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Rezensionen von Nil_liest:

Wer ist der Mörder auf einem Schiff ohne Fluchtweg?

Trügerisches La Rochelle von Jean-Claude Vinet

Der Krimi Trügerisches La Rochelle von Jean-Claude Vinet (Pseudonym eines deutschen Autoren, der Frankreich liebt!) beginnt mit einem Einsatz, der zunächst unspektakulär wirkt – ein tödlicher Arbeitsunfall auf einem Errichterschiff vor der Küste. Doch schon bald kippt die Stimmung: Zwischen Wind, Wellen und einer auffallend verschlossenen Crew wird klar, dass hier niemand einfach gestolpert ist.

Und das Entscheidende: Der Täter befindet sich noch an Bord. Ein klassisches Locked-Room-Szenario – nur eben mitten auf dem Meer.
Was diesen Band der Reihe besonders macht, ist der Schauplatz. Ein Installationsschiff für einen Offshore-Windpark ist nicht gerade der typische Krimiort, und genau das funktioniert erstaunlich gut. Die Arbeiten auf See, die Technik, das Aufstellen der gewaltigen Anlagen – all das wird so beschrieben, dass man ein Gefühl für diesen harten Arbeitsalltag bekommt. Gleichzeitig entsteht eine leicht klaustrophobische Atmosphäre: begrenzter Raum, raues Wetter, viele Menschen mit Geheimnissen.
Im Zentrum steht wieder Commissaire Chevalier, der nicht nur ermittelt, sondern auch als Mensch sichtbar bleibt. Kleine Einblicke in sein Privatleben und das seines Teams lockern die Ermittlungen auf und geben der Geschichte Tiefe. Man merkt, dass sich die Reihe über mehrere Bände entwickelt hat – dennoch lässt sich dieser Teil problemlos lesen, auch wenn man die drei vorherigen Fälle nicht kennt. Die wichtigsten Beziehungen und Konflikte erschließen sich ausreichend aus dem Kontext.
Der Fall selbst entwickelt sich spannend über mehrere Wendungen hinweg. Der Tote war offenbar kein einfacher Kollege, sondern jemand, der mit seiner pedantischen Art und seinem Einfluss viele gegen sich aufgebracht hatte. Verdächtige gibt es daher reichlich. Als dann weitere dramatische Ereignisse folgen, müssen die Ermittler ihre Theorien mehrfach überdenken. Besonders interessant fand ich, dass die Spurensuche auch in die Vergangenheit führt – zu früheren Unfällen und möglichen Vertuschungen rund um die Arbeit auf See.
Stilistisch liest sich der Roman überwiegend sehr flüssig. Allerdings stolpert man gelegentlich über Formulierungen, die ein wenig ungewöhnlich oder etwas verquer wirken. Das bremst den Lesefluss kurz, stört insgesamt aber nicht allzu sehr, weil die Geschichte und das Setting stark genug sind, um einen weiterzutragen.
Was mir besonders gefallen hat: Der Krimi verbindet klassische Ermittlungsarbeit mit einem ungewöhnlichen Milieu. Man lernt einen Arbeitsplatz kennen, den man sonst kaum wahrnimmt – und merkt schnell, wie viele Konflikte und Spannungen dort unter der Oberfläche schlummern.
Für mich ist „Trügerisches La Rochelle“ ein maritimer Krimi mit Flair, einem spannenden Ermittlerteam und einem Schauplatz, der wirklich im Gedächtnis bleibt. Wer Krimis mag, die nicht nur den Täter suchen, sondern auch eine Welt zeigen, in der gearbeitet, gestritten und geschwiegen wird, dürfte hier genau richtig sein.
Dies ist der vierte Fall von Commissaire Chevalier, ist durch auch auch ohne Vorkenntnisse der anderen drei Fälle lesbar.

