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Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:

Fad fängt auch mit Fa- an

Fabelhafte Eigenschaften von Adam Soboczynski

Gegen Ende des Romans kommt ein zeitgeistiger Roman zur Sprache. Darin schildert eine der Figuren, ein Journalist, das Netz der Liebesbeziehungen in seinem Freundeskreis; gegenüber der Indiskretion, die Zeittypisches illustrieren soll (zu vermutender Anspruch: Schlüsselroman), spielen literarische Ansprüche offenbar eine untergeordnete Rolle.

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Damit ist leider auch schon einiges über das gesamte Erzählen in "Fabelhafte Eigenschaften" des Feuilleton-Redakteurs der ZEIT gesagt: Er kennt den Zeitgeist, und da seine Figuren ausschließlich TrägerInnen eben dieses Zeitgeistes sind, kennt er auch sie durch und durch (wie ein auktorialer Erzähler des 19. Jhts.). Das sagt er uns auch, sobald er eine Figur einführt, und so bleibt unserer Vorstellungskraft nichts mehr zu tun: Das Kino im Kopf geht nicht ab. Da nützen auch die entlarvend sein sollenden Kunstdiskussionen nichts, und die (nicht mehr ganz) modische "Selbstreferentialität" des Romans im Roman (oder ihre Parodie?) bleibt papierene Konstruktion.


Ein Autor, der seine Figuren nicht leben lässt, könnte ihnen - und uns - ruhig auch ihr Dasein auf dem Papier ersparen, sprich: schweigen. Der oftmals redundante Sprachgebrauch legt beredtes Zeugnis für die Überflüssigkeit dieses Romans ab - nicht nur "fabelhaft", sondern auch "fad" beginnt mit fa- ...

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Kulturkritik, einmal amüsant!

Der Fisch in der Streichholzschachtel von Martin Amanshauser

Die eigene Zivilisation mit fremden Augen sehen - wer täte das nicht mitunter gerne? In der erzählenden Literatur ermöglicht meist eine Reise den (ver)fremden(den) Blick, und auch in diesem Roman steht eine Reise am Anfang. Die Kreuzfahrt führt aber wider Erwarten nicht in fremde Länder, sondern in eine fremde Zeit: ins Jahr 1730.

Piraten aus dieser Vergangenheit sind nach schwerem Sturm mit dem modernen Kreuzfahrtschiff "Atlantis" konfrontiert, das ihnen als veritabler Turm zu Babel erscheint. Umgekehrt zeichnet sich vor den Augen der Passagiere des Jahres 2015 ein altertümlicher Schooner namens "Fín del Mundo" am Horizont ab.

Bevor sich das Schicksal beider Schiffe nach dem Motto 'Nomen est omen' erfüllt, treffen Passagiere und Piraten aufeinander. Sie erhalten Einblicke in die materielle, aber auch in die Vorstellungs- und Gefühlswelt der jeweils anderen, ohne die Zusammenhänge der beobachteten Einzelheiten zu kennen. So kommt es aus beiden Erzählperspektiven zu kuriosen Erklärungsversuchen, die komisch und kulturkritisch zugleich sind: Der Roman führt vor, wie Bilder von den 'Fremden' im eigenen Bewusstsein ernsthaft konstruiert werden; aus der jeweils anderen Perspektive geben sie Anlass zum Lachen. Amanshausers Konstruktion des Sujets lässt uns an beiden Perspektiven teilhaben und auf beiden Seiten lachen. Eine wirklich unterhaltsame Kulturkritik!

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Gediegene Langeweile

Hotel Alpha Roman von Watson Mark

Eine Lebenslüge macht noch keinen Roman, zumal dann nicht, wenn ihre Aufdeckung von Anfang an zu erwarten ist. Auch ein Salon-Löwe als Hotelier, ein fader Underdog als altmodischer Rezeptionist und ein blinder, seltsam angepasster Heranwachsender mit ihren unterschiedlichen Erzählperspektiven helfen da nicht.

