Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Miro:
Leben und Lieben in Zeiten des Krieges
Die Liebenden von der Piazza Oberdan von Christian Klinger
Vittorio ist gegen den Willen seines Vaters mit den Italienern in den ersten Weltkrieg gezogen und überlebte nur knapp und mit ganz viel Glück. So verbrachte er die letzten Kriegsjahre in Padua, um sein Jurastudium abzuschließen. Im Anschluss kehrte er nach Triest zurück, wo er feststellen musste, dass seine Mutter diese finstere Zeit nicht überlebt hatte und sein Vater keinen Kontakt mehr zu seinem abtrünnigen Sohn wünscht.
War der Vater wirklich so Monarchietreu?
Vittorio baut sich in Triest ein neues Leben auf, wird Partner in einer gut florierende Kanzlei, heiratet und bekommt einen Sohn - Pino.
Leider stehen die Zeiten wieder schlecht, die Faschisten kommen an die Macht und ein weiterer Krieg ist am Entflammen. Vittorio versucht seine Familie diesmal aus den Kriegswirren herauszuhalten und sein Sohn, der zwar seinen eigenen Kopf hat und nicht immer auf seinen Vater hört, gehorcht eigentlich auch.
Trotzdem wird er von der SS verhaftet, weil er leider am falschen Ort, zur falschen Zeit auf sein Mädchen gewartet hatte. Ihr regelmäßiger Treffpunkt war die Piazza Oberdan, wo auch die SS ihren Stützpunkt hat.
Warum die beiden Liebenden diesen schwierigen Ort für ihre Treffen gewählt hatten, klärt der Autor hier nicht auf. Das geht auch aus keinen Zeitzeugnissen hervor, die es über diese beiden noch gibt. Aber es gibt noch Brief, die diese Liebe dokumentieren.
Christian Klinger führt uns an diese Geschichte nicht chronologisch heran. Die einzelnen Kapitel sind allerdings mit Datum versehen, sodass man sich im Zeitfluss gut zurechtfinden kann. Er schreibt Pino einen Charakter zu, der zu seiner Geschichte passt. Er ist ein besonnener, junger Mann, der ziemlich genau weiß, was er tut und sich wenig, oder nichts vorschreiben lassen will.
Ein mutiger, junger Mann, dem die Liebe zu seiner Laura das Wichtigste ist!
Mir gefallen beide Charaktere sehr gut. Der des Vaters, der noch in der Monarchie aufgewachsen ist und einen sehr klaren Ehrbegriff hat, aber auch der des Sohnes, der sich auflehnt, wenn es nötig ist und trotzdem recht besonnen agiert.
Ich habe diese Liebesgeschichte sehr gerne gelesen und mit Spannung verfolgt, auch wenn sie stellenweise etwas kitschig ist und der Zufall den Liebenden all zu arg in die Hände spielt. Und schlußendlich ist ihnen das Glück eh nicht so hold, wie ich es ihnen gewünscht hätte.
Ein Panzer müsste man haben ...
Triceratops von Stephan Roiss
Ein namenloser Junge gewährt uns Einblicke in seine Kindheit. Seine Mutter ist im Wochenbett psychisch erkrankt und konnte sich schon um seine große Schwester kaum kümmern. Ein zweites Kind verbessert die Situation in der Familie nicht. Die Mutter muss immer wieder in die Psychiatrie und der Vater verfrachtet seinen Sohn zur Oma aufs Land.
Der Junge ist auf der Suche nach Liebe, Sicherheit und Persönlichkeit. Er spricht von sich selbst in der dritten Person Plural, doch es ist nicht der Pluralis Majestatis sondern eher ein Mangel an Selbstbewusstsein, an Selbstkompetenz.
Als würde wir durch ein Fotoalbum blättern, gewährt und der Autor hier kurze Einblicke in diese kaputte Familie. Wie einzelne Bilder sind die Kapitel kurz gehalten. Als Leser*innen sehen wir dadurch hin, können erahnen, was in seinem Kopf vorgeht, doch Anteil an seiner Gedankenwelt bekommen wir nicht.
