Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer:

Wie das Leben ein Fest werden kann

Guten Morgen, schönes Wetter heute von Tanja Kokoska

In diesem Roman lernen wir die Bewohner der Siedlung „Am Kastanienbaum“ kennen. Es sind ganz normale, meist sehr sympathische Menschen, mit denen wir unterschiedliche Lebenskonstellationen durchleben. Wir begegnen viel alltäglicher, unaufgeregter Lebensweisheit, Poesie, Sprachwitz und Humor. Vordergründig werden diese unterschiedlichen Lebensläufe durch den gemeinsamen Wohnort verbunden, aber auch die Protagonistin Ina, eine alleinerziehende Mutter, die mutig und mit mehreren Jobs das Leben meistert, stellt fürsorglich - bewusst und unbewusst - Verknüpfungen her.

Zudem fädelt die Autorin weitere schicksalhafte Fügungen ein, die an einigen Stellen etwas konstruiert wirken, und lässt so ein Beziehungsgeflecht zwischen den Bewohnern entstehen. Angesichts der Entschärfung einer Bombe aus dem 2. Weltkrieg werden die Figuren mit der Endlichkeit ihres Lebens und der Frage konfrontiert, was wirklich wichtig ist. Diese Bombe fungiert als Spannungsmoment und Katalysator zugleich. Es gilt Bilanz zu ziehen, das eigene Leben bewusst in die Hand zu nehmen und Einsamkeit zu überwinden. Dabei folgt man den unterschiedlichen Charakteren sehr gerne. Auch weil Tanja Kokoska jeglichen Kitsch vermeidet und für ihren Roman eine schlichte Sprache wählt, die diesem feinfühligem Alltagspragmatismus gerecht wird. Gelegentlich stört dabei allerdings der auktoriale Erzähler, wenn er Offensichtliches nochmals auf den Punkt bringt. Jedoch kann dies das große Lesevergnügen keineswegs schmälern!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer

Was wäre, wenn man mit einem anderen Namen ins Leben gestartet wäre?

Die Namen von Florence Knapp

Jeder, der das Glück gehabt hat, für ein neugeborenes Kind einen Namen auszuwählen, kennt dieses Erlebnis, dass das Kind dann tatsächlich auf unerklärliche Weise diesem Namen entspricht. Florence Knapp greift diesen Moment auf und entwirft drei Lebensläufe einer Figur mit einem jeweils anderen sprechenden Namen (Bear (Bär), Julian (Himmelsvater) und Gordon (großer Hügel)).

Die Autorin nutzt dieses gelungene Strukturprinzip, bei dem die Familienmitglieder namentlich gleich, aber die prägenden Menschen und Erlebnisse unterschiedlich sind, um alle Facetten häuslicher Gewalt nachhaltig zu veranschaulichen. Kein einfaches, aber ein sehr wichtiges Thema. Wie bei einer systemischen Familienaufstellung wird so deutlich, dass vielleicht gar nicht so sehr die Namen, sondern eher die Beziehungen, die man eingeht, und der Kontext, in dem man sich befindet, ausschlaggebend dafür sind, welche Charaktereigenschaften man entwickelt. Die LeserInnen springen also zwischen drei Lebensläufen hin und her, was manchmal etwas verwirrend, aber vielleicht sogar intendiert ist, da es ja eigentlich um ein einziges Leben geht, das unterschiedlich hätte verlaufen können. Dabei psychologisiert die Autorin nicht plakativ, sondern zeigt uns alltägliche Situationen in schlichter Sprache, sodass wir uns selbst ein Bild der unterschiedlichen Charaktere machen können. Diese sind so geschickt gestaltet und der Roman liest sich so gut, dass man sich am Ende nur schwer von ihm trennt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer

Ein Buch über den Krieg

Im ersten Licht von Norbert Gstrein

Wenn man sich auf das langsame Erzähltempo Gstreins einlässt, dann entfaltet sich auf leise und brillante Weise ein Bild des Ersten und Zweiten Weltkriegs mit all ihren Implikationen, menschlichen Verwicklungen und ethischen Folgen. Gstrein gelingt es, all das, was wir heute über diese historischen Ereignisse in den Geschichtsbüchern finden, in Literatur zu übersetzen.

