Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde, Britta Speer:
"Das andere Tal" - ein philosophisches Gedankenexperiment
Das andere Tal von Scott Alexander Howard
Dieser Science-Fiction-Roman basiert auf dem titelgebenden Tal als geografischem Bezugspunkt. Im Westen und im Osten davon liegt jeweils ein identisches Tal nur auf der Zeitleiste 20 Jahre in die Vergangenheit oder in Zukunft versetzt. In Trauerfällen darf man unter hohen Sicherheitsvorkehrungen und nach Bewilligung durch das Conseil die Grenzen überschreiten.
Entscheidungskriterium ist das Ausmaß der Trauer und die geringe Gefahr, dass der Zeitreisende im „anderen Tal“ ins Geschehen eingreift, denn das hätte fatale Konsequenzen für dieses gesamte geschlossene, totalitäre Gesellschaftssystem. Man fragt sich allerdings, wie ein so subjektives Gefühl wie die Trauer messbar ist? Der Autor nimmt sich viel Raum (456 Seiten), diese fiktive Welt für die LeserInnen zu konstruieren, um die allgemeinmenschliche Sehnsucht, verstorbenen Familienmitgliedern noch einmal zu begegnen, zu illustrieren. Erhält man die offizielle Erlaubnis, die Grenzen zu überschreiten, darf man sich allerdings die geliebten Verstorbenen nur aus der Distanz anschauen und nicht mit ihnen in Kontakt treten. Schließlich muss man Jo am Ende des Romans Recht geben, wenn sie behauptet: „Die Petitionen [in die Vergangenheit oder Zukunft reisen zu dürfen] sind todtraurig, nein zu den Leuten zu sagen, ist traurig, und selbst, wenn man ihnen das erlaubt, was sie wollen, sind die Besuche ja selbst nicht gerade lustig.“. Ehrlich gesagt, ist einem das von Anfang an klar.
Dieses philosophische Gedankenspiel bleibt ein intellektuelles Konstrukt, die Figuren, vor allem die jugendliche Protagonistin Odile Ozeanne, steht im Dienste dieses Was-Wäre-Wenn-Gedankens und gewinnt als Charakter nur phasenweise an jugendlicher Lebendigkeit, obwohl die Handlung durch ihre Liebesgeschichte motiviert wird. Man hat das Gefühl, der Autor, ein promovierter Philosoph, hat große Freude an der Ausgestaltung seiner Welt, die er mit ausführlichen Landschafts- und Gesellschaftsbeschreibungen konstituiert, sodass die eigentliche Handlung weitgehend auf das letzte Drittel des Romans verlegt wird.
Wenden wir das Ganze ins Positive, dürfen wir uns freuen, dass unsere Welt so ist, wie sie nun einmal ist, und dass wir uns nicht die „göttliche Perspektive“ anmaßen können. Angesichts unserer Endlichkeit bleibt uns also -ohne oder mit diesem Buch - ein beherztes Carpe diem!
„Trophäe“ von Gaea Schoeters – ein herausforderndes Lektüreerlebnis
Trophäe von Gaea Schoeters
Eigentlich interessiere ich mich weder für Großwildjagd in Afrika noch für weiße Finanzjongleure, die als Ausgleich zur Wallstreet ihren maskulinen Adrenalinkick in der Begegnung mit den „Big Five“ suchen. Auch ein Nashorn auf dem Cover lässt mich normalerweise nicht zum Buch greifen und trotzdem habe ich dieses fast in einem Zug durchgelesen.
Wenn Sie es kurz wollen, dann lässt sich das Buch mit dem Vorwort bestens zusammenfassen: „Dedicated to Africa, whatever that is. Dedicated to justice, whatever that is. Dedicated to fiction, whatever that is.“ Aber eigentlich gibt es so viel zu sagen.
Dieser Roman zwingt die LeserInnen immer wieder dazu, ihren ethischen Kompass neu zu justieren. Das ist zuweilen anstrengend, denn wer sieht sich schon gerne mit seinen eigenen Vorurteilen und seiner ausschließlich westlich gefärbten Perspektive konfrontiert. Gaea Schoeters präsentiert uns unter anderem eine Parabel zum westlichen Kolonialismus in Afrika. Da ist zunächst die Schilderung der Großwildjagd, die der reiche amerikanische Protagonist mit dem sprechenden Namen „Hunter“ bei dem Berufsjäger Van Heeren („verheerend“), einer Figur mit durchaus mephistophelischen Zügen, bucht, um seine „Big Five“ zu vervollständigen. Van Heeren gelingt es z.B., diese moralisch zu hinterfragende Trophäenjagd ethisch durchaus nachvollziehbar zu rechtfertigen als einzige „funktionierende Form des Naturschutzes und die einzige Überlebenschance der Spezies“, denn mit den beträchtlichen Jagdgebühren, die für den Abschuss eines alten Nashorns zu zahlen sind, wird ein Aufzuchtprogramm finanziert. Dieser Text mutet den LeserInnen einiges zu, denn sie erleben, wie Hunter immer mehr in die Welt der Raubtiere eintaucht und sich instinktiv von seinem Jagdtrieb und Tötungsrausch leiten lässt. Teilweise wie in einem Thriller lässt Gaea Schoeters uns an der Animalisierung des Protagonisten teilhaben. Wir folgen ihr, weil sie schreiben kann. Sie lässt die afrikanische Natur sinnlich erfahrbar werden und die LeserInnen ertappen sich dabei, wie auch sie sich von Van Heeren verführen lassen und mit dem jagenden Hunter mitfiebern. Intensiv, verstörend und phasenweise schwer auszuhalten. Denn die hintergründige Ebene der Parabel entsteht mit dem Fortschreiten des Erzählens. Es wird unausweichlich klar, dass es hierbei nicht nur um das Thema „Großwildjagd“ geht, sondern um den westlichen Kolonialismus (in Afrika) mit all seinen pervertierenden Facetten, wie z.B. den Fragen: Darf das Wohl der Gemeinschaft über das des Individuums gestellt werden? Ist eine Kultur per se einer anderen überlegen?
