Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Krani:
Beeindruckend
Die Knef von Moritz Stetter
Hildegard Knef (*1925) war als Schauspielerin, Sängerin und Autorin sehr erfolgreich. Dieses Buch schildert ihr Leben als Bildergeschichte in Form künstlerischer Comics. Zahlreiche Zitate sind eingebaut.
Hier werden die emotionalsten Momente aus dem Leben der Knef künstlerisch dargestellt. Die Zeichnungen deuten die Personen nur an, im Mittelpunkt stehen Erlebnisse und Emotionen.
Es ist hilfreich, dass die wichtigsten Personen am Anfang schon gezeigt und vorgestellt werden.
Die Darstellung folgt der Chronologie. Der Schwerpunkt auf Knefs Gefühlswelt wird der Künstlerin gerecht. Die Bilder zeigen ihre Wahrnehmung und deuten Konflikte an. Sie ist eine sehr selbstständige Persönlichkeit, aber das gesteht man Frauen in der Nachkriegszeit nicht zu. Dennoch hat sie Erfolg in der Rolle als „moderne, unabhängige Frau“. Und später auch als Sängerin und mit eigenen Liedern.
Das Buch ist auch handwerklich richtig schön: Ein fester Einband, ein großes Format und dickes Papier, das sich gut anfühlt. Comic ist heute eine eigene Kunstform. Dies ist ein beeindruckendes Beispiel.
Inspirierend
Sonnenaufgang Nr. 5 von Carsten Sebastian Henn
Eine alte Filmdiva möchte eine Autobiografie schreiben und engagiert den Ghostwriter Jonas. Er schreibt mit, doch er erfährt Dinge aus ihrer Vergangenheit, die ganz andere Geschichten erzählen. Das wirft Fragen auf danach, was eigentlich wahr ist. Und Fragen danach, wie wir mit Erinnerungen umgehen wollen, insbesondere mit solchen, die uns belasten.
Ein spannendes Thema! Der Autor ist bereits mit dem „Buchspazierer“ bekannt geworden.
Die Geschichte ist flüssig erzählt, das Lesen macht Freude. Stella, die Filmdiva, ist in ihrer Arroganz und Verletzlichkeit sehr überzeugend. Das wird noch dadurch getoppt, dass wir immer wieder auf ihre Fans treffen. Für Jonas ist dies der erste Auftrag. Er wird nicht zum Fan, sondern kommt ihr persönlich nahe, gerade weil er auch andere Seiten ihrer Lebensgeschichte erfährt. Doch Stella hat ihn und ihre Erinnerungen jederzeit fest im Griff, solange bis sie die Zusammenarbeit beendet und Jonas entlässt. Ob es zum Schluss zu einem Buch kommt, sei hier nicht verraten.
Ein Anstoß, auch über eigene Erinnerungen einmal neu nachzudenken.
Leicht
Alle weg von Maiwald Stefan
Der Autor lebt als Zugezogener in einem Urlaubsort an der Adria. Wie sich das anfühlt, wenn im Winter alle Touristen weg sind, beschreibt er hier in kurzen Episoden, die auf die Wintermonate verteilt sind. Über sein Leben im Sommer hat er bereits berichtet, auch auf seinem Blog.
Viel passiert hier nicht.
Die kurzen Texte schildern italienische Lebens- und Denkweisen bis hin zu Rezepten sowie Episoden aus dem winterlichen Alltag. Einiges ist durchaus interessant und fällt nur dem Auswärtigen auf. Die Beobachtung und Beschreibung der Menschen, die sich dort in der Bar versammeln oder im Tennisclub aufschlagen, erinnert ein bisschen an die Geschichten von Ephraim Kishon. Viele sind charmant und ein bisschen witzig, manche auch belanglos. Es bleibt ganz unpolitisch.
Leichtes Geplätscher für Italienfans, manchmal satirisch.
Nichts
Dr. No von Percival Everett
Professor Wala Kitu unterrichtet Mathematik. Sein Spezialgebiet ist das Nichts. Nun kommt John Sill, der sich als Bond-Schurke bezeichnet und kauft seine Dienste ein: Kitu soll helfen, aus Fort Knox einen Schuhkarton mit Nichts zu rauben. Es entwickelt sich eine verwirrende und witzige Parodie auf Spionage-Thriller, in der mehrere Nationen, ein skrupelloser Milliardär, zahlreiche Agenten und eine furchtbare Waffe eine Rolle spielen.