Das ist sehr ungewöhnlich für einen Roman der eigentlich einen ICH-Erzähler hat. In diesem Fall ist es halt ein WIR-Erzähler. Dieses WIR schafft Distanz und hält uns auf Abstand. Und das ist es auch, was der Junge wünscht. Er möchte einen Panzer wie ein Triceratops, damit ihm nichts und niemand mehr etwas anhaben kann. Doch auch das will nicht so recht gelingen. Er ist niemals gefeit vor Verletzungen und diese kommen aus allen Ecken.
Als die Großmutter stirbt scheint sich alles zuzuspitzen. Der Junge zieht sich für eine Weile in die Berge zurück, doch auch die Natur ist ihm nicht wirklich wohl gesonnen.
Diese Buch ist sehr berührend. Die schnökellose Sprache und die knappen Ausführungen geben dem gesagten eine große Dringlichkeit und obwohl die Figur irgendwie auf Distanz bleibt, geht mir sein Schicksal ans Herz. Diese Diskrepanz ist sicher dem ungewöhnlichen Schreibstil geschuldet.
Mit Triceratops hat der Stephan Roiss ein völlig neuartiges Werk vorgelegt. Das Buch überrascht in seiner Schlichtheit. Ich freue mich immer, wenn ich auf ungewöhnliche Lektüre stoße und daher empfehle ich den Roman all jenen, die offen für etwas Neues sind! Mich konnte der Autor begeistern!
Bitterböser Humor, der immer wieder übers Ziel hinausschießt!
Omama von Lisa Eckhart
Die Omama war ein junges Mädchen, als die Russen die Steiermark besetzten und ins Haus der Familie einzogen. Mit dieser Geschichte steigen wir ein in das Leben der Großmutter, von dem behauptet wird, dass sich alles so zugetragen hat, aber in schriftstellerischer Freiheit aufgearbeitet wurde.
Ob und wie weit wir Leser*innen dem Glauben schenken dürfen, muss wohl jede*r für sich entscheiden.
Manche Begebenheiten sind so skurril, dass sie wahrscheinlich wahr sein müssen.
Wer Lisa Eckhart als Kabarettistin kennt, kennt auch ihren beißenden Humor mit dem sie leider immer wieder übers Ziel hinausschießt. Und ganz genau so ging es mir mit der Lektüre dieses Buches. Immer wieder durfte ich laut lachen und immer wieder ist mir das Lachen im Hals stecken geblieben. Ich mag schwarzen Humor eigentlich sehr gerne, aber hier finden wir immer wieder noch schwärzeren Humor und vor Lisa Eckhart ist nichts und niemand sicher.
Mit diesem Buch rechnet sie ordentlich ab mit ihren Geschlechtsgenossinnen und mit dem Landleben. Stellenweise hatte ich das Gefühl, sie muss das Landmädchen in sich noch mal überwinden. Immer wieder mal ist mir ihre Sprache zu derb und dreckig, aber wenn man dann weiterliest finde man wieder einen wirklich lustigen Exkurs über diverse Themen. Hier wird fast alles abgehandelt: es finden sich moralische Fragen, Glaubensthemen, Zeitgeschichte und eine Menge Philosophie. Sie hat wirklich über alles was zu sagen und zwischendurch lesen wir immer wieder von der Omama, die ein wirklich interessantes Leben geführt hat.
Wie man hier schon gut erkennen kann, bin auch ich etwas zwiegespalten diesem Buch gegenüber. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es lieben oder hassen soll. Mal möchte ich es in die Ecke knallen, dann muss ich zwingen weiterlesen, weil es mich so amüsiert. Normalerweise schaffe ich es, eine endgültige Meinung zu finden, aber bei diesem Buch will mir das einfach nicht gelingen. Deshalb vergebe ich drei Sterne für die goldene Mitte und bitte euch, euch selbst eure Meinung zu bilden.
Wenn eine Freerunnerin stürzt ...
Bären füttern verboten von Rachel Elliott
Sydney ist 10 Jahre alt, als ihre Mutter im Urlaub tödlich verunglückt. Sie gibt sich selbst die Schuld daran und ihr Vater und ihr Bruder tief in deren Inneren eigentlich auch.
Die Familie zerbricht daran. Der Vater schafft es nicht sich und seine beiden Kinder aus seiner Trauer herauszuholen.
