Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Gertie G.:
Eine Leseempfehlung
Die Welt in ihren Händen von Olivier Guez
Olivier Guez hat mit diesem Buch, der unkonventionellen Gertrude Bell (1868-1926), die man in außerhalb Großbritanniens kaum kennt, ein Denkmal gesetzt.
Wer war sie nun, diese Frau, die den überwiegenden Teil ihres Lebens im Mittleren Osten verbrachte, die von Freunden und Feinden ehrfurchtsvoll “Effendi” genannt wurde?
Geboren 1868 als Tochter des reichen Industriellen Thomas Hugh Bell und seiner Frau Mary Shield.
Drei Jahre später stirbt ihre Mutter kurz nach der Geburt des Sohnes Maurice. Das wissbegierige Mädchen darf in Oxford studieren, den Doktortitel verweigert man ihr wie allen Studentinnen. Heiraten will sie nicht, verliebt sich aber in Henry Cadogan, einem notorischen Spieler, der von der Familie als Ehemann abgelehnt wird. Sie beugt sich ihrem Vater und setzt ihre Reisen im Zweistromland fort. Sie lernt Farsi und verbringt viele Jahre als Archäologin in Mesopotamien. Sie trifft auf Männer wie T. E. Lawrence, der als Lawrence von Arabien bekannt wird, der sie nicht leiden kann und ihre Erkenntnisse als die seinen ausgibt. Dennoch werden sie gemeinsam den Aufstand der Araber gegen die Türken organisieren.
Während des Ersten Weltkriegs sammelt sie als Agentin des Britischen Geheimdienstes Zahlen, Daten, Fakten und erhält im Oktober 1917 die Auszeichnung “Commander of the British Empire”. Gleichzeitig zieht sie die Fäden bei der Einsetzung von Prinz Faisal als König im Irak, der recht bald versucht, ihren Einfluss zurückzudrängen.
Gertrude Bell wird nicht mehr nach England zurückkehren. Sie stirbt 1926 im Alter von 58 Jahren unter nicht ganz geklärten Umständen. In der New York Times erscheint folgender Nachruf
„Seit Königin Zenobia hat keine andere Frau für die Geschicke des Mittleren Ostens eine so wichtige Rolle gespielt.“
Aber stimmt das? Und was bleibt von Gertrude Bell?
Sie gilt als gemeinsam mit Sir Percy Cox als die eigentliche Gründerin des Irak und bestimmte die Landesgrenzen.
Sie hat nach Inkraft-Treten der Balfour-Deklaration die Konflikte zwischen Juden und Arabern in Palästina vorhergesehen.
Sie wird ehrenamtliche Leiterin des archäologischen Museums in Bagdad sein, dessen Gründung sie vorangetrieben hat.
Sie hat zahlreiche Werke persischer Dichter ins Englische übersetzt.
Doch bei allen politischen Erfolgen Gertrude Bells darf nicht vergessen werden, dass sie durch ihre Tätigkeit den Grundstein für die Gewalt im Nahen und Mittleren Osten, die uns bis heute beschäftigt und Abertausende Tote gefordert hat (und noch immer fordert), gelegt hat.
Von Autor Olivier Guez habe ich bereits das Buch „Das Verschwinden des Josef Mengele“ gelesen, das ähnlich gut strukturiert ist. Das Buch ist in 27 Kapitel geteilt, die sowohl Orts- als auch Datumsangabe enthalten, sodass die Rückblenden sofort erkennbar sind.
Guez hat für seine Biografie über Gertrude Bell penibel recherchiert und zeichnet ein interessantes Bild dieser unkonventionellen Frau, die so emanzipiert erscheint. Dennoch ist sie gegen das Frauenwahlrecht und reist in typisch britischer Frauenkleidung, also Hut, Mieder und Dutzende Meter Stoff im Damensattel durch die Wüste. Auch wenn das Coverbild vielleicht gestellt war, zeigt es sie in dieser Aufmachung.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Buch, das zum besseren Verständnis der Örtlichkeiten eine Landkarte enthält, 4 Sterne.