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Eisberge, Kabeljau und ein Sommer, der vieles verändert

Sommer auf Perigo Island von Perry Chafe

Wie fühlt man sich als 9jähriger, wenn man den Vater verliert, der als Fischer nicht mehr nach Hause kommt? Dramatisch und prägend. Im Roman steht genau dieses Ereignis am Anfang der Geschichte „Sommer auf Perigo Island“.
“Letzten Endes war es egal, was genau passiert war, denn das Meer hatte meine Welt mit sich gerissen.

” S 143
Dann springt die Geschichte drei Jahre nach vorne, Pierce ist mittlerweile 12 Jahre alt, es ist Sommer auf der Insel in Neufundland und es hätte ein entspannter vor sich hin plätschernder Sommer werden können. Aber dem war nicht so, denn es wird ein Mädchen vermisst. Pierce und seine beiden Freunde, Bennie & Thomas, sowohl Bennies Cousine, die zu besuch ist, Emily, wollen Anna finden.
Was sich als kindlichen Sommerplot liest, ist eine gut geschriebene Geschichte, die uns sehr weit weg trägt. In eine Landschaft und ein Leben, das ferner nicht sein könnte. Kabeljau-Fischer, Ende der 90er Jahre auf einer Insel in Neufundland, wo Eisberge selbst im Sommer noch an der Küste vorbei treiben. Atemberaubend.
Eine runde und gelungene Geschichte. Von mir gibt es nur Abzug in der B-Note. Denn die literarische Umsetzung hätte aus meiner Sicht an der ein und anderen Stelle noch ein Ticken runder sein können. Sieht man davon ab, ist es ein toller Roman!
Der Autor Perry Chafe ist auf Fogo Island (Petty Harbour) großgeworden und das macht den Roman so lesenswert. Wenn der/die Schreibende erlebte was beschrieben wird, dann kommt eine Echtheits-Komponente ins Spiel, die nicht zu toppen ist. Auch wenn dies hier eine fiktionale Geschichte ist.
Großes Lob an den mare Verlag, dass die Übersetzerin auf dem Cover genannt wurde: Claudia Feldmann. A propos Cover, es ist sehr gelungen, habe es nach dem Lesen noch mal eingehen betrachtet und es passt perfekt!
Wer kann es lesen? Jede:r! Da es hier um universale Werte und auch um einen Einblick in die Vergangenheit sowie die Verzahnung von Jung und Alt, Vergänglichkeit und Leben geht sowie um Natur und Freundschaften, macht es dieses Buch zu einem, dass jeder zur Hand nehmen kann!
Ich wünsche diesem Buch sehr viele Leser:innen in Deutschland, nachdem es bereits in Kanada ein Bestseller wurde.

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Zwischen Sorge und Hoffnung: „Emily Forever“ von Maria Navarro Skaranger

Emily Forever von Maria Navarro Skaranger

Manchmal reicht ein einziges „Nein“ – oder in Emilys Fall ein einzelnes „Ja, ich bin schwanger“ –, um eine ganze Welt ins Wanken zu bringen. Emily ist neunzehn, schwanger und auf sich allein gestellt. Ihr Freund Pablo ist mehr ein Geist als ein Partner, nur sporadisch über das Handy zu erreichen, und die Unsicherheit darüber, wie er überhaupt zu seinem Kind stehen wird, lastet schwer auf ihr.