Alle Figuren bleiben blass, von ihrem zentralen Konflikt ganz zu schweigen.

Angesichts der überraschungsfreien Konstruktion des Romans stellt sich ein ähnliches Gefühl ein wie in einem Stadthotel der Spitzenklasse: gediegene Langeweile.

Der Band steht bereits in einem öffentlichen Bücherschrank.

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Die "Erblichkeit" von Gewalterfahrung,: ein Fallbeispiel

Der Löwensucher von Bonert Kenneth

Im metaphorischen Sinne wird die Erfahrung von Gewalt haeufig als "erblich" bezeichnet. Dass damit keine pseudo-genetischen Zuschreibungen, sondern Muster der Sozialisierung gemeint sind, fuehrt uns der suedafrikanische Autor Kenneth Bonert am Beispiel einer juedischen Familie vor Augen: Zu Beginn der 1920er Jahre aus dem post-zaristischen Litauen in das suedafrikanische Johannesburg emigriert, waehnt sich diese kleine Gemeinschaft im Rahmen des neuen Rassismus endlich auf der Gewinnerseite der herrschenden Weissen.

Dabei bleibt die Gewalterfahrung der Elterngeneration, die der Sohn muehsam aus den Verstuemmelungen und Andeutungen der Aelteren erschliesst, tabuisiert.

Unausgesprochen bleibt aber v. a. das Prinzip des Rassismus, dem der unaufgeklaert-naive Sohn immer von neuem zum Opfer faellt und fallen muss: Passiv wird er zum Opfer jenes alltaeglichen Antisemitismus der gehobenen Afrikaaner-Gesellschaft, der seine erste grosse Liebe angehoert (incl. Aufsteiger-Phantasien). Spaeter wird er zum Opfer antisemitischer "Grauhemden", der suedafrikanischen Nazi-Variante, aber auch eines aus der Pogrom-Vergewaltigung seiner Mutter hervorgegangenen und lange verleugneten mafiosen Halbbruders, dessen "Sieg" ueber einen Loewen ihm sein Leitbild fuer das eigene Fortkommen in einer Raubtier-Gesellschaft liefert.

Aktives Opfer des Rassismus wird derselbe Sohn in seiner Ablehnung und Missachtung jener Farbigen, die einst seine kindlichen Spielgefaehrten und deren Muetter waren, die (mit Billigung seiner eigenen Mutter) in die Homelands deportiert wurden und ihm erwachsen als Denunzianten und Kriminelle gegenuebertreten.

So zeugt alte Gewalt immer neue Gewalt, und die ueberbordende, aber unreflektierte Energie und das technische Talent eines jungen Mannes werden im Kampf um Ueberleben und Aufstieg in einer Gesellschaft verschlissen, die "Rasse" ueber das Individuum stellt und es aufgrund ihrer rassistischen Herrschaftsstruktur nicht fuer erforderlich haelt, einen Minimalkonsens ueber gemeinsame Wertvorstellungen zu entwickeln.

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eine Anatomie der Machtergreifung

Der Löwensucher von Bonert Kenneth

Stephanie Bart, Deutscher Meister. Hamburg: Hoffmann und Campe 2014

"Fair is foul and foul is fair" - mit dieser Verdrehung gueltiger Werte locken schon Shakespeares Hexen den treuen Gefolgsmann Macbeth auf den Weg des moerderischen Machtgewinns. Bis heute bezeichnet "fair play" im Sport und darueber hinaus das "schoene", weil freie Spiel der Kraefte, das nach akkordierten Regeln ablaeuft; ein Verstoss gegen die vor dem Wettkampf festgelegten Regeln ist ein Foul.

Im 20. Jahrhundert koennte der Spruch der Hexen ueber einer Biographie des Wiener Fussballers Matthias Sindelar stehen.