„Dedicated to justice, whatever that is.“ Das bleibt herauszufinden und deshalb sollte man sich diesem Buch stellen, denn es garantiert ein Leseerlebnis, das man so schnell nicht vergisst.
Beredetes Schreiben über familiäres Schweigen - eine österreichische Familiengeschichte aus weiblicher Sicht
Packerl von Anna Neata
In diesem Roman geht es um drei Frauen aus einer Familie, die jeweils für eine Generation stehen. Elli ist 1928, Alexandra 1951 und Eva 1986 geboren. Somit wird das Geschehen aus der Perspektive der Tochter, der Mutter und der Großmutter geschildert. Die Handlung wird chronologisch von den 1940iger Jahren ausgehend bis 2022 im Wechselspiel der Perspektiven, sprunghaft und mit kurzen historischen Bezügen erzählt, die dem Leser als Orientierungspunkte dienen.
Das Personenverzeichnis am Beginn des Buches ist in diesem Zusammenhang sehr sinnvoll. Die Nachkriegszeit mit den ungebrochenen Nazikarrieren und ihren Mitläufern, die späteren Fragen der 68-Generation nach der schuldhaften Verwicklung der Eltern, Johanna Dohnal, die Abwahl Kreiskys, Tschernobyl, die Waldheim-Affäre bis zum Ibizavideo. Geschichtlich erfahren wir nicht viel Neues, die Stärke dieses Buches beruht vielmehr auf dem Stil, der Sprache und dem Arrangement des Erzählten, mit dem die Autorin dieses Schweigen, das in den Familien herrscht, sehr eindrucksvoll zum Ausdruck bringen kann. Und da macht es durchaus Sinn, dass die geschichtlichen Ereignisse nicht in epischer Breite auserzählt werden, denn es geht vielmehr um den Alltag der Figuren in einem zunächst ländlichen Umfeld und ihre Perspektive auf die große Historie.
Auf einer symbolischen Ebene gibt es das Familienhaus in der Nähe von Salzburg, in dem alle Protagonistinnen zu unterschiedlichen Zeiten leben und das seismographisch den Zustand der familiären Verhältnisse spiegelt. Durch das „sonntägliche Essen“ zog sich – mit leichten Anklängen an den magischen Realismus - „ein Schweigen“, “über den Tisch bis zum Dachboden hinauf, als würde es auch vor den Möbeln nicht halt machen.“(301) Die Treppe im Haus gilt als „Geschichtenverwahrerin“ und die Wände haben ihren „eigenen Willen“ (251).
Ein weiteres Sinnbild des Schweigens ist das wiederkehrende Motiv des Belauschens. Die Frauen erfahren die Wahrheit über wichtige Entscheidungen in ihrem Leben (Heirat, ein verschwundener Vater, Umzug, Verlauf einer Abtreibung, Geburt einer Enkelin) nicht, indem man direkt mit ihnen darüber spricht, sondern indem sie andere belauschen, die als Entscheidungsträger fungieren. Wie entmündigend.
Neben der familiären Beziehung verbindet die drei Frauen so einiges. Alle Frauen leben meist in unglücklichen oder falschen Beziehungen: Elli heiratet nur, um aus der Enge des ländlichen Elternhauses zu entfliehen. Sie träumt von einem besseren Leben und wird enttäuscht. Alexandra hat eine engere Beziehung zu ihrem Jugendfreund Hannes, mit dem sie später eine kurze Affäre hat, als zu ihrem Ehemann Milan. Diese Konstellation spiegelt sich in der Beziehung der Kinder: Eva, Alexandras Tochter, hat diese Beziehung zu Hannes‘ Sohn Stups, mit dem sie auch nicht zusammen ist. Ein gelebtes Leben sieht anders aus. Diese Beziehungs- und teilweise Lebensunfähigkeit eint die Figuren, deren drei Lebensgeschichten sich wie in einem Kaleidoskop spiegeln. Da ist es auch gar nicht so schlimm, wenn man mal die Namen (Elli/Eva) verwechselt. Vielleicht ist es sogar intendiert.
Denn auch der Spiegel als Objekt durchzieht leitmotivisch diesen Roman. Gleich zu Beginn des Romans scheint es Eva so, „als würde sie erst vor dem Spiegel verstehen, wer ihre Familie wirklich war“ (20) Vielleicht geht das auch nur mit dieser gewissen Distanz oder perspektivischen Brechung, wie es sie der Spiegel hier bietet oder es der Blick eines Vaters auf seiner Tochter leisten kann: „Eva müsste nur einmal am richtigen Ort zur richtigen Zeit sein, nur ein einziges Mal.“(350) Nicht nur Eva ist dies nicht vergönnt, sondern ihrer Mutter und Großmutter ebenso wenig. Die Zeit scheint immer noch nicht reif für ein erfülltes weibliches Leben.
Anna Neata hat 8 Jahre an diesem Roman gearbeitet, sich viel vorgenommen und das merkt man. Einerseits schimmert die Gefahr der dokumentarischen Vollständigkeit ein wenig durch, andererseits steckt der Roman so voller pointiert formulierter Lebenserfahrungen und Stimmungen aus weiblicher Sicht, ohne ins plakativ Emanzipatorische abzugleiten, dass man sich die Lektüre auf keinen Fall entgehen lassen sollte.
Britta Speer




