Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Zeitgeistig sein sollender Schrott
E
in Drehbuch-Schreiber ist noch lange kein Roman-Autor. Wenn er es werden möchte, befleißigt er sich vielleicht eines verquälten Germanisten-Deutsch (seitenlange Dialoge im Konjunktiv der indirekten Rede - wozu?). Oder er bildet die vermutete Sinnlosigkeit des postmodernen Daseins in der Schilderung ebenso sinnloser Beziehungskisten ab, die einen nur mit einer weiterführenden Frage zurück lassen: Warum habe ich etliche Stunden auf dieses doofe Buch verschwendet???
Eine Beleidigung jeder halbwegs intelligenten LeserIn!
unterhaltsam, aber (zu) früh durchschaubar
Der Mann, der seine Frau vergaß von OFarrell John
John O´Farrell: Der Mann, der seine Frau vergaß
Angenommen, es gibt eine haarscharf partielle Amnesie ("fugue"), die zielsicher alle persönlichen Erinnerungen löscht, die "extrapersonelle" Erinnerung an Sprache, Wissensbestände etc. aber bestehen lässt: Wer hätte sich eine derartige Versuchsanordnung für einen zweiten Start ins Leben und insbesondere in eine Zweierbeziehung nicht schon einmal gewünscht?!
Einen solchen Versuch spielt O´Farrell durch, und er bemüht sich um Konsequenz.
Das gelingt nicht immer; so gehört "die kurzzeitige Verwirrung, in die man zwangsläufig gerät, wenn man in einem fremden Bett erwacht" (S. 17-18) doch wohl in den Bereich des persönlichen Erinnerns und müsste somit für den Ich-Erzähler verloren sein. Abgesehen von kleineren Fehlformulierungen dieser Art bietet der Roman aber eine vergnügliche Serie von Episoden, die einen (männlichen) Menschen beim Erkennen und Vermeiden früherer Fehler zeigen - und beim Hineintappen in neue Fallen, die das (Beziehungs-)Leben so bereithält. Trotz der Anlage als Roman (381 Seiten) lebt das Erzählen von diesen komischen Episoden und witzigen, schlagfertigen Dialogen - es lebt auf einer Mikro-Ebene, und die Herkunft des Autors aus dem Comedy-Bereich ist unverkennbar.
Ein Gesetz, das den großen Wurf regiert, beherrscht der Autor jedoch nicht: das Gesetz der dramatischen Ökonomie. Nur annähernd gleich starke Pro- und AntagonistInnen können sich ein wirklich spannendes Match liefern. O´Farrells Heldin aber ist für die Erzählgegenwart weitgehend auf die leidgeprüfte Ehefrau / emanzipierte Zicke reduziert. Was macht diese Frau attraktiv? Wir erfahren von der Schönheit, die sie in den Augen des Helden noch immer besitzt, von ihrem roten Haar und dem schlagfertigen Erfindungsreichtum ihrer jungen Jahre aus den Erinnerungen, die langsam in das Bewusstsein des Ich-Erzählers zurückkehren. Wirklich plastisch wird sie als Gegenspielerin des Ich-Erzählers nicht, und damit fehlt dem Roman das eigentliche Spannungsmoment eines veritablen Ehekrieges und seiner Auflösung im haltbarsten aller Zustände, dem Provisorium.
Fazit: unterhaltsam, aber (zu) früh durchschaubar. In einem creative writing course würde ich den viel versprechenden Text zu weiterer Überarbeitung zurückgeben.
Ein wenig viel der Stereotypen und eine verschenkte Metapher: die des genauen 'Staublesers'
Der Staubleser von Josef Brainin
Eine allgemeine Bemerkung vorweg: Solange Antisemitismus existiert, muss er dargestellt und damit aufgedeckt werden; das kann in jedem Genre, auch in der Belletristik, geschehen. Allerdings ist das Problem noch immer viel zu ernst und bedrückend, als dass ein schematisch konstruierter Beinahe-Krimi ihm gerecht werden könnte.
