Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Nil_liest:

Wo der Fluss alles sieht

Der Fährmann von Regina Denk

Der Fluss ist dunkel, schwer und unberechenbar. Die Strömung zieht unter der Oberfläche, still und doch voller Kraft. Ein Boot löst sich vom Ufer, ein Mann setzt über – hin und zurück, immer wieder, Tag für Tag. Und während er Menschen über die Salzach bringt, trägt der Fluss ihre Geheimnisse mit sich.

„Der Fährmann“ von Regina Denk ist eines meiner Highlights des 1. Quartals 2026! Dieser Roman erzählt nicht nur eine Geschichte. Er erschafft eine Welt. Eine Welt voller Spannungen, Sehnsüchte und dunkler Abgründe.
Die Handlung spielt an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Zwei Dörfer liegen sich an der Salzach gegenüber und sind enger miteinander verbunden, als man zunächst glaubt. Mittendrin steht Hannes, der Fährmann. Sein Leben gehört dem Fluss – und den Menschen, die er täglich ans andere Ufer bringt. Doch dieser Beruf verlangt einen hohen Preis: Ein Fährmann darf nicht heiraten.
Das macht seine Liebe zu Elisabeth unmöglich. Sie wiederum wird aus wirtschaftlichen Gründen mit Josef verheiratet, dem Sohn eines wohlhabenden Bauern. Gleichzeitig trägt Annemarie, Elisabeths Freundin, ihre eigenen Gefühle und Enttäuschungen mit sich herum. Aus diesem Geflecht entsteht eine Geschichte über unerfüllte Liebe, Neid, Loyalität und Gewalt – während im Hintergrund der Krieg näher rückt und die fragile Ordnung der Dörfer zu zerbrechen droht.
Regina Denk gelingt es, ihre Figuren so lebendig zu zeichnen, dass man ihnen beim Lesen sehr nahe kommt. Ihre Entscheidungen sind nicht immer nachvollziehbar – aber immer menschlich. Besonders erschütternd ist die Figur des Josef. Seine Brutalität und sein Machtanspruch machen ihn zu einer der düstersten Figuren der Geschichte. Gleichzeitig zeigt der Roman auch, wie sehr Gewalt oft aus Gewalt entsteht.
Am meisten berührt haben mich jedoch Elisabeth und Annemarie. In einer Welt, die von Männern bestimmt wird, müssen sie Wege finden, mit ihren begrenzten Möglichkeiten zu überleben. Ihre Geschichten sind voller Schmerz, aber auch voller Stärke.
Regina Denk schreibt poetisch, atmosphärisch und unglaublich bildhaft. Ihre Sätze sind oft lang und rhythmisch, aber nie schwerfällig. Vielmehr tragen sie einen regelrecht durch die Geschichte. Toll ist wie die Natur in die Erzählung eingebunden wird. Die Salzach ist weit mehr als nur eine Kulisse – sie wirkt wie eine stille Beobachterin, die das Schicksal der Menschen begleitet.
„Der Fährmann“ ist kein leichtes Buch. Einige Szenen sind schmerzhaft, manche Entwicklungen erschütternd. Gerade die Darstellung von patriarchalen Strukturen und Gewalt geht unter die Haut. Und doch entsteht daraus eine enorme Sogwirkung.
Mit „Der Fährmann“ ist ein Buch über Liebe, Schuld, Macht und die Frage, wie sehr Menschen von ihrer Zeit geprägt werden. Ein atmosphärischer, düsterer und gleichzeitig zutiefst berührender Roman – und für mich eines der stärksten Bücher dieses Jahresbeginns.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Mehr als ein Trend: Wenn Medizin das Abnehmen neu denkt

Gamechanger Abnehmspritze von Gerald Jahl; Herbert Hirschler

Mit Gamechanger Abnehmspritze – Nachhaltig schlank mit moderner Medizin liefern Gerald Jahl und Herbert Hirschler ein Sachbuch, das ein hochaktuelles Thema aufgreift: die sogenannte Abnehmspritze und ihren möglichen Einfluss auf den Umgang mit Übergewicht. Doch wer hier eine reine Anleitung zum schnellen Gewichtsverlust erwartet, wird überrascht sein – dieses Buch geht deutlich tiefer und ist nicht der schnelle Weg zu weniger Pfunde.

