Kunden em pfehlungen
Rezensionen von cosmea:
Am Ende gehen wir alle zurück zum Anfang
Das ist Glück von Niall Williams
Der 77jährige Noel Crowe lässt sein Leben Revue passieren und erinnert sich vor allem an die Zeit als 17jähriger. Damals verließ er das Priesterseminar in Dublin, weil er den Glauben verloren hatte. Er zieht bei seinen Großeltern Doady und Ganga in Faha, einer kleinen Gemeinde im Südwesten Irlands in der Grafschaft Kerry ein.
Das Besondere an Faha, das niemand mehr beachtete, war, dass es dort immer regnete. Kurz vor Ostern im Jahr 1958 hört der Regen auf, und die Sonne scheint tagelang. In Faha stehen jedoch noch weitere Veränderungen an. Mit Jahrzehnten Verspätung soll die Gemeinde endlich an das Stromnetz angeschlossen werden. Damit sind einschneidende Veränderungen verbunden, die nicht jeder im Ort begrüßt. Christy McMahon arbeitet für die Elektrizitätsgesellschaft und hält Kontakt zu den Bewohnern, bei denen er die Zustimmung einholen muss, wenn auf ihren Feldern Strommasten errichtet werden. Christy wird Untermieter bei Noels Großeltern und teilt sich mit ihm ein Zimmer. Die Beiden werden Freunde. Noel spürt schon bald, dass Christy einen anderen Grund hat, in genau dieses Dorf zu kommen. Christy erzählt ihm, dass er fünfzig Jahre zuvor eine Frau unter besonders demütigenden Umständen verlassen hat. Annie Mooney heißt inzwischen Mrs Gaffney und lebt in Faha, und Christy will sich bei ihr entschuldigen und Wiedergutmachung leisten. Zugleich verliebt sich Noel zum ersten Mal in seinem Leben, zunächst in Sophie, die jüngste Tochter von Doctor Troy, dem Arzt des Ortes. Der Leser verfolgt seine Entwicklung vom tiefen Schmerz eines Jungen zum jungen Erwachsenen, der tiefe, romantische Gefühle entwickelt.
Williams beschreibt detailverliebt das Dorf mit einer Vielzahl von Bewohnern, Landschaft und Wetter und typische Aspekte des Dorflebens wie die Rolle der Kirche, irische Musik, Alkoholkonsum, Fußball. Insgesamt ist die Geschichte eher handlungsarm, stellt aber humorvoll und voller Sympathie ein gelungenes Porträt des ländlichen Irland in einer anderen Epoche dar - ohne Sentimentalität oder übertriebene Romantisierung. Eine lohnende, aber nicht ganz leichte Lektüre.
Die Geretteten
Die Bucht von Liz Webb
Nancy Ryan zieht mit ihrem Lebensgefährten Calder Campbell von London auf die fiktive Insel Langer vor der schottischen Westküste. Die Insel ist durch ihre reichlichen Schiefervorkommen bekannt. Dort ist er aufgewachsen, und nun hat er nach dem Tod der Mutter das Haus geerbt. Beide freuen sich auf einen Neuanfang, doch schon bald kommt alles anders.
Nancy hat Schwierigkeiten, sich in dem Dorf einzuleben, dessen Bewohner ihr fremd bleiben. Eine besondere Rolle spielt hier der Pfarrer, der eine wichtige Position im Ort einnimmt und die Geheimnisse vieler Bewohner kennt. In einem speziellen Ritual lässt er die Bewohner ihre Sünden auf Schiefertafeln schreiben, die dann abgewischt werden. Durch diese symbolische Handlung sind diese Gläubigen dann von ihren Sünden befreit. Sie sind gerettet - von daher der Originaltitel "The Saved".
Eines Tages unternimmt Calder eine unangekündigte Bootsfahrt. Nancy sieht später das gekenterte Boot, und Calder treibt leblos im Wasser. Wider Erwarten überlebt er den Bootsunfall. Damit sind die Probleme jedoch nicht gelöst, denn Calder kommt völlig verändert aus dem Krankenhaus zurück. Nancy begreift, dass sie nicht viel über ihren Partner weiß. Damit haben beide Geheimnisse voreinander, denn Nancy hat Calder mit seinem besten Freund betrogen, der zugleich der Ehemann ihrer engsten Freundin ist. Dann wird eine Leiche angespült, und ungeklärte Ereignisse aus der Vergangenheit spielen plötzlich eine große Rolle. Es gibt immer neue Verdächtige, und Nancy misstraut Calder und flüchtet vor ihm.
