Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Nil_liest:

Hätte gut auf 300 Seiten erzählt werden können

Stromlinien von Rebekka Frank

Ein Zwillingspärchen, Jale und Enna, die im hohen Norden leben in einem kleinen Ort an der Elbe. Mit der Zeit verstehen wir Leser was die beiden umtreibt, warum die Großmutter so still ist und was das Leben der drei so prägt. Alea. Die Mutter der Zwillinge sitzt im Gefängnis und soll endlich im Sommer 2023 entlassen werden.

Aus meiner Sicht, kann ich nicht mehr über dieses Buch erzählen ohne zu viel zu verraten, denn das 500 Seiten starke Buch zerrt enorm von der Spannung und der Auflösung warum Alea im Gefängnis ist und was sie dort hingebracht hat. Natürlich gibt es auch einen gegenwärtigen Spannungsbogen der sehr dramatisch wird zum Ende hin, aber auch hier, möchte ich nicht zu viel erzählen.
Ich erwähnte bereits: 500 Seiten ist es dick. Die Geschichte ist gut, hätte aus meiner Sicht auf weniger Seiten erzählt werden können, da viel „Füllmasse“ im Text ist. Wenn da jemand aus dem Haus geht, wird erst mal eine Jacke übergestreift, der Schlüssel zur Hand genommen und irgendwo hingeschaut. Ich übertreibe maßlos, aber gestört hat es mich beim Lesen trotzdem. Es ist eine gute Geschichte, sonst hätte ich den Roman nicht zu Ende gelesen.
Fazit: Ja, nicht abgebrochen, aber so recht empfehlen kann ich es dennoch nicht.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

„Auf Schienen durchs Paradies – mit Train Japan ins Herz der japanischen Zugkultur“

Train Japan von Steve Wide; Michelle Mackintosh

Wusstet ihr, dass 45 der 50 verkehrsreichsten Bahnhöfe der Welt in Japan liegen? Kein Wunder also, dass kaum ein anderes Land so sehr für seine Bahnleidenschaft bekannt ist wie dieses. Genau dieses Lebensgefühl – die Mischung aus Präzision, Pünktlichkeit und purer Zug-Faszination – fangen Michelle Mackintosh und Steve Wide in Train Japan perfekt ein.

Schon das poppige, stilvoll designte Cover verspricht Reiseglück, und beim Aufschlagen wird klar: Dieses Buch ist eine Einladung, Japan auf Schienen zu entdecken. Ob pfeilschneller Shinkansen oder nostalgischer Lokalzug – das Autorenduo führt mit spürbarer Begeisterung durch die Vielfalt des japanischen Bahnnetzes. Ihre über sechzig Reisen merkt man jeder Seite an: Hier schreiben zwei Menschen, die wirklich wissen, wovon sie sprechen.
Besonders gelungen finde ich die thematische Struktur des Buches. Statt einer nüchternen Auflistung von Routen widmen sich die Kapitel stimmungsvollen Schwerpunkten wie „Beste Jahreszeit“, „Küstenstrecken“ oder „Gourmetreisen“. So lässt sich Japan immer wieder neu entdecken – ob unter Kirschblüten, im Herbstlaub oder beim Ekiben-Lunch mit Blick aufs Meer. Die vielen Fotos und Illustrationen machen das Buch zudem zu einem echten Hingucker – stylish, detailverliebt und einfach schön anzusehen. Besonders nett finde ich die Zeitschiene am unteren Rand der Seiten wie lange die einzelnen Fahrten brauchen und die Stopps.
Natürlich gibt es auch jede Menge nützliche Tipps: zu Tickets, Strecken, Bahnhöfen und kleinen kulturellen Besonderheiten. Eine Karte oder immer mal Karten zwischendrin für die einzelnen Strecken zur besseren Orientierung hätte ich mir zwar gewünscht, doch das ist Jammern auf hohem Niveau.
Train Japan ist ein Buch, das man nicht nur liest, sondern erlebt – ideal zum Verschenken, Schmökern oder als Begleiter bei der Reiseplanung. Für mich weckt es Sehnsucht nach rasenden Zügen, leuchtenden Bahnhöfen und dem Moment, in dem man durch Japans Landschaften gleitet und denkt: So fühlt sich Entdecken an.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Magie im Teebecher

Thea Magica, Band 1 - Das Geheimnis von Port Mint von Vivien Verley

Wir lesen nicht oft das gleiche Buch – aber Thea Magica hat uns als Mutter-Tochter-Duo richtig zusammengebracht. Wir haben es uns mit kleinen Leseschichten abwechseln geteilt. Schon das allein sagt einiges: Dieses Buch entfaltet beim Lesen einen solchen Zauber, dass man es kaum mehr aus der Hand legen möchte.

Die Geschichte um Robin, die plötzlich mit einer geheimnisvollen Gabe und einem Umzug in das Küstenstädtchen Port Mint konfrontiert wird, hat uns beide sofort gepackt. Vivien Verley erschafft eine Welt, die man beim Lesen fast schmecken kann – nach Salzluft, Geheimnissen und einer guten Tasse Tee. Die Idee, Magie über Tee zu wirken, ist sehr originell und doch so simple, dass überzeugt!
Robin ist eine dieser Figuren, die man gern begleiten möchte – mutig, sensibel, manchmal überfordert, aber nie aufgebend. Meine Tochter mochte besonders, dass Robin so ehrlich mit ihren Gefühlen ist, während ich beeindruckt war, wie sie trotz allem die Ruhe bewahrt. Man spürt, dass in ihr eine große Stärke wächst – leise, aber entschlossen.
Auch die Nebenfiguren sind wunderbar lebendig: Mailin mit ihrem Piratenmut, Cornelius mit seiner geheimnisvollen Ruhe – und dazwischen eine Freundschaft, die sich so echt anfühlt, dass wir beim Lesen mehrmals schmunzeln, mitfiebern und mitfühlen mussten.
Die Magie rund um das „Thea Magica“ ist dabei nicht nur Kulisse, sondern Herzstück des Buches. Vivien Verley spielt mit Ideen, die gleichzeitig fantastisch und nachvollziehbar sind: über Macht, Verantwortung und den Mut, man selbst zu bleiben – auch wenn andere das nicht verstehen.
Der Schreibstil ist leicht, atmosphärisch und bildreich. Man liest Seite um Seite, ohne es zu merken, und plötzlich ist man mittendrin in einer Welt, die so liebevoll ausgedacht ist, dass man sich fragt, ob irgendwo da draußen vielleicht wirklich Tee mit magischer Wirkung existiert. (Wir haben beim Lesen übrigens tatsächlich neue Sorten ausprobiert.)
Am Ende waren wir uns einig: Thea Magica ist ein Buch, das man gemeinsam erleben möchte. Es hat uns erbunden durch Neugier, Fantasie und Gespräche über Mut und Freundschaft.
Fazit:
Eine warmherzige, klug erzählte Geschichte voller Magie, Tee und echter Gefühle. Perfekt zum gemeinsamen Lesen, Träumen und Staunen – ob mit oder ohne Zauber im Becher.
Und nicht zu vergessen mit einem soooooo schönen Farbschnitt!!!!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Wie kann Führung menschlicher werden?

Empathische Führung von Lunia Hara

Ich finde Lunia Hara ist unglaublich charismatisch – klar, klug, empathisch und dabei wunderbar authentisch. Daher habe ich natürlich gerne zu ihrem Buch gegriffen!
In Empathische Führung verbindet Lunia Hara genau das, was ich an ihr so schätze: emotionale Intelligenz mit praktischer Klarheit.