Er bleibt für immer allein. Jason, der Sohn zieht weit fort und versucht eine Familie zu gründen, doch auch seine Ehe scheitert und Sydney verliert sich im Freerunning und setzt mit diesem Extremsport ihre Beziehung aufs Spiel.
Als sie 40 wird, wagt sie endlich eine Reise an den Ursprung des Übels, St. Ives, an der Küste Südenglands. Mit ihren Stunts auf den Dächern der Kleinstadt mischt sie diese gehörig auf, bis sie abstürzt, denn für Sprünge über Hausdächer braucht man einen klaren Kopf und Sydney sitzt in ihren Gedanken fest.
Was dieser Sturz bei ihr und ihren Lieben bewirkt, wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Der Sturz verändert alles.
Stilistisch ist das Buch ganz großartig aufgebaut. In kurzen Kapitel lernen wir verschiedenste Sichtweisen kennen. Da kommt auch mal ein Notizbuch oder ein Hund zu Wort und vervollständigt unser Bild der Protagonist*innen. In feinsinnigem Humor nähert sich der Autor dieser berührenden Tragödie und nimmt so seiner Geschichte an Schwere. Wir dürfen auch mal lachen bei der Lektüre, trotz der großen Trauer, die die Geschichte umfängt.
Besonders gut gefallen haben mir die kleinen Exkurse, die immer wieder mal eingeschoben werden. Da kommt ein veganer Fleischer als Nebenfigur, der ebenfalls ein Gesicht bekommt oder der Autor verzettelt sich in den Kommentaren auf Social Media, was mich sehr zum Lachen brachte.
Ich mag solche multiperspektivischen Geschichten sehr und diese hier finde ich äußerst gelungen. Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen und kann es ohne Vorbehalte weiterempfehlen!
Drei Generationen Familiendrama
Was Nina wusste von David Grossman
Vera feiert ihren 90 Geburtstag im Kibbuz in vollem Gebraus. Familie und Freunde sind gekommen, um ihr zu huldigen. Nur ihre Tochter Nina, die von einer Insel nahe dem Nordpol angereist ist, finde keine Worte. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist stark getrübt.
Genauso wie das Verhältnis zu ihrer Tochter Gili, die sie 3jährig bei ihrem Vater zurückgelassen hattte.
Drei Frauen, drei Leben und ein großer Haufen an Schicksalsschlägen, die von Generation zu Generation weitergereicht werden.
In diesem Buch erzählt David Grossman das Leben von Eva Panic-Nuhar und ihrer Tochter in schriftstellerischer Freiheit.
Ich empfehle, sich mit den biografischen Eckdaten der oben genannten erst nach der Lektüre des Buches auseinanderzusetzen, denn der Autor baut meisterhaft eine unheimliche Spannung auf, die man sich nicht im Vorfeld verderben sollte.
Dadurch konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Seite um Seite musste ich lesen, um endlich zu erfahren, was hinter dem ganzen Desaster steckt, welches Ninas Leben dermaßen aus der Bahn geworfen hat.
Zwischendurch war ich mir nicht mehr sicher, ob die Auflösung dem Spannungsbogen noch gerecht werden kann. Aber es funktioniert im Großen und Ganzen und es werden schwierige Fragen aufgeworfen. Doch auch die kann ich hier eigentlich nicht verraten, um nichts vorwegzunehmen.
Nur so viel sei noch gesagt, diese Lebensgeschichte ist sehr berührend. Sie hinterfragt die Menschlichkeit, die Liebe, Vertrauen und Verrat.
Man sollte diese Geschichte unbedingt etwas sickern lassen, bevor man über die Protagonistinnen urteilt, denn alles hat immer zwei Seiten!
Rauhnächte in Berlin
Schwarzpulver von Laura Lichtblau
Schwarzpulver erzählt uns einige Tage in Berlin in einer möglichen Zukunft. Wir begleiten drei Menschen in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester und ihre Erlebnisse und Vorstellungen in den mythischen Rauhnächten, wo alles möglich sein kann.
Da ist Charlotte, die bei der Bürgerwehr angeheuert hat und als Präzisionsschützin auf den Dächern Berlins lauert.
