Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Sina:
Der Neuanfang nach dem Stillstand
Weiterleben von Patrick Charnley
„Weiterleben“ von Patrick Charnley hat mich zunächst optisch angesprochen - Cover und Bindung sind ein Hingucker und das Haus auf der Klippe vor dem dunklen Meer passt perfekt zur ruhigen Atmosphäre der Geschichte.
Die Ausgangslage klang vielversprechend. Gleich zu Beginn erfahren wir, dass Jago - wie der Autor selbst - 40 Minuten lang klinisch tot war.
Das sorgt sofort für ein beklemmendes Gefühl und wirft viele Fragen auf. Wer war Jago vor dem Herzstillstand? Wie sah sein Leben aus? Doch wirklich viele Antworten findet man im Laufe der Handlung nicht. Hier und da wird mal was angerissen aber zu einem ganzen Bild möchten sich die Stücke nicht zusammenfügen lassen.
Nach dem Herzstillstand begleiten wir Jago durch seinen neuen Alltag auf der Farm bei seinem Onkel, geprägt von Müdigkeit, Erschöpfung, Vergesslichkeit und Apathie. Die Geschichte profitiert hier vom ruhigen, entschleunigten Erzählstil. Der Schreibstil war für meinen Geschmack jedoch zu zäh und schlicht. Trotz der Kürze der Geschichte fiel es mir schwer, in einen guten Lesefluss zu kommen.
Zu den Figuren konnte ich leider keinerlei Zugang finden. Mir hat hier die emotionale Tiefe gefehlt, um Jagos Schicksal wirklich mitfühlen zu können.
Dennoch hat mir die Dynamik zwischen den Figuren - besonders Jago und seinem Onkel - gut gefallen.
Was mir aber am meisten fehlte, war der rote Faden. Ich wusste einfach nicht, was das Buch eigentlich sein will. Es wurden teilweise Story-Elemente eingebaut, nur um kurz darauf wieder fallen gelassen zu werden und im Sande zu verlaufen. Auch die Mischung der Genres hat für mich keinen Sinn ergeben. Die Geschichte startet als leiser Roman über einen Neuanfang und entwickelt sich am Ende zu einem Krimi, der wirkt wie aus einem Kinderbuch.
Alles in allen für mich leider ein Flop, der meine Erwartungen nicht erfüllen konnte.
Zweifelhafte Entscheidungen?
Herz König von Lily King
„Herz König“ von Lily King war mein erster Roman der Autorin, der mich aufgrund der vielen positiven Bewertungen neugierig gemacht hat. Das Prequel „Writers & Lovers“ habe ich nicht gelesen, da der Roman auch für sich allein stehen kann. Im Nachhinein bin ich mir unsicher, ob es nicht doch besser gewesen wäre, „Writers & Lovers“ vorher zu lesen, um der ganzen Geschichte mehr Tiefe zu verleihen und die Entwicklung der Figuren besser nachvollziehen zu können.
Eine junge Literaturstudentin lernt während ihrer Zeit an der Universität zwei charismatische junge Männer kennen und verbringt fortan viel Zeit mit ihnen. Schnell entsteht eine Beziehung zwischen ihr und einem der Männer, welche jedoch nicht lange hält. Nach einer Weile muss sie sich schließlich eingestehen, nun Gefühle für den anderen zu haben und aus einer zunächst heimlichen Beziehung entsteht etwas Ernsteres, etwas, das großes Potential für die Zukunft hat… bis er sie sitzen lässt.
Nach der ersten Hälfte des Buches folgt ein Zeitsprung über viele Jahre. Die Hauptfigur hat sich ein Leben mit Ehemann und Kindern aufgebaut und keinen Kontakt zu ihren ehemaligen Kommilitonen, bis sie ein Anruf erreicht und alles ins Wanken bringt.
Obwohl mir der Schreibstil der Autorin anfangs etwas zu abgehackt erschien und ich meine Startschwierigkeiten hatte, bin ich relativ schnell in einen guten Lesefluss gekommen. King's Figuren wirken zudem durch ihre ganz eigenen Probleme und Eigenheiten sehr authentisch und ich konnte schnell einen Bezug zu ihnen herstellen.
