Kunden em pfehlungen
Rezensionen von cosmea:
Machtkämpfe überall
Die Liebeshungrigen von Karine Tuil
Ein Jahr, nachdem Dan Lehman, der fiktive linke Präsident mit jüdischen Wurzeln, nicht wiedergewählt wurde und gegen die Kandidatin der extremen Rechten verloren hat, kämpft er nach dem plötzlichen totalen Absturz noch immer ums Überleben. Seine zweite Ehe mit der deutschen Schauspielerin Hilda ist nach fünf Jahren nur noch Fassade, die Scheidung eine Frage der Zeit, zumal die attraktive Schauspielerin mit ihrem neuen Film auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen ist.
Kurioserweise beruht der Film auf dem neuen Roman von Marianne, Lehmans erster Frau, mit der er viele Jahre verheiratet war und drei Kinder hat. Er liebt seine Kinder sehr, auch die kleine taubstumme Tochter aus der Ehe mit Hilda. Er hat auch nie aufgehört, Marianne zu lieben und hofft, da wieder anknüpfen zu können, wo er die Beziehung einst beendet hat. Dan ist jedoch Alkoholiker, was einen Neuanfang zusätzlich erschwert und muss sich gegen diverse Anzeigen vor Gericht wehren.
Aus wechselnder Perspektive erzählt der Roman die Geschichte verschiedener Figuren und behandelt dabei nicht nur das Thema Liebe in all ihren Facetten, sondern vor allem auch die Machtkämpfe in allen Bereichen: in der Politik, in der Ehe und allen Beziehungen, in der Filmindustrie und im Literaturbetrieb. Die Autorin zeigt, dass sich Frauen in der Filmbranche besonders häufig gegen dominante übergriffige Männer wehren müssen. Sie macht außerdem deutlich, welche Macht die Medien ausüben, wenn sie Personen im Rampenlicht aufbauen oder Existenzen zerstören. So muss sich Dan Lehman nach seiner Wahlniederlage üble antisemitische Beschimpfungen gefallen lassen und hinnehmen, dass die von ihm geleistete Arbeit nichts mehr gilt. Angesichts dieser Thematik finde ich den deutschen Titel nicht besonders passend gewählt für einen Roman, der im Original “La guerre par d´autres moyens“ (Krieg mit anderen Mitteln) betitelt ist.
Ich kenne die Autorin schon seit vielen Jahren und habe auch ihren neuen Roman sehr gern gelesen. Ich empfehle ihn ohne Einschränkung.
Folge dem Licht
The Artist von Lucy Steeds
In Lucy Steeds Debütroman “The Artist“ bittet der junge Journalist Joseph Adelaide im Jahr 1920 den seit vielen Jahren zurückgezogen in einem alten Haus in der Nähe von Saint-Auguste in der Provence lebenden berühmten Maler Edouard Tartuffe um ein Interview und erhält die Erlaubnis zu einem Besuch.
Vor Ort erlebt er einige Überraschungen. Der Maler, der sich Tata nennen lässt, duldet ihn nur im Haus, wenn er ihm Modell sitzt, beantwortet jedoch keine Fragen. Die zweite Überraschung ist Sylvette genannt Ettie, die junge Nichte des Malers, die alle Pflichten einer Haushälterin erfüllt. Edouard hatte seine von einem verheirateten Mann schwangere Schwester bei sich aufgenommen und die Nichte allein aufgezogen, nachdem seine Schwester ihn wegen eines neuen Partners verlassen hatte. Tatsächlich verhält sich der Onkel jedoch nicht wie ein Ersatzvater, sondern erlaubt Sylvette kein selbstbestimmtes Leben, schon gar nicht, dass sie auch malt und eine künstlerische Karriere anstrebt. Er verhält sich wie ein Tyrann und zerstört gern mal, was Ettie liebt. Im Lauf seines mehr als dreimonatigen Aufenthalts bekommt Joseph Einblick in Edouards künstlerisches Schaffen und schreibt Artikel für seine Zeitung “The Inkling“ auch ohne ein einziges Interview. Außerdem erfährt er Etties Lebensgeschichte und ihr streng vor Tata gehütetes Geheimnis, und die beiden jungen Leute kommen sich näher.
