Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Nil_liest:
Ein poetisches Märchen zwischen Traum und Abgrund
Winterschlaf von Mario Petuzzi
Buch-Vibe…
Ein abgelegenes Tal, eine Mutter, die den Winter im Keller verschläft, ein Großvater, der aus ihren Träumen Kapital schlägt, und zwei Kinder, die langsam beginnen, die Regeln ihrer Welt infrage zu stellen. Poetisch, eigenwillig, entrückt und mit einer düsteren Märchenstimmung, die sich zunehmend in etwas Unheilvolles verwandelt.
Lies dieses Buch, wenn…
…du literarische Experimente magst und auf abgefahrene Ideen stehst, dich auf ungewöhnliche Erzählwelten einlassen kannst und beim Lesen nicht unbedingt jede Antwort serviert bekommen möchtest. Wenn du Geschichten liebst, die mehr Fragen hinterlassen als Gewissheiten – und deren Atmosphäre mindestens so wichtig ist wie die Handlung.
Der Roman ist gut in folgendem emotionalem Zustand…
Wenn du Lust auf eine intensive, entschleunigte Leseerfahrung hast und bereit bist, dich vollständig auf ein surreales Setting einzulassen. Nichts für einen überfüllten Alltag zwischen zwei Terminen – hier sollte man schon ein wenig Zeit und innere Ruhe mitbringen.
Geeignet für Leser:innen, die…
…poetische Sprache, moderne Märchen, surreale Familienkonstellationen und Geschichten mit Interpretationsspielraum mögen. Wer klare Figurenzeichnungen, rasante Handlung und eindeutige Erklärungen sucht, könnte hingegen etwas ratlos zurückbleiben.
Der Roman ist…
…kurz, aber keineswegs leicht. Sprachlich dicht, atmosphärisch und inhaltlich überraschend komplex. Für mich stellenweise allerdings etwas zu behäbig erzählt. Man muss sich wirklich darauf einlassen und darf nicht erwarten, den Roman nebenbei lesen zu können.
Ein Satz zum Verfasser…
Mario Petuzzi, geboren 1989 in Hall in Tirol, verbindet sein Studium von Wirtschaft und Management mit Vergleichender Literaturwissenschaft. Winterschlaf ist sein bemerkenswertes Debüt.
Spielt in diesem Land: Österreich, in einem zeitlich entrückten alpinen Tal
Zu dieser Zeit: In einer nicht eindeutig festgelegten Gegenwart
Typ Buch: Poetisches, surreales Familienmärchen
Genre: Literarischer Roman, modernes Märchen, psychologische und gesellschaftliche Parabel
Sterne: ⭐⭐⭐✨ 3,5 von 5
Der alles wird gut Vibe in Berlin
Tutto bene von Laura Wagner
Buch-Vibe…
Berlin, Späti, Müller-Thurgau und Menschen, die ihr Leben irgendwie zusammenhalten. Ein bisschen chaotisch, ziemlich direkt, manchmal berührend und mit einer ordentlichen Portion „Ich komm schon klar – also theoretisch“.
Lies dieses Buch, wenn…
…du Berlin-Romane mit eigenwilligen Figuren, trockenem Humor und einer Geschichte über Freundschaft, Nähe und persönliche Baustellen magst.
Oder wenn du wissen möchtest, was passiert, wenn eine schlagfertige Fünfzehnjährige in das Leben einer ziemlich verkorksten Erwachsenen platzt.
Der Roman ist gut in folgendem emotionalem Zustand…
Wenn du Lust auf eine Geschichte hast, die trotz schwieriger Themen nicht permanent schwermütig wird, sondern auch Raum für Humor, Wärme und schräge Begegnungen lässt.
Geeignet für Leser:innen, die…
…authentische Großstadtgeschichten, ungewöhnliche Freundschaften und Figuren mit Ecken, Kanten und ordentlich Gepäck mögen. Besonders für Menschen, die nicht nur eine klassische Liebesgeschichte lesen möchten, sondern auch daran interessiert sind, wie zwischen ganz unterschiedlichen Menschen Nähe entstehen kann.
Der Roman ist…
…angenehm kurzweilig und lässt sich flüssig lesen. An manchen Stellen hätte ich mir allerdings etwas mehr Tiefe und ein weniger abruptes Ende gewünscht.
Ein Satz zur Autorin…
Laura Wagner, Jahrgang 1990, war lange in der Berliner Kulturlandschaft tätig und leitete später die Abteilung Marketing und Kommunikation am Nationaltheater Mannheim. Tutto bene ist ihr Debütroman.
Spielt in diesem Land:
Deutschland ????????
Zu dieser Zeit:
Im heutigen Berlin.
Typ Buch:
Großstadtroman mit gesellschaftlichen und psychologischen Themen
Genre:
Gegenwartsliteratur | Roman | Freundschaft | Coming-of-Age-Elemente
Sterne:
⭐⭐⭐⭐ 4 von 5
Kommunikation is key!
Nur wer's richtig sagt, kommt ans Ziel von Tijen Onaran
Manche Gespräche gewinnt man nicht, weil man lauter ist. Sondern weil man weiß, was man sagen will. Genau da setzt Tijen Onarans neues Buch an: bei den Situationen, in denen einem die perfekte Antwort natürlich erst drei Stunden später einfällt – wenn das Gespräch längst vorbei ist.
„Nur wer’s richtig sagt, kommt ans Ziel“ ist ein ausgesprochen alltagstauglicher Ratgeber rund um Schlagfertigkeit, Argumentation und selbstbewusstes Auftreten.
Dabei geht es keineswegs nur um die große Bühne oder den souveränen Auftritt vor hundert Menschen. Onaran nimmt ebenso die kleinen, vertrauten Gesprächssituationen unter die Lupe: die kritische Nachfrage im Job, die Gehaltsverhandlung, eine Diskussion, in der man plötzlich ins Rechtfertigen gerät, oder der Moment, in dem jemand einen Satz fallen lässt und man erst später denkt: Das hätte ich anders beantworten können.
Was mir gut gefällt: Tijen Onaran verkauft Kommunikation nicht als Zaubertrick. Sie zeigt vielmehr, dass souveränes Auftreten ziemlich viel mit Vorbereitung, innerer Haltung und Selbstkenntnis zu tun hat. Dazu kommen persönliche Geschichten aus ihrem eigenen Berufsleben, die den theoretischen Teil angenehm erden. Manche sind überraschend, manche amüsant – vor allem aber zeigen sie, dass auch Menschen, die heute sehr souverän auftreten, nicht automatisch mit dieser Fähigkeit geboren wurden.
Spannend fand ich besonders den Gedanken, dass Kommunikation eine Art Trainingssache ist. Man kann lernen, die eigene Stimme ernst zu nehmen, Grenzen klarer zu formulieren, auf Gegenwind nicht reflexartig mit Rechtfertigung zu reagieren und auch unter Druck bei sich zu bleiben. Die Autorin erklärt dafür unterschiedliche Kommunikationsmuster und Strategien und übersetzt sie anschließend direkt in Situationen, die man aus dem eigenen Alltag kennt. Das macht das Buch angenehm praktisch.
Auch formal funktioniert der Ratgeber für mich sehr gut. Wichtige Punkte werden hervorgehoben, die Kapitel sind übersichtlich aufgebaut und die Zusammenfassungen sowie Übungen am Ende laden tatsächlich dazu ein, das Gelesene nicht einfach abzuhaken. Besonders hilfreich ist die Toolbox: Hier wird aus der Lektüre etwas, auf das man später noch einmal zurückgreifen kann. Einige der Methoden waren mir bereits bekannt, aber gut sortiert, neu eingeordnet und mit konkreten Beispielen versehen, bekommen selbst bekannte Gedanken noch einmal einen anderen Stellenwert.
Und Onaran bleibt nicht ausschließlich bei der klassischen Gesprächssituation. Interessant fand ich auch ihre Überlegungen dazu, welchen persönlichen Wert wir in einer Welt behalten, in der KI immer mehr Inhalte produzieren und Kommunikation automatisieren kann – gerade auch in sozialen Netzwerken. Denn am Ende geht es eben nicht nur darum, was wir sagen, sondern darum, wofür unsere eigene Stimme steht.
Für mich ist dieses Buch deshalb weniger ein „So wirst du in fünf Schritten schlagfertig“-Versprechen als eine ziemlich gute Erinnerung daran, die eigene Kommunikation bewusster zu gestalten. Man muss nicht jeden Raum dominieren und auch nicht auf jede Provokation die perfekte Antwort parat haben. Aber man darf lernen, klarer zu sagen, was man denkt, will und braucht.
Ein sympathischer, persönlicher und sehr gut nutzbarer Ratgeber – gerade für alle, die sich nach einem Gespräch nicht mehr so häufig denken möchten: „Hätte ich doch nur …“
Wenn Gleichberechtigung zum Crashtest wird
Crashtest Dummies von Mercedes Spannagel
Buch-Vibe…
Männerdomäne trifft Elektromobilität trifft Ellenbogenmentalität – dazu eine Protagonistin, die keine Lust hat, sich zur feministischen Musterfrau machen zu lassen. Unbequem, bissig, gelegentlich absurd und mit ordentlich gesellschaftlichem Sprengstoff unter der Motorhaube.
Lies dieses Buch, wenn…
…du feministische Literatur magst, die nicht brav daherkommt.
Wenn dich die Frage interessiert, was passiert, wenn Frauen aufhören, sich in vorgegebene Rollen zu fügen – und stattdessen anfangen, dieselben Machtspielchen zu spielen wie ihre männlichen Kollegen. Und wenn du einen Roman möchtest, der dich zwischendurch auch mal ordentlich irritiert.
Der Roman ist gut in folgendem emotionalem Zustand…
Wenn du Lust auf Wut mit Humor hast. Oder wenn du gerade genug von perfekten Heldinnen hast und lieber einer Figur begegnen möchtest, die moralisch durchaus Schrammen davonträgt.
Geeignet für Leser:innen, die…
…gerne gesellschaftliche Strukturen seziert bekommen, feministische Themen mögen und keine Angst vor einer Protagonistin haben, die nicht permanent sympathisch sein will.
Der Roman ist…
adäquat. Mit seinen rund 400 Seiten vielleicht stellenweise etwas ausführlicher, als es die Handlung unbedingt gebraucht hätte – aber lang genug, um Cleos Konkurrenzkampf ordentlich eskalieren zu lassen.
Ein Satz zur Verfasser:in:
Mercedes Spannagel ist selbst Maschinenbauingenieurin und kennt die technische Arbeitswelt, über die sie schreibt, also nicht nur aus der Theorie – eine Erfahrung, die dem Roman spürbar Authentizität verleiht.
Spielt in diesem Land:
???????? Deutschland
Zu dieser Zeit:
Jetzt. Und genau deshalb trifft der Roman so ziemlich einen Nerv.
Typ Buch:
Gesellschaftssatire mit Ellenbogen, Bürointrigen und feministischer Kampfansage.
Genre:
Zeitgenössischer Roman · feministische Literatur · Gesellschaftssatire
Wie kam das Buch zu mir:
???? Rezensionsexemplar vom Verlag
Sterne:
⭐⭐⭐⭐ 3,5 / 5
Liebesromane sind längst mehr als Herzklopfen und Happy Ends
Love and Rent von Jo Cheetham
Kaum ein Genre ist so vielseitig wie der Liebesroman. Mal ist er leicht und romantisch, mal gesellschaftskritisch, mal humorvoll und manchmal stellt er die Liebe sogar komplett infrage. *Love and Rent* von Jo Cheetham gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Zwar spielt eine Beziehung eine zentrale Rolle, doch eigentlich geht es um viel mehr: finanzielle Unsicherheit, weibliche Selbstbestimmung, Freundschaft und die Frage, wie viel von sich selbst man aufgibt, wenn Sicherheit plötzlich verlockender erscheint als Überzeugungen.
Hannah mochte romantische Komödien noch nie, in denen ein Mann das Leben einer Frau rettet – und findet sich ausgerechnet selbst in einer Situation wieder, die diesem Klischee erschreckend nahekommt. Als der wohlhabende Oscar in ihr Leben tritt, entscheidet sie sich weniger aus Liebe als aus pragmatischen Gründen für ihn. Eine warme Wohnung, finanzielle Stabilität und keine Existenzängste mehr – wer würde darüber nicht zumindest nachdenken? Gerade dieser Zwiespalt macht Hannah zu einer glaubwürdigen Figur. Man versteht viele ihrer Entscheidungen, auch wenn man sie nicht immer gutheißt.
Besonders gefallen hat mir, dass der Roman deutlich tiefgründiger ist, als das Cover oder der Titel zunächst vermuten lassen. Hinter den humorvollen Dialogen und den oft ironischen Beobachtungen verbergen sich ernste Themen: Klassenunterschiede, prekäre Lebensverhältnisse, schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen und die Unsicherheit einer Generation, die trotz Vollzeitjob oft kaum über die Runden kommt. Dabei gelingt Jo Cheetham ein schöner Spagat zwischen Leichtigkeit und Nachdenklichkeit.
Ein echtes Highlight sind für mich die Freundschaften. Die Dynamik zwischen Hannah, Kiera und Bex wirkt ehrlich, liebevoll und manchmal auch schmerzhaft. Gerade weil Hannah sich immer weiter von ihrem bisherigen Leben entfernt, wird deutlich, wie wichtig diese Beziehungen eigentlich sind. Für mich sind sie das emotionale Herzstück des Romans.
Auch der Schreibstil trägt viel zum Lesegenuss bei. Locker, witzig und angenehm unaufgeregt erzählt die Autorin von alltäglichen Situationen, ohne dabei oberflächlich zu werden. Die Geschichte liest sich schnell weg, regt aber gleichzeitig immer wieder zum Nachdenken an.
Ganz überzeugt hat mich allerdings nicht alles. Einige Figuren – insbesondere Oscar – bleiben etwas klischeehaft, und stellenweise hätte ich mir mehr Zwischentöne gewünscht. Auch Hannahs Entwicklung verläuft über weite Strecken eher zurückhaltend, sodass ich mir an manchen Stellen gewünscht hätte, sie würde früher konsequenter für sich selbst einstehen.
Das Ende hat für mich jedoch vieles aufgefangen. Es zeigt auf eine moderne und glaubwürdige Weise, dass persönliches Glück nicht davon abhängt, einen Partner zu haben, sondern den eigenen Weg zu finden und sich selbst dabei nicht aus den Augen zu verlieren.
Fazit: *Love and Rent* ist kein klassischer Liebesroman, sondern eine kluge, zeitgemäße Geschichte über Geld, Unabhängigkeit, Freundschaft und die kleinen Kompromisse, die wir manchmal eingehen. Unterhaltsam, ehrlich und mit mehr Tiefgang, als ich erwartet hatte.
Wo Grenzen enden und Geschichten anfangen
Querfeldein von Alex Capus
Manche Dörfer liegen an einer Grenze. Andere sind eine Grenze.
In Ramsen allerdings scheint sie nicht auf einer Landkarte zu verlaufen, sondern mitten durch die Geschichten der Menschen. Sie kommen nachts, heimlich und querfeldein, verschwinden wieder im Schnee, tragen Waren, Geheimnisse, politische Überzeugungen oder einfach nur die Sehnsucht nach einem anderen Leben über die unsichtbare Linie.
Und irgendwo dazwischen steht ein Wirtshaus namens „Zur Moskau“, in dem die Welt einkehrt, bevor sie wieder auseinandergeht.
Hier beginnt Alex Capus’ Querfeldein – und zunächst beginnt es erstaunlich unspektakulär: mit Arnold, einem jungen Mann, der sich nicht recht vorstellen kann, sein ganzes Leben an einem Ort zu verbringen. Arbeit, weiterziehen, wieder Arbeit, weiterziehen. Bloß nicht dieses bürgerliche Leben, das sich wie ein schlecht sitzender Mantel über einen legt. Bis das Leben andere Pläne mit ihm hat. Arnold bleibt. Er baut einen Gasthof. Und dann kommt Betty – hoch zu Ross durch den Schnee. Aus zwei Menschen werden acht Kinder, aus einem Gasthof ein Mittelpunkt des Dorfes und aus einem scheinbar kleinen Familienroman langsam ein Stück großer Geschichte.
Capus erzählt dabei nicht einfach die Geschichte einer Familie. Er erzählt, wie Geschichte in Küchen, Wirtshäusern und Schlafzimmern landet. Wie politische Entscheidungen, die irgendwo weit entfernt getroffen werden, plötzlich darüber bestimmen, wer eine Grenze passieren darf, wer Schmuggler ist, wer Verbrecher, wer Held – und wer sich verliebt.
Besonders Clara, Arnolds älteste Tochter, bringt Bewegung in diese Welt. Sie scheint schon früh nicht dafür gemacht zu sein, sich in die vorgesehenen Linien ihres Lebens einzufügen. Als sie sich 1933 in Hermann Weber verliebt, einen Schmuggler, der sich weder von Uniformen noch von Grenzen besonders beeindrucken lässt, bekommt der Roman eine andere Temperatur. Aus Dorfgeschichten wird Widerstand, aus einer Liebesgeschichte eine politische Angelegenheit. Und plötzlich ist dieses kleine Grenzdorf nicht mehr klein.
Was mir an *Querfeldein* besonders gefällt, ist, dass Capus die große Geschichte nicht von oben erzählt. Keine Staatsmänner im Mittelpunkt, keine endlosen politischen Erklärungen. Stattdessen stehen da Wirt, Schmuggler, Tochter, Bauern, Handwerker und die Menschen am Stammtisch. Diejenigen also, die Geschichte nicht schreiben, aber mit ihr leben müssen.
Und genau darin liegt eine große Stärke des Romans.
Capus hat einen ausgesprochen liebevollen Blick auf seine Figuren. Er lässt ihnen ihre Schrullen, ihre Widersprüche und ihre kleinen Absurditäten. Manche sind dabei fast ein wenig zu eigenwillig, beinahe wie Figuren aus einem modernen Märchen. Aber vielleicht ist genau das die richtige Form für diese Geschichte. Denn *Querfeldein* möchte gar kein nüchterner historischer Tatsachenroman sein. Es ist eher eine Dorfchronik mit Märchenstaub an den Schuhen und Schnee im Kragen.
Der Schreibstil passt wunderbar dazu. Capus schreibt ruhig, klar und mit einer unaufdringlichen Eleganz. Er muss seine Pointen nicht mit einem Ausrufezeichen markieren. Oft steckt der Humor in einem Nebensatz, einer Beobachtung oder einem Dialog. Es ist dieser leise, verschmitzte Humor, der die Geschichte davor bewahrt, schwer zu werden – obwohl sie von Flucht, politischen Spannungen, Verlust und den Zumutungen ihrer Zeit erzählt.
Überhaupt hat Capus ein bemerkenswertes Gespür für **Zwischentöne**. Er interessiert sich für die kleinen Bewegungen eines Menschenlebens: dafür, wie jemand älter wird, wie sich ein Paar verändert, wie Kinder ihre Eltern irgendwann überholen, wie aus einem jungen Mann ein Wirt und aus einem Mädchen eine Frau wird. Das Leben passiert hier nicht in großen Kapiteln, sondern in vielen kleinen Verschiebungen.
Und dann ist da diese Landschaft.
Schnee. Wald. Grenzwege. Ein abgelegenes Dorf. Das Wirtshaus mit seinem Stammtisch. Die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz, die auf dem Papier eine klare Linie sein mag, im Leben der Menschen aber erstaunlich durchlässig erscheint. Capus macht aus diesem Ort beinahe eine eigene Figur. Die Landschaft wird zum Resonanzraum für das, was die Menschen nicht aussprechen.
Besonders reizvoll fand ich die Verbindung von erfundener Familiengeschichte und historisch verbürgten Ereignissen rund um Hermann Weber. Historische Dokumente und Briefe geben dem Roman dabei einen zusätzlichen Boden unter den Füßen. Gleichzeitig erlaubt sich Capus erzählerische Freiheit und einen modernen Ton. Nicht jede Figur und nicht jede Entwicklung wirkt dadurch vollkommen realistisch – manches ist bewusst zugespitzt, fast grotesk. Aber gerade diese Mischung aus Recherche und Fabulierlust macht den besonderen Charme des Romans aus.
Querfeldein ist deshalb für mich weniger ein Roman über Schmuggel als ein Roman über Grenzen geografische, politische, gesellschaftliche und ganz persönliche.
Was darf man überschreten? Was muss man überschreiten?
Und wann wird aus einem Menschen, der sich nicht an eine Grenze hält, plötzlich jemand, der für seine Freiheit bezahlt?
Am Ende bleibt vor allem das Gefühl, ein ganzes Dorf kennengelernt zu haben – mit seinen Stammtischgeschichten, Liebesgeschichten, Geheimnissen und politischen Abgründen. Capus erzählt große Geschichte, ohne sie groß aufzublasen. Er macht sie klein genug, dass man sie anfassen kann.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst dieses Romans: Die Weltgeschichte kommt nicht durch das große Tor. Sie schleicht nachts über den Feldweg. Querfeldein.
Zwei Körper, ein Herz – und eine Freundschaft, die alles aushält
Honey und Blondie von Ubin Eoh
Manche Freundschaften beginnen mit einem „Willst du mit mir spielen?“. Andere mit einer Schleckmuschel. Und manche gehen so tief, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wo der eigene Körper aufhört und der des anderen beginnt.
Honey und Blondie lernen sich als Kinder im Berlin der 90er kennen.
Eine Koreanerin und eine Deutsche, zwei Mädchen aus unterschiedlichen Familien und Lebenswelten – und doch sofort miteinander verbunden. Sie teilen Süßigkeiten, Geheimnisse, erste Schwärmereien, später Geld, Alkohol, Liebeskummer und die großen und kleinen Katastrophen des Erwachsenwerdens. Vor allem aber teilen sie etwas, das niemand sonst verstehen kann: ihre „Schleckmuschel“. Wenn eine von beiden von Angst oder Panik überwältigt wird, kann die andere buchstäblich in ihren Körper schlüpfen. Was zunächst wie ein seltsamer Zufall erscheint, wird zu einer Art geheimem Zufluchtsort und schließlich zu ihrer ganz eigenen Superkraft. Und vielleicht ist genau darin die schönste Idee dieses Romans verborgen: Was wäre, wenn Empathie nicht nur bedeuten würde, den anderen zu verstehen, sondern für einen Moment tatsächlich er selbst zu sein?
Ubin Eoh macht aus diesem fantastischen Einfall kein großes Fantasy-Spektakel. Im Gegenteil. Die Magie wird so selbstverständlich in den Alltag der beiden eingebaut, dass man sie irgendwann nicht mehr hinterfragt. Viel wichtiger ist nämlich, was sie ermöglicht: Honey kann erfahren, wie es ist, mit Blondies Leben zu leben – und Blondie mit Honeys. Dadurch werden Unterschiede plötzlich körperlich spürbar: Herkunft, Rassismus, soziale Ungleichheit, Sexismus, Verletzlichkeit. Die „Schleckmuschel“ ist damit nicht nur Zauberei, sondern ein ziemlich kluges literarisches Bild für radikale Nähe.
Besonders schön ist, wie lange wir die beiden begleiten dürfen. Aus den Mädchen werden Teenagerinnen, aus Teenagerinnen junge Frauen, und irgendwann stehen sie mitten im Leben. Die Freundschaft verändert sich, wird erwachsener, bekommt Risse und neue Formen – bleibt aber dieser eine Ort, an dem beide ganz sie selbst sein dürfen. Als Blondie schwer erkrankt, bekommt dieses Band eine ganz andere Schwere: Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, die Ängste der anderen mitzutragen, sondern um die Frage, wie weit man für einen Menschen gehen kann, den man liebt.
Dabei erzählt Eoh erstaunlich leicht. Ihr Stil ist modern, direkt und wunderbar ungekünstelt. Die Dialoge haben Tempo, die Sprache klingt nach echten Menschen und nicht nach Figuren, die gerade einen Roman bevölkern. Besonders die kleinen Alltagsbeobachtungen machen den Text lebendig. Und dann ist da dieses herrliche 90er-/2000er-Gefühl: Diddlmäuse, Fructis, Cola-Kracher, Prinzenbad und all die kleinen Dinge, die plötzlich wie Zeitkapseln funktionieren. Wer in dieser Zeit groß geworden ist, dürfte beim Lesen mehrfach denken: Oh Gott, ja – genau so war das!
Gleichzeitig bleibt der Roman nicht in Nostalgie stecken. Hinter dem Humor liegen Fragen nach Identität, Herkunft, Zugehörigkeit und den Zumutungen des Erwachsenwerdens. Eoh schafft es dabei, schwere Themen nicht mit Bedeutungsschwere zuzudecken. Vieles darf gleichzeitig komisch, traurig, absurd und schmerzhaft sein – so wie das Leben eben.
Und vielleicht ist das Schönste an *Honey und Blondie*, dass die Freundschaft hier nicht als perfekte Harmonie verkauft wird. Sie ist manchmal selbstverständlich, manchmal kompliziert, manchmal beinahe zu eng. Aber sie besitzt etwas, wonach sich wahrscheinlich jeder Mensch sehnt: emanden, bei dem man nichts erklären muss.
Ein warmherziger, witziger und überraschend berührender Debütroman über Freundschaft, die nicht nur neben einem steht, sondern buchstäblich unter die Haut geht.
Manche Wege führen nicht nach Norden, sondern zurück
Alte Pfade von Alexa Hennig von Lange
Manchmal muss man einem Menschen bis ans Ende der Welt folgen, um ihm endlich wirklich zu begegnen. Bei Liliane ist es ausgerechnet ihr 89-jähriger Vater, der sie auf diesen ungewöhnlichen Weg zwingt: Nach einem Herzinfarkt in den schottischen Highlands will er keineswegs zurück ins sichere Zuhause.
Er will weiter. Genau dorthin, wo er als junger Mann schon einmal unterwegs war. Und Liliane, frisch geschieden und eigentlich gerade erst dabei, ihr eigenes Leben neu zu sortieren, bleibt nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
So beginnt eine Wanderung, die schnell zu etwas ganz anderem wird als einer Reise durch die raue schottische Landschaft. Zwischen Wind, Einsamkeit, Feldsteinhütten und körperlicher Erschöpfung brechen nach und nach die verschlossenen Türen einer Familiengeschichte auf. Der Vater erzählt von seiner Kriegskindheit in Potsdam, vom Verlust seiner Frau und Lilianes Mutter, von einem Leben, über das bisher vieles unausgesprochen geblieben ist.
Dabei ist besonders schön, wie die äußere Landschaft und die innere Reise ineinandergreifen. Jeder zurückgelegte Kilometer scheint ein Stück Vergangenheit freizulegen. Liliane begegnet ihrem Vater dabei neu – und muss gleichzeitig erkennen, wie viel von seiner Härte, seinen Vorstellungen und seinen alten Mustern in ihrem eigenen Leben weiterlebt. Vor allem ihre Beziehungen zu Männern und ihr Verhältnis zu ihrem Sohn erscheinen plötzlich in einem anderen Licht.
Alexa Hennig von Lange erzählt diese Annäherung nicht geradlinig. Erinnerungen tauchen auf, verschwinden wieder, neue Puzzleteile kommen hinzu. Dadurch entsteht das Bild einer Familie, deren Geschichte lange aus Lücken, Missverständnissen und unausgesprochenen Verletzungen bestanden hat. Die „alten Pfade“ sind deshalb ein treffendes Bild: Es geht nicht nur um einen früheren Wanderweg, sondern um die Wege, die Menschen innerhalb einer Familie immer wieder gehen – manchmal, ohne zu bemerken, dass sie dabei alte Muster wiederholen.
Besonders atmosphärisch sind die Highlands. Sie sind hier nicht bloß pittoresche Kulisse, sondern fast ein stiller Gegenpart zu den beiden Figuren: weit, rau, einsam und unberechenbar. Die körperliche Anstrengung der Wanderung schafft zugleich einen Raum, in dem Gespräche möglich werden, für die im normalen Alltag offenbar nie der richtige Zeitpunkt da war.
Der Schreibstil bleibt dabei angenehm klar und unaufgeregt. Gerade dadurch können die emotionalen Momente wirken, ohne dass sie ständig dramatisch ausgestellt werden. Die Rückblicke fügen sich nach und nach zusammen und geben sowohl dem Vater als auch Liliane immer neue Konturen.
Emotional funktioniert der Roman dagegen gerade dort, wo er nicht versucht, Vergangenheit einfach ungeschehen zu machen. Es geht vielmehr um das späte Verstehen: darum, einen Menschen nicht nur als den Vater zu sehen, der er für einen selbst war, sondern auch als den jungen Mann, das Kriegskind und den verletzten Menschen, der er einmal gewesen ist.
Und vielleicht liegt darin die leise Stärke dieses Romans: Man kann die alten Pfade nicht zurücknehmen. Aber man kann irgendwann aufhören, sie immer wieder zu gehen.
Eine einfühlsame Vater-Tochter-Geschichte über Nähe, Distanz, Vergebung und die manchmal erstaunliche Möglichkeit, einen Menschen ganz am Ende doch noch neu kennenzulernen.
Von der Sauna ins Weiße Haus
In den Fängen der Verräter von Tuomas Oskari
Finnland zählt mehr Saunen als Autos – und gilt zugleich als eines der politisch stabilsten Länder der Welt. Umso reizvoller ist es, dass ausgerechnet ein finnischer Ex-Präsident im mittlerweile dritten und abschließenden Band der Leo-Koski-Reihe in das Zentrum eines amerikanischen Politbebens gerät.
Wer die beiden ersten Bände noch nicht kennt: Unbedingt lesen!!!
Leo Koski hat sich nach den Ereignissen der vorherigen Bände aus der großen Politik zurückgezogen und lebt in den USA ein vergleichsweise ruhiges Leben. Doch Ruhe ist in diesem Thriller nur ein kurzes Zwischenkapitel. Während eines unfreiwilligen Treffens im Weißen Haus erhält Koski eine Nachricht, die ihm den Boden unter den Füßen wegzieht: Seine Tochter wurde entführt. Gleichzeitig soll er sein eigenes Land verraten. Bevor er überhaupt begreifen kann, was geschieht, bricht der amerikanische Präsident vor seinen Augen zusammen – vergiftet. Plötzlich ist Leo nicht mehr nur Vater, sondern Verdächtiger, Flüchtender und Schachfigur in einer Verschwörung, deren Fäden bis in die höchsten Machtzirkel reichen.
Gemeinsam mit der Journalistin Ashley Pegula versucht er, die wahren Drahtzieher aufzuspüren und seine Tochter zu retten. Zwischen Geheimdiensten, politischen Intrigen und tödlichen Gegnern entwickelt sich eine Geschichte, die kaum Zeit zum Durchatmen lässt. Die Kapitel treiben den Leser förmlich vor sich her, immer wartet die nächste Wendung hinter der nächsten Tür des Weißen Hauses.
Gerade Leo Koski trägt den Roman. Er ist kein unverwundbarer Actionheld, sondern ein erfahrener Politiker, der trotz seiner Vergangenheit immer wieder in Situationen gerät, die größer sind als er selbst. Man fiebert mit ihm, weil seine Motivation so nachvollziehbar ist: Hier steht nicht die Rettung der Welt im Vordergrund, sondern die eines Vaters, der um seine Tochter kämpft.
Tuomas Oskaris Schreibstil ist schnörkellos, direkt und äußerst filmisch. Viele Szenen lesen sich wie Sequenzen eines Politthrillers, der bereits für die Leinwand geschrieben wurde. Man sieht die Flure des Weißen Hauses vor sich, spürt die Hektik und das Misstrauen, hört beinahe die Sirenen im Hintergrund. Das hohe Erzähltempo wird zur großen Stärke des Romans.
Allerdings nimmt sich die Geschichte manchmal so wenig Zeit zum Innehalten, dass einige Entwicklungen etwas konstruiert wirken. Nicht jede Wendung ist völlig glaubwürdig, und manche politische Verstrickung hätte gerne noch komplexer ausfallen dürfen. Auch einzelne Figuren bleiben etwas hinter ihrem Potenzial zurück.
Dennoch gelingt In den Fängen der Verräter etwas, das nicht jeder Politthriller schafft: Er verbindet internationale Verschwörungen mit einer sehr persönlichen Geschichte und hält die Spannung bis zum Finale konsequent hoch. Als Abschluss der Trilogie kehrt die Reihe noch einmal zu ihrer Stärke zurück – temporeich, unterhaltsam und mit einem sympathischen Helden, den man nur ungern ziehen lässt.
Zimtschnecken, Sommerflirts und ein fehlender Funke
Copenhagen Cinnamon 2. Gorgeous von Stefanie Neeb
Ein Nachmittag in einem hyggeligen Café: ein heißes Zimtgebäck auf dem Teller, das Stimmengewirr im Hintergrund und ein Blick hinaus auf sonnenbeschienene Straßen. Copenhagen Cinnamon 2. Gorgeous ist genau so ein Buch – warm, gemütlich und angenehm. Aber eben auch eines, das am Ende nicht ganz satt macht.
Freja und Nicolaj könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie, die erfolgreiche Marketing-Expertin, scheint alles im Griff zu haben und wirkt auf den ersten Blick wie das perfekte Glamour-Girl. Er, Maschinenbaustudent und selbstbewusster Frauenheld, begegnet ihr mit ebenso vielen Vorurteilen wie sie ihm. Weil beide ihrem Freund Mads bei der Eröffnung seiner neuen Bar helfen, werden sie gezwungen, Zeit miteinander zu verbringen. Zwischen scharfzüngigen Wortgefechten und kleinen Annäherungen beginnen die Fassaden langsam zu bröckeln. Vor allem Freja trägt mehr mit sich herum, als man zunächst vermutet: den Druck ihrer wohlhabenden Familie, Erwartungen, die kaum zu erfüllen sind, und eine Beziehung, die mehr Wunden hinterlassen hat, als sie sich eingestehen möchte.
Besonders gelungen ist, dass die Liebesgeschichte nicht im Eiltempo abgehandelt wird. Freja und Nicolaj lernen sich nach und nach kennen und entdecken hinter ihren vorschnellen Urteilen zwei Menschen, die beide mit Unsicherheiten und eigenen Kämpfen ringen. Vor allem Frejas Entwicklung hat mir gefallen. Ihr Weg zu mehr Selbstbestimmung und die Frage, wie viel vom eigenen Leben eigentlich den Vorstellungen anderer gehört, geben der Geschichte Tiefe.
Der Schreibstil liest sich gewohnt leicht und flüssig. Die Seiten fliegen nur so dahin und die Autorin versteht es, eine echte Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Kopenhagen wird erneut zum heimlichen Star des Romans. Die neue Bar, das vertraute Umfeld des Copenhagen Cinnamon und die kleinen, gemütlichen Momente sorgen dafür, dass man am liebsten selbst einen Kurztrip in die dänische Hauptstadt buchen möchte.
Und doch blieb bei mir ein leises Gefühl des Vermissens zurück. Die Dialoge sind unterhaltsam, die Figuren sympathisch und die Themen Selbstwert, toxische Beziehungen und persönliche Träume sinnvoll eingebunden. Aber der Roman bleibt über weite Strecken sehr vorhersehbar und emotional auf einer Ebene, die mich nie ganz erreicht hat. Es fehlte dieser eine Moment, der überrascht, aufwühlt oder sich noch lange nach dem Zuklappen des Buches festsetzt.
Gorgeous ist damit eine charmante, sommerliche Romance mit viel Herz und einer großen Portion Hygge. Ein Buch, das sich angenehm liest und schöne Stunden schenkt – aber keines, das einen vollkommen verzaubert.











