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Rezensionen von HEYN Leserunde, Petra Hesse:

DATEN = MACHT + VERKNÜPFUNG --> ALLMACHT = GOTT ...

Going Zero von Anthony Mccarten

… oder: Was absolute Macht für das Individuum, das sich ihr unterwirft, bedeuten kann – so lässt sich die Thematik dieses Thrillers beschreiben. Die Antwort fasst bereits der Titel zusammen: die Notwendigkeit, sich selbst auf Null zu setzen, sich zum Verschwinden zu bringen.
Die Terminologie entstammt einem Spiel, in dem die geballte Macht von staatlichen Sicherheitsorganen und Hightech gegen zehn Individuen antritt.

Diese können dem Private Public Partnership „Fusion“ nur ein erfindungsreiches Lowtech oder, besser noch, Notech entgegensetzen, um nicht geortet und ergriffen zu werden. Die Wertschätzung der Einzelnen durch „Fusion“ lässt sich bereits an ihrer Bezeichnung als „Zero“ mit durchgehender Nummerierung von eins bis zehn ablesen.
Die Erzählweise scheint zunächst einfach: Von Kapitel zu Kapitel schwenkt die Aufmerksamkeit auf die jeweils andere Seite und rückt die Denk- und Arbeitsweise von deren Protagonisten und Protagonistinnen in den Fokus. Ab der Mitte der 460 Seiten, wenn die Hälfte der Individuen schon geschnappt ist, könnte dieses Verfahren langsam langweilig werden, doch da werden die Verhältnisse auf beiden Seiten immer komplexer: Zero 10 verdoppelt sich, und in der Geschlossenheit von „Fusion“ tun sich unerwartet Risse auf; zudem offenbaren anfängliche Antagonisten plötzlich gewisse Ähnlichkeiten – wo Menschen agieren, gibt es keine dauerhafte Eindeutigkeit. Kurz: aus Spiel wird Ernst, und die Spannung steigt. Dabei gerät die raffinierte Gestaltung erzählerischer Einzelheiten nie aus dem Blick, z. B. der Klang von Eigennamen, die eine Nähe zur außerliterarischen Realität andeuten und zugleich verneinen.
Abschließend ein zweifaches Bekenntnis: Ich bin weder Thriller-Liebhaberin noch IT-affin. McCartens Thriller bezeichne ich auch weniger deshalb als Pageturner, weil er einige meiner Vorbehalte gegen Mobiltelefone und TV-Geräte bestätigt; vielmehr lässt er Leser und Leserin an einem Gedankenexperiment teilhaben, das bei aller Bedrohlichkeit zugleich abschreckend und faszinierend wirkt – eine uneingeschränkte Empfehlung!

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Anatomie ohne Genese

Männer sterben bei uns nicht von Annika Reich

Es geht um HERRschaft, das wird früh im Erzählverlauf klar. Die Ausübung dieser Herrschaft durch eine Frau lenkt die Aufmerksamkeit allerdings auf die Wurzel des Begriffs: auf den HERRn, der in allen drei dargestellten Generationen abwesend ist und nur einmal, bereits als Toter, einen von der Herrin inszenierten „Auftritt“ hat: Die Großmutter begräbt den Großvater, nachdem sie sich den Schmuck, den er ihr angeblich schenkt, jahrelang selber zugeschickt hat.

„Männer sterben bei uns nicht“, da sie im Herrschaftsbereich der Großmutter gar nicht leben.
Aber auch andere, Frauen, sind aus diesem Bereich verbannt, so die Schwester der Großmutter und die geliebte ältere Schwester der Ich-Erzählerin. Andere befinden sich auf dem Anwesen in einer Art innerer Verbannung wie die Mutter mit ihrem ordinären Geschmack und dem Junkfood, mit dem sie ihre Tochter ernährt. Die Tochter findet die Verbannten mit der Zeit wieder und erhält von ihnen gesprächsweise das zum Verständnis der großmütterlichen Herrschaft erforderliche Orientierungswissen: „Das Anwesen war ihr Phallus, aber natürlich ein geliehener. Deswegen musste sie es noch strenger beherrschen, als es ein Mann je hätte beherrschen müssen. So wurde sie zur Patriarchin.“ (S.136)
Auf dieser theoretischen Basis bleiben grundlegende Fragen zur individuellen Psyche ungestellt: Welche (Ohnmachts-?)Erfahrung hat die Großmutter so herrschsüchtig werden lassen? Woher stammt der Reichtum, dessen sie sich zur Durchsetzung ihrer Herrschaft bedient? Warum fügen sich ausnahmslos alle Ausgegrenzten widerstandslos dem Willen der Großmutter? Nicht einmal die aufmüpfige ältere meldet sich bei der ehedem von ihr verhätschelten jüngeren Schwester – warum nicht? Derartige Fragen zielen auf die Entstehung, die Genese, einer Herrschaft ab, die in ihren Erscheinungsformen, quasi ihrer Anatomie, durchaus überzeugend geschildert wird. Die geschmackliche Prägung der Ich-Erzählerin durch die Großmutter etwa scheint immer wieder durch, aber warum stellt das Kind keine einzige Frage zu den toten Frauen, die am Seeufer angespült werden..?
Das Stillleben auf dem Schutzumschlag fasst dieses Erzählen und seine – gewollten? – Lücken bildhaft zusammen: Unter einem opulenten Strauß aus Pfingstrosen und Flieder schwimmen in einer japanischen Fayence-Schale kleine Goldfische – ein prächtiges Bild üppiger Fülle. Bei näherem Hinsehen jedoch entdeckt man eine Bruchstelle, durch die Wasser aus der Schale ausgetreten ist und eines der Fischlein mitgerissen hat – es zappelt sterbend auf dem Trockenen … und eine der daneben liegenden Quitten scheint bereits angefault.

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fight or flight …

Wovon wir leben von Birgit Birnbacher

… in die Enge getrieben, können Tier wie Mensch sich zwischen diesen beiden Optionen entscheiden (besagte die Physiologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts). Umgelegt auf gegenwärtige Verhältnisse im ländlichen Raum: bleiben oder gehen?
Beide Möglichkeiten werden im Roman durchgespielt von einer Frau und einem Mann in der Krise.

Sie, im Dorf aufgewachsen, ist gegangen: geflüchtet vor Sprachlosigkeit, Frauenverachtung und Perspektivlosigkeit. Er, der Städter, ist aufs Land gekommen, um zu bleiben und sich für einen Sinn in seinem Leben einzusetzen: um zu kämpfen. Diese Rolle füllt er im Wesentlichen bruchlos aus, während das Leben der Ich-Erzählerin von Brüchen gekennzeichnet ist: In ihrer beruflichen und gesundheitlichen Krise ist sie zurückgekehrt und sucht wieder Schutz im Elternhaus. In der Folge ist sie neuerlich männlicher Vereinnahmung ausgesetzt: Zwar lebt sie einen kurzen Sommer lang ihre Liebe zum Städter ohne existentielle = weiterführende Fragen; sobald er jedoch beginnt, fraglos eine gemeinsame Zukunft ins Auge zu fassen, tritt sie wiederum den Rückzug an. Auch die ‚Erpressung‘ ihres Vaters durch Selbstverletzung kann sie nicht zum Bleiben bewegen – im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich zur Aufgabe einer neuen Beziehung und zur Rückkehr in die alten Verhältnisse moralisch zwingen lässt.
Letztlich bleiben aber alle Lebenswege unabgeschlossen, und der Roman spielt nur Möglichkeiten durch, „wovon wir leben“ könnten. ‚Erfolg‘ oder ‚Scheitern‘ von Kampf oder Flucht werden nicht vorgeführt. Eine gewisse Stereotypie der Geschlechterrollen lässt sich allerdings auch dieser behutsamen Erzählweise nicht absprechen.

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Identitätssuche ohne Orientierung

Jahre mit Martha von Martin Kordic

Der Titel des Romans scheint eine Liebesgeschichte anzukündigen, doch die bleibt seltsam einseitig: Immer wieder nimmt die titelgebende Martha, wesentlich ältere Vertreterin des bundesdeutschen Bildungsbürgertums, Kontakt zum jüngeren Ich-Erzähler auf, der ein Vertreter der zweiten Gastarbeiter-Generation ist und nach dem strebt, was sie hat: Bildung, Ansehen, Besitz.

Allerdings erweisen sich diese Ziele eines nach dem anderen als hohl, falsch und verlogen. Der Erzähler selbst zitiert: "... it´s a fake, Frank." Der Erwerb von Bildung durch die Unterordnung unter einen akademischen Guru führt nur knapp zu einem Studienabschluss; die Anstellung in einer Beraterfirma lässt den Erzähler zum gesuchten Löser von Problemen aufsteigen, die er zuvor selbst geschaffen hat, und im Haus der Firmenbesitzerin finden sich anlässlich einer Feier NS-Devotionalien – die sprichwörtlichen Leichen im Keller.
Nach einer Phase der völligen Orientierungslosigkeit, die bereits mit der Abwesenheit der arbeitenden Eltern in der Kindheit des Erzählers begonnen hat, schließt sich der Kreis: Zeljko gelangt, nun als Gärtnergehilfe, erneut in Marthas Garten und das Haus, das seine Mutter in seiner Kindheit geputzt hat. Während jetzt die Hausherrin im Sterben liegt, findet der Ich-Erzähler recht unerwartet zu seiner Familie zurück.
Einzelne Episoden des Romans sind durchaus überzeugend erzählt, z.B. der Tanz des Jugendlichen für die kleine Schwester oder die Verabschiedung des Großvaters in seinem herzegowinischen Dorf. Aber das Sujet des Romans, die Suche eines Gastarbeiterkindes nach Orientierung und Zugehörigkeit, bleibt blass. Umschreibt man Identität mit letzteren Begriffen, so erklärt sich diese Blässe aus der durchgehend einseitigen Erzählperspektive, die ausschließlich Erleben und Erinnerung des Ich-Erzählers berücksichtigt.

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Lektüre als kreativer Trip

Utopia Avenue von David Mitchell

Vorbemerkung: Pop- und Rockmusik haben mich nie sonderlich interessiert. Als Musik meiner AltersgenossInnen bildeten sie eher die Soundkulisse meiner Teenage-Jahre. Den zugehörigen Starkult fand ich befremdlich.

Zum Buch: So war ich angesichts eines Romans über eine fiktive Band der späten 1960er / frühen 1970er Jahre auch nicht sonderlich begeistert.

Aber diese Hürde nahm das Buch im Flug. Psychologisch überzeugend wird von vier jungen Menschen aus deren jeweiliger Perspektive erzählt. Bei aller Verschiedenheit teilen sie zwei Eigenschaften: eine große und tatkräftige Liebe zu ihrer Musik, die Selbstzweifel nicht ausschließt, aber sich doch nicht unterkriegen lässt; ferner die ehrliche Bereitschaft, die anderen Bandmitglieder in ihrem Anders-Sein zu akzeptieren, und das gilt „sogar“ für die eine Frau unter ihnen. Der zeittypische Sexismus ist in Randfiguren präsent, ebenso wie der allgegenwärtige Drogenkonsum und das Organisationstalent eines weniger chaotischen Managers. Historische Künstlerpersönlichkeiten, die gelegentlich auftreten, tragen das Ihre zum Wiedererkennen der 68er Generation bei.
Das eigentlich Faszinierende des Erzählens besteht aber in der Verbindung von Leben und Songs der einzelnen Bandmitglieder. Das langsame Werden ihrer Texte wie auch der Musik erwächst aus konkreten, meist schmerzlich erlebten Situationen und Zuständen auf dem Weg des Erwachsenwerdens, und damit ist dem auf Tonträgern festgehaltenen Produkt „Song“ eine Dimension hinzugefügt, die die Lektüre des Romans zu einem kreativen Erlebnis macht.

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Geschichte hat so schnell kein Ende

Schmelzwasser von Patrick Tschan

Von der totalitären Weltsicht des Nationalsozialismus zu einer demokratischen Sicht westlichen Zuschnitts führt keine Brücke, und so beginnt der Roman mit einem Sprung der Heldin – die politische Emigrantin kehrt nach dem 2. Weltkrieg in ihre deutsche Heimat zurück. Dort ist sie mit einem Problem konfrontiert, das immer von neuem demselben Muster folgt: Die Bürger und Bürgerinnen der Kleinstadt wollen nicht zurück, sondern nur ‚nach vorne‘, in die Zukunft, schauen; ihre (Wert-)Vorstellungen entstammen allerdings eben jener Vergangenheit, die sie nicht reflektieren wollen.

Mit der Zeit – das Erzählen umspannt 20 Jahre – werden die lebenslustigen Jungen immer mehr, und auch die ersten Verbündeten der Heldin, einer Buchhändlerin, setzen sich in ihrem Gemeinwesen allen Anfeindungen zum Trotz durch: mit Bubikopf-Frisuren, modischen Klamotten, Mobilität per Motorroller und Pop-/Rockmusik. Kaum zu glauben, wie gut die Geschichte gehen kann …
Wie die alltägliche Erfahrung einer gebürtigen und sozialisierten Deutschen allerdings gezeigt hat, spielen nicht nur (weltanschauliche) Inhalte und ihr jeweiliges Gegenteil eine Rolle für das Verhalten in einer Gemeinschaft. Mindestens ebenso wichtig sind Strukturen wie das Freund-Feind- oder Schwarz-Weiß-Denken – derartige binäre Denkstrukturen sind mit einer Entscheidung für oder wider bestimmte Inhalte nicht überwunden. Diesen Aspekt hat nicht nur das Nachkriegsdeutschland, sondern auch der Roman weitgehend verpasst.

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homo homini lupus, the comedy version

Bekenntnisse eines Betrügers von Rahul Raina

Der originale Titel des Romans, „How to Kidnap the Rich”, trifft das serielle Grundmuster des sarkastischen Erzählens von Betrug, Gewalt und Entführungen gut. Der deutsche Titel ordnet das Erzählen vermeintlich der abendländischen Bekenntnis-Literatur von Augustinus bis zu Thomas Manns – immerhin ebenfalls leichtfüßigem – „Felix Krull“ zu, hat aber mit dem eigentlichen Text wenig zu tun.

Eventueller Langeweile ob der ununterbrochenen Wiederholungen von Gewalt und Unmenschlichkeit beugen die lakonischen Kommentare des ebenso betrügerischen wie coolen Ich-Erzählers vor.

Die nicht enden wollende Abfolge unterhaltsam geschilderter krimineller Akte würde ich für ein Verfahren aus Bühne und Unterhaltungsliteratur halten, hätten mir indische KollegInnen aus Soziologie, Geschichte und Kulturwissenschaft nicht ähnliche Ereignisse aus ihrem täglichen Leben im Zeichen des Hindu-Nationalismus geschildert. So mischen sich in meine durchaus amüsierte Lektüre auch immer wieder düstere Fragezeichen.

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Eher kein Roman?

Der große Fehler von Jonathan Lee

Der große Fehler dieses Buches scheint mir im Untertitel „Roman“ zu liegen: Diese literarische Gattung lässt sich als der Versuch auffassen, durch Erzählen einen Zusammenhang zwischen einzelnen Elementen herzustellen, so z. B. zwischen Figuren, Vorgängen, Sprache, Vorstellungen u. a. Einen solchen Zusammenhang erfassen wir als Sinn, während das Scheitern des erzählerischen Willens zum Sinn einer Diagnose von Sinnlosigkeit gleichkommt.

Den Ausgangspunkt des Erzählens bildet die Ermordung des Helden in hohem Alter. Unmittelbar folgen verschiedene Angebote einer Sinngebung für das Verbrechen; die weiteren Kapitel rollen die polizeilichen Ermittlungen und die Vorgeschichte des Ermordeten, Einzelheiten aus der Entwicklung der Stadt New York und aus der Tätigkeit einer finanziell erfolgreichen Prostituierten auf, es geht um Homosexualität und ihre Tabuisierung, Einsamkeit und sozialen Aufstieg, eine Elephantenkuh und eine Bekehrung incl. Taufe … Gelegentlich scheinen sich Zusammenhänge abzuzeichnen, aber dann läuft das Erzählen doch wieder ins Leere. Als schließlich der ermittelnde Inspektor zu der Schlussfolgerung gelangt, der Mord beruhe auf einer Verwechslung, reißt der rote Faden kriminalistischer (Re-)Konstruktion von Kausalzusammenhängen endgültig ab, und die Bemühung der Leserin um einen Sinn erweist sich als von Anfang an verfehlt.

Das ändert nichts daran, dass einzelne Kapitel durchaus spannend erzählt und geeignet sind, auf den Leim eines roten Fadens zu locken. Letzten Endes wirkt aber gerade die perfekte Zusammenhanglosigkeit des Erzählten etwas konstruiert – vieles in einem Menschenleben mag unter dem Aspekt von Vergänglichkeit und Tod sinnlos sein, aber unter der Voraussetzung vollkommener Sinnlosigkeit erübrigt sich auch das Erzählen.

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"Symbol der Dummheit und Brutalität des Staates" (S.244)

Du existierst nicht von Miha Mazzini

Was bleibt nach dem Ende einer totalitären Herrschaft? Weltanschauliche Inhalte lassen sich auswechseln, die zugrunde liegenden Denkstrukturen bleiben dagegen meist unbewusst und daher unverändert. So trat nach dem Scheitern des Sozialismus ein neuer (alter) Nationalismus in den ex-jugoslawischen Nachfolgestaaten an die Stelle des bisherigen Internationalismus.

Überdauert hat hingegen ein binäres Denken und Kategorisieren nach dem sozialistischen Muster ‚Wir gegen die Anderen´ oder ‚Unsere versus Nicht-Unsere (i.e. Leute)‘. Dass es in diesen Strukturen um Ein- und Ausschluss, Macht und Korruption, nicht aber um Mitmenschlichkeit und ein gelingendes gesellschaftliches Leben geht, zeigt Mazzinis dokumentarischer Roman wie unter einem Brennglas. Eine historische „Nachbemerkung“ stellt zudem den Bezug zum zeitgeschichtlichen Kontext der fiktional gehaltenen Story her.

Dem Thema entsprechend ist die Lektüre keine vergnügliche. Mit der Heldin kämpft sich die Leserin scheinbar endlos durch einen Dschungel an Unmenschlichkeit – Egoismus, Schwäche, Bösartigkeit, Dummheit. Äußerungen von Mitgefühl oder gar Gerechtigkeitssinn und Unterstützung sind selten. So liegt das Verdienst dieses Buches weniger in seinen literarischen Qualitäten als vielmehr in seinem dokumentarischen Anspruch: Nur Öffentlichkeit und Transparenz ermöglichen und gewährleisten (Mit-)Menschlichkeit jenseits von Denkstrukturen à la ‚Wir gegen die Anderen´. Dass der Roman bereits 2015 in Slowenien erscheinen konnte, stimmt in dieser Hinsicht letztlich aber doch hoffnungsvoll – ein Licht am Ende des Erfahrungs- und auch des Lektüre-Tunnels.

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Schade um einen Plot, aus dem sich mehr machen ließe!

Salonfähig von Elias Hirschl

Auch über abstoßende Erscheinungen lässt sich auf attraktive Weise schreiben. Dazu bedarf es allerdings mehr als nur eines stereotypen Themas und einer monotonen Stilistik. Auf das eine wie das andere beschränkt sich der Roman: Ein Jungpolitiker erweist sich bereits auf den ersten Seiten als Zwangsneurotiker, der das eigene Handeln und Erleben unaufhörlich in eine – bald schon langweilende – Abfolge von Einzelschritten auflöst.

Dabei spielen teure Marken und Lifestyle-Accessoires immer wieder eine wichtige Rolle. Seine innere Leere versucht dieser Ich-Erzähler durch die wiederholte Annäherung an ein erfolgreiches Idol zu füllen, das ihn seiner Aufmerksamkeit aber zu wiederholten Malen nicht würdigt. Die Annäherung gipfelt in der rituellen Ermordung dieses Idols, dessen innere Organe vollständig ausgenommen werden; die Aneignung seiner Wohnung, seines Aussehens und seines Lebenslaufs bis hin zu einer Traumatisierung geht so einher mit der körperlichen Übertragung von Leere im Innern.

Zu Beginn der Lektüre kommt der Verdacht auf, es könnte sich um einen Schlüsselroman handeln. Das würde allerdings ein differenzierteres Psychogramm des Ich-Erzählers und wohl auch seiner Entourage erfordern. Statt dessen werden Scheußlichkeiten in stereotyper Weise angehäuft: Nazi-Eltern, Selbstmord des Vaters und Medikamentenabhängigkeit der Mutter, Missbrauch von Alkohol und Kokain, Traumatisierung in einer Massenpanik, Verursachung des Todes einer Mitschülerin, Mord und Auswaiden des Idols, Sprengung der Wohnung … All dies wird in endloser Wiederholung abgebildet, aber erzählerisch nicht reflektiert. Schade um einen Plot, aus dem sich mehr machen ließe!

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