Eine Leseempfehlung
Meine Gesundheitsretter aus der Natur gegen Bluthochdruck von Dr. med. Franziska Rubin
Kampf dem Bluthochdruck!
Dr. Franziska Rubin hat nach ihrem Ratgeber „Meine Gesundheitsretter aus der Natur gegen Bauchfett“ einen gegen Bluthochdruck verfasst. Für alle jene, die schon länger Medikamente gegen Bluthochdruck einnehmen (müssen), zeigt sie, wie diese durch angepasste Ernährung die erhöhten Werte dauerhaft absenken lassen.
Zunächst erklärt die Autorin wie Bluthochdruck entsteht und wie man ihn senken kann. Auch die Auswirkungen, die leider nicht nur eine optische Beeinträchtigung sind, werden gut erläutert. Die Grafiken und Abbildungen sowie die Beiträge machen deutlich, worum es nötig ist, dem Bluthochdruck den Kampf anzusagen, bzw. es tunlichst gar nicht entstehen zu lassen. Beides nicht einfach zu bewerkstelligen. Klar ist es einfacher ein Blutdruck senkendes Medikament einzunehmen als mehrmals täglich frisch zu kochen oder Bewegung zu machen.
Der Rezept-Teil hätte für mich ein wenig ausführlicher sein können. Übrigens, es gibt eine gute Nachricht für alle jene die Schokolade lieben. 10 bis 30 Gramm dunkler Schokolade ab 70% Kakaogehalt bzw. Kakao-Nibs sind dem Absenken der Bluthochdrucks durchaus zuträglich. Juhu!
Fazit:
Ein kompakter Ratgeber, der sehr gut erklärt wie Bluthochdruck entsteht und warum man ihm den Kampf ansagen sollte. Gerne gebe ich dem anschaulichen Buch 4 Sterne.
Ein feiner Urlaubskrimi
Tod im Piemont - Weißer Trüffel, schwarzer Tod von Anna Merati
Anna Merati lässt Sofia Dalmasso, die Betreiberin eines kleinen Cafés im oberhalb des Lago Maggiore gelegenen Ort Corazzo, abermals ermitteln. Das Café ist die Drehscheibe im Ort bei dem sich der Pfarrer und mehrere ältliche Damen zum Kartenspiel treffen. Man spielt nicht um Geld, sondern nur um ein Gläschen Prosecco.
Dass der Pfarrer ins Hintertreffen gerät, ist nicht die einzige Besonderheit im Café. Denn Sofias Nonna Valerija hat sie nicht nur das Torten, Kekse und Nudel machen gelehrt, sondern auch das Kaffeesatzlesen. Das erfreut sich bei den Dorfbewohnern und Fremden großer Beliebtheit, den Karten spielenden Pfarrer ausgenommen.
Nachdem sie vor ein paar Monaten den Tod eines Kunden vorhergesagt hat, vermeidet sie das Kochen von Mokka, wie der Codename für das Kaffeesud lesen ist. Für die betagte Anna, ihres Zeichens Käseverkäuferin, die auch immer wieder Trüffel anbietet, will sie eine Ausnahme machen. Doch dann erscheint Anna nicht zum vereinbarten Termin. Sofias Sorge ist berechtigt, denn Anna wird tot aufgefunden, Todesursache unklar. Also übernimmt Sofias Freund Commissario Alessandro Ranieri die Ermittlungen. Ranieri ist eigentlich Neapolitaner und kann deshalb mit der Mentalität der Leute im Piemont, die ihm viel zu direkt und geradlinig erscheinen, nicht so gut umgehen.
Sofia macht sich Vorwürfe und beginnt ihre Nase in Annas Familienangelegenheiten zu stecken. dabei fördert sie eine seit Generationen dauernde Feindschaft um ein Stück Wald zu Tage.
Meine Meinung:
Anna Merati entführt ihre Leser wieder in das Piemont, das für seine Trüffel und liebliche Landschaft bekannt ist. Corrazo ist vom Tourismus noch nicht entdeckt und daher eher ein Ort der Ruhe, nicht so überlaufen wie Alba oder andere Orte am Lago Maggiore.
