilweise auch derart abweichen von den Originalmärchen, dass es eine unfassbare Leistung der Autorin ist.
Außerdem schreibt Tack so zugänglich, dass es mir wirklich ein Genuss war! Das liegt sicher auch am modernen Setting und ich fand das toll gewählt, weil ich mich so gleich von Beginn an auf die Geschichte einlassen konnte und mich nicht erst durch das Worldbuilding kämpfen musste. Dabei mangelt es aber überhaupt nicht an Komplexität! Einige Stellen habe ich mehrfach gelesen, um die Referenzen auch wirklich begreifen zu können.
Fan bin ich natürlich auch von der Protagonistin Rain, die eine zeitgemäße und rebellische Komponente in die Geschichte bringt. Sie ist absolut glaubwürdig und sympathisch geschrieben, das gleiche gilt aber auch für die diversen Nebenfiguren. Der Inhalt ist stellenweise schon überraschend brutal für ein Buch ab 14 Jahren und da dürfte es für mich gern eine Spur zurückhaltender sein, aber insgesamt bin ich durchgerauscht und freue mich nun auf Band 2!
Einige tolle Kurzgeschichten mit Twist
Ein gutes Gespür von Jess Gibson
Bei Kurzgeschichtensammlungen wird es immer so sein, dass manche besser gefallen als andere. Das war auch bei diesem Band so, aber dennoch schätze ich derartige Texte zwischendrin sehr, weil sich auf so wenigen Seiten oft ein bemerkenswertes literarisches Talent zeigt.
Jess Gibson hat hier einige sehr starke Geschichten geliefert, in denen sie eine zuerst recht gewöhnliche Welt zeichnet, nur um sie am Ende in wenigen Sätzen komplett zu verrücken.
Besonders die ersten Kurzgeschichten fand ich diesbezüglich ganz stark.
Nach dem tollen Start gab es aber auch einige Geschichten, die für mich etwas blass erschienen und deren Aussage ich nicht wirklich greifen konnte. Andere haben mich wiederum mit ihrer Atmosphäre begeistert. Was ich mir insgesamt aber mehr gewünscht hätte, ist das auf dem Klappentext erwähnte Rebellische. In einigen Kapiteln habe ich das intensiver erwartet, obwohl ich die Impulse insgesamt gut fand.
Eine nette Lektüre für zwischendurch und für alle mit weniger Lesezeit. Die Autorin schafft es mit ihren Kurzgeschichten wiederholt, die eben erst gefällte Meinung über die Figuren völlig zu kippen und das habe ich genossen, auch wenn mich das Buch wahrscheinlich nicht mehr lange beschäftigen wird. Das finde ich für diese Art von Roman aber sehr in Ordnung.
Eine kluge, liebevolle und hoffnungsspendende Perspektive
Liebe Wilhelmine oder Plädoyer fürs Kinderkriegen in der Klimakrise von Marisa Becker
Ich liebe die Reihe des Kjona-Verlags und ehrlicherweise weiß ich da nie, wieso ich etwas von der Wertung abziehen sollte, weil es eben immer Meinungsbeiträge sind, die bislang doch stets meine eigene Perspektive erweitert haben. Auch dieser Band hat das absolut erfüllt.
Ich bin sehr gefestigt und zufrieden in meiner Überzeugung, selbst keine Kinder zu wollen.
Das soll aber nicht bedeuten, dass mir Eltern- und Kinderperspektiven egal sein dürfen - im Gegenteil. In einer solidarischen, gleichberechtigten Welt müssen all die verschiedenen Bedürfnisse irgendwie zusammengebracht werden. Diese Ansicht teilt auch Marisa Becker und schreibt deshalb in ihrem Essay eindringlich und liebevoll von einer Zukunft, die für alle aktuellen und noch kommenden Generationen lebenswert ist.
Dass die Klimakrise real ist, vergisst sie dabei selbstverständlich nicht. Sie balanciert jedoch stets gut zwischen realem Ernst und freundlichem Optimismus. Wie sie selbst schreibt, haben Menschen für viele Dinge schon kluge Lösungen gefunden und maßgeblich daran beteiligt sind immer auch die neuen Generationen, die frischen Wind in Debatten und Innovationen bringen. Becker wirft die wirklich berechtigte Frage auf, für wen es sich denn zu kämpfen lohnt, wenn nicht für die noch kommenden Menschen?
Sie widerlegt Mythen rund um Kinder als Klimasünde und Überbevölkerung, ohne dabei je den Ernst der Lage zu verkennen. Dennoch gelingt es hier gut, die Verantwortung der Einzelnen vor allem auf die Systemkritik und eine Neuausrichtung ebendiesen Systems auszurichten. Becker bleibt sachlich, aber auch zugewandt und ich habe ihre Gedanken gern gelesen. An keiner Stelle habe ich mich in meiner eigenen Entscheidung bevormundet gefühlt, im Gegenteil. Die Autorin ergreift Partei dafür, dass alle Menschen die Kinderentscheidung selbst treffen können und adultistisch sowie rassistisch begründete Narrative bei dieser Entscheidung keine Rolle spielen sollten.
Ihr wertschätzender Blick auf insbesondere Eltern und Kinder hat mich berührt, ihre Impulse meinen Horizont erweitert. Denn Kinder suchen sich ihre Welt nicht aus, wir müssen sie für sie so gestalten, dass sie lebenswert ist und bleibt. Das schmale Werk lege ich wirklich allen Nicht-Eltern wie auch Eltern ans Herz. Es macht Hoffnung und Mut - und davon können wir schließlich nie genug haben.
