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Rezensionen von Emmmbeee:

Mens sana in corpore sano

Laufen von Isabel Bogdan

Eine Musikerin läuft um ihr Seelenleben. Sie muss den Verlust ihres Lebensmenschen (seinen Namen erfährt der Leser erst ganz am Schluss) verschmerzen, seine kaum trauernden, aber sehr besitzergreifenden Eltern ertragen, sich mit dem reduzierten Dasein arrangieren, das sie jetzt in neuer Weise stark fordert.

Anfangs zaghaft, rasch aufgeben wollend, treibt sie sich selbst an, Meter um Meter, immer mit dem Atem-Mantra vor Augen: ein ein aus aus aus aus. Denn so beginnt die erste Seite: "Ich kann nicht mehr."
Sie waren nicht verheiratet, doch der Begriff "Witwe" und die Achtung vor der Hinterbliebenen könnten hilfreich zum Trost beitragen. So aber nehmen die Eltern des Verstorbenen all seinen Besitz an sich, auch wenn sie nichts damit anfangen können. Ein würdeloses Schachern um Mein und Sein nimmt allzu viel Raum ein.
Wut, Trauer, Resignation, Zorn, Liebe, die Zuneigung zur Musik, Selbstvorwürfe, Dankbarkeit ihrer Freundin Rike gegenüber, Humor-Anklänge, manchmal Freude, wenn auch als Verrat empfunden: Die ganze Palette der Gefühle zieht in Erinnerungsfetzen an ihr vorbei, teils noch frisch, teils in liebendem Gedenken.
Denn der Geist nimmt während des Laufens seine eigenen Wege. Daneben vermitteln die Augen der Läuferin, was vornezu an ihnen vorbeizieht. Die Trauer ufert aus, be- und verarbeitet das Geschehene. Das muss wohl so sein, um die Frau wieder zu sich selbst zu führen. Die Seele gesundet durch die Anstrengungen des Körpers: "Mens sana in corpore sano."
Ein durchgehend innerer Monolog, ohne jeden Dialog, ohne wörtliche Rede mag manchem eintönig, weitschweifig, gar zeitraubend erscheinen. Hier wird dieses Langatmige im doppelten Sinn zum Kompliment. Die namenlose Läuferin hat sich in mein Herz gelaufen. Wie der Tote hiess, erfährt der Leser ganz am Schluss.
Es ist die meisterhaft schöne Sprache, die wohl auch die Übersetzerqualität der Autorin ausmacht; fesselnd und pointiert bis ins letzte Wort; sehr passend die wohldurchdachte Gestaltung des Coverbildes und der Kapitelanfänge, angenehm die Haptik des Umschlagpapiers. Ausserdem zeigt dieses Werk aufs neue, dass Isabel Bogdan in mehreren Sparten der Literatur zu bestehen weiss. Ich bin auch diesmal von ihr begeistert. Frau Bogdan, bitte mehr!

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Herzklopfen bis zur letzten Seite

Missing Boy - Thriller (Crimson-Lake-Serie 3) von Candice Fox

Es ist der Alptraum aller Eltern: Aus einem Hotelzimmer verschwindet der achtjährige Ritchie, ohne dass die Kameras irgendeine Aufzeichnung seiner Person hergeben und es keinerlei Anhaltspunkte für seinen Aufenthalt gibt. Es ist, als hätte er sich spurlos verflüchtigt. Das Ehepaar Farrow, besonders die Mutter, hält von der örtlichen Polizei nicht sehr viel und beauftragt private Detektive.

Und damit ist das Ermittlerpaar Ted Conkaffey und Amanda Pharrell erneut vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Dabei hat Ted genug zu tun mit seiner eigenen kleinen Tochter, die ihn gerade jetzt an seinem kleinen nordaustralischen Wohnort Crimson Lake besuchen wird und die durch diesen neuen Fall gefährdet sein könnte. Hinzu kommt, dass die eigene Vergangenheit das Duo immer wieder einholt, und zwar aus bisher unvermuteten Ecken. Es scheint, dass illegale Wege im Lauf der Handlung wenig zielführend sind, und zumindest Amanda gerät stark in Versuchung.