Der Roman führt den Leser sprachgewaltig an die Welt der Malerei heran, lässt die entstehenden Gemälde mit den Mitteln der Sprache lebendig werden. Sehr eindrucksvoll beschreibt er den für Frauen damals generell schwierigen Weg zu einem selbstbestimmten Leben und zur Verwirklichung der eigenen Ambitionen. Ich habe den Roman sehr gern gelesen. Er ist allerdings ziemlich handlungsarm, weil die stimmungsvollen Ausführungen über die Entstehung von Kunstwerken doch einen sehr breiten Raum einnehmen. Ein Spannungsaufbau wird auch dadurch weitgehend verhindert, dass der im Jahr 1957 angesiedelte Prolog das zentrale Geheimnis um Ettie enthüllt. Dennoch ist dieses Buch schon wegen seiner poetischen Sprache und dem Einblick in künstlerisches Schaffen sehr empfehlenswert.
Wem kann man noch vertrauen?
Das letzte Buch von Marceau Miller von Marceau Miller
Der Roman von Marceau Miller ist ein ungewöhnliches Konstrukt, denn der fiktive Autor ist zugleich der Protagonist des Romans, dessen Handlung jedoch zum Teil nach seinem Tod spielt. Marceau Miller ist ein überaus erfolgreicher Autor. Nach der Feier mit seinem Verleger zum Erscheinen seines neuen Romans verschwindet er spurlos.
Er liebt das Risiko, fliegt sein Privatflugzeug Savage Bobber und hat lange Zeit riskante Klettertouren ohne jede Absicherung gemacht. Seine Frau Sarah vermutet, dass er sein Versprechen, auf letztere zu verzichten, gebrochen hat und sucht ihn in seinem bevorzugten Klettergebiet. Sie findet seine Leiche unterhalb eines steilen Felsens. Sarah glaubt nicht an einen Unfall und beginnt ihre eigenen Ermittlungen zusammen mit dem pensionierten Polizisten Yves Reynaud und unterstützt von den engsten Freunden Alexis und Rollin Uldry und seiner Frau Karen, mit der sie einen Bootsverleih betreibt. Ein Brief von einer Bank informiert sie über eine große Summe Geld und das Manuskript von Marceaus letztem Buch in einem Tresor. Das rätselhafte Manuskript, das angeblich die Wahrheit über alle rätselhaften Ereignisse der Vergangenheit enthält, bleibt jedoch lange unauffindbar.
Der Leser begleitet die zutiefst verstörte und trauernde Sarah bei ihren Nachforschungen. Was sie herausfindet, lässt sie daran zweifeln, dass sie irgendjemand noch trauen kann. Sie hat das Gefühl, ihren Mann überhaupt nicht gekannt zu haben, und auch ihre Freunde haben sie betrogen und verraten. Fast jeder hat in dieser Geschichte etwas zu verbergen, und nichts hat sich so abgespielt, wie es schien. Obwohl Sarah sich verfolgt und beobachtet fühlt und sogar in Lebensgefahr gerät, obwohl die Medien allen Beteiligten das Leben schwermachen, gibt Sarah nicht auf, bis sie die Wahrheit kennt.
Ich habe den spannenden Roman sehr schnell gelesen und nicht nur die Handlungen mit unzähligen Wendungen, sondern auch Beschreibung der wunderschönen Landschaft am Genfer See auf der französischen und der Schweizer Seite genossen. Allerdings wirkt der Plot schon insgesamt etwas konstruiert und wenig realistisch. Eine dennoch empfehlenswerte unterhaltsame Lektüre.