Der Roman ist spannend zu lesen mit zahlreichen Wendungen und einer Auflösung, die man nicht unbedingt erwartet. Mir haben die sorgfältig charakterisierten Figuren und die Landschaftsbeschreibungen der schottischen Küste gut gefallen. Sehr empfehlenswert.
Es gibt doch eine Zukunft
Strandgut von Benjamin Myers
Earlon “Bucky“ Bronco ist in den 70ern und lebt in Chicago. Er hat seit dem Tod seiner über alles geliebten Frau Maybell fast ein Jahr zuvor seinen Lebenswillen verloren und wartet nur noch auf den Tod, zumal er ständig unter sehr starken Schmerzen leidet. Er nimmt Schmerzmittel und ist inzwischen abhängig von Opioiden, die nur vorübergehend Erleichterung verschaffen.
Für eine Operation hat er kein Geld. Sei ganzes Leben hat er in prekären Verhältnissen mit einer Vielzahl von unterbezahlten Jobs verbracht, ein typischer Underdog ohne Chancen. Eines Tages erhält er eine Einladung zu einem Festival in Scarborough in Yorkshire. Als sehr junger Mann hatte er Erfolg mit wenigen Soultiteln, die in seiner Heimat längst in Vergessenheit geraten sind. Er nimmt die Einladung an, weil er noch nie gereist ist und das Meer in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen hat. Leider vergisst er seine Opioide im Flugzeug, was ihm einen sehr unangenehmen kalten Entzug beschert. In England betreut ihn Dinah, eine sympathische Frau in den 50ern, die seine Musik kennt und liebt. Auch sie ist nicht glücklich in ihrem Leben als Supermarktangestellte mit einem Alkoholiker als Mann, der immer wieder durch Diebstähle auffällt, und einem drogenabhängigen Sohn, der keine Anstalten macht, am realen Leben teilzunehmen. Bucky und Dinah kommen ins Gespräch und erleben, dass man nicht aufgeben darf, dass menschliche Kontakte und Hilfe dem Leben eine neue Richtung geben können. Auch für Bucky hat die Zukunft Potenzial, enthält wieder Möglichkeiten. Mit Dinahs Hilfe kann er Zweifel, Ängste, Einsamkeit, schmerzlichen Verlust und körperlichen Niedergang hinter sich lassen.
Der Autor erzählt die Geschichte sehr empathisch in einer poetischen Sprache und beschreibt die Schönheit der Landschaft und des Meeres sehr überzeugend. Mir hat nach “Offene See“ und “Der perfekte Kreis“ auch Myers neuer Roman wieder gut gefallen.
Auf der Suche nach der eigenen Identität
Sputnik von Christian Berkel
Mit “Sputnik“ legt Christian Berkel seinen dritten Roman vor. Wie zuvor “Der Apfelbaum“ und “Ada“ ist auch der neue Roman autofiktional, d.h. dem Leser muss bewusst sein, dass es sich trotz allem um Fiktion handelt, dass sich die Dinge in der Realität nicht 1:1 so abgespielt haben. Das fängt schon damit an, dass der Autor keine Schwester namens Ada hat.
Die Geschichte beginnt vor seiner Geburt im Mutterleib und endet, als Berkel etwa 21 Jahre alt ist. Ein Ich-Erzähler namens Sputnik übernimmt Berkels Rolle als Erzähler. Berkel wurde 1957 kurz nach dem Start des ersten Satelliten in der Erdumlaufbahn geboren, von daher der Name Sputnik. Wir lesen, wie schwierig das Verhältnis zu seinen Eltern war, die beide schwer traumatisiert den zweiten Weltkrieg überlebt hatten. Die aus einer jüdischen Familie stammende Mutter Sala war zeitweise im Lager Gurs in den Pyrenäen eingesperrt, der Vater Otto verbrachte Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Wir lesen über Sputniks Schulzeit in Berlin, danach über die Jahre in Frankreich, bevor er auf der Suche nach einem Engagement an einem Theater nach Deutschland zurückkehrt, nachdem seine Bewerbungen in Frankreich, zum Beispiel an der Comédie Francaise, trotz seiner hervorragenden Französischkenntnisse erfolglos waren. In Deutschland wurde er dann von einer Reihe von Theatern in verschiedenen Städten engagiert. Schon früh interessiert er sich für Kunst und Literatur und entscheidet sich bereits als sehr junger Mann für den Beruf des Schauspielers. Er hat enge französische Freunde, und lernt immer wieder Mädchen kennen, zu denen er sich hingezogen fühlt. Einige dieser Beziehungen werden ausführlicher beschrieben. Interessant sind auch die Ausführungen über den Schauspielunterricht und die Beschreibung von Theaterproben. So erleben wir das Theater als eigene, ganz besondere Welt.