Die bis heute unabgeschlossene Geschichte von Restitutionsansprüchen und -prozessen spricht eine ganz andere Sprache als dieser ‚Ende gut, alles gut’-Roman.
Dabei weckt der Titel zunächst die Erwartung eines spannenden realistischen Erzählens als Spurenlesen: Ein Antiquitätenhändler, der im Staub zu räumender Verlassenschaften detektivisch zu lesen versteht, bietet eigentlich eine wunderbare Perspektive auf das Problem der im Nationalsozialismus enteigneten Raubkunst. Im konkreten Fall, den der Held zu lösen hat, lässt sich die verborgene Spur eines Gemäldes mit etwas Glück recht einfach zurückverfolgen. Das nach Flucht oder Vertreibung, Konzentrationslager und Bombenkrieg unweigerlich auftretende Problem der missing links im Provenienz-Nachweis scheint nicht zu existieren. Ähnlich verläuft die Frontenbildung unter FreundInnen, KundInnen und GegenspielerInnen des Helden nach einem simplen Schwarz-Weiß-Schema – für oder gegen ‚die Juden’. Den Anstoß zu einer regelrechten Kampagne gegen den Helden gibt allerdings seine Affäre mit einer Kundin und zeitgleich mit deren Tochter; soll der Rachefeldzug der Mutter auf Nazi-Propaganda à la 'Rassenschande' anspielen? Im Bewusstsein des Helden bleibt die Fragwürdigkeit seines eigenen Verhaltens merkwürdig unbedacht, und der Leserin hätten Eifersucht und Kränkung ohne den Beigeschmack von Inzest auch genügt.
Schließlich erfolgt die Korrektur historischen Unrechts durch einen – natürlich von Südslawen erfolgreich durchgeführten – Einbruch, und die rechtmäßige Erbin des Bildes ist eine reiche amerikanische Jüdin mit luxuriösem Lebensstil und einem großen Herzen. Diese rettet den Helden dankbar aus seiner Kreditklemme, und mit der Eröffnung eines neuen Antiquitätengeschäfts ist die Welt wieder in Ordnung.
Ein wenig viel der Stereotypen und eine verschenkte Metapher: die des genauen 'Staublesers'. Aber für uns Leser und Leserinnen ist und bleibt die Welt doch heil: Die gehobene Wiener Gesellschaft mit ihren Finanzgeschäften ist eine böse. Da gibt´s offenbar nix zu hinterfragen.
'Das Ende verleiht dem Roman schließlich eine berührende Qualität, die sich die längste Zeit der Lektüre hindurch, trotz vieler witzig erzählter Passagen und aus dem Leben gegriffener ‚Identifikationsangebote’, nicht recht einstellen will.'
Elsa ungeheuer von Rosenfeld Astrid
Laut Klappentext handelt der Roman vom glamourös-verlogenen Kunstbetrieb. Aber erst unter dieser Handlungsoberfläche zeichnen sich die Muster ab, die dem Handeln der Figuren zugrunde liegen und die es langsam zu entdecken gilt: Verlassen und verlassen werden, Liebe und Lieblosigkeit vererben sich gleichsam von einer Generation zur anderen, und der Umgang mit Liebe in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen wird zum Prüfstein für jedes geschilderte Leben.
Daran ändert sich auch durch die sog. sexuelle Befreiung nichts – vielmehr trägt die junge Generation schwer an einer Freiheit, die keine Sinnangebote macht.
Der Titelfigur Elsa gelingt es als einziger, die Muster der Lieblosigkeit zu durchbrechen. Sie hält auch als Erwachsene ihr in kindlichem Zorn gegebenes Wort, ihr eigenes Kind niemals zu verlassen. Dafür bezahlt sie einen hohen Preis und ist in der Härte gegen sich selbst nun tatsächlich „ungeheuer“ – viel mehr als durch ihr einzig auf Autonomie bedachtes, rotzfreches Verhalten in Kinder- und Jugendtagen. Denn Liebe und Autonomie kann auch sie letztlich nur teilweise vereinbaren: Im Erwachsenen- (und Mutter-)Werden zieht sie die Konsequenz der Selbstbescheidung.
