Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde, Barbara Maria Angerer:
Vergnügliches Zeitgeistkaleidoskop ohne Teifgang
Fabelhafte Eigenschaften von Adam Soboczynski
In "Fabelhafte Eigenschaften" gelingt es dem Autor, die Geschichten von 3 Mitdreißigern immer wieder zu kleinen spannenden Höhepunkten zu führen. Julia und Hans aus gut betuchtem Hause, beschäftigen sich unablässig mit sich und ihrem möglichen oder doch lieber unmöglichen Beziehungsgeschehen.
Hineinverwoben ist die Geschichte Sebastians, eines jungen Architekten, ebenso auf der Suche nach seiner Identität, jedoch aus finanziell und intelektuell eingschränkterem Elternhaus. Geschickt umschließt der Autor diese drei Gestalten mit deren sozialen und familiären Netzwerken. Lässt diese Geschichten, als erklärenden Untergrund wie Spotleights mit einfließen und gestaltet so ein Zeitgeistkaleidoskop, das eben Tiefe auch vermissen läßt. Unbedingt in einem Stück zu lesen, sonst fallen die Einzelteile auseinander.
Höchst amüsante Gesellschaftskritik
Der Fisch in der Streichholzschachtel von Martin Amanshauser
Martin Amanshauser gelingt es mit viel Sprachwitz, psychologischem Feingefühl und dem Aufbau von grandioser Situationskomik kräftig Kritik an unserer Lebensform zu üben. Die Idee, ein modernes Kreuzfahrtschiff auf ein Piratenschiff des 18. Jahrhunderts treffen zu lassen und aus 2 unterschiedlichen Ich-Positionen heraus, das Geschehen zu beschreiben, finde ich sehr gelungen.
Das Ende überrascht noch einmal und verstärkt die augenzwinkernde Selbstironie für unseren vorherrschenden Lebensstiel.
Die vielen Gesichter und Geschichten eines Hotels - lesenswert serviert!
Hotel Alpha Roman von Watson Mark
Mark Watson beschreibt in seinem Roman Hotel Alpha Geschichten rund um das und im renommierten Londoner Hotel durch die Zeit der Sechziger Jahre bis zum Beginn des zweiten Jahrtausends. Der schillernde und charismatische Hotelbesitzer und seine Familie stehen im Mittelpunkt. Die Perspektiven des Chefportiers, der seinen Lebensinhalt im Hotel sieht, und des blinden Jungen Chas, dessen Schicksal engstens mit dem Hotel zusammenhängt, werden geschickt ineinander verwoben.
Die Charaktere sind sehr einfühlsam und klar gezeichnet, die leise durchklingende Gesellschaftskritik erzeugte bei mir schmunzelndes Nicken. Das stetige Kommen und Gehen im Hotel hinterlässt vielfältige Geschichten, oftmals trügt der schöne Schein und vieles ist hinter der glatten Fassade bedrückend und dunkel. Die Geschichten rund um ein Hotel aufzubauen ist eine gute Idee und erlaubt viele Eindrücke in unterschiedliche Leben, die kurz aufleuchten und wieder in der Anonymität der Welt verschwinden. Die Vielfältigkeit und Buntheit und die vielen offen gebliebenen Stellen entsprechen genau den Gegebenheiten und Beliebigkeiten eines Hotels. Die ausgesucht feine Sprache und der unaufgeregte, flüssige und humorvolle Stil haben mir gefallen. Ein schönes Buch, das ich als leichte, durchwegs spannende und auch nachdenklich stimmende Lektüre gerne weiter empfehle.
Ein sehr dichtes Buch
Der Löwensucher von Watson Mark
Der Autor, Kenneth Bonert, uebernimmt es, in der Enkelgeneration, nach Ueberlieferungen und Erzaehlungen seiner Grossmutter, eine Geschichte rund um das Pogrom in Litauen zu entwerfen.
Der Lebensweg des juedischen Emigrantenkindes Issac wird erzaehlt vor dem Hintergrund der Rassentrennung und Apartheidsregierung in Suedafrika, der Judenverfolgung, dem zweiten Weltkrieg und den zwischenmenschlichen Beziehungen.
Dabei kaempft der junge Issac zwischen den Welten: Schwarz und weiss, juedisch und antisemitisch, arm und reich, den Vorstellungen seiner Mutter und jenen des Vaters, zwischen kleinen Siegen und grossen Niederlagen, Schmach, Ohnmacht, Geheimnis und Luege, Zuwendung, Liebe, Unrecht, Schuld und immer wieder Gewalt und grossem Leid.
Die Dichtheit des Buches entsteht durch die Spirale von Unrecht, Gewalt und Leid ueber die Elterngeneration hinweg und uebersteigt fuer mich beinahe das ertraegliche Mass.
Unbedingt lesenswert!
Gebete für die Vermissten von Jennifer Clement
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, war gefesselt von der Geschichte und betroffen von der realen Aktualität. Beschrieben wird der Existenzkampf von Frauen und Mädchen, ausgeliefert dem Machtrausch von Drogenbossen, Menschenhändlern und korrupter Politik. Mit schonungsloser Härte beschreibt die Autorin die Lebenswirklichkeit der Menschen aus dem Blickwinkel eines heranwachsenden Mädchens.
Trotz der Brutalität der Geschehnisse enthüllt die Geschichte viel Leichtigkeit, Schönheit, Solidarität und Hoffnung. Ein Buch das den Blick für die Welt weitet und die Widerstandskraft von Menschen beschreibt.