Sofias Café ist der Mittelpunkt der dörflichen Gesellschaft, weshalb sie darauf achtet, lange Öffnungszeiten anzubieten. Daher ist ihr Privatleben ein wenig eingeschränkt. Mit der neuen Aushilfe, die noch dazu herrliche Baklava backen kann, scheint sie einen Haupttreffer gemacht zu haben. Schauen wir einmal, wie sich das weiterentwickelt, denn allzu weltoffen, scheinen die Einwohner von Corrazo nicht zu sein.
Wie es sich für einen Cozy-Krimi gehört, ist er leicht zu lesen und bietet eine Reihe skurriler Charaktere sowie zahlreiche regionale Spezialitäten. Rezepte hierfür finden sich am Anhang.
Fazit:
Der Krimi liest sich leicht und flüssig - eine richtige Urlaubslektüre, die bei einem Glas Wein, Grissini und Oliven genossen werden kann. 4 Sterne.
Hier ist wenig, wie es scheint
Bretonisch mit Meeresrauschen von Gabriela Kasperski
In ihrem nunmehr 7. Fall, steht Tereza Berger so ziemlich alleine da. Ihre besten Freundinnen sind weggezogen und sie selbst hat Gabriel Mahon vor dem Traualtar stehen lassen. Dass er wieder im Lande ist und sich nicht bei ihr gemeldet hat, findet sie, in Verkennung der Tatsachen, unerhört, zumal alle anderen Bewohner von Camaret-sur-Mer davon wissen.
Wenig später findet Tereza die Betreiberin der neuen Musikbar schwer verletzt auf einem Parkplatz auf. Sie ruft mit verstellter Stimme Rettung und Polizei. Sie will ja Gabriel nicht (oder vielleicht doch) begegnen. Was sie nicht weiß ist, dass der Parkplatz heimlich mittels Videokameras überwacht ist und Gabriel, der natürlich mit dem Fall betraut wird, die Gestalt erkennt, die sich über die Verletzte beugt, zumal sie seinen Ledermantel trägt ...
Es ist herrlich zuzusehen, wie Tereza versucht Gabriel aus dem Weg zu gehen. Allerdings hält sie es nicht lange aus und muss ihm ihre Erkenntnisse mitteilen. Denn der Fall ist nicht so, wie es den Anschein hat.
Meine Meinung:
Dieser 7. Krimi ist wieder beste Krimiunterhaltung. Gerne habe ich Tereza bei ihren nicht ungefährlichen Alleingängen über die Schulter geschaut. Schmunzeln musste ich, als sie Gabriels Motorrad, eine Royal Enfield, ohne sein Wissen in Betrieb nimmt, obwohl sie nur wenig Erfahrung beim Motorrad fahren hat. An seine Stelle wäre ich mehr als sauer gewesen! Aber er ist nach wie vor so verliebt in Tereza, dass er ihr (fast) keinen Vorwurf macht.
Der Schreibstil ist detailreich und flüssig. Wie immer fügt Autorin Gabriela Kasperksi das eine oder andere historische Detail ein.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem 7. Krimi rund um die Buchhändlerin Tereza Berger, der mich bestens unterhalten hat, 5 Sterne.
Wild West an der Loire?
Verrat an der Loire von Catherine Duval
Buffalo Bill, Annie Oakly und ihre Winchester - Wild West an der Loire
Im dritten Fall für Baron Philippe du Pléssis, den adeligen Privatdetektiv von eigener Gnade, steht der tödliche Jagdunfall von Claude de Murot im Mittelpunkt. Der Tote ist nicht unbedingt sehr beliebt, Weder bei der altehrwürdigen Jagdgesellschaft, noch bei den Nachbarn, die gegen die Hetzjagd sind und auch innerhalb der Familie weint man ihm, so scheint es, nur Krokodilstränen nach.