Dieses Ende verleiht dem Roman schließlich eine berührende Qualität, die sich die längste Zeit der Lektüre hindurch, trotz vieler witzig erzählter Passagen und aus dem Leben gegriffener ‚Identifikationsangebote’, nicht recht einstellen will.
...Es geht also in diesem beeindruckenden Roman um Liebe, aber, wie in der Jahrhunderte alten Rede von Gott, um die Liebe als nicht zu Fassendes, nicht zu Benennendes … jedenfalls leichtfüßig packend für uns und liebevoll im Umgang mit den Figuren.
Sommer in Maine von J. Courtney Sullivan
Ein Erzählen aus verschiedenen Perspektiven leidet oft daran, dass Aufmerksamkeit und Sympathie einer der Perspektiven parteilich zuneigen, während die anderen quasi schlechter wegkommen. Das ist hier nicht der Fall: Die Lebens- und Erinnerungswelten der vier Protagonistinnen schließen sich gegenseitig weitgehend aus, und dennoch wird jede dieser Welten im Erzählen aus der Perspektive der Figur nachvollziehbar und verständlich – jede besteht in ihrem eigenen Recht.
Sie lehnen einander ab, als LeserInnen vollziehen wir das nach und können sie doch zugleich alle vier verstehen.
Der Plot folgt in seinen Grundzügen dem Muster der „Ten Little Niggers“ (sorry für mangelnde PC, aber so lautet der Originaltitel nun mal!): Vier Frauen aus drei Generationen einer irischen Einwanderer- und Aufsteiger-Familie kommen an einem abgelegenen Ferienort zusammen; ihre Erinnerungen beziehen sich auf ein und dieselbe Familiengeschichte, deren unterschiedliche Wahrnehmung aber zum Kampf aller gegen alle führt – im Sommerhaus in „Maine“ (so der Titel des amerikanischen Originals) kommt es zum Showdown der einander ausschließenden Identitäten und ihrer Ansprüche auf Wahrheit, Recht und den Besitz des erinnerungsgeladenen Hauses.
Der große Abwesende in den Erzählungen von Mutter, Tochter, Schwiegertochter und schwangerer Enkelin ist der bereits verstorbene Ehemann, Vater und Großvater Daniel. Er vertritt in allen Erinnerungen das Prinzip der liebevollen Zuneigung, des Verstehens und Lachens über menschliche Unzulänglichkeiten. Offenbar war sein Wahrheitsanspruch nicht exklusiv wie der aller anderen Familienmitglieder in der Erzählgegenwart.
Auf der Suche nach einem Ersatz finden die vier Frauen – wenn überhaupt - so nur noch Surrogate der Liebe: eine bigotte katholische Kirche, die Anonymen Alkoholiker, einen Puppenhaus-Wettbewerb oder die fortgesetzte Suche nach einer Lebensform jenseits der hierarchisch-lieblosen Familie. Es geht also in diesem beeindruckenden Roman um Liebe, aber, wie in der Jahrhunderte alten Rede von Gott, um die Liebe als nicht zu Fassendes, nicht zu Benennendes: Zu fassen und zu benennen sind nur noch die Erscheinungsformen ihrer Abwesenheit. Eine Theologie für unsere Zeit? Jedenfalls leichtfüßig packend für uns und liebevoll im Umgang mit den Figuren.
