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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Emmmbeee:

Enttäuschend

Fünf Lieben lang von Aciman André

Paul plätschert über die fünf Liebesgeschichten in seinem Leben wie über Stromschnellen, die ihn aber nie weit tragen, sodass er bald wieder in ruhigeres Fahrwasser gerät. Schnell entflammt er für eine Person und fackelt nicht lange, sofern diese eindeutige Zustimmung zeigt. Doch bei keinem geliebten Menschen kann er lange bleiben.

Dabei wäre er offen für vieles, aber der oder die jeweils Andere beendet die Liaison bald. Paul weiss auch nicht so recht, was oder wen er denn nun eigentlich begehrt: Frau oder Mann? Aber welche Frau? Welchen Mann? Er riskiert keinen Blick in sein eigenes Inneres, in dem er sich allerdings auch nicht zu Hause fühlt.
Seine Kontaktbedürfnisse sind zwar gross, doch er will vor Verletzungen sicher sein, letztlich sicher vor der ernsthaften, fordernden Liebe. Die er aber immer wieder sucht, seit seiner ersten Verliebtheit mit Zwölf. Er spürt viele Male, dass tiefe Zuneigung zu jemandem in ihm aufblüht, aber wie er damit umgehen soll, bleibt ihm ein Rätsel. Und so scheitert er wieder und wieder in dem, was ihm das Wichtigste im Leben scheint. Gefühle, die als die grössten gelten, rieseln Paul wie Sand durch die Finger. Das, was er Liebe nennt, hinterlässt bei ihm lediglich vertrocknete Krater.
Der Text ist der innere Monolog eines Mannes, der viel Zeit und Ruhe zum Nachdenken hat. Der Vergleich mit einem Endoskop drängt sich auf, das sowohl die Magen-Darm-Beschaffenheit als auch alles Unverdaute durchcheckt, um eine Diagnose erstellen zu können, warum jemand sich krank fühlt.
Besonders literarisch finde ich die Sprache nicht, auch die Spannung lässt in meinen Augen sehr zu wünschen übrig. Ich habe lange zum Lesen gebraucht, weil der Text mich nicht fesseln konnte. Besonders der Beginn scheint mir unnötig in die Länge gezogen. Vielleicht wäre dem Roman geholfen, wenn der Erzähler sich an jemand Bestimmten gewendet hätte, nicht so ins Leere hinein geschildert.
Mehrmals habe ich mich dabei ertappt, dass ich quergelesen habe. Über weite Strecken sind die Absätze zu lang, und es gibt zu wenig auflockernde Dialoge. Alles in allem recht farb- und spannungslos. Die paar pseudophilosophischen Sprüche über die Liebe (etwa "kalt erwischt") hätte fast jeder von uns genauso formulieren können. Schade um die Lesezeit!

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Einzigartig

Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong

Der Sohn einer in Amerika gestrandeten Vietnamesin schreibt seiner Mutter einen langen Brief, im Wissen, dass sie nicht lesen kann. Es geht um jeden wichtigen Zeitpunkt in ihrem und seinem Leben. Die Frau ist (und bleibt) durch die Kriegsereignisse schwerst geschädigt, kämpft sich im ehemaligen Feindesland mühsam durch, und das ohne Sprachkenntnisse.