Berkels neuer Roman über seine Kindheit und Jugend liest sich nicht schlecht, ist aber insgesamt etwas handlungsarm mit einigen Längen. Für mich ist immer noch „Der Apfelbaum“ sein bestes Buch.
Die Welt muss neu geschaffen werden
Eine Welt nur für uns von Claire Deya
Claire Deyas Roman “Eine Welt nur für uns“ spielt im April 1945 in Hyères an der Côte d´Azur, kurz vor Deutschlands Kapitulation. Der Süden ist bereits wieder befreit. Vincent, ein französischer Arzt ist aus deutscher Kriegsgefangenschaft geflohen und schließt sich unter falschem Namen einem Minensuchtrupp an, zu dem auch eine Gruppe von deutschen Kriegsgefangenen gehört.
Vincent hofft, auf diese Weise Informationen zum Schicksal von Ariane, der Liebe seines Lebens zu gewinnen. In einem Schloss, wo die Kommandozentrale der Deutschen residierte, wurde sie zuletzt gesehen. Seit etwa zwei Jahren ist sie spurlos verschwunden. Der Leser verfolgt Vincents Recherchen sowie die gefährliche Tätigkeit der Minenräumer, die 13 Millionen Minen, die Hinterlassenschaft der Deutschen und der Alliierten unter Einsatz ihres Lebens beseitigen müssen, damit eine Rückkehr zur Normalität überhaupt erst möglich ist. Es geht auch um Saskia, die einzige Überlebende einer jüdischen Familie, die feststellen muss, dass fremde Leute im Haus ihrer Familie leben. Auf französischer Seite gab es Kollaborateure und Denunzianten, die Häuser und Besitz ihrer Landsleute an sich gebracht haben. Da die Briefe der Denunzianten im Schloss noch existieren, findet auch Saskia heraus, wer ihre Familie auf dem Gewissen hat.
Der Roman macht deutlich, wie schwer nach so viel Tod und Zerstörung die Annäherung der ehemaligen Feinde ist, wieviel Hass und Misstrauen überwunden werden muss, ehe eine Versöhnung möglich ist. Die Welt muss neu geschaffen werden, nachdem alles zu Bruch gegangen ist. Darauf weist ja auch der französischen Titel “Un monde à refaire“ hin. Diejenigen, die alles verloren haben, die wirklich gekämpft haben, finden sich schwer damit ab, dass Kriegsgewinnler und Denunzianten im Namen der nationalen Wiederversöhnung ungeschoren davonkommen.
Deyas Roman hat mir sehr gut gefallen, weil sie das, was damals geschehen ist, anhand einiger beispielhafter Schicksale sehr gut nachvollziehbar macht. Eine klare Empfehlung.
Von der Schwierigkeit, perfekt zu sein
Teddy von Emily Dunlay
Theodora “Teddy“ Huntley Carlyle stammt aus einer reichen und einflussreichen texanischen Familie. Ihr Onkel Hal rechnet sich sogar Chancen auf die nächste Präsidentschaft aus. Deshalb muss nach außen alles perfekt sein. Da passt es nicht ins Bild, dass Teddy mit knapp 35 noch unverheiratet ist und ihr Leben in jeder Hinsicht nicht in den Griff bekommt.
Dann lernt sie David Shepard kennen, der wenig später einen Job in der amerikanischen Botschaft in Rom antreten wird. Sie heiraten, und Teddy freut sich auf den Neuanfang. Sie will die perfekte Diplomatengattin sein. Dazu gehört ein glamouröses Äußeres und perfektes Benehmen in der Öffentlichkeit. Anfangs bezaubert sie alle mit ihrer Schönheit und hat Spaß an ihrem kleinen Job in der Botschaft. Jedoch wird im Prolog schon deutlich, dass es nicht funktioniert hat. Bei einer Party nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft trinkt sie zu viel, und ein Fotograf schießt ein kompromittierendes Foto, dessen Veröffentlichung sie mit allen Mitteln verhindern will. Sie hat nicht nur bei einem anderen Empfang den Russen Jewgeni Larin wiedergetroffen, mit dem sie sich in Texas für eine Nacht eingelassen hat und den sie inzwischen für einen Spion hält - sie wird jetzt auch zum Opfer einer Erpressung, die ihr kurzes glanzvolles Leben wieder zerstören kann. Es gibt in diesem Zusammenhang einen blutigen Vorfall bei der letzten Party, und das Sicherheitspersonal der Botschaft befragt sie. Ihr detaillierter Bericht ist die Geschichte ihres Lebens bis zur Gegenwart. Inzwischen weiß Teddy, dass ihr Mann seine eigenen Geheimnisse hat und sie ihn nie wirklich kannte.
Die entscheidenden Ereignisse passieren im Sommer 1969. Es ist eine noch stark männerdominierte Epoche. Ihr Ehemann gibt ihr Taschengeld und kritisiert ihre Verschwendungssucht, obwohl das Geld von ihrer Familie kommt. Er schreibt ihr vor, was sie zu tun und zu lassen hat. Teddy glaubt, dass sie sich mit ihrer teuren Garderobe, dem Schmuck, den zahllosen Kosmetikartikeln und dem Sortiment an Pillen zu der Frau machen kann, die sie sein will. Sie hofft, in ihrem neuen Leben die perfekte Fassade aufbauen zu können. Um jeden Preis will sie verhindern, dass irgendjemand die Wahrheit über ihr zügelloses Leben in der Vergangenheit erfährt, vor allem über ihren gefährlichen Kontakt zu dem Russen. Teddy ist kein unsympathischer Charakter, legt aber viel zu viel Wert auf Äußerlichkeiten und lässt zu lang andere über sich bestimmen. Der Roman ist nicht frei von Längen. Die Tatsache, dass sie von Anfang in Vorausdeutungen äußert, dass sie es nicht schaffen wird, dass sie alles ruiniert hat, nimmt dem Roman noch zusätzlich die Spannung. Sprachlich ist das Buch gelungen, auf jeden Fall ein interessantes Porträt einer anderen Zeit und einer ungewöhnlichen Frau.
Schöne kleine Loser
Der Kaiser der Freude von Ocean Vuong
Der 19jährige Hai lebt mit seiner Mutter in East Gladness, einem heruntergekommenen Ort in Connecticut. Sie sind aus Vietnam geflohen und versuchen seit Jahren, sich ein neues Leben aufzubauen, ziemlich vergeblich. Hai ist seit Jahren tablettensüchtig und bekommt sein Leben nicht in den Griff. Eines Tages steht er wieder einmal auf einer Brücke und denkt über Selbstmord nach.
Dabei wird er von Grazina, einer 82jährigen Frau beobachtet, die den Krieg in Litauen überlebt hat. Sie hindert ihn daran, sich umzubringen, und er zieht in ihr heruntergekommenes Haus voller Erinnerungsstücke. Hai wird ihr Pfleger, denn sie wirkt zumindest zeitweise orientierungslos und dement. Im Laufe der Zeit kommen sie sich näher und helfen einander im Alltag. Hai hat schon einmal ein Studium in New York abgebrochen und will seine Mutter nicht noch einmal enttäuschen. Also erzählt er ihr eine Menge Lügengeschichten von seinem angeblichen Medizinstudium. In Wirklichkeit findet er durch seinen zwei Jahre jüngeren Cousin Sony einen Job in einem Diner. Dort müssen sie für wenig Geld hart arbeiten und bleiben für alle Außenstehenden arme Loser, die nie dazugehören werden. Auch Sony bekommt sein Leben nicht auf die Reihe, ist besessen vom amerikanischen Bürgerkrieg und von dem Film Gettysburg, den er sich schon unzählige Male angesehen hat.
Ocean Vuongs neuer Roman erzählt in einer sehr poetischen Sprache gesellschaftskritisch mit viel Empathie vom Schicksal der Ausgegrenzten, die es schaffen, durch Freundschaft und Solidarität zu überleben: "Das Leben ist gut, wenn wir einander Gutes tun" (S. 521). Besonders berührend ist die Beziehung von Hai zu Grazina, die er als Sergeant Pepper in gespielten Kriegsszenen immer wieder in der Vergangenheit trifft und dann in die Realität zurückholt. Nicht nur durch eingeschobene Fantasien, sondern auch durch zahlreiche Rückblenden und ständigen Wechsel der Zeitebenen liest sich der Roman nicht mühelos, aber er ist durchaus eine lohnende Lektüre wie schon Vuongs Debüt “Auf Erden sind wir kurz grandios“, das ich sehr schätze, auch wenn ich die Vielfalt von Themen, Episoden und individuellen Schicksalen teilweise etwas verworren finde.
Sheesh, das war cringe!
Die geheime Sehnsucht der Bücher von Nina George
In dem dritten Band der Reihe hat Monsieur Jean Perdu wieder mit seinem Bücherschiff, der Pharmacie Littéraire in einem Hafen an der Seine in Paris angelegt. Inzwischen hat er in der Auszubildenden Pauline Lahbibi eine Helferin, die wie ihr Chef über sehr gute Menschenkenntnis verfügt und den Menschen, die sie um Hilfe bitten, das passende Buch vermitteln kann.
Sie haben spezielle Veranstaltungen für Kinder eingeführt, was zum Teil zu wütenden Protesten der Mütter führt, die mit dem den Kindern vorgestellten Lesestoff nicht einverstanden sind. In diesem Zusammenhang gibt es auch rassistische Attacken gegen Pauline. Im Mittelpunkt der Handlung steht die knapp zwölfjährige Francoise, die Hilfe für ihre Mutter sucht. Die Mutter, eine Frau von Mitte 30 mit Namen Guinevere Aveline Cleo Bellanger, ist seit dem Tod ihrer Zwillingschwester Camille schwer traumatisiert und verlässt kaum das Haus. Sie hat 12 Jahre zuvor den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen, obwohl diese ihren Lebensunterhalt finanzieren. Francoise hat eine Liste von Dingen erstellt, die ihre Mutter unter ihrer Anleitung lernen soll, um endlich am realen Leben teilzunehmen. Auch Bücher sollen dabei helfen, denn wieder geht es darum, welche lebensverändernde Wirkung Bücher auf Menschen haben, sodass man sie wie Medikamente zur Heilung aller möglichen Störungen einsetzen kann. Dieses wichtige Thema gefällt mir wieder sehr gut, vor allem, weil Bücher einen so hohen Stellenwert in meinem eigenen Leben haben. Ich habe mit Freude festgestellt, dass ich die meisten der im Roman genannten Titel kenne. Außerdem ist Paris meine Lieblingsstadt, die ich so oft besucht habe, dass ich mich dort gut auskenne. Was mir nicht so gefällt, ist die sprachliche Qualität des Romans. Die unzähligen französischen Wörter und Lokalitäten sollen wohl ein typisch französisches Ambiente schaffen, sind aber so voller Fehler, dass sie bei mir das Lesevergnügen ebenso beeinträchtigt haben wie der - vorsichtig formuliert - kreative Umgang mit der deutschen Sprache und die beträchtliche Zahl von Fehlern, die ein gründliches Lektorat vermissen lassen. Hinzukommt die etwas gewollt wirkende Einbeziehung typischer Jugendsprache. Ich bin etwas enttäuscht.
Eine sehr spezielle Crew von Feuerwehrleuten
Devil's Kitchen von Candice Fox
Die Crew “Engine 99“ - bestehend aus Chief Big Matt, Engo, Jake und Ben – ist in New York City im Einsatz. Der Leser weiß von Anfang an, dass sie einen Teil der Brände selbst legen, um im allgemeinen Chaos dann Banken und Juweliergeschäfte und die Wohnungen an ihren Einsatzorten zu plündern.
Die Polizei ist in inzwischen misstrauisch geworden, weil es oft kurze Zeit vor spektakulären Einbrüchen dort Brände gegeben hat. Benjamin Haig genannt Ben hat außerdem die Polizei durch einen Brief über ihre kriminelle Nebentätigkeit informiert, um im Gegenzug zu erreichen, dass die Polizei die Suche nach seiner verschwundenen Partnerin Luna und ihrem Sohn Gabriel wiederaufnimmt. Das FBI schickt daraufhin eine verdeckte Ermittlerin, die sich Andy Nearland nennt und Teil des Teams wird. Die Gruppe bereitet gerade ihren letzten großen Coup vor. Andy muss ständig fürchten, enttarnt zu werden und ihr Leben zu verlieren. Chief Big Matt hat äußert brutale Methoden, die Loyalität seiner Leute zu testen. Das zeigt er auch bei seinem Umgang mit Andy und Ben, die sich schon bald näherkommen. Andy hilft Ben bei seiner Spurensuche nach den beiden Verschwundenen. Während die Polizei glaubt, dass Mutter und Sohn aus eigenem Antrieb weggegangen sind, vermutet Ben, dass seine Kollegen etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben. Mit Hilfe von Andy gewinnt er neue Erkenntnisse.
Erzählt wird die Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen, abwechselnd aus Bens und Andys Perspektive. Jedes Mitglied der Gruppe hat hier eine dunkle Vergangenheit, die nicht ans Licht kommen soll, vor allem Big Matt, der bei 9/11 dabei war und durch eine Fehlentscheidung seine damaligen Kollegen im Stich gelassen hat. Die anfängliche enorme Spannung lässt später etwas nach und verliert sich in unzähligen Handlungsumschwüngen und immer neuen detailreichen Komplikationen, um dann zum Ende hin wieder rasant zuzunehmen. Mich hat der Thriller trotz seiner teils recht derben Sprache und einigen sehr gewalttätigen Szenen gefesselt, und ich habe ihn sehr zügig gelesen.
Das ganze grüne, seltsame, schöne Land
Wo wir uns treffen von Anna Hope
Der Patriarch Philip Brooke stirbt, und seine drei Kinder Frannie, Milo und Isa kommen auf dem riesigen Anwesen der Familie in Sussex zusammen, um ihn zu beerdigen und um zu entscheiden, wie es mit dem Erbe weitergehen soll. Die Geschwister stehen einander nicht besonders nahe, auch ihrer Mutter nicht, und keiner trauert wirklich um den Egomanen, der seine Frau Grace immer wieder betrogen, sogar für Jahre mit seiner Geliebten in den USA gelebt und sich nie wirklich um seine Kinder gekümmert hat.
In den vergangenen 10 Jahren hat Haupterbin Frannie die Ländereien bewirtschaftet und ist ihrem Vater durch ihr Projekt der Renaturierung erstmals nähergekommen. Sein Sohn Milo hat dagegen andere Pläne. Er will ein luxuriöses Therapiezentrum zur Behandlung mit Psilocybin, das aus psychedelischen Pilzen gewonnen wird, ausgerechnet auf dem Teil des Grundstücks errichten, wo Ned, ein Freund und Helfer, seit fast fünfzig Jahren in seinem Bus wohnt. Milo hat im Übrigen nie verwunden, dass sein Vater ihn als Kind zwang, jahrelang im Internat zu leben, wo er gemobbt und misshandelt wurde, und seine Mutter es nicht verhinderte. Isa, die jüngste der drei Geschwister, führt eine schwierige Ehe mit zwei Kindern und sorgt bei dem Familientreffen für Probleme, weil sie Clara Nelson, die Tochter von Philips damaliger Geliebter, zur Beerdigung eingeladen hat. Clara hat vor ihrer Reise recherchiert und konfrontiert die Familie mit den problematischen Quellen des ungeheuren Reichtums, den der Urahn Oliver Brooke 200 Jahre zuvor erworben hatte.
Auf der Ebene der Erzählgegenwart – also rund um die Beerdigung – erstreckt sich die Handlung über fünf Tage. Jedoch taucht der Leser immer wieder tief in die Geschichte der einzelnen Personen ein und begreift, dass hier jeder auf seine ganz eigene Weise unglücklich ist. Es geht um Schuld und Vergebung und ganz speziell auch darum, ob eine Wiedergutmachung für die historische Schuld der Brookes möglich ist. Werden Philips Kinder, seine Witwe und Ned eine Chance auf einen Neuanfang bekommen?
Mir hat der interessante Roman mit seinen eindrucksvollen Beschreibungen menschlicher Beziehungen und überwältigend schöner Landschaften trotz deutlicher Längen gut gefallen.