Der Plot des Romans hätte das Zeug zu wirklich guter Unterhaltung! Gelangweilt hat mich ? der Erzählstil
Sommer in Maine von J. Courtney Sullivan
Zur wirklichen = wirksamen Spannung von H. G. Wells’ Time Machine (1895) und War of the Worlds (1898) könnten bei Palma weitere Spannungsmomente hinzu kommen; angelegt sind
- die Rezeptionsgeschichte als Entstehungsgeschichte der – wertmäßig ja nicht unumstrittenen – Gattung Science fiction (es gibt hervorragende literarische Werke in dieser Gattung!),
- physikalisch-technische Entwicklungen der letzten hundert Jahre,
- die Kriminal-Aspekte mit ihrer (historischen und zeitlos menschlichen) Psychologie und
- die darin verwobene Liebesgeschichte, auch mit ihrer sozial- und gendergeschichtlichen Problematik.
All diese Möglichkeiten scheinen mir verschenkt, und das gleich aus zwei Gründen:
1. Innerhalb der dargestellten Welt wird die Zeitreise nach ein, zwei früheren Andeutungen bereits am Beginn des XVII. Kapitels endgültig als platter Betrug entlarvt, also auf S. 262 von 714 Seiten. Nur eine gelangweilte, teils sensationslüsterne, teils naive zeitgenössische Öffentlichkeit fällt darauf herein – wo wäre eine Identifikationsfigur à la good guy, diabolischer bad guy (N. Tesla, S. 262!), sympathischer underdog oder auch großer Forscher, großer Liebender? Auf den letzten 450 Seiten hat mich keine der handelnden Figuren in ‚ihre Sache’ hineingezogen, in keinem der Probleme der handelnden Figuren konnte ich einen Menschen von heute wieder finden – geschweige denn eine ernst zu nehmende historische Perspektive, die der auktoriale Erzähler ja wiederholt zurück weist („Ich hingegen sehe alles und höre alles“). Welche Rolle spielt die Titel gebende Zeit überhaupt (z. B. in ihrem Verhältnis zum menschlichen Bewusstsein oder zum physisch-physikalischen Raum)? Mir scheint, eigentlich gar keine.
Was bleibt, sind eine Gauner-Geschichte ohne psychologischen oder sonstigen Reiz und eine Liebesgeschichte, die ob ihrer sozialen Abfederung weltfremd und steril konstruiert wirkt.
2. Gelangweilt hat mich auch der Erzählstil. Palma schreibt wie der typische Autor von Fortsetzungsgeschichten, der nach Zeilen honoriert wird:
- In seinen Beschreibungen häuft er Merkmale an, als wäre Länge ein Qualitätskriterium und per se schon spannend.
- Die erlebte Rede der Figuren trägt deren Bildungsniveau und aktuellem Seelenzustand kaum Rechnung; so könnte z. B. Tom Blunt’s Überlegung „Jetzt war er bereit zu sterben, sehnte den Tod sogar herbei, denn ihm würde auf der Welt nichts anderes bleiben, als weiter in Löchern zu hausen und dahinzuvegetieren, was ihm jetzt entsetzlich mühsam und sinnentleert vorkam [...]“ (S. 495) mutatis mutandis auch fast allen anderen Figuren in den Mund bzw. ins Hirn gelegt werden. Gerade unter völlig Mittel- und Bildungslosen, die allein mit dem täglichen Überleben beschäftigt sind, ist die Selbstmordrate hingegen bekanntlich gleich Null.
- Die oben genannten Möglichkeiten zur Herstellung von Spannung werden nur additiv eingesetzt. So muss halt ein neuer Bösewicht her, nachdem Gilliam Murrays Potential verbraucht ist – warum der kühle Denker Wells diesem plötzlich ganz naiv Glauben schenkt, bleibt ein Rätsel ...“
Überzeugend ist an diesem Geschreibsel nur eines: die Langeweile / Langweiligkeit des Helden
Sommer in Maine von J. Courtney Sullivan
Die Lektüre dieses Romans erweist das Ironie-Versprechen seines Untertitels als platte Aussage des Faktischen: So schreibt ein Anfänger (nicht einmal) in der Provinz ? Langeweile auf allen Ebenen.