Die Partei will sie stärker involvieren und lädt sie sogar auf ein exklusives Silvesterevent ein, als ihr erste Zweifel an deren Gedankengut kommen.
Ihr Sohn Charlie ist Praktikant bei einem subversiven Musiklabel und lernt dort die Rapperin Pseudoluchs kennen, die mit ihren Texten provoziert.
Und dann ist da noch Burschi, die ihr Auskommen durch einen Onlinehandel verdient und da den Hausrat eines pflegebedürftigen Ehepaars verkauft. Burschi liebt Frauen, in einer Welt, in der es das gar nicht geben darf. Frauen sind dazu da, die Nachkommenschaft zu sichern.
Laura Lichtblau hat eine düstere Zukunft geschaffen. Es gibt kaum geistige Freiheit und noch weniger Möglichkeiten für Randgruppen. In dieser Welt beginnt sich eine kleine Revolte zu formen, deren Chancen auf gelingen gering sind. Doch der Samen wird gesät.
Stilistisch hat mir das Buch ausgezeichnet gefallen. In poetischer Sprache formuliert Lichtblau teils magische Sätze. Und auch wenn gar nicht so viel passiert, findet sich eine anregende Geschichte in diesem Buch. Ich habe es gern gelesen und kann es all jenen empfehlen, die eine schräge und ungewöhnliche Geschichte zu schätzen wissen.
Gustav Mahlers letzte Reise
Der letzte Satz von Robert Seethaler
Am Ende seines Lebens kehrt Gustav Mahler zurück nach Europa. Mit der Lektüre begleiten wir ihn auf seiner letzten Seereise von New York nach Cherbourg. Sein Körper hat schon stark nachgelassen, er kann sich kaum mehr auf seinen eigenen Beinen halten.
So verbringt er seine Tage auf Deck und gibt sich seinen Erinnerungen hin.
Die stärksten Eindrücke seines Lebens kommen ihm wieder in den Sinn. Der Tod seiner Tochter Maria, die Begegnung mit Siegmund Freud und natürlich immer wieder Alma, die Frau, die er bis zum Ende geliebt hat.
Aber auch leichte Erlebnisse prägen seine Gedanken, wie zum Beispiel das erste Mal New York sehen. Was muss das für ein imposanter Eindruck für einen Österreicher gewesen sein. So hohe Bauwerke waren in Wien noch undenkbar.
Robert Seethaler geht sehr vorsichtig mit seinem Protagonisten um. Dieses Buch stellt keinen Anspruch auf biographische Vollständigkeit. Hier stehen Gefühle, Gedanken und Erinnerungen im Vordergrund. Was bleibt, wenn das Leben langsam zu Ende geht. Es ist ein schönes Buch in einfühlsamer und ruhiger Sprache.
Ein bisschen ausführlicher hätte es sein können. Durch die extreme Kürze habe ich Angst, dass der Eindruck schnell wieder verblasst.
Allerdings kann man es auch ganz schnell nochmal lesen.
Einmal Meisterdiebin sein!
Wilde Freude von Sorj Chalandon
Die K-Gang, das sind Brigitte, Jeanne, Assia und Mélody. Das K kommt vom Vermerk auf den Patientenakten und steht für Krebs.
Als Jeanne ihre Diagnose bekommt, ist ihre Ehe ziemlich am Ende. Das Paar konnte den Tod ihres Sohnes nicht gemeinsam verarbeiten und driftete immer weiter auseinander. Jeanne's Mann ist überfordert und kann seine Frau nicht unterstützen.
Also verlässt er sie.
Doch Jeanne lernt an ihrem ersten Chemotag Brigitte kennen, die sie in ihre Clique aufnimmt. Alle vier Frauen sind vom Schicksal ziemlich hat drangenommen worden. Aber Mélody trifft es am Schlimmsten. Ihr Sohn wurde von seinem Vater nach Russland entführt und verlangt nun Lösegeld.
Die Gruppe hat nichts zu verlieren und so planen sie im Fahrwasser einer kriminellen Frauengruppe einen Raub in deren Stil. Akribisch kunden sie den Juwelier aus und entwickeln einen großen Coup mit einer arabischen Prinzessin. Ob der Raub gelingt oder die Frauen doch noch das große Flattern kriegen, wird hier natürlich nicht verraten.
Nur noch so viel. Es kommt dann doch manches anders als erwartet.
Gut gefallen hat mir, wie sich diese vom Schicksal gebeutelten Frauen immer wieder gegenseitig aufbauen und es auch schaffen, immer wieder das schöne im Leben zu sehen. Auch wenn es noch so schwer scheint. Man kann "wilde Freude" empfinden im Kreis einiger Lieben.
Die Männer kommen in dieser Geschichte nicht so gut weg. Sie sind fast alle komplette Arschlöcher. Nur einen guten Freund gibt es, aber es heißt ja Ausnahmen bestätigen die Regel. Das könnte etwas überzeichnet wirken, aber in diesem Roman ist es fast schon wieder lustig und so streng möchte ich jetzt mal nicht sein.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und mit Jeanne mitgefiebert und mitgelitten. Sie hat ihr Schicksal nicht verdient, aber sie geht gestärkt daraus hervor, trägt ihre Glatze mit erhobenem Haupt.
Kurz vor Schluss gibt es eine Wende, die dem ganzen Roman noch mal eine andere Richtung verleiht und einen schönen Denkanstoß bietet, doch der wirkliche Schluss kommt dann zu abrupt. Da konnte ich nicht ganz folgen. Das hätte die Autorin etwas besser ausarbeiten können.
Daher vergebe ich nur 4 Sterne für dieses Buch, das mir wirklich Freude bereitet hat beim lesen.
Die Salpétrière tanzt
Die Tanzenden von Mas Victoria
Die Salpétrière, Paris' Irrenanstalt ist gut gefüllt mit Frauen jedes Alters. Frauen, die öffentlich ihre Meinung vertreten, Frauen, die sich wehren in ihrer männerdominierten Welt oder einfach Frauen, deren man sich entledigen wollte. Es sind geschundene, geschlagene und gebeugte Frauen, die spätestens in den Räumen des Hospitals verrückt werden.
"Keine Frau kann je wirklich sicher sein, wegen ihrer Äußerungen, ihrer Eigenart oder ihrer Ideale nicht doch hinter den gefürchteten Mauern im dreizehnten Arrondissement zu landen. Daher sind sie auf der Hut."
(S. 35)
Eugenie ist eine bürgerliche, junge Frau, die sich wünscht auszugehen, zu diskutieren, in den Kaffeehäusern zu lesen. Doch das alles ziemt sich nicht für ein Mädchen ihres Standes. Ihr Vater nimmt sie kaum wahr, denn ihr einziger Wert ist, verheiratet zu werden. Um von ihm gesehen zu werden, provoziert sie ihn immer wieder.
Außerdem hat sie eine besondere Gabe. Seit sie 12 Jahre alt ist, sieht sie immer wieder ihren verstorbenen Großvater. Er spricht auch zu ihr. Eugenie lernt schnell, dass sie diese Gabe für sich behalten muss. Als ihr der Großvater verrät, wo sich der geliebte, gestohlen geglaubte Anhänger der Großmutter befindet, vertraut sich Eugenie der vermeintlich liebevollen Großmutter an und befindet sich wenige Tage später auf dem Weg in die Salpétrière.
Gleichzeitig lernen wir die Oberschwester dieser Anstalt kennen. Ihr einziger Lebensinhalt ist die Klinik und der Dienst für die allseits angehimmelten Ärzte da. Regelmäßig werden hier Vorführungen abgehalten und unter Hypnose Anfälle ausgelöst, zur Belustigung und zum Entsetzen der Bourgeoisie.
"Wenn eine Geisteskranke unter Hypnose vor einem stummen Publikum einen hysterischen Anfall ereilte, hatte man weniger den Eindruck, einer psychischen Störung beizuwohnen als einem verzweifelten erotischen Tanz."
(S. 97)
Was den Frauen in der Psychiatrie alles angetan wurde, ist ja bekannt. Allerdings macht es das Grauen beim Lesen nicht geringer. Unvorstellbar, was die mehr oder weniger 'Verrückten' alles im Namen der Wissenschaft erdulden mussten.