Ohne dass man die vorgängigen Bände kennen muss, kann der Leser nahtlos an sie anschliessen. Nicht ohne dezenten Humor vermittelt Candice Fox die menschliche, teils fehlerhafte und durchaus charmante Seite ihrer Hauptprotagonisten. Mir gefällt auch, wie die Autorin den ihr eigenen Erzähldrive aufbauen kann, ohne sich von einem reisserischen Ton verführen zu lassen.

Manchmal nahm ich beim Lesen an, dass die weitere Handlung vorhersehbar sei, aber das war ein Trugschluss, denn immer dann nahm die Story eine überraschende Wendung. Auch für Vielleser wie mich ergaben sich im Text immer wieder originelle Sachverhalte. Das schätze ich an Candice Fox sehr.
Weil auch diesmal neue Personen aufgetaucht sind, frage ich mich, ob sie in weiteren Folgebänden wieder vorkommen werden, was ich besonders von den sympathischen Figuren hoffe.
Viele Thriller-Fans rühmen die skandinavische Literatur als die allein Seligmachende. Doch die australische wird von Fox mehr als nur würdig vertreten und braucht sich nicht hinter ihnen zu verstecken.

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Das Leben ist großartig - von einfach war nie die Rede von Gaby Köster; Till Hoheneder

Gaby Kösters zweites Buch nach dem Schlaganfall ist laut, schrill und humorvoll wie sie selbst, wie man sie von der Bühne kennt und schätzt. Insofern hat Till Hoheneder gut mit ihr zusammengearbeitet und ihr Wesen authentisch auf Papier gebannt. Nachdem ich die Verfilmung ihres ersten Werkes gesehen habe, ist es eine stimmige Fortsetzung davon.

Köster schildert, wie sie nach der schweren Krankheit wieder auf die Beine gekommen ist, mit der Darstellerin ihrer Person, Anna Schudt, einen Emmy entgegennehmen durfte, sogar wieder auf Tour ging und daneben bis heute all die Hindernisse überwindet, die sich Menschen nach einem Schlaganfall eben stellen.
Bestimmt ist die Lektüre eine Hilfe für all jene, die sich in ähnlicher Lage befinden, genauso wie jene Bücher, die es zu dieser Causa von anderen Autoren bereits gibt. Nur: Wenn die Sprache durchgehend auf lustig wirken sollendes Kölsch und young urban people macht, wenn einem Fäkalausdrücke am Laufband ins Gesicht springen, dann nervt das nach ein paar Seiten. Ab und zu eingestreut hätte auch genügt und mehr Wirkung entfaltet.
In der Mitte des Buches gibt es etliche Fotos rund um die Autorin. Fünf davon hätten auch gereicht, nämlich 1, 2, 7, 14 und 15. Ich kann mir nicht helfen, aber mein Eindruck ist, dass halt eben die Seiten gefüllt werden mussten.
Obwohl ich eine gewissenhafte Leserin bin, habe ich rasch begonnen, quer zu lesen und ganze Seiten zu überspringen. Mit viel zu vielen Worten wird wenig gesagt. Auf mich wirkt alles so übertrieben, auch dass zwischen den Kapiteln Loblieder auf Frau Köster eingestreut sind, grad so, als sei es ein Nachruf auf eine soeben Verstorbene. Denn gar so einzigartig ist der Fall nicht, und viele Kranke müssen mit bedeutend schwierigeren Bedingungen fertigwerden.
Es tut mir leid, aber ich bin enttäuscht von "Das Leben ist grossartig – von einfach war nie die Rede".

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Bewegende Dokumentation eines dunklen Kapitels europäischer Geschichte

Das Leben ist großartig - von einfach war nie die Rede von Gaby Köster; Till Hoheneder

Mit diesem Sachbuch liegt uns ein authentisches Zeitzeugnis in Tagebuchform vor, wie wir es von Anne Frank kennen. Vor der Zeit im Warschauer Ghetto und sogar während des Aufenthalts darin bemühen sich die Menschen, den gewohnten Alltag so gut als möglich aufrechtzuerhalten. Anfangs klingen die Aufzeichnungen der jungen Mary Berg (Mirjam Wattenberg) optimistisch und mutig, doch später durchsetzt von Angst, wenn die Repressalien zunehmen und die Realität immer deutlicher wird: Es gibt kein Entkommen aus der Nazihölle.

FAST kein Entkommen. Denn ihre Mutter ist Amerikanerin, und so gehören die Wattenbergs zur privilegierten Schicht, beneidet von den andern Juden. Immerhin wird ihnen von der Familie Schutz gewährt, etwa wenn die braunen Horden die Ghetto-Unterschlüpfe (die meist elenden Löcher können wohl kaum als Wohnungen bezeichnet werden) stürmen. Ein Stück Papier mit der amerikanischen Flagge, an die Wohnungstür geheftet, bezeichnet die Autorin den Familientalisman.
Berg berichtet vom Grauen, von Verzweiflung und Verrat, aber auch von Tapferkeit und gegenseitiger Unterstützung. Russische Bomben, Hunger, mangelnde medizinische Versorgung und Epidemien, tägliche Gewalt, der schwierige Umgang mit der jüdischen Polizei, Internierungslager und schliesslich die Flucht per Schiff sind weitere Themen, sehr packend und nahe gehend geschildert.
Der Schreibstil ist der eines jungen Mädchens der gehobenen Klasse, heiter, leicht, durchaus farbig. Sehr anschaulich, aber doch mit einer gewissen Distanziertheit (geschuldet dem zeitlichen Abstand bei der Überarbeitung in Amerika?) und ohne jede Larmoyanz wird selbst über die grössten Schrecken berichtet.
Aus dem Warschauer Ghetto hat bisher erst Marcel Reich-Ranicky berichtet, dem es ähnlich wie Mary Berg und zur selben Zeit gelungen ist, zu fliehen. Es ist ein wichtiges Stück europäischer Geschichte. Und wenn wir uns davon abwenden und sagen, vergessen wir doch endlich das alles, dann leisten wir Vorschub. Wem? Jenen Rassisten, die bereits wieder gewaltig auf dem Vormarsch sind. Die Greuel des "tausendjährigen Reiches" dürfen sich nicht wiederholen!

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Unter den Rädern des Lebens

Menschen neben dem Leben von Ulrich Alexander Boschwitz

Die Kneipe "Der fröhliche Waidmann" ist eine Oase der Gestrandeten, der Verlierer und Obdachlosen, der am Rand der Gesellschaft lebenden Menschen. Sie tragen die Auswirkungen der Elendsjahre nach Ende des ersten Weltkrieges und sind unter die Räder des Lebens geraten. Vielfach geprügelt von der Not, kollidieren sie immer wieder mit den Anforderungen des Alltags.

Um nicht allein zu sein und sich ein wenig abzulenken, suchen sie die billige Geselligkeit. Alkohol ist allgegenwärtig, im Hintergrund lauert stets die Gewalt.
Der Autor skizziert den bisherigen Lebenslauf der tragenden Figuren und gibt Einblick in ihre spezielle Lage. Er greift zwei Tage heraus, die besser als jeder Geschichtsunterricht deutlich machen, wie so viele Arbeitslose und Bettler (in Deutschland und bestimmt auch in weiten Teilen Europas) ums Überleben kämpfen mussten. Er schildert die einzelnen Episoden keineswegs larmoyant, sondern nüchtern und objektiv. Gerade dadurch hatte ich Mitleid mit diesen Menschen.
In fast heiterem, leichtem Ton erzählt Boschwitz von dieser Subkultur, in der sich Trägheit und Explosion nebeneinander bewegen. Ihm selbst werden die geschilderten Situationen nicht gänzlich fremd gewesen zu sein, musste er doch selbst emigrieren. So sind auch weite Teile des Textes den Betrachtungen über die menschliche Psyche gewidmet, besonders nach Niederlagen und in Konfliktsituationen. Daneben gefiel mir besonders die Art, wie die Geräusche der Strasse in Worte gefasst werden, zum Beispiel: "Leise meckerten die Klingeln der Fahrräder." Das dürfte in der Literatur nicht oft vorkommen.
Der Titel allerdings könnte besser gewählt sein, denn neben dem Leben befinden sich die Protagonisten keineswegs. Für sie ist es DAS LEBEN. Es sieht auch heute noch für viele ganz ähnlich aus, denn Leben ist nicht gleich Wohlstand. Nur widmet ihnen – seit Erich Kästner, Irmgard Keun und Hans Fallada – kaum ein Autor mehr als ein paar Worte.

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Eine Sprungwillige, die vieles auslöst

Der Sprung von Simone Lappert

Menschen scharen sich sensationslüstern um ein Haus, auf dessen Dach ein Mädchen in grüner Latzhose herumturnt: Manu, die Störgärtnerin. Warum ist sie dort oben? Kann man sie überreden, herunterzusteigen? Oder wird sie doch springen? Man gafft und richtet sich unten auf der Strasse häuslich ein.

So der Rahmen um das Bild, das sich in der Folge vor dem Leser entfaltet.
Insgesamt elf Personen rücken während der zwei Wartetage näher zusammen oder werden sogar im Netz des Geschehens miteinander verknüpft. Elf Leben, auf unterschiedliche Weise in ungünstigen Gleisen festgefahren. Sie alle bekommen einen Einschnitt verpasst, werden neu ausgerichtet und angekurbelt durch einen einzigen Schritt – ins Leere. Denn dass Manu springen wird, erfährt der Leser gleich zu Beginn des Romans. Wie bei einem Krimi, der schon auf der ersten Seite den Täter offenbart, um daraufhin das Warten auf die Tat und deren Hintergründe zu beleuchten.
In diesem Lichtkegel stehen Felix, Maren, Theres, Ernesto und die anderen sieben Hauptpersonen. Sie wissen noch nicht, welche Fäden sie mit dem Mädchen auf dem Dach und ihrer Entscheidung verbinden. Schliesslich Manu selbst: eigentlich eine Lichtgestalt, die bedrohte Pflanzen auf teils kriminelle Art vor dem Untergang rettet, indem sie die Gewächse heimlich ausgräbt und ihnen eine neue Heimat verschafft. Eine Art Lebensretterin also, die aber ihr eigenes beenden wird.
Die Autorin fertigt ein Geflecht aus diesen Leben, wobei manches schon sehr an den Haaren herbeigezogen wirkt, etwa die Sache mit dem Hut. Sie breitet eine Fülle von unterschiedlichen Schicksalen und Lebensentscheidungen vor uns aus, wobei sie uns konfrontiert mit teils unglaubhaften Situationen, abstossend, erschreckend, auf jeden Fall facettenreich. Die Figuren sind ähnlich wie wir alle, stehen uns deshalb nahe und vermögen es, und zu berühren.
Lappert erweist sich auch diesmal als hervorragende, mitreissende Erzählerin. Federleicht und teils atemlos schildert sie eine schwerwiegende, bedrückende Entscheidung. Dabei kommt der Humor erfreulicherweise nicht zu kurz. Die vielen Personen, in kurzen Kapiteln wie Perlen aneinandergereiht, waren jedoch anfangs recht verwirrend. Ich musste oft zurückblättern, um die Vorgeschichte nachzulesen, wenn diejenige Figur wieder ins Spiel kam.
Fünf Jahre sind vergangen seit Erscheinen ihres Erstlings "Wurfschatten", und nach Auflösung ihres alten Verlags fand sie in Philipp Keel einen neuen Herausgeber. Die Romane von Diogenes sind es meiner Meinung nach allesamt wert, gelesen zu werden. So auch das vorliegende Werk.

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Hoffnungslos, aber nicht ernst

Letzte Rettung: Paris von Patrick deWitt

Die dominante Mutter Frances würde im Geld schwimmen, wenn sie damit umgehen könnte. Aber sie verprasst ihre Güter, zusammen mit ihrem Sohn Malcolm. Der ist offenbar zufrieden damit, faul daheim herumzuhängen. Als Frances' Ehemann vor Jahren einem Herzinfarkt erlegen war, ist sie zwar sehr gleichgültig mit dieser Tatsache umgegangen, will aber trotzdem Kater "Kleiner Frank" als Reinkarnation ihres Mannes sehen.

Dass sie ihn lieblos behandelt, scheint ein weiterer Widerspruch. Als nun kein Geld mehr da ist, sieht Frances ihre letzte Rettung im Apartment ihrer Freundin Joan in Paris.
Die Personen sind ziemlich überzeichnet und über weite Strecken keineswegs sympathisch. So wird Malcolm als Kleptomane und bindungsscheues Muttersöhnchen beschrieben, Frances tritt selbstbezogen und exzentrisch auf. Die beiden stolzieren hocherhobenen Hauptes über die Trümmer ihrer Existenz. Ihr Kater "Kleiner Frank" darf gnädigerweise mitmachen. Wobei er manchmal auch eiskalt vor die Tür gesetzt wird. Hauptsache, die schnöde Welt kann mit der linken Hand regiert werden und belangt das seltsame Gespann nicht weiter.
Die Pariser Nachbarin und mit ihr weitere Personen verhalten sich so, wie es im realen Leben kaum vorkommt. DeWitt spielt mit Klischees, und keine seiner Figuren scheint das zu sein, was wir als "normal" bezeichnen. Einzig Malcolms stand by-Verlobte Susan beginnt vernünftig zu handeln. Groteske, aberwitzige Situationen, die das Mutter-Sohn-Duo mit stiff upperlipp absolviert, reihen sich aneinander. Ein aufmerksamer Leser entdeckt viel Amüsantes, zumal sich in Paris so manches ins Gegenteil verkehrt.
Patrick deWitt serviert alles in einem Ton grösstmöglicher Gelassenheit, was auch immer geschehen mag: englischer Humor im Roman eines Kanadiers (dessen Fotos ihn durchaus britisch aussehen lassen) mit niederländischem Namen bei Schauplätzen in New York und Paris.
Die ungewohnte Sprache könnte schon verwirren mit oft seltsamen Ausdrücken (Sie machte ein Gesicht wie Schulterzucken; schmutziges Feuer; Malcolms Knochen brannten vor Müdigkeit) und mit zwischendurch scheinbar sinnlosen Aussagen. Vielleicht liegt es am Übersetzer Andreas Reimann, dessen Translationspraxis laut Internet sich erst auf zwei Bücher beläuft. Insgesamt ein origineller Sprachstil, aber eben: Die Geschmäcker sind verschieden.
Der Titel ist trügerisch, denn er weckt Hoffnungen, aber Rettung gibt es wohl keine. Das Coverbild hingegen könnte treffender nicht sein. Ich kann mir kein anderes vorstellen.

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Enttäuschend

Fünf Lieben lang Roman. Gebunden. von Aciman André

Paul plätschert über die fünf Liebesgeschichten in seinem Leben wie über Stromschnellen, die ihn aber nie weit tragen, sodass er bald wieder in ruhigeres Fahrwasser gerät. Schnell entflammt er für eine Person und fackelt nicht lange, sofern diese eindeutige Zustimmung zeigt. Doch bei keinem geliebten Menschen kann er lange bleiben.

Dabei wäre er offen für vieles, aber der oder die jeweils Andere beendet die Liaison bald. Paul weiss auch nicht so recht, was oder wen er denn nun eigentlich begehrt: Frau oder Mann? Aber welche Frau? Welchen Mann? Er riskiert keinen Blick in sein eigenes Inneres, in dem er sich allerdings auch nicht zu Hause fühlt.
Seine Kontaktbedürfnisse sind zwar gross, doch er will vor Verletzungen sicher sein, letztlich sicher vor der ernsthaften, fordernden Liebe. Die er aber immer wieder sucht, seit seiner ersten Verliebtheit mit Zwölf. Er spürt viele Male, dass tiefe Zuneigung zu jemandem in ihm aufblüht, aber wie er damit umgehen soll, bleibt ihm ein Rätsel. Und so scheitert er wieder und wieder in dem, was ihm das Wichtigste im Leben scheint. Gefühle, die als die grössten gelten, rieseln Paul wie Sand durch die Finger. Das, was er Liebe nennt, hinterlässt bei ihm lediglich vertrocknete Krater.
Der Text ist der innere Monolog eines Mannes, der viel Zeit und Ruhe zum Nachdenken hat. Der Vergleich mit einem Endoskop drängt sich auf, das sowohl die Magen-Darm-Beschaffenheit als auch alles Unverdaute durchcheckt, um eine Diagnose erstellen zu können, warum jemand sich krank fühlt.
Besonders literarisch finde ich die Sprache nicht, auch die Spannung lässt in meinen Augen sehr zu wünschen übrig. Ich habe lange zum Lesen gebraucht, weil der Text mich nicht fesseln konnte. Besonders der Beginn scheint mir unnötig in die Länge gezogen. Vielleicht wäre dem Roman geholfen, wenn der Erzähler sich an jemand Bestimmten gewendet hätte, nicht so ins Leere hinein geschildert.
Mehrmals habe ich mich dabei ertappt, dass ich quergelesen habe. Über weite Strecken sind die Absätze zu lang, und es gibt zu wenig auflockernde Dialoge. Alles in allem recht farb- und spannungslos. Die paar pseudophilosophischen Sprüche über die Liebe (etwa "kalt erwischt") hätte fast jeder von uns genauso formulieren können. Schade um die Lesezeit!

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Einzigartig

Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong

Der Sohn einer in Amerika gestrandeten Vietnamesin schreibt seiner Mutter einen langen Brief, im Wissen, dass sie nicht lesen kann. Es geht um jeden wichtigen Zeitpunkt in ihrem und seinem Leben. Die Frau ist (und bleibt) durch die Kriegsereignisse schwerst geschädigt, kämpft sich im ehemaligen Feindesland mühsam durch, und das ohne Sprachkenntnisse.

Gewalt in vielen Facetten durchzieht den Text, neben wenigen Momenten tiefster Liebe und neben leisen Tönen, die unversehens in Schmerzensschreie umschlagen.
Der Junge ist seit seinem jüngsten Kindesalter der Dolmetscher für eine Frau, in deren Sprache es kaum einen Ausdruck für Liebe gibt; ein Übersetzer zwischen ihr und dem Alltag, zwischen ihr und Amerika. Er selbst wechselt fliessend zwischen den Sprachen, trägt aber sein Englisch lediglich wie eine Maske. Zur Stärke verurteilt, lastet auf seinen schmalen Schultern das Gewicht einer allzu niederdrückenden Welt: Amerika, ein schönes Land, je nachdem, wohin du blickst und vor allem: je nachdem, wer du bist.
Dieser Brief wirkt wie ein Exorzismus, allerdings nur für den Sohn. Die Mutter kann sich nicht von ihren Traumata befreien. Und da er weiss, dass seine Ma Analphabetin ist, kann er schonungs- und bedenkenlos berichten und damit seine eigenen Lasten abwerfen. Vuong liefert eine Ansammlung von Situationen, die meisten geprägt und verursacht durch das fremd Sein. Kein Wort ist zu viel, und jedes einzelne trifft.
"Little dog" ist nur einer der vielen Namen des Jungen, aber der einzige, den der Leser erfährt, vielleicht deshalb, weil der Roman zumeist in der Ich-Form erzählt ist. Doch der Autor wählt zwischendurch auch die 3. Person. Dieser Umstand und dass es fortwährend Zeitsprünge gibt, macht das Leseverständnis mühsam. Man muss auch schon tief ins Buch gedrungen sein, um die einzelnen Personen klar zu erkennen, etwa, wer Lan ist.
Man merkt, dass Ocean Vuong auf der Lyrik aufbaut, in der er sich bereits einen Namen gemacht hat. Die Sprache ist ausserordentlich poetisch und zart wie das Reh auf dem Coverbild, voller Metaphern, literarisch hochwertig. Genial finde ich seine Art, wie er stockendes Berichten formal ausdrückt, das ist mir so noch nirgends begegnet. Und immer wieder durchziehen Monarchfalter den Text, als Sinnbild für Migration, unstetes Leben, Verletzlichkeit, Heimatlosigkeit.
Es steht zwar nirgends explizit, dass der Text autobiografisch ist, dennoch kann es fast nicht anders sein, wenn man sich mit der Vita des Autors befasst. Dass man hierzulande nur wenige vietnamesische Autoren kennt, mag unter anderem daran liegen, dass die Welt sich eher dafür interessiert, was Siegermächte zu sagen haben und nicht die Kriegsverlierer in fernen Teilen der Welt. Ich bin aber davon überzeugt, dass mit diesem Roman von Ocean Vuong das Augenmerk zukünftig vermehrt nach Südostasien gelenkt wird. Ein einzigartiges Buch, ein hervorragender Debutroman!

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Diese Story lässt keinen kalt

Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong

Mia Hayes, Nickname Rabbit, stirbt an Krebs. Ein grosser Verlust vor allem für ihre Tochter Juliet. Für Mutter und Bruder, der nun die Vaterrolle übernimmt, bestehen nun schwierigere Lebens- und Rollenverhältnisse. Der Vater tut sich mit der Trauer besonders schwer. Rabbits Schwester Grace befürchtet, ebenfalls zu erkranken und muss eine drastische Entscheidung treffen.

Tochter Juliet erfährt zudem Freud und Leid der ersten Liebe.
Jeder ist in seiner eigenen Trauer gefangen, auch Rabbits beste Freundin. Doch nach und nach können sie sich öffnen und an den neu gestellten Aufgaben wachsen. Sie bewältigen die Schwierigkeiten inmitten des altgewohnten Chaos und gewinnen trotz ihrer schonungslosen Aufrichtigkeit an Charme. Ganz im Sinn von Rabbit entfacht ihr Tod die Lebensfreude neu.
Aus der Sicht der einzelnen Trauernden erfährt der Leser, wie jeder mit Rabbits Tod umgeht und wie er sich durch ihn verändert. Immer aber scheint die Verstorbene auf die Hinterbliebenen einzuwirken und ihnen in irgendeiner Weise zu helfen.
Sind die humorvollen Aspekte beim ersten Band hauptsächlich von Rabbit ausgegangen, so verringert er sich nach ihrem Ableben, logisch. Mir gefällt aber, dass er sich lediglich subtil gewandelt hat und den Text weiterhin belebt.
Wer auch "Die letzten Tage von Rabbit Hayes" gelesen hat, dem ist die Familie ohnehin bereits ans Herz gewachsen. Dieser zweite Teil ist dem ersten absolut ebenbürtig. Eine gepflegte, schöne Sprache, spannend, farbig und plastisch, kurz: ein Lesegenuss. Im Text zur Autorin heisst es, dass der Roman vieles aus Anna McPartlins eigener Geschichte enthält. Ich wünsche mir weitere Bücher der irischen Autorin. Nina Petri liest den Text sehr einfühlsam, wobei sie die gesamte Bandbreite ihrer Stimme einsetzt, um jedem der einzelnen Personen ihre individuelle Stimme zu verleihen.

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