Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Silvia Grutze:
Frauenpower
Schmelzwasser von Patrick Tschan
Gleich vorab...ein wirklich tolles Buch! Der Roman, der in einem kleinen Ort am Bodensee in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt ist, liest sich fantastisch und man taucht sofort in diese Welt der Kleinbürgerlichkeit ein, in der eigentlich alle nur ihre Ruhe haben und nicht mehr mit den Greueln des vergangenen Krieges konfrontiert werden wollen.
Obwohl Bücher über kriegerische Auseinandersetzungen und ihre Folgen nicht unbedingt meine erste Wahl sind, fand ich mich in dieses schnell mitten hinein. Vielleicht liegt es an der geballten Frauenpower, die die Protagonistin und ihre beiden Mitstreiterinnen an den Tag legen? Die couragierte Buchhändlerin Emilie, die junge - und manchen zweifelsohne zu moderne - Friseurin Ilse und Hildegard, die ein Kleidergeschäft führt und gerade dabei ist sich selbst zu finden, geben ein wunderbares Trio ab. Drei Frauen - nachdenklich, zeitweise humorvoll aber auch immer auf ihre eigenen Kräfte fokussiert, sorgen für Extravaganz und bunte Vielfalt in dem kleinen Ort. Aufmerksamkeit ist ihnen sicher und diese nutzen sie auch, um die Vergangenheit des Krieges zum Thema zu machen. Ihre Devise dabei: Schweigen, vor allem über die Nazi-Vergangenheit, bringt niemanden nach vorne. Immer an Emilies Seite in der Buchhandlung der jüdische Schriftsteller Ignaz Franck.
Ihre gemeinsame Hartnäckigkeit bringt Taten und Täter ins Licht der Öffentlichkeit, die wohl unter dem Mantel der Verschwiegenheit versteckt hätten werden sollen. Schließlich bringen sie einen von ihnen sogar hinter Gitter. Doch wie lange können sie sich sicher fühlen? Beginnt der Terror bald schon wieder von Neuem? Lest selbst und findet es heraus.
Ich finde Patrick Tschan ist mit "Schmelzwasser" wieder ein sensationeller Roman gelungen. Deshalb gibt es auch eine absolute Empfehlung von mir.
Eine indische Märchengeschichte
Bekenntnisse eines Betrügers von Rahul Raina
Es war einmal ein kleiner indischer Junge namens Ramesh.
Das Cover ist safrangelb und verspricht eine laute, bunte, affenscharfe und immer zur Flucht bereite Geschichte.
Der Klappentext klingt interessant: Ramesh, seines Zeichens „Bildungsberater“, legt Uni-Aufnahmeprüfungen für reiche Teenager ab, die deutlich weniger Grips haben als er selbst.
Das geht so lange gut bis praktisch alles aus dem Ruder läuf.
Der Roman ist eigentlich in zwei Geschichten aufgesplittet: Zum einen ist da die Lebensgeschichte eines Jungen, der viele Hürden überwinden und mit vielen Emotionen klar zu kommen hat, um einigermaßen (über-)leben zu können. Zum anderen ist da die Story rund um Erpressung, mehrere Entführungen, Gewalt am eigenen Leibe (spürbar durch Verlust eines Fingers). Auch die Romantik darf nicht zu kurz kommen.
Was ich mich frage: Wäre der Ausgang der Geschichte ein anderer gewesen, hätte Ramesh das Vorhaben von Clair, die immer an ihn glaubte, für sich abgeschlossen?
Da der Anfang der Geschichte für mich einigermaßen holprig war, kostete es mich doch einiges an Überwindung weiterzulesen. Aber nach wenigen Seiten wurde ich mit einer spannenden Geschichte belohnt und das Lesen bereitete mir mehr und mehr Freude. Humor, Ironie und dieser kribbelnde kriminelle Touch begleitet von einer Spur Romantik, machten mir das Buch zu einem purem Vergnügen.
Eine verrückte Geschichte, die man kaum glauben mag, beherrscht von Wahrheit und Täuschung. Alle sind damit beschäftigt ihre eigene Haut zu retten. Sehr unterhaltsam und auf seine Weise spannend das Ganze, aber auch unwirklich, fast surreal. Es passiert so viel in dieser Erzählung. Immer wieder grüble ich beim Lesen: Wie wird das Ende sein? Geht alles gut aus? Manchmal musste ich den Kopf schütteln und mir ein Lachen verkneifen, so albern ging es teilweise zu. Ich fieberte mit Ramesh mit, den ich von Anfang an ins Herz geschlossen habe. Ich persönlich würde ihm einfach alles verzeihen.