Der medizinische Kern des Buches liegt in der verständlichen Erklärung moderner Therapien rund um sogenannte GLP-1-Medikamente. DDr. Jahl beleuchtet dabei sehr anschaulich, wie komplex unser Körper eigentlich funktioniert: Stoffwechselprozesse, hormonelle Steuerung, genetische Voraussetzungen und die Rolle von Nährstoffen greifen ineinander wie Zahnräder. Besonders deutlich wird dabei, dass Abnehmen eben nicht nur eine Frage von Disziplin oder Kalorienreduktion ist. Viele physiologische Faktoren bestimmen mit, ob ein Körper Gewicht verliert oder festhält. Und das entlastet die Psyche doch sehr!
Gerade dieser wissenschaftliche Blickwinkel macht den großen Mehrwert des Buches aus. Komplexe medizinische Zusammenhänge werden so erklärt, dass auch Leserinnen und Leser ohne medizinisches Vorwissen folgen können. Themen wie hormonelle Steuerung des Hungergefühls, Stoffwechselmechanismen oder das viel diskutierte „Gedankenkarussell rund ums Essen“ werden nachvollziehbar eingeordnet. Dabei wird auch klar: Die Spritze ist kein Wunderheilmittel, sondern ein medizinisches Werkzeug, das nur im Zusammenspiel mit Lebensstiländerungen sinnvoll eingesetzt werden kann.
Einen besonders lebendigen Gegenpol zur sachlichen Erklärung bildet der persönliche Erfahrungsbericht von Herbert Hirschler. Seine Reise durch die Behandlung zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und macht deutlich, wie sich Theorie und Praxis verbinden. Diese persönlichen Episoden lockern die Informationsfülle angenehm auf und geben einen ehrlichen Einblick in die emotionale Seite des Themas.
Hilfreich sind zudem die praktischen Elemente am Ende des Buches: Checklisten, Orientierungshilfen und Fragenkataloge für Arztgespräche helfen dabei, die eigene Situation besser einzuschätzen. Dadurch wird das Buch nicht nur zu einer Informationsquelle, sondern zu einem echten Begleiter für Menschen, die sich mit der Therapie auseinandersetzen möchten.
Besonders wertvoll fand ich, dass die Autoren versuchen, mit verbreiteten Vorurteilen aufzuräumen. Übergewicht wird hier nicht moralisch bewertet, sondern als komplexe gesundheitliche Herausforderung betrachtet. Genau dieser Perspektivwechsel macht das Buch so wichtig – und zeigt, wie sehr sich die Medizin in diesem Bereich weiterentwickelt.
Fazit:
Gamechanger Abnehmspritze ist weit mehr als ein Buch über ein neues Medikament. Es ist eine verständliche Einführung in die medizinischen Hintergründe von Übergewicht, kombiniert mit persönlichen Erfahrungen und praktischen Orientierungshilfen. Wer sich für die moderne Behandlung von Adipositas interessiert oder einfach besser verstehen möchte, wie unser Körper Gewicht reguliert, findet hier eine äußerst informative und zugleich überraschend zugängliche Lektüre.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Besinnen beim Lesen auf das Wesentliche

Wasser, Felsen, Wut von Sara Pütter; Reisedepeschen

Ich lese viel. Ich lese gerne. Ich lese auch gerne Texte und Romane, die fern ab meiner täglichen Realität spielen. Mich mitnehmen in Gegenden, die ich nicht kenne. Die mich in Situationen schleudern, die ich nicht möchte. Überforderung in gedruckter Form macht auch resilienter, im Kopf leidet man mit.

