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Rezensionen von Gertie G.:

Eine klare Leseempfehlung!

Entscheidung in Spanien von Paul Ingendaay

Der Beginn des Spanischen Bürgerkrieg am 17. Juli 1936 jährt heuer zum 90. Mal und ist kein Grund zum Feiern, sondern eher einer zum Innehalten, zumal diese blutigen Jahre und ihre nachfolgende Geschichte noch nicht zur Gänze aufgearbeitet worden sind. Nach wie vor gibt es Familien, die nicht wissen, in welchem der noch unbekannten Massengräbern ihre Liebsten verscharrt oder wohin ihre Kinder verschleppt worden sind.

Mir ist zwar einiges über den Spanischen Bürgerkrieg bekannt, sei es aus Sachbüchern (Uwe Wittstock, Florian Illies et al.) oder sei es aus Biografien (Carlos Collado Seidel) oder historischen Romanen (Arturo Pérez-Reverte) doch dieses Buch von Paul Ingendaay erweitert mein Wissen beträchtlich.

Nach Vorspann und Prolog gliedert Paul Ingendaay sein Buch wie folgt in vier Kapitel, die den vier Kriegsjahren entsprechen und noch in weitere Unterkapitel unterteilt sind, die einzelne Ereignisse örtlich und zeitlich genau auflisten. Dabei werden Gräueltaten auf beiden Seiten nicht ausgespart.

Eins - 1936
Zwei - 1937
Drei - 1938
Vier - 1939

Das Buch endet mit einem Epilog, der sich mit Picassos monumentalem Bild „Guernica“ beschäftigt sowie einem Abspann, der die weiteren Lebensdaten zahlreichen Beteiligten auf beiden Seiten aufzählt. Ergänzt wird dieses umfassende Werk zum Spanischen Bürgerkrieg mit zahlreichen Fotos und Landkarten.

Der Autor verschweigt weder die abwartende Haltung Frankreichs und Großbritanniens noch Hitlers und Mussolinis Rollen bei der Unterstützung der Faschisten, die ihnen als Blaupause für den Zweiten Weltkrieg dient, den Hitler am 1. September 1939 beginnt.

Den Titel „Entscheidung in Spanien“ finde ich recht gut gewählt, den Untertitel „Der große Kampf der Literatur 1936 - 1939“ weniger. Ja, es haben zahlreiche Schriftsteller wie die Manns (mit Texten von der sicheren Schweiz aus) oder vor Ort mit Waffen, Ernest Hemingway, George Orwell, OrsonWells oder Simone Weil in den internationalen Brigaden gekämpft, doch auch Journalisten und Fotografen wie Robert Capa & Gerda Taro und Martha Gellhorn haben ihren Anteil.

Das Cover gefällt mir nicht wirklich, da es auf mich viel zu friedlich wirkt und der Tragödie keine Rechnung trägt. Hier hätte ich einen blutroten Hintergrund und eine zerbombte Stadt und/oder Flugzeuge besser gefunden. Ich denke, das wurde im Verlag diskutiert.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem interessanten Buch, das den Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939, das ganz unüblich aus der Sicht der Verlierer betrachtet, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Eine klare Leseempfehlung!

Die letzten Tage der Diktatur von Svenja Falk

Die Flensburger Historikerin Svenja Falk nimmt ihre Leserinnen und Leser, ähnlich wie Volker Ullrich, auf eine fesselnde Zeitreise in die letzten Tage der NS-Diktatur mit. Während Ullrich in seinem Buch (Acht Tage im Mai) die Tage zwischen 30. April und dem 8. Mai 1945 beleuchtet, erstreckt Svenja Falk ihren Beobachtungszeitraum bis zum 23.

Mai 1945. In beiden Büchern werden unzählige zeitgleich stattfindende, dabei aber oft gegenläufige Ereignisse, die auf Grund ihrer Absurdität fast schon zum Schmunzeln verleiten, zu einer Gesamtdarstellung zusammengeführt.

Svenja Falk hat in zahlreichen deutschen und britischen Archiven nach offiziellen und privaten Dokumenten gegraben. Dabei hat sie einige interessante, der Öffentlichkeit noch nicht so geläufige Ereignisse entdeckt.