Und alles wurde auch verziehen in diesem safrangelben Land, nur der akademische Betrug nicht.
Aber lies selbst! Ein fabelhaftes Buch mit vielen nachdenklichen machenden Facetten. Auf alle Fälle eine Leseempfehlung von mir!
Anspruchsvolle Lektüre
Der große Fehler von Jonathan Lee
Jonathan Lee hat einen für mich gewöhnungsbedürftigen Schreibstil. Obwohl dieser für mich nicht in allen Kapiteln schwierig zu lesen war, dominierte er doch die meisten. Es war für mich nicht einfach so richtig in den Lesefluss zu kommen. Zeitweise steckt in der Erzählung so viel Information, dass mir schon fast schwindelig wurde.
Es dauerte seine Zeit alles sacken zu lassen. Erst dann war es mir erst wieder möglich weiter zu lesen. Im Allgemeinen ist das Buch sehr anstrengend. Wenn man müde ist im Kopf oder einen anstrengenden Tag hatte, ist das nicht die Lektüre meiner Wahl und auch um zwischendurch einfach ein paar Seiten zu lesen ist das Buch ungeeignet. Prädikat: Sehr anspruchsvoll!
Die Geschichte an sich verspricht interessant zu werden und lässt mich gespannt weiterlesen. Der Roman teilt sich in zwei Bereiche: Die Lebensgeschichte von Andrew H. Green und über den Mord an ihm, dem er gleich zu Anfang zum Opfer fällt, und die Frage nach dem warum? Doch benötigte ich volle Konzentration um dem Erzählten zu folgen. Zeitweise habe ich mir überlegt so wie Andrew H. Green (er hatte eine Sehschwäche, bis er eine Brille bekam) vom Buch 5 Seiten vorne – 5 Seiten hinten, dann wieder 5 Seiten vorne und 5 Seiten hinten zu lesen und mir dann den Inhalt zusammenreimen.
Ich habe das Buch fertig gelesen, denn es war interessant den Werdegang von Andrew H. Green, eine Berühmtheit in New York wie sich herausstellt (Central Park, New York Public Library usw. würde es ohne ihn nicht geben) kennenzulernen. Sollte ich einmal nach NY reisen, werde ich mich daran erinnern.
Eine Kaufempfehlung für zwischendurch wird es nicht werden, doch ich finde es muss jeder sich selbst ein Urteil bilden. Das Cover mit dem blauen Stadtkarten-Elefanten hat mich beindruckt, finde ich cool.
Unsichtbar / Ausgelöscht
Du existierst nicht von Miha Mazzini
Der Schriftsteller Miha Mazzini hat einen Roman/Thriller geschrieben der...
Ich habe die Seiten dieses Buches regelrecht verschlungen, es liest sich phantastisch und berührt mich von Anfang an. Oftmals krampft sich mir der Magen zusammen, so sehr leide ich mit der Protagonistin Zara. Was passiert da? Warum greift keiner ein? Warum hört ihr keiner richtig zu? Zara, die zur Entbindung in ein Krankenhaus in Laibach kommt, erfährt, dass sie angeblich weder eine Krankenversicherung hat noch überhaupt hier sein dürfte.
Es gibt keinerlei Daten, die ihre Existenz belegen könnten. Plötzlich heißt es, man würde ihr ihr Kind wegnehmen und zur Adoption freigeben. Ein Wettlauf mit der Zeit und gegen ihre eigene Auslöschung beginnt. Obwohl das Geschilderte größtenteils auf Tatsachen einer längst vergangenen Zeit beruht, kommen mir Zweifel, ob eine ähnliche Situation auch heute noch möglich sein könnte. Könnten auch du und ich von einem solchen Schicksal getroffen werden und damit unsere sichere Komfortzone verlassen müssen?
Während des Lesens staute sich in mir eine Wut auf, die mich selbst zutiefst erschreckte. Der pure Horror, den Zara durchleben musste, erfasste beim Lesen auch mich. Wie hilflos, wie ausgeliefert, wie entrechtet muss man sich in so einer Situation fühlen? Zara ist eine Mutter, die wie eine Löwin um ihr Neugeborenes kämpft, gegen den schier übermächtigen Staat und seine machthungrigen Vertreter. Es gilt das ungeschriebene Gesetz: Hast du keine Beziehungen, bist du so gut wie "tot“.
25.671 Personen verloren im Februar 1992 automatisch ihren Aufenthaltsstatus in Slowenien. Zurück blieben tausende Menschen ohne Identität, denn diese wurde vom Staat einfach gelöscht.
