Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:
Das Nicht-Ankommen-Können als migrantische Verfassung entwirft der Roman durchaus überzeugend.....
Der Russe ist einer, der Birken liebt Gebunden. von Grjasnowa Olga
Der Titel des Romans lässt eine Auseinandersetzung mit nationalen Stereotypen erwarten, und die liefert er ? wenn auch in ungewohnt psychologisierter Weise: im Psychogramm einer frühkindlich traumatisierten Jüdin aus Aserbaidschan, die mit ihren Eltern nach Deutschland emigriert ist, dort Sprache als ?Macht? zu verstehen gelernt und sich daher verschiedenste Sprachen angeeignet hat, aber letztlich sogar in Israel ? trotz aller Sprach(en)kenntnisse ? eine Fremde bleibt.
Ihr Problem des Fremdseins ergibt sich immer von neuem aus allzu einfachen Konstruktionen von ?Nation? und nationaler Zugehörigkeit, die auf die Ich-Erzählerin nie vollends zutreffen und die sie konsequenter Weise nicht annimmt.
Die Verlogenheit positiver Autostereotypen ihrer (scheinbar toleranten ?Gast?-)Länder zeigt sich u.a. an der kompromittierenden deutschsprachigen Formel vom ?Migrationshintergrund?, aber auch im überall anzutreffenden Sexismus. Der Versuch, ?Heimat? auf einer privaten Ebene neu zu begründen, scheitert mit dem Tode ihres Geliebten Elias, den sie noch als Schwerverletzten im Krankenhaus beneidet, weil er ?innerlich heil? ist (S.41). Eine Auseinandersetzung mit seinem spießigen deutschen Elternhaus (und mit den Problemen, die Elias vermutlich mit den eigenen Eltern hatte) leistet sie ebenso wenig, wie die Auseinandersetzung mit den eigenen, in der Emigration zu jüdischer Frömmigkeit zurückgekehrten Eltern. Die Blockade von Empathie und Verstehen erneuert sich immer wieder in flashbacks eines traumatischen Pogrom-Erlebnisses aus ihrer Kindheit.
So verharrt die Ich-Erzählerin in einer erbarmungslos genauen Beobachtung von Details aller Milieus und bleibt selber immer außerhalb. Dieser Standpunkt ermöglicht ihr durchgehend eine kalt sezierende Sprache, die mitunter ? leider ? in neue Stereotype abgleitet wie z. B.: ?Ihre [i.e. der Krankenschwester] Augen loderten fundamentalistisch? (S. 20).
Das Nicht-Ankommen-Können als migrantische Verfassung entwirft der Roman durchaus überzeugend. Nicht so schlüssig erscheint mir die quasi geschlossene Roman-Form ?von einem Anfang zu einem Schluss?, der keiner ist und auch keiner sein kann: Der Roman endet mit einem Notruf und einer escapistischen Vision.
... hinterlässt .... einen zwiespältigen Eindruck...?
Die Tigerfrau. von Obreht Téa
Die Story ist gut konstruiert, die Verschränkung der Zeitebenen psychologisch glaubhaft. Dennoch fehlt mir etwas - das Ganze ist einfach zu glatt. Vielleicht bin ich allzu sehr daran gewöhnt, Literatur über serbische Themen auch in serbischer Sprache zu lesen, vielleicht sind Eigenarten der Erzählsprache auf dem Wege der Übersetzung verloren gegangen.
Vor allem aber nimmt erzählerische Archäologie des Bewusstseins eigentlich immer Bezug auf Texte, die zum historisch-literarischen Bestand gehören ("was über einen Krieg geschrieben, in den Schulen gelehrt, auf dem Buchmarkt oder im Untergrund erhältlich war"), und derartige Bezüge gibt es nicht. Der Roman scheint mir eher das durchaus gelungene Produkt eines creative writing - Kurses zu sein und hinterlässt daher einen zwiespältigen Eindruck - aber das ist wohl v.a. meine eigene déformation professionelle.
Die erzählerische Konstruktion vermeidet akribisch ein letztgültiges Urteil ?
Der Sohn. von Durlacher Jessica
Gegenüber dem Titel des niederländischen Originals, De held, hat der Verlag den Titel der deutschen Übersetzung entschärft: Der Sohn bezeichnet zunächst lediglich die Verwandtschaftsbeziehung zwischen der Ich-Erzählerin und einer der Figuren. Die Bewertung dieses Sohnes und seines Handelns als heroisch kann der Leser / die Leserin gegen Ende der Lektüre selber vornehmen, muss es aber nicht ? im deutschen Titel ist keine Wertung vorgegeben.
Somit dient dieser Eingriff wohl nicht vordergründigen Marketing-Zwecken.
Vielmehr führt die Änderung direkt ins Zentrum eines ethischen Dilemmas, das der Roman aufwirft: Darf der Mensch das Recht unter bestimmten Voraussetzungen in die eigene Hand nehmen? Im Gefolge von Naziterror und den anderen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts werfen heute positiv besetzte Begriffe wie ?ziviler Ungehorsam? oder ?Widerstand gegen die Staatsgewalt?, aber auch militärisches Eingreifen auf fremdem Territorium oder postkolonialer Terrorismus diese Frage auf. Jessica Durlachers Roman lotet sie in einer scheinbar privaten Familiengeschichte psychologisch aus; rechtsphilosophische und völkerrechtliche Aspekte spielen am Rande aber durchaus auch eine Rolle.
In den drei Generationen der jüdischen Familie Silverstein wird das Grauen des Holocaust gleichsam vererbt, allerdings weniger durch die mündliche Tradition als durch einen ausgeprägten Beschützer-Instinkt, der sie Wesentliches immer wieder verschweigen lässt: Die jeweiligen Eltern wollen ihre Kinder vor dem Wissen um brutale Fakten bzw. die Erinnerung daran ebenso beschützen wie die jeweiligen Kinder ihren Eltern schmerzhafte Fragen und das Wissen um eine fortwährende Bedrohung ersparen wollen. Dieses sonst meist der Täterseite bescheinigte Schweigen wird hier auf der Seite der Opfer vorgeführt, und es drängt die Opfer und ihre Nachkommen sogar unter einander in die Rolle von KriminalistInnen, die immer wieder die Bedingungen der eigenen Existenz klären müssen.
Die Spurensuche Saras, der Vertreterin der mittleren Generation, führt zu einer Täterschaft, die von einer ähnlichen Sprach- und Hilflosigkeit geprägt ist: zum geprügelten Sohn eines Nazi-Schergen und dem in der Illegalität aufwachsenden Sohn einer Arbeitsmigrantin ohne Papiere. Aus der Perspektive der Ich-Erzählerin werden diese fremden Vorgeschichten nur kurz gestreift, aber die Selbstermächtigung zu Gewalt und die Usurpation des Rechts sind auch in der Entscheidung ihres Sohnes Mitch für eine Ausbildung zum US-Marine angelegt. Das Hadern der Mutter mit
dieser Entscheidung ihres Sohnes geht ihrer eigenen gefühlsgeleiteten Entscheidung voraus, nicht auf ihren Peiniger zu schießen. Der Sohn entscheidet sich mit derselben Waffe in der Hand vor derselben Tür anders.
Mit seinen zwei Generationen von im Frieden aufgewachsenen Nachkommen der Opfer stellt der Roman also gleichsam eine Versuchsanordnung dar, die die Gedanken- und Gefühlswelt des ersten Opfers, des Großvaters Hermann Silverstein, abbildet: In seiner Angst vor dem Nazi-Terror versteckt er sich ? eine angesichts der Zahlenverhältnisse auch vernünftige Entscheidung; vernunftgeleitet ist später seine Aufarbeitung der eigenen Geschichte mittels wissenschaftlicher Dokumentation ebenso wie die Erziehung seiner Kinder zu Gewaltlosigkeit. Im Bewusstsein desselben Hermann Silverstein hat aber zur gleichen Zeit auch die Phantasie von gewaltsamer Gegenwehr Platz, die er in jenem Brief formuliert, mit dessen Lektüre durch die Ich-Erzählerin der Roman schließt.
Hermann Silverstein ist verängstigtes Kind und ?Held? in einer Person, und er bleibt beides bis ans Ende seines Lebens. Ähnlich gegensätzliche Aspekte vereinigen auch die anderen Figuren des Romans in sich. Die erzählerische Konstruktion vermeidet akribisch ein letztgültiges Urteil, sie geht nicht in die Falle der Identifikation mit einer für gut oder böse erkannten Gewalt oder Gewaltlosigkeit. So erblickt die Mutter an ihrem Sohn nach dem Mord Merkmale, mit denen totalitäre Regime Filmhelden oder Statuen ihres Neuen Menschen ausstatten: ?Sein Gesicht ist todernst, die Muskeln über den Wangenknochen und dem Kinn sichtbar angespannt, seine Haut glänzt vor Kraft, seine Augen sind klar und hell. Er ist aus Licht gemacht, denke ich, und mich befällt ein unbestimmtes Gefühl des Unbehagens [...]? (S. 377-78). Aber auch dieser Mensch hat stark geweitete Pupillen ? wird er, der mit seinen geliebten Eltern nicht über den Mord spricht, seinen Kindern je davon oder von seinen Erfahrungen in Afghanistan erzählen?
Eine bitterböse, glänzend geschriebene und in ihren Wiedererkennungseffekten höchst amüsante Medienkritik ...
Er ist wieder da von Vermes Timur
Der Roman lebt von einer phantastischen Grundannahme: Nach über einem halben Jahrhundert erwacht Adolf Hitler im Berlin der Gegenwart. Aussehen, Sprache und Weltanschauung sind seit 1945 unverändert, das stellt Hitler als Ich-Erzähler von der ersten bis zur letzten Seite nachdrücklich unter Beweis.
Gleich geblieben ist auch die Faszination, die dieser Held offensichtlich auf seine Mitmenschen ausübt: Er wird an einen Privatsender vermittelt und macht dort eine steile Karriere als vermeintlicher Comedy-Darsteller. Einen politisch korrekten ?Quotentürken? verdrängt er aus dessen eigener Fernsehshow, als ?irrer Youtube-Hitler? wird er Kult und knüpft Beziehungen zu Größen aus Politik und Medien. Alle fallen auf ihn herein, ausgerechnet die ?Bild?-Zeitung agiert als letztes Bollwerk der Demokratie, und wo vordergründig der ?Künstler? angehimmelt wird, drängt sich der Verdacht auf, dass auch die zynischen Inhalte seiner Reden die meisten Figuren durchaus ansprechen. Eine bitterböse, glänzend geschriebene und in ihren Widererkennungseffekten höchst amüsante Medienkritik ...
Wie kann ein solches Gedankenexperiment enden? Mit einem Knalleffekt: Hitler wird von Rechtsradikalen als ?lebensunwert? und ?Judenschwein? beschimpft und auf offener Straße zusammengeschlagen. Spätestens hier geraten alle einfachen Rechts-Links-Zuordnungen durcheinander, obwohl/gerade weil die historische Konstellation der 1930er Jahre neuerlich beschworen wird: Hitler sieht in seinen Gegnern einen SA-Trupp (?ihr endet wie Röhm?), und diese argwöhnen eine Neuauflage der Dolchstoßlegende (?dann fällst du ... Deutschland in den Rücken!?). Zur Kenntlichkeit entstellt wird so nicht nur der Zynismus der Medien-, Macht- und Geld-Eliten, sondern die grundsätzliche Verführbarkeit von Menschen ? die Spaßgesellschaft lechzt nach einfachen Botschaften.
Grossartig!
Polarrot von Patrick Tschan
Nach Thomas Manns Felix Krull lässt sich kaum mehr ein deutscher Hochstapler-Roman schreiben ? dachte ich, bis ich Patrick Tschans Polarrot in die Hand bekam. Hier betrügt und lügt sich wieder ein sympathischer Held durch die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts, angefangen vom mondänen Milieu der Schweizer Grand Hotels vor dem ersten Weltkrieg über das Basler Großbürgertum der Zwischenkriegszeit bis in den II.
Weltkrieg hinein ? und mit Glück und zunehmender Lebensklugheit auch wieder hinaus.
Dabei gehört dieser Jack Breiter genauso wenig zu den Schönen und Reichen wie die Schweiz zu den großen, mächtigen und immer wieder Krieg führenden Nationen Europas. So geht es in seiner Lebensgeschichte, die Tschan liebevoll mit historischem Detail ausstattet, wie auch in der Schweizer Geschichte immer wieder um die Frage: Wie finde ich Aufnahme in den Club der Großen? Mit welchen Mitteln und um welchen Preis?
Moral spielt dabei nur insofern eine Rolle, als sie die Regeln des Lügens, Vertuschens und (sich) Verbergens diktiert: Über eigene moralische Werte verfügt das mittellose Individuum zunächst nicht, es hat sich den herrschenden Regeln anzupassen und als Schüler, Hotelbediensteter, Handelsreisender und Bauer in der sozialen Hierarchie mitzuspielen. Entsprechendes gilt aber auch für die Großindustrie, die mit Nazi-Deutschland Geschäfte machen kann, solange die politisch-militärischen Machtverhältnisse es zulassen. Der Roman lässt es aber nicht bei der Anprangerung von Eigennutz in einer durch und durch schlechten Welt bewenden. Im wiederholten Scheitern (und nach einigen entbehrlichen Passagen über soziale Ungerechtigkeit) findet der Held seinen Platz in einer kleinen Welt, die der seiner Herkunft gar nicht so unähnlich ist. Und sogar uneigennützige Liebe deutet sich an ...
Ein historischer und zugleich ein Entwicklungs- und Schelmenroman, der einem ?den Ärmel ´reinnimmt? (wie man in der Schweiz sagt) ? großartig!