Wir folgen seinem „merkwürdigen“ Protagonisten Adrian Reiter, der 1901 geboren ist und beide Kriege mit- und überlebt, v.a. weil sein Vater ihn als Jugendlichen absichtlich mit der Axt am Unterschenkel verletzt und somit untauglich gemacht hat. Er bleibt also verschont, aber nicht schuldlos. Adrian ist keine Figur, der man als Leser nahekommen kann, eher ein ‚Mann ohne Eigenschaften’, der diesem Rat folgt: Das Leben „kann Ihnen jederzeit in der Luft zerplatzen. Sie können morgen schon tot sein! Befreien Sie sich davon und suchen Sie sich irgendeines aus, das auf Sie wartet, und machen Sie es zu Ihrem.“ (99) Und so ist der Roman aufgebaut. Im ersten Teil ist Adrian tief beeindruckt von „Ernest Eller“, der als Invalide mit entstelltem Gesicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt. Im zweiten Teil ist es sein Schüler Martin Baumgartner, der der nationalsozialistischen Ideologie verfällt und euphorisch in den Zweiten Weltkrieg zieht. Schließlich taucht er in die Erfahrungen des englischen Kriegsverweigerers Teddy Stephen ein (3.Teil). Adrian überlebt sie alle drei und hat „in beiden Kriegen … sonst nichts getan, was nur irgendjemandem geholfen hatte, am Leben zu bleiben“. (S.282) Diese Scham, diese seelische Invalidität prägt sein weiteres eigenes Leben, um das auch er durch diese Kriege gebracht worden ist. Am Ende des Romans wartet er vermeintlich auf einen jungen Autor, der seine Lebensgeschichte aufschreiben könnte. Aber selbst die Möglichkeit, auf diese Art zumindest an die Kriegsschicksale zu erinnern und sie vor dem Vergessen zu retten, bleibt ihm verwehrt. Die jüngere Generation ist schlichtweg nicht interessiert. Für uns hat Gott sei Dank Norbert Gstrein diese Aufgabe übernommen. Dieser Roman gehört auf jede Leseliste – gerade jetzt!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer

Nina Georges "Passantin" - eine Abrechnung

Die Passantin von Nina George

Nina George startet mit einer starken Idee: Die Protagonistin, die berühmte Schauspielerin Jeanne Patou, steigt in Barcelona im letzten Moment nicht in das Flugzeug ein, das später abstürzen und das niemand lebend verlassen wird. Auch Jeanne wird unter den Toten geführt, was ihr die Möglichkeit gibt, verdeckt ein neues Leben zu beginnen und eine zweite Chance zu erhalten.

Sie rekapituliert ihr Leben als Frau, Schauspielerin, Ehefrau, Geliebte und Mutter. So wird dieser Roman zu einer eindringlichen Geschichte einer Zurwehrsetzung gegen männliche Vorschreibungen, Dominanz und Brutalität – sowohl psychisch als auch physisch. Darin liegen die inhaltliche Stärke und Intensität dieses Romans, der auf erzähltechnischer Ebene jedoch einige Schwächen aufweist. Der Roman ist in zwei Teile gegliedert. Der erste ist aus der Sicht von Jeanne geschrieben: „Ich kann nicht nur in Kreisen denken, es ekelt mich, um mich zu kreisen.“ Leider tut sie es die ganze Zeit. Dazu wiederholt der zweite Teil aus der Sicht der befreundeten Polizistin Nina viele Sorgen der Protagonistin. Der Ton unterscheidet sich leider kaum von Jeannes Sprache, sodass Nina nicht wirklich zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranwächst. Ja, vieles wirkt zu konstruiert und ist wohl dem Gedanken geschuldet, sehr viele Themen abzuarbeiten, wie z.B. die katalanische Unabhängigkeitsbestrebungen, das Leben als Blinde, die Macht des Vorlesens, das Leid der Frauen an den „ausgefransten Rändern aller Städte dieser Welt“. Das ist der literarischen Qualität nicht zuträglich. Manchmal ist weniger mehr.
Bisweilen ist die Sprache sehr krude, auch an Stellen, an denen es das Thema nicht unbedingt verlangt. „Sie [die Presseleute] beschliefen meine Töchter, mit ihren Phalli aus erektilen Langhalsmikrofonen, mit ihren monströsen Kameraobjektiven, sie hielten ihre Kinderhände niedergedrückt auf dem weißen Laken meines Todes.“ Geschmackssache.
Natürlich ist es dem Thema inhärent, dass „die Männer“ in diesem Roman – mit einer Ausnahme - zu Recht in keinem guten Licht dastehen: „Wie seltsam es ist, dass der eigene Vater nie ‚wie die anderen Männer‘ ist, als gehöre er nicht zu dieser Spezies.“ Ob es der Emanzipation der Frau jedoch weiterhilft, die Männer durchgehend klischeehaft zu behandeln, muss an dieser Stelle auch gefragt werden.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer

"Du bist nicht langweilig" - ein einfühlsamer Coming-of-Age-Roman

Himmel ohne Ende von Julia Engelmann

„Du bist nicht langweilig“ – ein einfühlsamer Coming-of-Age -Roman

Die Autorin ist einem breiten Publikum durch ihrem Poetry-Slam-Hit bekannt geworden, in dem es u.a. heißt: „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

“ Nun erzählt Julia Engelmann – quasi prophylaktisch - die Coming-of-Age-Geschichte der fünfzehnjährigen Charlie, die sich beginnt, ihr Leben mit erzählenswerten Erinnerungen auszustatten. Was sich am Anfang wie die Illustration eines Erziehungsratgebers zum Thema „Pubertät“ im Stil von Jesper Juul liest, befreit sich im Laufe des Romans sehr schnell von diesem Makel. Zwar scheint das Reflexionsniveau der 15-jährigen Ich-Erzählerin an manchen Stellen ihrem Alter etwas voraus zu sein, wenn sie z.B. feststellt, dass sie „bisher vielleicht selten die richtigen Worte, aber oft die richtige Stille“ gefunden hat. Nichtsdestotrotz gewinnen die Hauptfiguren schnell an Kontur, Tiefe und sympathischer Einzigartigkeit, sodass man ihnen gerne folgt, auch weil sie Erinnerungen an die eigene „éducation sentimentale“ wachrufen. Ja, das war alles gar nicht so einfach. Die Autorin findet eine einfühlsame und treffende Sprache, ohne eine pseudo-authentische Jugendsprache zu verwenden, die ja zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung schon wieder veraltet wäre. Dieser Roman ist wie die Ouvertüre eines Musikstücks, in der die großen Themen, die im weiteren Verlauf wichtig werden, schon anklingen: die Frage nach der Identität und dem eigenen Weg, Freundschaft, Wahlverwandtschaft, Verrat, Liebe, Familie, Trennung, Verlust, Unsicherheit sowie die Entscheidung zwischen vertrauter Enge und weiter Welt.
Schließlich erklärt Pommes, Charlies Freund, wie wir es verhindern können, dass wir am Ende unseres Lebens nur an die Geschichten denken, „die wir hätten erzählen können.“: „Du… bist nicht langweilig. Aber du wirst es in den Momenten, in denen du nur um dich und deine Fehler kreist. Das ist der eigentliche Grund, warum man sein Leben verpasst. Nicht weil man ist, wie man ist… Du schaust so viel in den Spiegel, dass du vergisst, in die Welt zu schauen.“ Einem jeden ist so ein Freund zu wünschen!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer

„Wie die Risse in der Erde“ keinen bleibenden Eindruck hinterlassen

Wie Risse in der Erde von Clare Leslie Hall

Dieser Liebesroman von Clare Leslie Hall liest sich gut. Es ist die altbekannte Konstellation: A und B lieben sich, können aber nicht zusammenkommen. Daher heiratet B eben C. Als A und B nach Jahren wieder aufeinandertreffen, ja, Sie wissen schon, kann das nicht gut gehen. Damit die Handlung nicht zu schematisch abläuft, werden Vergangenheit und Gegenwart kapitelweise vermischt und ein tragischer Unfall sowie soziales Kolorit beigemengt.