Gunni Hilding ermittelt
Tatort Trelleborg - Gunni Hilding ermittelt von Mattias Edvardsson
In Mattias Edvardssons neuem Roman steht Polizeimeisterin Gunni Hilding im Mittelpunkt. Die Geschichte spielt im Jahr 1989 in Trelleborg im Süden Schwedens. Gunni arbeitet eigentlich bei der Schutzpolizei, aber der Chef des Dezernats für Gewaltverbrechen beruft sie in sein Team, als ein kleiner Junge vermisst gemeldet und späte ermordet aufgefunden wird.
Es gibt eine Reihe von Verdächtigen, sogar Kinder sind darunter. Fünf Jahre später verschwindet wieder ein Kind, und Gunni sieht die Parallelen, obwohl sie längst nicht mehr im Dezernat arbeitet. Mit ihrer Hilfe gelingt es, die Fälle aufzuklären.
In diesem Roman spielen nicht nur die aktuellen Verbrechen eine Rolle, sondern auch Gunnis traumatische Familiengeschichte. Sie gehörte genau wie ihre Angehörigen zu den Zeugen Jehovas, bis sie aufgrund der falschen Beschuldigungen ihres Ex-Freundes aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Seitdem lebt sie bei ihrer Tante und hat nur noch zu ihrer jüngeren Schwester Gerd Kontakt. Immer wieder geht es um die Zeugen Jehovas und Gunnis Vergangenheit. Dadurch wird der Spannungsbogen um die Kriminalfälle immer wieder unterbrochen. Durch die zahlreichen unerwarteten Handlungsumschwünge ist der Roman jedoch insgesamt spannend genug, und ich habe ihn schnell und mit großem Interesse gelesen. Gunni ist eine sehr sympathische Protagonistin, deren Gerechtigkeitssinn und Empathie beeindruckend sind. Ich werde auf jeden Fall weitere Romane von Edvardsson und speziell um die Ermittlerin Gunni Hilding lesen, zumal “Tatort Trelleborg“ mit einem Cliffhanger endet und zum Weiterlesen einlädt.
Eine Chance auf einen Neuanfang
Mirabellentage von Martina Bogdahn
Anna Nass, 54 war jahrzehntelang Haushälterin bei Pfarrer Josef Heumann im kleinen bayrischen Dorf Blumfeld. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit und waren Freunde. Dann stirbt der Pfarrer plötzlich, und alles geht sehr schnell. Am Tag der Beerdigung kommt schon der junge Priester Fridtjof Nisser aus Rom, um Josefs Nachfolger zu werden und zieht ins Pfarrhaus ein.
Da gibt es nur ein Problem. Er stammt von einer Hallig in Norddeutschland, und sein Plattdeutsch wird niemand verstehen. Anna hat die rettende Idee. Als sich herausstellt, dass er auch kein Latein kann, gibt sie ihm Rezepte aus einem Kochbuch in italienischer Sprache für seine Predigten. Anna ist in tiefer Trauer und weiß nicht, wie ihr Leben weitergehen wird. Wenn der neue Priester keine Haushälterin braucht, muss sie einen Neuanfang wagen. Doch es gibt noch ein anderes Problem. Josefs letzter Wunsch war eine Einäscherung und Anna soll seine Asche im Meer verstreuen. Niemand von den Trauergästen weiß, dass sie einen leeren Sarg beerdigen. Da Anna seit ihrer Fahrprüfung nicht mehr Auto gefahren ist, nimmt sie Fahrstunden bei ihrem alten Fahrlehrer Manfred Tanner, der zwar damals der Schwarm aller Frauen war, aber nie eine Partnerin fürs Leben gefunden hat. Sie braucht dringend Unterstützung für die lange Fahrt Richtung Norden.
Bogdahns neuer Roman präsentiert eine sehr sympathische Heldin, die eine ganze Dorfgemeinschaft zusammengehalten hat. Sie gründete und betreute zahlreiche Gruppe, so dass ihr keine Zeit blieb, sich um ihr Privatleben zu kümmern. Immer wieder werden Episoden aus Annas Vergangenheit und Geschichten der Dorfbewohner erzählt. Das geschieht mit viel Empathie und Humor. Eine wichtige Rolle spielt auch der Mirabellenbaum vor dem Pfarrhaus. Aus den geernteten Früchten hat Anna nach einem geheimen Rezept jahrzehntelang Marmelade gekocht und zum großen Teil an die Dorfbewohner verschenkt. Der Duft der Früchte, die wunderschöne Landschaft rund um Blumfeld, die flirrende Hitze über dem See lassen den Schauplatz der Handlung sehr lebendig werden. Auch die vielen komischen Episoden tragen dazu bei, den Roman zu einem Wohlfühlbuch zu machen, das man schnell und gern liest.
Die Uhr tickt
Noch fünf Tage von Helena Falke
Die Spitzenköchin Lis Castrop hat nach Jahren im Londoner Gourmetrestaurant Catch unter ihrem Chef Quirin das Angebot der Schweizer Milliardärsfamilie Harman angenommen und arbeitet in ihrer prunkvollen Villa in Davos als Köchin. Als sie das Silvestermenü ausrichtet, passiert das Unvorstellbare. Die Eltern und zwei Kinder sterben an Polonium-210 im Essen.
Auch Lis wird vergiftet, hat aber eine geringere Dosis des Gifts abbekommen. Die Ärzte geben ihr noch fünf Tage. Lis will möglichst viel Zeit mit ihrer Tochter Cosima verbringen, aber auch den Mordanschlag aufklären, denn sie selbst gilt als Verdächtige, obwohl sie ebenfalls Opfer ist, weil sie das Essen zubereitet hat. Die sympathische Palliativschwester Esme unterstützt sie. Der Leser begleitet die beiden Frauen bei ihren Nachforschungen und erfährt viel über die Vergangenheit der Köchin, aber auch über die Harmans. Währenddessen läuft die Uhr, verdeutlicht durch die Angabe der Uhrzeit zu Beginn eines jeden Kapitels, was den Aufbau von Spannung verstärkt. Am Schluss ihres Lebens hat Lis herausgefunden, wer der Mörder ist und will ihn töten, vor allem, um ihre Tochter zu schützen.
Der Thriller ist spannend und liest sich sehr schnell. Er ist auch sprachlich gelungen und enthält vor allen Dingen keine Beschreibungen von exzessiver Gewalt. Mir hat besonders gefallen, dass immer wieder von ausgefallenen Rezepten und Zutaten der Gourmetküche die Rede ist. Das ist für den Normalverbraucher eine fremde Welt. Insgesamt ein sehr empfehlenswerter Roman.
Fahrt in ein neues Leben?
Grüne Welle von Esther Schüttpelz
Im Roman “Grüne Welle“ von Esther Schüttpelz tritt die namenlose Protagonistin nach dem monatlichen Kinobesuch mit ihrer Freundin den Heimweg an. Auf einer Umleitung verpasst sie die Ausfahrt, und statt umzukehren, entfernt sie sich immer weiter von ihrem Zuhause. Sie lässt eine Serie von grünen Ampelphasen entscheiden, wohin sie fährt.
Anfangs will sie ihrem Mann noch mitteilen, dass sie später nach Hause kommt. Das ist jedoch nicht möglich, weil der Akku von ihrem Smartphone leer ist und sie nirgends anhalten kann oder will. Während dieser langen Fahrt ins Ungewisse denkt sie über ihr Leben nach, ihre Freundin und über ihre unglückliche Ehe mit einem gewalttätigen Mann. Irgendwann weiß sie, dass sie eigentlich gar nicht zurückkehren möchte. An einer Tankstelle nimmt sie zwei junge Anhalterinnen mit, die ihr Interesse für Kunst teilen. Als sie in einem Wald anhalten, um ein von der Frau überfahrenes Reh zu begraben, kommt es zu einem Streit, weil sie die Fragen der beiden jungen Frauen nach der Herkunft ihrer Verletzungen nicht beantworten will, und sie fährt spontan allein weiter. Irgendwann stellt sie fest, dass sie nach 23 Stunden wieder in Richtung ihrer Heimatstadt unterwegs ist. Wird sie einfach so weitermachen wie bisher, oder findet sie den Mut zu einem Neuanfang? Einiges deutet auf letzteres hin, aber es fehlt eine klare Aussage dazu.
Der Roman liest sich nicht nur wegen seiner überschaubaren Länge, sondern auch wegen der sprachlichen Qualität zügig. Er hat mir gefallen, obwohl es gewöhnungsbedürftig ist, dass es weder eine geografische Verortung gibt noch Charaktere mit Namen. Da haben wir die Frau, den Mann, die Freundin der Frau, die Große, die Kleine. Gegenüber den Anhalterinnen nennt sich die Frau vorübergehend Amy, weil sie gerade einen Song von Amy Winehouse gehört hat. So kommt man den Figuren nicht wirklich nahe. Dennoch ist es für mich ein interessantes Buch, dessen Thematik nicht an Aktualität verliert, und durchaus empfehlenswert ist.
Pflicht oder Liebe?
Der Gesang der See von Trude Teige
Mit “Der Gesang der See“ liegt Trude Teiges Debütroman erstmals auf Deutsch vor. Die Geschichte spielt auf einer kleinen Insel an der norwegischen Westküste. Dort leben die Menschen von Fischerei und Schafzucht. Die junge Kristiane ist mit ihrem ersten Kind schwanger, als ihr geliebter Mann Anders bei einem Sturm ums Leben kommt.
Sie hat ihrem Vater einst versprochen, dass sie dafür sorgen wird, dass das Lotsenamt in der Familie bleibt. Er hat ihr zwar alles über das Leinenfischen und den Umgang mit Booten beigebracht, aber Frauen ist es verwehrt, als Lotsen zu arbeiten. Man setzt ihr eine Frist. Wenn sie keinen geeigneten neuen Partner findet, der die Lotsenprüfung besteht, verliert die Familie die Lotsennummer. Sie heiratet Lars, der seit der Kindheit ihr Freund ist und sie immer schon liebt. Er ist ein verlässlicher Partner und ein guter Vater für ihren kleinen Sohn Lisje Anders. Allerdings hat sich Kristiane inzwischen in Fredrik verliebt, einen gutaussehenden Mann aus einer reichen, einflussreichen Familie. Sie beginnen eine geheime leidenschaftliche Beziehung.
Kristiane ist eine sehr sympathische Protagonistin, eine ambitionierte, kämpferische Frau, die sich von Männern nichts vorschreiben lässt. Dafür erntet sie viel Kritik, obwohl sie durch geschicktes Verhandeln mit dem Fischhändler bessere Preise nicht nur für sich, sondern für alle Fischer im Dorf erzielt. Man tratscht über sie, weil sie im Meer schwimmt, was sich angeblich nicht gehört. Der Roman zeigt die harten Lebensbedingungen der Fischer, die durch ihre Arbeit kaum genug zum Überleben verdienen und lässt den Leser eintauchen in Landschaft und Klima der Westküste. Mir hat die Geschichte gut gefallen. Allerdings haben mich die ersten beiden Bände ihrer berühmten Trilogie noch mehr beeindruckt.
Die Wahrheit wird im Rauch sichtbar
Die Rätsel meines Großvaters von Masateru Konishi
“Die Rätsel meines Großvaters“ ist der zweite Band einer Trilogie des japanischen Autors Masateru Konishi. Im Mittelpunkt stehen die junge Lehrerin Kaede und ihr namenloser Großvater, der an DLB, einer besonderen Form der Demenz leidet. Bei ihm wechseln Phasen, in denen er bei klarem Verstand ist und andere, in denen er Personen und Ereignisse der Vergangenheit halluziniert.
Dann sieht er seine tote Ehefrau oder Tochter. Oft auch seine Enkelin als kleines Kind. Kaede verbringt viel Zeit mit dem geliebten Großvater, mit dem sie rätselhafte Kriminalfälle oder mysteriöse Vorfälle aufklärt. Beide haben traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, und beide teilen die Liebe zu berühmten Krimiautoren und zu Verfilmungen ihrer Werke. Der Großvater findet oft Handlungsmuster der großen Romane der Kriminalliteratur in aktuellen Fällen wieder und klärt sie blitzschnell auf, nachdem er um eine Zigarette gebeten hat und in den Rauch blickt: „… er konnte inmitten des Zigarettenrauchs eine Halluzination der Wahrheit sehen“ (S. 228). Oft sind mit Iwata und Shiki zwei Freunde von Kaede dabei, die beide in sie verliebt sind, ohne zu Rivalen zu werden. Zu den Protagonisten gehört mit Agatsuma auch ein ehemaliger Schüler des Großvaters sowie der Polizist Jonouchi.
Der Roman weist keine stringente Handlung, sondern vier voneinander unabhängige Rätsel auf, die vom Großvater gelöst werden, ohne dass er dazu seinen Lehnstuhl verlassen oder den Tatort eines Verbrechens aufsuchen muss. Sein messerscharfer Verstand und seine hervorragende Kombinationsgabe in seinen lichten Momenten sind genauso beeindruckend wie das liebevolle Verhältnis zwischen Großvater und Enkelin. Allerdings wirkt die Darstellung nicht besonders realistisch, eher märchenhaft. Das japanische Flair hat mir gefallen, die zahllosen japanischen Ausdrücke, die nicht erklärt oder übersetzt werden, eher weniger. Insgesamt bin ich ein bisschen enttäuscht.
Das Ende einer glücklichen Kindheit
Schwarzer September von Sandro Veronesi
Im Sommer 1972 ist Giogio Bellandi 12 Jahre alt. Sein Vater ist ein erfolgreicher, gutaussehender Rechtsanwalt, seine Mutter Betty eine gebürtige Irin. Er hat eine fünf Jahre jüngere Schwester namens Gilda. Wie immer verbringt die Familie den Sommer in Fiumetto an der ligurischen Küste. Der Vater kommt am Wochenende dazu und verbringt viel Zeit auf dem Wasser mit seinem geliebten Segelboot Tivatú.
Er nimmt Giogio mit auf diese Fahrten und führt mit ihm teilweise sehr riskante Manöver durch. In diesem Sommer verliebt sich der pubertierende Giogio in Astel, die dreizehnjährige bildhübsche Tochter einer Äthiopierin, die mit dem sehr reichen Geschäftsmann Lucido Raimondi verheiratet ist. Die Raimondis halten sich in der benachbarten Strandkabine auf, und ihre Häuser befinden sich auch in Sichtweite voneinander. Astel bitte Giogio um Hilfe beim Erlernen der englischen Sprache, und die beiden Jugendlichen übersetzen zusammen Songtexte von David Bowie und Cat Stevens. Sie kommen einander näher und verbringen so viel Zeit wie möglich miteinander, hören ihre Lieblingsmusik und tanzen dazu. Giogio interessiert sich auch für alle Sportarten und das Schachspiel und verfolgt aufmerksam die Olympischen Spiele in München. Doch dann passieren zwei schreckliche Dinge, und von einem Tag zum anderen ist nichts mehr, wie es war.
Etwa fünfzig Jahre später schreibt Giogio seine Geschichte auf. Er hat nichts vergessen, vor allem seine erste Liebe nicht. Der Autor lässt sich viel Zeit, wenn er die Ereignisse dieses Sommers nachzeichnet, und es passiert insgesamt nicht viel. Es gibt immer wieder Vorausdeutungen, die auf die unaufhaltsam nahenden Katastrophen hinweisen, wodurch die Spannung erhöht wird. Allerdings verringert die Tatsache, dass der Klappentext viel zu viel verrät, die Wirkung dieser Erzähltechnik erheblich. Mir hat der Roman gut gefallen, nachdem ich mich an die detaillierte Darstellung gewöhnt hatte, denn es geht ja auch um Sommer am Meer mit wunderbarem italienischem Ambiente.











