Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Krani:
Poetisch
Strandgut von Benjamin Myers
Er hatte mal einen Hit: Bucky, inzwischen über siebzig Jahre alt, ist nach England eingeladen, um ihn dort auf einem Festival zu singen. Zuhause in USA ist er längst vergessen, aber hier ist er ein Star, so wie er es als Jugendlicher hätte werden können. Doch seitdem ist eine Menge passiert. Jetzt trifft er auf Dinah, die ebenso wie er ein Leben voller Schwierigkeiten und Sorgen führt.
Wie das Leben uns verwundet, und wie wir trotzdem immer weitermachen, darum geht es in diesem Buch. Der Autor ist bei uns schon mit „Offene See“ bekannt geworden. Ich schätze seinen poetischen Stil und die Art, wie er Menschen beschreibt. Es sind glaubhafte, gebrochene Persönlichkeiten, die in ihrer Jugend voller Leidenschaft und Energie waren und im Laufe des Lebens viel haben einstecken müssen. Doch sie sind immer noch die, sie früher einmal waren.
Für Lesende, denen das Thema Altern bereits begegnet ist.
Schräg und spaßig
Very Bad Widows von Sue Hincenbergs
Es geht um vier wohlhabende Paare in ihren Sechzigern. Einer der Männer verstirbt bei einem Unfall. Oder war es Mord? Es wurde viel Geld unterschlagen, und die Ehefrauen, die sich um ihre Alterssicherung betrogen sehen, schmieden ein Komplott. Doch das ist erst der Anfang.
Die Geschichte ist voller Überraschungen und unerwarteter Wendungen.
Und sie ist witzig: Es sind im Grunde ganz normale Menschen, die plötzlich mit monströsen Vorwürfen und Überlegungen konfrontiert sind. Dabei wollen sie eigentlich nur ein gutes Leben haben, am liebsten mit einander. Das Geschehen verändert die Menschen nicht, sie bleiben ebenso bieder und bürgerlich wie zu Beginn. Aber ihre Partnerschaften erleben eine neue Wertschätzung.
Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven dargestellt, teilweise wird dieselbe Szene von den verschiedenen Beteiligten nacheinander geschildert, und sie ist jedes Mal ganz anders. Das wird spannend, wenn es darum geht, wer was weiß und wer eventuell einen (weiteren) Mord plant.
Ich hatte einen Krimi erwartet, vielleicht einen Thriller. Aber nicht so viele schräge Ideen und Verrücktheiten. Das hat Spaß gemacht! Wer Geschichten voller Überraschungen jenseits von Genres mag, ist hier richtig.
Großartig
Himmlischer Frieden von Lai Wen
Lai wächst in einem Arbeiterviertel in Peking auf. Als Erwachsene studiert sie Literatur und nimmt an den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens teil. Hier erzählt sie, wie es dazu kam. Der Roman basiert auf ihren eigenen Erfahrungen und auf den bekannten Tatsachen.
Es ist eine ruhig und fast poetisch erzählte Geschichte um eine schüchterne Protagonistin, die in Ich-Form von ihrer Kindheit, ihrer Schulzeit und ihrem Studium berichtet.
Das liest sich authentisch und bewegend. Sie schildert ihre Familie und ihre Schulfreunde nuanciert und voller Wärme. Die Unterdrückung der Menschen in China durch die kommunistische Führung wird immer wieder an Einzelpersonen deutlich, beginnend mit ihrem Vater.
Die historischen Ereignisse gipfeln im Tiananmen-Massaker auf dem Platz den Himmlischen Friedens, mitten in Peking, im Juni 1989.
Ich freue mich sehr, aus dieser unbekannten Welt so eine angenehm zu lesende Geschichte ganz normaler Menschen genießen zu dürfen. Es ist großartige Literatur. Ein Highlight!
Steigende Wasser
Das Echo der Sommer von Elin Anna Labba
Inga lebt mit Mutter und Tante nomadisch im Norden Schwedens. Sie gehören dem Volk der Samen (Lappen) an. Als sie eines Tages in ihr Sommerhaus zurückkehren wollen, ist das ganze Dorf überflutet: Man hat einen Staudamm zur Stromgewinnung gebaut und das Tal geflutet, ohne die Menschen vorher auch nur zu informieren.
Und der Wasserspiegel steigt weiter. Vieles an der Geschichte und der geschilderten Lebensweise erinnert an die indigenen Völker Nordamerikas.
Die Frauen sind sehr lebensnah geschildert, sie sind emotional, naturverbunden und pragmatisch. Das Dorf ist eine lose Gemeinschaft, in der man einander hilft, und die Jahreszeiten geben den Rhythmus vor, zusammen mit den Rentieren. Das Leben ist hart und voller Herausforderungen. Ingas Mutter will etwas Dauerhaftes schaffen, für sich und ihre Familie. Doch das Tal, in dem sie leben, verschwindet im Stausee und mit ihm, nach und nach, auch die Lebensweise der Samen.
Was fehlt, ist ein Glossar. Es kommen zahlreiche samische Begriffe vor, die nicht erklärt werden und die man sich aus anderen Quellen erschließen muss. Es wird auch samisch gesprochen, ohne dass eine Übersetzung angegeben ist. Nur wenige Ausdrücke erschließen sich aus dem Zusammenhang.
Die Autorin hat mit einem Sachbuch zum Thema schon Preise gewonnen. Hier die fiktionale Bearbeitung der Vertreibung der Samen durch den Staudammbau im 20. Jahrhundert. Das ist sehr gelungen und mehr als lesenswert. Es ist großartige Literatur.
Menschen auf der Brücke
Die Brücke von London von Julius Arth
Die Brücke von London („London Bridge“) wurde schon im 13. Jahrhundert errichtet. Etliche Häuser stehen darauf, es ist fast eine eigene Stadt. Hier geht es um eine frisch verwitwete Händlerin, die im 18. Jahrhundert auf der Brücke ihr Geschäft hat, und um zwei Schwestern, die zur Zeit des ersten Brückenbaus lebten.
Der Stil dieses Autors hat mir besondere Freude bereitet. Die Sprache ist wunderbar zu lesen. Die Figuren werden liebevoll geschildert, und die meisten von ihnen sind ein bisschen seltsam. Man kann gut mit ihnen mitfühlen. Bis in die Nebenfiguren hinein sind die Charaktere interessant und scharf gezeichnet. Ich hatte fast den Eindruck, ein neues Buch von Charles Dickens zu lesen. Das ist kein Zufall: Der Autor ist Spezialist für englische Literatur. Sein Protagonist heißt Oliver.
Die Geschichte ist sehr spannend und schildert anschaulich die sozialen Ungleichheiten jener Zeit. Die kleinen Leute sind die Guten, es sei denn sie sind allzu arm, so wie eine Gruppe von Straßenkindern, die nur mit Betrügereien überleben können. Sie legen einen besonderen Einfallsreichtum an den Tag, der die Geschichte und die Rettung der Hauptperson vorantreibt.
Eine besondere Lesefreude, für die man sich getrost Zeit nehmen sollte. Zu schade für „zwischendurch“.
Das leben tanzen
Der ewige Tanz von Steffen Schroeder
Das rote Cover zeigt die Dargestellte nur zur Hälfte. Erst wenn man das Buch aufklappt, ist sie ganz zu sehen. Anita Berber passte nicht ins Bild. Sie lebte exzessiv und intensiv, sie war eine Künstlerin, die machte, was sie wollte. Und sie lebte zu einer Zeit, in der ihre Kunst, der Ausdruckstanz, erfolgreich sein konnte – oder als vulgär verurteilt wurde.
Anita Berber war der große Star eines heute vergessenen Genres: Der Ausdruckstanz, der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts parallel zum Stummfilm Leidenschaften auf die Bühne brachte, ist schon lange vergessen. Entsprechend schwierig ist es heute, sich vorzustellen, wie das damals war.
Romanhaft schildert der Autor die Lebensgeschichte der Berber, in Form von Rückblicken. In der Gegenwart liegt sie bereits im Sterben, mit 29 Jahren.
Ein kleines Mädchen, das tanzt. Sie lernt klassisches Ballett und hat ihren ersten Soloauftritt, noch ehe sie 18 wird. Sie ist begeistert, geradezu entflammt von klassischer Musik, und spürte diese im ganzen Körper. Das ist nicht leicht zu vermitteln, so rein als Text. Ich habe die Faszination vermisst, die Tanz sein kann, für Tanzende und Zuschauende. Ich habe nicht mitempfunden, was die Berber antrieb. Vielleicht ist ein Buch dafür das falsche Medium. Eine gewisse Ahnung davon findet sich in den bekannten Stummfilmen von Fritz Lang. In manchen hat sie mitgespielt.
Ich hätte mir zumindest Fotos gewünscht, und vielleicht ein paar Links zu filmischen Aufzeichnungen.
Gut zu lesen ist es auf jeden Fall. Eine Reise in eine ferne Zeit und in die Künstlerszene des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Spannende Jagd um historische Juwelen
Im Auftrag der Fugger - Der Burgunderschatz von Peter Dempf
Afra ist eine junge Bettlerin, die 1503 in Augsburg lebt. Sie gerät an den „Fugger-Boten“ Herwart. Mit ihm reist sie nach Basel, um Teile des Burgunderschatzes für Jakob Fugger zu kaufen. Es wird eine abenteuerliche und lebensgefährliche Reise. Der Autor hat schon mehr als ein Dutzend solcher Romane geschrieben und dafür auch Preise erhalten.
Das Buch ist flüssig zu lesen und äußerst spannend geschrieben. Die Heldin Afra weiß sich zu behaupten, ist mutig, gutherzig und ziemlich clever. Sie besitzt einen durchaus vielschichtigen Charakter; neben ihr bleibt selbst Herwart etwas blass.
Zu dieser Zeit gab es in Deutschland keine Post, keine öffentlichen Verkehrsmittel und keinerlei Fürsorge für Waisen und arme Leute. Doch wir erfahren nur wenig darüber, wie die Menschen damals im Alltag lebten. Auch der historische Jakob Fugger hat nur wenige, recht kurze Auftritte. Da hätte ich mir mehr gewünscht. Es gibt einige interessante Einzelgestalten, die ein Schlaglicht auf die Zeit hätten werfen könnten, aber ihre Geschichten werden nicht weiter vertieft. Schade.
Wir erleben eine spannende Abenteuergeschichte voller Cliffhanger und Gefahren, die auch in vielen anderen Zeiten hätte spielen können. Es ist eher ein Thriller als ein historischer Roman. Nicht alle Handlungsstränge werden zu einem Ende geführt, es bleiben Fragen offen. Es gibt ein Personenverzeichnis und ein kurzes Glossar. Eine Landkarte der Gegend, durch die Afra und Herwart unterwegs sind, wäre auch noch hilfreich gewesen.
Wegen der Blässe der Charaktere und der vielen vergebenen Chancen, mehr über diese Zeit zu erfahren, gebe ich nur drei Sterne.
Das Leben nach seinem Tod
Von hier aus weiter von Susann Pásztor
Marlenes Ehemann Rolf war schwer an Krebs erkrankt, als er Suizid beging. Marlene bleibt allein zurück. Tragischer kann eine Geschichte kaum anfangen. Doch Marlene findet ins Leben zurück.
Wie erleben diese Entwicklung aus Sicht von Marlene selbst. Ihre Verzweiflung ist sehr glaubwürdig, und ihre Resignation ist es ebenfalls.
Was sie tut und nicht tut, kann man gut nachfühlen. Sie gerät in schräge, fast witzige Situationen, neben aller Tragik. Dieses Nebeneinander funktioniert, und es macht das Besondere dieses Buches aus.
Nach ziemlich schrägen Anfangsszenen in der Toilette eines Gasthofes entsteht der Eindruck, das Ganze sei doch ein wenig vorhersehbar: Als ein ehemaliger Schüler von Marlene auftritt und kurzerhand bei ihr einzieht, bringt er neue Aspekte in ihr Leben und kommt ihr auch menschlich etwas näher. Doch er bleibt eine Nebenfigur und lässt ihr Raum, ihr und ihrem Schmerz. Eine frühere Freundin von Marlene hört nicht auf, Kontakt zu ihr zu suchen und hat schließlich eine Überraschung für sie. Damit wird eine wunderschöne Versöhnung mit der Katastrophe um den Verstorbenen möglich.
Die Autorin hat es geschafft, aus einem höchst tragischen Setting eine Wohlfühlgeschichte zu machen, die glaubhaft ist und überrascht. Bravo!
Geld erklären
Money Mindset. Finanzieller Erfolg beginnt im Kopf von Simon Schöbel
Der Autor betreibt verschiedene Kanäle im Internet, auf denen er Finanzwissen teilt. Dieses ist sein erstes Buch.
Der Ansatz ist interessant: Schöbel entschlüsselt zunächst Glaubenssätze, die uns im Umgang mit Geld beeinflussen. Aus subjektiven Gründen machen wir Fehler, anstatt uns von Vernunft leiten zu lassen.
Dann geht es um Fakten: Aktien, ETF, Zinseszins und verschiedene Arten von Gewinn, den man machen kann. Wichtiger Aspekt: An der Börse zu investieren bedeutet, auf Zeit zu setzen. Das braucht Geduld. Man muss abwarten können und sollte nicht auf jedes kleine Auf und Ab reagieren. Bei Immobilieninvestment, Blockchains, Rohstoffen bleibt das Buch etwas an der Oberfläche. Das ist auch alles nicht so leicht zu verstehen.
Hilfreich ist der Plan, wie man sich finanzielle Ziele setzt und erreicht. Und immer wieder wichtig: Das langfristige Denken.
Schließlich geht es dem Autor darum, wie man zufrieden wird. Dazu gehört genug Geld, aber dazu gehört auch noch mehr. Auch ein Grund, warum man sich nicht allzu oft um die Finanzen kümmern sollte.
Insgesamt ein informativer und kluger Einstieg.
Fesselnd erzählt
Die Tochter der Drachenkrone von Sabrina Qunaj
Die Autorin schrieb schon einige Romane, die im mittelalterlichen Wales an den Fürstenhöfen spielen und das Leben historischer Persönlichkeiten schildern. Hier steht eine starke Frau im Mittelpunkt: Gwenllian ferch Rhys.
Die Lebensgeschichte der Gwenllian ist fesselnd und emotional erzählt. Als kleines Mädchen und Tochter eines großen Fürsten erlebt sie furchtbare Demütigungen und Kriege.
Ihre Brüder bekämpfen einander, und sie selbst muss Position beziehen. Das Leben der Fürsten besteht aus Bündnissen und Kriegen, die immer wieder neu aufflammen. Gwenllian lehnt es ab, sich nur zu Bündniszwecken zu verheiraten. Sie hat das seltene Glück, eine große Liebe zu finden, die auch noch in die fürstliche Politik passt. Aber von schlimmen Erfahrungen bleibt sie nicht verschont.
Die Hauptperson entwickelt sich vom radikalen Kind zu einer reifen Frau. Durch eigene Kinder verschieben sich ihre Wertigkeiten und sie schafft es, Bündnisse und Freundschaften mit dem Feind einzugehen, um zu überleben und um den Frieden zu sichern. Ihre Entwicklung und ihr Charakter sind glaubhaft und sympathisch - sie könnte eine Frau von heute sein.
Detailreich wird auch die Lebensweise geschildert: Frauen und Männer leben getrennt von einander, selbst Eheleute treffen sich nur am Abend. Geiseln werden im Rahmen der Bündnispolitik freiwillig gegeben: Nur wenn sich der „Bündnispartner“ gut benimmt, erhält er sein Familienmitglied unverletzt zurück, auch wenn das Jahre dauert. Und selbst bei ihren eigenen Brüdern ist Gwenllian nicht vor Überraschungen sicher.
Eine ganz normale Frauengeschichte aus einer fremden Zeit, mitreißend erzählt. Weil ich wirklich abtauchen konnte, vergebe ich hier alle fünf Sterne.