All das hilft aber auch nicht wirklich. Als sich die Geschichte dann etwas zieht und zu vorhersehbar wird, fügt die Autorin am Ende noch einen Überraschungseffekt hinzu, der die Qualität des Buches jedoch nicht heben kann. Eine nette Sommerlektüre, aber mehr nicht.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer

„Wild Wuchern“ oder die Frage, wie man ein selbstbestimmtes Leben führen kann

Wild wuchern von Katharina Köller

Die beiden Cousinen, die Ich-Erzählerin Marie und Johanna, könnten unterschiedlicher nicht sein. Marie ist hübsch, angepasst und verhält sich so, wie es die Familie/Gesellschaft von einem jungen Mädchen erwartet. Johanna tut das nicht. Sie ist naturverbunden, sehr schweigsam und spürt bei ihren Hunden die Zuneigung, die ihr die Erwachsenen aufgrund ihrer Andersartigkeit verwehren.

Die beiden sind seit ihrer Kindheit aneinandergebunden, und das nicht freiwillig, sondern durch ihr Umfeld. Marie soll die seltsame Johanna in ihr jugendliches „richtiges“ Leben integrieren. Später führt Johanna ein Leben als Einsiedlerin in einer abgelegenen Hütte in den österreichischen Bergen. Marie hingegen lebt in der Großstadt, arbeitet in der Modebranche und ist in einer toxischen Ehe gefangen. Nun ist es Marie, die bei Johanna Zuflucht suchen und in ihre Bergeinsamkeit eindringen muss. Aber warum? Diese Frage zieht sich als roter Faden durch den Roman. Wie bei einer Versuchsanordnung in einem geschlossenen Raum treffen die beiden Frauen aufeinander und ringen um eine Beziehung und eine Sprache, die sich richtig anfühlt. Die Schwierigkeit dieser Situation kondensiert Johanna in der paradoxen Aussage: „Seit du da bist, bin ich einsam.“ Marie kann aber Johannas raue Bergwelt nicht verlassen, sie wird sinnbildlich von Marlen Haushofers unsichtbarer „Wand“ zurückgehalten. Der Titel „Huis Clos/Geschlossene Gesellschaft“ von Jean Paul Sartres Drama mit der zentralen Aussage „L’enfer, c’est les autres“ (Die anderen sind die Hölle) lässt sich zunächst auf die Berghütte, dann aber vielmehr auf die gesamte Gesellschaft beziehen, die uns Katharina Köller präsentiert. Wer nicht hineinpasst, lebt bzw. überlebt außerhalb in einer Berghütte oder wird innerhalb der Grenzen dieser Gesellschaft aufgerieben. Wie lange hält man das als Individuum aus? Was nimmt man einfach als gegeben hin? Warum hält man viel zu lange still? Was muss passieren, damit man seinen „Blumentopf“ verlassen und „wild wuchern“ kann? Das sind die gesellschaftskritischen Fragen, mit denen Katharina Köller uns LeserInnen zurücklässt. Wir sollten uns ihnen stellen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

Für Polina von Takis Würger

In diesem Paradies haben Hannes und Polina ihre gemeinsame Kindheit verbracht, doch dann trennen sich ihre Wege. Es gibt schon so viele Liebesromane und diesen hier sollte man unbedingt auch noch lesen, weil er es auf genuin literarische Weise schafft, dieses urmenschliche Bedürfnis mit der Faszination für die Musik zu verbinden.

Man sollte es auf keinen Fall versäumen, dieser einzigartigen Melodie zu lauschen, die Takis Würger heraufbeschwört, ohne zu versuchen, Musik sprachlich detailliert zu beschreiben. Er taucht sie einfach ein ins Leben und Erwachsenwerden seiner Protagonisten und man folgt ihm dabei so gerne.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer

Von dem Versuch, ein glanzvolles Ich zu erstellen– ein kurzes Protokoll eines langen Leseprozesses

Honey von Victor Lodato

1. Der erste Blick auf das Cover: super! Endlich! Solche Bücher über „coole“ ältere Damen (80+) sind wichtig. Denn wir, die wir vielleicht noch nicht ganz so alt sind, brauchen dringend Vorbilder dafür, wie man das spätere Leben würde- und glanzvoll verbringen kann– und dies nicht auf dem Abstellgleis.