Stephanie Bart fuehrt nun die Knebelung des "schoenen Spiels" durch den totalen Machtanspruch einer rassistischen Weltanschauung am Beispiel des Sinto Johann Wilhelm "Rukeli" Trollmann (1907-44) vor. Sein vorletzter Boxkampf trug ihm - und dem Roman - den Titel eines Deutschen Meisters im Halbschwergewicht ein; sein letzter Kampf war ein Lehrstueck in subversiver Affirmation: Unter politisch diktierten Bedingungen trat Trollmann mit blondiertem Haar und mehlbestaeubtem Koerper an und liess sich zusammenschlagen, quasi als blonder, weisser "Arier" und durch pseudo-sportliche Regeln geknebelt (s. die ausdrucksstarke Illustration unter Verwendung eines historischen Photos auf dem Schutzumschlag!). Die minutioese Schilderung dieses historischen Kampfes stellt den abschliessenden Hoehepunkt des Romans dar, der durch viele kleine 'Machtergreifungen' schwaechlicher Funktionaere ueberhaupt erst ermoeglicht und vorbereitet wird. So kann man das Werk angesichts und zugleich ungeachtet all seiner boxerischen Details als eine Anatomie der Machtergreifung lesen: Ob Sport oder Privatleben, Berliner Milieu oder englischer Aristokrat, ob Homo- oder Heterosexualitaet - der Totalitarismus (nicht nur) eines Hitler erhebt Anspruch auf die Macht ueber jeden Einzelnen und jeden Aspekt des Lebens.

Barts Fokus auf boxtechnische und physiologische Details macht die Lektuere fuer Box-Laien nicht unbedingt leichter. Er erfuellt aber eine zweifache Funktion: Zum einen hebt das Erzaehlen nie von der konkreten, koerperlichen Ebene ab ins abstrakt Weltanschauliche, auch nicht eines wohlmeinenden Anti-Faschismus. Zum anderen verweigert sich die Schilderung boxerischen Details jeder rassistischen Interpretation und damit der im europaeischen Denken tief verwurzelten Versuchung, die Ueberlegenheit z. B. eines Trollmann ueber verschiedenste Gegner auf einen 'naturhaften' ("Neger"-)Instinkt zurueck zu fuehren.

Fazit: ein ernstes, anschauliches und durch gelegentliche Glanzlichter von Berliner Schnauze auch unterhaltsames Buch; Realitaetsbezuege in der Gegenwart sind nicht ausgeschlossen.

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Eine Meisterleistung perspektivischen Erzählens!

Der Löwensucher von Bonert Kenneth

Die Schilderung langsam fortschreitender Demenz braucht einen nicht erst in ihren Bann zu ziehen ? außer dem Bewusstsein der Heldin Anna gibt es in dem Roman nichts, das Orientierung ermöglichen würde, und so können wir lesend gar nicht anders, als das 'Zerfallen der Zeit' mit Anna zu durchleben.

Am Ende ist es Gott auf seinen weißen Socken, der eine Versöhnung im Lächeln bringt. Eine Meisterleistung perspektivischen Erzählens!

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Lachen ? gut, aber auch selbstgerecht?

funny girl von McCarten Anthony

Die junge kurdisch-türkische Heldin des Romans, Azime, erfüllt sich einen ungewöhnlichen Berufswunsch: Um in London Stand-Up-Comedian zu werden, muss sie nicht nur knackige Texte produzieren, sie muss auch die Grenzen ihrer Herkunftskultur überschreiten. Das gelingt ihr mittels Talent, einiger Zufälle und anderer Menschen.

Im Lachen trifft sie sich schließlich sogar mit ihren Eltern wieder.