Bei der Lektüre leiden wir mit Eugenie. Doch die Autorin lässt uns nicht ohne Hoffnungsschimmer zurück. Ihre Gabe verschafft ihr vielleicht einen Ausweg, aber das wird hier natürlich nicht verraten.
Im Großen und Ganzen habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es ist spannend, mitleidserregend und auch interessant. Nur die Gabe von Eugenie macht mir etwas zu schaffen, denn prinzipiell glaube ich nicht daran, dass jemand mit Toten sprechen kann. Diese Gabe macht sie in meinen Augen eigentlich zu einer Verrückten, um in der Sprache des Buches zu bleiben. Für meinen Geschmack ist Eugenie nicht das beste Beispiel, um die Willkürlichkeit, mit der Frauen eingewiesen wurden, anzuprangern. Da hätte das Schicksal, der vom Onkel vergewaltigten Louise, besser gepasst. Oder das Schicksal der Frau, die nach dem Tod ihres Babys versucht hat, sich das Leben zu nehmen.
Wie dem auch sei, die Autorin hat sich dafür entschieden und ihre Geschichte auf diese Gabe aufgebaut. Ob dies stimmig ist, oder nicht, muss jede*r Leser*in für sich entscheiden. Ich habe das Buch trotzdem gerne und mit Interesse gelesen, aber für 5 Sterne reicht es aus ebendiesem Grund nicht.
Außerdem ist es stellenweise schlampig lektoriert. Ich habe einige Fehler gefunden und bin über manche Sätze gestolpert.
Wer kennt ihn nicht, den berühmten See mit dem Kirchturm in der Mitte!
Ich bleibe hier von Marco Balzano
Jeder kennt den berühmten Reschensee mit seinem Kirchturm im Wasser. In diesem Buch lesen wir von den Menschen, die diesen Ort bewohnten und verzweifelt versuchten ein gutes Leben zu führen.
Marco Bolzano gibt ihnen Gesichter und eine Geschichte, die genau so hätte passieren können: Trina ist in diesem idyllischen Bergdorf aufgewachsen und träumt davon Lehrerin zu werden.
Doch nach abgeschlossener Ausbildung übernehmen die Faschisten die Macht in Italien und als deutschsprachige Südtirolerin darf sie nicht unterrichten. Zwischen 1939 und 1943 sollten alle nach Deutschland auswandern. Diejenigen, die bleiben, werden zu Bürgern zweiter Klasse. Ihre Sprache wird verboten.
Beherzt beginnt Trina im Untergrund zu unterrichten, bis ihr Mann Erich für die Italiener an die Front muss und sie sich um den Hof kümmern muss.
Als die Nationalsozialisten Südtirol übernehmen, geht es für die Deutschstämmigen wieder etwas bergauf. Dennoch sind Repressalien zu fürchten, denn immerhin wollten die Dagebliebenen in der ersten Welle nicht heim ins Reich. Trinas Sohn Michael meldet sich freiwillig, aber Erich will auf keinen Fall ein zweites Mal in den Krieg. Es bleibt nur die Flucht.
Überschattet wird das Ganze noch von diesem irrwitzigen Kraftwerksbau. Der größte Staudamm Mitteleuropas soll gebaut werden und der wird Reschen und Graun verschlucken.
Für die Menschen in diesen Bergdörfern ist das Elend auch nach dem Krieg nicht vor bei. Ihre hart umkämpfte Heimat ist immer noch bedroht und was sie auch versuchen, sie finden kaum Unterstützung.
Wie es ausgeht, wissen wir ja alle. Dieses Buch bringt uns dazu, über die Menschen, die in dieser Kirche gebetet haben und in diesen Dörfern geschlafen, gearbeitet und geliebt haben, nachzudenken. Sie hatten es nicht einfach in ihren Leben. Ihre Arbeit war hart, ihre Zeit brutal und dennoch sind ihre Geschichten voller Hoffnung und Lebensmut.
Marco Bolzano hat ein schönes Porträt gezeichnet von dieser widerstandsfähigen Gemeinschaft der Dagebliebenen. Ich habe diese Geschichte sehr gerne gelesen, fand sie ungemein interessant und war stark berührt von der Grausamkeit der Geschichte. Äußerst lesenswert!