Ein Roman, dem der Duft Indiens entströmt
Die Farben der Hoffnung von Sankaran Lavanya
Warmherzig, klar strukturiert und ein wenig seicht, beschreibt Lavanya Sankaran in ihrem Erstlingswerk das Zusammentreffen des modernen aufstrebenden Indien mit den alten religiösen und gesellschaftlichen Strukturen der ehemaligen Kolonie Englands. Die unterschiedlichen Welten werden anhand der Lebensgeschichten des Unternehmers Anand und dessen Hausmädchen Kamala beschrieben, eingerahmt vom politischen Zwang zwischen Demokratie und Korruption.
Das Buch empfiehlt sich besonders jenen, die dieses vielfältige und bunte Land schon bereist haben und mit dem grandionsen Aufreinanderprallen von bitterer Armut und strahlendem Prunk, von Unrat und Hässlichem mit unbeschreiblicher Schönheit schon konfrontiert wurden. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und empfehle es als Ferienlektüre gerne weiter.
Ver - rueckte Welt
Die Farben der Hoffnung von Sankaran Lavanya
Mit teils wunderschönen Formulierungen und Sprachbildern beschreibt die Autorin Teile der inneren und äußeren Welt der Protagonistin Anna. Anna, die ihre Wahrnehmung von Anfang an auf ungewöhnliche Weise sehr selektiv fokussieren und zentrieren kann und dieses Vergnügen mit ihrer großen Liebe Antti teilt.
Durch den plötzlichen und tragischen Verlust ihres Partners fällt Anna aus der Welt, wie es im Klappentext heißt. Eine gute Beschreibung für den Inhalt der Geschichte: Anna´s Versuch, in der Welt zurecht zu kommen, obwohl ihr Orientierung, Halt und Sinn abhanden kommen. Bruchstückhaft baut sich ihr Leben auf und es bleibt Stückwerk, weil es für sie den Zusammenhang verloren hat. Immer wieder findet sie Strategien, um Ordnung zu schaffen in ihrem Kopf und somit in ihrer Welt. Ein berührendes Buch, wenn man den Mut hat, sich auf den Schleuderkurs der unterschiedlichen Wahrnehmungen einzulassen. Was ist für-wahr zu nehmen, was ist Fiktion? Von welcher Perspektive aus betrachtet, sind welche Ereignisse möglich? Bis sich der Kreis schließt und sie in der inneren Welt ihrer Demenzerkrankung zurückkehrt an den Ort ihres Glücks. Eine mutige Autorin, verlangt mit ihrer ver-rückten Protagonistin durchaus ein wenig nach mutigen Leserinnen und Lesern, die bereit sind, sich in das Abenteuer dieses Buches zu stürzen. Mein Fazit: lesenswert, berührend, verwirrend und herausfordernd.
Fremde Welten - vorsichtig entschleiert!
funny girl von McCarten Anthony
Antony McCarten beschreibt sehr berührend, einfühlsam und vielschichtig die Welt einer kurdischen Muslima im heutigen London zwischen Tradition und Emanzipation. Eingehüllt sind dieses Suchen und Ringen, der Mut und die Angst der jungen Frau in Witz und Komik.Eine hervorragende Idee des Autors, hinter dem Schleier der Comedy, Gesellschaftskristik zu transportieren, Hintergründe und Wissen zur kurdischen Kultur zu vermitteln, Vorurteile beider Kulturen zu bedienen und diese auch zu entschleiern.
Ein wichtiges verbindendes Buch, witzig und spritzig geschrieben.
Eine schaurig-schöne Geschichte
Eine Nacht, Markowitz von Ayelet Gundar-Goshen
Der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen gelingt es in ihrem Romanerstling, mit wunderschönen Sprachbildern den Reiz, das Flair und die spezifische Schönheit des Landes Israels zu beschreiben. Orangenduft zieht förmlich durch das Buch, flirrend heiße Luft und karges Land nehmen vor dem inneren Auge Gestalt an.
Die Schicksale, Lebensweisen und Herausforderungen der handelnden Personen beschreibt die Autorin mit ebensolcher Intensität. Leid und Schönheit, Liebe und Hass, Leidenschaft und Einsamkeit, Sehnsucht und Freundschaft, Fanatismus und Sucht, Emanzipation und Ergebenheit in das Schicksal fügen sich leichtfüßig ineinander. Die Geschichte spannt sich vom israelischen Befreiungskampf bis ins Nazideutschland mit all den Gräueltaten. Männerfreundschaften und Frauenschicksale sind intensiv beschrieben und doch bleiben die Charaktere unverbindlich fern, so dass es mir schwer fällt, mich ganz auf sie einzulassen. Eine wunderbare Filmgeschichte, als Roman nicht nur schön - auch schaurig.
Locker-flockige Stories aus neurologischer Sicht
Wahn. von Kessler Christof
Christof Kessler beschreibt in kurzen Stories einige neurologische Erkrankungen und deren mögliche Auswirkungen für Patienten, deren Angehörige und Umwelt. In einer sehr leicht lesbaren Mischung aus Belletristik und einfachen fachlichen Erklärungen beschreibt der Neurologe, was geringfügige Veränderungen in der Biochemie unseres Gehirns für "wahnwitzige", teils skurrile, teils dramatische und tragische Auswirkungen haben können.
Die beschriebenen Schicksale sind laut Klappentext fiktiv - müssen sie aus ethischer Sicht auch sein - und beschreiben doch reale Krankheitsverlaufsmöglichkeiten, die Verständnis für "auffällige" Mitmenschen wecken können und mich dankbar machen für ein gesund funktionierendes Gehirn.Die einfache und flockige Erzählweise umschifft die Wucht des Themas, auf die Gefahr hin, dass der Inhalt des Buches verflacht und nicht ernst genommen zu werden braucht.