Die tragischen Konsequenzen einer derartigen Grenzüberschreitung werden zwar nicht unterschlagen; so wird eine von Azimes Freundinnen in den Selbstmord getrieben. Die Heldin selbst durchläuft eine Krise von Einsamkeit und Angst. Dennoch wird das Geschehen fast durchgängig aus westlich-"aufgeklärter" Perspektive geschildert. Das Leiden der traditionell denkenden Eltern an den beruflichen Erfolgen ihrer Tochter wird nicht glaubhaft ? das Erzählen denunziert die Eltern einfach als zurückgeblieben und etwas dümmlich. So beschlich mich gegen Ende der Lektüre ein leichter Zweifel, ob das Lachen mit der Heldin nicht auch einen Anteil von Selbstgerechtigkeit enthält?

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Boolywood for Europeans

Die Farben der Hoffnung von Sankaran Lavanya

Der Roman erzählt von einem südindischen Unternehmer und seiner Lebenskrise, die ihre Ursachen in Wirtschaft und Gesellschaft eines sog. Schwellenlandes hat: Wir lesen von betrieblicher Expansion, politischer und gewerkschaftlicher Korruption, von Parties und Beziehungspflege, von religiösen Bräuchen und ihrer scheinbar problemlosen Koexistenz mit sehr weltlichen Absichten .

.. Parallel zu diesem Handlungsstrang verläuft die Erzählung von seiner Hausangestellten, die als mittellose Witwe sich und ihren Sohn auf anständige Weise, d. h. mit harter Arbeit durchzubringen sucht. Auch sie kämpft mit den Auswüchsen eines Materialismus, der traditionelle Werte untergräbt und die Schwachen, v. a. die Frauen, noch schwächer und wirtschaftlich hilfloser macht und sie (männlicher) Gewalt verstärkt ausliefert.

So lernen wir bei leichter Lektüre einiges über ein Land im Stadium des ?Raubtierkapitalismus?. Dass die rechte Spannung dennoch ausbleibt, liegt an der stereotypen Zeichnung der Figuren: Dem klugen, ehrlichen, fleißigen Helden mit seinem brahmanischen Arbeitsethos stehen seine Frau, eine konsumverwöhnte Oberschicht-Zicke, und ihr Vater, ein egozentrischer Salon-Löwe und Spekulant, gegenüber. Politiker sind korrupt, ein Gewerkschafter ist letztlich doch anständig, die Kinder des Helden sind frisch und unverdorben usw. Da hilft auch eine sich verschämt abzeichnende Liebe nicht ? die beste Freundin der Ehefrau bleibt blass, zu einer lebendigen Beziehung kommt es gar nicht. So lässt sich die Krise im Rahmen bestehender Konventionen lösen, der Held ist etwas pragmatischer geworden, und alles endet in einem neuerlichen Fest: Bollywood for Europeans.

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wahrhaftige Mythologie für unsere Zeit

Eine Nacht, Markowitz. von Gundar-Goshen Ayelet

Ayelet Gundar-Goshen, Eine Nacht, Markowitz.
Roman, Zürich/Berlin: Kein & Aber 2013

rezensiert von: Petra Hesse, Klagenfurt

Der Roman erzählt vom Leben zweier Freunde und ihrer Frauen in der "heroischen" Gründungszeit des Staates Israel. Und wie es sich für quasi-mythische Helden gehört, sind die Hauptfiguren und ihre Mitmenschen geradezu überlebensgroß und - mit viel Witz - lebensprall gezeichnet.

Erst langsam stellt sich heraus, dass in den gekonnt miteinander verwobenen Lebensgeschichten einiges verschwiegen wird. So hält der Titelheld Markowitz seine Frau in nicht vollzogener Zwangsehe, und sein bester Freund Seev Feinberg hat bei einem Einsatz der irregulären Irgun-Armee eine arabische Mutter und ihr Kind erschossen. Die angeblich eigenen Kinder der beiden stammen alle drei von anderen Vätern; in Unkenntnis ihrer Abstammung ahmen die Kinder ihrerseits ein Heldentum nach, das ihnen von ihren Ziehvätern in mündlicher Überlieferung nahe gebracht wird. In dieser vermeintlichen Nachfolge suchen sie zunächst ein verlassenes arabisches Dorf, dann die Wüste als den Ort des väterlichen Heroismus auf und finden darin den Tod bzw. - zwei werden gerettet - das Scheitern ihres heldenhaften Lebensentwurfs.
So offenbart der Roman bei all seiner vollmundigen und unterhaltsamen Erzählweise einen dunklen Subtext: die fragliche Abstammung und die Verdrängung von traumatischen Erfahrungen und eigenen Verbrechen. Scheinbar ideale israelische Identitäten werden brüchig und erweisen sich als genauso zusammengewürfelt, von Zufällen ("Schicksal") geprägt und dem Altern unterworfen wie "normale" Menschen.
Dieses Sujet bebildert auf geradezu malerische Weise einen wissenschaftlichen Ansatz, den kritische Historiker in der israelischen Geschichtsschreibung verfolgen. Als Beispiel sei Shlomo Sand, "Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand." Berlin: Propyläen 2010 (Original 2009) genannt: Sand versucht auf Basis gründlichen Quellenstudiums, jüdische Identität von ihrer genetischen Zwanghaftigkeit und nationalen Exklusivität zu befreien. Während sein Buch einen langen Atem und historisches Interesse erfordert, ist Gundar-Goshens Roman der reine Lesegenuss - Nachdenken nicht ausgeschlossen!
Oder: wahrhaftige Mythologie für unsere Zeit. Ein großartiges Buch!

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Der "Wahn" bleibt blass.

Wahn|Stories von Kessler Christof

Petra Hesse: Der "Wahn" bleibt blass. Rezension zu

Christof Kessler, Wahn. Stories.
Köln: Eichborn 2013

Körperlich-seelische Zustände, in bzw. mit denen der einzelne Mensch und seine Gesellschaft leben können, werden zumeist als "gesund" oder "normal" bezeichnet.

Zustände jenseits der Bandbreite dieser Norm gelten als "krankhaft" und behandlungsbedürftig. Mit letzteren befasst sich die ärztliche Diagnostik, aber - zumindest seit der Romantik - auch das künstlerische Erzählen.

Der "Wahn" - so der Titel von Christof Kesslers Erzählsammlung - erscheint in literarischem Erzählen häufig als die einzig existierende Realität: Er wird aus der Innenperspektive des oder der "Wahnsinnigen" erzählt. Für den Arzt hingegen muss der Wahn im Außen bleiben: als Gegen-Stand (!) seiner Erkenntnis und seines Bemühens um Heilung.

Diese beiden Einstellungen zum "Wahn" versucht der kunstinteressierte Neurologe Kessler zu verbinden. Anders als Oliver Sacks, der weitgehend aus der eigenen Perspektive des Mediziners erzählt und im Rahmen dieses Erzählens seine PatientInnen zu Wort kommen lässt, wechselt Kessler zwischen Innen- und Außenperspektive. Dies schwächt beide Sprechhaltungen: Der Mediziner kommt allenfalls populärwissenschaftlich zu Wort und vernachlässigt die körperlichen Aspekte der Krankheitsgenese, aber auch die angestrebte Illusion des "Sich-Hinein-Versetzens", der zeitweiligen Identifikation mit dem wahnhaften Bewusstsein gelingt nicht wirklich. So gleicht die Schilderung der Dopaminsucht eines Parkinson-Patienten in der titelgebenden ersten Erzählung einem Computerspiel, betrachtet aus der Distanz eines Nichtspielers; die folgende Erzählung von Partnertausch und Infarkt liest sich gar wie eine moralisierende Warnung vor der Selbstüberforderung einer falsch verstandenen Modernität u. s. w.

Insgesamt kann ich den Erzählband weder als packende Literatur noch als medizinisch aufschlussreich bezeichnen - der "Wahn" bleibt blass.

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