Dass die jahrzehntelange ?Inselsituation? Berlins korrupte Strukturen in Politik und Verwaltung gefördert hat, ist bekannt; dass Berlins neue Funktion als Drehscheibe zwischen Ost und West, Nord und Süd einen guten Nährboden für mafiose Strukturen abgibt, ebenfalls.
Dass in den 1990er Jahren eine ?Null-Bock-Generation? herangezogen wurde, wird 2011ff. auch niemanden mehr überraschen. Woher soll das Interesse kommen, das durch immerhin 314 Seiten tragen könnte? Aus der unerwarteten Dummheit und Naivität aller beteiligten kriminellen Elemente? Was sich PolizistInnen vielleicht wünschen würden, macht noch lange keinen guten Roman. Und der pubertär verquälte Sex auch nicht ...
Überzeugend ist an diesem Geschreibsel nur eines: die Langeweile / Langweiligkeit des Helden, die mich das Buch halb gelesen hätte zur Seite legen lassen, wenn ich nicht diese Rezension zu schreiben gehabt hätte ...
Massimo Marini von Rolf Dobelli
In seinem Roman Massimo Marini entwickelt Dobelli dem ersten Anschein nach eine Antithese von "Haben" und "Sein", personifiziert im Titelhelden und seinem Anwalt, der zugleich als Erzähler die Erzählperspektive weitgehend bestimmt. In psychosozialer Hinsicht liefert die Schweiz der Nachkriegszeit den Extremfall einer europäischen Versuchsanordnung: Wie verhält sich der Sohn mittel- und weitgehend rechtloser Arbeitsmigranten mit Saisonnier-Status in diesem wohlhabenden Land, das zudem "scheinbar" über eine ungebrochene Rechtstradition verfügt?
Erwartungsgemäß orientiert sich der Habenichts in seinem Lebensentwurf am Prinzip des Haben-Wollens; auch seine jugendliche Kritik an den herrschenden Verhältnissen ist eine Form der Bemächtigung.
Ebenfalls erwartungsgemäß verharrt der arrivierte Zürcher Anwalt in der Haltung des distanzierten Beobachters. Interessanter wird das Erzählen, sobald die personifizierte Antithese aufbricht: Der soziale Aufstieg mündet in die Suche nach Liebe und nach der Freundschaft des Anwalts, während dessen distanziertes Interesse infolge einer Depression zum Ersatz für eigene Vitalität wird. So vollzieht sich eine schrittweise Umkehr der ursprünglichen Wertungen, die dem zugrunde liegenden Schematismus zum Trotz für die beiden männlichen Protagonisten ganz überzeugend geschildert wird: Beide erleiden den Zusammenbruch ihrer Identität, an deren Aufbau bzw. Aufrechterhaltung sie ihr Leben lang gearbeitet haben. Die weiblichen Nebenfiguren hingegen bleiben blass und papieren, was allenfalls mit der männlichen Erzählperspektive zu entschuldigen ist. Letztlich wird dadurch aber die Aussagekraft der Handlung als ganzer geschwächt ? sie reduziert sich auf ein erkennbar männliches Konstrukt von Wirklichkeit.
Von dieser Kritik nehme ich jene Momente aus, die der Autor vermutlich aus eigenem Erleben schöpft: den Verlauf der Einreise von Massimos Eltern in die Schweiz, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Überanpassung der Fremden, deren verstecktes Kind nicht einmal ein Existenzrecht hat. Der Schematismus der späteren Kompensation durch den sozialen Aufsteiger mag in gewolltem Kontrast zu den berührenden Details dieses "Migrationshintergrundes" stehen. Und hier hätte z. B. eine überzeugendere Entfaltung der ersten Ehefrau Monika ansetzen können, die in ihrem Bemühen um Massimo aber weitestgehend auf ihre Anteilnahme an seiner Arbeitswelt reduziert wird - von ihrer Innenwelt erfahren wir so gut wie nichts. Die Schönheit und das Künstlertum der zweiten Ehefrau bleiben dann vollends eine Behauptung des ganz Anderen aus männlicher Perspektive. In interkulturellen Beziehungen laufen aber ganz andere Auseinandersetzungen ab, und das sogar in der Schweiz (in der ich über zwanzig Jahre gelebt habe).?