2. Der Roman beginnt eindrucksvoll, indem er uns die Protagonistin Honey mit ihren „rotpfirsichfarben lackierten Zehen“ in der Badewanne vorstellt.
3. Sie ist Amerikanerin, vermeintlich emanzipiert von ihrer mafiösen Familie, unverheiratet, aber nicht männerlos, kunstaffin, gebildet, unkonventionell, selbstbestimmt (auch finanziell), zeitlebens attraktiv, was sie mit einigen Mitteln (Perücke, Haute-Couture-Kleider, einem 47 Jahre jüngeren Liebhaber, wenig Essen, Valium und Wein) aufrechtzuerhalten versucht, also alles andere als „Honey“.
4. Doch dann kommen 463 Seiten, die die LeserInnen in ihrem Bann halten und die oben genannten Charaktereigenschaften mit Leben und Ereignissen füllen müssen, was leider nicht immer gelingt, vor allem weil die eigentliche Handlung erst im letzten Viertel des Romans langsam Fahrt aufnimmt.
5. Sprachlich oszilliert der Text zwischen unbeholfenen Vergleichen: „Familie, Treue, Pflicht – die alte Leier, der alte Pakt. Ein Rabauke, der einen zwickte und schubste.“ und gelungeneren Metaphern: „Nostalgie war eine Schlange, die log.“
6. Rückblickend sagt Honey: „Vielleicht war ihr großes Lebensprojekt, nämlich die Erstellung eines glanzvollen Ichs, nichts als ein Hütchenspiel, das sie noch dazu zu lange spielte, dass sie das chaotische Kügelchen längst nicht mehr nachverfolgen konnte.“ So geht es auch dem Leser mit diesem Roman, der am Ende nicht so recht weiß, wohin das Kügelchen nun gerollt ist.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer

"Malnata" von Beatrice Salvioni - eine Mädchenfreundschaft im Italien Mussolinis

Malnata von Beatrice Salvioni

Es ist Sommer, Italien passt also, und wenn es schon ein wenig her ist, dass man Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ gelesen hat, sollte man zu diesem Buch greifen. Es ist einer dieser Provinzerstickungsromane im Italien unter Mussolini, der die typischen Elemente aufweist: die Allianz von Kirche und faschistischen „Würdenträgern“ des Ortes, der Aberglaube, die patriarchalen Strukturen, die Rolle der Frau, die vor allem zukünftige Soldaten soll, die Frage „Was denken bloß die Nachbarn?“ als Maxime jeglichen moralischen Verhaltens, die Gewalt, die Wahrheit als die Wahrheit der Mächtigen, die Vetternwirtschaft, die lieblosen Ehen, kurz: eine Gemeinschaft, die kein selbst denkendes und hinterfragendes Individuum duldet.

Das ist alles schon bekannt, aber Beatrice Salvioni setzt erzähltechnisch mit ihrem drastischen Romananfang und -ende einen eindrucksvollen Teufelskreis, der nur ein wenig Hoffnung auf Besserung aufkommen lässt. Dazwischen erleben wir, wie sich in diesem Umfeld eine Mädchenfreundschaft zwischen Francesca, einem Mädchen aus der bürgerlichen Mittelschicht, und der „Malnata“, der „Unheilbringerin“ aus ärmlichen Verhältnissen, entwickelt. Die Titelheldin ist eine Art Pippi-Langstrumpf-Figur, selbstständig, stark, wahrheitsliebend, unkonventionell und gerade deshalb als Hexe verteufelt und faszinierend. Das Foto von Letizia Battaglia auf dem Buchcover ist so passend gewählt. Die beiden Mädchen ergänzen sich auf wunderbare Art und Weise, sodass sie einem schnell ans Herz wachsen, weil sie einander Halt geben können und weil Beatrice Salvioni uns sprachlich so gekonnt in ihre Welt entführt. Gerade Pippi-Langstrumpf-Figuren verzeiht man ja auch, dass sie Dinge können, wozu andere Mädchen in diesem Alter nicht in der Lage sind.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer