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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von LeserinLu :

Feinfühlig

Die Kolonie von Audrey Magee

„Die Kolonie* ist einer dieser Romane, die im ersten Moment schlicht wirken, sich aber rasch zu einer vielschichtigen, historisch interessanten Geschichte über Sprache, Zugehörigkeit und Kolonialismus entwickeln. Ich bin aufgrund der großartigen Übersetzerin Nicole Seifert aufmerksam auf den Roman geworden und wurde sowohl von der Sprache als auch vom Inhalt des Romans nicht enttäuscht.

Im Mittelpunkt stehen ein englischer Maler und ein französischer Linguist, die beide auf die Insel kommen. Der eine will endlich das große Kunstwerk schaffen, der andere die irische Sprache retten. Beide ignorieren dabei konsequent die Wünsche der Menschen, deren Leben sie als „Material“ benutzen. Das beschreibt Magee mit präzisem Blick: unaufdringlich, aber eindringlich, oft leise ironisch, nah an den Figuren. Besonders stark ist der Roman deshalb, wenn es um die Inselbewohner geht. Die eingeflochtenen kurzen Sequenzen zu den Ereignissen des Nordirlandkonflikts waren für mich zusätzlich interessant.

„Die Kolonie* ist kein lauter Roman, aber feinfühlig und komplex für Leser:innen, die sich für Themen wie Kolonialismus und kulturelle Auslöschung sowie Widerstand dazu interessieren.

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Toll gelesen

Diebstahl von Abdulrazak Gurnah

Mit „Diebstahl“ erzählt Abdulrazak Gurnah drei Coming-of-Age-Geschichten aus dem heutigen Tansania. Es ist keine laute oder spannungsgetriebene Erzählung, sondern es sind eher genaue Beobachtungen junger Menschen, die versuchen, ihren Platz in einer sich verändernden Welt zu finden. Gurnah beleuchtet dabei innere Entwicklungen und soziale Abhängigkeiten

Im Mittelpunkt stehen Karim, Fauzia und Bardar.

Karim kehrt nach seinem Studium voller Ehrgeiz und Ideen in seine Heimatstadt Daressalam zurück. Fauzia sieht in ihm nicht nur ihren Partner, sondern auch eine Möglichkeit, sich aus einer allzu behüteten Kindheit zu lösen. Bardar hingegen wächst mittellos auf und findet in den beiden erstmals Halt und Unterstützung – ohne zu wissen, ob die Zukunft für ihn überhaupt Möglichkeiten bereithält. Als Fortschritt, Tourismus und neue wirtschaftliche Versprechen ihren Lebensraum erreichen, treffen alle drei Entscheidungen, die ihre Lebenswege dauerhaft prägen.

Besonders überzeugt hat mich der Sprecher des Hörbuchs. Richard Barenberg liest mit ruhiger, angenehmer Stimme, Dialoge trägt er so lebendig vor, dass für mich fast der Eindruck eines Hörspiels entstand. Ich bin wirklich wählerisch, was Sprecher angeht, und hier hat wirklich alles gepasst: Tempo, Tonfall und Differenzierung der Figuren. Die Nominierung für den Deutschen Hörbuchpreis 2026 ist absolut verdient.

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Fordernd

Die Routinen von Son Lewandowski

„Die Routinen“ ist ein aus meiner Sicht ungewöhnlicher Roman über Leistungsturnen. Was auf den ersten Blick wie Disziplin und Ehrgeiz erscheint, entlarvt Son Lewandowski als ein ausbeuterisches System, das Körper und Beziehungen gleichermaßen verschleißt.

Im Zentrum steht die Leistungsturnerin Amik.

Ihr Alltag ist durchgetaktet bis ins Kleinste: Wiegen, Training, Wettkampf in München, Montreal oder Tokio, Als sie älter wird, wird sie immer mehr an den Rand gedrängt und muss zusehen, wie die junge Turnerin Izzy ihren Platz einnimmt. Bei einem Wettkampf verunglückt diese schließlich schwer und Amik betreut sie im Krankenhaus. In Rückblicken wird nicht nur Amiks Turnerkarriere beleuchtet, sondern es werden auch Stimmen von international bekannten Turnerinnen der letzten Jahrzehnte eingeflochten, die die problematischen Machtstrukturen in diesem Sport thematisieren.

Der Erzählstil hat mich überrascht: sehr literarisch, collagenartig, mit ungewöhnlichen Formulierungen, über die man stolpert und die man mehrfach lesen muss und möchte. „Die Routinen“ ist damit keine leichte Lektüre, verlangt Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich auf die Sprache einzulassen.
Die Einbettung realer Turngeschichten hat mir besonders gut gefallen. In der Gegenwartsebene, in der die Erzählerin mit Izzy im Krankenhaus ist, hätte ich mir stellenweise etwas mehr Tempo gewünscht.

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Liebe für alle

Zwei Papas für Tango von Edith Schreiber-Wicke

*Zwei Papas für Tango* erzählt die wahre Geschichte der beiden Pinguine Roy und Silo aus dem Zoo im Central Park, die gemeinsam ein Ei ausbrüten und ein Junges großziehen. Das Bilderbuch möchte Kindern zeigen, dass Familie viele Formen haben kann und Regenbogenfamilien ganz normal sind.

Die Geschichte ist kindgerecht erzählt und wird mit passenden Bildern begleitet, die beim Vorlesen zusätzliche Gesprächsanlässe schaffen.

Für Kinder bietet das Buch einen guten Einstieg, um über Familie, Fürsorge und Verantwortung zu sprechen. Kritisch sehe ich allerdings die sprachliche Entscheidung, Roy und Silo ausschließlich als „befreundet“ zu beschreiben. Das greift für mich zu kurz. Die beiden sind kein Freundespaar, sondern ein Liebespaar, das gemeinsam ein Kind großziehen möchte. Gerade weil kleine Kinder sehr wohl verstehen können, dass zwei Männer oder zwei Frauen sich lieben, finde ich es schade, dass diese Chance verpasst wurde. Statt gleichgeschlechtliche Liebe klar zu benennen und zu normalisieren, wird sie hier durch den Begriff Freundschaft abgeschwächt. Ich kenne eine englischsprachige Version dieser Geschichte für Kinder, die das weitaus klarer benennt und die ich deshalb für gelungener halte. Abgesehen davon bleibt die Geschichte natürlich sehr berührend – schon allein, weil sie auf realen Ereignissen basiert und zeigt, wie vielfältig Familie sein kann.

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Entzauberung der CDU

Demokratie am Limit? von Marc Raschke

In „Demokratie am Limit?“ analysiert Marc Raschke die politische Gegenwart in Deutschland und widerspricht der verbreiteten Annahme, dass die größte Gefahr für die Demokratie ausschließlich von der AfD ausgehe. Stattdessen zeigt er, wie sich rechte Narrative vor allem in der CDU etabliert haben und wie dies den Aufstieg der AfD befördert.

Die Sprache und Argumentation von Raschke sind zugespitzt und gut verständlich. Er belegt alle Argumente mit Zahlen und Daten und entkräftet typische Rechtfertigungen für den Rechtsruck der Union. Dadurch eignet sich das Buch auch als hilfreiche Grundlage für Diskussionen im privaten Umfeld, etwa im Umgang mit gängigen Stammtischparolen. Für mich persönlich war als politisch informierte Leserin und vor allem auch Followerin von Raschkes Instagram-Account in dem schmalen Buch inhaltlich wenig grundsätzlich Neues enthalten. Dennoch fand ich es sinnvoll, die Entwicklung der CDU nach rechts so konzentriert und zusammenhängend dargestellt zu sehen. Neu und anregend war für mich vor allem, nationalistisch-rassistische Akteure innerhalb der CDU wie Jens Spahn oder Julia Klöckner konsequent als rechtsradikal (nicht rechtsextrem!) zu benennen. Diese begriffliche Klarheit hatte ich so selbst noch nicht zu Ende gedacht. Positiv ist außerdem, dass das Buch nicht bei der Analyse bleiben, sondern auch Handlungsmöglichkeiten aufzeigen will - diese bleiben für mich, wie in fast allen dieser Bücher, jedoch unzureichend.

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Wild und großartig

Madwoman von Chelsea Bieker

„Madwoman“ ist ein intensiver, wilder und überdrehter Roman, der zwischen schonungsloser Ehrlichkeit, schwarzem Humor und der Lust an Übertreibung pendelt. Die Lektüre war ein wilder Ritt!

Im Mittelpunkt steht Clove, die nach außen hin ein perfektes Vorstadtleben führt: Yoga, Achtsamkeitund die jeweils passenden Nahrungsergänzungsmittel bestimmen ihren Alltag als Vorzeigemutter.

Hinter dieser makellosen Fassade fühlt sie sich jedoch permanent überfordert. Ihre eigene Kindheit war von häuslicher Gewalt geprägt, was sie durch Verdrängung und Schweigen versucht hat, hinter sich zu lassen..
Als Clove unerwartet Briefe aus einem Frauengefängnis erhält, beginnt ihre sorgfältig kontrollierte Gegenwart zu bröckeln.

Besonders überzeugt haben mich Cloves Schilderungen von Mutterschaft: oft auch witzig, sehr authentisch und immer wieder bewusst überzeichnet. Diese Passagen geben dem Roman Leichtigkeit, ohne seine Ernsthaftigkeit zu untergraben. Die Übersetzung von Jasmin Humbug ist dabei sehr gelungen und trägt sicher wesentlich zum flüssigen Leseerlebnis bei. Die Rückblenden in Cloves Kindheit, insbesondere die Episoden mit dem gewalttätigen Vater, waren für mich allerdings stellenweise zu lang bzw.. wiederholten sich. Aufgrund der drastischen Schilderungen ließ sich der Roman für mich auch nicht am Stück lesen. Madwoman ist damit insgesamt für mich ein fordernder, aber lohnender Roman über Trauma und Mutterschaft.

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Mut zur Ehrlichkeit

Mo & Moritz von Rabinowich Julya

In „Mo & Moritz“ erzählt Julya Rabinowich eine Geschichte über Identität, die erste Liebe und den Mut, zu sich selbst zu stehen.

Mo stammt aus einer muslimischen Familie, die vor Krieg nach Österreich geflohen ist, und beginnt eine Friseurlehre in einem Wiener Nobelsalon. Als er sich in Moritz, einen Jungen aus einer jüdischen Familie, verliebt, beginnt er, sein bisheriges Leben zu hinterfragen.

Wie in ihren anderen Romanen mochte ich auch in diesem Julya Rabinowichs poetische Sprache und ihre ungewöhnlichen Sprachbilder. Die Grundidee der Liebesgeschichte zwischen den zwei Jungen in Wien fand ich ebenfalls überzeugend. Gleichzeitig blieb für mich Moritz’ jüdische Identität zu wenig ausgearbeitet und teilweise klischeehaft an der Oberfläche. Hier hätte der Roman mehr Tiefe vertragen. Die zentrale Botschaft des Buches, ehrlich zu sich selbst zu sein und den eigenen Weg zu gehen, hat mich aber wieder überzeugt. Auch wenn das Ende sehr positiv und dadurch etwas unwahrscheinlich wirkt, konnte ich es im Kontext der Gesamtaussage des Romans gut akzeptieren.

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Großer amerikanischer Gesellschaftsroman

Real Americans von Rachel Khong

„Real Americans“ ist ein umfangreicher und zugleich sehr zugänglicher amerikanischer Roman über Herkunft, Zugehörigkeit und die Frage, wie sehr unser Leben von unserer Biografie bestimmt wird.

Die Geschichte beginnt in New York: Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer, verliebt sich in Matthew, den privilegierten weißen Erben eines Pharmaimperiums.

Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr zurückgezogen auf einer Insel. Er spürt, dass in seiner Familiengeschichte etwas nicht stimmt, und beginnt, nach seinem Vater zu suchen. Seine Suche führt ihn zu Geheimnissen, die weitreichende Folgen haben – nicht nur für ihn selbst. Ergänzt wird die Geschichte durch die Perspektive von Lilys Mutter May, die während der Kulturrevolution aus China in die USA fliehen musste.

Mich hat der Roman von Anfang an gepackt. Besonders gelungen ist, wie Rachel Khong die verschiedenen Generationen und ihre Erfahrungen miteinander verknüpft. Alle Figuren stehen auf unterschiedliche Weise zwischen Welten. Besonders spannend fand ich die Darstellung von Klassenunterschieden und Machtverhältnissen, die sich durch alle Ebenen der Geschichte ziehen. Der Roman stellt immer wieder die zentrale Frage: Wie viel von uns ist Schicksal, und wie viel ist Entscheidung?

Stilistisch liest sich Real Americans ausgesprochen flüssig. Auch die Übersetzung von Tobias Schnettler trägt dazu bei, dass die mehr als 500 Seiten schnell vergehen. Inhaltlich bietet der Roman vieles von dem, was ich an großen Gesellschaftsromanen mag: eine komplexe amerikanische Familiengeschichte, Verrat und Geheimnisse, sowie Einblicke in die Welt der Reichen und Schönen. Für mich ist der Roman insgesamt ein sehr gelungener moderner amerikanischer Gesellschaftsroman!

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Gut erzählt

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel von Schröder Alena

In *Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel* erzählt Alena Schröder eine Geschichte über Herkunft, Verantwortung und die Frage, was man seinen Eltern, ob leiblich oder adoptiert, schuldet.

Der Roman entfaltet sich auf zwei Zeitebenen: Die 14-jährige Marlen versteckt sich 1945 in Güstrow in einem verlassenen Forsthaus und trifft auf Malerin Wilma, die Marlen vor den russischen Soldaten schützt und für die nächsten Jahrzehnte bei sich aufnimmt.

Hannah Borowski, 34, steht an einem Wendepunkt: Ihr leiblicher Vater taucht plötzlich wieder auf, und sie stellt ihr bisheriges Leben infrage.

Der Erzählstil ist flüssig und sehr gut lesbar, der Roman liest sich angenehm schnell und unterhaltsam. Manches bleibt zwar etwas klischeehaft, z.B. der typische Berliner Hipster Justus mit Manbun und Podcast oder die Freundin im alternativen Wohnprojekt mit anstrengenden Plenumstreffen, aber ich fand diese Ideen dennoch lustig. Die Erzählung um Marlen und Wilma war für mich stellenweise etwas zäh, auch wenn sie inhaltlich wichtige emotionale Grundlagen für die Gegenwartsebene schafft. Trotzdem habe ich die Gegenwartsebene lieber gelesen.

Insgesamt tragen beide Geschichten, berühren und bleiben im Kopf. Auch ohne Kenntnis der ersten beiden Bände der Trilogie konnte ich dem Roman problemlos folgen und habe nun große Lust, die Vorgänger ebenfalls zu lesen.

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Geheimtipp

Slow Dance von Rainbow Rowell

„Slow Dance* ist war für mich die perfekte Romcom und ich wundere mich, dass das Buch nicht bekannter ist. Die Geschichte von Shiloh und Cary, die in der Highschool unzertrennlich waren und sich nach vierzehn Jahren Funkstille plötzlich wieder gegenüberstehen, lebt von den sympathischen, komplex gezeichneten Charakteren, die deshalb auch ohne Klischees auskommen.

Shiloh heiratet nach dem College und bekommt Kinder, nach ihrer Scheidung muss sie mit zwei kleinen Kindern zurück zu ihrer Mutter ziehen. Auch Cary tritt nicht als idealisierter Romcom-Held auf, sondern als Mensch mit Vergangenheit, Unsicherheiten und unerledigten Gefühlen. Was mir besonders gefallen hat: Die Anziehung zwischen den beiden entwickelt sich ruhig, aber konstant – ohne aufgesetztes Drama, dafür authentisch und glaubhaft beschrieben.

Neben den romantischen Momenten gibt es viele witzige, geistreiche und zeitgeistige Passagen, die dem Roman Leichtigkeit verleihen. Gerade diese Balance aus Herz, Humor und einfach guter Unterhaltung macht *Slow Dance* für mich zur perfekten Romcom. Die Frage „Kriegen sie sich endlich?“ trägt einen durch das ganze Buch, ohne je ermüdend zu werden. Für mich ist dieser Roman ein echter Geheimtipp: warmherzig, unterhaltsam und überraschend tiefgründig – und ich wundere mich wirklich, dass er nicht viel bekannter ist.

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