Im Hinterkopf beim Lesen kommt mir immer der Gedanke: "Wer ist der Kindsvater? Bitte doch ihn, dir zu helfen, bestimmt kann er es." Doch Zara zieht alleine in diese Schlacht, will sich zuerst nicht helfen lassen. Schließlich zeigt sich: Mark, der Vater des Babys, Amerikaner und verheiratet, will sich ihretwegen nicht scheiden lassen. Sie ist tatsächlich auf sich allein gestellt.
Wie geht man in so einer Situation vor? Wie macht man es richtig?
Redakteure und Schriftsteller, mit deren Hilfe sie an die Öffentlichkeit gehen will, entpuppen sich als treue Staatsdiener ohne Rückgrat, korrupt, bestechlich und obrigkeitshörig.
Ich spüre eine tiefe Enttäuschung über das Vorgehen der Menschen gegenüber Zara.
Mein Fazit: Hervorragend geschrieben, berührend, fesselnd...ein sehr sehr trauriges Schicksal, das Zara und mit ihre tausende weitere Menschen ereilte...und das nur ein paar Kilometer Luftlinie von uns und unserer heilen Welt entfernt, zugeschlagen hat. Einigen - doch humorvollen - Anekdoten räumt der Autor ebenfalls Platz ein, was dem Ernst der Geschichte keinesfalls Schaden zufügt.
Ich gebe gerne eine Kaufempfehlung ab, denn dieser Roman/Thriller sorgt für sehr viel Diskussionsstoff und wird mich noch lange in meinen Gedanken begleiten.
Ein Maskottchen im Dschungel
Das Dämmern der Welt von Werner Herzog
Obwohl Bücher über Kriege bestimmt nicht zu meinen Favoriten zählen, muss ich gestehen: "Das Dämmern der Welt" vom legendären Werner Herzog liest sich praktisch wie von selbst. Ich bin rasch ganz tief eingetaucht in diese berührende Geschichte und kann nur ein Fazit ziehen: Reines Lesevergnügen! Onoda lebt auf einer Insel im Pazifik und verteidigt diese mit all seinen Mitteln gegen den Feind .
..30 Jahre lang, ohne Wenn und Aber. Aus unerklärlichen Gründen war drei Jahrzehnte lang die Nachricht über das Ende des Zweiten Weltkrieges, in dem er immer noch zu kämpfen glaubte, nicht bis zu ihm vorgedrungen. Oder wollte er dieser Tatsache nur nicht ins Auge sehen? Es handelt sich um eine wahre Geschichte, der Herzog neues Leben eingetaucht hat. Auf der Insel wurden bei Onodas Rettung sogar japanische Zeitungen entdeckt, die Informationen darüber enthielten, dass der Krieg zu Ende gegangen war. Doch Onoda war dem Irrglauben erlegen, dass man ihn mit diesen falschen Informationen nur aus dem Dschungel auf der Insel locken wollte. Er hatte keinen militärischen Befehl seiner kommandierenden Offiziere bekommen seinen Einsatz abzubrechen. Also tat er weiter, wie es seine Pflicht schien...30 Jahre lang. Dabei begegnet er natürlich seinen inneren Dämonen, erträgt und erleidet vieles. Beim Lesen empfand ich tiefes Mitleid mit diesem Mann in all seiner Einsamkeit. Jahr um Jahr kämpfte er um diese Insel, um sein Leben. Hatte man ihn einfach vergessen auf diesem Außenposten mitten im Pazifik? Nach und nach verliert er seine Begleiter und bleibt alleine zurück.
Die unerwartete Zusammenkunft mit dem Studenten Suzuki bringt Onodas Gedankenwelt schließlich in Aufruhr. Lies selbst und erlebe den Sog dieser Geschichte am eigenen Leib. Ich gebe gerne eine Kaufempfehlung für dieses Buch ab. Es hat mich gefesselt und berührt.
Der neue Mensch
Der Kolibri von Sandro Veronesi
Schon die Betrachtung des Titelbildes mit dem verschwommenen, flirrenden Kolibri sorgt bei mir für ein Gefühl der Verwirrung. Kein gutes Omen?
Das Buch liest sich - zumindest anfangs - eigentlich recht gut und durchaus flüssig. Meine Neugierde ist zumindest geweckt. Ich beginne mir eine Frage zu stellen.
Was bringt den Augenarzt Marco Carera in Gefahr? Ich will es wirklich wissen, doch dann beginnt mich das Lesen von Seite zu Seite mehr und mehr zu langweilen. Meine Gedanken schweifen immer wieder ab und der weitere Verlauf dieses Romans fesselt mich kein bisschen mehr. Ich lese so drüber, verliere den Rhythmus des Buches komplett. Es ist als würdest du bei einer Meditation nicht zur Ruhe kommen. Der Inhalt ist für mich sprunghaft und erweckt sogar den Eindruck als würden mehrere Autoren diese eine Geschichte erzählen und kämen damit nicht zu Rande. Trotzdem will ich es nicht zur Seite legen. Ich kann, um ehrlich zu sein- nicht behaupten, dass es mir nicht gefällt, aber es vermag mich nicht mitzunehmen in die Erzählung selbst. Marco Carrerad trauriges und von Schicksalsschlägen bestimmtes Leben nimmt eine ungeahnte Wende. Gerade gegen Ende des Buches wird die Geschichte für mich wieder etwas lesenswerter. Inhaltlich werden schließlich noch offen gebliebene Fragen beantwortet.
Mein Fazit: Ich habe für mich herausgefunden, dass - hätte ich das Buch von hinten nach vorne gelesen - einiges für mich klarer und besser nachvollziehbar gewesen wäre.
Revolver Rose
Rose Royal von Nicolas Mathieu
Ein Roman, kurz und knackig geschrieben mit einem Cover, dass andere Inhalte verheißt und durchaus differenziert interpretiert werden kann.
Wie kann man nur so in Abhängigkeit zu einem Mann geraten, besonders nach schon so vielen verkorksten Beziehungen? Beim Lesen stellte ich mir Rose genau so vor wie sie auf dem Cover dargestellt ist.
Oft Gast in einer Kneipe eben, ein bisschen verrucht, wie es das Titelbild zeigt. Dann in ihrem Stammlokal der erste Schuss... kühl, trocken, es musste sein. Luce entspricht dem Typus Mann mit dem Frau grundlegend nicht leben möchte. Man versteht ihre Situation und warum sie sich zu ihm hingezogen fühlt, aber irgendwie muss man doch auch oft den Kopf schütteln. Sie scheint gefangen in einem goldenen Käfig. Doch was bewegt diese Frau dazu? Und dann Peng - der zweite Schuss !
Familie ist das Wichtigste auf der Welt
Kalmann von Schmidt Joachim B.
Anfänglich brauchte ich ein wenig um richtig in die ich Erzählung einzutauchen zu können. Doch nach und nach wurde dieses Buch zu einem wahren Lesevergnügen für mich. Letztendlich war es dann in Summe doch sehr sehr interessant und spannend in die Position des Ich-Erzählers gleichsam zu schlüpfen.
Die Hauptfigur - Kalmann - überraschte mich im Laufe der Geschichte immer wieder aufs Neue und die Spannung stieg unaufhörlich. Ich hatte das starke Gefühl: "Nicht atmen, weiterlesen!" Irgendwie war ich Kalmann, dachte wie er oder wollte es zumindest, ganz ohne Schnick Schnack, ganz pur. Es entstand unglaublich viel Empathie beim Lesen. Kalmann vermittelte mir einen in gewisser Weise kindlichen und dennoch pointierten Humor und es kam an mancher Stelle des Buches vor, dass ich unweigerlich zum Lächeln gezwungen war. Auch musste ich immer schmunzeln, wenn er selbst mit oder über sich lachte.
Inhaltlich überraschte mich das Buch mit der Vielfalt an aktuellen Themen, die darin aufgezeigt werden.
Landflucht (nur weg aus dem Fischerdorf, wo dadurch riesige leere Hallen zurückblieben),
ein Monopol (das praktisch alles ausfischte und dann ein ausgesaugtes und ausgelaugtes Dorf und Meer zurückließ),
Umweltprobleme (wie Plastik im Meer),
Altersheim, Mutproben, Vorurteile und Drogen...so vieles würde thematisiert!
Der Roman ist mehr als empfehlens- und lesenswert. Kauf dir das Buch!
Danke Joachim B Schmidt für dieses mitreisende Werk.
Liebe & Hass so nah beieinander
Für die Ewigkeit von Helmut Krausser
Ein Roman, der in der Zeit um 1900 in Südamerika angesiedelt ist, spritzig leicht zu lesen, in einer für mich schönen Sprache, unterteilt in recht kurze Kapitel...mit einem Wort ein Lesegenuss.
Unter der ständigen Aufsicht ihres reichen Vaters stehend, kommt der jungen Cis jede Abwechslung gelegen.
Da kommt der neue Klavierlehrer ins Spiel. Wer möchte nicht in diesem Alter einem jungen, gutaussehenden Mann mit blauen Augen und strohblonden Haaren imponieren? Cis auf jeden Fall und dazu ist ihr jedes Mittel recht. Jörg der Klavierlehrer verfällt ihr hoffnungslos. Cis nutzt seine Schwachpunkte aus, um ihre eigenen Träume zu verwirklichen. Geht es um mehr oder will sie nur ihre Langeweile besiegen und ihre Freundinnen beeindrucken? Der Klavierlehrer wird zu ihrem Aufklärer, zeigt ihr was Liebe und Leidenschaft bedeuten. Wie es beschrieben ist berührt mich und es ist dieser Anflug von jugendlichem Leichtsinn zu spüren.
Ihr wird ein Übereinkommen vorgeschlagen...wie wird sie sich entscheiden? Seltsam, dass einen dasselbe Schicksal immer wieder einholt. Die eigene Verwandtschaft stellt für sie das größere Übel dar als in die Fremde zu ziehen.
Und wieder wird von der Familie vertuscht, was das hohe Ansehen schmälern könnte! Warum nicht mit offenen Karten spielen und das Verschwinden der eigenen einzigen Tochter zugeben? Besser im Stillen die Verfolgung des geflüchteten Paares aufnehmen. Nach der langatmig geschilderten Flucht/Suche kommt der Ausgang der Geschichte sehr unerwartet und wird auf den letzten Seiten des Romanes relativ rasch abgehandelt. Das Resümee: Ich würde sagen die Wohlhabenden sind immer eine Nasenlänge vorne und ich persönlich hätte dem Verteidiger im letztendlichen Prozess gerne einige Details über den Verrat zukommen lassen. Aber lies selbst.
Das ist die Richtung in die wir schauen müssen...
Ich bleibe hier von Marco Balzano
Trina ist Lehrerin und unterrichtet heimlich in „Grauen“, einem Dorf in Südtirol.
Historische Ereignisse werden hier gut verpackt in einem leicht lesbaren Roman. Im Zentrum steht die Geschichte einer Familie aus der Region. Der Roman wird aus Trinas Sicht erzählt und liest sich fließend. Die Erzählung von Trina in diesem Roman, der an ihre Tochter adressiert ist, wird immer wieder von dem starken Schmerz, den sie empfindet, durchzogen.
Die Sprache ist ohne Umschreibungen glatt, direkt, schnörkellos und dem Landleben sowie den harten Lebensumständen der einzelnen Figuren angepasst.
Die Bewohner des Dorfes sind zuerst dem Faschismus und anschließend dem Nationalismus hilflos ausgeliefert. Schließlich liegt das Schicksal des Dorfes in der Hand eines Bauunternehmens, welches mit allen Mitteln einen Staudamm errichten und das Tal überfluten will.
Wie grauenvoll diese Zeit gewesen sein muss, zeigen folgende Zahlen: Bei der Seestauung versanken das gesamte Dorf Graun und ein Großteil des Dorfes Reschen in den Fluten des Stausees, insgesamt 163 Häuser und 523 Hektar an fruchtbarem Kulturboden wurden überflutet. Heute zeugt nur noch der aus dem Reschensee ragende Kirchturm vom versunkenen Alt-Graun.
Wie erschreckend, ich war beim Lesen mittendrin und konnte alles gut nachvollziehen - wie hätte ich mich entschieden? Bleiben, dem Ruf nach einer besseren Zeit glauben?
Der Schmerz der Familie um die vermisste Tochter, einzige Schwester, verarbeitet jeder für sich und es lässt einem nicht los - auch nicht nach Erhalt des Briefes bzw. der Nachricht.
Bleiben oder den Rufen des neuen Reiches folgen - wie unendlich traurig für eine Mutter/Vater/Bruder sein geliebtes Kind/Schwester zu verlieren durch die Entscheidung der eigenen Verwandtschaft. Machtlos/ohnmächtig fällt mir dazu ein.
Wie groß trotzdem der Halt innerhalb der eigenen Familie ist, wird in diesem Roman sichtbar und spürbar. Ma und Pa - was wäre ohne sie geschehen? Eine Stütze in schweren Zeiten - (genauso wie wir es jetzt gerade in der Corona-Krise erleben) - Familie ist so wichtig.
Was bleibt den Menschen übrig, als Entscheidungen zu treffen. Es macht traurig beim Lesen und die Vorgehensweise ist nicht immer nachvollziehbar. Ein wirklich herzergreifender Roman, welchen ich gerne weiterempfehle.
Wer jetzt neugierig geworden ist und die Sehenswürdigkeit "Graun" googelt, findet:
Der Reschensee ist der größte See Südtirols. Bekannt ist er vor allem für den aus dem See ragenden Kirchturm der alten Grauner Pfarrkirche St. Katharina.