Flensburg ist die Drehscheibe von zahlreichen Personen, die unterschiedlichsten Interessen nachgehen. Da sind vor allem jene abertausenden Flüchtlinge aus dem Osten, die vor den russischen Truppen fliehen, die Nazis, die versuchen, sich über die nördliche Rattenlinie abzusetzen, Wehrmachtsangehörige und Soldaten von Sondereinheiten, gestrandete Fremd- und Zwangsarbeiter, die noch nicht wissen, ob und wie sie in ihre Heimatländer zurückkehren werden können, sowie Spione und Namen, die nur wenig später wichtige Funktionen im neuen Deutschland inne haben werden (z.B. Reinhard Gehlen (1902-1979) als Chef des Bundesnachrichtendienstes).

Kopfschütteln musste ich über Großadmiral Karl Dönitz, der - gemäß des letzten Willens Hitlers und trotz der bedingungslosen Kapitulation - sich als legitimer Regierungschef der letzten NS-Regierung inszeniert. Es scheint, als hätte er noch nicht mitbekommen, dass für Seinesgleichen im Deutschland ab 1945 außer auf der Anklagebank kein Platz mehr sein wird. Staunen ist auch den Alliierten gegenüber angebracht, die diese eigenartige Inszenierung von Dönitz & Co zunächst einmal dulden und zugleich die wissenschaftliche Elite herausfiltern, um ihr Knowhow für eigene Zwecke einzusetzen, obwohl einige den Ideen des NS-Unrechts-Regime mehr als nahe gestanden haben. Dazu hat Svenja Falk erstaunliche Zahlen zu Tage gefördert.

Das Buch ist sehr gut strukturiert, was auf das chronologisch angeführte Kalendarium zurückzuführen ist. Als Beispiel sei der 30. April 1945 angeführt:

Hitlers Erbe
Warum Dönitz?
Die Verschlüsselungsmaschine Enigma im Einsatz
Von der „schwarzen Propaganda“ zu ersten deutschen Nachrichtendienst
„Rattenlinie Nord“
Spione, die zu spät kommen
Berlin fällt
Flucht im letzten Moment
Heinrich Himmlers Führungsanspruch

Wie die Autorin schon in der Einleitung schreibt, soll hier die Geschichte nicht neu geschrieben werden, sondern die Ereignisse zwischen dem 30. April und 23. Mai 1945 mit den Augen der Flensburgerinnen und Flensburger, deren Stadt relativ unbeschadet aus dem Krieg hervorgegangen ist, erzählt werden. Zudem dient das Buch allen jenen, die, so wie sie, über sich selbst schreibt, bislang wenig über die Geschichte ihrer Heimatstadt während des NS-Regimes erfahren haben, als Einstieg in weitergehende Literatur.


„Das Alte hatte seine Ordnungskraft verloren, das Neue war noch nicht gefestigt.“ (S. 13)

Fazit:

Gerne gebe ich diesem sehr gut strukturierten Buch, das sich sehr gut lesen lässt, zahlreiche Abbildungen sowie eine gute Auswahl an Quellen bietet, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Schatten der Vergangenheit

Tod auf Hohenzollern von Yvette Eckstein

Wolfgang Kramer, seines Zeichens Schlossermeister und so etwas wie das Mädchen für alles auf der Burg, findet seinen Freund Sebastian tot in der Schlosskapelle. Schnell sind alle, außer Wolfgang, davon überzeugt, dass es sich hier um einen unglücklichen Unfall handeln muss, ist doch Basti, wie er von allen genannt wird, ein langjähriger Alkoholiker.

Doch bei näherem Hinhören kommen langsam leichte Zweifel auf, ist doch erst vor Kurzem ein anderen Mann aus Wolfgangs Freundesrunde gestorben. Also beginnen der Schlossermeister und seine Tochter Hannah in Bastis Leben zu schnüffeln und fördern nicht nur einen Kreditvertrag sondern weitere Familiengeheimnisse zu Tage, die besser unentdeckt geblieben wären.

Meine Meinung:

Dieser Krimi ist mein erster von Yvette Eckstein. Tja, der Emons-Verlag kann mich immer noch mit bislang unbekannten Autorinnen und Autoren überraschen.

Der Prolog, der im Zweiten Weltkrieg spielt, macht auf mögliche Zusammenhänge in der Gegenwart neugierig. Yvette Eckstein beschreibt die Atmosphäre auf dem Stammsitz der Hohenzollern bildhaft. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass Wolfgang ständig etwas zu reparieren hat. Allerdings herrscht seitens des Betreibers der Burg sowohl Wolfgang gegenüber als auch im Burgrestaurant ein rauer Befehlston, den ich mir als Wolfgang längst verbeten hätte.

Das Finale, das ich jetzt nicht näher ausbreite, überrascht ein wenig.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Krimi, der Vergangenheit und Gegenwart geschickt miteinander verknüpft, 4 Sterne.

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Eine Leseempfehlung

Und sie schenkten ihnen ein Zuhause von Laura Baldini

Die Wiener Autorin Beate Maly hat unter ihrem Pseudonym Laura Baldini wieder einen gut gelungenen historischen Roman verfasst. Diesmal erzählt sie die Geschichte von Anna Freud und ihren War Nurseries. Geschickt verquickt sie dabei reale Ereignisse und echte Personen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zudem spannt sie den Bogen in das Jahr 1986 als Rose nach dem Tod ihrer Mutter Claire entdeckt, dass diese adoptiert worden ist. Roses Großmutter hüllt sich beharrlich in Schweigen.

Doch gemeinsam mit ihrer Freundin, der Buchhändlerin Julia und dem Lehrer Matthew, dessen Familie nun in einem jener Häuser, in denen damals Kriegswaisen untergebracht waren, lebten. Neugierig geworden, tauchen Rose und Matthew in die schier unglaubliche Lebensgeschichte von Claire ein.

Dazu entführt uns die Autorin zunächst in das Wien von 1938 wo Helene Moser, Charlotte Böhm und Lili Schmidt in der von Anna Freud gegründeten Jackson-Kindergruppe am Wiener Rudolfsplatz Kinder betreuen und ihre Verhaltensweisen studieren. Während Helene und Lili gerade noch die Ausreise nach London gelingt (und Lili weiter nach Amerika emigrieren kann), schafft es Lotte nicht, Wien zu verlassen. Sie wird später in das KZ Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz gebracht, wo sie ermordet wird.

Helene arbeitet zunächst bei Anna Freuds War Nurseries, jenen Betreuungsstellen, in denen Kinder von berufstätigen Frauen tagsüber und recht bald Kriegswaisen rund um die Uhr betreut werden. Als London bombardiert wird, werden die Kinder in das Umland wie z.B. nach Brighton evakuiert und Helene zieht mit der Kindergruppe aufs Land.
Nach Kriegsende werden rund 300 Kinder, die in den diversen Konzentrationslagern entdeckt worden sind, nach Großbritannien gebracht. Nach wenigen Monaten Aufenthalt, unter anderem in Anna Freuds Institutionen, wird ein Großteil von britischen Familien adoptiert. Eines dieser Kinder ist ein kleines, namenloses Mädchen von ungefähr zwei Jahren, das Helene zur Betreuung übernimmt. Sie nennt das Mädchen Charly, zur Erinnerung an ihre Freundin Charlotte. Am liebst würde sie das Mädchen selbst adoptieren. Doch als unverheiratete Frau, die noch dazu in einer heimlichen Lebensgemeinschaft mit einer anderen Frau lebt, ist ihr eine Adoption verboten. Als auch Charly Adoptiveltern findet, bricht Helene beinahe das Herz.

Meine Meinung:

Wie Beate Maly im Nachwort erzählt, hat sie von den War Nurseries anlässlich einer Vortrags erfahren und intensive Recherchen zu diesem Thema angestellt. Mir ist grundsätzlich das Hilfsprogramm für jüdische Kinder, die aus Nazi-Deutschland und Österreich nach Großbritannien evakuiert und damit gerettet worden sind, bekannt. Dass man Kinder, die das KZ Theresienstadt überlebt haben, ebenfalls nach Großbritannien gebracht hat, wusste ich bis lang nicht.

Beate Malys Schreibstil fesselt wie üblich. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Rose (1986), Helene und Lotte (NS-Zeit), wodurch der Spannungsbogen hoch gehalten wird. Die Autorin findet die richtigen Worte, besonders dort, wo das Grauen des KZ-Alltags beschrieben wird.

Da Beate Maly eine fundierte Ausbildung im Bereich der frühkindlichen Pädagogik hat, weiß sie worüber sie schreibt. Anna Freuds Engagement und Lehren werden bis heute leider nicht so gewürdigt, wie das Werk ihres Vaters, Sigmund Freud. Mit Anna Freud werde ich mich in Zukunft noch weiter beschäftigen, versprochen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der ein eher unbekanntes Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs behandelt, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Hat mich leider nicht überzeugt

Der Vater meiner Tochter von Nenad Velickovic

Mit diesem Roman von Nenad Veličković bin ich nicht wirklich warm geworden. Zum einem liegt es wohl am Schreibstil, zum anderen an dem Protagonisten, der mir als ein zutiefst unglücklicher Mensch erscheint. Nun, das ist wohl nicht ganz verwunderlich, denn er hat den Bosnien-Krieg erlebt. Zwar musste er selbst keinen einzigen Schuss abgeben, scheint aber dennoch oder gerade deswegen traumatisiert.

So laviert er durch sein Leben, hadert mit seiner Ehe, ist unzufrieden mit seinem Job als Werbetexter, den er für sinnlos hält und kündigt. Sein großer Traum ist es, Schriftsteller zu werden, der ebenso wenig wie jener, seine ehemalige Kollegin anzugrapschen, in Erfüllung gehen wird.

Es scheint als wäre sein aufgeweckte kleine Tochter das einzig Positive in seinem Leben.

Meine Meinung:

Dieser Roman ist bereits 2002 erstmals erschienen. Möglicherweise hätte mich dieses Buch, dessen Protagonist ein Mann, der den Bosnien-Krieg (1992 - 1995) erlebt hat, vor mehr als 20 Jahren mehr angesprochen, als die Auswirkungen des Krieges auf die Männer noch frisch sichtbar waren. Jetzt wirkt das Buch nur depressiv auf mich. Wahrscheinlich bräuchte der Ich-Erzähle therapeutische Hilfe. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass es erstens eine solche gibt und zweitens, dass er sie annehmen könnte.

Die Dialoge mit der vorwitzige Tochter haben mir ja noch ganz gut gefallen, die mit seiner Frau schon sehr viel weniger. Die beiden Eheleute haben sich sichtlich wenig bis nichts zu sagen. Während er für die kleine Tochter ein neues Bett kaufen will, strebt sie eine Generalsanierung der Wohnung an. Auch die Gedankensprünge und Fantastereien des Ich-Erzählers haben mich nicht mitgerissen.

Fazit:

Ich finde diesen Roman ziemlich depressiv und kann mich mit dem Ich-Erzähler leider gar nicht anfreunden. Daher reicht es gerade einmal für 2 Sterne.

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Eine Leseempfehlung

Pestzug von Rein Raud

Der estnische Autor Rein Raud verwebt Teile seiner eigenen Familiengeschichte zu einem interessanten historischen Roman.
Worum geht‘s?

Vordergründig um die Eindämmung einer Epidemie an der russisch-chinesischen Grenze. Doch wenn man den fünf abkommandierten Sanitätsoffizieren folgt, geht es um mehr, als das Ausbreiten der Pest zu verhindern.

Doch zunächst begleiten wir die fünf Soldaten, darunter Jakob aus Estland, 1911 an die russisch-chinesische Grenze. Schon allein die Anreise in die Mandschurei mit dem Zug liest sich wie ein Abenteuer.

Die jungen Sanitätsoffiziere folgen genau den Befehlen ihres Vorgesetzten. So arbeiten sie sich entlang der Bahnlinie von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf weiter. Nicht alle Dorfbewohner heißen die Männer in ihren Schutzanzügen willkommen. So werden einige Leichen versteckt bzw. die Soldaten bedroht.

Die Unterhaltungen während der Bahnfahrt in ihrem Komfortabteil drehen sich um ihre Heimat, Schnaps und Sex.

„Aber die Gesellschaft von gefälligen Mädchen konnte er sich absolut nicht vorstellen, denn ein gewisses Dingsbums hängt doch nicht an den Männern, um es einfach irgendwo hineinzustopfen.“ (S. 8)

Eigentümlich ist nur, dass Solomjatin, der immer, wenn das Gespräch auf seine Herkunft kommt, schnell das Thema wechselt. Hat er etwas zu verbergen?

So eilen die Tage und Wochen dahin, bis sie in Harbin der Einladung von Herrn Mögling, einem Eisenbahndirektor, folge leisten. Diese Einladung wird die fünf Sanitätsoffiziere Folgen haben, denn eine junge Frau wird von nun an das Abteil mit ihnen teilen.

Zweiundzwanzig Jahre später begegnen sich zwei von ihnen wieder. Der eine, Jakob, inzwischen verheiratet und Vater, ist für die medizinische Versorgung der Gefangenen im Patarei-Gefängnisses in Tallin (bis 1918 hieß die Stadt Reval) verantwortlich, der andere, sitzt dort unter dem Namen Kameratow ein. Solomjatin gilt als gefährlicher kommunistischer Agitator, weshalb er seine Strafe in Einzelhaft verbringen muss. Nicht nur zwischen ihm und Jakob, steht eine unausgesprochene Schuld, sondern auch Siina, eine an TBC erkrankte Gefangene hat Grund, Kameratow/Solomjatin zu hassen ...

Meine Meinung:

Wie schon eingangs erwähnt, hat Rein Raud für diesen historischen Roman auf Teile der Lebenserinnerungen seines Großvaters zurückgegriffen. Dabei fließt auch die Geschichte Estlands zwischen 1900 und 1933 ein, das mehrmals Anstrengungen unternommen hat, aus dem Zarenreich zu entkommen.

Interessant sind Jakobs Gedanken zu lesen, die zu Beginn der medizinischen Ausbildung ziemlich idealistisch sind. Gleichzeitig hat er eine ziemliche Wut auf Solomjatin entwickelt, der geneigte Leser ahnt, warum. Als Ehemann und Vater, muss Jakob jeden Job annehmen, der ein regelmäßiges Einkommen und eine Wohnung bietet. Weil ihm die eine oder andere Prüfung fehlt, um als Zivilfeldscher oder gar als Arzt zu arbeiten, kann er nicht allzu wählerisch sein. Auch für seine Ehefrau ist dieser Zustand nicht befriedigend. Erst als er seine Ideale über Bord wirft, keimt für die kleine Familie ein Hoffnungsschimmer auf.

„Vergebung und Gerechtigkeit müssen nicht unbedingt Gegensätze sein.“ (S. 241)

Autor Rein Rauds historischer Roman hat mir sehr gut gefallen, weil er neben den der Elemente seiner eigenen Familiengeschichte auch die Geschichte Estlands verquickt, die reich an Unterdrückung und Freiheitsdrang, von politischer Verblendung und persönlicher Verantwortung ist. Diese Verantwortung, als junge Sanitätsoffizier an die äußerste Grenze des Zarenreiches zur Seuchenbekämpfung eingesetzt zu werden, hat vor allem Jakob ernst genommen. Schade finde ich, dass ich über die Jahre dazwischen nicht allzu viel erfahren habe. Was ist aus den anderen (außer Solmojatin, dessen Schicksal wir nun kennen) geworden?

Der Schreibstil ist ruhig. Man nimmt den Personen ihre Handlungen ab. Das schließt auch die beiden Frauen im Gefängnis ein.

Das Baltikum mit seinen Staaten Estland, Lettland und Litauen ist seit einigen Jahren ein beliebtes Reiseziel. Ich selb habe Tallinn anlässlich eines Kongresses besucht. Die mittelalterliche Stadt sowie ihre äußerst freundlichen Bewohnerinnen und Bewohner haben mich sehr beeindruckt. Ein Grund, nochmals nach Estland zu reisen, bzw. sich mit der Geschichte des Baltikums zu beschäftigen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der sich an der Familiengeschichte von Rein Rauds orientiert, 4 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Eine Leseempfehlung

Grado im Traum von Andrea Nagele

In diesem, ihrem 11. Kriminalfall für die Gradeser Commissaria Maddalena Degrassi kehrt Autorin Andrea Nagele wieder zum oft eintönigen Alltag der Polizei in Grado zurück.

Degrassi und ihr Team sind mit der Ausbildung von drei jungen Neuzugängen, darunter Gina Biasut, die ihre Anstellung vorrangig der Verwandtschaft mit dem Bürgermeister und nicht ihrer Sachkenntnis verdankt und dabei ein völlig unangebrachtes Selbstbewusstsein sowie eine Ellbogenmentalität an den Tag legt, die man noch selten gesehen hat, beschäftigt.

Damit noch nicht genug, bekommt es das Team mit einem Reifenschlitzer zu tun, der bereits zahlreiche Autos beschädigt hat.

Wenig später erscheint Felix Bischofsberger, ein vom Leben und der Moral seiner Firma enttäuschter Österreicher, auf der Dienststelle und gibt zu Protokoll, dass er zwei Männer, die einen Mord an einer Frau planen, gehört hat. Das Blöde ist nur, dass Bischofsberger mehr als betrunken war und die Polizei ihm nicht glaubt.

Als dann der Hund eines Touristenehepaar tatsächlich die Leiche einer toten Frau am Strand findet, ist klar, dass Bischofsberger das Gespräch über das Mordkomplott nicht im Rausch geträumt hat ....

Meine Meinung:

Das hat Maddalena Degrassi gerade noch gebraucht! Ein blondes Gift, dass sich wichtig macht, ihre Kollegen desavouiert, auf ihren Maddalens Posten spekuliert und sich beim Big Boss Scaramuzza, Degrassis Stiefvater, einschleimt.

Auf dem Weg zu Scaramuzzas Penthouse, der sie und ihren Onkel, den Bürgermeister zu einem Diner eingeladen hat, ergibt sich zwischen den beiden folgender Dialog, der darlegt, das das Selbst- und Fremdbild von Gina Biasut weit auseinanderklafft:

„Der Comandante ist von mir angetan. Die Commissaria hingegen ...“ Gina stockte „nun, sie will immer alles bestimmen. Auf mich reagiert sie neidisch. Was kann ich dafür, dass sie älter ist und verhärmt aussieht? Ich gehöre eindeutig nicht zu ihren Lieblingsmenschen.“

Auf Onkels Frage, wie sie sich mit den anderen Kollegen versteht, antwortet sie wie folgt:

„Piero Lippi ist so eine Art Leibeigener, fast wie ein Sklave seiner Chefin. Rita Beltrame, eine aus der Form geratene Frau, rühmt sich einzig und allein damit, die Tochter des Hausarztes von Grado zu sein. Der übergewichtige Guido Lippi ist wirklich fies zu mir. Bevor ich kam, war er Scaramuzzas erklärter Favorit, sein Thronfolger gewissermaßen. Er lässt keine Gelegenheit aus, um sich mit mir auf eine oberlehrerhafte Art zu duellieren. Die Rechthaberei scheint sein einziges Vergnügen zu sein. Wann immer es geht, lässt er mich auflaufen.“

In der Tonart geht es weiter und unter Verdrehung der Tatsachen, behauptet sie, sie alleine hätte den Reifenschlitzer dingfest gemacht.

Doch das Abendessen läuft für die Biasut so gar nicht nach ihrem Geschmack. Zum einem hat sie nicht mit der aristokratischen Noblesse von Maddalenas Mutter gerechnet, die ihr sehr unterschwellig, aber bestimmt zeigt, wo ihr Platz ist und zum anderen hat das blasierte und verwöhnte Gör Austern, Hummer und dergleichen erwartet, aber dann Gradeser Hausmannskost von Scaramuzza eigenhändig gekocht, vorgesetzt bekommen.

Ich denke, die Probezeit wird nicht verlängert, denn solche Intrigantin braucht das Team um Degrassi nicht wirklich. Sie muss ja nicht unbedingt getötet werden, wenn sie einen törichten Alleingang wagt. Sie könnte ja noch Rom wechseln. Vielleicht ist dort ein Platz für eine blonde Intrigantin frei.

Andrea Nagele hat für Maddalena Degrassi ein positive Überraschung in petto: Lupo Salomon, ein Kollege aus Gorizia/Görz und Spezialist für Phantombilder holt längst vergessen geglaubtes Gefühl, nämlich ein leichtes Kribbeln in ihrem Bauch hervor. Bahnt sich hier eine zarte Liebesgeschichte an?

Zwar gehen über den Trubel mit Biasut, die weiter ihre Intrigen spinnt, die Ermittlungen rund um Bischofsbergers Traum und den Mord ein wenig unter. Doch der Showdown am Ende macht es wieder wett.

Fazit:

Diesen 11. Fall für Commissaria Degrassi, die langsam zu ihrer alten Form findet, habe ich sehr gerne gelesen. Diesem Krimi, der für mich wie Heimkommen ist, gebe ich gerne 5 Sterne.

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Krimiautor Oetker einmal anders

Das Lavendelkloster von Alexander Oetker

Krimiautor Alexander Oetker einmal anders. Gemeinsam checken wir für eine Woche in einem Schweigekloster ein und begleiten mehrere Personen auf der ungewohnten Reise in die Stille. Wir, das sind wir Leser, der erfolgreiche Geschäftsführer Julien und Emma, die endlich ihre toxische Beziehung hinter sich lassen möchte, sowie andere Reisende, die jeweils für sich den Weg aus dem lauten Alltag zur inneren Ein- und Umkehr beschreiten möchten.

Unter dem beruhigendem Duft des Lavendels und der fachkundigen Anleitung der Klostergemeinschaft, fällt das Schweigen gar nicht mehr so schwer, werden doch alle anderen Sinne geschärft und die nonverbale Kommunikation sagt mehr als tausend Worte.

Meine Meinung:

Zunächst bin ich mit ein wenig Vorsicht an dieses Buch herangetreten, habe ich doch erst vor Kurzem Professor Reinhard Hallers Buch „Toxisches Schweigen. Wenn Schweigen zur Waffe wird“ gelesen. Alexander Oetker, den ich von seinen zahlreichen Krimis her kenne, hat hier ein tollen (Liebes)Roman geschrieben, der mir sehr gut gefallen hat. Üblicherweise bin ich ja nicht so die Herz-Schmerz-Leserin, aber hier ist alles wohl temperiert und gar nicht kitschig.

Der Schreibstil ist fast schon poetisch zu nennen und bezaubert durch die intensive Beschreibung der neuen Wahrnehmungen von Julien und Emma. Man kann den intensiven Duft des Lavendels richten.

Gut hat mir gefallen, wie oft Julien während der Anreise ans Aufgeben und Umkehren gedacht hat. Dass er den inneren Schweinehund überstimmt hat, um diese Auszeit für sich selbt in Anspruch zu nehmen, ist ein großer Gewinn.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser Erzählung von sich selbst Finden und einen Neuanfang wagen, 4 Sterne.

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Der Fährmann von Regina Denk

Schauplatz sind die beiden Dörfer Hohenwart und Siegering, Anfang des 20. Jahrhunderts, die durch den Grenzfluss Salzach in Österreich-Ungarn und Deutschland getrennt sind. Man kennt sich und heiratet über die Grenze hinüber. Der einzige, der davon ausgenommen ist der Fährmann. Er darf wegen des gefährlichen Berufs, den aber jeder braucht, keine Familie gründen.

In Zeiten ohne Sozialversicherung würden seine Hinterbliebenen der jeweilige Dorfgemeinschaft zur Last fallen. Diese Ehelosigkeit führt oft dazu, dass der Fährmann ein Gspusi mit der einen oder anderen verheirateten Frau eingeht, was auch nicht ganz ungefährlich ist.

Soweit der historische Hintergrund vor dem dieser Roman spielt. Es ist auch die Zeit, in denen Frauen nichts, aber auch gar nichts zu sagen hatten, sondern möglichst viel Mitgift und Arbeitskraft in die Ehe mitbringen soll und für zahlreiche Söhne (Töchter sind nur eine Last) zu sorgen hat.

Der aktuelle Fährmann ist Hannes Winkler, ein Bauernsohn, der wegen seines älteren Bruders keine Chance hat, den elterlichen Hof zu übernehmen. Er liebt heimlich seine Jugendfreundin Elisabeth, die allerdings Josef Hofer, den Erben des größten Hofes diesseits der Salzach heiraten soll - so haben es die beiden Väter seit langem ausgemacht. Diese Entscheidung trifft nicht nur Hannes und Elisabeth, die seine Gefühle erwidert, hart, sondern auch die Wirtstochter Annemarie, Elisabeths beste Freundin, die sich Chancen auf eine Heirat mit Josef ausgerechnet hat. Doch Josef ist ein gewalttätiger Mann, der nur sein Vergnügen im Sinn hat und sich seinem ebenfalls brutalen Vater unterordnet.

Als Österreich-Ungarn an der Seite Deutschlands Serbien 1914 den Krieg erklärt, ist Josef wie Tausende andere junge Männer Feuer und Flamme für den Krieg. Man(n) verspricht, bis Weihnachten siegreich wieder zu Hause sein - das Ergebnis ist bekannt. Erst im Großen Krieg kann Josef endlich aus dem Schatten seines dominanten Vaters heraustreten. Als er dann, an Körper und Seele schwerst versehrt sowie morphiumsüchtig, auf den Hof, den Elisabeth, seine Mutter und Schwester in seiner Abwesenheit so gut wie möglich bewirtschaftet haben, zurückkehrt, bereitet er seiner Familie und da vor allem Elisabeth, die Hölle auf Erden. Das von den Frauen erwirtschaftete Geld gibt er ohne nachzudenken für Morphium aus. Er macht den Frauen Vorwürfe den Hof abgewirtschaftet zu haben. Als der erstgeborene Sohn Vinzenz verschwindet, eskaliert die unhaltbare Situation.

Meine Meinung:

Regina Denk hat mit diesem historischen Roman ein Dokument der patriarchalischen und oft archaischen Lebensart entworfen, in der die Männer über Leben und Tod ihrer Familien geherrscht haben. Die Frauen haben keinen Wert, sind oft nur ein personifiziertes Objekt, an dem man(n) sich, je nach Laune abreagieren konnte. Das muss Annemarie am eigenen Leib über sich ergehen, wie ehedem auch ihre Mutter, die Wirtin. Für die ist es selbstverständlich zur Ankurbelung des Schnapskonsums (und damit zum höheren Einkommen), ihre Tochter zu prostituieren.

Sprachlich ist der Roman ein Hochgenuss, auch wenn es für die eine oder andere Leserin schwer ist, über solche Zustände zu lesen.

Gerne hätte ich mehr über die alte Fanny gelesen, die als Kräuterfrau in einer Kate lebt. Natürlich abseits der Gemeinschaft und scheel angesehen. Ich bin sicher, hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand wird sie Hexe genannt. Dass Fanny letztendlich Annemarie als Lehrling aufnimmt und sie aus der übergriffigen Wirtsstube entkommt, ist für Annemarie eine gute Lösung.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der durch Regina Denks fesselnden Schreibstils in seiner düsteren und intensiven Art besticht, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Hat mich leider nicht überzeugt

1776 von Joseph J. Ellis

Im Sommer des Jahres 2026 jährt sich die Unabhängigkeitserklärung der USA zum 250. Mal. Grund genug für zahlreiche Autorinnen und Autoren diesem Gründungsmythos nachzugehen. Stimmt das, was seither überliefert worden ist? Oder ist die Sache vielleicht doch ein wenig anders verlaufen als überliefert? Hat wirklich EIN Sommer die Welt verändert?

Leider habe ich mit diesem Buch ausgerechnet jenes erwischt, das die Ereignisse für mich (vermutlich wie für die meisten Leser) viel zu kompliziert und detailreich darstellt.

Ja, es stimmt, die Lage von Mai bis Oktober 1776 ist komplex und kompliziert. Dennoch hätte ich mir eine anschaulichere Schilderung gewünscht. Denn gleichzeitig fehlt mir ein wenig eine Zusammenfassung was die Jahre zuvor passiert oder eben nicht passiert ist. Und trotzdem, nicht alles, was Historiker und Autoren wissen, muss den Lesern in dieser Fülle an Informationen nahe gebracht werden. Dem Buch deutlich anzusehen, dass Ellis‘ Spezialgebiet „Die Gründerväter der Vereinigten Staaten“ sind.

Joseph J. Ellis‘ Standpunkt, die politische Dimension und die militärischen Ereignisse sind untrennbar miteinander verbunden, weil sie einander bedingen, sind für mich (noch) schlüssig. Dass der US-amerikanische Autor und Historiker behauptet, sie würden bei anderen Autoren getrennt behandelt, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Vielleicht unterliege ich dem aktuellen „Priming“, in dem ich alle Informationen, die direkt aus den USA kommen, einmal mit Vorsicht betrachte.

Wer die USA und ihr spezifisches Sendungsbewusstsein verstehen will, muss zu ihrem Ursprungsmythos zurückgehen: zur Amerikanischen Revolution, die bereits 1763 mit dem Steuerstreit zwischen dem Britischen Mutterland und den Kolonisten in Nordamerika, begonnen hat. Aber, dafür bräuchte es eine einleitende Zusammenfassung des Status Quo, der die Jahre vor 1776 betrachtet. Die hat uns der sonst so detailreich dozierende Autor leider vorenthalten, so dass sich der Eindruck manifestiert, in eine komplexe Sache einfach hineingeworfen zu werden. Um diese Lücke zu schließen, empfehle ich Volker Depkats Buch „Die amerikanische Revolution“ aus der Reihe C.H. Beck Wissen, vorab zu lesen. Dann wird einiges, das Joseph J. Ellis hier beschreibt, ein wenig klarer.

Dieses Buch ist nichts für Einsteiger in die Materie und schon gar kein Sachbuch für Jugendliche, wie es an einigen Stellen angepriesen wird.

Fazit:

Diesem Buch, das die sechs Monate des Jahres 1776 sehr detailliert darstellt, gebe ich 3 Sterne.

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