...Szenen von filmreifer Komik.....
Adams Erbe. von Rosenfeld Astrid
Das Erzählen von Krieg und Gewalt nimmt meist die unmittelbar betroffenen zwei bis drei Generationen in den Blick. Demgegenüber erweitert Rosenfeld ihr Figurenrepertoir um den Angehörigen einer vierten Generation, vor dem die traumatischen Erfahrungen seiner jüdischen Berliner Familie aus der Nazi-Zeit sorgsam geheim gehalten werden.
Trotz aller Tabuisierung legt das Verhalten der älteren Familienmitglieder Edward, diese jüngste Figur des Romans, unerbittlich auf ein ihm selbst unbekanntes Erbe fest. Sein Ausbruch aus der Sprachlosigkeit ins Erzählen von sich und dem ?Erblasser?, seinem Großonkel Adam, hebt das ererbte Muster aber letztlich im doppelten Wortsinne auf: Edward überwindet Adams beständiges Verfehlen seiner Jugendliebe, vielmehr findet er die hoch betagte Dame und sucht sie in den USA auf, um ihr endlich Adams Geschichte zu überbringen. Zugleich aber bewahrt er das Muster, indem er seine eigene Liebe verfehlt und ihr seine Geschichte zwar erzählt, aber als bestenfalls potentieller Adressatin.
Mit dem Thema des ?Erbes? greift der Roman eine Problematik auf, die sich in einer Zeit des Friedens bzw. eines ?nur? Kalten Krieges lange verdrängen ließ: diejenige der ?Kinder der Kriegskinder?, der ?Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs? ? so Titel und Untertitel einer Untersuchung von Anne-Ev Ustorf (Freiburg i. Br.: Herder 2008). Die Verschränkung einer ? oft verschwiegenen, unterdrückten, tabuisierten ? fremden Geschichte mit der eigenen Geschichte einer Figur lässt Rosenfeld eine Erzählstruktur wählen, die in der Gegenwartsliteratur wohl am häufigsten auf dem Balkan anzutreffen ist: die Schachtelung weitgehend selbständiger Erzählungen in einander. Wie auch im ?postkolonialen? Erzählen kommt es dabei zu deutlichen Überschneidungen, Wiederholungen und Echos auf den verschiedenen Ebenen des Textes.
Ein solches Echo ist nicht zuletzt der Humor, mit dem sowohl der bei der SS als Rosenzüchter angestellte Jude Adam als auch der nach bürgerlichen Maßstäben gescheiterte Edward aus ihrem Leben erzählen: Beide machen sich unter bedrückenden Umständen eine phantasievoll-subversive Haltung zu eigen, die immer wieder zu Szenen von filmreifer Komik führt. In Reinkultur verkörpert diese Haltung bezeichnender Weise der amerikanische Ganove, Stiefvater und überlebensgroßes Vorbild des kleinen Edward, Jack Moss, der als ?selfmade man? im wörtlichen Sinne das Szenario seines eigenen Lebens Szene um Szene erfindet; doch auch er, der scheinbar autonome Erzähler von Geschichten, ist ein Erbe mit ?sein[em] amerikanische[n] Akzent, in dem noch irgendetwas anderes mitschwang? (S. 30).
Ein ..... unbestechlicher, aber nie unmenschlicher Blick auf das Leben in einer der sog. Großen Erzählungen....
In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge
Wie werden aus Revolutionären Spießer? Wie verkommt eine emanzipatorische Weltanschauung zur Rechtfertigung für totalitäre Unterdrückung? Und was können Menschen nach dem Ende eines totalitären Regimes mit der Freiheit einer postmodernen Demokratie anfangen?