Philippes Tante Aude ist überzeugt, dass hier jemand nachgeholfen hat, zumal Claud mit einem regelrechten Blattschuss aus einer ungewöhnliche Waffe erschossen worden ist. Die Tatwaffe, eine alte Winchester aus dem Besitz des Toten ist verschwunden.
Noch ist völlig unklar, wie der tote Jogger da ins Bild passt, der von einem großen Hund getötet worden ist. Blöderweise gibt es zu den Bisswunden kein passendes Maul, obwohl die Jagdgesellschaft über Dutzende Hunde verfügt.
Also begibt sich unser doch etwas schnöseliger Baron auf die Suche nach Täter und Motiv. Leider ist bei keinem der Toten ein offensichtliches Fremdverschulden zu entdecken, weshalb Philippe einige Mühe hat, Madame le Commissaire Charlotte Maigret, davon zu überzeugen, polizeiliche Ermittlungen anzustellen. Erst als er seine eigenen adeligen Quellen anzapft, und Charlotte Zahlen, Daten und Fakten vorweist, ist sie bereit, den Polizeiapparat in Gang zu setzen.
Welche Rolle spielt eigentlich der Sohn des Toten, der ein besonders schrulliges Exemplar ist? Einerseits sammelt er Käfer und andererseits baut er Leonardo da Vinics Maschinen nach. Ein Blick auf die Ahnentafel im Schloss sowie in das italienische Adelsverzeichnis, eröffnen Philippe eine neue Sicht auf die Ereignisse.
Bei der zum Gedächtnis an Claude de Murot veranstalteten Jagd, eskaliert die Situation ...
Meine Meinung:
Schmunzeln musste ich diesmal über Philippes Angst vor Hunden bzw. seine Abscheu der Jagd im Allgemeinen und der Hetzjagd im Besonderen. Er ist also auch nicht ganz perfekt. Tante Aude ist da schon von anderem Schrot und Korn. Sie erklärt ihm kurzerhand worauf es bei der Jagd ankommt. Tante Aude ist weiterhin mein liebster Charakter in dieser Reihe. Ich kann sie mir sehr gut in der schwarzen Uniform der Jagdgesellschaft mit der Winchester in der Hand, wie weiland Annie Oakly (1860-1926), vorstellen und nehme ihr die skurrile Lebensweise gerne ab.
Unser Baron ist wieder leicht überheblich und gibt in den unmöglichsten Situationen sein Detailwissen über den französischen Adel zum Besten. Damit liegt er im Widerspruch zu Charlotte, die aus einer Arbeiterfamilie stammt und mit dem überkanditelten Getue der Adeligen wenig anfangen kann. Zudem scheint er sich auf amouröse Abwege zu begeben. Winzerin Florence oder Madame le Commissaire Charlotte - das ist hier die Frage.
Catherine Duval spricht das kontroversielle Thema Jagd und Hetzjagd an. Obwohl verboten, finden sie immer noch statt. Der eine oder andere französische Politiker frönt diesem elitären Hobby.
Fazit:
Dieser dritte Fall hat mir besser als der vorherige, weshalb es diesmal 4 Sterne gibt.
Ein Plädoyer für eine friedliche Nahostlösung
Muscheln am Strand von Gaza von Hamza Abu Howidy
In diesem sehr persönliches Buch erzählt der in Gaza geborene Hamsa Abu-Howidy, seine bisherige Lebensgeschichte, die von seiner Kindheit in Gaza, der Abkehr von der strengen Religiösität, der Folter durch die Hamas und seiner Flucht gekennzeichnet ist.
Aufgewachsen in einer begüterten Familie, die zwar ihre früheren Besitzungen verloren hat, wird er von seinen Eltern dazu erzogen, Fragen zu stellen.
Er lernt Englisch, liest Bücher abseits des Korans. Doch mit der Machtübernahme der Hamas ist es mit den kleinen Freiheiten vorbei. Weil er sich der Indoktrination der Hamas nicht beugen will, wird er mehrmals verhaftet und gefoltert.
