Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Reiseweise:
Spannend und brutal
Adama von Lavie Tidhar
Im neuen Roman von Lavie Tidhar zeigt der Autor anhand der Geschichte einer Familie im Kibbuz auf, wie sich die spannende und gewaltvolle Geschichte Israels auf ebenso spannende und gewaltvolle Weise mit den Geschichten der Menschen dort verknüpft.
In verschiedenen Zeitsprüngen und Zeitabschnitten wird das Leben von Ruth und ihrer Familie geschildert - von den Anfängen, als Ruth als zionistische Widerstandskämpferin gegen die britische Mandatsarmee kämpfte über den Krieg nach der Staatsgründung, den Aufbau des Kibbuz, den Sechs-Tage-Krieg, den Jom-Kippur-Krieg bis hin zum Lebensende von Ruth.
Man nimmt an Ruths Suche nach ihrer Schwester teil, von der sie nicht weiß, ob sie die Konzentrationslager in Europa überlebt hat, man begleitet ihre Enkel beim Aufwachsen und ihre Verstrickungen in kriminelle Machenschaften. Sehr kunstvoll und gelungen ist, dass immer wieder Personen, Erinnerungen und Orte in Zeitabschnitten auftauchen, in denen man sie nicht erwartet hatte. Wichtig ist zu wissen, dass eigentlich alle Charaktere früher oder später in der Geschichte jemanden (oft brutal) umbringen… Ein spannendes Buch!
Rache Inc.
Hustle von Julia Bähr
Der Roman beginnt mit einer Racheaktion, die so kreativ ist, dass man sie heimlich gerne auch mal ausprobieren möchte: Leonie befeuchtet Sessel, Teppich, Mousepad und Aktenordner im Büro ihres fürchterlichen Chefs und streut großzügig Kressesamen aus… In ihrem neuen Job in München bestimmt sie Insekten in der Zoologischen Staatssammlung und da man in München mit einem normalen Gehalt nicht über die Runden kommt, entwickelt sie ein Side-Hustle für kreative Racheaktionen.
Dabei wird sie in eine Freundinnengruppe aufgenommen, die alle einen nicht legalen Nebenerwerb haben, damit sie sich München leisten können…
Der Roman ist locker-lakonisch geschrieben, die Figuren haben Tiefe, typische Klischees werden geschickt vermieden, die Figuren sind divers aber nicht auf eine Art und Weise, die verkrampft wirkt - und dann noch viel Kritik am Wohnungsmarkt und hochnäsigen Münchnern? Hervorragend!
Sommer im Exil
Wenn die Sonne untergeht von Florian Illies
Ein Buch von Florian Illies, wie man es kennt: In kleinen Episoden erzählt er in ironischem und sehr präzisem Ton von den Manns, der größten deutschen Schriftstellerfamilie. Basierend auf deren Tagebucheinträgen und anderen historischen Quellen zeichnet der Autor nach, wie schwer sich Thomas Mann und Katia im erzwungenen Exil im Süden Frankreichs taten.
Die Kinder, die fast alle Literaten eigenen Ranges waren oder wurden, erkannten viel schneller die mörderische Gefahr des Nazi-Regimes und drängten die Eltern und Großeltern zum Exil und publizistischen Widerstand, in dem Bruder Heinrich Mann schon angekommen war.
Besonders interessant waren die Informationen über und Einblicke in das Leben und die Gedanken von Klaus, Erika und Golo Mann. Auch die Atmosphäre des kleinen Sanary-sur-Mer mit seinen anderen berühmten Exilanten ist gut eingefangen. Dieses Buch sollte man zwischen Uwe Wittstocks Winter 1933 und Marseille 1940 lesen, um ein vollständiges Bild des Exils deutscher Schriftsteller:innen zu erhalten.
Unbekannte und bekannte Forscherinnen
Geniale Frauen, geniale Forschung von Frances Durkin; Ute Löwenberg
In diesem Buch ist eine Vielzahl an Forscherinnen, Entdeckerinnen und Wissenschaftlerinnen versammelt, von denen man leider nur teilweise gehört hat. Aber das ändert sich hoffentlich für eine Generation an Kindern, die Bücher wie dieses lesen können. Im Buch werden die Fossilienexpertin Mary Anning, die Physikerin Lise Meitner und andere bekannte Forscherinnen portraitiert.