Die Figuren sind ungefähr so seltsam wie ein einbeiniger Hund, der besonderer Pflege bedarf, oder wie ein Mathematiker, der sich mit Themen befasst, die ein normaler Mensch nicht versteht. Abgesehen von allerlei Sonderbarkeiten rund um nichts ist die Geschichte durchaus vorhersehbar. Alles was man aus Geheimdienstromanen kennt, passiert hier. Hinzu kommen viele schräge Einfälle, die Spaß machen. Spannend wird es nicht, eher witzig und unterhaltsam, auch für mathematisch Unbedarfte. Wer sich gern mit Mathematik befasst, wird besondere Freude haben.
Schwierig
Zwischen zwei Leben von Minna Rytisalo
Jenni Mäki verlässt ihren Ehemann, bezieht eine eigene Wohnung und nennt sich ab sofort Jenny Hill. Sie schildert ihre Gedanken, Gefühle und Erinnerungen, spricht mit einer Therapeutin und schreibt Briefe an Brigitte Macron. All das wird kommentiert von Ajattaras, weiblichen Dämonen aus der Welt der Brüder Grimm.
In den Märchen sollen Dornröschen, Schneewittchen, Aschenputtel und all die anderen Vorbilder sein für ganz normale Frauen: angepasst, hübsch gemacht und den Männern dienend. Aber in Wahrheit – in diesem Buch – sind sie ganz anders. Und sie haben der geflohenen Ehefrau eine Menge zu sagen.
Es geht darum, mit welchem Lebensgefühl Menschen heute Frauen sind. Wie selbstverständlich Jenni ihr Äußeres und ihr ganzes Dasein optimiert hat, um Ansprüchen, Erwartungen und Geschichten zu entsprechen. Aschenputtel und Rotkäppchen aber haben sie genau gesehen. Und sie empfehlen: Sei wie du bist, denn so bist du richtig. Sie erzählen ihre eigene Geschichte und rufen sie dazu auf, sie selbst zu sein.
Das Buch ist schwierig zu lesen und teilweise ganz schön düster. Die Hauptperson steckt in einer Krise und weiß im Moment nicht weiter. Es gibt keine spannende Geschichte, sondern Betrachtungen, Erinnerungen und anders erzählte Märchen. Das ist ambitioniert, aber schwer zu lesen.
Brutales Mittelalter
Das Lied der Rose von Julia Kröhn
Guillaume (Wilhelm) ist im elften Jahrhundert der Herzog von Aquitanien. Seine Frau Philippa möchte an ihrem Hof feinere Sitten einführen. Dazu gehören neue Tischsitten und Besteck, ein gutes Benehmen der Ritter gegenüber den Hofdamen, eine schöne Einrichtung sowie Gesang und Poesie. Sahar ist eine der Sängerinnen und lebt ebenfalls am Hof.
Als Guillaume auf einen Kreuzzug gehen muss, verliert Philippa an Einfluss.
Wir erhalten einen Einblick in das „finstere“ Mittelalter, in dem politische Intrigen zwischen weitgehend gleichberechtigten Fürsten an der Tagesordnung sind. Die Kirche hat die große Macht, und Einflüsse aus Nordafrika beginnen, Poesie und Kunst herüber zu tragen.
Philippa ist sehr glaubwürdig und sympathisch dargestellt Auch Guillaume, ihren Gatten, kann man sich als Kind jener Zeit gut vorstellen. Beide entwickeln und verändern sich im Laufe ihres Lebens. Die meisten Figuren im Buch hat es wirklich gegeben, so wie diese beiden.
Die Geschichte um das zentrale Liebespaar ist ebenfalls stringent und überzeugend erzählt. Insgesamt entsteht der Eindruck eines Bilderbogens von Sitten und Denkweisen, die uns heute, tausend Jahre später, sehr brutal erscheinen. Doch ausgerechnet in jener Zeit wurden die ersten zarten, weltlichen Liebeslieder gesungen – der Minnesang entstand. Doch das wird nur erzählt, leider kann man die Musik nicht hören.
Mir fiel es nicht immer leicht, den zahlreichen, detalliert ausgestalteten Hauptpersonen und Handlungsfäden richtig zu folgen. Es sind einfach zu viele. Wer sich in Ruhe darauf konzentrieren will, findet in diesem opulenten Werk gute und lehrreiche Unterhaltung.
Stimmungsvoll
Das Geschenk des Meeres von Julia R. Kelly
Im schottischen Fischerdorf Skerry wird ein kleiner Junge an Land gespült. Er lebt, und er erholt sich bei der Lehrerin Dorothy, die vor vielen Jahren einen kleinen Jungen an das Meer verloren hat.
Die Geschichte entwickelt sich auf zwei Zeitebenen. Im Jahre 1900 kommt Dorothy ins Dorf, um zu unterrrichten.
In der Gegenwart nimmt das Geschehen um den Findeljungen seinen Lauf, dabei werden Erinnerungen an die damalige Zeit wach. Ich musste manchmal nachschauen, ob ich gerade eine frische Erinnerung lese oder eine nacherzählte Vergangenheit. Aber alle Kapitel sind so betitelt, dass man sich stets gut orientieren kann.