Der Aufbau des Buches hingegen hat für mich leider nicht funktioniert. Der Sprung zwischen den beiden Teilen war mir zu extrem und ich konnte die Entscheidungen der Hauptfigur im zweiten Teil gar nicht nachvollziehen. Zudem überschlugen sich die Ereignisse nur so. Ein Schicksalsschlag jagte den nächsten und die Geschichte, welche anfangs noch ein gemächliches Tempo vorlegte, wirkte plötzlich völlig überladen. Auf emotionaler Ebene konnte mich die Geschichte so leider auch nur bedingt abholen.
Insgesamt hab ich den Roman nicht ungern gelesen aber es bleibt ein Gefühl, dass hier Potential verschenkt wurde. Vielleicht sollte man wirklich das Prequel gelesen haben, um auch die Lücke im großen Sprung zwischen den beiden Handlungssträngen füllen zu können.
Tolles Sachbuch für (junge) Gamer:innen!
Kosmos SchlauFUX Gaming von Birk Grüling
Bei „Gaming“ aus der SchlauFUX Reihe des Kosmos Verlags handelt es sich um ein Kinder- und Jugendbuch ab 8 Jahren von Birk Grüling.
Ziel des Buches ist es, den Kindern und Jugendlichen interaktiv die Welt der Videospiele näher zu bringen, spannendes Wissen zu vermitteln und über mögliche Risiken aufzuklären.
Aufgeteilt in verschiedene Kategorien, sollen Lesende schnell einen Überblick darüber bekommen, welche Kategorien für sie am interessantesten sein könnten und sich so anhand von entsprechenden Symbolen leicht im Buch orientieren. Einem Thema ist stets eine Doppelseite gewidmet. Am Rand der linken Seite kann man nun sehen, von welchen Seiten man ursprünglich kommt und am Rand der rechten Seite werden neue Themen angeteasert, aus welchen man nun wählen kann und direkt auf die entsprechende Seite wechseln kann. Dieses Konzept sorgt für eine gute Übersicht und dafür, dass die jungen Leser:innen sich direkt mit den Themen beschäftigen können, die ihnen wirklich zusagen.
Die Bandbreite an Themen ist groß und vielfältig und mit Hinblick auf die Zielgruppe wirklich gut gewählt. Es werden verschiedene Berufe im Bereich der Spieleentwicklung vorgestellt, was für junge Leser:innen, welche ohnehin Begeisterung für das Gaming haben sehr interessant sein könnte. Zudem wird erklärt, wie beispielsweise Technologien wie KI Einfluss auf bestimmte Bereiche der Spieleentwicklung haben oder wie bestimmte Spiele unsere Kultur geprägt haben. Zwischendrin findet man auch Texte von Leuten, die in der Gaming-Branche tätig sind und über ihre Arbeit berichten. Bekannte und weniger bekannte YouTuber:innen und Streamen:innen werden vorgestellt und deren Arbeit auf entsprechenden Plattformen wird den Lesenden erklärt. Besonders gefallen hat mir auch, das die positiven Aspekte des Gaming hervorgebracht werden und erläutert wird, inwiefern sich das Zocken auf Koordinationsfähigkeiten oder Gedächtnis auswirken kann. Wichtig zu thematisieren ist natürlich auch das Suchtpotential, welches das Gaming aus verschiedenen Gründen mit sich bringen kann und darüber aufzuklären, was meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist.
Die Texte sind kurz und informativ, in einfacher und gut verständlicher Sprache formuliert. Auch die Farbgestaltung ist mit hauptsächlich gedeckten, unaufgeregten Farben gut gewählt. Die vielen Bilder, Illustrationen und Fotos veranschaulichen das Geschriebene und machen es besser greifbar.
Im Großen und Ganzen handelt es sich hierbei um ein tolles und informatives Buch für alle Gaming-Begeisterten. Ganz klare Empfehlung von mir!
Trauma mit Butterfly Effect
Über vier Leben von Pauline Hatscher
Pauline Hatscher widmet sich in ihrem Debütroman „Über vier Leben“ dem Thema transgenerationalen Trauma und wie wichtig es nicht nur für sich selbst, sondern vor allem auch für nachfolgende Generationen ist, dieses aufzuarbeiten.
Mirabell verspürt eine tiefsitzende Einsamkeit. Sie hat keinen Partner, keine Freund:innen und findet keinen Job.
Eine zeitlang konnte sie dies zwar noch auf die Pandemie schieben, doch inzwischen ist diese längst vorbei und Mirabell verbringt ihre Freizeit allein zuhause, in ihrer neuen Wahlheimat Leipzig. Mit ihrer Therapeutin spricht sie zwar über ihre Probleme, doch Antworten auf ihre Fragen findet sie auch hier keine. Um mehr Klarheit zu gewinnen, beginnt sie eine Rekonstruktion ihrer Familiengeschichte zu schreiben und stellt dabei vor allem die Frauen vor ihr in den Fokus.
Die Geschichte wird in vier Zeitebenen und Perspektiven erzählt. Wir begleiten Mirabell, Sabine (Mutter), Lisa (Großmutter) und Hannchen (Urgroßmutter) jeweils für einen bestimmten Lebensabschnitt, welcher prägend für den weiteren Lebensweg der entsprechenden Person ist. Das ist mitunter ziemlich schwere Kost. So erfahren wir beispielsweise, dass Hannchen vergewaltigt wurde, Lisa einen Suizid begeht und Sabine von ihrem Mann misshandelt, manipuliert und unterdrückt wird.
Die Idee des Romans hat mir sofort zugesagt. Transgenerationales Trauma ist ein Thema, welches mich sehr interessiert und dem (auch im fiktiven Rahmen) mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.
Auch die Umsetzung der Idee, die Geschichte einer Familie über vier Generationen durch Frauen zu erzählen, ist gelungen.
Leider waren Schreib- und Erzählstil für mich anfangs sehr gewöhnungsbedürftig. Zu viele Sätze begannen für mein Empfinden mit "Und also" und die Kapitel waren oft so kurz, dass ich nicht das Gefühl hatte, mit der Erzählerin warm zu werden oder überhaupt zwischen den Figuren unterscheiden zu können. Im weiteren Verlauf des Buches legte sich dies zwar, dennoch blieben mir vor allem die vier Frauen allesamt etwas zu blass. Hier hätte ich mir etwas mehr Tiefe vor allem in Bezug auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten gewünscht. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten kam ich gegen Ende des Buches in einen besseren Lesefluss und auch Hatschers Schreibstil konnte mich zum Ende hin doch noch überzeugen.
Alles in allem ein durchaus solides Debüt mit etwas Luft nach oben. Einem weiteren Buch der Autorin würde ich auf jeden Fall eine Chance geben. 3,5 Sterne
Superpower: Freundschaft
Honey und Blondie von Ubin Eoh
Mit „Honey & Blondie“ hat die Autorin, Journalistin und Podcasterin Ubin Eoh ihr Romandebüt veröffentlicht.
Im Fokus der Geschichte stehen die Freundinnen Hyunjeong und Bianca, die sich gegenseitig ihre Spitznamen geben und fortan von allen so genannt werden. Die zwei Freundinnen kommen aus ganz unterschiedlichen sozialen Umfeldern.
Honey ist die jüngste von drei Geschwistern und die Tochter koreanischer Einwanderer, während Bianca als Einzelkind mit ihrer alleinerziehenden Mutter zusammenlebt.
Als die junge, verängstigte Honey im Kindergarten in eine Situation gerät, die große Panik in ihr auslöst, tritt zum ersten mal die Superkraft ein, welche die zwei Freundinnen für den Rest ihres Lebens begleiten wird und eine tiefe, innige, fast magische Verbundenheit zwischen ihnen schafft.
Anders als im Klappentext angekündigt, spielt die Krankheit erst zum Ende der Geschichte eine übergeordnete Rolle. Wir begleiten die zwei Freundinnen auf ihrem Weg vom Kindsein, über Pubertät, bis in ihre 30er und dürfen so Teil dieser ganz besonderen Verbindung werden. Auf außergewöhnliche Art verbindet der Roman Fantasie mit gesellschaftskritischen Themen. Er bringt uns zum Nachdenken, berührt tief und lässt uns mit Hoffnung zurück.
„Honey & Blondie“ ist eines dieser Bücher, welches beim Lesen einen solchen Sog erzeugt, dass man es gar nicht mehr aus der Hand legen will. Eohs Schreibstil ist modern, nahbar und schnörkellos. Die kurzen Kapitel aus wechselnden Perspektiven mit popkulturellen Referenzen an die 1990er und 2000er Jahre, dürften bei den Millenials unter den Leser:innen große Nostalgie wecken und dafür sorgen, dass man immer „noch ein weiteres“ Kapitel lesen möchte.
Anfangs stand ich dem ganzen Konzept des Körpertauschs skeptisch gegenüber. Normalerweise mag ich keine Geschichten mit übernatürlichen Fantasy-Elementen. Ich muss aber sagen, dass sich diese Skepsis schnell gelegt hat, da hier einfach eine super innige Verbundenheit im Mittelpunkt steht und der Körpertausch beinahe mehr wie eine Metapher für ihre Freundschaft wirkt: Momente, die allein zu schwer tragbar sind, stehen sie so wortwörtlich für die jeweils andere durch.
Objektiv betrachtet ist es für mich eigentlich kein perfektes Buch. Der übernatürliche Aspekt und die unrealistische, perfekte Empathie zwischen den Freundinnen würde es so in der realen Welt nicht geben. Konflikte sind absolut menschlich und gehören zu jeder Freundschaft dazu, auch, dass man sich vielleicht mal nicht so gut in einen anderen Menschen einfühlen kann.
Die tiefe Verbundenheit ist hier bewusst übertrieben dargestellt und macht genau damit den Reiz der Geschichte aus. In einer Welt, in der man immer öfter das Gefühl hat, in einer Dystopie zu leben und Empathie unter den Menschen immer weniger wird, fühlte sich diese Geschichte wie eine lange und wohlige Umarmung an.
Das Ende hat mir komplett das Herz zerrissen und war gleichzeitig fast einen Ticken zu kitschig, dennoch hat es die Geschichte einfach perfekt abgeschlossen.
„Honey & Blondie“ war für mich ein ganz besonderes Leseerlebnis über Freundschaft, soziale Unterschiede und die Frage, wie viel ein Mensch für einen anderen tragen kann, das sicher noch lange nachhallen wird. Ich kann diesen außergewöhnlichen Roman jedem von Herzen empfehlen, der so ein Wohlfühlbuch braucht.
Als Gemeinschaft alles schaffen
Pina fällt aus von Vera Zischke
Mit „Pina fällt aus“ hat die Autorin Vera Zischke nach „Ava liebt noch“ ihren zweiten Roman veröffentlicht.
Pina ist alleinerziehende und pflegende Mutter. Sie hat ihr Leben komplett auf ihren 20-jährigen, autistischen Sohn Leo ausgerichtet. Da Leo feste Routinen braucht und auf Unterstützung im Alltag angewiesen ist, bleibt Pina wenig Zeit für sich selbst.
Sie selbst erfährt dabei nur geringfügig Unterstützung; ihr Vater weiß mit seinem Enkel nichts anzufangen und Zeit für Freund:innenschaften hat die Mitte 40-jährige auch nicht. Der einzige Mensch in ihrem Leben, der einer Bezugsperson nahe kommt ist die 86-jährige Inge, welche im selben Mehrfamilienhaus wohnt und für die Pina regelmäßig Einkäufe erledigt. Als Pina jedoch eines Tages nicht vom Einkaufen zurückkehrt gerät ihre und Leos Welt komplett aus den Fugen…
Das Beste an diesem Roman war für mich Vera Zischkes Schreibstil. Man merkt, dass die Autorin ein Händchen für Worte und Formulierungen hat. Klar und eindringlich, sowie stellenweise poetisch trifft sie den Nagel auf den Kopf.
Die unterschiedlichen Figuren wirkten einzeln betrachtet durchaus authentisch, dennoch blieben sie auf emotionaler Ebene eher blass und distanziert.
Die Handlung wirkte für meinen Geschmack stellenweise leider zu inszeniert und unrealistisch, was der Geschichte die Ernsthaftigkeit am Thema genommen hat. Trotz der schweren Thematik ist die Handlung durch seine Leichtigkeit gut zugänglich und macht es sicherlich auch für viele Leser:innen ansprechend.
„Pina fällt aus“ ist ein kluger und wichtiger Roman über Themen, denen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Die Care-Arbeit der Mutter mit allem, was mit ihr steht und fällt steht hier klar im Fokus, ebenso wie der Zusammenhalt einer Gemeinschaft, in der jede:r seine eigenen Stärken und Schwächen mitbringt.
Insgesamt hätte ich mir aber schon etwas mehr Lebensrealität gewünscht. Einige Szenarios wirkten einfach zu „drüber“ und auch die Darstellung des Krankenhausalltags (Intensivstation) wirkte eher wie durch eine rosarote Brille betrachtet, als an der Realität orientiert.
Lebenskrise oder Landidylle?
Statt aus dem Fenster zu schauen von Anna Katharina Scheidemantel
2.5 | In Anna Katharina Scheidemantels Roman „Statt aus dem Fenster zu schauen“ begleiten wir die junge Studentin Sophie, die sich in einem monotonen Praktikum wiederfindet und zunehmend an ihrem eingeschlagenen Lebensweg zweifelt. Angetrieben von der Suche nach sich selbst, trifft die sonst so nachdenkliche junge Frau eine impulsive und radikale Entscheidung: Ohne diese zuvor besichtigt zu haben kauft sie eine verfallene Immobilie für gerade einmal 3000 Euro im Internet.
Der Einstieg ins Buch beginnt somit rasant und aussichtsreich, lässt jedoch im weiteren Verlauf der Handlung stark nach.
Die Leser:innen werden mitgenommen auf eine Reise zwischen Renovierungsarbeiten, Gemüseanbau und Viehhaltung. Zwar gerät Sophie zwischendurch des öfteren an ihre Grenzen, dennoch wird hier der Prozess der Renovierung insgesamt stark romantisiert. Trotz keinerlei Vorkenntnisse scheinen sich die Dinge für Sophie einfach zu fügen und wirken dadurch wenig überzeugend. Auch das komplette Ausbleiben des bürokratischen Aspekts, den ein Hauskauf nun einmal mit sich bringt, macht die Handlung recht unglaubwürdig.
Sophie ist als Hauptfigur sinnbildhaft für viele junge Erwachsene: mit ihren Selbstzweifeln, der Ziellosigkeit und der Frage, was sie eigentlich vom Leben erwartet können sich garantiert viele Leser:innen identifizieren. Andererseits wirkt sie doch recht eindimensional und schwer greifbar. Trotz ihrer introspektiven Art drehen sich ihre Gedanken mehr im Kreis, als das sie zu irgendwas führen. Mir fehlt hier die persönliche Entwicklung der Protagonistin und auch die Nebenfiguren wirken eher blass und klischeehaft.
Insgesamt konnte mich das Buch leider nicht wirklich überzeugen. Weder der Schreib- noch der Erzählstil waren für mich stark genug, um die Ungereimtheiten der Geschichte auszugleichen. Die Idee hätte durchaus Potential gehabt, wurde aber zu unrealistisch dargestellt. Über weite Strecken plätscherte die Handlung vor sich hin, ohne, dass wirklich etwas passierte.
Wer eine ruhige, unaufgeregte Handlung sucht und über den ein oder anderen Logikfehler hinwegsehen kann, der wird sich bestimmt auf die Geschichte einlassen können und sich von der Atmosphäre überzeugen lassen.
Eine Welt voller Rätsel und Fragen
Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman
Der in Frankreich bereits 1995 erstmals veröffentlichte Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman gehört mittlerweile zu den modernen Klassikern und gilt als wichtiges Werk der feministischen Literatur.
Die namenlose Hauptfigur ist zusammen mit 39 weiteren Frauen in einem Käfig unter der Erde eingesperrt.
Kontakt zur Außenwelt besteht keiner und die einzigen anderen Menschen, die sie zu Gesicht bekommen sind einige Wachmänner, die aufpassen, dass die Frauen keinen Fluchtversuch unternehmen, sich etwas antun oder Körperkontakt miteinander aufnehmen.
Eines Tages passiert etwas völlig Unerwartetes, woraufhin die Männer fliehen. Nach einer Art Schockstarre trauen sich die Frauen irgendwann aus ihrem Käfig, doch die Welt da draußen ist gänzlich anders als sie erwartetet hatten. In der Hoffnung Zivilisation oder sonst irgendetwas zu finden, ziehen sie fortan ziellos umher.
Anfangs noch recht gefesselt von der sonderbaren Ausgangssituation und den Fragen und Gedanken, mit denen sich die Hauptfigur befasst, verlor ich leider recht schnell das Interesse an der Geschichte. Die Handlung wurde nach Befreiung der Frauen aus dem Käfig repetitiv und Spannungskurven gab es bis zum Schluss keine mehr.
Die Gedanken und Gefühle der Protagonistin sind realistisch und nachvollziehbar und werfen viele spannende Fragen und Gedanken auf. Die anderen Frauen hingegen wirkten für mein Empfinden gleichermaßen eindimensional, als auch authentisch. Sie definierten sich zum Großteil durch ihre Beziehungen (zu Männern), welche sie vor der Gefangenschaft führten. Was ist der Mensch ohne ihn prägende Gesellschaft, Geschlechterrollen oder Kultur?
Letztlich bleibt man als Leser:in mit mehr Fragen als Antworten zurück.
Für mich wird der Roman dem Hype leider nicht gerecht. Ich sehe hier wenig bis keinen feministischen Ansatz und hätte mir mehr Antworten gewünscht.
Weird Girl Fiction at its best!
Ein unheimlich guter Mensch von Kirsten King
Mit „Ein unheimlich guter Mensch“ hat Kirsten King einen Debütroman geschaffen, der sich wunderbar in den „Weird Girl Fiction“-Trend einreiht.
Lillian ist 29 Jahre alt, arbeitet in einem Marketingunternehmen und ist auf dem besten Wege Henrys feste Freundin zu werden - jedenfalls denkt sie das.
Als Henry jedoch unerwartet und auf höchst ungalante Art mit Lillian Schluss macht, beschließt sie im betrunkenen Zustand ihn mit einem Schadenzauber zu belegen. Am nächsten Tag ist Henry tot - und Lillian im Fokus der Ermittlungen.
Anfangs noch halbwegs nahbar entwickelt sich Lillian immer mehr zu einer Person, die mit voranschreitender Handlung zunehmend eskaliert und scheinbar komplett den Bezug zur Realität verliert. Egoistisch, selbstbezogen und durchweg unreflektiert können (oder wollen) sich wohl die wenigsten mit ihr identifizieren, doch genau dieser Aspekt macht es so spannend, die Geschichte aus ihrer Perspektive zu lesen.
Der Schreibstil von King ist klar und eindringlich, mit einer großen Portion schwarzem Humor. Die kurzen Kapitel haben bei mir zusätzlich zu einem regelrechten Lesesog geführt.
„Ein unheimlich guter Mensch“ ist ein wahnsinnig unterhaltsames Buch, das sicher nicht jedem zusagt. Wer Bücher mit absurdem Plot und „unhinged“ Protagonist:innen mag, wird dieses aber mit Sicherheit lieben!
Toxische Beziehungen und weibliche Gewalt
Gelbe Monster von Clara Leinemann
Mit „Gelbe Monster“ legt lit.COLOGNE-Gewinnerin Clara Leinemann ihren Debütroman vor.
Nach einem Wutausbruch kann die Anfang 20-jährige Mathematikstudentin Charlie nicht mehr zurück in ihre Wohnung. Unter der Bedingung, dass sie an einem Antiaggressionstraining für Frauen teilnimmt, darf sie vorübergehend bei ihrer besten Freundin Ella einziehen.
Grund für Charlie’s Aggressionsproblem ist ihr Exfreund Valentin. Was zunächst nach einer glücklichen und gesunden Beziehung aussah, entwickelte sich schnell zu etwas toxischem.
Mit Hauptfigur Charlie hat Clara Leinemann eine Antiheldin geschaffen, die mal mehr, mal weniger sympathisch, jedoch durch ihre Verletzlichkeit - und teilweise widersprüchlichen Verhaltensweisen - umso authentischer und echter wirkt.
Sie symbolisiert Täterin und Opfer zugleich, ohne, dass das eine gegen das andere ausgespielt wird.
Die Nebenfiguren sind mir auf den knapp 2o0 Seiten dann allerdings doch zu kurz gekommen; Valentin, Ella oder beispielsweise die anderen Frauen aus der Antiaggressionsgruppe sind verhältnismäßig blass geblieben und hätten mehr Potential gehabt.
Leinemann schreibt in einer klaren, schnörkellosen Sprache und mit einer gewissen Leichtigkeit, die den Konsum von schweren Themen wie emotionale Abhängigkeit, tradierte Liebesideale und häusliche Gewalt erträglich machen.
„Gelbe Monster“ ist ein kurzweiliges und kluges Buch über die Frage der eigenen Verantwortung innerhalb einer toxischen Beziehung, das bewusst keine schwarz-weiß-Malerei betreibt. Für mich zwar kein Highlight aber ein wichtiges Thema, welches hier mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet wurde.