In dieser prekären Lage zieht Emilys Mutter in ihre winzige Wohnung, will helfen, doch ihre ständigen Zweifel und Erwartungen wirken manchmal schwerer als jede Last, die Emily ohnehin schon trägt.
Und dann ist da noch die leise Präsenz der Menschen um sie herum: der Nachbar, der sich fragt, ob man sich in jemanden verlieben darf, den man kaum kennt, oder der Chef im Supermarkt, der unsicher zwischen Sorge und eigener Zuneigung schwankt. Skaranger zeichnet diese Figuren mit zartem Humor, aber auch mit spürbarer Empathie – jeder Versuch, Emily zu helfen, ist so menschlich wie unvollkommen.
Der Roman arbeitet mit einem ungewöhnlichen Erzählton: Alles wird aus einer gewissen Distanz beschrieben, fast wie ein Beobachter, der das Innenleben Emilys spürt, ohne vollständig darin aufzugehen. Anfangs befremdlich, später faszinierend – man merkt, dass genau diese Mischung aus Nähe und Abstand den Kern der Geschichte ausmacht. Emily wirkt stark, mutig und trotz aller Widrigkeiten kämpferisch, doch die Unsicherheiten ihres jungen Alters machen sie verletzlich und nahbar.
„Emily Forever“ ist keine Geschichte mit klaren Antworten. Armut, Klassenscham, gesellschaftliche Erwartungen und die Suche nach Solidarität verweben sich zu einem bewegenden Ganzen. Skaranger verzichtet auf kitschige Lösungen, und gerade das macht die Lektüre so eindringlich. Man lacht, man seufzt, man fiebert – und manchmal bleibt das Herz einfach stehen vor Sorge um diese junge Frau, die ihr eigenes Leben und das ihres Kindes noch nicht greifen kann.
Ein Roman, der lange nachklingt, der das Herz berührt und die Frage aufwirft: Wie viel Unterstützung ist genug, und wie sehr darf man selbst über das Leben eines anderen urteilen?
Fazit: Eine einfühlsame, manchmal bittere, oft humorvolle Geschichte über Mut, Verletzlichkeit und die unerwartete Solidarität, die wir im Alltag finden können. „Emily Forever“ ist ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.

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Ein Nein, das nachhallt – und eine ganze Stadt in Bewegung setzt

Hazel sagt Nein von Jessica Berger Gross

Was passiert, wenn man im falschen Moment das einzig Richtige tut? Hazel sagt Nein von Jessica Berger Gross ist genau dieser Roman: einer, der leise beginnt, dann unaufhaltsam Kreise zieht – durch eine Familie, eine Kleinstadt, durch moralische Gewissheiten, die plötzlich brüchig werden.
Die Blums lassen Brooklyn hinter sich und hoffen in Riverburg auf einen Neuanfang.

Mehr Platz, weniger Lärm, eine sichere Professur für den Vater, neue Möglichkeiten für die Mutter, ein überschaubares Leben. Doch gleich an Hazels erstem Schultag kippt diese Hoffnung. Der Schulleiter bittet sie ins Büro – und offenbart ein Machtspiel, das so ungeheuerlich wie erschreckend routiniert ist. Hazel sagt Nein. Kein großes Pathos, kein heroischer Monolog. Einfach ein Nein. Und genau darin liegt die Wucht dieses Romans.
Jessica Berger Gross erzählt nicht die Geschichte eines einzelnen Übergriffs, sondern die Geschichte seiner Folgen. Der Fokus verschiebt sich: weg vom Täter, hin zu den Erschütterungen, die sein Handeln auslöst. Hazel wird nicht zur Projektionsfläche eines Skandals gemacht, sondern bleibt eine junge Frau mit Plänen, Ängsten, Zweifeln. Gleichzeitig bekommen auch Mutter, Vater und Bruder ihre eigene Stimme. Diese Perspektivwechsel sind klug gesetzt: Sie zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit Ohnmacht, Wut, Schuldgefühlen und öffentlichem Druck umgehen – und wie wenig kontrollierbar die Dynamiken einer vermeintlich „netten“ Kleinstadt sind.
Der Ton des Romans ist bemerkenswert: ernst, aber nicht erdrückend. Es gibt feinen Humor, absurde Momente, Alltag, der weiterläuft, obwohl nichts mehr ist wie zuvor. Gerade das macht die Geschichte so glaubwürdig. Nicht alles explodiert, nicht alles wird gelöst. Manche Dinge verlaufen im Sande, andere hinterlassen Spuren. Und genau so fühlt sich Realität an.
Hazel sagt Nein ist Bookclub-Fiction im besten Sinne: ein Roman, der Diskussionen provoziert, der Fragen stellt nach Macht, Glauben, Wegsehen – und nach dem Mut, sich selbst treu zu bleiben, auch wenn die Konsequenzen unüberschaubar sind. Kein reißerisches MeToo-Drama, sondern ein vielschichtiges Familienporträt mit gesellschaftlichem Nachhall.
Ein Debüt, das lange im Kopf bleibt. Und ein Nein, das man nicht mehr überhört.