Der Titel des Romans setzt derartige historische und biographische Fragen in Beziehung zur (Propaganda-)Bildlichkeit des Lichts für den sozialistischen Aufklärungsanspruch.
Zugleich kündigt er aber auch eine Perspektive an, der es weniger um die dogmatischen ?Gesetzmäßigkeiten? des Historischen Materialismus als vielmehr um das Sehen, um die Wahrnehmung des menschlichen Subjekts geht.
Diese individuelle Perspektive strukturiert das Erzählen: Die einzelnen Kapitel schildern Episoden einer Familiengeschichte jeweils aus der Sicht einer der handelnden Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt zwischen 1952 und 2001. Die Chronologie der drei Generationen wird dabei durch das Bauprinzip assoziativer Sprünge abgelöst, die aber alle einen Angelpunkt haben: den in sechs Kapiteln von einer jeweils anderen Figur erzählten 90. Geburtstag des Patriarchen Wilhelm Umnitzer. Dieser 1. Oktober des Wendejahres 1989 fungiert als Orientierungspunkt, er bildet gleichsam den ersten fixen Stein in einem Mosaik, das die Lektüre von hier aus selbst weiterbaut, indem sie die anderen historisch-biographischen Episoden ein- und zuordnet. Dabei sind Erfahrung, Erinnerung und historisches Wissen, also eine aktive Eigenleistung der LeserInnen gefragt ? eine Anforderung, die uns in das Geschehen hineinzieht. Diese Sogwirkung entfaltet der Text, obwohl (oder gerade weil?) die äußere Handlung nicht spannender ist als das alltägliche Leben in Ost oder West vor oder nach der Wende.
Der Assoziationsreichtum der lebensweltlichen Details lässt eine ganze Epoche wiedererstehen, vergleichbar den ärmlichen, alltäglichen und scheinbar unbedeutenden, dafür aber umso aussagekräftigeren Exponaten in den Schubladen des Berliner DDR-Museums. Von Ansichten und Erwartungen, Kochrezepten und Kleidung, interkulturellen und sprachlichen Missverständnissen, von der längst obsoleten DDR-Transkription des Russischen ? von diesen und vielen anderen Elementen der Erinnerung wird unsentimental, präzise und dicht erzählt, bis hin zu ebenso nüchternen Schilderungen der Nachwende-Zeit im Erleben eines jüngeren Menschen.
Die Fülle der Details wird aber immer wieder von übergreifender Bildlichkeit zusammengehalten. Eine solche Klammer ist die Namensgebung, eine andere besteht in realisierten Metaphern. So kann der lebenslange Ja-Sager Kurt in der Altersdemenz tatsächlich nur noch ?Ja.? sagen, und der nie zur Mündigkeit gelangte Parteisoldat Wilhelm singt mitten im Untergang seiner Welt mit hoher Stimme ein Marschlied.
Ein derart unbestechlicher, aber nie unmenschlicher Blick auf das Leben in einer der sog. Großen Erzählungen kommt konsequent mit einem Schluss aus, der die Frage nach einem weiteren Abnehmen oder einem erneuten Zunehmen des ?Lichts? offen lässt: Von dem erlösenden Licht, das in der christlichen Vorstellung aus dem Osten kommt (?Ex Oriente lux?) über die in vielen Sprachen vorhandene Licht-Metaphorik für die Aufklärung (fr. Siècle des Lumières, engl. Enlightenment, russ. prosve??enie) bis zu Goethes angeblich letztem Ausspruch ?Mehr Licht!? sind eine Vielzahl von Assoziationen zur Metaphorik des Titels möglich.
Aus diesem unübersichtlichen Reservoir darf sich die junge Generation ihre ?Licht?-Quelle aussuchen bzw. muss sie sich neu zusammenbasteln oder erfinden.