Kurz vor dem 7. Oktober 2023 gelingt ihm die Flucht und landet in Deutschland. Dort wirbt er unermüdlich für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts, wird sowohl von Sympathisanten der Palästinenser als auch von jene der Israelis angefeindet.
Leider sieht es aktuell nicht nach einer konstruktiven Lösung des Nahostkonfliktes aus.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Buch, das ein Plädoyer für eine demokratische und friedliche Lösung des Nahostkonflikts und sehr informativ ist, 5 Sterne.
Eine klare Leseempfehlung!
Die Schatten der Schuld von Michael Jensen
Just während der Feierlichkeiten zu ihrem 80. Geburtstag im Hamburger Rathaus wird Marlen Reinhardt, Reederin und Mäzenin, in Hamburg, von einem alten Mann niedergestochen und schwer verletzt. Die Identität des Mannes, dessen Tochter zu den geladenen Gästen zählt, weil sie Repräsentantin einer von Reinhardt unterstützten NGO ist, ist schnell klar, das Motiv nicht, denn der Mann, Danil Baumberger, macht einen verwirrten Eindruck.
Marlenes Enkeltochter Katharina, aussichtsreichste Kandidatin, die Nachfolge ihrer Großmutter im Familienunternehmen zu übernehmen, beginnt gemeinsam mit KHK Callsen und Privatermittler Simon Mahler Nachforschungen anzustellen. Als wenig später der Staatsschutz die Ermittlungen übernimmt und Callsen ausgebootet wird, scheint klar zu sein, dass hier etwas vertuscht werden soll.
Bei ihren Nachforschungen entdecken Katharina und Simon die Verstrickungen der Reederei in die NS-Zeit, über die in der Familie nicht gesprochen wird.
Als Katharina ihre Großmutter mit den Ergebnissen ihrer Recherchen konfrontiert, zeigt diese ihr wahres Gesicht: Sie ist nicht mehr die bewundernswerte Großmutter und toughe Geschäftsfrau, die sich in einer von Männern dominierten Welt durchgesetzt hat, sondern eine knallharte Person, die buchstäblich über Leichen geht und ihre Enkelin vor ein Ultimatum stellt.
Wie wird Katharina sich entscheiden? Wird sie die Annehmlichkeiten wie Sportwagen und Wohnung an der Alster aufgeben sowie die Nachfolge im Konzern antreten? Oder wird sie ihrem Gewissen folgen und versuchen, das Unrecht das der Familie des Attentäters zugefügt worden ist, wenigstens publik machen? Denn eine „Wiedergutmachung“, im Sinne einer Wiedereinsetzung in den alten Stand, ist ausgeschlossen. Und kann man erlittenes Unrecht und Leid mit Geld abgelten?
Meine Meinung:
Michael Jensen, im Brotberuf Mediziner und Trauma-Therapeut, spricht mit diesem Roman, der uns abwechselnd von der Gegenwart in die NS-Zeit entführt, ein nach wie vor brisantes Thema an. Arisierung jüdischer Firmen und die daraus hervorgegangenen Konzerne, die heute (noch) Big-Player in der deutschen Wirtschaft sind sowie das Verschweigen dieses Unrechts. Selbst wenn der eine oder andere Firmeninhaber oder deren Erben die Firmengeschichte kennen, wie viele wären bereit, die Konsequenzen einer Restitution zu tragen? Herrscht in vielen Fällen nicht eher die Meinung von Marlene Reinhardt, die ihr der geschätzte Autor so trefflich in den Mund gelegt hat, vor?
"Hätte er [Katharinas Großvater] die Chance nicht ergriffen, dann wäre eben ein anderer gekommen. Und du hättest heute keinen Sportwagen und keine fünf Zimmer in Alsternähe."
Ein weiters höchst interessantes Thema, mit dem ich mich schon auseinandergesetzt habe, ist die transgenerationale Traumaforschung, die Autor Michael Jensen in diesen Roman integriert. Wie kann es sein, dass Nachfahren Traumata ihrer Großeltern oder Eltern entwickeln? Jensen zeigt dieses Phänomen am tragischen Beispiel von Danil Baumberger, der Sohn eines Shoah-Überlebenden, der selbst nach 1945 geboren worden ist.
An Hand von Rückblicken, die uns unter anderem in NS-Zeit, sowie in die 1960er-Jahre in einen Kibbuz führen, erfahren wir, welches Unrecht der Familie Baumberger angetan worden ist. Die Familie steht hier stellvertretend für Tausende jüdischen Unternehmerfamilien, denen dasselbe widerfahren ist.
Ebenso wird der Frage nach Schuld und Wiedergutmachung, die auch die Politik nicht ausklammert, nachgegangen. Resultiert das Mäzenatentum von Marlene Reinhardt unbewusst (?) aus dem schlechten Gewissen heraus? Oder sind die Summen, die sie an die NGO, deren Vorsitzende Francine Baumberger ist, reines Kalkül, steuerliche Absetzposten? Es scheint, als existiere hier eine Grauzone, in der sich Marlene stellvertretend für reale Konzernchefs hier befindet.
Wie wir es von Michael Jensen gewöhnt sind, hat er penibel recherchiert und Fakten mit Fiktion zu einem fesselnden Roman verquickt.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem gelungenen Roman, der Fakten und Fiktion zu einem fesselnden Roman über die Schatten der Schuld, die über so manchem deutschen Großkonzern liegen, der auf Kosten von jüdischen Unternehmen erst so richtig groß geworden ist, aufmerksam macht, 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.
Eine gelungene Fortsetzung
Die Schneiderei in der Fliedergasse - Neue Hoffnung von Katharina Oswald
In der Fortsetzung der Geschichte der Schneiderei in der Fliedergasse dürfen die Zwillinge Susanne und Leonhard endlich ihren Berufungen nachgehen. Susanne studiert Jus und Leonhard arbeitet sich in der mütterlichen Schneiderei bestens ein und entwirft Kostüme für das Theater. Es könnte alles so schön sein, wenn nicht, das liebe Geld für die von der Stadt vorgeschriebene Renovierung des Wohn- und Geschäftshauses in der Fliedergasse fehlen würde.
Die Geschwister und ihr Freundeskreis sind kreativ in der legalen Beschaffung von Geldmitteln. Doch es reicht nicht. Also beschließen sie, ihren bislang unbekannten leiblichen Vater Henri um Hilfe zu bitten und fahren nach Straßbourg. Dort angekommen, erwartet sie eine herbe Enttäuschung: Sie erfahren, dass er bereits verheiratet war (und es immer noch ist) sowie zwei Kinder hat, als er mit ihrer Mutter eine Liebschaft eingegangen ist. Die Empörung bei den Geschwistern und der Ehefrau ist riesengroß. Also reisen sie desillusioniert ab.
Ob sich die Geschichte zu einem, für alle Beteiligten guten Ende entwickelt, verrate ich hier nicht. Das müsst ihr schon selbst lesen.
Meine Meinung:
Hinter dem Namen Katharina Oswald verbergen sich die beiden Autorinnen Andrea Bottlinger und Claudia Hornung, eine stimmige Fortsetzung geschrieben haben, die einen sehr guten Eindruck der 1970er-Jahre vermittelt. Alte Rollenbilder brechen langsam auf, politische Themen wie die studentischen Proteste der sogenannten 68er-Bewegung gegen das noch immer in den Köpfen vieler Menschen vorherrschende (rechte) Gedankengut. Während in den Großstädten Straßenschlachten für Angst sorgen, ist in Tübingen alles ein wenig kleiner, gemäßigter. Trotzdem haben die Auseinandersetzungen auch für Susanne und Leonhard Auswirkungen.
Dieser Roman, der eine fiktive Familiengeschichte erzählt, die sich so oder so ähnlich abgespielt haben könnte, flicht auch reale Personen wie Leonard Cohen (durch sein Lied „Suzanne“) oder Rosa Parks und Emma Goldmann als Porträts ein. Eine nette Idee und zugleich eine Hommage stellvertretend für alle, die am Aufbruch in die neuen Zeiten, Anteil haben.
Natürlich darf auch die Liebe nicht fehlen sowie das Thema Homosexualität, die durch §175 nach wie vor unter Strafe steht.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem zweiten Teil der Familiensaga 4 Sterne, empfehle aber auch den ersten Teil zu lesen.
Eine klare Leseempfehlung!
Die Zerstörung des Nahen Ostens von Rainer Hermann
Israels längster Krieg und die Zukunft des Nahen Ostens
Inhalt (übernommen):
„Der Nahe Osten vor einer neuen Ära der Gewalt. Israel setzt auf militärische Dominanz. Israel wie der Hamas nutzen Krieg mehr als ein Frieden. Netanjahu wird von biblischen Zionisten getrieben, Trump von christlichen Evangelikalen.
. Umfassend schildert Rainer Hermann die Fronten und zeigt, wie die Region eine friedliche Zukunft finden kann. Die Golfaraber befürworten einen wirtschaftlich verbundenen Nahen Osten, dessen Wohlstand den Weg zum Frieden ebnet.
Der Vulkan des Palästinakonflikts schien erloschen, als er am 7. Oktober 2023 mit einer zerstörerischen Wucht wieder ausbrach, die im Nahen Osten alles in Frage stellt. Israel führt seither den längsten Krieg seiner Geschichte und greift auch arabische Staaten an. Scharfsinnig analysiert Rainer Hermann die neue geopolitische Lage und die wachsende Isolation Israels. Er zeigt, wie sich eine neue antiisraelische Achse formiert, wie Iran für weitere Kriege aufrüstet und warum die Region vor einem sich ausweitenden Flächenbrand steht. Zugleich entwirft er Perspektiven für eine mögliche Neuordnung des Nahen Ostens – jenseits von Gewalt und Konfrontation. Die Golfaraber setzen sich für einen ökonomisch vereinten Nahen Osten ein, der über Wohlstand zu Frieden führt. Doch die Politik Israels und der USA wie auch der Terror der Hamas werden von religiösen Phantasien befeuert. Ein hochaktuelles Buch zur brisantesten Konfliktzone der Welt.“
Meine Meinung:
Seit nunmehr 5 Wochen führen die USA Krieg gegen den Iran, weshalb die Spekulationen im Kapitel „Kein Verlass auf Irans Verbündete“, ob Iran (See)Straße von Hormus sperren wird, überholt sind.
Dennoch kann ich dieses Buch nur ausdrücklich empfehlen, denn Autor Rainer Hermann gelingt es, die komplexe Lage der gesamten Region sehr gut darzustellen. Dazu muss er natürlich weit in der Vergangenheit zurückgehen und auch die Bibel zitieren, aus der sowohl Juden als auch Muslime ihren Anspruch auf Palästina begründen. Als dritte Kraft mischt das Christentum mit, Stichwort Jerusalem. Dennoch sind es, neben diesen religiösen (?) Themen, wirtschaftliche Interessen, die diese Konflikte am Köcheln halten, bis sie sich zu einem Flächenbrand ausbreiten. Die Frage ist, wie lange werden es sich die Golfstaaten gefallen lassen, dass ihre Interessen beeinträchtigt werden? Wann werden sie eingreifen?
Wird es genügen, wenn Trump und Netanjahu von der politischen Weltbühne verschwinden, um eine politische Lösung zu finden? Derzeit sieht es leider nicht danach aus. Zwar formieren sich sowohl in den USA als auch in Israel Widerstand gegen ihre Staatsoberhäupter, doch bis diese abgewählt werden, wird der Nahe Osten noch mehr Zerstörung erleiden und im Chaos versinken.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem fundierten Sachbuch zu einer hochkomplexen Gemengelage, die Auswirkungen auf die ganze Welt und besonders Europa hat, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Süße Versuchung oder beinhartes Geschäft?
Die dunkle Seite der Schokolade von Dina Casparis
Serafine Montalin tritt ihren neuen Job beim renommierten Schokoladenkonzern CacaoBest mit gemischten Gefühlen an. Zum einen hat sie die besten Voraussetzungen dafür, hinter die Kulissen von der Produktion von Schokolade zu blicken, weil sie ein Ausbildung zur Lebensmittelchemikerin und Juristin absolviert hat, und zum anderen will sie die mysteriösen Umstände des Unfalltods ihres Vaters in Erfahrung bringen.
Recht bald erkennt sie, dass hinter der ach so sauberen Fassade von CacaoBest einige unschöne dunkle Flecken lauern, die auch weitere Fragen, die Vergangenheit ihrer Familie betreffen, aufwerfen.
„An Edith Novak ist so vieles unecht, dass man weder ihr Alter noch ihre Absichten einschätzen kann.“ S. 49
Welche Rolle spielt Josef Pichler, der einstigen rechten Hand ihres Vaters, und nunmehriger, beinahe unverzichtbarer Mitarbeiter bei CacaoBest? Hat er etwas mit dem Tod von Serafines Vater zu tun? Und was haben Matthis von Vilan und seine herrische Mutter, die Eigentümer der kleinen, aber feinen Schokoladenfabrik Grison, mit CacaoBest zu schaffen? Serafine schwant Übles, denn Hermine von Vilan hasst die Familie Montalin mit jeder Faser ihres Körpers.
Meine Meinung:
Als eifrige Besucherin von Führungen in Schokolademanufakturen in Hamburg, Brüssel, Brügge und Gent, sowie Leserin einschlägiger Lektüre (Lindt & Sprüngli), bin ich mit dem Fachvokabular sowie den Herstellungsprozessen bestens vertraut. Ich kann mich daher uneingeschränkt den Machenschaften der beiden Firmen widmen. Denn dass auch bei CacaoBest in Wirklichkeit nicht alles sooo sauber abläuft, wie auf dem Papier steht, wird klar, wenn immer wieder der Hinweis auf die Ethik-Regeln und das Saubermann/frau-Image kommt. Wäre alle Vorgänge wirklich so einwandfrei, müsste nicht dauernd daraufhin gewiesen werden. Das erinnerst stark an Politiker, die das Wort „ehrlich“ und seine Abarten, in ihren Reden gefühlt in jedem zweiten Satz verwenden.
Die Verflechtung von Serafines Familie mit der von Matthis‘ nimmt einigen Raum ein. Erst nach und nach werden die alten Verstrickungen offenbart. Wir Leser erfahren dabei einiges, ohne wie Serafine, körperlicher Gewalt ausgesetzt zu sein.
Die Charaktere sind sehr gut herausgearbeitet. Nicht alle spielen mit offenen Karten. Neben Hermine ist Josef Pichler ein besonders ekeliges Exemplar. Er ist Frauen, im allgemeinen und Serafine im Besonderen, gegenüber, nicht nur in Worten übergriffig. Dass er sie ausnahmlos duzt, ist eine Grenzverletzung, die ich an Serafines Stelle nicht akzeptieren würde. Auch Edith Novak ist ein echtes Herzerl, wie man aus diesem Statement zum vermeintlichen Unfalltod von Emil Montalin ableiten kann:
„Für Sie [also Serafine] ist es ein emotionaler Verlust, für mich ein wirtschaftlicher.“
Schmunzeln musste ich über die KKPs, die Kakao-Kommunikations-Prinzessinnen, die kichernd in High Heels und pinkgewandet durch die Gänge stöckeln.
Über die Zuordnung in das Genre Kriminalroman ließe sich streiten. Für mich passt die Gewichtung zwischen Krimi und Serafines Nachforschungen zu ihrer Familiengeschichte ganz gut. Geschickt streut Dina Casparis Informationen zu Bestechung und Ausbeutung in den Anbaugebieten der Kakaobohnen in diesen Roman ein, die ja laut Edith Novak nur bei den anderen Firmen existieren.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Mix aus Krimi, Familiengeschichte und Einblick in die Herstellung von Schokolade 4 Sterne.