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Roh, radikal, unwiderstehlich

Half His Age von Jennette McCurdy

Dieses Buch tut weh. Und genau deshalb ist es so gut.

Half His Age liest sich auf den ersten Blick wie eine Geschichte, die man zu kennen glaubt: junge Schülerin, älterer Lehrer, verbotene Anziehung, absehbare Katastrophe. Jennette McCurdy nutzt diese Erwartung – und zerlegt sie Seite für Seite.

Was hier entsteht, ist kein Skandalroman, keine provokante Spielerei, schon gar keine Liebesgeschichte. Es ist ein schonungslos ehrlicher Blick auf Begehren, Macht und das verzweifelte Bedürfnis, gesehen zu werden.

Waldo, 17, ist eine Protagonistin, die man nicht vergisst. Sie ist widersprüchlich, klug, verletzlich, manchmal nervig, oft brutal ehrlich – vor allem sich selbst gegenüber. Ihre Gedanken sind roh, ungefiltert, manchmal unangenehm nah. McCurdy schreibt so dicht an Waldos Innenleben, dass man sich als Leserin zeitweise ertappt fühlt: bei Erinnerungen an die eigene Jugend, an Unsicherheiten, an diese gefährliche Mischung aus Größenfantasien und Selbsthass. Waldo will alles – Aufmerksamkeit, Bedeutung, Intensität – und sie weiß selbst nicht einmal genau, warum.

Die Beziehung zu ihrem Lehrer steht im Zentrum, aber sie ist nicht der Kern. Entscheidend ist das Gefälle: emotional, sozial, ökonomisch. McCurdy beschreibt mit erschreckender Präzision, wie Macht wirkt, ohne dass sie laut ausgesprochen werden muss. Wie Abhängigkeit entsteht, wie Projektionen wachsen, wie Verantwortung verschoben wird – und wie leicht eine junge Person sich selbst davon überzeugt, alles unter Kontrolle zu haben, während sie sie längst verloren hat. Nichts daran wird romantisiert, nichts entschuldigt, nichts vereinfacht.

Besonders stark ist der Blick auf Herkunft und Klasse. Waldo bewegt sich durch Konsum, Internet, Körperbilder und Erwartungen wie durch ein Minenfeld. Sie versucht, innere Leere mit Dingen, Fantasien und Beziehungen zu füllen – und scheitert daran immer wieder. Dass der Roman dabei auch Kapitalismus, Leistungsdenken und weibliche Sozialisation mitverhandelt, geschieht leise, aber treffsicher.

Die Sprache ist ein Ereignis für sich: hart, direkt, manchmal vulgär, dann wieder überraschend poetisch. McCurdy schreibt ohne Sicherheitsnetz. Jeder Satz wirkt bewusst gesetzt, nichts wird geglättet, nichts erklärt, um es erträglicher zu machen. Genau daraus entsteht diese enorme Sogwirkung. Ich wollte zwischendurch pausieren – und konnte es nicht.

Was Half His Age so außergewöhnlich macht, ist sein Mut. Der Mut, unangenehme Fragen zu stellen. Der Mut, einer jungen weiblichen Stimme Raum zu geben, ohne sie zu idealisieren oder zu moralisieren. Und der Mut, Leser:innen auszuhalten, die dieses Buch falsch lesen könnten – weil McCurdy ihnen zutraut, genauer hinzusehen.

