Kunden em pfehlungen
Rezensionen von cosmea:
Ein problematischer Neuanfang
Das Krähenzimmer von Carolin Frey
Lottas Beziehung mit dem Rechtsanwalt Quentin scheitert, und sie verliert ihren Job. Sie steht vor dem Nichts und beschließt, in den kleinen Ort Geleekow an der Ostsee zu fahren, wo sie die glücklichsten Sommer ihrer Kindheit verbracht hat. In Geleekow besitzt die Familie ihrer ehemaligen Stiefmutter Helen die Villa Sturmmöwe.
Nach all den Jahren liegt der Schlüssel immer noch an derselben Stelle, und sie verschafft sich Zugang zum Haus, ohne Helen zu informieren. Am nächsten Tag taucht der Immobilienverwalter Justus Juric auf. Sie einigen sich darauf, dass Lotta für ihn arbeitet und für die halbe Miete eine Weile dort wohnen kann. Doch Lotta merkt schnell, dass die Idylle trügt. Seit ihrer Ankunft fühlt sie sich verfolgt, und die Bewohner des Ortes, vor allem ihre unmittelbare Nachbarin, begegnen ihr ausgesprochen feindselig. Schon bald häufen sich mysteriöse Vorfälle wie nächtliches Klopfen und Kinderlachen. In unterschiedlicher Form wird ihr mehrfach die Botschaft übermittelt, sie solle verschwinden. Lotta hat sich zwar mit einer jungen Frau namens Nele und ihrem Bruder Bo und mit Friedrich, einem Freund der beiden angefreundet, aber die Atmosphäre wird immer bedrohlicher. Sogar ihr Ex-Freund Quentin hat sie irgendwie aufgespürt und bedrängt sie. Als Lotta sich intensiver mit der Geschichte der Villa und des Ortes Geleekow beschäftigt, kommen immer mehr düstere Fakten ans Licht, zum Beispiel das plötzliche Verschwinden einer Mieterin der Villa und der Tod einer jungen Mieterin ein Jahr zuvor sowie Morde und im 17. Jahrhundert sogar Hexenverbrennungen.
Carolin Freys Thriller wird aus drei Perspektiven erzählt: Neben der von Lotta sind da noch die Einträge einer Unbekannten in einem lange Zeit unauffindbaren Tagebuch und die zwölf Regeln eines unbekannten Mannes, die sich auf Lotta beziehen. Der Thriller lebt von der immer düsterer und bedrohlicher werdenden Atmosphäre und ist außerordentlich spannend, weil der Leser immer wieder andere Personen verdächtigt und die Auflösung erst zum Schluss erfolgt. Mir hat Freys Debütroman gut gefallen.
Kristiane hält allen Stürmen stand
Hinaus in den Wind von Trude Teige
“Hinaus in den Wind“ ist die Fortsetzung der Geschichte um Kristiane Kvalsvik, die Schifferin. Nach dem Tod ihres ersten Mannes Anders hat sie Lars geheiratet, der das Lotsenamt weiterführt. Mit ihm hat sie die halbwüchsige Tochter Konstanze, aus ihrer ersten Ehe den Sohn Anders. Kristiane möchte, dass er der nächste Lotse wird, obwohl ihr Sohn kein Interesse daran zeigt.
Er liebt die Musik und ist ein begnadeter Pianist. Kristiane ist eine angesehene Persönlichkeit auf der Fischerinsel, und auch ihr Mann hat es als Lotse und Geschäftsmann zu etwas gebracht. Dann stört ein Ereignis die Idylle der Fischerinsel. Kristiane findet am Strand ein totes Baby. Starb es eines natürlichen Todes, oder wurde es umgebracht, vor allem, wer ist die Mutter? Kristianes Familie, wird an den Ermittlungen beteiligt, gerät selbst unter Verdacht und wird mehrfach verhört. Kristiane und Lars, deren Ehe aufgrund von Vorfällen in der Vergangenheit nicht besonders glücklich ist, geraten immer mehr unter Druck. Die Gemeinschaft der Fischer hat außerdem das Problem, dass schwedische Fischer verbotenerweise in ihren Gewässern fischen, ihre Fangeinrichtungen zerstören und ihren Fang stehlen. Die norwegischen Fischer erleiden dadurch beträchtliche materielle Verluste.