Otoo überwältigt erneut mit präziser Sprache und immenser Dichte
So, in etwa, ist es geschehen von Sharon Dodua Otoo
Nach „Adas Raum“ ist dies mein zweiter Roman der Autorin und ich komme aus der Begeisterung gar nicht mehr heraus. Dieses schmale Werk könnte dichter nicht sein, während es Unterhaltung und politische Schlagkraft präzise ausbalanciert.
Allein der Aufbau der Geschichte ist fantastisch! Wir kennen das Ende und werfen von da aus einen Blick in die Stunden bevor Amata ihren Chef Brockhaus umbringt.
Doch es wird noch besser! Otoo hat sich für eine raffinierte Erzählstruktur entschieden, welche die Ich-Erzählerin, Kommentare aus dem Off und ergänzende Anhänge höchst unterhaltsam miteinander verbindet.
In vier Kapiteln arbeitet sich Amata auf atemlose Weise zunächst an verschiedenen Dimensionen der Wahrheit entlang, schweift immer mal ab und ist dabei eine spannende sowie vielschichtige Figur. Die Erzählweise ist fast schon nüchtern, was hervorragend zum absoluten Schuldeingeständnis der Protagonistin passt. Ergänzt wird ihr Monolog durch Anmerkungen der Herausgeberin, sodass es sich beim Lesen anfühlte, wie ein Buch im Buch zu lesen.
Absolut grandios wird es dann in den Anhängen, die zum einen ein Nachwort der Herausgeberin sowie die äußerst ausschweifende Audiotranskription des Opfers umfassen. Letztere gibt uns einen SEHR guten Eindruck davon, was Amata während der gemeinsamen Autofahrt ertragen musste - ich habe mich quasi in Rage gelesen! Ob Amatas Konsequenz dann schlussendlich gerechtfertigt scheint, darf dank der geschickten Ergänzungen offen debattiert werden.
Das Werk fasst nicht einmal 150 Seiten und ist entsprechend unfassbar dicht geschrieben. Otoo setzt ihre Worte wie kaum eine andere. Jedes Wort trifft, jeder Satz ist wohlüberlegt. Die Autorin macht einen gesellschaftskritischen Rundumschlag, der seine Wirkung nicht verfehlt, aber überhaupt nicht trocken ist. Kurze Geschichten funktionieren für mich nicht immer, aber hier könnte es besser nicht sein. Ein Roman, der mich atemlos gefesselt und restlos begeistert hat. Definitiv eine Empfehlung, die sicherlich auch von einem wiederholten Lesen profitiert, um die volle Dimension des Geschriebenen erfassen zu können.
Sehr poetisch und sprachlich besonders - hat mich aber zu spät an sich herangelassen
Weißer Sommer von Eva Pramschüfer
Ich hatte aufgrund der guten Besprechungen wirklich hohe Erwartungen an das Debüt von Eva Pramschüfer. Und ich halte sie wirklich für eine ganz besondere literarische Stimme mit großem Talent. Leider hat mich die von ihr gewählte Sprache aber einfach nicht so erreichen können, wie ich es für diese Plot-arme Geschichte gebraucht hätte.
Eva Pramschüfer schreibt malerisch, was sehr zu den künstlerischen Seiten ihrer beiden Hauptfiguren passt, und voller Poesie, welche die Grenzen von Kapiteln oder Absätzen zu sprechen weiß. Und so sehr ich anerkenne, dass sie wirklich schön und vor allem besonders schreibt, entspricht es doch nicht meinem Geschmack. Eine poetische Sprache verhindert bei mir schon in geringen Mengen die emotionale Nähe zu den Figuren, die ich in literarischen Werken üblicherweise brauche und die mir auch hier wichtig gewesen wäre.
Dabei schafft Pramschüfer es unvergleichlich gut, die innere Zerrissenheit ihrer Figuren einzufangen, die Suche nach Zugehörigkeit in den Zwanzigern voller Authentizität abzubilden. Auch wenn ich phasenweise wirklich angestrengt war von der fehlenden Kommunikation des Paares, fand ich ihren Umgang miteinander doch überwiegend liebevoll und vor allem nachvollziehbar für eine Zeit im Leben, die bei vielen Menschen von Unsicherheiten geprägt ist.
Schwer gemacht wurde mir die Lektüre zudem durch die vielen Wechsel der Erzählperspektiven und Zeitebenen. Alles fließt ineinander, ohne klar gekennzeichnet zu sein und an der Stelle hätte ich einfach deutlich mehr Struktur gebraucht.
Eigentlich wollte ich noch schlechter bewerten, weil ich wirklich über einen Abbruch nachgedacht habe. Im letzten Drittel hat mich die Autorin aber doch noch erreicht und ich habe die ambivalente Emotionalität von Alma und Théo selbst fühlen können. Das Ende ist unglaublich gut gelungen, davor kann ich wirklich nur meinen Hut ziehen.
Es war nicht mein Buch, aber das liegt einfach nur an meinen sprachlichen Präferenzen. Wer Poesie mag und keine Plot-getriebene Geschichte sucht, sondern sich treibend mit den Figuren bewegen möchte, sollte dieses Debüt unbedingt lesen. Eva Pramschüfer verdient für ihr Talent eindeutig Aufmerksamkeit, auch wenn wir hier stilistisch nicht zusammengekommen sind.