Am Ende bleibt kein Trost, kein sauberes Fazit. Aber etwas viel Wertvolleres: ein tiefes Unbehagen, das lange nachwirkt. Und die Gewissheit, dass man gerade einen Roman gelesen hat, der wichtiger ist, als er auf den ersten Blick scheint.

Ein intensives, kluges, wütendes Debüt. Kein Wohlfühlbuch. Kein leichtes Buch. Aber ein verdammt gutes.

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Ein Wohlfühlbuch

Mathilde und Marie von Torsten Woywod

Mathilde und Marie ist ein Roman, den man nicht „verschlingt“, sondern in den man sich hineinsetzt – wie auf eine Bank vor einer Buchhandlung, mit Zeit, Ruhe und der Bereitschaft, sich auf Langsamkeit einzulassen. Torsten Woywod erzählt in seinem ersten eigenen Roman eine sehr persönliche Geschichte, das spürt man auf jeder Seite.

Und genau darin liegt zugleich seine Stärke und seine Schwäche.
Die Ausgangssituation ist klassisch, fast märchenhaft: Marie, 26, verlässt Paris überstürzt, innerlich erschöpft, äußerlich orientierungslos. Eine Zugfahrt wird zum Wendepunkt, eine Begegnung zur Einladung in ein anderes Leben. Redu, das reale Bücherdorf in den Ardennen, wirkt wie ein Gegenentwurf zur modernen Welt: wenig Internet, viel Natur, Bücher statt Bildschirme, Menschen statt Profile. Ein Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann – oder soll.
Woywod entfaltet diese Welt mit großer Liebe. Die Naturbeschreibungen sind detailliert, oft sehr schön, manchmal fast meditativ. Jahreszeiten, Spaziergänge, Licht, Wälder, Hunde – all das trägt zu einer Atmosphäre bei, die eindeutig auf Entschleunigung zielt. Auch das Thema Lesen und der stationäre Buchhandel werden sichtbar als Herzensangelegenheit des Autors eingebettet. Wer Bücher liebt, wird sich hier verstanden fühlen.
Im Zentrum stehen die Beziehungen: die warme, fast sofortige Nähe zwischen Marie und Jónína, später die vorsichtige Annäherung an Mathilde, die lange abweisend bleibt und doch eine tiefe Verletzlichkeit in sich trägt. Die Idee, zwei Frauen mit ähnlichen biografischen Wunden langsam zueinander finden zu lassen, ist schön und berührend gedacht. Die wechselnden Perspektiven erlauben Einblicke in ihre Gefühlswelten und verleihen dem Roman eine gewisse Sanftheit.
Und doch blieb bei mir eine Distanz. Viele Figuren sind sehr wohlwollend gezeichnet – vielleicht zu wohlwollend. Konflikte werden kaum zugespitzt, Ecken und Kanten fast vollständig abgeschliffen. Redu erscheint wie ein Ort, an dem alle verständnisvoll, freundlich und geduldig sind (mit wenigen Ausnahmen, die erwartbar aufgelöst werden). Das erzeugt eine starke Wohlfühlatmosphäre, nimmt der Geschichte aber auch Spannung und Tiefe. Entwicklungen sind vorhersehbar, Überraschungen bleiben aus, und echte Reibung entsteht selten.
So wurde das Lesen für mich stellenweise zäh. Nicht, weil der Stil schlecht wäre – im Gegenteil, er ist ruhig und sauber –, sondern weil der Roman kaum Sog entwickelt. Er trägt, aber er zieht nicht. Man bleibt eher aus Sympathie und Wohlwollen dran als aus innerem Drang.
Unterm Strich ist Mathilde und Marie ein warmherziges, stilles Buch über Freundschaft, Verlust, Neubeginn und die Sehnsucht nach einem anderen Rhythmus des Lebens. Es ist ein echtes Wohlfühlbuch, das wichtige Werte hochhält: Achtsamkeit, Menschlichkeit, Nähe zur Natur. Literarisch bleibt es jedoch eher an der Oberfläche, wo man sich manchmal mehr Tiefe, mehr Mut zur Unbequemlichkeit wünschen würde.
Für Leser:innen, die leise Geschichten lieben, die entschleunigen möchten und sich gern in Bücherorte träumen, ist dieser Roman genau richtig. Wer jedoch Spannung, Ambivalenz oder psychologische Schärfe sucht, könnte enttäuscht zurückbleiben. Für mich bleibt ein sympathisches Buch mit schöner Idee – aber auch mit verpasstem Potenzial.

