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Rezensionen von Emmmbeee:

Am Ende der Hoffnung?

Kostbare Tage von Kent Haruf

Dad Lewis spürt, dass sein Leben zu Ende geht. Frau und Tochter versuchen, ihm den Abschied soweit als möglich zu erleichtern. Der Sohn, im Streit gegangen und seit Jahrzehnten schmerzlich vermisst, erscheint dem Sterbenden nur noch im Delirium. Ein Priester erntet für sein Engagement von der Gemeinde heftige Ablehnung.

Eine Liebe, nein, zwei Lieben gehen zu Ende. Das Mädchen Alice hingegen findet Frauen, die sich kümmern und seine eher triste Jugend ein wenig verschönern.
In Rückblenden beleuchtet Kent Haruf das Leben des alten Ehepaares Lewis und seiner Kinder. Er schreibt über Menschen, gescheitert und am Ende ihrer Hoffnungen, dennoch getragen von einer kleinen Gruppe. Wieder führt er uns nach Holt, wo der Leser bereits die eine oder andere erwähnte Person kennt. Der Autor erzählt in ruhigem Ton vom Leben der Menschen, die am Rand der Gesellschaft in sehr bescheidenen Verhältnissen, aber meist zufrieden, ihr Dasein fristen. Der Roman bietet einen hohen Wiedererkennungswert. Diesen Teil von Amerika muss der Autor wohl gut gekannt haben.
Was ich bei diesem Buch von Haruf aber vermisse, ist die unklare Skizzierung des Aussehens der Personen. Man kann sich ein Bild davon machen, was sie denken und empfinden, aber nicht, wie sie äusserlich sind. Und das ist doch ein wesentlicher Bestandteil beim Lesen. So fehlt insgesamt die Farbe, das Bildliche. Vielleicht erscheint mir Holt deshalb als ein grauer, staubiger Ort, an dem ich nicht wohnen möchte. Der Schluss scheint mir etwas abrupt, das Schlusskapitel nicht abgerundet. Lediglich langanhaltende Blizzards und nächtliche Stürme werden angekündigt. Insgesamt wenig Hoffnung am Ende.

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Süsse Verführung

Kann Gelato Sünde sein? von Tessa Hennig

Die Bevölkerung eines kalabrischen Dorfes soll mittels besonders gesunder Ernährung länger leben. Das möchte der Bürgermeister so, um der Landflucht vorzubeugen. Sport, regelmässige Checks beim Arzt, zuckerfreies Essen. Bei Strafandrohnung, wenn man dagegen verstösst. Doch nun kommt Emilia und möchte eine Bäckerei/Konditorei eröffnen.

Sie will mit ihren Eistorten neues Leben und neue Essensfreude ins Dorf bringen. Sie wiederum findet nicht das vor, was sie erwartet, als sie ihre studierende Tochter Julia besucht. Denn die hat das Studium aufgegeben und arbeitet stattdessen in einer Pension, die sie mit ihrem italienischen Lover eröffnet hat.
Natürlich lösen sich alle Missverständnisse auf, der ehrgeizige Bürgermeister wird besiegt, das Café kann seinen Neustart aufnehmen, die Tochter darf ihren Weg gehen und der Ort ist auch zufrieden. Friede, Freude, Gelato.
Tessa Henning spricht in ihrem neuesten Roman verschiedene Themen an: das Wiederaufleben im Alter, das Unvorhergesehene im Leben, Langlebigkeit durch entsprechende Ernährung, Neuanfang und natürlich die Italianità sind nur einige davon. Wer für Italien schwärmt, kommt voll auf seine Kosten.
Der Roman liest sich süffig und rasch. Er ist durch authentische Spracheinstreuungen stark italo-durchwirkt und verführerisch in vielfachem Sinn. Ein sehr farbiger und lebendiger Sprachstil, wie gewohnt bei Tessa Henning, macht den Mund wässrig auf italienische Süssigkeiten, auf das Land, die Sonne, die Menschen im Süden. Eine leichte Lektüre für entspannte Nachmittage zu Hause, ob mit oder ohne Sonne.

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Dorfleben und Liebeswirrungen

Wie uns die Liebe fand von Stihlé Claire

Madame Nan und ihre vier Töchter schmeissen mit vereinten Kräften einen Dorfladen im Elsass. Im Ort kennt jeder jeden, und alle Belange werden gemeinsam durchgehechelt. Als es bei einigen Personen mit der Liebe nicht klappen will, wird nachgeholfen. Mit Voodoo, sprich Liebesbomben, welche innerhalb der Familie hergestellt werden.

Und siehe da – es wirkt!
Die Autorin Claire Stihlé führt ihre Leser durch verschiedene Zeitebenen im Leben ihrer Hauptprotagonistin: in die Jugend, die ersten Jahre der Mutterschaft und das hohe Alter, aus dem sie zurückblickt auf die Vergangenheit. In der Ich-Form geschrieben, wird der Leser immer wieder direkt angesprochen: «Das kann ich Ihnen sagen!»
In diesem Roman geht es um Zusammengehörigkeit, Familiensinn, ums Essen und um die Liebe. Und weil nicht alles so ganz der Wirklichkeit entsprechen kann, erhält das Buch etwas Märchenartiges. Nicht ganz glaubhaft ist für mich auch die Schilderung, wie Madame Nan sich in Monsieur Boberschram verliebt haben soll. Keine grossen Fragen des Lebens werden behandelt. Es ist eher das fröhliches Plätschern eines Wiesenbaches als ein Tauchgang in die Tiefen des Meeres. Sympathisch geschildert ist die ganze Familie, samt künftigen Schwiegersöhnen. Der Spannungsbogen ist mässig, die Sprache locker-leicht. Ein nettes Buch, ja. Ich empfehle es allen, die einfach ein wenig abschalten wollen.

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Zeitlose Wanderlust

Die Kunst des stilvollen Wanderns von Stephen Graham

Wenn einem in Zeiten der unfreiwilligen Isolation durch die Corona-Pandemie ein Buch wie dieses in die Hände fällt und sowieso, wenn man mit 70 nicht mehr wanderfit ist: dann, ja dann ist dieses schmale Bändchen ein kleiner Schatz. Denn so können wir mit Freude, wenn auch nur in Gedanken, die eigenen Wandererfahrungen aus der Versenkung holen und mit Stephen Graham erneut in die Ferne schweifen.

So jedenfalls habe ich es empfunden.
Dem Lesenden öffnet sich ein wahres Füllhorn: etwa Anregungen zu den Pausen, dem Trocknen der Kleider nach einem Regenguss, sogar bei Ebbe im Geldtäschchen bis hin zum Wanderlied. Kurz: ein umfassender und wertvoller Begleiter und Ratgeber durch alle Situationen unterwegs.
Ganz speziell finde ich die beiden Kapitel über die Sinnbilder des Wanderns und die Kunst des Müssiggangs. Wie Blumen in die einzelnen Kapitel gestreut sind poetische Stellen, auflockernd und sehr charmant. Auch die philosophischen Passagen sind erfrischend und bereichernd. Mir sagen die klare Sprache, der unkomplizierte Schreibstil, die farbigen Schilderungen ebenfalls sehr zu.
Das Werk mag zwar fast 100 Jahre alt sein, aber der Trend von heute geht durchaus mit ihm konform: sich wieder auf die ursprünglichen Werte besinnen, geerdet sein, ganz besonders das verstärkte Streben zur Nachhaltigkeit. Beim Lesen habe ich öfters an den Jakobsweg gedacht, der ähnliche Anforderungen stellt wie die, von denen der Autor berichtet. Manche Stellen gehen konform mit eigenen Reisetagebuchaufzeichnungen, bei denen ich (und mit mir bestimmt schon viele andere Leser) auf mich allein gestellt war.
Das kleine Format mit unempfindlichem Hardcover und Lesebändchen ist sehr geeignet für das Mitführen im Rucksack.
Ich wage zu behaupten, dass nicht wenige Menschen sich nach der Lektüre auf die ursprüngliche Art der Fortbewegung zurückbesinnen. Gemeint ist, sich vermehrt auf die Socken machen, um zu Fuss das Land zu durchstreifen. Die zahlreichen Tipps und Anregungen mögen zwar teils veraltet sein. Aber sie bilden die Grundlage zur sinnvollsten Ausrüstung.
Und nicht zuletzt: Ist nicht das Leben an sich eine Wanderung, zu der man das richtige Rüstzeug braucht? Im übertragenen Sinn finden wir auch hierzu die eine oder andere Anleitung.

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Gemeinsame Reise wider Willen

Das kann uns keiner nehmen von Matthias Politycki

Eigentlich hat Hans die Reise auf das Dach der Welt angetreten, um mit sich allein zu sein und sich seiner Vergangenheit in aller Ruhe zu stellen. Doch dabei kommt ihm der unverschämte Tscharli in die Quere. Auf einem Berg wie dem Kilimandscharo lässt sich so einer Person nur schlecht ausweichen. Wenn noch dazu die Urgewalten der Natur ausbrechen, erst recht nicht.

Denn dann muss man zusammenrücken und auf engstem Raum gemeinsam Schutz suchen. Sehr hinderlich sind dabei die anfangs gehegten Vorurteile. Der Weg wird zum Ziel.
Die beiden müssen wohl oder übel ihre Reise gemeinsam weitersetzen. Eine Reise, die aberwitzig, urkomisch, zu Herzen gehend, temporeich und nicht ohne Tragik verläuft. In kurzer Zeit geschieht sehr viel, und ebenso viel Vergangenheit wird offengelegt. Durchwirkt mit bayrischem Sprech und absurden Situationen, gestaltet sich der Roman zu einem Pageturner.
Erheiternd fand ich die Beschreibung mancher Tätigkeiten, beeindruckend die Schilderung der Landschaften und Charaktere. Wenn Nord- und Süddeutsche aufeinandertreffen, sind unterhaltsame Situationen ohnehin zu erwarten. Besonders, wenn sie leicht überzeichnet sind.
Matthias Politycki führt uns nicht nur in geografische Krater, sondern auch in die Untiefen der Seele und der Vergangenheit. Dabei kann der Autor sprachlich aus dem Vollen schöpfen. Nicht umsonst wird er als grosser Stilist und vielseitigster Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur bezeichnet. Dass er für diesen Roman "um ein Haar in Afrika gestorben wäre", wie es im Klappentext heisst, verleiht dem Werk einen zusätzlichen Touch.
Das Cover liess mich gleich an Hemingway denken, noch bevor ich wusste, worum es ging. Der Golddruck verleiht dem Bild zusätzlich etwas Kostbares. Auf den Umschlagdeckel-Innenseiten sind die Routen aufgezeichnet sowie Landkarten von Tansania und Sansibar. Sehr anschaulich und lebendig, farbig und rasant: Das ist meine Meinung zu diesem Buch. Ich würde es jedem Leser empfehlen.

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Sich dem Verlieren entgegenstellen

Dankbarkeiten von Delphine Vigan

Die bisher selbständige, unabhängige Michka muss sich den geistigen Gebrechlichkeiten des Alters stellen. Dass sie so vieles zu verlieren scheint, bereitet ihr tiefe Ängste. Vor allem sind es Wörter, die ihr abhandenkommen. Das Leben im Seniorenheim mit all seinen Neuerungen fordert sie zusätzlich.

Zum Glück kümmern sich zwei junge Leute liebevoll um sie und helfen ihr, einen letzten grossen Wunsch zu erfüllen. Denn Dankbarkeit zu übermitteln, gerade jenen Menschen, die ihr einmal entscheidend geholfen haben, ist Michkas tiefstes Bedürfnis.
Dankbarkeit ist ein problematisches Thema, mit dem wohl schon jeder konfrontiert worden ist. Besonders dann, wenn man dankbar sein MUSS. Hier aber will ein alter Mensch seine Dankbarkeit ausdrücken DÜRFEN.
Immer wieder taucht Delphine de Vigan in die Untiefen der Menschen, in ihre Schwierigkeiten mit dem sozialen Leben, mit sich selbst. Die Leben und Schicksale verschiedener Personen werden vor dem Leser aufgerollt, zarte Fäden werden gesponnen, Sympathien sanft gefördert. Dass abwechselnd aus der Sicht der beiden jungen Helfer Marie und Jerome erzählt wird, hat mir sehr gefallen. Dankbarkeit und Verlust, beide Themen gehen sehr nahe und berühren vor allem Senioren wie mich, bei denen auch schon so manches zu verschwinden scheint… Der Roman zeigt auch deutlich, wie wichtig Anteilnahme ist, allen Menschen gegenüber.
Vigans Übersetzerin Doris Heinemann versteht es, die gepflegte, bilderreiche Sprache der Autorin ins Deutsche zu übertragen und dabei die Spannung zu erhalten, was ja hauptsächlich zum Erfolg eines fremdsprachigen Buches beiträgt. Angenehm finde ich das Lesebändchen, treffend das eine Wort als Buchtitel. Ein positives Zeichen setzt die fröhliche Fotografie auf dem Titelbild.
Danke, Madame Vigan, für Ihr neuestes Werk!

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Nirgends mehr daheim

Der Empfänger von Ulla Lenze

Josef Klein wird 1949 aus amerikanischer Haft in seine Heimat Deutschland abgeschoben. Er kommt in ein notleidendes Land zu seinem Bruder Carl und dessen Frau Edith. Da er über den Grund seines Gefängnisaufenthaltes nicht offen sein kann, schwelt bald ein tiefes Misstrauen zwischen den Brüdern. Schliesslich standen sie in den vergangenen Jahren auf jeweils feindlichen Seiten.

Vorurteile prägen den Alltag. Wie so oft, sieht sich jeder auf der Seite der moralisch Besseren. Auf der Seite derer, die das einzig Richtige getan haben. Und so ist Josef auch in seiner Heimat nicht willkommen. Er wandert Jahre später wiederum aus, wieder über den grossen Teich.
Doch vor 25 Jahren träumten sie noch von einer Zukunft in den Vereinigten Staaten. Carl wurde durch einen Unfall am Auswandern gehindert und musste im Rheinland zurückbleiben. Josef schaffte es und fand Arbeit in einer New Yorker Druckerei. Er wurde zu Joe, zum Amateurfunker (der Buchtitel ist ein Hinweis), geriet in rassistische und Nazi-Gruppierungen. Doch ehe er so richtig in der Neuen Welt angekommen war, brach der 2. Weltkrieg aus, und alles änderte sich grundlegend. Denn ein Funker wird gerade in Kriegszeiten schnell der Spionage verdächtigt.
Ulla Lenze hat die Handlung am Leben ihres Onkels ausgerichtet. Mit Spannung und Farbe schildert sie eine Menge Stories rund um die Leitgeschichte. Immer wieder legt sie das Innere und die Überlegungen der Personen offen. Hilfreich, wenn nicht notwendig sind die zeitlichen Hinweise zu Beginn der einzelnen Abschnitte. Denn die Rückblicke sind nicht leicht durchschaubar.
Als Leser kann man sich dem Thema nicht entziehen. Es geht sehr nahe, gerade wenn man selbst zu den Emigranten gehört. Mich hat auch der Schreibstil sehr angesprochen. Lenze hat es verstanden, mit Leben und Drive ein interessantes Schicksal zu zeichnen. Sie hat auch den Familiennamen Klein gut gewählt, denn es ist die Geschichte des kleinen Mannes, der in turbulenten Zeiten ungewollt zwischen sämtliche Stühle gerät.
Das heutige Geschehen in Amerika zeigt, wie aktuell der Roman ist. Denn nationalistisch gesinnte Politiker sind dort nach wie vor tätig, offener denn je. Die Unterteilung des Coverbildes samt den verschwommenen Stellen geht auf die Zerrissenheit des Heimkehrers Josef sehr deutlich ein. Ich empfehle das Buch allen geschichtlich Interessierten.

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Vermeintlich alte Schuld

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Tatjana Alexejewna dachte, sie hätte vor 30 Jahren einen Mann in den Tod geschickt, indem sie ihren eigenen Ehemann aus einer quasi Todesliste löschte. Diese Schuld verfolgte sie in die eigene Verhaftung und ins Straflager hinein. Nun ist sie 90 und alzheimerkrank. Ihre gesamte Familie ist in der Stalinzeit umgekommen.

Es gibt vieles, das sie jahrzehntelang gequält hat und das sie jetzt ihrem neuen Wohnungsnachbarn Alexander erzählt. Denn das Langzeitgedächtnis funktioniert noch gut.
Ich hätte mir gewünscht, etwas mehr vom jungen Mann und seiner Familie zu erfahren. Doch auch so ist dieser Roman ein wichtiges Zeitzeugnis einer Welt, die uns meist wenig bekannt ist, die Russlands in den Nachkriegsjahren, aber auch ein wenig der heutigen Zeit.
Viel Schockierendes wurde bereits von Alexander Solschenizyn aus dem GULAG erzählt. Dieser Bericht ergänzt ihn beinahe nahtlos. Die grosse Tragik des Inhalts besteht darin, dass das Rote Kreuz sich bemüht hat, Nachrichten zu übermitteln und den Gefangenenaustausch voranzutreiben, dass aber Molotow jede Beantwortung der Gesuche verbot. Und dass sich der Staat bis heute bemüht, alle Erinnerungen an die furchtbare Zeit auszulöschen.
Der Text ist zwar zügig geschrieben und durchaus ansprechend mit fremdartig klingender Lyrik durchsetzt. Doch die kursiv gesetzten Stellen verleiten zum Querlesen, besonders die angeführten Briefe und Telegramme. Doch ist es ein sehr nahegehender Roman, von Ruth Altenhofer in ein modernes, lebendiges Deutsch übersetzt. Und das ist nicht unwichtig.
Auf den letzten Seiten ist ein Interview mit Sasha Filipenko wiedergegeben. Er erklärt, wie er seine Recherchen vorangetrieben hat und wie weit seine eigene Grossmutter als Vorbild und Modell gedient hat.
Ein Buch, das all jenen gefallen wird, die sich gern etwas tiefer über die Geschichte Europas begeben.

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Vom Mut, positiv zu bleiben

Nach Mattias von Peter Zantingh

Mattias ist tot. Lange weiss man nicht, woran er gestorben ist, aber sein Tod reisst eine schmerzhafte Lücke ins Leben einiger Menschen. Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen von acht Personen übertitelt. Wie Satelliten haben sie ihn umkreist, dabei aber nicht immer direkte Kontakte mit ihm gehabt.

Nach und nach erfährt der Leser, dass und wie jeder mit Mattias zu tun hatte.
Doch wird der Tote selbst nur indirekt beleuchtet, vielmehr das Leben dieser am Rand Beteiligten. Dabei tut sich Überraschendes vor uns auf. Aber es ist durchaus kein Trauerbuch. Ein Gedanke durchzieht den Roman: dass es Mut braucht, um weiterhin positiv zu denken. Dabei wirkt der tote Mattias im Nachhinein als Vorbild.
Peter Zantingh hat den Roman spannend gestaltet, farbig und lebendig malt er die einzelnen Gestalten. Von Jenny Ehlers übersetzt, ist das Buch ein Pageturner, der nahe geht. Zwischendurch gibt es philosophische Passagen, und einige Weisheiten werden dem Leser mitgegeben. Wer nur will, kann für sich selbst Mut aus dem Text schöpfen. Ich möchte mehr von Zantingh lesen.
Das Coverbild ist in guter Diogenes-Tradition gestaltet, ansprechend und vielschichtig deutbar.

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Wenn Schönheit ein Unglück ist

Die Bagage von Monika Helfer

Die Autorin ist im vorliegenden Roman ihren Wurzeln nachgegangen und schildert hauptsächlich das Leben ihrer Grossmutter im hintersten Teil eines Dorfes im Bregenzerwald. Von hohen Bergen eingegrenzt, schränkt das Tal auch den geistigen Horizont seiner Bewohner ein. So kann die schöne Maria trotz grosser Armut nur auf Neid und Missgunst stossen, denn die Frauen müssen mitansehen, wie ihre Männer der jungen Mutter von vier Kindern nachsteigen.

Noch dazu zieht Marias Ehemann 1914 in den Krieg, und sie muss sich nun selbst gegen alle Nachstellungen zur Wehr setzen. Zum Glück stehen die Kinder ihr tatkräftig zur Seite. Niemand kann jedoch verhindern, dass selbst der Pfarrer von der Kanzel nur aufgrund von Vermutungen gegen die Frau wettert und das Kreuz an ihrem Haus abmontieren lässt.

Monika Helfer rekonstruiert das Leben ihrer Grossmutter aus den Erzählungen ihrer Tante Kathe. Über die eigene Mutter konnte sie wenig erfahren, weil diese gestorben ist, als die Autorin noch ein Kind war. Doch deren Geschwister zeichnet sie in wenigen Sätzen deutlich genug. Wenn auch mehrmals ein Zeitsprung vollführt und vorgegriffen wird, ist es doch immer klar, warum der Wechsel notwendig war.

Die kräftige, bodenständige Sprache in diesem Roman kommt mir vor wie Vorarlberger Dialekt, wenn man ihn 1:1 in die "Schreibe" überträgt. Die Autorin scheut sich auch nicht, in einem Absatz Ausdrücke mehrmals zu wiederholen, denn genauso wird auf dem Land gesprochen. Auch ganze Sätze werden zur Bekräftigung gebetsmühlenartig repetiert, und das gibt dem Buch eine tiefe Eindringlichkeit. Obwohl Viel- und mitunter Schnellleserin, habe ich den Text langsam erkundet und jedes Wort genossen.

Dieses Buch widmet Helfer ihrer eigenen Bagage. Ich kann mir gut vorstellen, dass in einer Kleinstadt wie Hohenems ein Schriftstellerehepaar mit vier Kindern (besonders in ihren Anfängen als Familie) von kulturfernen Leuten so betrachtet worden ist. Auch wenn der Ehemann einer der erfolgreichsten österreichischen Autoren ist und Monika Helfer sich einen sehr guten Namen erschrieben hat.
Das Coverbild vermittelt den Eindruck einer scheuen Braut, die sich zu schützen versucht. Sehr passend, finde ich.
Den Roman empfehle ich allen, die mehr über das Leben in kleinen Bergdörfern wissen wollen – und vor allem natürlich allen Helfer-Köhlmeier-Fans.

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