Aber wer kannte die chinesische Nobelpreisträgerin Tu Youyou oder die Kevlar-Erfinderin Stephanie Kwolek vor der Lektüre dieses Buches?
Die Zeichnungen sind auch sehr schön, der einfache Malstil ist gefällig und lenkt nicht zu sehr von den kleinen Texten ab. Abgerundet wird das Buch dadurch, dass zu jeder Wissenschaftspionierin auch ein passendes Experiment angeboten wird, mit dem der eigene Forscher:innengeist angeregt werden kann.
Geruhsamer Winter
Alle weg von Stefan Maiwald
Wenn die Sommerhitze abklingt, die letzten Tourist:innen der Nebensaison den Strand verlassen haben und wieder die Ruhe einkehrt, dann beginnt in der kleinen Lagunenstadt Grado zwischen Venedig und Triest der Winter. Der ist nämlich für den Autoren, der seit 20 Jahren dort lebt, nicht durch die Jahreszeiten definiert, sondern durch das Gefühl der Einkehr und den Wechsel der Gesprächsthemen in seiner Lieblingsbar.
Diese Gesprächsthemen und die einsetzende Beschaulichkeit beschreibt er sehr atmosphärisch und beim Lesen stellt sich direkt ein Gefühl der Gemütlichkeit ein. Man lernt einige unterhaltsame Charaktere aus dem Örtchen kennen (manche haben auch schon in den anderen Büchern des Autoren eine Rolle gespielt) mit all ihren Eigenheiten, lernt etwas über das Leben abseits des Tourismus in Grado und über italienische Feiertage. Zudem ist das Cover wirklich sehr schön gestaltet - ein Buch für gemütliche Herbst- und Winterstunden.
Gut gemachte Satire
Das Geschenk von Gaea Schoeters
Eines Morgens sind in Berlin Elefanten unterwegs. Nicht nur einer, sondern ganze Herden. Und sie sind nicht aus dem Berliner Zoo ausgebrochen - sondern ein Geschenk des Präsidenten von Botswana. Er erklärt dem deutschen Bundeskanzler gut gelaunt am Telefon, dass er 20.000 der großen Tiere nach Deutschland schaffen ließ, da in seinem Land kein Platz mehr sei und der globale Norden auch seinen Teil zum Artenschutz beitragen solle.
Aus dieser ungewöhnlichen Ausgangslage entsteht eine kurzweilige (und tatsächlich nicht allzu lange), unterhaltsame und teils herrlich spitze Satire, die aufzeigt, wie die Bundesregierung nun mit diesem unverhofften Artenreichtum umgeht. Die politischen Ränkespiele, die strategischen Entscheidungen, der Versuch den Elefantendung ökonomisch zu nutzen, die PR-Coups, die Verkehrsunfälle und die Weigerung einzelner Bundesländer, ihren Teil der Elefanten aufzunehmen, sind so überzeugend dargestellt. Auch viele Parteien und Politiker:innen lassen sich sehr eindeutig erkennen… Und am Ende ist es so, wie man es erwartet, wenn einzelne Akteur:innen das richtige tun wollen, aber sich nicht trauen. Parallelen zum Umgang mit Geflüchteten, der Klimakrise und ähnlichen Herausforderungen sind ebenso offensichtlich. Lohnenswert!
Zum Nachdenken
Im Leben nebenan von Anne Sauer
Zwei Versionen derselben Frau erleben zwei Versionen ihres Lebens - zum einen Toni, deren Kinderwunschbehandlungen sie zweifeln lassen, ob sie das wirklich alles so will und zum anderen Antonia, in deren Leben Toni plötzlich aufwacht: Als Mutter eines kleinen Babys, mit der Jugendliebe verheiratet und im spießigen Dorf geblieben.
Beide, Toni und Antonia, hadern mit ihren Lebensversionen, sie erleben Momente des Glücks und der Leichtigkeit ebenso wie Momente der Überforderung und der Frage, was sie eigentlich wollen vom Leben. Vor allem begegnen sie immer wieder Situationen, in denen andere von ihnen verlangen, sich zur Mutterschaft zu verhalten, eine Rolle anzunehmen und gefälligst genau zu wissen, wie man sich verhält, obwohl sie das nicht wollen oder können.