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Scharfes Essay

Das M-Wort von Anne Rabe

Buch-Vibe… ???? scharf, politisch, nachdenklich – ein Essay, das wachrüttelt und moralische Fragen in den Mittelpunkt stellt ⚖️????️(Platz 3 Sachbuchbestenliste Die Zeit, Deutschlandfunk und ZDF)
Lies dieses Buch, wenn… du verstehen willst, warum Moral heute wieder zum Diskussionspunkt wird und wie Rechtsextreme und Politik unsere Werte herausfordern ????????
Der Roman ist gut in folgendem emotionalem Zustand… konzentriert, kritisch und bereit, unbequemes zu reflektieren ????????
Geeignet für Leser:innen, die… politische Essays, Gesellschaftskritik und pointierte Analysen lieben ????✊
Das Sachbuch ist… adequat – kompakt, aber gehaltvoll ????
Ein Satz zur/m Verfasser:in: Anne Rabe, 1986 geboren, ist preisgekrönte Dramatikerin, Drehbuchautorin und Essayistin, die sich mit gesellschaftlichen Themen und der Vergangenheitsbewältigung in Ostdeutschland beschäftigt.

Sie lebt in Berlin. ✍️????????
Spielt in diesem Land: Deutschland
Zu dieser Zeit: Gegenwart ⏳
Typ Buch: Essay
Genre: Politik
Wie kam das Buch zu mir: Rezensionsexemplar ????
Sterne (X aus 5): ⭐⭐⭐⭐

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Leben zwischen Kunst und Konvention

Was ich von ihr weiß von Jean-Baptiste Andrea

Jean-Baptiste Andrea erzählt in Was ich von ihr weiß die Lebensgeschichte eines Außenseiters, der es trotz widrigster Umstände zu Ruhm und künstlerischer Anerkennung bringt – und doch nie sein vollständiges Glück findet. Michelangelo Vitaliani, genannt Mimo, wächst in Armut auf, wird als kleiner Junge nach Italien geschickt, um das Handwerk des Bildhauers zu erlernen, und begegnet dort Viola Orsini, einer Frau, die ihren Standesgrenzen trotzend nach Freiheit strebt.

Aus dieser Begegnung entsteht eine Geschichte, die so episch wie intim ist, voller Leidenschaft, Loyalität und Enttäuschung.
Der Roman entfaltet ein fast altmeisterliches Tableau Italiens im 20. Jahrhundert: Aufstieg des Faschismus, Weltkriege, gesellschaftliche Umbrüche – stets im Hintergrund von Mimos künstlerischem Schaffen begleitet. Andrea verwebt diese historischen Ereignisse nahtlos mit der privaten Welt seiner Figuren, sodass man die Zeitgeschichte nicht nur beobachtet, sondern sie fast körperlich spürt. Mimo wird durch sein Talent gefeiert, doch seine Herkunft und die gesellschaftlichen Schranken verhindern, dass er in der Liebe je ganz frei sein kann. Viola, eigenwillig, unbezwingbar und emanzipiert, wird zu seiner geheimen Verbündeten, zur „kosmischen Zwillingsseele“, die er immer wieder verliert und findet.
Was diesen Roman besonders macht, ist die Art, wie Andrea Mimos Innenleben, seine Erinnerungen und seine Leidenschaft für die Bildhauerei schildert. Man spürt die Kraft der Steine, die er formt, und die Einsamkeit, die ihn begleitet. Gleichzeitig ist Viola mehr als nur Muse: Sie ist eine Figur, die gegen das Korsett ihrer Zeit rebelliert, deren Träume und Enttäuschungen genauso episch wirken wie die politischen und künstlerischen Umwälzungen, die die Welt um sie herum erschüttern.
Die Sprache Andrea ist opulent, bildhaft und voller Pathos – gelegentlich schwingt ein Hauch von Übertreibung mit, aber genau diese Intensität passt zu der großen Erzählung über ein Leben voller Liebe, Schmerz und Schicksal. Historische Details, Intrigen, die Rolle der Kirche, der Aufstieg der Filmindustrie, die politischen Wirren Italiens – all das fließt in die Handlung ein, ohne den emotionalen Kern der Geschichte zu überlagern.
Was ich von ihr weiß ist kein kleiner Roman, kein leiser Fluss. Es ist ein breites, mitreißendes Epos über Freundschaft, Liebe, Verlust und das, was uns im Leben prägt und begleitet. Wer sich auf Mimos Welt einlässt, wird belohnt: mit einem vielschichtigen Charakter, einem faszinierenden historischen Panorama und einer Geschichte, die lange nachhallt – wie die Spuren, die ein Meisterwerk im Stein hinterlässt.

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Wie erzählt man eine Wahrheit, die in Flammen steht?

Der brennende Garten von V. V. Ganeshananthan

V. V. Ganeshananthan gehört zu jenen Autorinnen, die politische Geschichte nicht einfach erzählen, sondern literarisch beleuchten, als würde sie unter der Oberfläche einer persönlichen Erinnerung nach glühenden Splittern suchen – und genau diese Funken schlagen in Der brennende Garten (aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz) unentwegt über.

Dieser Roman ist eine Wucht – nicht laut, nicht reißerisch, sondern eindringlich, vielstimmig und atmosphärisch dicht wie ein monsunfeuchter Morgen in Jaffna. V.V. Ganeshananthan gelingt das Kunststück, ein zutiefst politisches Thema so intim zu erzählen, dass man die Geschichte weniger liest als miterlebt. Schon Sashis Eröffnungssatz – ein Brief an jemanden, den die Welt als Terroristen verurteilt – öffnet ein erzählerisches Tor, hinter dem die Frage lauert, wem Erinnerung eigentlich gehört.
Wir folgen Sashi von ihrer Jugend in Sri Lanka bis in ihr späteres Leben in New York. Und während sie am Anfang voller Zuversicht ist – Medizinstudium, Vorbilder in der Familie, ein zartes Band zu K aus der Nachbarschaft – setzt der Bürgerkrieg alles in Flammen. Was in warmen, fast flirrenden Farben beginnt, kippt Stück für Stück ins Dunkel: Unterdrückung, Gewalt, Misstrauen, das gefährliche Schachspiel zwischen singhalesischer Mehrheit, tamilischer Minderheit und internationalen Interessen.
V.V. Ganeshananthan zeigt diese Welt nicht mit distanzierender Chronistenstimme, sondern durch Sashis Erinnern. Dieses Erzählen aus der Rückschau erzeugt eine Bitterkeit, eine Schärfe, aber auch überraschend viel Zärtlichkeit – denn die Figuren bleiben nie nur Opfer oder Täter, nie nur richtig oder falsch. Besonders bewegend ist, wie unterschiedlich die Familienmitglieder reagieren: Der eine sucht Schutz in Bildung, der andere in Widerstand, ein dritter in Loyalität zu einer Idee, die größer erscheint als das eigene Leben. Und mitten drin Sashi, die sich weigert, die Welt nur in Schwarzweiß zu betrachten, und deren Kampf für Gerechtigkeit leise, aber kraftvoll ist.
Literarisch beeindruckend ist vor allem die Balance: Die Autorin fügt persönliche Schicksale, reale historische Ereignisse und sprachliche Feinheit zusammen, ohne je den Blick für die menschliche Erfahrung zu verlieren. Ihre Sätze besitzen eine Eleganz, die sich nicht scheut, in Schmerz zu tauchen.
Wer wenig über Sri Lanka weiß, wird hier nicht belehrt, sondern hineingezogen. Der Roman erklärt nicht – er zeigt, er lässt spüren, er zwingt dazu, zuzuhören. Selbst die Szenen in New York, wo Sashi längst in Sicherheit ist, tragen die Schwere der Vergangenheit in sich. Migration erscheint hier nicht als einfacher Neuanfang, sondern als Fortsetzung einer offenen Wunde, die ihren eigenen Rhythmus hat.
Der brennende Garten ist kein Roman, durch den man rast. Er verlangt Zeit, Luft, Pausen. Aber gerade darin liegt seine literarische Größe: Er wirkt nach, er stellt Fragen, er lässt nicht los.
Ein meisterhaft erzähltes Werk voller moralischer Ambivalenz, politischer Klarheit und emotionaler Tiefe – und zweifellos eines der wichtigsten Bücher über den sri-lankischen Bürgerkrieg in der aktuellen Literatur.