Auch der neue Roman liest sich sehr gut und macht deutlich, wie schwierig es damals für eine Frau war, sich zu behaupten und ihren eigenen Weg zu gehen. In Krisensituationen schöpft Kristiane immer wieder Kraft aus ihren Begegnungen mit der Natur. Wie es ihr Vater ihr schon beigebracht hat, lehrt auch sie ihre Kinder, sich gegen den Wind zu lehnen und dem Gesang des Meeres zu lauschen. Dem Leser wird die Schönheit der rauen norwegischen Westküste eindrucksvoll und sprachlich gelungen vermittelt. Trude Teige ist wirklich eine hervorragende Autorin.
Schimpansen, unsere nächsten Verwandten
Die Insel der Schimpansen von John Ironmonger
Die junge Angelica Restorick, genannt Angel, stammt aus dem Ort St. Piran in Cornwall. Sie ist eine begabte und erfolgreiche Turnerin und trainiert für eine Profikarriere. Durch ihr Studium hat sie ihre Faszination für Schimpansen entdeckt. Als sie das Angebot erhält, für zwei Jahre nach Tansania auf die Insel Samaki Island im Viktoriasee zu gehen, um die Kommunikation von Schimpansen zu erforschen, sagt sie begeistert zu.
Haben die Schimpansen eine eigene Sprache? Auf der Insel gibt es eine Kolonie von Schimpansen, die sie zusammen mit Biologen und Rangern vor Ort beobachtet. Sie freundet sich mit den Tieren an und lernt mit Gesten, Mimik und bestimmten Lauten mit ihnen zu kommunizieren. Dabei hilft ihr, dass sie durch ihr intensives körperliches Training in der Lage ist, auf hohe Bäume zu klettern und in den Baumkronen zu schlafen. Wir lernen viel über das Leben der Tiere, die in der Gruppe existierenden Rivalitäten und die Kämpfe, zu denen es kommt, wenn der Anführer stirbt. Dann findet die Idylle ein Ende, weil die Insel an einen Investor verkauft wird, der sich angeblich dem Arten- und Umweltschutz verschrieben hat. Angel und ihren Kollegen ist jedoch sofort klar, dass sie ganz andere Ziele haben und die Forscher so schnell wie möglich vertreiben wollen. Die Geschäftsidee ist in Wirklichkeit die Trophäenjagd. Das Unternehmen will Millionen dadurch verdienen, dass die Superreichen der Welt hier Tiere töten und die Trophäen nach Hause mitnehmen. Es kommt zu einem brutalen Krieg mit zahlreichen Opfern unter Menschen und Tieren, bei dem auch Wilderer mitmischen.
Erzählt wird die Geschichte viele Jahre später von Jeremy Melon, dem Patenonkel von Angels Tochter Victoria und bestem Freund ihres inzwischen verstorbenen Vaters. Er benutzt als Quelle Angels Notizbücher und die Aufzeichnungen unzähliger Gespräche mit ihr. Der Autor beschreibt mit viel Empathie, wie Wildtiere zum eigenen Vergnügen der Jäger und ohne Rücksicht auf bedrohte Tierarten getötet werden und welche Unsummen die Kunden dafür zu zahlen bereit sind. Ein sehr beeindruckender Roman wie schon zuvor “Der Wal und das Ende der Welt.“
Alles löst sich auf
In die Schweiz von Emma Cline
Der Protagonist dieses neuen Romans von Emma Cline ist David Hastings, Mitte 70. David leidet an Demenz. Er befindet sich im Privatflugzeug seines früheren Chefs in Begleitung des jungen Assistenten Cody auf seiner letzten Reise. Nach einer Zwischenlandung in London, wo er seine Tochter Rebecca trifft, geht es weiter nach Zürich, wo er die legale Möglichkeit zur Sterbehilfe nutzen will, ehe es zu spät ist, denn er muss noch halb bei Verstand sein, um zu verstehen, was mit ihm passieren wird und die notwendigen Dokumente zu unterschreiben.
Sein Langzeitgedächtnis funktioniert noch besser als sein Kurzzeitgedächtnis. Er erinnert sich an Ereignisse der Vergangenheit, seine Schulzeit und seine seit langem gescheiterte Ehe. Vor allem denkt er oft an seinen engsten Freund Tom aus der Internatszeit, bei dem er sich Jahrzehnte nach schlimmen Vorfällen entschuldigen will. Tom wurde damals gemobbt, und David hat zugesehen, sogar mitgemacht. Ihm stattet er einen kurzen Besuch in der Schweiz ab, der sein Fehlverhalten in der Vergangenheit allerdings nicht wiedergutmachen kann.