Auch das Gegenteil ist der Fall, freudige Ereignisse durchlebt man gerne mit Protagonisten/innen und die Neuronen feuern auch hier bei mir im Hirn.
Warum die lange Vorrede zu diesem Buch? Um es einzuordnen. Sara Püttner nimmt uns mit auf einen außergewöhnlichen Trip nach British Columbia in Kanada und schließt sich dort (fast zufällig) zwei Männern an, die zum Jagen in die nördliche Wildnis aufbrechen. In Gegenden in denen die Natur noch die Oberhand hat und jeder Ausflug, jede tierische Begegnung oder Verstrickung im Dickicht den Tod bedeuten können.
Das Buch ist wie ein Tagebuch geschrieben, sehr detailliert in dem was sie tut, warum sie es tun und wie die Tage verlaufe mit den emotionalen Höhen und Tiefen. Und hier ist das befriedende Element des Buches. Es liegt keine Wertung vor, es wird kein Roman mit Spannungsbogen erzählt, sondern ein Abbild eines Lebens geschildert, dass wir in Deutschland, tief in der Zivilisation nicht kennen und spüren.
Als Bettlektüre vor dem Einschlafen sehr zu empfehlen um dem täglichen Rauschen der viel zu vielen Eindrücke zu entrinnen und sich dem Wesentlichen wieder anzunähern. Sara Püttner beschreibt auch diese Entkoppelung von Mensch und Natur – aus ihrer Perspektive – sehr treffend. Auch wie Balsam für die Seele sind die meist gelungenen Begegnungen mit fremden Menschen, die sich hier offen auf einander einlassen.
Kein Roman, eine entspannende Lektüre und aus meiner Sicht ein Minimalismus-Plädoyer mit offenen Armen der Welt und vor allem der Natur zu begegnen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Wie klärt man einen Mord, wenn man selbst das Opfer ist?

Noch fünf Tage von Helena Falke

Manchmal reicht ein einziger Abend, um ein ganzes Leben aus der Bahn zu werfen. Für Lis beginnt alles mit einem luxuriösen Silvesterdinner in Davos – und endet mit einer Diagnose, die kaum brutaler sein könnte: Vergiftung. Radioaktives Polonium. Fünf Tage bis zum sicheren Tod.
Helena Falke nimmt ihre Leser:innen in „Noch fünf Tage“ mit in einen Thriller, der nicht von Verfolgungsjagden lebt, sondern von Zeitdruck – und zwar einem gnadenlosen.

Die Milliardärsfamilie Harman ist nach dem Festmahl tot, das Lis als exklusive Köchin für sie zubereitet hat. Sie selbst hat nur eine geringere Dosis des Gifts abbekommen. Genug, um noch wenige Tage zu leben. Genug Zeit, um herauszufinden, was wirklich passiert ist.
Der Roman entfaltet seine Spannung aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Lis erzählt ihre Geschichte selbst. Vom Krankenhausbett in einer luxuriösen Klinik aus versucht sie, die Ereignisse der Silvesternacht zu rekonstruieren. Gleichzeitig muss sie sich mit einer viel größeren Frage auseinandersetzen: Wie verabschiedet man sich von seinem Leben – und vor allem von seiner Tochter?
Gerade dieser Aufbau macht den Thriller so intensiv. Statt klassischer Kapitel strukturiert Falke die Handlung mit Tages- und Uhrzeitangaben, die wie ein Countdown wirken. Beim Lesen hört man förmlich die Sekunden ticken. Jede Szene fühlt sich an wie ein kleiner Wettlauf gegen die Zeit – und gegen Lis’ schwindende Kräfte.
Auch stilistisch hat das Buch eine eigene Dynamik. Die Ich-Perspektive zieht einen unmittelbar in Lis’ Gedankenwelt hinein. Ihre Erinnerungen, Zweifel und Vermutungen wirken fast tagebuchartig – fragmentarisch, manchmal sprunghaft, aber gerade dadurch sehr nahbar. Rückblicke auf ihre Karriere in einer Londoner Spitzenküche oder ihre Zeit mit der Familie Harman fügen sich nach und nach zu einem größeren Bild zusammen. Stück für Stück entstehen Hinweise, Motive und Verdachtsmomente.
Besonders faszinierend fand ich die vielen kulinarischen Details. Falke beschreibt Lis’ Arbeit als Spitzenköchin so lebendig, dass man beim Lesen fast den Duft der Gerichte wahrnehmen kann. Diese luxuriöse Welt der Sterneküche und der Superreichen bildet einen starken Kontrast zur beklemmenden Situation im Krankenhaus, in der Lis versucht, ihr Leben zu ordnen.
Doch der Roman lebt nicht nur von Spannung. Er hat auch eine sehr emotionale Seite. Lis ist nicht nur Verdächtige und Ermittlerin in eigener Sache – sie ist vor allem Mutter. Die Szenen mit ihrer Tochter Cosima gehören zu den berührendsten Momenten des Buches und geben dem Thriller eine Tiefe, die über die reine Krimihandlung hinausgeht.
So entsteht eine Geschichte, die gleichzeitig rasant und nachdenklich ist. Ein Thriller, der fragt: Was bleibt von einem Menschen, wenn seine Zeit abläuft – und was ist man bereit zu tun, um die Wahrheit noch ans Licht zu bringen?
„Noch fünf Tage“ ist ein ungewöhnlicher, temporeicher Thriller mit einem cleveren Aufbau, einer starken Hauptfigur und einem Countdown, der einen bis zur letzten Seite unter Spannung hält. Ein Buch, das man nicht nur liest – man zählt die Stunden mit.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Wenn Gedanken keine Autobahnen bauen

Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher

Manchmal beginnt alles mit einem kleinen Wunsch: ein bisschen Chaos, bitte – nur genug, um einen unangenehmen Moment zu verhindern. Genau so startet dieser Roman. Der neunjährige Oz trägt einen Brief seiner Lehrerin nach Hause und hofft insgeheim auf eine Katastrophe, die seine Mutter davon ablenken könnte.

Als er schließlich nach Hause kommt, stellt sich heraus: Eine Katastrophe hat tatsächlich schon stattgefunden. Seine Großmutter ist verschwunden.
Doch dieser Roman erzählt weit mehr als nur die Geschichte eines vermissten Familienmitglieds. Birgit Birnbacher zeichnet ein sensibles, manchmal schmerzhaft ehrliches Porträt einer Familie, die sich in einem Alltag voller Überforderung, Diagnosen und Erwartungen bewegt. Im Zentrum steht Oz, ein Junge mit ADHS – unruhig, rebellisch, voller sprunghafter Gedanken und doch gleichzeitig unglaublich feinfühlig. In der Schule fällt er ständig auf, wird bewertet, getestet, eingeordnet. Aber was viele übersehen: Oz ist auch klug, empathisch und besitzt eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe.
Seine Mutter Ann ist ihm dabei ähnlicher, als ihr vielleicht lieb ist. Auch sie lebt mit einem Nervensystem, das nicht immer den gesellschaftlichen Erwartungen folgt. Ihr Leben wirkt wie ein Balanceakt: berufliche Unsicherheit, eine gescheiterte Ehe, Therapien, Termine und der ständige Versuch, ihrem Sohn Halt zu geben – obwohl sie selbst oft kaum festen Boden unter den Füßen spürt. Trotzdem kämpft sie unermüdlich für ihn. Immer wieder stellt sie sich gegen Zuschreibungen und vorschnelle Urteile von außen.
Birgit Birnbachers Sprache ist aufmerksam, dicht und gleichzeitig sehr lebendig. Sie versucht gar nicht erst, die Gedankenwelt ihrer Figuren zu glätten – im Gegenteil: Die Sätze folgen oft den schnellen Richtungswechseln der Gedanken. Abschweifungen, Beobachtungen, kleine innere Umwege – all das spiegelt wunderbar wider, wie sich eine Welt anfühlen kann, in der Gedanken nicht brav auf geraden Autobahnen verlaufen, sondern über Seitenstraßen, Abzweigungen und überraschende Wege führen.
Gerade dadurch entsteht eine große Nähe zu den Figuren. Man spürt ihre Überforderung, aber auch ihren Humor. Denn trotz der ernsten Themen – Diagnoseprozesse, schulische Probleme, familiäre Konflikte – ist dieser Roman immer wieder überraschend leicht. Birnbacher schreibt mit einem feinen, manchmal sehr leisen Humor, der besonders in den Beobachtungen von Oz aufblitzt.
Auch sprachlich hat das Buch seinen eigenen Klang. Die österreichischen Ausdrücke verleihen dem Text eine besondere Atmosphäre und machen das Erzählen noch lebendiger. Es fühlt sich an, als würde man direkt in diese Familie hineingezogen werden – mitten hinein in ihr Chaos, ihre Zärtlichkeit und ihre manchmal verzweifelten Versuche, einander zu verstehen.
Besonders berührt hat mich, wie der Roman die Beziehung zwischen Mutter und Sohn zeigt. Beide beobachten sich ständig, versuchen einander zu stabilisieren, sich gegenseitig vor emotionalen Ausbrüchen zu schützen. Diese stille Fürsorge ist vielleicht das Herz der Geschichte.
Am Ende bleibt vor allem eine Frage im Raum: Wer entscheidet eigentlich, was „normal“ ist? Und könnte es sein, dass gerade die Menschen, deren Gedanken wild wachsen dürfen, unserer überreizten Welt etwas Wichtiges entgegenzusetzen haben?
„Sie wollen uns erzählen“ ist kein lauter Roman – aber einer, der lange nachhallt. Ein Buch über Überforderung und Liebe, über neurodivergentes Denken und darüber, wie schwer – und gleichzeitig wie wertvoll – es sein kann, nicht in vorgegebene Formen zu passen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Wann ist man eigentlich alt genug, endlich man selbst zu sein?