Gewalt in vielen Facetten durchzieht den Text, neben wenigen Momenten tiefster Liebe und neben leisen Tönen, die unversehens in Schmerzensschreie umschlagen.
Der Junge ist seit seinem jüngsten Kindesalter der Dolmetscher für eine Frau, in deren Sprache es kaum einen Ausdruck für Liebe gibt; ein Übersetzer zwischen ihr und dem Alltag, zwischen ihr und Amerika. Er selbst wechselt fliessend zwischen den Sprachen, trägt aber sein Englisch lediglich wie eine Maske. Zur Stärke verurteilt, lastet auf seinen schmalen Schultern das Gewicht einer allzu niederdrückenden Welt: Amerika, ein schönes Land, je nachdem, wohin du blickst und vor allem: je nachdem, wer du bist.
Dieser Brief wirkt wie ein Exorzismus, allerdings nur für den Sohn. Die Mutter kann sich nicht von ihren Traumata befreien. Und da er weiss, dass seine Ma Analphabetin ist, kann er schonungs- und bedenkenlos berichten und damit seine eigenen Lasten abwerfen. Vuong liefert eine Ansammlung von Situationen, die meisten geprägt und verursacht durch das fremd Sein. Kein Wort ist zu viel, und jedes einzelne trifft.
"Little dog" ist nur einer der vielen Namen des Jungen, aber der einzige, den der Leser erfährt, vielleicht deshalb, weil der Roman zumeist in der Ich-Form erzählt ist. Doch der Autor wählt zwischendurch auch die 3. Person. Dieser Umstand und dass es fortwährend Zeitsprünge gibt, macht das Leseverständnis mühsam. Man muss auch schon tief ins Buch gedrungen sein, um die einzelnen Personen klar zu erkennen, etwa, wer Lan ist.
Man merkt, dass Ocean Vuong auf der Lyrik aufbaut, in der er sich bereits einen Namen gemacht hat. Die Sprache ist ausserordentlich poetisch und zart wie das Reh auf dem Coverbild, voller Metaphern, literarisch hochwertig. Genial finde ich seine Art, wie er stockendes Berichten formal ausdrückt, das ist mir so noch nirgends begegnet. Und immer wieder durchziehen Monarchfalter den Text, als Sinnbild für Migration, unstetes Leben, Verletzlichkeit, Heimatlosigkeit.
Es steht zwar nirgends explizit, dass der Text autobiografisch ist, dennoch kann es fast nicht anders sein, wenn man sich mit der Vita des Autors befasst. Dass man hierzulande nur wenige vietnamesische Autoren kennt, mag unter anderem daran liegen, dass die Welt sich eher dafür interessiert, was Siegermächte zu sagen haben und nicht die Kriegsverlierer in fernen Teilen der Welt. Ich bin aber davon überzeugt, dass mit diesem Roman von Ocean Vuong das Augenmerk zukünftig vermehrt nach Südostasien gelenkt wird. Ein einzigartiges Buch, ein hervorragender Debutroman!

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Diese Story lässt keinen kalt

Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong

Mia Hayes, Nickname Rabbit, stirbt an Krebs. Ein grosser Verlust vor allem für ihre Tochter Juliet. Für Mutter und Bruder, der nun die Vaterrolle übernimmt, bestehen nun schwierigere Lebens- und Rollenverhältnisse. Der Vater tut sich mit der Trauer besonders schwer. Rabbits Schwester Grace befürchtet, ebenfalls zu erkranken und muss eine drastische Entscheidung treffen.

Tochter Juliet erfährt zudem Freud und Leid der ersten Liebe.
Jeder ist in seiner eigenen Trauer gefangen, auch Rabbits beste Freundin. Doch nach und nach können sie sich öffnen und an den neu gestellten Aufgaben wachsen. Sie bewältigen die Schwierigkeiten inmitten des altgewohnten Chaos und gewinnen trotz ihrer schonungslosen Aufrichtigkeit an Charme. Ganz im Sinn von Rabbit entfacht ihr Tod die Lebensfreude neu.
Aus der Sicht der einzelnen Trauernden erfährt der Leser, wie jeder mit Rabbits Tod umgeht und wie er sich durch ihn verändert. Immer aber scheint die Verstorbene auf die Hinterbliebenen einzuwirken und ihnen in irgendeiner Weise zu helfen.
Sind die humorvollen Aspekte beim ersten Band hauptsächlich von Rabbit ausgegangen, so verringert er sich nach ihrem Ableben, logisch. Mir gefällt aber, dass er sich lediglich subtil gewandelt hat und den Text weiterhin belebt.
Wer auch "Die letzten Tage von Rabbit Hayes" gelesen hat, dem ist die Familie ohnehin bereits ans Herz gewachsen. Dieser zweite Teil ist dem ersten absolut ebenbürtig. Eine gepflegte, schöne Sprache, spannend, farbig und plastisch, kurz: ein Lesegenuss. Im Text zur Autorin heisst es, dass der Roman vieles aus Anna McPartlins eigener Geschichte enthält. Ich wünsche mir weitere Bücher der irischen Autorin. Nina Petri liest den Text sehr einfühlsam, wobei sie die gesamte Bandbreite ihrer Stimme einsetzt, um jedem der einzelnen Personen ihre individuelle Stimme zu verleihen.

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Kinderglück auf Light Trees

Bell und Harry von Jane Gardam

Es ist sehr zu bedauern, dass die Bücher von Jane Gardam erst so spät ins Deutsche übersetzt worden sind. 38 Jahre mussten vergehen, bis auch wir in den Genuss von "Bell und Harry" (und ihren anderen ganz besonderen Büchern) gekommen sind.
Es ist die Geschichte einer Kindheit auf dem Land, irgendwo in Grossbritannien.

Die Londoner Familie Bateman hat ein heruntergekommenes Bauernhaus in der Einöde gepachtet und wird anfangs mit etwas Distanz von ihren Wirten, dem Ehepaar Teesdale, betrachtet. Eines Nachts, als der kleine Bell pflichtbewusst das Weidegatter kontrolliert, wird er vom schlaflosen Harry beobachtet. Eine innige Bubenfreundschaft beginnt, die regelmässig zu Ferienzeiten ihre Fortsetzung findet. Einerseits führen die beiden teils waghalsige Unternehmungen durch, andrerseits haben sie selbst als Erwachsene das Staunen über Naturschönheiten nicht verlernt. Sie zweifeln auch nach Jahren keineswegs an der Existenz von Geistern und Feen – aber das tut der Schornsteinfeger Kendal auch nicht.
Jane Gardam hat einen Blumenstrauss gebunden aus beinah märchenhaften Geschichten, kleinen Weisheiten, kostbaren Kindererlebnissen und Bubenseligkeit, garniert mit anschaulich dargebotenen Naturschilderungen. Schon, wie sie die Kristallwelten der Eiszapfen beschreibt, ist ein einziger Genuss.
Die einfache Sprache (hervorragend übersetzt von Isabel Bogdan) mit kurzen Sätzen wirkt fast so, als sei der Roman für Kinder geschrieben. Doch die immer wieder eingestreuten Humorbeilagen benötigen die Denkweise von Erwachsenen. Ich habe immer wieder hell aufgelacht und empfehle das schmale Bändchen auch all jenen, die sich nicht oft an ein umfangreicheres Werk wagen.

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Die dunkle Seite Amerikas

Die Nickel Boys von Colson Whitehead

Im neuen Buch von Colson Whitehead handelt es sich im Grunde um einzelne Geschichten aus dem Dasein des farbigen Jungen Elwood. In Armut aufgewachsen und sehr intelligent, will er nicht mehr als dieselben Chancen wie die Weissen, einfach dazugehören und nicht immer im Abseits stehen. Schon früh war der Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King sein Vorbild.

Nun hat er sich einen Collegeplatz für Schwarze erkämpft und befindet sich per Anhalter auf dem Weg dorthin. Er kann nicht ahnen, dass das Auto gestohlen ist. Im Amerika des scharfen Rassismus wird er verhaftet und nur Tage später in eine Besserungsanstalt gesperrt, ausgebeutet und schwer misshandelt.
Doch er versucht zu verzeihen, glaubt er doch auch nach den schlimmsten Schikanen noch an Güte und verzweifelt darüber, dass diese in seinem Umfeld nicht möglich ist. Unaufhaltsam und systematisch wird der Junge in der Nickel Academy zerstört. Und das Schlimmste: Jeden Tag muss Elwood in diesem grauenhaften Loch erwachen und weiss, dass stündlich weitere Katastrophen über ihn hereinbrechen können. Um es in dieser Hölle überhaupt auszuhalten, muss jeder das letzte Gute in sich abtöten.
3 Teile: Elwoods Leben vor, in und nach der Nickel Academy. Das ganze Ausmass der Zerstörung seiner Persönlichkeit wird im letzten Drittel deutlich.
Es sind Schilderungen wie aus einem KZ. Die Brutalitäten, denen die Jungen ausgesetzt sind, werden vom Autor aber keineswegs larmoyant oder anschuldigend, sondern mit Distanz geschildert. Hier sind die Menschen das Problem, und nichts lässt sich verbessern. Man darf nicht zart besaitet sein, wenn man den Roman liest, denn sein Inhalt ist nur schwer verdaulich. In einer klaren, präzisen Sprache, deren Leichtigkeit den schwierigen Inhalt leichter verdaulich macht führt uns Whitehead durch das dunkle Kapitel der Sechzigerjahre Amerikas. Wesentlich gebessert hat sich die Rassendiskriminierung in Amerika ja bis heute nicht, wenn immer noch die Cops drauflosballern dürfen, wenn sie beim geringsten Verdacht einen Schwarzen vor der Gewehrmündung haben. Drum: ein sehr notwendiges Buch!

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Kinderwunsch und seine Folgen

Das wilde Leben der Cheri Matzner von Tracy Barone

Miriam und Cici: zwei Frauen, die zur selben Zeit entbinden. Doch die Minderjährige sieht sich als Mutter überfordert und verschwindet gleich nach der Geburt. Währenddessen verliert die italienische Ehefrau des fürsorglichen Solomon ihr Wunschkind und wird auch zukünftig keines mehr bekommen können.

Sol ist verzweifelt und entschliesst sich zu einem barmherzigen Schritt, um Cici aus ihrer Depression zu befreien. Durch die Adoption des mutterlosen Töchterchens von Miriam muss sie nun doch nicht ohne Baby bleiben, und Cheri hat liebevolle Eltern erhalten. Das Kind wächst behütet auf, ist trotzdem tief unglücklich und fühlt sich nirgends zugehörig, bis sein rebellisches Wesen sich endlich entfalten kann und das Mädchen zu einer Frau wird, deren Entwicklung mehr als nur überraschend verläuft.
Besonders die weiblichen Figuren haben sehr unterschiedliche Erwartungen an das Leben. Doch was wird schlussendlich daraus? Eine weitere grosse Frage durchzieht das Buch: Wo bin ich zu Hause, wo gehöre ich eigentlich hin? Doch das nun in gute Bahnen gelenkte Leben der Familie verläuft keineswegs glatt, und meine Sympathien für die einzelnen Figuren haben beim Lesen mehrfach gewechselt. Und was den Kinderwunsch betrifft, so ist das Thema nach den ersten Kapiteln keineswegs abgeschlossen. Die Zeitebenen liegen teils viele Jahre auseinander. Und "wild", naja, wild ist Cheris Leben eigentlich nicht, eher turbulent.
Tracy Barone hat in ihrem Erstlingsroman bereits viele Register gezogen, um bei den Lesern gut angekommen. Ein durchgehender Spannungsbogen, eine süffige, erfrischende Sprache, dazu der passende Schreibstil und viele verblüffende Wendungen könnten den Roman zu einem Bestseller machen. Das Coverbild ist den Gemälden von Roy Lichtenstein nachempfunden, was gut zum Inhalt passt.
Ich finde, es ist eine atemlos geschilderte Familiengeschichte, die nach einer Fortsetzung ruft. Empfehlenswert für alle, die immer neue Stories lesen wollen.

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Gehaltvollere Lektüre als erwartet

Marina, Marina von Landau Grit

In diesem Roman wird das Leben und Lieben mehrerer Familien an der ligurischen Küste miteinander verwoben. Es gibt mehr oder weniger geheime Herzenswirrungen noch und noch. Da sind Träume und Pläne, welche das Schicksal und nicht zuletzt auch die Liebe immer wieder umstossen.
Alle möglichen Variationen zum Thema Liebe werden behandelt, mit den Augen einzelner Bewohner gesehen.

Im Zentrum bewegt sich die Figur der Marina, weshalb der Titel durchaus passend gewählt ist. Immer wieder sind Rückblicke eingestreut, die das frühere Geschehen erhellen. Aber etliche Erklärungen, welche gegen Ende des Romans nachgereicht werden, scheinen mir fast an den Haaren herbeigezogen.
Die einzelnen Geschichten innerhalb des Romans greifen wie Teile eines Puzzles ineinander. Sehr interessant, wie die einzelnen Personen auf überraschende Wendungen reagieren. Die Sympathien werden dadurch manchmal umverteilt. Die meisten Personen erhalten sie schon deshalb, weil das, was sie umtreibt und handeln lässt, im alltäglichen Leben tief verankert ist.
Die Spannung gestaltet sich sehr unterschiedlich, mal eher zäh, dann schwingt sie sich wieder zum Drama auf. An manchen Stellen hätte dem Erzählfluss etwas mehr Schub gutgetan. Ansonsten: ein Schreibstil wie sprudelnde Limo, dennoch nicht unbedingt light, sondern teils mit recht viel Tiefgang.
Die vierzehn Kapitel werden jeweils von einem bekannten Schlagertitel eröffnet, dazu Infos zum Sänger oder zum Lied. Eine originelle Idee, hat doch jedes Lied einen besonderen Bezug zum folgenden Abschnitt.
Für meinen Geschmack wurden übertrieben viele italienische Vokabeln verwendet, das wirkt unnatürlich und aufgesetzt. Das sehr ausführliche Glossar (20 Seiten) mit Übersetzungen und Begriffserklärungen ist denn auch notwendig. Bei den vielen Personen geht es ebenfalls nicht ohne ein Personenregister der beteiligten Familien.
Das ansprechende Cover, eine verblasste Fotografie aus den Sechzigern über ein aktuelles Bild von heute gelegt, weist wohl auf die Vergangenheit und die mit ihr verschmolzene Gegenwart hin.
Drei beigefügte Rezepte (Fleisch, Sugo und Sorbet) laden zum Nachkochen ein. Die Fotos im Buchdeckel untermauern das Italien-Klischee. Informativer ist die Landkarte im rückwärtigen Umschlag, an der man sich geografisch orientieren kann.
Hübsch ist der Ortsname: Amato bedeutet "der zu liebende (Ort)".

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Sehnsucht nach dem Fall

All das zu verlieren von Leïla Slimani

Um das Leben, das Adèle führt, würden viele Frauen sie beneiden: ein verlässlicher Mann, Wohlstand, eine seriöse Umgebung, ein interessanter Beruf, dem sie trotz Kind nachgehen kann. Und doch fehlt ihr das Entscheidende, etwas, das sie erfüllt. So versucht sie, diese innere Leere mit vielen Seitensprüngen, teils abenteuerlichster Art, zu übertünchen.

Dabei ist ihr sehr wohl bewusst, was sie an der Sicherheit ihrer Ehe hat. Sie liebt ihren Mann Richard und kehrt jeden Abend nach Hause zurück, nur um aufs Neue vom allzu ruhigen Fahrwasser ihrer Ehe auszubrechen.
Dabei geht es ihr nicht um den eigenen Orgasmus, sondern um Situationen, in denen sie sich ausgeliefert fühlen und passiv bleiben darf. Sie sucht den Schwindel, das Vulgäre, will schwach sein dürfen, hat aber gleichzeitig Angst vor dem Fall und Sehnsucht nach dem nächsten.
Zitat: "Sie ist euphorisch, wie Betrüger es sind, die man noch nicht entlarvt hat. Voller Dankbarkeit, geliebt zu werden, und starr vor Angst bei der Vorstellung, all das zu verlieren."
Auf den letzten 50 Seiten ist die Situation aus Richards Sicht dargestellt. Das ist ein kleiner Bruch, der aber einen positiven Kontrast herstellt. Slimani beschreibt eine der vielen Facetten, aus denen Menschen bestehen können. In kurzen Kapiteln führt sie straff durch die Handlung, hin und wieder ist ein klärender Rückblick eingestreut. Der Roman ist in einem ruhigen, unaufgeregten Stil gehalten und entwickelt von der ersten Seite an einen starken Sog. Plastisch, farbig, lebendig schildert die Autorin, was alles in einem Menschen vorgehen kann. In Adèles Getriebenheit wird sich der eine oder andere Leser erkennen, denn mit ihrem Problem steht sie nicht allein. Im Grund ist sie sehr zu bedauern, aber die Lesersympathien werden wohl eher auf Richards Seite sein.
Ein Buch für alle, die sich nicht scheuen, einen Blick in die ungeahnten Tiefen der menschlichen Psyche zu wagen.

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Terror mit Herz

Der Zopf meiner Großmutter von Alina Bronsky

Max und seine Grosseltern wohnen als russische Auswanderer in einem deutschen Flüchtlingsheim. Doch der Bub darf keine unbeschwerte Kindheit haben, zu sehr will ihn die Grossmutter vor Keimen und anderen schädlichen Einflüssen bewahren. Dabei ist es eher ihr ungezügeltes Temperament, das Max gefährlich werden könnte.

Sie nennt ihn Krüppel und stellt ihn vor anderen Leuten als debil hin. Auch der Grossvater wird von ihr ständig heruntergemacht. Aus praktischen Gründen lässt sie es ihm dennoch durchgehen, dass er sich in Nina verliebt und diese mit dem gemeinsamen Baby und einer älteren Tochter in ihrer engen Wohnung einzieht. Und als ihre Tatkraft gefordert ist, lässt die Grossmutter buchstäblich alte Zöpfe hinter sich und krempelt die Ärmel hoch.
Alina Bronsky (ein Pseudonym) führt linear und zügig durch die Handlung, gewohnt farbig, plastisch, süffig. Kein Wort zu viel, und doch ist alles deutlich gesagt. Einmal mehr schreibt sie über eine charakterstarke Frau, streitbar, diktatorisch, aber mit einem grossen Herzen. Der Roman wartet auf mit der liebevollen Charakterisierung der Personen, der spitzzüngigen Strenge der Grossmutter, der sehnsüchtigen Verliebtheit des Grossvaters sowie dem Objekt seiner Liebe, der Klavierlehrerin Nina und ihrer älteren Tochter. Zwischen allen Fronten der kleine Max, verwirrt vom Chaos der seltsamen Beziehungen, dem Leben in Deutschland und der Existenz seines bislang unbekannten Vaters. Ihm gehört vor allem meine Sympathie, weil er geduldig die grossmütterlichen Torturen erträgt und es dennoch wagt, sich ihr todesmutig zu widersetzen. Der trotz allem Wahnsinn versöhnliche Ton rundet den Roman zu einem verdaulichen Stoff ab.
Nachdem bereits in "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche" von einer ungewöhnlichen, dort jedoch bösartigen Grossmutter die Rede ist, wäre es schon interessant zu wissen, welches Verhältnis die Autorin zu ihrer eigenen Oma hat (oder hatte). Es wird wohl ein schwieriges gewesen sein. Wer bisher noch nichts von Bronsky gelesen hat, dem sei ihr neues Werk empfohlen. Wer sie bereits kennt, liest es sowieso.

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Rückkehr nach 46 Jahren

Bella Ciao von Raffaella Romagnolo

Der zweite Weltkrieg ist vorbei, und Giulia Masca kehrt als erfolgreiche, reiche Frau nach 46 Jahren in Amerika zurück in ihre Heimat. Seinerzeit hat sie Hals über Kopf Italien den Rücken gekehrt, nachdem sie erfahren hat, dass ihr Verlobter ausgerechnet zum Liebhaber ihrer besten Freundin geworden ist.

Schwanger war sie damals ausserdem. Mit sehr gemischten Gefühlen tritt sie nun ihrer Vergangenheit entgegen und erfährt schrittweise, was in den schwierigsten Jahren Europas den Menschen geschehen ist, die ihr nahegestanden haben. Zwei Weltkriege sind vorübergezogen und haben elementare Schäden in Italien angerichtet, nicht nur materieller Art. Sie hingegen ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten trotz aller Vorurteile gegenüber Einwanderern die Leiter emporgestiegen. Die USA waren ja auch kein Kriegsschauplatz. Nun kehrt sie mit Limousine und Chauffeur nach Borgo di Dentro zurück. Eine Story, die fast an Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" erinnert.
Der Roman wird mit Spannung und Sog in einem unaufgeregten Ton und einer angenehmen Sprache erzählt, was auch der Übersetzungsleistung der bewährten Übersetzerin Maja Pflug geschuldet ist. Farbig, plastisch und lebendig führt die Autorin durch die drei Teile des Buches und geizt dabei nicht mit präzisen Beschreibungen, die manchmal bis ins Kleinste gehen. Man ist so richtig mit dabei. Dass die Handlung mit zeitlichen Bezügen durchsetzt ist, versteht sich von selbst, geht ja gar nicht anders.
Doch lange Absätze und nur wenige Dialoge machen das Lesen anstrengend, vor allem, da es viel Durchhaltewillen braucht, um überhaupt in den Stoff hineinzufinden. Hilfreich sind die verschiedenen Personentafeln, welche die Hunde gleich mit einschliessen. Trotzdem wäre es notwendig gewesen, wenn diverse Personen anschaulicher eingeführt worden wären.
Viele Zeitsprünge können zudem verwirrend wirken, wenn man sich nicht in kurzer Zeit durch das Buch liest (immerhin sind es über 500 Seiten). Die Sympathien sind nicht immer auf Seiten der Hauptprotagonistin, schon gar nicht, wenn sie Ausdrücke aus der untersten Schublade benutzt. Auch scheint mir der Schreibstil ein anderer, wenn Romagnolo die Geschehnisse in New York schildert.
Das bekannte Partisanenlied, das für den Titel verwendet wurde, und das Gemälde auf dem Cover wurden klug und sinnreich ausgesucht. Ein Roman, der nicht allen gefallen, aber bestimmt viele Interessierte finden wird.

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