Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Reiseweise:
Erinnerungen einer alten Dame
Das Philosophenschiff von Michael Köhlmeier
Die Architektur-Professorin Anouk Perleman-Jacob, einhundert Jahre alt, beschließt, einem Schriftsteller ihre Lebensgeschichte zu erzählen und wie sie nach den Wirren der russischen Revolution mit ihren Eltern auf Geheiß von Lenin und Trotzki ausgebürgert wurde. Warum erzählt sie es genau diesem Schriftsteller? Weil er einer sei, dem man glaube, wenn er lügt und nicht glaube, wenn er die Wahrheit schreibt - so wisse am Ende niemand genau, was wahr sei und das kommt ihr entgegen, da ihr Geschichte so unwahrscheinlich klingt.
In diesem Roman verschwimmen folglich Wahrheit, Unwahrheit und Halbwahrheiten mit realen historischen Ereignissen und Ausgedachtem. Man hört den selten linearen Erinnerungen der alten Dame zu und liest regelmäßig in Wikipedia nach, ob diese oder jene Person real war - denn es treten neben bekannten Namen wie Trotzki eine Menge weiterer Persönlichkeiten der bolschewikischen Revolution auf. Und dann noch eine, mit der man nicht rechnet…
Wie im Spionagefilm
Der Spion und der Verräter von Ben Macintyre
In diesem realen Thriller erzählt Autor Ben Macintyre die unglaubliche Geschichte des Doppelagenten Oleg Gordijewskis, der als sowjetischer KGB-Spion in Kopenhagen und London operiert hat und dann zum britischen Geheimdienst überlief, während er gleichzeitig Karriere im KGB machte. Sein Weg durch die Ränge des sowjetischen Spionagedienstes und seine klandestine Tätigkeit für den MI6 werden chronologisch nachgezeichnet - bis hin zu dem dramatischen Finale, denn er ist nicht der einzige Doppelagent des Kalten Krieges und der KGB ist ihm auf der Spur…
Oleg Gordijewski ist vermutlich kaum jemandem ein Begriff und doch scheint er eine zentrale Rolle im Kalten Krieg gespielt zu haben, da sein Geheimnisverrat auf verschlungenen Wegen zur Annäherung der Weltmächte geführt hat.
Macintyre beschreibt mit hohem Tempo und hoher Spannung die heute teilweise abstrus anmutenden Wege, mit denen Kontakte zwischen Spionen aufgenommen wurden (Schokoriegel und Kreidestriche spielen eine besondere Rolle…) und das Buch wirkt dadurch teilweise wie ein Spionagefilm der besten Sorte. Ein spannendes Werk!
Ein persönliches Buch
Hab ich noch Hoffnung, oder muss ich mir welche machen? von Till Raether
In diesem neuen kleinen Büchlein von Till Raether geht es um eines der größten Wörter - um Hoffnung. In seinem typischen Stil schreibt Raether sehr persönlich und offen, reflektiert, manchmal zögerlich und immer sehr ehrlich über Dinge, die ihm Hoffnung machen und Dinge, die ihm Hoffnung rauben.
Dabei geht es sowohl um die Klimakrise als auch um seine eigene Depression oder seine Lieblingsgedichte. Einige Kapitel stimmen sehr hoffnungsvoll, andere scheinen einem eher die Hoffnung zu nehmen und man erkennt viele seiner Gedanken und Empfindungen wieder. Er geht der Frage nach, wie und warum man sich eigentlich Hoffnung machen kann, wenn man doch rational sieht, dass es immer weniger Gründe dafür gibt oder ob man sie sich gerade deswegen selber machen soll. Denn das ist die Kernbotschaft: Hoffnung muss man machen, am besten mit anderen zusammen und im Kleinen genau wie im Großen.
Gedankenstrom
Die Verletzlichen von Sigrid Nunez
Eigentlich geht es in diesem Roman um nichts. Er hat kaum eine Handlung und die Erzählerin bleibt namenlos. Aber trotzdem - es entspannt sich eine Geschichte, die man Seite um Seite gerne liest und sich ab und zu fragt, wie man eigentlich von dem einen Thema zum anderen kam, ohne sich je daran zu stören.
Man hört quasi der Erzählerin zu, wie sie über ihr Leben im Lockdown 2020 spricht, sich an ihre Jugend erinnert, mit ihren Freundinnen telefoniert, Zitate ihrer Lieblingsautor:innen einpflegt, über Haustiere sinniert. Sie flicht Verweise auf reale Ereignisse und sogar bekannte YouTube-Videos so geschickt ein, dass der Roman sehr autobiographisch wirkt. Das Pandemiethema ist so gut wie in kaum einem anderen aktuellen Roman in die Handlung eingebunden.
Der Papagei, der auf dem Cover abgebildet ist, kommt selbstverständlich auch im Roman vor, auch wenn er eher eine Nebenrolle spielt.