Erzählt wird die Geschichte aus Davids Sicht, wobei deutlich wird, wie sehr er schon abgebaut hat und auf Codys Hilfe angewiesen ist. Die Gegenwart löst sich zunehmend auf, und er fragt sich, welche Welt nach dieser Welt kommt. Seinen Erinnerungen kann er nicht trauen, und auch dem treu ergebenen Cody vertraut er nicht völlig. Clines Schilderung der letzten Tage im Leben des Demenzkranken ist spannend und ergreifend. Auch der Leser fragt sich wohl nach der Lektüre, was wohl von einem – seinem? – Leben bleibt. Beeindruckend.
Ein etwas anderer Beichtstuhl
Frag nach Susan von Souvankham Thammavongsa
Ich-Erzählerin Ning, 42, war früher eine talentierte Boxerin und betreibt nach einer Zeit als Angestellte in einem anderen Laden seit fünf Jahren ihr eigenes Nagelstudio. Sie und ihre drei Angestellten heißen alle Susan, tragen identische schwarze Kleidung und die gleiche Frisur mit mittellangen Haaren.
Ihre Kundinnen könnten ihre wirklichen Namen ohnehin nicht aussprechen. Im Roman geht es um einen einzigen Arbeitstag in diesem Salon. Beschrieben werden die Leistungen, die das Nagelstudio anbietet, die dafür benötigten Utensilien und die Kunden und Kundinnen selbst - Stammkunden und Laufkundschaft.
Die meisten Kunden sind bereit, auf Fragen zu antworten und geben bereitwillig sehr persönliche Details aus ihrem Leben preis. Ning und ihre Mitarbeiterinnen kommentieren in ihrer eigenen, für die Kunden unverständlichen Sprache, was sie hören und machen sich häufig darüber lustig. Einige Bemerkungen sind ausgesprochen bissig und abfällig. Ning selbst ist ein Mensch, der fast nichts über sich preisgibt, auch nicht gegenüber den Mitarbeiterinnen. Sie bezeichnet sich selbst als einköpfige Familie und lässt keine Nähe zu. Das mag an ihrer Vorgeschichte liegen, daran, dass Trainer Murch sie damals rausgeschmissen hat genauso wie später ihre rabiate Chefin Rachel. Ning fühlt sich zunehmend einsam, vermisst so viele Dinge, die eigentlich zu einem normalen Alltag gehören.
“Frag nach Susan“ ist ein Roman, der abgesehen von der detaillierten Beschreibung eines normalen Arbeitstages im Nagelstudio keine Handlung aufweist. Er beschreibt zwar gesellschaftliche Phänomene wie herabsetzendes Verhalten gegenüber den unteren Schichten der Gesellschaft, vor allem Frauen oder Rassismus gegenüber Einwanderern, aber darüber hinaus passiert nicht viel. Das Ganze wird aufgelockert durch teilweise recht derbe Witze. Für mich war das Buch eher eine Enttäuschung, mit Sicherheit nicht einer der besten Romane, die ich je gelesen habe.
Unfalltod oder Verbrechen?
Ein unglücklicher Tod von Peter Grainger
Im Auftakt der Serie geht es um den Ermittler DC Smith, der nach einer Auszeit im Zusammenhang mit einer internen Ermittlung in den Dienst zurückkehrt, obwohl es seinen Vorgesetzten lieber gewesen wäre, wenn der eigensinnige Mitarbeiter, der immer wieder aneckt, endlich in Rente gehen würde. Man überträgt ihm einen Routinefall, den er lediglich zum Abschluss bringen soll.
Der 17jährige Wayne Fletcher ertrank beim Baden mit Freunden in einem Fluss in Kings Lake in der Grafschaft Norfolk. Sein Tod gilt als Unfall. Unterstützt wird Smith von dem jungen Assistenten Christopher Waters. Doch bald stößt Smith auf erste Ungereimtheiten wie zum Beispiel unerklärliche Kopfverletzungen und widersprüchliche Zeugenaussagen. Was hat es mit dem verschwundenen Kanu auf sich, das auf dem Fluss gesichtet wurde?
Zusammen mit dem ehrgeizigen Auszubildenden Waters ermittelt Smith akribisch und riskiert so manchen nicht autorisierten Alleingang. Seine unorthodoxen Methoden könnten ihn erneut in Schwierigkeiten bringen. Die Ermittlungen gehen langsam voran, bestätigen aber, dass es sich keineswegs um einen einfachen Badeunfall handelt. Am Ende ist alles anders als vermutet.
Mich hat der ruhig erzählte Roman auch wegen der sorgfältigen Charakterisierung der Figuren und der Beschreibung der Landschaft von Norfolk überzeugt. Mir gefällt, dass es keine blutrünstige Gewaltorgie ist, sondern der Schwerpunkt auf anderen Aspekten eines Krimis liegt. Es wird nicht das letzte Buch des mir bisher unbekannten Autors bleiben, dessen 23 Romane mit großem Erfolg zunächst im Selbstverlag erschienen und nun erneut von englischen und amerikanischen Verlagen veröffentlicht und erstmals übersetzt werden.
Eine Geschichte von Liebe und Rache
Das habe ich wegen dir getan von John Lanchester
Im Mittelpunkt von John Lanchesters neuem Roman steht das Ehepaar Jack und Kate Mittlestone. Sie sind seit Jahrzehnten glücklich verheiratet und leben in London. Jack ist Architekt, Kate eine ehemalige Lehrerin. Dann stirbt Jack plötzlich. In ihrer tiefen Trauer sucht Kate Trost in ihrem Lesekreis.
Dort schwärmen alle von der neuen Streaming-Serie “Betrug“, erzählen einzelne Szenen und zitieren aus den Filmen. Kate ist zutiefst entsetzt, weil jemand ihre Ehe mit intimen Szenen und zahllosen peinlichen Details zu einer Fernsehserie verarbeitet hat. Wie kann Phoebe Mull, die Autorin des Drehbuchs, das alles wissen? Kate vermutet zunächst, dass ihr geliebter Ehemann ihr untreu war, und mit seinen Geliebten dieselben Dinge getan und dieselben Sprüche von sich gegeben hat. Dann beginnt sie Nachforschungen anzustellen und findet mit Hilfe eines technisch versierten Freundes eine andere Erklärung. Kate plant erfolgreich eine grausame Rache, bei der sie keine Grenzen kennt.
Der Roman ist zugleich Rachekomödie und Gesellschaftssatire, die die Boomer und die Millennials zu erbitterten Gegnern werden lässt, aber es ist nicht alles komisch. Vieles ist fies und grausam und ziemlich düster. Mir hat der wendungsreiche Roman trotz einiger Längen gefallen, auch wenn einige Episoden nicht besonders plausibel und teilweise vorhersehbar sind. Gelungen finde ich, dass die Kontrahentinnen Kate und Phoebe ihre Geschichte aus ihrer jeweiligen Perspektive erzählen. Das alles ist nicht leicht zu lesen, aber lesenswert.
Zwischenbilanz eines Lebens
Alleinruhelage von Eva Menasse
Im Mittelpunkt von Eva Menasses neuem Roman “Alleinruhelage“ steht eine Frau, die aus Wien stammt, lange in Berlin gelebt hat und mit ihrem Mann ein Wochenendhaus in Vogelsang in Vorpommern kauft. Nach dem Scheitern ihrer Ehe lässt sie das Haus von zwei sehr geschickten Handwerkern aus Polen und Moldawien renovieren, um es im Anschluss zu verkaufen.
Dann überlegt sie es sich noch einmal anders und behält es weitere zehn Jahres. Nach gut zwanzig Jahren teilt sie dem Haus mit "Haus, ich verkaufe dich" (S. 209).
In dem Roman geht es um Deutschland in der Nachwendezeit, die Spannungen zwischen Ossis und Wessis, die grundsätzliche Schwierigkeit, als Fremde von einer Dorfgemeinschaft akzeptiert zu werden und natürlich um die zunächst glückliche, später scheiternde Ehe und neue, vorübergehende Beziehungen. Erschwert wir die Lektüre durch die Tatsache, dass die meisten Personen keine Namen haben, wobei Onkel Walter kein Verwandter ist, sondern ein Freund des Vaters der namenlosen Ich-Erzählerin und seine Frau Hüpfi natürlich nicht Hüpfi heißt. Die einzelnen Episoden der Geschichte sind weder personell noch zeitlich exakt zuzuordnen, was die Lektüre zusätzlich erschwert. Thematisch ist der Roman dabei durchaus interessant, weil er sich mit den Themen Heimat und Fremdheit befasst und anschaulich darstellt, dass man manchmal einen Schlussstrich unter Vergangenes ziehen und einen Neuanfang wagen muss. Für mich war der Roman zu verworren, um mich zu begeistern. An "Dunkelblum" kommt er n meinen Augen nicht heran. Schade.
Leben an der Grenze
Querfeldein von Alex Capus
Die Geschichte spielt in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in der Schweiz. Ein Junge namens Arnold übt viele verschiedene Tätigkeiten aus und zwar nie länger als 100 Tage. Auf diese Weise will er das unvermeidliche Hamsterrad vermeiden und ein interessanteres Leben führen. Dann gewinnt er beim Glücksspiel eine große Summe Geld und kauft sich in einem Ort in der Nähe der Grenze zu Deutschland ein Grundstück mit einem Haus.
Daraus wird ein Gasthof, den er über viele Jahre führt. Eines Tages reitet eine junge Frau namens Betty in das Dorf. Die beiden verlieben sich und heiraten. Sie bekommen acht Kinder. Betty ist eine begeisterte Pferdezüchterin. Sie lässt sich von niemandem etwas vorschreiben, und auch Arnold weiß lange Zeit nicht viel über sie. Die älteste Tochter Clara kommt ganz nach ihrer Mutter, ist eigensinnig und ausgesprochen exzentrisch. Probleme für ihre Familie und das Dorf gibt es, als sich Clara in den Schmuggler Hermann verliebt, der Kaffee und Zucker über die Grenze schafft. Seine Aktivitäten bleiben nicht unentdeckt, und eines Tages im Jahr 1933 kommen nationalsozialistische Grenzbeamte über die Grenze und entführen Hermann nach Deutschland. Das ganze Dort setzt sich für den Entführten ein, um ihn auf Schweizer Boden zurückzuholen.
Es ist eine ungewöhnliche, auf Tatsachen basierende Geschichte mit interessanten Charakteren, die ich sehr gern gelesen habe. Ich kenne und schätze den Autor seit Jahren und empfehle den neuen Roman auch wegen seiner sprachlichen Qualität.
Die Zeit wird für jeden kommen
Deine Zeit wird kommen von Carl-Johan Vallgren
Vallgrens mit dem schwedischen Krimipreis ausgezeichneter Roman spielt im Jahr 1993 im ländlichen Falkenberg. Ein junger Mann namens Ove findet die Leiche eines jungen Mädchens in einem Bach in einem Waldgebiet. Das lange nicht zu identifizierende Opfer ist kahlgeschoren, stark unternährt und weist Spuren von Fesselungen auf.
Kommissar Björling, sein Mitarbeiter Hakansson und seine Kollegin Johanna aus Stockholm brauchen lange, um die Identität des Mädchens zu klären. Dann verschwindet Björlings 17jährige Tochter Malin spurlos. Sie war alles, was Björling nach dem Tod seiner geliebten Frau Maria ein Jahr zuvor noch blieb. Nun muss er befürchten, dass auch sie ein Opfer des unbekannten Mörders wurde. Auch seine Kollegin ist durch ihr Leben mit einer alkoholabhängigen Mutter und eine Gewalterfahrung in der Jugend noch immer traumatisiert und hat Schuldgefühle, weil sie ihre jüngere Schwester Ellinor nicht wirksam beschützen konnte. Die Polizei folgt verschiedenen Spuren – lange ohne Ergebnis.
Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt, u.a. der Sicht des Opfers. Auf diese Weise erfährt der Leser mehr und früher, was dem Mädchen widerfährt, vor allem, dass sie noch lebt, als alle sie längst für tot halten. Das nimmt dem Thriller meiner Meinung nach etwas von der Spannung, macht aber auch das Leiden des Opfers stärker nachvollziehbar. Björlings Verlusterfahrungen führen zu seinem völligen Zusammenbruch und äußern sich auch darin, dass er immer wieder halluziniert und scheinbar Selbstgespräche führt, wenn er glaubt, seine verstorbene Frau vor sich zu sehen. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Trauer und Verlust ist in meinen Augen jedoch kein Nachteil, sondern der detaillierten Darstellung von exzessiver Gewalt allemal vorzuziehen. Vallgrens Roman hat die Auszeichnung meiner Ansicht nach auf jeden Fall verdient.