Alt genug von Ildikó von Kürthy

Das Sachbuch….ist es überhaupt eines? Da sind wir wieder bei Schubladen….Es beginnt wie ein Glas Wein auf einer Party, das plötzlich zu einem sehr ehrlichen Gespräch führt – eines, bei dem man merkt, dass jemand den Mut hat, Dinge auszusprechen, die viele denken, aber selten laut sagen.
Wieder mal sehr gelungen von Ildikó von Kürthy, kein Wunder, dass sie mit diesem Buch „Alt genug“ auf der Spiegel BestsellerListe auf Platz 1 gelandet ist.

Schon nach den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, nicht einfach ein Buch zu lesen, sondern einer klugen, witzigen Freundin zuzuhören. Ildikó von Kürthy schreibt in „Alt genug“ nicht in der Distanz einer Autorin, sondern in der Nähe einer Erzählerin, die ihr Leben einmal auf den Tisch legt – mit all seinen Ecken, Zweifeln, kleinen Triumphen und auch den unbequemen Wahrheiten.
Formal ist das Ganze eigentlich gar kein klassisches Sachbuch. Es ist eher ein Memoir, ein literarischer Gedankenstrom, der sich rund um einen einzigen Abend entfaltet: eine Geburtstagsparty, während der die Autorin gedanklich durch ihr Leben wandert. Diese Struktur mochte ich sehr. Zwischen Gesprächen, Beobachtungen und kleinen Momenten der Selbstreflexion entstehen Rückblicke auf Freundschaften, Liebe, Verluste und Ängste. Alles fügt sich Stück für Stück zu einem sehr persönlichen Gesamtbild.
„Bis hierhin habe ich es also geschafft.
Nicht unbeschadet, natürlich nicht, ziemlich angeschlagen sogar, aber eben doch letztlich nicht unterzu-kriegen. Die Lebensmitte ist überschritten, ich habe geliebte Menschen, etliche Illusionen, häufig den Mut und zweimal mein Portemonnaie inklusive sämtlicher Papiere verloren.“ (Auftakt des Buches)
Ildikó von Kürthy schreibt lebendig, selbstironisch und mit einem feinen Gespür für Pointen. Sie kann in einem Moment sehr humorvoll sein – etwa wenn sie über das Wunder des Mittagsschlafs oder das frühzeitige Verlassen von Partys spricht – und im nächsten Moment überraschend ehrlich über Themen schreiben, über die sonst eher geschwiegen wird: Wechseljahre, Medikamente, Selbstzweifel, das Älterwerden selbst. Gerade diese Mischung aus Leichtigkeit und Offenheit sorgt dafür, dass der Text nie belehrend wirkt. Man fühlt sich vielmehr eingeladen, mitzudenken.
Besonders berührt hat mich, wie sehr dieses Buch Verbindung schafft. Es ist voller kleiner Bekenntnisse, die zeigen: Niemand ist mit seinen Ängsten, Erwartungen oder Unsicherheiten allein.
Und obwohl sich das Buch stark mit der Lebensmitte beschäftigt, habe ich gemerkt, wie gut mir diese Lektüre auch unter 50 tut. Vielleicht gerade deshalb. Es wirkt ein bisschen wie ein Blick in eine Zukunft, die weniger beängstigend ist, als man manchmal denkt. Eine Zukunft, in der man lernt, nicht mehr allen gefallen zu müssen.
Für mich war „Alt genug“ deshalb fast wie Balsam für die weibliche Seele – besonders für die Seite in uns, die so lange versucht, Erwartungen zu erfüllen, angepasst zu sein und es allen recht zu machen. Dieses Buch flüstert einem leise zu: Irgendwann kommt der Moment, in dem man merkt, dass man frei ist, einfach man selbst zu sein.
Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieses Buches:
Alt genug zu werden heißt nicht, etwas zu verlieren – sondern endlich etwas loslassen zu dürfen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Die toxische Sogkraft von Ultramarin

Ultramarin von Ann-Christin Kumm

Manchmal beginnt ein Buch aus reiner Neugier – und endet damit, dass man es kaum noch aus der Hand legen kann. Genau so ging es mir mit dem Debüt Ultramarin von Ann-Christin Kumm. Was zunächst wie ein sommerlicher Roman über Freundschaft und Urlaub wirkt, entpuppt sich schnell als psychologisch aufgeladenes Kammerspiel über Macht, Abhängigkeit und die dunklen Seiten von Nähe.

Im Zentrum steht Lou, der schon seit Jugendtagen eng mit den wohlhabenden Geschwistern Raf und Sophie verbunden ist. Besonders Raf übt eine fast magnetische Anziehung auf ihn aus – charismatisch, dominant, unberechenbar. Lou kreist um ihn wie ein Satellit um einen Planeten. Er wartet auf Aufmerksamkeit, erträgt Zurückweisung und kehrt doch immer wieder zurück. Als schließlich nicht Sophie, sondern ihre Freundin Nora mit an die dänische Küste reist, verschiebt sich das fragile Gleichgewicht. Was zunächst nach einem trägen Sommer voller Meer, Zigarettenrauch und improvisierter Mahlzeiten aussieht, wird nach und nach zu einem emotionalen Minenfeld.
Die Dynamik zwischen den Figuren ist dabei das eigentliche Zentrum des Romans. Raf zieht Menschen an und stößt sie gleichzeitig von sich – er verletzt, verspottet, demütigt, nur um im nächsten Moment wieder Nähe zu erzeugen. Gerade diese Wechsel aus Anziehung und Abweisung machen seine Beziehung zu Lou so verstörend. Lou wiederum wirkt lange wie jemand, der sich selbst klein macht, der immer wieder in dieselbe Beziehungsschleife gerät, obwohl er ihre zerstörerische Kraft längst erkannt haben müsste.
Die Figuren sind dabei weniger klassische Identifikationsfiguren als vielmehr Projektionsflächen komplexer emotionaler Abhängigkeiten. Gerade diese Unschärfe verstärkt das Gefühl einer latenten Bedrohung, die über allem schwebt.
Sprachlich wählt Ann-Christin Kumm einen eher ruhigen, fließenden Stil, der gut zu dieser unterschwelligen Spannung passt. Dialoge tauchen ohne typische Markierungen im Text auf, Gedanken und Wahrnehmungen gehen ineinander über. Besonders auffällig ist, wie viele Passagen von Fragen geprägt sind – Gedanken, die Lou durch den Kopf gehen, ohne dass er wirklich Antworten findet. Dadurch entsteht das Gefühl eines permanenten inneren Suchens.
„Das Wasser tief unter uns, ein dunkles Blau, ultramarin. Vielleicht war das schon zu viel gewesen für meine Nerven.“
Diese Bildsprache zieht sich durch den ganzen Roman – sinnlich, flirrend, manchmal beinahe hypnotisch. Die sommerliche Küstenlandschaft bildet dabei einen starken Kontrast zu den emotionalen Abgründen, die sich zwischen den Figuren auftun.
Auch strukturell arbeitet der Roman mit interessanten Mitteln. Rückblenden öffnen immer wieder Fenster in die Vergangenheit und werfen neues Licht auf die Beziehungen der Figuren.
Fazit: Ultramarin erzählt nicht von einfachen Auflösungen, sondern von der Komplexität toxischer Beziehungen, die sich selten klar ordnen lassen. Ultramarin ist damit ein Roman, der weniger durch spektakuläre Handlung als durch seine Atmosphäre wirkt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Eine Schriftstellerin zwischen Federkiel und Konventionen

Jane Austen von Janine Barchas

Graphic Novel-Vibe…
Literarisch, verspielt und inspirierend – eine Mischung aus kluger Biografie, charmanten Zeichnungen und einer Reise durch das Leben einer der berühmtesten Autorinnen der Literaturgeschichte.
Lies diese Graphic Novel, wenn…
du schon immer neugierig warst, wer die Frau hinter den Romanen wie Stolz und Vorurteil oder Emma wirklich war – oder wenn du eine zugängliche, visuelle Einführung in das Leben von Jane Austen suchst.

Die Graphic Novel ist gut in folgendem emotionalem Zustand…
wenn du Lust auf inspirierende Lebensgeschichten hast und dich von einer klugen, humorvollen Frau aus der Literaturgeschichte motivieren lassen möchtest.
Geeignet für Leser:innen, die…
Graphic Novels lieben, sich für Literaturgeschichte interessieren oder klassische Romane mögen, aber einmal einen neuen Zugang dazu ausprobieren möchten.
Die Graphic Novel ist
angenehm kompakt – genau richtig, um Austens Leben verständlich und spannend zu erzählen, ohne zu überfrachten.
Ein Satz zur/m Verfasser:in:
Die Literaturwissenschaftlerin Janine Barchas verbindet fundiertes Wissen über Austen mit einer lebendigen Erzählweise, während Isabel Greenberg das Ganze mit einem eigenständigen, detailreichen Illustrationsstil visuell zum Leben erweckt.
Spielt in diesem Land:
Vereinigtes Königreich (England)
Zu dieser Zeit:
Regency-Ära und frühes 19. Jahrhundert (ca. 1790–1817)
Typ Buch:
Graphic Novel
Genre:
biographische Graphic Novel
Sterne (X aus 5): 5 von 5

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Old white man in live

Können Sie mich sehen? von Martin Suter

Wer Stromberg schaut und The Office geliebt hat, war und ist mit Sicherheit ein Fan von den Business Class Geschichten von Martin Suter! Ich habe sie alle gelesen und auf Grund meines Bürojobs, erkenne ich da abstrakt gewisse Parallelen. Nun haben wir 2025 und eigentlich könnte man denken: Das was der Suter da schreibt, dieses viele heteronormative Zeug kann gar nicht mehr aktuell sein.

Traurig, aber wahr: doch. Durch die Rollerückwärts ist es aktueller den je. Und er legt mal wieder nach mit „Können Sie mich sehen? – Die Business Class im Homeoffice.
Wer mit Abstand und etwas Amüsement auf die Herren in den Chefetagen schaut, kommt hier wieder auf seine Kosten. Was hier allerdings irreführend ist, ist die einordnende Unterschrift, die meint hier hauptsächlich über Homeoffice Geschichten zu lesen. Mit Nichten, die erste findet sich auf Seite 95 von insgesamt knapp 200 Seiten. Aber ich finde das nicht dramatisch, so lange es unterhält ist mir egal ob Home Office oder Eckbüro. Letzte Anmerkung zum Homeoffice, hier scheint mir Martin Suter, selbst während Corona, wo vereinzelte Geschichten spielen, technisch nicht ganz mit allem vertraut zu sein was schon damals verfügbar war, aber das ist nebensächlich.
Kurze Geschichten mit heiterer Pointe auf Kosten deren die es immer ein wenig besser haben als der Rest. Ein gutes Geschenk für Männer, die das Lesen nicht in ihren Hobbies führen und gerne mit dem wohlwollenden Hinweis, dass Lesen empathischer macht!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Wenn Kindheit nach Schweiß, Asphalt und Gefahr riecht

Das Ende vom Lied von Michael Wildenhain

Westberlin, 1969. Eine Stadt zwischen Aufbruch und Stillstand – und mittendrin ein dreizehnjähriger Junge, der versucht herauszufinden, wie man in dieser Welt überhaupt lebt. In Das Ende vom Lied von Michael Wildenhain wird das Erwachsenwerden nicht romantisiert. Es ist roh, widersprüchlich und manchmal erschreckend brutal.

Der namenlose Ich-Erzähler zieht mit seiner Familie in die Belziger Straße. Zuhause herrscht eine Schwere, die aus der Vergangenheit kommt: Der Vater ist vom Krieg gezeichnet, die Mutter von ihren Erinnerungen ebenso. Die Familie wirkt wie ein Haus mit Rissen in den Wänden – jederzeit könnte etwas einstürzen. Draußen wartet eine andere Welt: die Straße, Banden, Mutproben, Gewalt, aber auch Freundschaft, Loyalität und diese erste, alles verschlingende Liebe.
Der Junge gerät in den Bann von Körschi, dem charismatischen Bandenführer und Boxer der Gegend. Gleichzeitig verliebt er sich ausgerechnet in Alina – Körschis Freundin. Ein gefährliches Dreieck, das den ohnehin brüchigen Alltag immer weiter zuspitzt. Zwischen Boxkämpfen, Straßenritualen und stillen Lesestunden in der Bibliothek sucht der Erzähler nach einem Weg aus dieser Welt. Bildung wird zu einer möglichen Rettung – doch die Straße lässt einen nicht so leicht gehen.
Was diesen Roman besonders macht, ist der Schreibstil. Wildenhain schreibt nicht glatt oder gefällig. Seine Sprache hat Kanten. Manche Passagen wirken knapp, fast abgehackt, als würde der Erzähler die Ereignisse im Atem der Erinnerung wiedergeben. Dann wieder folgen lange, poetische Sätze voller Bilder und Anspielungen auf Literatur und Musik. Dieser Wechsel kann fordern – aber genau dadurch entsteht eine intensive, manchmal fast körperliche Leseerfahrung.
Der Text wirkt dabei wie eine Mischung aus Erinnerungsstrom, Milieustudie und literarischer Chronik. Westberlin erscheint nicht als nostalgische Kulisse, sondern als rauer Ort, geprägt von Kriegsfolgen, politischer Spannung und sozialer Härte. Gewalt gehört zum Alltag dieser Jungen – und sie wird nicht beschönigt. Manche Szenen sind schwer auszuhalten, gerade weil sie so direkt erzählt werden.
Gleichzeitig liegt in diesem Roman auch etwas Zärtliches: der Blick eines Jungen, der inmitten dieser Härte nach Zugehörigkeit sucht. Nach Liebe. Nach einem Platz in der Welt.
Das Ende vom Lied ist kein Buch für nebenbei. Es verlangt Aufmerksamkeit und manchmal auch Geduld. Aber wer sich darauf einlässt, bekommt einen intensiven literarischen Blick in eine Zeit und ein Berlin, das längst verschwunden ist – und eine eindringliche Geschichte über Jugend, Gewalt, Sehnsucht und den Versuch, sich selbst zu retten.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest