Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Unsichtbare Ausbeutung in der 24-Stunden-Pflege
Halbe Leben von Susanne Gregor
In "Halbe Leben" von Susanne Gregor lernen wir zwei gleichaltrige Frauen und ihre Lebenssituationen, die miteinander verflochten sind.
Klara liebt ihre Karriere in ihrem Architekturbüro, am wichtigsten ist ihr ihre berufliche Verwirklichung. In der Mutterrolle ist sie nie so wirklich angekommen, Haushalt und Kinderbetreuung erfüllt sie nicht und sie arbeitet auch in einem Bereich, in dem von ihr Überstunden erwartet werden, wenn sie beruflich weiterkommen möchte.
Sie ist verheiratet mit einem beruflich mäßig erfolgreichen Mann - dadurch bringt hauptsächlich sie das Familieneinkommen nach Hause - und die beiden haben eine etwa 11-jährige Tochter, Ada. Diese wurde hauptsächlich von Klaras Mutter Irene großgezogen, doch jetzt kann Irene nicht mehr so wie früher, sie hat einen Schlaganfall hinter sich, erlebt immer wieder kurze Perioden der Verwirrtheit und Desorientierung und wird selbst pflegebedürftig. Die Lösung dafür, wie in so vielen österreichischen Familien heutzutage: 24-Stunden-Pflege. Über eine Agentur werden Pflegekräfte beauftragt, verschiedene ausprobiert und gewechselt, bis die Familie schließlich jeweils im zweiwöchentlichen Turnus von Paulína und Radek unterstützt wird.
Paulína ist wie Klara 38 Jahre alt, sie wohnt in der Slowakei und zieht dort ihre beiden Söhne, 16 und 11 Jahre alt, alleine groß, nachdem sie von ihrem Mann für eine andere verlassen wurde. Das Leben ist schwer, Paulína rackert sich im Krankenhaus ab und kommt doch kaum über die Runden. Eine Vermittlung nach Österreich als Pflegekraft in einem Privathaushalt verspricht deutlich besseres Einkommen, und so lässt sich Paulína darauf ein, und die beiden Kinder in dieser Zeit schweren Herzens bei ihrer Schwiegermutter.
Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf, das schließlich mit Klaras tödlichem Absturz bei der gemeinsamen Wanderung enden wird. Paulína ist eine extrem engagierte Pflegekraft und macht anfangs weit mehr, als von ihr gefordert wird, sie kocht für die ganze Familie, putzt, erledigt Fahrdienste mit dem Auto, hilft bei Abendevents aus und vieles mehr. Während Paulína diese Dienste anfangs von selbst anbietet, wird durch die Familie immer mehr von ihr gefordert, sogar neu ein Hund angeschafft, um den ebenfalls Paulína sich kümmern muss - und Paulína kann nicht gut "nein" sagen, einerseits aufgrund ihrer abhängigen Position, die sie nicht verlieren, will, andererseits sicher auch aufgrund ihrer Persönlichkeit. So wird Paulína immer mehr dazu gebracht, über ihre eigenen Grenzen zu gehen, länger zu bleiben und ihre eigenen Kinder zu vernachlässigen, sogar in Krisensituationen, und wird immer unzufriedener damit, was aber in der Dienstgeberfamilie lange niemand sehen will.
Das Buch ist spannend und dicht geschrieben, wir haben kommen Paulína und den verschiedenen Personen aus der Familie, bei der sie arbeitet, psychologisch sehr nahe. Dabei ist die Problematik der 24-Stunden-Pflege und der Ausbeutung, die oft damit einhergeht und von den ausbeutenden Personen gar nicht als solche gesehen werden will ("immerhin wird sie ja für die Extradienste großzügig entlohnt", so sieht das die Familie) authentisch und lebensnah geschildert - solche und ähnliche Situationen in der 24-Stunden-Pflege kenne ich auch aus meinem Bekanntenkreis hier in Österreich.
Es macht nachdenklich über ungleiche Machtverhältnisse zwischen Ländern und in Privathaushalten, über Ausbeutung und über den Preis, den man selbst und andere zahlen muss, der oft mit der so gerne gepriesenen Vereinbarkeit von Beruf und Familie einhergeht, noch einmal mehr, wenn dann noch eine Pflegesituation dazukommt. Ein kluges und wichtiges Buch, das ich sehr empfehlen kann!
Berührend, realistisch und Hoffnung machend
Von hier aus weiter von Susann Pásztor
"Von hier aus weiter" von Susann Pasztor ist für mich ein ganz besonderes Buch, das mich tief berührt hat und das ich an nur einem Tag verschlungen habe.
Es gibt viele Bücher, die sich mit Coming-of-Age und anderen Themen junger Menschen befassen, aber gar nicht so viele, in denen authentisch die Herausforderungen im mittleren bis höheren Lebensalter thematisiert werden.
Denn um dazu authentisch zu schreiben, dafür braucht es selbst viel Lebenserfahrung und/oder Einfühlungsvermögen. Über beides verfügt die Autorin ganz offensichtlich und so ist ihr ein ganz besonderes und berührendes Buch gelungen.
Zur Handlung:
Marlene ist wütend. Rolf, der als Partner 30 Jahre lang an ihrer Seite war, hat sich aufgrund seiner schweren, voranschreitenden Krebserkrankung das Leben genommen, und sie alleine zurück gelassen. Selbstbestimmt wollte er gehen, nicht weiter dahinsiechen, und das kann sie ja verstehen. Aber alleine zurückbleiben, das wollte sie nicht, und es war doch etwas anders ausgemacht gewesen zwischen ihnen.
Wir lernen Marlene gleich am Anfang als eine Frau kennen, die kurzentschlossen ist und ihr Leben in die Hand nimmt: auf dem Leichenschmaus ihres verstorbenen Mannes eingesperrt in der eingeklemmten Toilettenkabine, zwängt sie sich kurzerhand unter dieser durch.
Marlene und Rolf haben sich etwas später im Leben kennen gelernt, Marlene war schon Ende 30, und Rolf hatte eine Trennung von seiner Frau hinter sich, und drei fast erwachsene Söhne. Marlene ist Volksschullehrerin, Rolf Landarzt, die beiden haben sich ein ruhiges, gemütliches Leben miteinander gewünscht und dieses auch über Jahrzehnte geführt... bis zu Rolfs Krebsdiagnose.
Und nun ist Marlene also alleine und noch am Leben. Zuerst einmal zieht sie sich wütend zurück, beantwortet keine Telefonanrufe, öffnet nicht die Tür, liest keine Briefe. Bis es dann einzelne Menschen schaffen, zu ihr durchzudringen. Da ist Ida, eine junge Ärztin und Praxisnachfolgerin von Rolf, die sich Sorgen macht. Und dann Jack, ein wohnungsloser junger Klempner, ein ehemaliger Schüler von Marlene, den der Zufall in Marlenes Wohnung spült, um ihre Dusche zu reparieren, und der dann erst einmal bei ihr einzieht und mit seinen improvisierten Kochkünsten wieder ein bisschen mehr Freude in ihren Alltag bringt. Eine Liebesgeschichte gibt es auch, zwischen den zwei jungen Menschen Ida und Jack, und einen amüsanten Roadtrip und ein überraschendes Ende.
Es ist ein stilles, nachdenkliches und dabei realistisches und doch Hoffnung machendes Buch, das authentisch die Wut, Verlassenheit und Trauer nach so einem tragischen Todesfall thematisiert und doch auch mit viel Zartheit und Humor aufzeigt, wie das Leben "von hier aus weiter" gehen kann.
Besonders mochte ich all die liebenswerten, fein gezeichneten Charaktere und ihre zarten, freundschaftlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen.
Damit ist das Buch trotz des traurigen Themas auch eines, das Hoffnung für einen Neubeginn macht, der im Leben immer möglich ist, und ein Plädoyer für die Verbundenheit zwischen uns Menschen, auch über verschiedene Lebensalter und Lebensumstände hinweg.
Ich habe es sehr gerne gelesen und es wird bei mir emotional sicher noch lange nachwirken und ich kann es wärmstens empfehlen.
Wenig Ermittlungsarbeit und kaum Spannung
Verlassen von Eva Björg Ægisdóttir
"Verlassen" ist der vierte Island-Krimi von Eva Björg Aegisdóttir, ist aber problemlos zu lesen, ohne die vorigen drei Krimis zu kennen. Auch ich habe diese noch nicht gelesen, für mich war es das erste Buch der Autorin.
Es geht um die schwerreiche und in Island sehr bekannte, fiktive Familie Snaeberg, die sich für ein ganzes Wochenende zu einem exklusiven Familientreffen in einem entlegenen isländischen Hotel einfindet, um den 100.
Geburtstag des vor ein paar Jahren verstorbenen Familienpatriarchen zu feiern. In dieser Familie sind die Abstände zwischen den Generationen kurz, weshalb sich vier Generationen locker ausgehen, samt Verzweigungen mit Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen, angeheirateten neuen und älteren Partnern und Adoptivkindern. Gleich am Anfang des Buches findet sich praktischerweise ein Stammbaum der Familie, auf den ich während des Lesens auch immer wieder mal geschaut habe, um den Überblick über die Verwandtschaftsverhältnisse zu bewahren.
Die Familie hat also sehr viel, hauptsächlich ererbtes, Vermögen, das auf das vom verstorbenen Patriarchen gegründete Familienunternehmen zurückgeht. Besonderen Stil oder Klasse hat die Familie nicht, im Gegenteil, das ganze Wochenende über wird sich ständig besoffen, das geht von den ältesten Familienmitgliedern über die mittleren Alters bis zu den jüngeren, und von einigen auch Drogen genommen. Würde nicht immer wieder erwähnt werden, dass es sich um die schwerreiche Familie Snaeberg handelt, hätte ich vom Verhalten und Habitus der beteiligten Personen nicht darauf geschlossen, dass es sich hier um eine gehobene Gesellschaftsschicht handeln könnte.
Der Krimi ist aus verschiedenen Perspektiven geschrieben: wir erleben das Wochenende durch die Augen mehrerer Familienmitglieder: die Mitte 30-jährige und jung Mutter gewordene Petra, die mit ihrer leidenschaftslos gewordenen Beziehung zu ihrem Mann und den ihr entgleitenden Teenager-Kindern, insbesondere der ihr fremd gewordenen Tochter Lea, kämpft. Die jugendliche Lea, die sich nach Liebe und Zugehörigkeit sehnt, viel auf Social Media postet und dabei noch kein Bewusstsein für die damit verbundenen Risiken entwickelt hat. Tryggvi, der neue Partner an der Seite von Oddny, Petras Tante und Leas Großtante, mit einer eigenen schweren Vergangenheit, beruflich Tischler und sich in diesem reichen Milieu noch nicht sehr angekommen fühlend. Eine junge Frau vom Serviceteam des Hotels, die durch ihre Tätigkeit viel beobachtet und mitkriegt. Und schließlich zwei seltsam blass bleibende Ermittler, die am Sonntag eine Leiche gefunden haben, Spuren sammeln und die Familie befragen.
Das Buch war ganz nett und unterhaltsam zu lesen, richtige Spannung hat sich bei mir aber lange nicht aufgebaut. Es war auch kein typischer Krimi, bei dem man viel miträtseln kann, dazu sind die Ermittler und ihre Arbeit viel zu blass geblieben und kamen immer nur zwischendurch in sehr kurzen Kapiteln vor. Milieustudie ist es auch keine so richtige, dafür war mir das geschilderte schwerreiche Milieu insgesamt in der Charakterisierung der Personen und ihrer Beziehungen zueinander zu wenig glaubhaft. Am meisten im Gedächtnis bleiben wird mir wohl noch die isländische Kulisse aus Lavalandschaft, verschneiten Bergen im Hintergrund, Klippen, Nebel, Schneestürmen und Meer sowie das reduktionistisch gebaute, moderne Hotel darin.
Es war ein ganz nettes Buch, das man mal zwischendurch zur Unterhaltung lesen kann, aber das mir darüber hinaus nicht besonders viel gegeben hat.
Bezaubernde Geschichten
Lilo & Stitch: O'hana heißt Familie von Denise Shimabukuro
"Lilo und Stitch" war ein Kinofilm aus den frühen 00er-Jahren und weckt damit bei vielen heutigen jungen Eltern eigene Kindheitserinnerungen. Auch mich hat der Film damals bezaubert und der Satz "O'Hana heißt Familie" - titelgebend für dieses Kinderbuch - ist mir bis heute in warmer Erinnerung.
Das Buch erfüllt die hohen Erwartungen, die ich daran hatte, absolut. Die Zeichnungen sind wunderschön und allerliebst, sehr ansprechend für Kinder. Und auch die Geschichten sind sehr schön und vermitteln Werte wie Zusammengehörigkeit, Verbundenheit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft - alles sehr wichtige Werte für Kinder. Gleichzeitig werden sie wie nebenbei und in geschichtenhafter und unterhaltsamer Form vermittelt.
Die kurzen, liebevollen Szenen, reich bebildert, könnten durchaus auch schon für jüngere Kinder, als das angegebene Mindestalter von 8 Jahren, in Vorlesebegleitung von Erwachsenen, etwas sein.
"O'Hana heißt Familie" ist also ein wunderschönes Buch für die ganze Familie, das ich nur wärmstens empfehlen kann.
Einzelne Szenen von Verwandtschaftsbesuchen im Libanon
Barfuß in Tetas Garten von Aline Abboud; Nana Heymann
Aline Abboud bezeichnet sich als "Halblibanesin mit ostdeutschem Migrationshintergrund", sie ist die Tochter eines in die DDR ausgewanderten Libanesen und einer ostdeutschen Mutter. Selbst ist sie im Jahr 1988, also kurz vor der Wende, geboren, und kennt die DDR nur aus Erzählungen ihrer Verwandten.
In diesem Buch geht es hauptsächlich um ihre Liebe zum Libanon, den sie in vielen Sommern ihrer Kindheit und Jugend und auch danach mit ihren Eltern besucht hat und wo sie unbeschwerte Wochen im Garten und am Meer gemeinsam mit ihren unzähligen Cousins, Cousinen, ihren Tanten und Onkeln und ihrer Oma und ihrem Opa verbringen konnte. Es ist ein sehr persönliches und liebevolles Buch, das die starke Bindung, die die Autorin zum Libanon und insbesondere zur dort lebenden Verwandtschaft väterlicherseits empfindet, spürbar und nachvollziehbar vermittelt. In vielen kleinen Szenen geht es um Begegnung, Familienausflüge, gemeinsame Zeit am Meer, Späße, Gastfreundschaft, Hochzeiten und andere Feierlichkeiten und Verbundenheit.
Aus dieser Perspektive habe ich das Buch gerne gelesen. Man darf sich nur nichts Falsches davon erwarten. Die Autorin schreibt, dass sie immer gerne einen Reiseführer über den Libanon schreiben wollte, ein solcher ist dieses Buch aber definitiv nicht. Punktuell habe ich immer wieder ein bisschen etwas über den Libanon gelernt, aber weit weniger, als es möglich gewesen wäre. Auf kulturelle und historische Hintergründe und auch auf die aktuellen politischen Konflikte oder die wirtschaftliche Lage wird nur ganz am Rande und in Verbindung mit der Autorin selbst und ihrer Verwandtschaft eingegangen, sodass mir das Buch darüber keinen tiefgreifenderen Einblick vermittelt hat.
Es ist auch kein Memoir im eigentlichen Sinne, in dem es um die Persönlichkeitsentwicklung der Autorin anhand ausgewählter Kapitel des eigenen Lebens, die in einen erzählerischen Bogen eingebunden werden, ginge... Charakter- und Persönlichkeitsentwicklung der Autorin selbst oder auch anderer Charaktere findet in dem Buch kaum statt, auch gibt es nicht wirklich einen roten Faden, sondern es ist einfach eine Aneinanderreihung vieler kleiner Familienszenen, nett geschrieben, aber ohne tieferen psychologischen Hintergrund. Besonders interessant wird es wohl für alle Menschen sein, die sich der Autorin und ihrer Familie persönlich verbunden fühlen und sich damit besonders für diese eine Familie interessieren, wie zum Beispiel ihre 2024 geborenen Tochter, der das Buch unter anderem auch gewidmet ist.
So ist es insgesamt ein Buch, das für mich als Außenstehende ganz nett und unterhaltsam zu lesen war, aber vermutlich bei mir keinen tiefgreifenderen, langfristigen Eindruck hinterlassen wird, dafür hätte es entweder auf der Bildungs- und Sachebene oder auf der Ebene der psychologischen Charakterentwicklung mehr gebraucht.
Mutiger Lebensbericht einer spät diagnostizierten, autistischen Frau
Strong Female Character von Fern Brady
"Strong Female Character" ist der Lebensbericht der schottischen Stand-Up-Comedienne Fern Brady, betrachtet unter der Perspektive ihres erst vor kurzem, in ihren 30ern Jahren, diagnostizierten Autismus. Fern Brady wurde als eines von mehreren Kindern in eine schottische Arbeiterfamilie geboren und war schon als Baby und Kleinkind auffallend anders: sie reagierte auf zu starke Reize mit spitzen Schreien, wollte nicht gestreichelt werden, kratzte sich an den Stellen, an denen sie von anderen berührt worden war, und schleuderte ihren Kopf gegen die Stäbe ihres Gitterbettes, wenn ihr etwas zu viel war.
Außerdem war sie schon damals tollpatschig und ungeschickt.
Aber in den 80er Jahren war Autismus gesellschaftlich noch kaum ein Thema, für das die Menschen sensibilisiert waren, schon gar nicht bei einem Mädchen und in der Arbeiterklasse. Fern Brady hat die Form von Autismus, die man früher als Asperger-Syndrom bezeichnet hätte (diese Bezeichnung wird aufgrund der problematischen NS-Vergangenheit des Namensgebers nicht mehr verwendet, stattdessen wird auch diese Form nun allgemein unter den Autismus-Spektrums-Störungen subsummiert). Eine oft als "leicht" angesehene Form von Autismus (Fern selbst verwehrt sich aber gegen diese Zuschreibung und meint, leicht wäre höchstens die Außenwahrnehmung nicht Betroffener, weil diese Autisten so gut im Maskieren wären), die mit keiner sonstigen kognitiven Beeinträchtigung und oft auch speziellen Begabungen und einem sehr guten Gefühl für Sprache einhergeht. Die Sicht auf das Asperger-Syndrom war lange und ist zum Teil bis heute von den Experimenten des Namensgebers geprägt, und diese bezogen sich ausschließlich auf männliche Kinder vor der Pubertät. Auch deshalb ist es bis zum heutigen Tag für ältere autistische Menschen und ganz besonders für Frauen sehr schwierig, eine Diagnose zu bekommen.
Die sehr intelligente, Bücher und Sprachen liebende und selbständig recherchierende Fern hatte durchaus schon als Jugendliche den Verdacht, von dieser Form des Autismus betroffen zu sein, las sich in die jeweiligen Diagnosekriterien ein, erkannte sich wieder und sprach dieses Thema gegenüber Ärzten an. Leider geriet sie dabei immer wieder an solche, die in diesem Gebiet nicht kompetent genug waren, aber diese Schwäche auch nicht etwa eingestanden und sie weiterverwiesen hätten, sondern aufgrund von Falscheinschätzungen leugneten, dass Fern von dem Thema betroffen sein könnte, etwa weil sie Augenkontakt halten könne (etwas, das intelligente autistische Menschen im Laufe des Lebens lernen können) oder weil sie einen Freund hatte (auch das ist absolut kein Ausschlusskriterium). Und anfangs glaubte Fern ihnen und ihrer Autorität auch, es waren ja Ärzte.
Dabei kämpft sie ihr Leben lang damit, sich in der oft unverständlichen sozialen Umwelt zurechtzufinden, hat immer wieder psychische Krisen und Zusammenbrüche aufgrund von Reizüberflutung (sogenannte Meltdowns, im Rahmen derer sie nicht anders kann, als Möbel zu zertrümmern), missbraucht Medikamente, die sie sich vom Schwarzmarkt besorgt, wird immer wieder von den Eltern rausgeschmissen, finanziert ihr Studium aus Geldnot als Stripperin und ist immer wieder suizidal.
Es dauert Jahrzehnte, während sie auf ihrer Suche danach, zu verstehen, was mit ihr los war, immer mehr Anzeichen dafür findet, dass sie mit ihrem Verdacht recht hat (u.a. durch das großartige Buch "Aspergirls" von Rudy Simone, das sich für sie wie eine exakte Beschreibung ihres Lebens und ihrer Herausforderungen las), bis sie an eine kompetente Spezialistin für erwachsene Autistinnen gerät und eine offizielle Diagnose erhält. Mutig setzt sich Fern nun mit ihrem autobiografischen Buch dafür ein, für das Thema hochfunktionaler Autismus, insbesondere bei Frauen, zu sensibilisieren und darüber aufzuklären, und leistet damit einen wertvollen Beitrag dafür, dass andere Betroffene früher Unterstützung erhalten und nicht Jahrzehnte lang danach suchen müssen.
Beim Lesen des Memoirs empfand ich tiefes Mitgefühl und viel Respekt für diese starke und intelligente, reflektierte junge Frau, die trotz all dieser Handicaps nicht aufgegeben hat und sich sowohl eine berufliche Karriere als Stand-Up-Comedienne, die ihr Freude bereitet, als auch endlich eine Diagnose und damit eine Erklärung für ihr Anders-Sein erkämpft hat, und die damit auch noch so offen und mutig in die Welt hinausgeht. Mir persönlich, die ich mich schon viel mit dem Thema Autismus beschäftigt habe, war Fern Brady beim Lesen auch sehr sympathisch, ich mag, wie mutig und reflektiert sie ist.
Wer sich noch nicht so gut mit Autismus auskennt, der könnte einige Szenen in Ferns Leben so empfinden, als ob sie unsympathisch wäre, aber viel davon spiegelt einfach das mit ihrer Neurodivergenz einhergehende mangelnde Verständnis für nonverbale Kommunikation und für die oft unausgesprochenen, komplexen und sich subtil situativ anpassenden Regeln des sozialen Miteinanders wider. So schlägt Fern etwa beim Fortgehen einer anderen jungen Frau, von der sie beleidigt wurde, mit einer Flasche auf den Kopf, in der Annahme, das sei Selbstverteidigung, denn die andere hätte sonst sie auch körperlich angegriffen. Zum Glück kommt die andere mit einer relativ leichten Verletzung und Fern mit einer Geldstrafe davon. Hier meine Hochachtung vor Fern, dass sie solche Ereignisse, die sie in einem kritischen Licht dastehen lassen könnten, überhaupt in ihr persönliches Buch mitaufgenommen hat, das hätte sie ja nicht müssen.
Gleichzeitig ist ihr, wie vielen autistischen Menschen, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit wichtiger als das Erzeugen eines möglichst positiven Bildes von sich selbst. Und sie möchte mit der Schilderung dieses und weiterer Ereignisse auch dafür sensibilisieren, wie viele autistische Menschen aufgrund ähnlicher Vorfälle Probleme mit dem Gesetz bekommen, im Gefängnis landen, härter als nicht-autistische Menschen verurteilt werden, z.B. weil vor Gericht für die Härte der Bestrafung ausgesprochene Reue eine große Rolle spielt, und nicht-autistische Menschen meist viel besser darin sind, diese glaubhaft vorzuspielen, auch wenn sie sie nicht empfinden, und weil allgemein Justiz- und Gesundheitsssystem noch kaum für die Bedürfnisse autistischer Menschen sensibilisiert sind.
Soziologisch betrachtet sehr interessant ist auch das Zusammenspiel mehrerer Benachteiligungen, das Fern in ihrem Buch beschreibt und analysiert: so spielt es für viele Situationen in ihrem Leben eine Rolle, dass sie nicht nur autistisch ist, sondern außerdem eine Frau und aus der Arbeiterklasse. Ein Junge wäre mit viel höherer Wahrscheinlichkeit schon als Kind diagnostiziert worden, da er viel stärker den prototypischen Bildern eines Autisten entsprechen würde. Und Eltern aus einer anderen Sozialschicht hätten vermutlich auch andere Mittel zur Verfügung gehabt, um ihr Kind besser zu fördern (auch wenn Fern einräumt, dass ihre Eltern das ihnen Bestmögliche getan haben und ihr z.B. auch bei knappen finanziellen Mitteln Klavierunterricht ermöglichten, etwas, von dem sie bis heute als Ressource profitiert) und finanziell zu unterstützen, und möglicherweise auch Zugang zu einer differenzierten Diagnostik schon früher im Leben zu bekommen.
Somit ist es auf vielen Ebenen ein sehr lesenswertes und interessant geschriebenes Buch, das ich allen, die sich für Neurodiversität, Autismus und generell für verschiedenste Lebensumstände und die Herausforderungen, die sie mit sich bringen, interessieren, nur wärmstens ans Herz legen kann. Danke, Fern, fürs mutige Teilen deiner Lebensgeschichte!
Inspiriert durch Authentizität, Ehrlichkeit und Verletzlichkeit
Heimweh nach mir von Elena Anna Mayr
"Heimweh nach mir" ist das erste Buch der jungen Influencerin Elena Anna Mayr. Im jungen Alter von 23 Jahren hat die Autorin schon einiges an Rückschlägen und dunklen Zeiten erlebt und dadurch schon frühzeitig begonnen, sich mit den tiefgreifenden Fragen des Lebens auseinanderzusetzen.
Damit, wer wir sein möchten, wie wir leben möchten und auf was für ein Leben wir später einmal zurückblicken möchten.
So wohltuend an diesem wunderschön gestalteten Buch ist, dass es eben nicht darum geht, sich selbst zu optimieren, sondern darum, echt und authentisch zu sein, sich selbst anzunehmen und mit sich selbst wohl zu fühlen. Dazu ruft die Autorin auf und das lebt sie vor, durch das Teilen vieler persönlicher Erfahrungen aus ihrem Leben als Antwort auf die Fragen.
Das Buch enthält 33 Fragen, die zum Nachdenken über das eigene Leben anregen sollen, zum Beispiel "War das ein Fehler oder eine Erfahrung?", "Willst du dieser Mensch überhaupt sein?" oder "Wem gibst du Macht über dich?". Die Kapitel sind so gegliedert, dass sie mit einer Hauptfrage beginnen, dann kommt ein Text der Autorin und dann finden sich abschließend noch ein paar weitere Fragen zum Reflektieren.
Die Texte der Autorin waren für mich beim Lesen unterschiedlich interessant. Manche waren sehr berührend und spannend, bei anderen habe ich mich aber gefragt, wo der genaue Zusammenhang zur ursprünglich gestellten Frage sein sollte, da sie für mich höchstens in loser Verbindung dazu standen. So sehr ich einerseits die Authentizität und Verletzlichkeit schätze, die die Autorin durch das Teilen ihrer persönlichen Geschichte zeigt, hat sie sich gefühlt für mich manchmal ein bisschen zu sehr darin verloren und der Kontakt zu mir als Leserin ist verloren gegangen. Wenn ich mit dem Buch arbeite, werde ich eher nur auf die Fragen am Anfang und am Ende der Kapitel blicken und persönlich über diese nachdenken und schreiben. In dieser Hinsicht bietet das Buch viele wertvolle Hinweise zum Nachdenken über das eigene Leben.
Ich empfehle das Buch allen, die sich für persönliche Weiterentwicklung und tiefgreifende Reflexion des eigenen Lebens interessieren, besonders aber Jugendlichen und jungen Menschen in ihren 20ern, also jenen, die in einem ähnlichen Alter sind wie die Autorin.
Sehr süß und absolut treffend
Widder Willi will aber! von Romy Pohl
Nachdem das "Neinhorn" - ein Buch zu einem ähnlichen Thema - uns schon ein bisschen langweilig geworden war, war ich auf der Suche nach einem neuen lustigen und kindgerechten Buch zum Thema Autonomiephase für meine kleine Tochter. Schon der Titel "Widder Willi will aber!" hat mich schmunzeln lassen - genau diese Worte bringen es auf den Punkt.
Ich öffne das Buch und entdecke lauter entzückend gezeichnete Widder inmitten ihrer Schafherde. Dazu die Beschreibung: "Widder Willi lebt glücklich und zufrieden inmitten seiner Schafherde" - und ein unzufrieden schauender Widder Willi mit Sprechblase dazu: "Das stimmt überhaupt nicht!". Schon da bringt das Buch Eltern zum Lachen, die diese schwierige Phase ihres Kindes hier treffend widergespiegelt finden.
Aber auch für Kinder, die eigentliche Zielgruppe, ist es ein absolut entzückendes Buch und sehr kindgerecht für die Altersgruppe der 3- bis 5-jährigen mit vielen ansprechenden Illustrationen und nur kurzen begleitenden Texten. Widder Willi kann eine wichtige Identifikationsfigur für die Kinder sein, und das Buch zeigt auch Verständnis dafür, wie es sich für ihn aus der Innenperspektive anfühlt und was für Stürme in ihm toben können.
Witzig auch der Widderonkel, der Willi und seinem neu gefundenen Steinbockfreund vorschlägt, sie sollten mal über ihren Schatten springen - eine Metapher, die Kinder so noch nicht verstehen, die die beiden Böcklein dann aber wörtlich nehmen und dabei viel Spaß haben. Insgesamt ein abwechslungsreiches, wunderschön gezeichnetes und lustiges Buch, das uns sicher noch an vielen Vorleseabenden begleiten wird!
Packen wir es an - für eine bessere Welt
Moralische Ambition von Rutger Bregman
Wie der Autor selbst schreibt, möchte er es uns mit seinem Buch "nicht leichter, sondern schwerer machen. Es ist ein Buch, das Ihnen keinen Trost spendet, sondern Unbehagen bereitet." Und doch ist es ein hochinteressantes, sehr zugängliches, gut verständliches und spannend geschriebenes Buch, das zum Aktiv-Werden inspiriert, ohne zu sehr mit der Moralkeule daherzukommen.
Von Anfang ist die Leidenschaft des Autors für dieses Thema spürbar. Er kritisiert, wie viele hochintelligente und hochgebildete, privilegierte Menschen ihr Talent und ihre Lebensenergie nicht einsetzen, um die Welt besser zu machen, sondern in Jobs verharren, bei denen sie nichts Positives beitragen oder sogar Schaden anrichten. Dabei richtet er sich ausdrücklich nicht an die Menschen, die schon jetzt wichtige Aufgaben übernommen haben, bei denen sie sich für andere und für eine bessere Welt einsetzen, wie z.B. jene im Gesundheits- oder Bildungswesen. Sorgfältig mit empirischen Daten und wissenschaftlichen Quellen untermauert, zeigt der Autor auf, dass es leider eine Korrelation zwischen dem durchschnittlichen Einkommen in einem Bereich und dem, wie unmoralisch dieser Bereich angesehen wird, gibt: ganz oben in beiden Bereichen sind etwa die Finanz- und Tabakindustrie und die Waffenproduktion.
Über das Buch hinweg werden viele Beispiele einzelner Menschen beschrieben, die ihr Talent und ihre Leidenschaft - oft gemeinsam mit anderen und in Organisationen - dafür eingesetzt haben, die Welt zu einer besseren zu machen. Das Beispiel, das sich am stärksten durch das Buch zieht, ist die Bewegung des Abolitionismus, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte, und damit am Ende auch erfolgreich war. Weitere Beispiele sind Menschen, die im 2. Weltkrieg Juden versteckten, die Suffragetten und ihr Kampf für die Rechte der Frau, aber auch Menschen der heutigen Zeit, die sich für den Schutz aller Menschen vor vermeidbaren Krankheiten, z.B. für die Bekämpfung der Malaria, oder auch für Tierschutz einsetzen.
Dabei stellt der Autor auch sehr interessante und manchmal unbequeme Fragen zur heutigen Zeit: so, wie Sklaverei früher mal gesellschaftlich akzeptiert und tief in den Vorstellungen der Menschen verwurzelt war, was sind die Übel der heutigen Zeit, die wir als normal ansehen und für die spätere Generationen uns verurteilen könnten? Werden zukünftige Generationen ähnlich entsetzt über die Massentierhaltung der heutigen Zeit sein, wie wir es sind, wenn wir an Sklaverei denken? Wofür lohnt es sich jetzt zu kämpfen?
Der Klimawandel ist weit fortgeschritten und hätte am besten vor Jahrzehnten schon bekämpft werden sollen... welche Themen sind es heute, die später zur Bedrohung werden könnten und wo wir frühzeitig einschreiten könnten, wenn wir jetzt was tun würden? Wie gehen wir z.B. mit der künstlichen Intelligenz und ihren Chancen und Herausforderungen um?
Wer sich dafür interessiert, sich für eine bessere Welt einzusetzen, findet in diesem Buch viele Rollenmodelle und inspirierende Ideen. Wir erfahren von einer eigenen Akademie für Idealisten. Von Menschen, die unglaubliche Summen Geld für eine gute Sache aufgetrieben haben. Aber auch von den Hindernissen, die einem Einsatz entgegen stehen können, z.B. zu starke Radikalität, die dazu führt, dass man kaum Unterstützer und Verbündete findet. Das Buch macht also auch sehr nachdenklich darüber, in welchen Bereichen wir uns daran hindern, etwas Gutes zu bewirken und auch, in welchen Bereichen wir uns vielleicht selbst anlügen (z.B. die Illusion, dass Bewusstsein alleine so bedeutsam sei, auch wenn ihm keine Handlungen folgen würden).
Am Ende wird auch noch der Bogen hin zu einer gesunden Balance geschlagen und darauf aufmerksam gemacht, dass bei aller Weltbesserungsfreude diese allein kein Selbstzweck sein müsse und es auch gute Argumente dafür geben könne, einfach Freude am Leben zu haben und dieses zu genießen, ohne, wie z.B. Gandhi, zu einem übergroßen Asketen fernab jeglicher weltlichen Genüsse werden zu müssen. Das macht das Buch erfrischend realistisch und lebensnah.
Ich kann das Buch allen, denen die Zukunft unserer Welt am Herzen liegt, nur eindringlich empfehlen.
Nur für Profiköche & Spezialisten
Flavorama von Arielle Johnson
Das Buch "Flavorama" wurde von der promovierten Geschmackswissenschaftlerin Arielle Johnson geschrieben. Das ist vorab sehr wichtig zu wissen, um eine erste Idee vom Anspruch dieses Buches bekommen zu können.
Das Buch geht richtig, richtig in die Tiefe. Wer nur hin und wieder gerne kocht und sich hauptsächlich ein nettes Kochbuch erwartet, vielleicht noch mit ansprechenden Bildern, und dazu ein bisschen Hintergrundwissen zum Thema Geschmack, der wird mit diesem Buch keine große Freude haben.
Denn das Buch enthält richtig viel theorielastigen Text zum Thema Geschmack. Man kann darin sehr viel lernen, auch über die chemischen Hintergründe des Geschmacks, z.B. dazu, welche Moleküle dazu führen, dass etwas scharf schmeckt oder welche Säuren Elemente des fruchtigen Geschmacks ergeben können.
Wer also wirklich tiefgründig etwas über Geschmack lernen möchte und dabei auch vor viel Theorie nicht zurückschreckt, für den könnte dieses Buch etwas sein. Auch für Hobbyköche mit sehr hohem Anspruch oder Profiköche ist dieses Buch sehr interessant, weil es unglaublich viel Hintergrundwissen zu Geschmäckern vermittelt, von dem auch die eigene Kochkunst profitieren kann.
Dennoch ist es definitiv kein Kochbuch, sondern ein theoretisches Fachbuch über Geschmack. Zwar enthält es gelegentlich auch ein paar Rezepte, doch diese muss man erst einmal finden: es gibt keine Bilder dazu und sie heben sich grafisch auch kaum vom Rest des Fließtextes ab. Und dann sind es oft eher Rezepte, um die vermittelten Geschmacksprinzipien zu verdeutlichen, also solche, die eher einem didaktischen als einem kulinarischen Zweck dienen, und auch auf eher chemische Art und Weise beschrieben werden. Man braucht auch oft ziemlich spezielle Zutaten dafür z.B. Panela-Zucker.
Insgesamt ist es ein gutes und hochwertiges Buch, das aber nur für eine sehr spezielle Zielgruppe empfehlenswert ist. Ich empfehle allen, die sich dafür interessieren, sich vor der Kaufentscheidung genau zu informieren, worum es sich hier handelt.