Das Lebensgefühl der Menschen ist damals wie heute eng mit dem Meer verbunden. Einzelheiten gehen besonders zu Herzen: ein verlorener Stiefel, ein roter Ball zeigen die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber der wilden Natur. Alte Sagen vom Meer werden erzählt und man fragt sich, was davon wahr sein könnte.
Der Stil ist sehr emotional. Nah an den Figuren werden ihre Sehnsüchte und Verletzungen beschrieben. Niemand hier ist ohne Vorgeschichte, insbesondere nicht Dorothy, die von einer lieblosen Mutter gelernt hat, keine Gefühle zu zeigen. So ist die Atmosphäre im Roman stets stürmisch, kühl und rau.
Eine fesselnde und stimmungsvolle Reise ans Meer.
Poetisch
Strandgut von Myers Benjamin; Löcher-Lawrence Werner
Er hatte mal einen Hit: Bucky, inzwischen über siebzig Jahre alt, ist nach England eingeladen, um ihn dort auf einem Festival zu singen. Zuhause in USA ist er längst vergessen, aber hier ist er ein Star, so wie er es als Jugendlicher hätte werden können. Doch seitdem ist eine Menge passiert. Jetzt trifft er auf Dinah, die ebenso wie er ein Leben voller Schwierigkeiten und Sorgen führt.
Wie das Leben uns verwundet, und wie wir trotzdem immer weitermachen, darum geht es in diesem Buch. Der Autor ist bei uns schon mit „Offene See“ bekannt geworden. Ich schätze seinen poetischen Stil und die Art, wie er Menschen beschreibt. Es sind glaubhafte, gebrochene Persönlichkeiten, die in ihrer Jugend voller Leidenschaft und Energie waren und im Laufe des Lebens viel haben einstecken müssen. Doch sie sind immer noch die, sie früher einmal waren.
Für Lesende, denen das Thema Altern bereits begegnet ist.
Schräg und spaßig
Very Bad Widows von Sue Hincenbergs
Es geht um vier wohlhabende Paare in ihren Sechzigern. Einer der Männer verstirbt bei einem Unfall. Oder war es Mord? Es wurde viel Geld unterschlagen, und die Ehefrauen, die sich um ihre Alterssicherung betrogen sehen, schmieden ein Komplott. Doch das ist erst der Anfang.
Die Geschichte ist voller Überraschungen und unerwarteter Wendungen.
Und sie ist witzig: Es sind im Grunde ganz normale Menschen, die plötzlich mit monströsen Vorwürfen und Überlegungen konfrontiert sind. Dabei wollen sie eigentlich nur ein gutes Leben haben, am liebsten mit einander. Das Geschehen verändert die Menschen nicht, sie bleiben ebenso bieder und bürgerlich wie zu Beginn. Aber ihre Partnerschaften erleben eine neue Wertschätzung.
Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven dargestellt, teilweise wird dieselbe Szene von den verschiedenen Beteiligten nacheinander geschildert, und sie ist jedes Mal ganz anders. Das wird spannend, wenn es darum geht, wer was weiß und wer eventuell einen (weiteren) Mord plant.
Ich hatte einen Krimi erwartet, vielleicht einen Thriller. Aber nicht so viele schräge Ideen und Verrücktheiten. Das hat Spaß gemacht! Wer Geschichten voller Überraschungen jenseits von Genres mag, ist hier richtig.
Großartig
Himmlischer Frieden von Lai Wen
Lai wächst in einem Arbeiterviertel in Peking auf. Als Erwachsene studiert sie Literatur und nimmt an den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens teil. Hier erzählt sie, wie es dazu kam. Der Roman basiert auf ihren eigenen Erfahrungen und auf den bekannten Tatsachen.
Es ist eine ruhig und fast poetisch erzählte Geschichte um eine schüchterne Protagonistin, die in Ich-Form von ihrer Kindheit, ihrer Schulzeit und ihrem Studium berichtet.
Das liest sich authentisch und bewegend. Sie schildert ihre Familie und ihre Schulfreunde nuanciert und voller Wärme. Die Unterdrückung der Menschen in China durch die kommunistische Führung wird immer wieder an Einzelpersonen deutlich, beginnend mit ihrem Vater.
Die historischen Ereignisse gipfeln im Tiananmen-Massaker auf dem Platz den Himmlischen Friedens, mitten in Peking, im Juni 1989.
Ich freue mich sehr, aus dieser unbekannten Welt so eine angenehm zu lesende Geschichte ganz normaler Menschen genießen zu dürfen. Es ist großartige Literatur. Ein Highlight!











