Kunden em pfehlungen
Rezensionen von LeserinLu :
Ungeklärte Filmgeschichte
Lichtspiel von Kehlmann Daniel
Der erfolgreiche deutsche Filmregisseur G.W. Pabst verlässt Nazi-Deutschland mit seiner Frau Trude und Sohn Jakob, um es in Hollywood zu versuchen und daran kläglich zu scheitern. Auf der Suche nach dem nächsten großen Film zieht es ihn mit seiner Familie zurück nach Europa und schließlich mitten hinein in die Propaganda-Filmindustrie der Nazis.
Kann man zu der Zeit noch deutsche Filme machen, ohne selbst schuldig zu werden? Und wird Pabst damit zum Opfer der NS-Geschichte oder zum Täter? Und was ist eigentlich wirklich passiert?
Kehlmanns Roman über die deutsche Filmindustrie während der NS-Zeit ist selbst spannend, unterhaltsam und zum Nachdenken anregend wie ein guter Spielfilm. Auch die Charaktere scheinen wie Filmfiguren zu sein: Da ist Pabst als komplex gezeichneter Protagonist, daneben gibt es ihm zuspielende Nebenfiguren, deren eigene Geschichte ebenfalls angedeutet wird wie z.B. die seines Assistenten Franz, aber auch klare Antagonisten wie z.B. Riefenstahl. All dies wird in einer Vielfalt an verschiedenen Erzählperspektiven und -stilen vermittelt, dass man die Freude am Schreiben zwischen den Zeilen spüren kann. Große Empfehlung!
Weniger Bürokratie, mehr Staat
Baustellen der Nation von Philip Banse; Ulf Buermeyer
Die Macher des Podcast „Lage der Nation“ haben gemeinsam mit ihrem Team eine informative, detailreiche Ergänzung zu ihrem Podcast geschrieben. Dieser wird durch das Sachbuch nicht überflüssig, evtl. hat man durch die vielen Hintergrundinformationen sogar noch mehr Spaß am Hören - und umgekehrt!
In „Baustellen der Nation“ werden die Leser:innen in grundlegende Probleme in Sachen Infrastruktur, Sozialstaat und Föderalismus eingeführt.
Dabei wird teilweise ganz schön ins Detail gegangen, wenn z.B. kommunale Entscheidungsprozesse erläutert werden. Das kann mitunter anstrengend zu lesen sein, ist aber immer gut verständlich. Die Lösungen, die vorgeschlagen werden, gehen oft „lagetypisch“ in Richtung Liberalisierung und Entbürokratisierung einerseits und Zentralisierung andererseits - wir bewegen uns also politisch v.a. im ökolibertären bis linksliberalen Spektrum. Auch wenn durchaus auch Kritik an der Ampelkoalition geübt wird, bleibt sie immer konstruktiv und es wird auch auf Erfolge geschaut. Das fand ich persönlich sehr angenehm, weil die Probleme dann nicht in Hoffnungslosigkeit enden: Das Sachbuch bleibt eben nicht bei einer kritischen Analyse stehen, sondern zeigt auch realistische politische Lösungen auf.
Bücherliebe
Büchermenschen von Stéphanie Vernet; Camille de Cussac
Im Laufe des Buches wird der gesamte Prozess der Entstehung eines Buches anhand der verschiedenen beteiligten Berufsfelder erklärt. Durch die liebevollen Illustrationen und Fun Facts über den Literaturbetrieb kann man auch beim zweiten Mal lesen noch jede Menge entdecken. Oft werden die Inhalte der Erklärtexte durch die Illustrationen noch einmal veranschaulicht, sodass auch junge Leser:innen sich Begriffe wie den „Seitenaufriss“ besser erschließen können.
Trotzdem würde ich sagen, dass das Bilderbuch eher anspruchsvoll ist und Erwachsene evtl. mehr Spaß an den in den Zeichnungen enthaltenen Easter Eggs und den Anekdoten um Schriftsteller:innen und ihre Bücher haben als Kinder. Außerdem ist die Schriftgröße mit 9 pt eher klein - wer wissen möchte, was die Angabe aussagt, muss ins Buch schauen! Zudem hat man nach dem Lesen dieses Buches richtig Lust, direkt in die Bibliothek zu gehen und eines der erwähnten Bücher auszuleihen. Das sind aber fast alles Bücher für Erwachsene, insbesondere Klassiker wie Tucholsky, Dostojewski oder Austen.
Erfahrene junge Leser:innen werden das Bilderbuch aber definitiv zu schätzen wissen, weil man einfach so einen liebevollen Einblick in die Welt der Bücher bekommt. Deshalb ist dieses Bilderbuch ein tolles Geschenk für alle Menschen zwischen 9 und 99 Jahren, die Bücher lieben! Bei mir wird es einen Ehrenplatz im Regal bekommen.
Von Männern und Pferden
Das Gemälde von Geraldine Brooks
Nein, dieser Roman ist keine Antwort auf den Barbie-Film, in dem Ken schnell erkennt, dass es in der realen Welt der USA vor allem um Männer und Pferde geht. Der Roman von Geraldine Brooks erschien nämlich schon 2022 unter dem Titel „Horse“ und kommt nun in der Übersetzung von Judith Schwaab auf den deutschen Buchmarkt.
Dennoch liest sich der Roman über die Pferderennindustrie der USA im 19. Jahrhundert wie ein Versuch, die Sache mit den Männern und den Pferden zu erklären - mit allem, was dazu gehört: dem Patriarchat, das es Frauen kaum erlaubt, zur Hauptfigur der Geschichte aufzusteigen, dem Anti-Schwarzen Rassismus, der die amerikanische Gesellschaft noch immer auf eine speziellere Weise strukturiert und bestimmt als im Rest der Welt, dem Klassismus, der mit den Mechanismen von Rassismus und Patriarchat zusammenwirkt.
Die Autorin tut dies, indem sie einen Roman über ein berühmtes Rennpferd schreibt und dabei beständig zwischen Perspektiven der Vergangenheit und Perspektiven der Gegenwart wechselt, die sie wiederum durch ein Gemälde dieses Pferdes geschickt verwebt. Kann man der Autorin vorwerfen, dass sie es als weiße Frau nicht ganz schafft, die Perspektive Schwarzer Männer in den USA authentisch darzustellen? Ja, ihr ist es sicherlich nicht immer gelungen, die Schwarzen Charaktere hinreichend komplex zu zeichnen. Allerdings könnte man auch diskutieren, ob dies nicht wiederum als Verweis auf die amerikanische Gesellschaft zu lesen ist. So gibt am Ende des Romans auch nicht nur eine der Figuren die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in den USA auf.
Was der Autorin definitiv gelingt, ist, die Leser in die Geschichten eintauchen zu lassen - mir ist auf den knapp 600 Seiten nie langweilig geworden, so spannend, anrührend und aufwühlend sind die Episoden, die sie beschreibt und so sehr gehen die Figuren, die die Autorin für die Erzählung zu Historie des Rennpferds und seines Gemäldes dazu erfindet, ans Herz.