Sprachlich geschickt und zum Nachdenken anregend ist dies ein Debutroman, den auch auf jeden Fall Männer lesen sollten, zumal Bücher zu diesem Thema aus Männerperspektive vollständig fehlen.
Nette Geschichte
Aristide Ledoux - Meisterdieb wider Willen von Frank Maria Reifenberg
Aristide Ledoux, der Protagonist des gleichnamigen Buchs, ist ein Pariser Meisterdieb - und überlebt nur knapp einen Anschlag auf sein Leben. Er wird von Julien aus den Wassern der Seine gefischt und zu Leontine gebracht, der Tochter des Präsidenten der Pariser Geheimpolizei. Die drei Teenager versuchen, Aristides Geschichte auf die Spuren zu kommen.
Die Geschichte, die sich daraus entspannt, ist durchaus spannend. Sie ist sehr rasant erzählt - zu rasant an vielen Stellen. Es bleibt keine Zeit, um die Figuren auszuarbeiten und ihre Verbindungen zueinander zu entdecken (woher kennen sich z.B. Julien und Leotine?) und es werden immer mehr Einfälle und Figuren in die Geschichte eingebracht, die oft kaum eine Rolle spielen. Das ist schade, denn durch die guten Zeichnungen hätte die Geschichte noch viel mehr Potenzial gehabt.
Mathe und James Bond
Dr. No von Percival Everett
Die sich daraus entspinnende Geschichte ist voll von Absurdität. Absurde Dialoge: Im Traum unterhält sich der Protagonist mit seinem einbeinigen Hund über mathematisch-philosophische Probleme. Absurde Figuren: Der ab und zu sprechende einbeinige Hund und diverse Mathematikgenies mit Spektrumsstörung.
Absurde Plots: Mr. Sill reist von Bösewichtversteck zu Bösewichtversteck. Die Dialoge und inneren Monologe sind oft geradezu nihilistisch, nach dem fünfzigsten Wortspiel mit dem Wort „nichts“ wird auch das eher nervig, die Darstellung von Aspergerverhalten ist klischeehaft und viele Seiten Text sind ebenso belanglos wie unverständlich. Nicht, dass man nicht auch mal Fermi-Unsicherheiten googlen kann beim Lesen, aber sie einfach so hinzuwerfen ohne Bezug macht die Geschichte nicht besser. Wie genau das mit dem „nichts“ funktioniert, bleibt ebenso unklar und die im Klappentext besprochenen Seitenhiebe auf Macht und Ethnie sind rar. Schade. „Die Bäume“ war eine großartige Satire auf Rassismus, „James“ war sprachlich grandios, diesem Buch von Everett fehlt beides, guter Inhalt und gute Sprache. Den dritten Stern nur wegen des halbwegs gelungen Endes.
Soul und Verzweiflung
Strandgut von Benjamin Myers
Earlon „Bucky“ Bronco ist ein gealterter, kranker Soulsänger aus Chicago. Seine Frau ist gestorben und gesungen hat er seit Jahrzehnten nicht mehr, als sein einziger großer Hit veröffentlicht wurde. Doch dann wird er überraschend zu einem Soul-Festival nach Yorkshire eingeladen - und fliegt kurzentschlossen hin.
Dort angekommen, muss er sich seinen Depressionen ebenso stellen wie seiner Opioidsucht, doch er findet auch neue Hoffnung.
Benjamin Myers zeichnet ein sehr deprimierendes Bild des englischen Nordens: Verfallende Städte, bevölkert von gescheiterten Existenzen und Alkoholikern. Einziger Lichtblick ist das Soul-Festival. Die Beschreibungen der Atmosphäre sind sehr lyrisch, oft etwas zu blumig, und sowohl bei Bucky als auch Dinah, der zweiten Protagonistin des Romans, wird viel Zeit darauf verwendet, ihre schlimme Situation darzustellen. Die Beschreibungen von Buckys Entzugserscheinungen nehmen sehr viele Seiten ein. Die hoffnungsvollen Passagen sind kürzer, haben mich aber mehr abgeholt. Was teilweise gestört hat, waren einige holprige Übersetzungen - so wurde z.B. aus dem geläufigen englischen Schimpfwort „utter prick“ der „völlige Penis“, was überhaupt nicht passt. Insgesamt ein Buch, das man mag, wenn man Benjamin Myers mag.