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Träume unter Kontrolle – und die leise Rebellion der Hoffnung

Das Dream Hotel von Laila Lalami

Wenn selbst unsere Träume keine Zuflucht mehr sind, was bleibt uns dann? Diese Frage durchzieht Laila Lalamis Das Dream Hotel, das zu Recht auf der Longlioste des Women’s Prize for Fiction 2025 steht. In einer nahen Zukunft, die sich beklemmend real anfühlt, hat der Staat gelernt, auch das Unbewusste zu vermessen – und damit das Innerste des Menschen in Daten zu verwandeln.

Sara Tilila Hussein, erfolgreiche Geschäftsfrau, Ehefrau und Mutter, wird am Flughafen verhaftet, weil ihre Traumdaten angeblich ein Risiko darstellen: Sie könnte ihrem Mann gefährlich werden. Kein Verbrechen, kein Motiv – nur ein Algorithmus, der Misstrauen in Wahrscheinlichkeiten gießt. Ihre „Unterbringung“ im sogenannten Dream Hotel – einem ehemaligen Schulgebäude, das nun Hightech-Gefängnis, Forschungslabor und profitables Datenzentrum zugleich ist – wird zum Albtraum aus Formularen, Befragungen und Entmündigung.
Laila Lalami entwirft eine Dystopie, die entfernt an Orwells 1984 erinnert, aber weiblicher, leiser und psychologisch schärfer erzählt ist. Während Überwachung und Angst allgegenwärtig sind, durchzieht den Roman etwas Überraschendes: Hoffnung. Nicht die naive, sondern die trotzige, die überlebt, weil sie sich weigert, aufzugeben. Zwischen Schlafphasen, Protokollen und Träumen formt sich bei Sara eine leise Widerständigkeit – das Wissen, dass Menschlichkeit dort beginnt, wo Kontrolle endet.
Die Erzählstruktur spielt mit Fragmenten – offizielle Dokumente, Sitzungsprotokolle, AGBs, Traumsequenzen – und schafft so ein Netz aus Bürokratie und Emotion. Gerade in diesem Wechsel liegt die Kraft des Romans: Er zeigt, wie leicht Freiheit erodiert, wenn Bequemlichkeit und Sicherheit Hand in Hand gehen.
Und doch bleibt Das Dream Hotel kein trostloses Buch. Es ist ein Roman über das Beharren auf Selbstbestimmung – darüber, dass Hoffnung auch in einem System aus Glaswänden und Schlafsensoren überleben kann. Laila Lalami schreibt kühl und poetisch zugleich, präzise und doch voller Empathie.
Fazit: Ein kluger, eindringlicher Roman über Überwachung, Angst und den Mut, nicht alles als gegeben hinzunehmen. Das Dream Hotel ist weniger ein Albtraum als ein Weckruf – und gerade darin liegt seine Hoffnung.

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