Sie schreibt über eine neue Art des Führens, die nicht auf Kontrolle, sondern auf Vertrauen basiert – auf Zuhören, auf Verständnis, auf der Fähigkeit, Menschen wirklich zu sehen. Eigentlich kein rocket science, aber noch mal gut auf den Punkt gebracht.
Besonders berührt hat mich, wie sie den Bogen spannt zwischen Arbeitswelt und Gesellschaft. Führung, so Lunia Hara, endet nicht an der Bürotür. Jede Entscheidung, die wir treffen, hat Auswirkungen – auf Systeme, auf Menschen, auf unser Zusammenleben. Diese Haltung zieht sich durch das ganze Buch: Verantwortung als etwas zu begreifen, das größer ist als die eigene Position. Sehe ich auch so.
Ich mochte auch, wie konkret sie wird. Zwischen inspirierenden Gedanken finden sich handfeste Tipps, die sofort umsetzbar sind – von ehrlicher Kommunikation über Feedback-Kultur bis hin zu Selbstreflexion. Denn: Wer sich selbst nicht versteht, kann andere nicht führen.
Das Buch liest sich leicht, ist aber alles andere als oberflächlich. Lunia Hara schreibt mit Wärme und Klarheit, ohne belehrend zu wirken. Stattdessen öffnet sie Perspektiven: Wie kann Führung menschlicher werden, ohne an Stärke zu verlieren? Wie schaffen wir Räume, in denen Menschen wachsen dürfen?
Das Vorwort von Verena Pausder, die ich ebenfalls sehr schätze, passt perfekt – zwei starke Stimmen, die zeigen, dass Zukunftsführung weiblich, mutig und empathisch gedacht werden darf.
Empathische Führung muss der Weg in die Zukunft sein, der Druck gut zu leisten steigt immer weiter, da braucht es Führungspersönlichkeiten mit Werten und safe spaces. Lesen, einsinken lassen und dann– in Meetings, in Gespräche, in den Alltag – den Inhalt mitnehmen und anwenden. Weil es erinnert: Führen heißt, Menschen bewegen. Und das gelingt nur mit Herz.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Ein Roman, der weh tut – und genau deshalb so wichtig ist

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 von Susanne Abel

Dieser Roman hat mich erschüttert wie lange kein anderer. Schon die ersten Seiten haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen: Ein kleiner Junge, namenlos, aufgesammelt in den Wirren des Kriegsendes, ohne Erinnerung an Herkunft oder Familie – und statt Geborgenheit erwartet ihn ein katholisches Kinderheim voller Härte, Zwang und Gewalt.

Ich musste mehrmals innehalten beim Lesen, weil mir die Grausamkeit und Kälte, die Susanne Abel so eindringlich beschreibt, fast körperlich wehgetan haben. Das Nummernsystem, die Strafen, das Schweigen – all das hat mich nicht losgelassen. Doch mitten in dieser Hölle leuchtet Margret auf, das etwas ältere Mädchen, das den Jungen Hardy nennt und ihm ein Versprechen gibt: ihn nie wieder loszulassen.
Was mich tief bewegt hat, ist, wie Susanne Abel zeigt, dass man das eigene Leid nicht einfach abschütteln kann. Hardy und Margret versuchen, sich ein Leben aufzubauen, doch die Traumata bleiben, wirken nach, überschatten auch die nächsten Generationen. Besonders die Gegenwartsebene mit Emily hat mich berührt: das Mädchen, das endlich Fragen stellt, wo zuvor Schweigen war, das wagt hinzusehen, wo alle anderen verdrängen. Emily steht für mich als Hoffnungsfigur – eine, die den dunklen Kreislauf durchbrechen kann.
Oft war die Lektüre schwer auszuhalten. Ich habe Wut gespürt, Trauer, Ohnmacht – und dann wieder Hoffnung und tiefe Rührung, wenn kleine Momente von Nähe und Liebe aufblitzten. Es ist dieser Wechsel, der das Buch für mich so hart, aber auch so unvergesslich gemacht hat.
Susanne Abel hat hier keinen leichten Familienroman geschrieben, sondern ein Werk, das in die Tiefe geht, das aufrüttelt und nachhallt. Ich werde Hardy und Margret, aber vor allem Emily, noch lange in mir tragen.
Für mich ist „Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ ein aufwühlendes, ergreifendes Buch, das Mut erfordert – aber genau deshalb gelesen werden muss.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Zwischen Sehnsucht und Schärfe

Moscow Mule von Maya Rosa

Ich gestehe: Eigentlich kam ich über den Drink zum Buch. Ein Moscow Mule gehört für mich zu den besten Cocktails überhaupt – frisch, scharf, ein bisschen wild. Genau so fühlt sich auch dieser Roman an. Und so wie der Drink zu meinem Lieblingsgetränk wurde, so hat Maya Rosas Debüt Moscow Mule direkt einen festen Platz in meinem Bücherregal gefunden.

Wir folgen Karina und Tonya, zwei Studentinnen im Moskau der frühen 2000er Jahre. Sie teilen nicht nur das Leben im Wohnheim, das ständige Geldproblem und den schwarzen Humor, der sie über Wasser hält – sondern vor allem einen großen Traum: Europa. Ein neues Leben, raus aus den engen Strukturen, raus aus der Korruption, raus aus der bleiernen Schwere eines Systems, in dem Zukunft oft wie ein leeres Wort klingt.
Maya Rosa zeichnet dieses Setting mit einer Wucht, die mich sofort hineingezogen hat. Man riecht die abgestandene Luft der Wohnheime, spürt die Kälte der Moskauer Straßen, hört die lauten Widersprüche dieser Stadt: Luxusautos und Kaviar für wenige, Nudeln aus dem Wasserkocher für viele. Die Figuren sind keine Heldinnen aus Hochglanzprosa, sondern junge Frauen voller Sehnsucht, Fehler, Schlagfertigkeit und Zorn. Gerade Karina, mit ihrer unbändigen Energie, wirkt wie eine Naturgewalt, während Tonya eher leiser, nachdenklicher bleibt.
Was dieses Debüt so stark macht, ist der Tonfall: direkt, schnörkellos, gleichzeitig poetisch und mit einem Witz, der manchmal so unerwartet daherkommt, dass man laut lachen muss. Doch unter dieser Leichtigkeit lauern immer die Schwere und der Ernst der Lage: Korruption, Perspektivlosigkeit, politische Repression. Maya Rosa verknüpft das Persönliche mit dem Politischen, ohne belehrend zu wirken. Man liest von Freundschaft, Freiheit, Identität – und begreift gleichzeitig viel über die gesellschaftliche Wirklichkeit Russlands dieser Zeit.
Besonders berührt hat mich, wie klar hier gezeigt wird, dass Träume nicht nur Flügel geben, sondern auch Mauern errichten können. Der Wunsch nach einem anderen Leben wird für Karina so stark, dass selbst die engste Freundschaft Risse bekommt. Diese Ambivalenz – zwischen Nähe und Distanz, Hoffnung und Ernüchterung – macht den Roman so wahrhaftig.
„Moscow Mule“ ist ein Debüt, das in Erinnerung bleibt: sprachlich packend, inhaltlich relevant und emotional zutiefst bewegend. Wie der Drink, nach dem es benannt ist, vereint es Leichtigkeit und Schärfe, Süße und Bitterkeit. Für mich war es ein absolutes Highlight, und ich vergebe ohne Zögern fünf Sterne. Ich freue mich jetzt schon auf das, was Maya Rosa als Nächstes schreiben wird.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Aufstehen, abklopfen und weiter!

Crushing von Genevieve Novak

Stellt euch vor, ihr habt zehn Jahre lang Beziehungen hinter euch, die euch mehr Kraft geraubt als gegeben haben – und plötzlich beschließt ihr: So, jetzt reicht’s. Ich bin raus aus diesem Spiel. Genau da setzt „Crushing“ an. Genevieve Novak nimmt uns mit in das Leben von Marnie, einer Frau Ende zwanzig, die beschließt, Single nicht als Makel, sondern als Chance zu sehen.

Hauptperson statt Nebendarstellerin.
Die Protagonistin Marnie ist Ende zwanzig und – wie sie selbst sagt – keine Singlefrau, sondern die Hauptperson. Allein dieser Gedanke hat mir schon gefallen, weil er so viel Empowerment und Trotz in sich trägt. Nach einer endlosen Reihe gescheiterter Beziehungen beschließt sie, dass Schluss ist mit dem Drama. Keine Kompromisse mehr, keine Anpassung, kein „Plan B“-Gefühl. Und natürlich, wie könnte es anders sein, läuft ihr genau dann jemand über den Weg, der alles durcheinanderwirbelt: Isaac. Traumtyp, Seelenverwandter – nur leider nicht zu haben.
Was mich an dem Roman sofort begeistert hat, war dieser Tonfall, der gleichzeitig ironisch und verletzlich ist. Marnie macht sich nichts vor: Sie hat Jahre damit verbracht, so zu sein, wie ihre Partner sie gern gehabt hätten. Chamäleonartig, anpassungsfähig, aber im Kern unzufrieden. Ich habe mich oft wiedergefunden in ihren Gedanken, diesem Mix aus Selbstkritik, Sehnsucht und der leisen Wut darüber, warum das Leben nicht so läuft, wie man es sich immer ausgemalt hat.
Novak versteht es, die großen Themen – Selbstliebe, Selbstfürsorge, Co-Abhängigkeit, Einsamkeit, Freundschaft – in einen lockeren, humorvollen Erzählstil zu packen. Ich habe beim Lesen oft laut gelacht, manchmal die Stirn gerunzelt und an anderen Stellen innegehalten, weil die Worte so sehr ins Herz getroffen haben. Besonders gelungen finde ich, dass nicht nur Marnie lebendig und glaubwürdig wirkt, sondern auch die Menschen um sie herum: Nicola, die Schwester, die sich im Muttersein fast verliert, Claud, die in ihrer Beziehung mehr gibt, als sie zurückbekommt, und natürlich Isaac, der als Figur genau den richtigen Grad an „zu schön, um wahr zu sein“ hat, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken.
Ein kleiner Kritikpunkt für mich war der hohe Alkoholkonsum, der hier schon sehr beiläufig und fast wie ein Lifestyle-Accessoire dargestellt wird. Das hätte für meinen Geschmack nicht so verherrlicht werden müssen, weil es das Gesamtbild ein wenig trübt. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn die Geschichte funktioniert auch ohne diesen Aspekt.
Am Ende ist „Crushing“ für mich ein Roman über Aufbruch und Selbstbestimmung. Er zeigt, dass es okay ist, gescheitert zu sein, dass man sich neu erfinden darf und dass die wichtigste Beziehung, die man im Leben führt, immer die zu sich selbst ist. Aufstehen, abklopfen und weiter!
Fazit: Es macht Mut, bringt zum Lachen und regt zum Nachdenken an. Für alle, die keine Lust mehr auf die Rolle der perfekten Partnerin haben und stattdessen endlich die Hauptfigur in ihrem eigenen Leben spielen wollen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Magie, Machtspiele und ein Hotel voller Geheimnisse

Grand Hotel Avalon von Maggie Stiefvater

Schon beim ersten Aufschlagen des Romans hatte ich Bilder im Kopf: ein schimmernder Marmorboden, gedämpftes Stimmengewirr, Kellner in makellosen Uniformen, die mit Tabletts durch die hohen Hallen gleiten. Ein Nobelhotel, das wie eine eigene Welt wirkt. Doch Maggie Stiefvater zeigt schnell, dass das Grand Hotel Avalon mehr ist als eine Bühne für Glanz und Eleganz – es ist ein Ort mit Geheimnissen, einer Quelle, die heilende Kräfte haben soll, und einer Direktorin, die mit all ihrer Hingabe für diesen besonderen Platz lebt.

Wir befinden uns im Jahr 1942. Während draußen der Zweite Weltkrieg tobt, verwandelt sich das abgeschiedene Luxushotel in den Appalachen in einen Internierungsort. Deutsche und japanische Diplomaten mit ihren Familien werden hier vom FBI einquartiert – eine historisch fundierte, aber wenig bekannte Episode, die dem Roman seine Schärfe verleiht. Zwischen Etikette und Argwohn, zwischen alten Gästen, die weichen müssen, und neuen Bewohnern, die unfreiwillig zu Gästen werden, entstehen Spannungen, Begegnungen und stille Dramen.
Im Mittelpunkt steht June Porter Hudson, die Hoteldirektorin. Sie ist keine glatte Heldin, sondern eine Frau, die unter Druck Haltung bewahrt, die das Hotel zusammenhält, während die Fassade zu bröckeln droht. Ihre Liebe zum Avalon, ihr unerschütterliches Pflichtbewusstsein, aber auch ihre Zweifel und Verletzlichkeiten machen sie zu einer Figur, der man gerne folgt.
Stiefvaters Sprache ist atmosphärisch dicht, voller Zwischentöne und beinahe poetisch. Sie lässt uns die Hallen des Hotels hören, riechen und spüren – und manchmal glaubt man, selbst ein Glas des geheimnisvollen Wassers zu kosten. Besonders gelungen ist die Art, wie sie historische Genauigkeit mit einem Hauch Magie verbindet.
Mich hat der Roman gefesselt, weil er mehrere Ebenen miteinander verknüpft: die große Politik im Hintergrund, die leisen privaten Geschichten der Internierten, die Leidenschaft und Verantwortung der Angestellten. Das Grand Hotel Avalon wird so zum Mikrokosmos, in dem die Widersprüche dieser Zeit verdichtet sichtbar werden.
Fazit: Grand Hotel Avalon ist ein Roman, der Historie, Atmosphäre und ein wenig Zauber verbindet. Er erzählt von Loyalität, Verrat und Menschlichkeit inmitten einer Ausnahmesituation – und von einem Hotel, das selbst fast zur Hauptfigur wird. Für mich ein berührendes, kluges und stimmungsvoll erzähltes Buch, das lange nachhallt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Lügen, Pump & Proteinshakes

Gym von Verena Keßler

Wer glaubt, dass ein Fitnessstudio nur der Ort für Bizeps, Burpees und Beinpresse ist, der irrt gewaltig. Verena Keßler zeigt in Gym, dass hinter glänzenden Spiegeln und Eiweißshakes nicht nur Muckis, sondern auch ganze Lebenslügen aufgebaut werden können – und das in einem Ton, der so frisch ist wie der Geruch von neu geöffnetem Magnesium-Pulver.

Die namenlose Protagonistin stolpert nicht einfach in das MEGA GYM, sie mogelt sich hinein – mit einer Notlüge, die so klein klingt wie ein Satz Sit-ups und sich dann doch zu einem Marathon aus Täuschungen auswächst: Angeblich hat sie gerade ein Kind bekommen. Applaus, Mitleid, Respekt – alles da. Nur: Babyfotos sind schwer zu liefern, wenn es „den Kleinen“ gar nicht gibt. Hier liegt die große Raffinesse des Romans: Keßler macht aus einer spontanen Ausrede einen dramaturgischen Deadlift, bei dem wir Leserinnen und Leser mit jeder Seite tiefer in die Gedankenwelt einer Erzählerin gezogen werden, die selbst nicht mehr weiß, wo die Wahrheit endet und die Pose beginnt.
Besonders stark gelingt es Keßler, den Fitnesskult als Bühne für Selbstoptimierung, Sehnsucht nach Anerkennung und die Gefahr der Obsession zu inszenieren. Zwischen legeren Flirts am Tresen, Proteinshake-Smalltalk und dem Stolz eines feministischen Chefs entfaltet sich eine Geschichte, die mal komisch, mal beklemmend wirkt – ein Wechselspiel wie zwischen Aufwärmübung und Maximalgewicht.
Und dann ist da Vick: die Bodybuilderin, die wie eine lebendige Hantel aus Stahl den Ton im Studio und in der Erzählung verschiebt. Mit ihrem Auftreten kippt das Buch vom lockeren Aufwärmen ins Hochintensive – kein leichtes Pumpen mehr, sondern eiserner Drill. Ab hier wird klar: Die Notlüge war nur der erste Satz im Trainingsplan einer Frau, die sich selbst neu erfinden will – koste es, was es wolle.
Keßlers Sprache ist dabei so pointiert, dass man beim Lesen fast glaubt, den Schweiß tropfen zu hören. Humor und Härte, Satire und Tragik – Gym jongliert das alles mit der Leichtigkeit eines Fitnessgurus, der noch beim Plank über Gleichstellung diskutiert.
Am Ende bleibt ein Fazit, das so simpel wie schwer ist: Ehrlichkeit wiegt mehr als jede Langhantel. Gym ist ein Roman, der unterhält, erschüttert, zum Schmunzeln bringt und gleichzeitig mitten ins Herz der Selbstoptimierungsgesellschaft zielt. Ein echtes Jahreshighlight – mit Muskelkater-Garantie fürs Hirn.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest

Wenn Geborgenheit gefährlich wird

Heimat von Hannah Lühmann

Hannah Lühmanns kurzer Roman Heimat ist eine Provokation im besten Sinn: Auf gerade einmal 170 Seiten verhandelt sie die gefährliche Schnittstelle zwischen Sehnsucht nach Zugehörigkeit und der Verführbarkeit durch reaktionäre Ideologien.
Im Zentrum steht Jana, die mit Familie aufs Land zieht – auf der Suche nach Ruhe, Einfachheit, Bodenhaftung.

Was zunächst wie ein vertrautes Stadtflucht-Narrativ beginnt, entpuppt sich als beklemmende Studie über das Wiedererstarken traditioneller Rollenbilder. Jana begegnet Karolin, einer charismatischen Mutter von fünf Kindern, die ihr Leben als Tradwife-Influencerin inszeniert: Herd, Heim, Hingabe. Die Faszination ist unmittelbar, das Unbehagen wächst leise – und genau darin liegt die Stärke des Romans.
Hannah Lühmann erzählt in kühler, klarer Prosa. Sie verzichtet auf moralische Kommentare, überlässt es den Leser:innen, die Ambivalenz auszuhalten. Diese Zurückhaltung macht Heimat literarisch interessant und politisch brisant: Der Text führt mitten hinein in eine Denk- und Gefühlswelt, in der Geborgenheit nahtlos in autoritäre Muster übergeht. Dass AfD-Wahlergebnisse im Dorf wie selbstverständlich hingenommen werden, ist keine Fußnote, sondern Teil eines Systems.
Gerade in einer Gegenwart, in der rechte Bewegungen und Tradwife-Accounts Millionen erreichen, trifft die Autorin ins Mark. Dass sie ihre Leser:innen nicht mit einer klaren Auflösung entlässt, ist konsequent – auch wenn es manche unbefriedigt zurücklassen dürfte. Mich machte es schon leicht rasend. Aber wie gesagt, textlich richtig.
Fazit: Heimat ist kein idyllischer Landroman, sondern eine präzise sezierende Versuchsanordnung über Sehnsucht und Verführung. Ein schmales Buch, das wie ein Schlaglicht wirkt – und nachwirkt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von nil_liest